In den Gassen des Hofmarkts war die Nacht zum Tag geworden. Überall

standen aufgeregte Leute. Von Ottensoos, Schnaittach, Unterfarrnbach und

Hüttenbach waren die Juden hereingekommen. Niemand wußte, wie sich das

Gerücht so schnell verbreitet hatte, zu Fürth habe sich

Außerordentliches auf dem Gottesacker begeben, schier jede Stunde sei

unerschöpflich an neuen Geschehnissen. Zwei Juden, Samuel Ermreuther und

Nachman Sandel Mahler, markgräfischer Schulklopfer, hatten große

kostbare Teppiche auf der Straße ausgebreitet und sie mit Blumen

bestreut: Rosen, Levkojen, Nelken und Orchideen aus dem Treibhaus einer

vornehmen Gärtnerei. Guirlanden hingen an den Fenstern, und goldene und

silberne Leuchter standen auf den Simsen, ein wunderlicher Gegensatz zu

den alten, halbverfallenen Häusern. Höher und höher, sturmflutgleich,

stieg der Aufruhr der Gemüter. Da war ein kluger und vielgereister Jude,

namens David Tischbeck, ein Bruderssohn des Wolf Bieresel; er erzählte,

daß überall in deutschen, österreichischen, italienischen und spanischen

Landen so ein wüster Taumel, so eine entsetzliche Verwirrung herrsche,

daß niemand wisse, ob nicht sein Nachbar, sein Weib oder sein Kind in

Wahnsinn verfallen sei. Es war, als sei die Luft selbst zu schwerem,

betäubendem Wein geworden, und wer da atmete, wurde auch trunken. Keiner

behielt Besonnenheit und Könige begannen für ihren Thron zu zittern.

Im ersten Schein des Frührots ging Zacharias Naar am Haus des Ober-Rabbi

vorbei, wo noch die Lichter brannten. Erstickte, gequälte Rufe, wilde

Schreie, leidenschaftliche Gebete, schmerzliches Stöhnen drangen heraus.

Naar ging versonnen seinen Weg weiter, hinaus gegen Westen, wo die

Häuser bald im Morgendunst verschwanden. Der hagere Mann mit seinem

spitzen, düten-, oder kegelförmigen Hut, der nach der Vorschrift jener

Zeit orangegelb mit weißem Rand war, schritt unter den tiefhängenden

Ästen der Bäume dahin und die gelbgewordenen Blätter gerieten in leise

Bewegung, wenn der Judenhut sie streifte. Zacharias Naar ließ sich unter

einem Apfelbaum nieder und starrte ins Morgenrot. Die Ebene schien sich

zu recken und zu dehnen, und der Schlaf flog auf von ihr in Gestalt der

Raben und Krähen. Der Wanderer zog eine schwarze Tafel und einen Stift

aus dem Gewand und mit träumerisch zaudernden Fingern formte er

Buchstaben und Worte immer bestimmter und rascher. „Mein Mund ist schwer

wie der Mund eines Mörders. Mein Geist schreit nach dir. Der blasse

Morgen drückt deine zitternden Lider zu, da du kommst. Du liegst schon

schlafen, und ich küsse im grünlichen Schein der Nachtwende dein Gewand.

Kraft, Kühnheit, Stolz und Genugthuung sind nichts mehr vor dir. Soll

ich lächelnd an den kommenden Tag denken, wenn du enteilst? Die Liebe

schreitet jauchzend der Finsternis zu und verachtet den Regentag. Was

ist im Himmel und auf Erden, außer der Liebe, Leib der Leiber und Schoß

aller Schoße! Die heimliche Glut der Erdbrust wohnt in dir. Ich gehe

durch die Dämmerung, wo die Wetter schlummern, in die jahrlose

Einsamkeit der großen Ewigkeiten hinab. Ich gehe, Gott zu suchen.“

Hastig fuhr der Stift wieder über das Geschriebene und machte es

unleserlich. Dann wischte Naar alles mit feuchten Gräsern wieder aus und

schaute mit bitterem Mund hinaus ins Land, über dem die Sonne kam. Zum

zweitenmal nahm er den Stift und schrieb bedächtig, bei jedem Zug den

Stift gleichsam in die Tafel eingrabend: „Ist ein Gott in diesem leeren

All? Ich will ihm schreien, ich will ihm die Glut meiner Seele opfern.

Ist ein Gott, daß er die Unbill räche, die Kränkung des Stolzes, daß er

den Höfling demütige? Ist ein barmherziger Vater, der das Feuer stillt,

wenn es des Armen Dach beleckt? Der den Schläfer auf nackter Erde

bewahrt, dem frierenden Hund eine Hütte giebt? Ich rufe dich, Ewiger und

deine Welten verneinen dich, deine Sonnen verleugnen dich. Ich suchte

dich und nirgends fand ich dich. Die Himmel sind echolos, wenn ich dich

rufe, schweigend starren die Wälder. Allein bin ich gegangen im

Angesicht der schweren Nacht und die Dunkelheit war mein Mantel und

meines Kummers Kleid; breit ist das Meer und tief, und maßlos dehnen

sich die Himmel, aber du bist nicht. Jahrtausende verschwinden wie ein

Lächeln und wer gut ist verdirbt und die Falschen und Treulosen werden

zu Propheten. Aber laß es laufen, das Volk, laß es springen zu den

Kammern des Todes. Wo bist du Gott? Bist du, wo das Jahr zeitlos ist,

und die Unendlichkeiten zusammenschrumpfen wie Leichname? Bist du, wo

die Sonne aus dem Westen steigt und der Mond aus Brunnen strahlt? Bist

du beim Gastmahl der Toten und hast du den neuen Morgen der Welten

verschlafen? Ach wo lauf ich hin? Der Himmel ist nur in mir. Wo ist Raum

für meine Seele?“

Als er fertig war, zerschmetterte Zacharias Naar die Tafel am Baumstamm

und streute die Trümmer in alle Winde. Dann erhob er sich und ging den

Häusern zu.

Im Schindelhof begegnete ihm ein Zug jüdischer Männer und Frauen mit

Kerzen in den Händen. Vier Jungfrauen trugen einen Purpurbaldachin,

unter dem ein Knabe und ein Mädchen trippelten, beide noch Kinder. Sie

sollten einander vermählt werden, denn es war der Glaube jener Zeit,

dadurch den Rest der noch ungeborenen Seelen in die Leiblichkeit

eingehen zu lassen und so das letzte Hindernis zum Eintreffen des

Gottesreiches zu beseitigen. Die Kinder, deren Name Benjamin und Eva war

hielten sich fest an den Händen, und ihre Augen standen voll Thränen;

wenn sie sich einander anschauten, so geschah es immer gleichzeitig, und

sie lächelten dabei ein wenig schwermütig wie solche Kinder, denen eine

Strafe bevorsteht, der sie nicht entrinnen können und die sie auch nicht

verdient haben. „Warum sie nur Kerzen tragen,“ sagte der kleine

Benjamin. – „Das gehört zum Heiraten“ erwiderte Eva. „Ich bin übrigens

froh,“ fügte sie sinnend hinzu, „ich habe mir schon lange gewünscht, zu

heiraten; alle sind sie so abscheulich zu mir.“ – „Alle Mädchen und

Buben werden verheiratet,“ flüsterte der Knabe zurück. „Im Schulhof

warten sie auf uns.“ – Plötzlich bedeckte sich Evas Gesicht mit einer

glühenden Röte. Die feine Noemi kam mit ihrer Freundin völlig nackt die

Gasse einhergelaufen und trotz der frischen Herbstmorgenluft schienen

ihre Körper heiß zu sein von Tanz und Ausschweifungen. Wie

besinnungslos, doch graziös wie Gazellen liefen sie dahin und in jeder

Bewegung war etwas Überschwengliches und in jedem Laut den sie von sich

gaben, etwas Bacchantisches. Die kleine Eva wußte sich nicht zu helfen

vor Scham, und in heller Verzweiflung schlang sie einen Arm um den Hals

des Knaben, und mit der freien Hand bedeckte sie seine Augen.

Der sonderbare Brautzug kam in ein buntes Gewühle. Über den Gärtnerplatz

ging eine Kinderprozession und jedes Kind trug einen schweren Teller

südländischer Früchte, oder Schalen mit Wein oder Backwerk. Das war für

die Hungrigen bestimmt, im Namen des Messias. In diesen Tagen des

Wahnsinns ging auch kein Christ im weiten Umkreis seinen Geschäften

nach, und keiner, wie mächtig er auch sein mochte, versuchte den

leidenschaftlichen Brand, der unter dem verachteten und verhaßten

Judenvolke ausgebrochen war, zu dämpfen, oder gar zu verspotten.

Hebräische Melodien klangen aus vielen Häusern und belebten die Seelen

der Zagen und Blutlosen. Fremde Musikanten kamen des Wegs, (es wußte

niemand woher), und spielten auf Instrumenten, die man vorher gar nicht

gesehen. Alles war zauberisch, überirdisch, aufregend und bestürzend.

Unerhörtes begab sich auf dem Platz vor dem Pfarrhof. Dort nahm ein

junges und schönes Mädchen die symbolische Handlung vor, deren Deutung

war, daß auch die Tiere eingehen sollten in das messianische Reich. Die

Ceremonie geschah mit einem mächtigen Hunde und das junge Mädchen sang

dabei wilde Lieder, oder sie schrie verzückt auf. Alle die dabei

standen, waren wohl entsetzt oder erschüttert oder verwundert, aber sie

empfanden es doch als einen religiösen Vorgang von tiefer Feier. Mit

bleichen Wangen standen sie umher und zitterten vor Grauen. In der

Synagoge blies man das Schofar, und es klang wie ein einsamer Weckruf

hinein in alle Gassen, hinweg über alle Häuser, – wie ein Ruf aus den

dunklen Tiefen der Kabbala. Eine Krone auf dem Haar, kam Zirle einher,

mit einem Gefolge wie eine wahrhafte Königin. Wer sie sah, wurde völlig

gebannt und glaubte an sie, wie an den neuen Erlöser selbst. Ein junger

Christ, Namens Wagenseil, der Sohn des Pfarrers, folgte ihr wie behext

auf Tritt und Schritt. Schließlich sang er das Lob des Sabbatai fast in

dichterischen Worten und Zirle erhörte ihn, noch ehe der Tag zur Neige

ging. Ihr Wesen war ohne Schüchternheit; sie hatte etwas Glänzendes in

jeder Gebärde. Die Männer verloren alle Vernunft, wenn sie vor ihnen

stand, und die Glorie der Messiasbraut gab ihrem Wort ein

unwiderstehliches Gepräge. Sie kam zu den Fastenden und Betenden und

richtete sie auf. Denn manche wälzten sich ja tagelang wie Würmer auf

der Erde, enthielten sich jeglicher Nahrung, oder sie hockten regungslos

in den feuchten Winkeln unterirdischer Gewölbe, hatten Visionen,

„strahlende Nächte“, wie sie sagten, fromme Gesichte, widerstanden so

allen Verlockungen des Satans und erfüllten zur Nachtzeit die Luft mit

ihren Klageliedern. Ohne zu erlahmen studierten sie alle Bücher der

Kabbala, alle Seiten des Talmud nach neuen und wunderbaren Deutungen;

ihre Weiber, wenn sie nicht zu den Orgien gingen, ergaben sich oft einem

grenzenlosen Fanatismus, stellten sich auf den Markt unter viele Leute

und predigten, wie weiland Peter von Amiens mit hinreißender

Beredsamkeit, stachelten zu nutzlosen Grausamkeiten und nutzlosen

Versündigungen auf und fluchten den Christen mit bitteren Flüchen. Die

Kinder, waren sie auch noch so klein, wurden sich selbst überlassen,

viele Säuglinge schrieen umsonst nach der Mutterbrust und starben bald.

Hunger und Überfluß, Prunk und Erbärmlichkeit reichten sich die Hände.

Es fand kein regelmäßiger Gottesdienst mehr statt, und wenn man

gemeinsam vor dem Altar betete, war es einer Schändung des alten Gottes

gleich. Zigeuner zogen herum und vermehrten das Unheimliche und die

Verwirrung. Der Papst und der Kaiser schickten wie in alle Städte, auch

hierher Beamte und Abgesandte, die unverrichteter Sache wieder abziehen

mußten. Die freie Stadt Nürnberg schickte einen Hauptmann mit fünfzig

Reitern, aber den Hauptmann und seine Reiter sah man noch am selben

Abend wüst johlend durch die Gassen taumeln. Am Fluß oben, gegen Buch

zu, wohnte ein ehrwürdiger christlicher Mann von bedeutender

Gelehrsamkeit. Er kannte gründlich die klassischen Sprachen und befaßte

sich auch mit Astrologie und Alchymie. Viele Leute behaupteten, er habe

den Stein der Weisen längst gefunden und ihn für einen unermeßlichen

Schatz an den Großtürken abgegeben. Nun, er wurde befragt, was er von

all dem Sturm und Aufruhr halte, und da sagte er: „Der Jüd ist ein

tolles Tier. So ihr ihn aus dem Käfig laßt, frißt er euch auf mit Stumpf

und Stiel. So er aber im Käfig ist, ist er zahm wie ein Hund. Viel

Verstand hat der Jüd und er ist wie ein Blindschleich. So du ihn

entzweihackst, kriechen zwei Blindschleichen hinweg.“

Niemals stand die Anarchie drohender über den Völkern, als zu dieser

Zeit der Dämonie und der Ekstase. Als die Nachricht eintraf, die Juden

von Frankfurt, von Worms und Mainz rüsteten sich zum Aufbruch nach Zion,

entstand eine Erregung, die mit einer langen, inbrünstigen Andacht zu

vergleichen war. Alle Sehnsucht hatte nun ein Ziel bekommen, und jeder

wußte: auch ich werde dem Rufe des Propheten folgen.

An demselben Tage, dem Tage Allerseelen, lag Rahel in dumpfer Apathie

auf einem Diwan und starrte gleichgültig durch das Fenster in den

Abendhimmel. Das Haus war leer, die Schritte mochten darin nachhallen,

und die Dielen knisterten oft von selbst. Rahel hatte die Mutter schon

seit zwei Tagen nicht gesehen, und auch der Vater war seit dem Morgen

fort gewesen. Niemand hatte sich in der letzten Zeit um sie gekümmert,

und keine der jüdischen Frauen kam mehr, um stundenlang bei ihr zu

sitzen. Aber darüber dachte sie nicht nach. Sie war froh, daß wieder die

Nacht kam, wo man nicht so viel sehen mußte, und wo man vielleicht auch

schlafen konnte.

Als es dunkel war, kam Maier Nathan nach Hause. Sein Wesen war verstört,

und fortwährend brach er in kurzes meckerndes Lachen aus. Beim Schein

eines Öllichts zählte er sein Geld nach und vergrub später einen Kasten

mit Perlen und Schmucksachen im Hofe neben dem Brunnen. Erhitzt von der

Arbeit, schnaufend und pustend kam er zurück und setzte sich neben seine

Tochter hin, das Kinn auf den Griff des Spatens gestützt. Er seufzte,

fuhr mit den Fingern in die Haare, schnitt Grimassen, sprang endlich

auf, warf den Spaten heftig von sich, focht mit den Armen in der Luft

umher und brach in ein glucksendes Weinen aus. Rahel rührte sich nicht.

Sie war daran gewöhnt, seit Zirle gekommen war. „Schadai, Schadai voller

Gnade!“ rief der Knöcker aus. „Ich hab die himmlische Stimme gehört, ich

hab se doch ganz sicher gehört mit meinen Ohren. Der liebe Gott soll

mich strafen, aber mein Rahelchen ist doch keine Hur!“ Er kniete vor

Rahel hin, strich mit der Hand über ihr Haar und stammelte: „Du bist

doch mein Rahelchen, mein gutes Jeleth, mein Engelchen. Mise meschinne

über die Narren, daß se an die falsche Braut glauben. Sterben sollen se

den Tod durch Aussatz.“ Und er erhob sich und rannte wie gepeitscht

davon.

Die Nacht war schwer und stürmisch. Wilde Winde kamen von Süden, und

draußen in der Ebene gurgelte es wie in einem Strudel. Der Mond grinste

bisweilen fahl durch geborstene Wolken, und es war, als ob er selbst sie

zerrissen hätte und sie nun aufgelöst dahinjagte, über die Flächen des

Firmaments. Gegen Mitternacht kam ein Herbstgewitter. Flatternde,

schwere, graue lichtsaugende Nebel fielen nieder, und die Blitze fuhren

hinein mit einem süß-gelben Leuchten. Rahel sah zu, und ihr wurde bitter

in der Kehle vor Grauen. Hinter dem Haus geriet der Hühnerstall in

Aufruhr. Alles gackerte und gluckste durcheinander, und der Hahn krähte

schmetternd; in der Ferne heulten die Hunde.

Rahel war müde. Was da draußen vorging in der Welt, sie kümmerte sich

nicht darum. An nichts glaubte sie, mitten in einem Haufen von

Wahnsinnigen blieb sie ruhig und nachdenklich. Doch hatte sie Furcht vor

der Zukunft. Sie dachte: wenn sie alles erfahren, werden sie mich

steinigen. Und was soll aus dem Kind werden? dachte sie. Gegen zwei Uhr,

das Gewitter hatte sich verzogen, rief das Schofar die Juden in den

Tempelhof. Zacharias Naar verlas einen Brief des Sabbatai an seine Braut

Zirle, die er Zilla nannte. Es war ein feuriges und sinnlich

überschwengliches Liebesgedicht, und es hieß zum Schluß, daß er sie samt

ihrem Volk, den Lebenden und denen, welche von den Toten auferstehen

würden am siebzehnten Tag des Monats Tamuz zu Salonichi empfangen würde.

Darauf stellte Zacharias Naar drei Fragen an die schweigende Gemeinde:

Ob sie mit Gut und Blut sich dem Messias ergeben wollten? ob sie die

Mühen und Beschwerden der langen Wanderung nicht scheuen wollten? ob sie

ohne Murren und Weigern die Göttlichkeit der Messiasbraut anerkennen und

ihren Befehlen folgen wollten? Ein leises, bebendes Ja aus vielen

hundert Kehlen antwortete. Dann trat Zirle in die Mitte des Kreises, hob

ihre Arme verzückt zum Himmel, und ein leidenschaftlich erregtes Gebet

ließ alle, die herumstanden, heiß werden vor Sehnsucht und Begierde nach

dem Neuen, Großen, Wundervollen, das für sie bereit war. Noch wußten sie

nichts, das ihnen Sicherheit gab, aber mehr war es, zu glauben und in

zügelloser Begeisterung dem Kommenden zuzuleben. Jauchzend wollten sie

ein Land verlassen, das nur Verachtung und unmenschliche Grausamkeit für

sie gehabt hatte. Es schien leicht, alles hinter sich zu werfen, wenn im

Osten die guten Triften der ererbten Wohnsitze lockten, wenn ein

königlicher Prophet sie zum unverbrüchlichen Bunde rief. Das hier war

kein Vaterland für sie und konnte es niemals werden, wie sich auch die

Zeiten wandeln mochten.

Die Ältesten der Gemeinde erklärten sich zum Aufbruch bereit; noch am

kommenden Tag sollte mit den Vorbereitungen begonnen werden. Als man

auseinandergehen wollte, sprang Maier Knöcker, der Nathan plötzlich

schreiend auf Zirle zu, packte sie bei den Haaren und riß sie zu Boden.

Die andern Juden, entsetzt und empört, hätten ihn sicherlich in Stücke

zerrissen, wenn nicht sein Weib, die Thelsela und die tugendsame

Treinla, des Rabbi Man Ehewirtin, sich über ihn geworfen und flehentlich

um sein Leben gebeten hätten.

Düster, gleich fernem Brandschein, zeigte sich der erste Streifen des

Morgenrots und hoch oben in der Luft zogen Vögel mit kurzen, zirpenden

Schreien dahin.

Als Maier Knöcker nach Haus kam, fand er seine Tochter schlafend. Aber

es bedurfte nur einer leisen Berührung und sie erwachte. Ihr Blick war

scheu, verstört und furchtsam. „Gebenscht, ich hab se zugericht,“ sagte

der Nathan mit stumpfsinnigem Frohlocken. „Unbeschrien ich hab’r die

Haare ausgerissen, der falschen Braut.“ Er sah seine Tochter lange

durchdringend an, schüttelte bekümmert den Kopf und fragte dann die

Thelsela, wie lang es noch dauern könne bis zu Rahels Niederkunft.

Geistesabwesend erwiderte das arme Weib, sie wisse das nicht; jedenfalls

aber noch vier bis sechs Wochen. Gegen Mittag kam der Ober-Rabbi mit

finsterem Gesicht und fünf Älteste begleiteten ihn. In harten Worten

stellte er den Knöcker zur Rede und gab schließlich Zweifel darüber zu

erkennen, daß Maier Nathan wirklich eine himmlische Stimme gehört habe.

Aber der Knöcker wurde darüber ganz fassungslos. Sein leidenschaftlicher

Protest und die schwermütige Bestätigung der Thatsache durch die

Thelsela stimmten den Rabbi milder und Chajim Chaim Rappaport meinte in

seiner wohlwollenden Art, man könne ja doch das Ende der Schwangerschaft

abwarten; auch sei es nicht ausgeschlossen, daß dem Messias zwei Bräute

bestimmt seien, obwohl der Zacharias Naar ein Gegner dieser Ansicht sei.

Wenn Maier Knöcker sich auf den Gassen blicken ließ, sah er sich mit

Mißtrauen beobachtet, und seine ehemaligen Freunde gingen ihm aus dem

Weg. Nur die erregte, ameisenhafte Geschäftigkeit, die überall

herrschte, schützte ihn vor Schlimmerem. Doch hatte er nirgends Rast.

Ein wühlender Schmerz über die untergeordneten Zustände bedrückte ihn.

Er suchte nach der Reihe seine Schuldner auf und keifte überall und

drohte mit dem Landrichter. Dann eilte er wieder schnellen Laufs nach

Hause, in die Kammern, zu seinen Kostbarkeiten und Pfandpapieren; seine

übermäßig dicke und weit hervorstehende Unterlippe bewegte sich

mechanisch in gehässigen Lauten. Da er sich so verachtet fand, nahm die

Liebe zu den Schätzen zu, wie auch ein gewisses trotziges Vertrauen in

die Mission seiner Tochter, und mit zorniger Ungeduld erwartete er die

Ankunft der gottgeweihten Enkelin, überzeugt, daß es dabei an

himmlischen und weit erkennbaren Zeichen nicht fehlen werde.

Änsel Obadja und Hutzel Davidla standen am Abend des 4. November

tuschelnd unter einem Hausthor und gaben ihren Sorgen Ausdruck über die

Vernachlässigung jeglichen Gottesdienstes. Es gab kein Mincha mehr, kein

Schachreth, kein Maarith, wie die Gebete der Tageszeiten heißen. „Wenn

es sich zuträgt, daß viele trinken werden,“ sagte Hutzel Davidla

zitternd und seine Mausaugen schauten glitzernd gegen Himmel, „dann hat

es unser Herrgott gewollt.“ Davidla gebrauchte das Wort ‚trinken‘ und

meinte damit den Tod, denn die Juden redeten ungern vom Sterben, und

schon im Talmud Ketuboth steht diese Redensart vom Trinken. Ein alter

Chronist, der zu Fürth lebte, schreibt: Man frage nicht, warum sich

dieses Volk allezeit so sehr für dem Tod entsetzet? Dies macht es, sie

wissen nicht, wie sie dem künftigen Zorn entfliehen sollen. Das Sterben

der Juden ist daher allezeit mit Furcht und Schrecken umgeben. Alle,

alle müssen mit Entsetzen für den Dingen, die da kommen, aus der Welt

scheiden.

Laubhüttenende, das Fest, das seit Jahrhunderten den süßen Zauber der

Idylle über das jüdische Leben gebreitet hatte, war unbeachtet

herangekommen und sah mitten hinein in den Taumel und Wirrwarr der

kommenden großen Wanderung. Breite Lastwagen, die von Bauern draußen

oder von Christen im Markt selbst erkauft worden waren, rumpelten

ununterbrochen vor die Häuser der Juden. Die streitenden Stimmen der

Fuhrleute mengten sich mit dem Gekeife der Weiber; Pferde, Esel und

Rinder wurden mit vielem Lärm erhandelt; die Gassen lagen voll von

zerbrochenem Hausrat, leeren Kisten, Kleiderfetzen und Leinwandfetzen,

Stroh, Pergamenten und Spänen. Wenn Christen vorbeikamen, hatten sie ein

finsteres und drohendes Gesicht und sahen aus, als ob sie die Mittel

überlegten, um all diese Anstalten zu nichte zu machen.

Auf einer Kiste saß sinnend der kleine Benjamin und pendelte mit den

Beinchen hin und her. Er dachte: wo nur die Eva ist? Ihm war so

unwohnlich. In das Haus des Maier Lambden sah er durch die hohlen

Fensterlöcher hinein; er sah Kasten auf Kasten getürmt, sah die Weiber

mit weißen Tüchern um den Kopf hin- und hereilen, wie sie die Schränke

leerten und das Geschirr verpackten, und er hörte das Silberzeug klirren

und den Lärm von Hammer und Meißel. Und daneben stand das Haus des

Samuel Ermreuther. Der ließ von seinen Söhnen das Dach abtragen, denn

nichts sollte den Gojim verbleiben von seinem Gut und Eigentum. Bei

Itzig Genßhenker hatten sich viele junge Mädchen zusammengefunden und

nähten emsig Wagendecken und Reisegewänder und sangen dazu alte Gesänge.

Stunde für Stunde zogen arme Juden aus fremden Ortschaften durch die

Hauptstraße, und in der frischen Glut ihrer Begeisterung vermochten sie

nicht länger Rast zu machen, als es nötig ist, um ein Gebet zu sagen.

Dann eilten sie weiter in ihren Lumpen, mit ihrer jämmerlichen Habe, so

schnell es ging.

Betrübt, mit trägen Schritten ging Benjamin an den Häusern entlang. Er

blickte in die Gärten hinein, in denen alle Blüten verwelkt waren und

alle Blätter den Boden bedeckten. Einmal sah er die kleine Eva über die

Gasse eilen, und er stürzte jauchzend zu ihr hin. Aber das Kind, mit

aufgestreiften Ärmeln und geröteten Wangen, schüttelte heftig den Kopf

und sagte, sie habe zu viel zu thun, um plaudern zu können. Benjamin

hatte Hunger, und weil man ihm daheim nicht zu essen gab, ging er hinaus

an den Fluß, wo er Haselstauden wußte und wo er sich sättigen wollte. Er

gehörte zu jenen Kindern, die stets im Märchen leben, und denen die

Welt, wie sie ist, so wenig giebt, daß sie darin verkümmern müssen. So

sah er durch seine melancholische Stimmung sich rings etwas Herrliches

ereignen. Farbe, Glanz und Heldentum waren da, ihn zu entzücken und sein

Herz in eine stürmische Bangnis zu versetzen. Er dachte mit klopfendem

Herzen an das Land der Verheißung, wo es keine Christen gab und keinen

bösen Stadtvogt und keine Daumenschrauben und kein Spießrutenlaufen. Wie

klar und furchtbar erinnerte er sich des Tages, wo sein Vater wegen

einer angeblich gestohlenen Sanduhr gefoltert worden war. Und seinen

Oheim hatten sie aus Nürnberg hinausgepeitscht, weil er da übernachtet

hatte. Und die Mutter erzählte, daß ihre Muhme als Hexe verbrannt worden

war, obwohl sie eine fromme und sanfte Frau gewesen war. Dies alles

machte ihn so ungeduldig, mächtig und stark zu sein.

Ein Jubelgesang scholl von den Häusern herüber. Er hörte eine Weile zu

und fragte sich, warum eigentlich die Juden so verachtet seien. Doch

dabei kam er zu keinem Schluß. Im Grunde schmerzte es ihn, von diesen

Feldern fort zu müssen, wer weiß, wie weit. Es war so schön hier! Wie

breit und ruhig lag das Land da! Ein grauer, glanzloser Nebel kroch über

ferne Äcker und da drüben lag Nürnberg mit seiner kaiserlichen Burg, mit

seinen starken Mauern, mit seinen schmalen, stolzen Türmen. Alle Häuser

waren vielleicht aus Marmor gebaut, und die Stoffe und das viele Gold

und die herrlichen Rosse, die Kampfspiele, der Jahrmarkt auf der

Schüttinsel, der Metzgersprung, – wie bunt, wie wechselvoll, wie freudig

und schimmernd das alles!

Und alles versank allmählich in der Dämmerung. Er ging heimwärts. Die

dumpfe, gleichsam drohende Geschäftigkeit, die überall herrschte und die

immer mehr anschwoll, erweckte eine unbestimmte Angst in ihm. Bei einer

Gartenthür lag ein Stein und dort ließ er sich ermüdet nieder. Samson

Weinschenk und die Seinen hatten schon zwei Wagen vollbepackt und saßen

nun zwischen leeren Wänden. Auch David Tischbeck und Samuel Schrenz und

Hutzel Davidla und Löw Wassertrüdinger und Moses Käsbauer und Maier

Wolf: alle waren sie schon fertig und bereit, das Land der Pegnitz für

immer zu verlassen. Der Knabe fühlte gleichsam eine Reihe schwerer

Schicksale voraus, darum war er so traurig; dann kam wieder dies

Sagenhafte, das alle Vorgänge um ihn unwirklich machte, so daß er um ein

jedes Ding riesengroße Blumen emporschießen sah, oder eine schmerzlich

schöne Musik erscholl von irgendwoher und zog unaufhörlich durch die

kümmerlichen Gassen des Judenviertels.

Der Knabe blickte empor und sah Rahel Nathan mit plumpen, aber hastigen

Schritten daherkommen. Sie wollte vorbei, aber Benjamin rief sie an. Da

fuhr sie zusammen, winkte mit beiden Armen ab und wollte schnell

weitergehen, – gegen die Häuser der Christen hinüber. Dann besann sie

sich wieder eines anderen und setzte sich neben den Knaben auf den

Stein. „Morgen soll es fortgehen, weißt du das, Junge?“ fragte sie. Sie

konnte das R nicht gut aussprechen und das gab ihrer Stimme etwas

Rührendes. Rahel erwiderte nichts auf seine Antwort. Es war, als ob sie

sich ganz in sich selbst verkröche. Der Knabe sah, daß sie mit ihren

Händen das Gesicht bedeckt hatte, und die Ellbogen waren durch das

niedere Sitzen tief in den Schoß vergraben. Es fiel ihm ein, daß es im

Gesetz verboten sei, so niedrig zu sitzen; nur die Leidtragenden dürfen

es um ihre Verstorbenen. Da stand er rasch auf. Aber ehe er sich dessen

versah, hatte ihn das junge Mädchen heftig bei den Armen gepackt, zog

ihn an sich, nahm dann seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände und

drückte die glühendheißen trockenen Lippen leidenschaftlich auf des

Knaben Mund. Benjamin glaubte zu versinken, auf seiner Stirn perlte

feiner Schweiß, der ihn gleich Nadeln förmlich verwundete. Und er hörte

Rahels Herz wie einen dumpfen Hammer pochen, die Wärme ihres Körpers

strömte auf ihn über, die Flut ihrer Haare umhüllte seinen Kopf. Und nun

fielen nasse Tropfen auf seine Wangen nieder, und erst durch das laute

Schluchzen des jungen Mädchens kam er darauf, daß es wohl Thränen sein

mußten. Auf einmal stand sie auf, stieß den Knaben rauh von sich und

eilte davon. Gleich darauf aber kam sie wieder. Ihre Stimme war ruhig,

und sie schämte sich offenbar allzusehr, um sich zu dem Knaben

niederzubeugen. „Sag nichts, wo ich hingeh’,“ stammelte sie, „der liebe

Gott wird dir’s lohnen.“

In der Rosengaß stand ein kleines grünangestrichenes Haus, wo heute die

jüdische Waisenschul ist. Darin wohnte Thomas Peter Hummel, der

christliche Studiosus. Rahel tastete sich mühsam durch die Finsternis

des Flurs. Und es fiel ihr plötzlich, sie wußte nicht warum, ein Vers

aus dem Talmud Taanit ein: Und ich mache allen ihren Jubel still, ihre

Feste, Monden und Sabbate. Heiserer Gesang scholl aus einem Raum im

Hintergrund, dann kam ein wüstes Lärmen und Durcheinanderreden,

Gläserklirren und Zurufe und auf einmal war es wieder ganz still. Eine

weiche, schmiegsame Mittelstimme begann ein Lied zu singen, und Rahel

kannte die Stimme, die so verführerisch war und von der sie meinte, daß

niemand ihr widerstehen könne. Es war eine Stimme, von der man träumen

konnte, nächtelang. „Es ist ein’ Ros’ entsprungen aus einer großen Zahl“

sang er, – ein altes Lied voll Trauer und pochender Sehnsucht. Wer es

sang, mußte gewiß um der Liebe willen leiden. Es war etwa so, wie wenn

ein Vogel gefangen sitzt, von dem man weiß, daß er nur durch Freiheit

leben kann, und er sitzt in einem schmalen Käfig und flattert sich die

Flügel wund. Das Lied mochte wohl schon lange zu Ende sein, aber Rahel

stand immer noch regungslos da, und ein schmaler Lichtstreifen aus der

Thürspalte fiel auf ihre Stirn. Plötzlich wurde die Thür aufgerissen und

lachend, in der einen Hand den Weinkrug, mit der andern der Schar von

Studenten am Tische in der übertriebenen Lustigkeit, die ihm eigen war,

zuwinkend, trat Thomas Peter Hummel heraus. Das Zimmer war von Rauch

erfüllt, denn die jungen Leute saßen alle mit Pfeifen im Mund und

pafften fleißig drauf los. Hummel schloß die Thür wieder und setzte mit

einem Feuerstein ein Öllicht in Brand, um in den Keller zu gehen. Als er

sich mit dem Lämpchen in der Hand umdrehte, gewahrte er Rahel. Er

erbleichte und konnte nichts reden. Sein kleiner Mund kniff sich

zusammen, seine Pupillen erweiterten sich wie bei einer Katze, und

endlich stieß er einen dumpfen, fragenden Laut hervor. „Wir gehn fort

von hier,“ murmelte Rahel, und ihr Kinn sank gegen die Brust. Der

Student lächelte schnell unter seinem schwarzen, koketten Bart hervor

und sagte, in eine Stube könne er sie nicht führen; sie sollte mit ihm

in den Keller kommen. Darauf lief er zurück, erfand schnell eine Ausrede

bei den zechenden Kameraden, um länger ausbleiben zu können, und Rahel

folgte ihm in den feuchten Keller hinab. Hummel ließ sie auf ein leeres

Fäßchen setzen, nahm ihre Hand und sprach sehr schön zu ihr. Das war

seine Kunst, schön zu sprechen. Da vergaß er sich selbst und den andern,

ja sogar den Zweck seiner Rede vergaß er, wußte hundert Gründe oder

Dinge, an die kein Mensch dachte oder denken konnte, geriet vom zehnten

ins zwanzigste und von da noch weiter, unterbrach niemals den freien

Fluß seiner Rede, setzte, wo es anging ein gelehrtes Citat statt eigener

Meinung, oder brachte füglich eine lehrreiche Geschichte von spannender

Erfindung an, kurz, er wußte das Wort so vollkommen zu gebrauchen, daß

er es in knapper Zeit vermochte, ein großes Unglück ganz winzig

erscheinen zu lassen, und war im ganzen ein glänzendes Beispiel für den

Ausspruch des alten Cicero über die Beredsamkeit. Dabei war seine Stimme

leise und berückend, eindringlich und gleichsam erziehend. Seine Gesten

waren rund und gefällig, gemessen und wohlwollend, besonders, wenn er

Daumen und Zeigefinger mit den Spitzen zusammendrückte und dann den Arm

pendelartig auf- und abbewegte. So war er wirklich die verkörperte Liebe

und Uneigennützigkeit, und alles, was er sagte, hatte Klang und

Vernunft, sozusagen Hut und Schuh, und er vermochte einen Menschen zu

trösten, daß er all seine Schmerzen vergaß und sich so vollgeredet fand,

als habe er am Tisch des Großmoguls die köstlichsten Speisen gespeist.

Rahel erhob sich also, reichte dem Studiosus die Hand und ging wieder,

gerade als oben das ungeduldige Fußgetrampel der andern Studenten hörbar

wurde. Sie ging in die Nacht hinaus. Sie erinnerte sich auch dunkel, daß

Thomas Peter ihr empfohlen hatte, die Juden zu warnen, es sei etwas im

Werk; aber das ließ sie kühl. Sie fühlte sich wie das tote Werkzeug in

einer fremden, mächtigen Hand. Sie dachte an den Geliebten, von dem sie

eben auf so seltsame Weise ewigen Abschied genommen, und sogleich zog

ein Schauer ihr die Brust zusammen und ihr Herz lag wie Blei im Körper.

Jenes Haus, das so Teures für sie beherbergt hatte, konnte nimmer ihre

Träume verschönen. Stand doch schon über seinem Eingang ein roher

Landsknechtspruch, neu hingemalt:

Wer so fährt wie ich, fährt boeß.

Meines Vaters Guett hab’ ich versoffen,

Bis auff einen alten Filzhuett.

Der leit da.

Den ofen wer ich aach ball versaufen.

Die Nacht war kalt und finster. Die Wolken am Himmel hatten in ihrem

gelben Leuchten und ihren kargen Umrissen etwas Wesenhaftes und

Persönliches. Vor manchen Hausthüren der Christen standen Männer im

Schein düsterer Lichter und berieten offenbar über die Vorgänge im

Judenviertel. Sie schienen besorgt, denn wie auch dies Volk verhaßt bei

ihnen war, so beleidigten doch all diese Dinge ihr Herrischkeitsgefühl,

und sie glaubten es nicht zugeben zu dürfen, daß sich der Knecht so

leichterdings frei mache und davonziehe. Freilich, die zu Wucherzins

Verpflichteten rieben sich insgeheim die Hände und beglückwünschten sich

zu den so mühelos errungenen Kapitalien.

Rahel wagte sich nicht heim. Sie wußte nicht, was sie davon abhielt,

aber ihre Seele verging förmlich in dieser Furcht. Sie wanderte dahin,

ohne über ein Ziel nachzudenken. Sie lebte völlig in einer dunklen

Innenwelt und die Blicke, die sie in die erleuchteten Fenster der

Wohnungen warf, hatten etwas Irres. Wie so oft, ging sie in das Haus des

frommen Elieser Rappaport, der ihr Verwandter war. Die ganze Familie saß

um den großen Tisch herum, sonst waren die Wände ganz kahl, die Schränke

fortgeschafft, Geschirr, Betten, Wäsche und Gewänder. So war es

unheimlich zu sehen, wie die Menschen um das trübe, rauchende Licht

herumhockten, mit blassen, erwartungsvollen Gesichtern oder mit milden

Gesichtern, in denen gleichsam nur noch eine entfernte, eine fliehende

Sehnsucht, ein schüchternes Hoffen leuchtete, und wie sie dem Vorlesen

des Elieser lauschten. Und draußen fuhr der Wind herum, und überall

klimperte es und klirrte es und oft blökten ängstliche Rinder oder

wieherten die Pferde.

Rahel setzte sich in eine Ecke des Raumes, wo ein Balken aus der Wand

hervortrat. Keiner achtete auf sie, denn man war es fast gewohnt, sie

auf leisen Sohlen hereinschleichen und nach einer halben Stunde

verschwinden zu sehen. Elieser las aus dem Buch Simchas Chamefesch, der

„Seelenfreude“, welches zu Frankfurt und zu Sulzbach deutsch gedruckt

worden war. Mit bebender Stimme las der alte Mann die Parabel, die von

der Stärke des Glaubens handelt. „Einer hat drei gute Freund; einer is

sein Leibfreund, der ander is aach ein guter Freund, un der dritter, den

hat er vor gar nix geacht. Urbizling schickt der Melech, der König, ein

Boten nach den Mensch, er soll geschwind zum Melech kommen. Der Mensch

derschreckt sehr, denkt, was muß das bedeuten, als der Melech nach mer

schickt und fercht sich sehr, un geht zu sein Leibfreund, er soll mit

ihn gehn zum Melech, der will aber nit mit ihn gehn. Da geht er zu den

andern Freund, er soll mit ihn gehn zum Melech, da spricht er, ich will

dich begleiten bis an dem Schloß, aber weiter will ich nit gehn. Da geht

er zu den dritten Freund, den er vor gar nix geacht hat. Da spricht er,

ich will mit dir gehn zum Melech un will dich beschermen. Un is mit ihm

gangen zum Melech un hat ihm beschermt. Aso aach die drei Freund; einer

das is Geld, der ander, das is sein Weib un Kind, der dritt Freund, den

er vor nix hat gehalten, das is die Thora, die Gebote, die guten Thaten,

das acht der Mensch vor nix. Der Melech das is Got, der Bote das is der

Tod, den schickt Got urbizling, soll dem Menschen seine Seel nehmen. Der

beste Freund das is das Geld, das bleibt derheim, wenn er gleich noch

aso viel hat kann er doch nix mitnehmen. Der ander Freund das is sein

Weib un Kinder, gehn mit ihn bis ans Grab, schreien un weinen, kennen

ihm nit helfen. Der dritt Freund den acht der Mensch vor nix, der geht

mit zum Melech.“

Die Stimme verklang wie in einer Höhle. Es befand sich aber noch ein

Rabe im Zimmer, der von Obadja Änsel aufgezogen worden war, und der

stets eine sehr sonderbare Redensart seines Herrn wiederholte. Er saß

auf einer Stange, duckte sich und krächzte seinen Spruch in die

gelehrtesten Diskurse hinein. Rahel sah den Vogel beständig an, denn ihr

war, als sei ein menschliches Wesen in ihm verborgen, ja sie dachte: so

ist mein ganzes Volk wie dieser Rabe. Doppelt schwarz und doppelt

unruhig sah er aus im Gegensatz zu den glutgeröteten Gesichtern am

Tisch; mitten im Dunkel saßen alle in einem Lichtkreis wie auf einer

Insel in einem Ozean von Finsternis.

Gebete und Fasten füllten allenthalben diese Nacht aus. Es gab freilich

manche, die wieder zaghaft geworden waren, und manche, die am liebsten

zurückgeblieben wären, aber zu ihnen kam Zacharias Naar. Es war, als ob

er die Schwächlinge und Feiglinge am Blick zu erkennen vermochte. Es war

erstaunlich, wenn er zu ihnen sprach und sie folgsam wurden wie Hunde,

wenn er seine Augen auf sie heftete und in geheimnisvoller Weise ihre

Entschlüsse formte wie Thon.

Der Zug der wandernden Juden nahm nicht ab. Die Erregung in Deutschland

wurde immer stärker. Im Osten häuften sich die Ereignisse in

verwirrender Art. Es kam die Kunde, Sabbatai sei zum Sultan der Türkei

zu Gast geladen worden und reise nun in Begleitung seiner zwölf Jünger

und einer großen Schar von gelehrten Talmudisten zu Schiffe nach

Salonichi. Eine ganze Flottille von Smyrnaer Schiffen sei in seinem

Gefolge, Ehefrauen hätten ihre Männer verlassen um seinetwillen, Mütter

ihre Kinder, Jungfrauen und Knaben das elterliche Heim. Gold und

Geschmeide flösse ihm zu wie aus unerschöpflichen Bornen, und die

Khalifen der Bucharei und die Fürsten Afghanistans und die Rajahs von

Indien schickten Perlen und Geschmeide, schickten Gesandte, schickten

Speisen für seine Festmahle, Gewänder von Purpur und Seide und Sammet.

Dergleichen war wie ein Rausch für das ganze Judenvolk der Erde. Ihre

Erwartung hielt kaum Schritt mit ihrer Freude, eine sinnlose

Vergötterung für den Menschengott erfüllte sie und der Jude, der so

leicht der Raserei in jeglicher Gestalt zugänglich ist, vergaß dabei

sein irdisches Gut und alle irdischen Dinge. Engel bliesen auf

Sturmschalmeien und der alte, finstere Gott der Juden, der Moses erhoben

und Pharao gezüchtigt hatte, kam selbst, um dem Messias

entgegenzuschreiten. Darum war es kein Wunder, wenn Zirle sich alsbald

zu ungeahnter Höhe emporgerissen fand. Ihre Seele, im Beginn dieser

Mission ein wenig fremd, entflammte sich im Angesicht des wunderbaren

Mysteriums. Ihr Wesen war nicht keusch, wer ihr gefiel, dem ergab sie

sich, oft mehr aus Mitleid als aus Begierde, denn sie sah die Männer vor

sich zerschmelzen wie Wachs. Dennoch blickte sie mit Schauern hinüber in

jenes heilige Land, wo der Sohn des Himmels ihrer harrte, der so schön

sein sollte, daß niemand ihn anzuschauen vermochte, ohne geblendet zu

werden. Sie empfing auf rätselhafte Art Briefe von ihm, deren Inhalt

ihrem Träumen und ihrem Wachen einen unabsehbaren Kreis von

Glückseligkeit verlieh.

Einst ging sie am Haus des Knöckers vorbei und sah Rahel unter der Thüre

sitzen. Etwas in dem Gesicht des Mädchens zog sie an, vielleicht die

hilflosen Augen oder der hilflose Mund, der oft ein wenig geöffnet war.

Zirle trat näher, stellte sich vor Rahel hin, nahm ihre Hand und drückte

sie sanft. Rahel schüttelte befremdet den Kopf und lächelte störrisch.

Aber plötzlich konnte sie sich nicht mehr zurückhalten: es war, wie wenn

etwas in ihr zerbrochen wäre: sie fiel auf die Kniee und drückte ihr

Gesicht schluchzend in den Schoß Zirles, die sich schmerzlich

unzufrieden fand, um des Leidens des jungen Mädchens willen. Auf der

Gasse stand Wagen an Wagen, vollbepackt zur langen, schweren Reise.

Darin und in den Mienen der alten Männer, die so besorgt waren, und doch

eine freudige Zuversicht erheuchelten, lag plötzlich etwas

Erschütterndes für Zirle.

Der Maier Nathan wurde mit jedem Tag unruhiger, fragte seine Tochter,

wann sie denn glaube, daß das Große sich ereignen würde, und holte den

Rat der Frau Pesla, einer erfahrenen Wehmutter, ein, von der noch in

alten Chroniken zu lesen ist: daß sie mit frühem Morgen jedesmal nach

dem Tempel geeylet sei, daß sie viele Jahre weder Fleisch noch Wein

genossen und ohne Betten auf der Erde lag. Wenn der Nathan sein Weib

betrachtete, die sich einer stillen Schwermut so gänzlich ergeben hatte,

daß sie oft stundenlang mit geschlossenen Augen kauerte, so wurde er

recht bang in seiner Seele und seine letzte Zuflucht waren seine

Kostbarkeiten. Auch that er alles, um die Aufmerksamkeit auf sich zu

lenken und dies um so mehr, je stärker er die Verachtung empfand, mit

der man ihm begegnete. So errichtete er in einer Nacht einen großen

Scheiterhaufen hinter seinem Haus, setzte ihn in Brand und stand davor

wie vor einem Altar und betete, als das Feuer lohend gegen Himmel stieg.

Entsetzt kamen Männer herbeigelaufen, ihn zu fragen, was dies zu

bedeuten habe. „Ich hab’ Flachs hineingeworfen.“ sagte der Nathan, doch

kein Mensch konnte es verstehen. „Ich faste,“ fuhr er fort, „wegen eines

bösen Traums, und Rabbi bar Mechasja sagt, Fasten ist dem Traum, wie

Feuer dem Flachs.“ Alle schüttelten spöttisch die Köpfe und gingen. Die

Gerüchte, die über Rahel umliefen, wurden häßlich und abenteuerlich und

bald galt sie für unrein; und doch wanderte sie umher wie im Schlaf,

dachte der Wochen, wo noch die Liebe ihren Gang verschönt hatte, wo

keine Nacht saumselig genug war für den frischen Trunk des Glücks, wo

die ganze Welt einem Eden glich, – das aber war vorbei.

Am Samstag Kreszenz, den 28. November, sollte der Aufbruch stattfinden.

Frühe des Morgens, lange, ehe der Osten sich rötete, versammelte sich

die Gemeinde in der Synagoge. Die heilige Schrift wurde aus der Lade

genommen und der Älteste trug sie mit gesenktem Kopf demütig und bleich

hinaus, während die Kille, Mann hinter Mann betend folgte und der

Schammes oder Schuldiener die Lichter verlöschte, die Thüre fest

versperrte und den großen, hohlen Schlüssel an einem sicheren Ort neben

der Klauß vergrub. Dann hörte man weinen hinter vielen Wänden: es galt

den Abschied vom Ort der Fron und der Verachtung.

Unfern der Mauer des Gottesackers, da wo heute der Doggelesgarten steht,

kamen die Wagen zusammen. Der Regen wälzte sich daher im grauenden Tag

und der Sturmwind pfiff durch die Wagenzelte. Doppelt öde lagen die

weiten Felder in der Dämmerung und die verlassenen Häuser drüben

schienen zu rufen, ihre leeren Fenster hatten etwas Ziehendes und

Warnendes. Frauen kreischten auf dem feuchten Plan, Hunde bellten,

Kinder wimmerten, die Männer riefen nach ihren Angehörigen und die

Rinder brüllten. Nicht am wenigsten machte sich der Rabe des Obadja

Änsel in dem Tumult bemerkbar. Zigeuner gesellten sich dem Zug bei und

sie wurden geduldet, weil sie als Wegweiser dienen konnten; ihre Weiber

riefen sich ihr gellendes Rotwälsch durch den brausenden Wind zu und aus

einem verschlossenen Zigeunerwagen tönte in seltsamer Unbekümmertheit

eine Geige in langen Mollaccorden. Dann kam ein Bote und meldete, die

freie Reichsstadt Nürnberg gebe den Durchzug durch ihr Gebiet nicht

frei. Das nächste Ziel der Wanderung war daher die Schwedenveste im

Süden und dann weiter Stein und Roßstall. Auch griff die Besorgnis um

sich, die Nürnberger möchten Soldaten aufbieten und die Juden am Abzug

verhindern. Vielen schien es, als ob Geschehnisse sich wiederholten von

vieltausendjährigem Alter. Der Himmel gab ihnen recht; vor allen Plagen

schien die Plage der Finsternis sich vorzudrängen. Der Tag war

angebrochen und doch war es noch Nacht. Die Wege waren durchweicht und

die Wagenräder standen tief im Kot. Zirle, der man eine Art vornehmer

Karosse gegeben hatte, lehnte bleich, mit zuckenden Lippen im Rücksitz.

Im strömenden Regen stand der junge Wagenseil vor dem Gefährt. Er war

wie trunken von seiner Liebe. Unter großer Feierlichkeit hatte er

gestern den christlichen Glauben abgeschworen und war zum Jünger des

Messias geworden. Nun wollte er mit fortziehen, wollte getrost alle

Bande der Heimat zerschneiden, nur um unverwandt in dies wundervolle

Antlitz schauen zu können. Unbeachtenswert erschien es ihm, daß sie die

Braut des Sabbatai war; darin war so viel Überirdisches und

Unsinnliches, daß ihn nichts bei diesem Gedanken beunruhigte. Er wußte

freilich nicht, daß er das Unglück für diese Gemeinde in der Hand trug.

Die stille Gärung unter den Christen des Hofmarkts war vom alten Pfarrer

Wagenseil zur offenen Flamme geschürt worden, und noch im Lauf des Tages

entstand ein geschäftiges Einverständnis mit den Nürnbergischen zur

raschen That. Nur die Furcht vor dem Gloriosen und Erhabenen, die in der

Stimmung dieser Tage lag, hatte den feindseligen Arm gelähmt.

Um den Gottesacker vor frevlerischen Händen zu sichern, wurde das Thor

mit fünffachem heiligem Siegel verschlossen. Gegen acht Uhr wurde

endlich, mitten in der größten Verwirrung durch ein dreimaliges

Hornsignal das Zeichen zum Aufbruch gegeben. Die Zigeuner hatten sich

bereits an die mit Lebensmitteln gefüllten Wagen gemacht und rauften um

Fleisch und Brot wie die Wölfe. Keiner verstand den andern im Tumult;

Ermahnungen und Ermunterungen verhallten fruchtlos. In manchen Augen

tauchte jene geheimnisvolle Verzweiflung auf, die durch einen unsicheren

und brennenden Glanz den Schein von Mut erhält und sich durch rastlose

Geschäftigkeit unkenntlich macht. Der Lärm und das Geschrei erscholl

weit hinaus, scheuchte die Krähen aus den kahlen Feldern empor und die

Peitschen der Kärrner schallten durchdringend bis an den Wald hinüber

und klangen zurück als ein schüchternes, zitterndes Echo. Die Wolken

sahen aus wie zerzauste Leinwand und der ganze Himmel war wie ein

graues, schwankes Tuch. Am Kreuzweg nach Unterfarrnbach stießen die

kleine Judengemeinde dieses Dorfes, sowie die von Ermreuth und Bocksdorf

zu dem großen Hauptzug. Bald flatterten schlecht befestigte Zelttücher

im Wind und allerlei leichte Gegenstände flogen in der Luft herum. Was

half das Beten der Frommen und das fromme Deuten der Talmudisten? Was

half der strenge Glaube und die sichere Begeisterung? Der finstere

Judengott ließ offenbar nicht mit sich spaßen und streckte seine

grausame Hand herab, daß sie wie eine Mauer vor jenen süßen und

verlockenden Zielen stand, die eine morgenländische Phantasie

heraufgezaubert hatte. Oft stand ein Gefährt fest im dicken Kot und

fünfzig und mehr Männer mußten es unter Anspannung aller Kräfte mit den

Schultern herausschieben. Ein Wagen diente als Betzelt, und in ihm war

auch die heilige Lade in kostbarem Putz aufbewahrt. Der Ober-Rabbi und

der Chassan und die Rumpeln und Wolf Batsch saßen herum und sangen

Lieder des Sabbatai. Boruchs Klöß in seinem Wagen hielt sein Weib

umschlungen; eine Art von Mittagessen, eine fettige Mehlspeise, stand in

einer zinnernen Schüssel vor ihnen, aber sie aßen nicht, sondern sahen

beide nur stumpfsinnig hinein in die erkaltende Speise. Dumpfe Schreie

schallten in ihre erbärmliche Behausung; manche hatten ihre Hauskatzen

mitgenommen, und die Tiere miauten unaufhörlich aus unauffindbaren

Verstecken. Dann wurde wieder das Ächzen des Windes laut; an den

spärlichen Baumalleen der Straße flogen die braunen, nassen Blätter in

einem geisterhaften Tanz umher, und die Äste bogen sich knarrend und

brachen doch nicht. Der Regen prasselte und trommelte auf die dünnen

Dächer, die Achsen wimmerten gleichsam, an vielen Gespannen standen die

Tiere störrisch still und waren nicht fortzubringen, man mochte sie

quälen oder ihnen gütlich zureden. Die ganze Natur war aufgelöst in eine

erdrückende Bangnis. Im Gefährt des Maier Knöcker war es ruhig, denn die

Thelsela kauerte teilnahmslos in einem Winkel und in einem andern Winkel

kauerte Rahel. Nur der Nathan selbst schien froh bewegt. Aus irgend

einem Grund schien er sehr glücklich zu sein, rülpste beständig wie ein

Narr, zwinkerte freundlich mit den Augen und fragte: „Rahelchen, wann

kommt das güldene Mädchen? das himmlische Töchterchen?“ Seine Unterlippe

war sicherlich noch dicker und unförmlicher geworden, und seine Augen

waren hektisch gerötet.

Endlich erreichte die Karawane den Wald, – nach vier Stunden. Ein

Fußgänger hätte den vierten Teil dieser Zeit nötig gehabt. In sanfter

Steigung sollte es nun bergan gehen, aber vorher wurde eine Stunde Rast

gehalten. Der Wald war finster. Damals glich er noch sehr den Urwäldern

der Vorzeit. Es war so dunkel, wie es zu vorgeschrittener Dämmerungszeit

im freien Feld ist, die Zweige trieften vom Regen, der Boden war ganz

schwarz und schlammig. Ein eigentümlich klirrendes oder raschelndes

Geräusch ging wie eine Welle durch den ganzen Wald. Zwischen den Stämmen

in der Tiefe lagerte aufdringlich die Nacht und die Nadeln und das Laub

am Boden waren naß und schlüpfrig. Bisweilen war der ferne Schrei eines

Wildes vernehmbar oder ein Geräusch gleich dem Schlagen einer Axt. Der

Himmel war verschwunden, auch die Ebene war nicht mehr zu sehen, und

Regenschleier und Nebelschleier machten den Pfad zu einem unsicheren

Bilde. Ein Vogel flog auf und huschte scheu und hastig ins tiefere

Gehölz, in den tieferen Frieden des Waldes. Über dem sumpfigen Grund lag

eine schwere Starrheit, etwas Gelähmtes. Wie fern fühlten sich alle

schon der Heimat, ihren Gärten, ihren Häusern, dem Bereich ihrer

Kinderspiele, dem Schauplatz ihrer Sorgen. Rahel lehnte, mit einem

dicken Wolltuch geschützt, an einer Buche. Wohl war sie stumpf und müde,

doch fühlte sie etwas in sich, das sie merklich von allen unterschied;

sie fühlte sich edler und besser, gleichsam geweiht durch die vergangene

Leidenschaft. Auch empfand sie schaudernd das junge Leben in sich,

täglich mehr, täglich erschreckender, und doch war es so märchenhaft und

unglaubwürdig, dies zu tragen, daß die Seele stark wurde und sich

aufrichtete, als sei sie selbst etwas Körperliches. Sie trug die Zukunft

im Schoß, ein neues Geschlecht, Kämpfer später Zeiten.

Das Zeichen zum Aufbruch wurde gegeben. Es ging zur Höhe, wo die Veste

stand, von wo man ins Thal der Regnitz gelangen konnte. Männer und

Weiber waren ausgestiegen und schleppten sich zu Fuß. Viele der Kärrner,

die für schweres Geld gemietet worden waren, weil die meisten jüdischen

jungen Leute nicht mit Pferden zu hantieren verstanden, und die an der

nächsten Grenze durch andere abgelöst werden mußten, machten schon

bissige und feindselige Bemerkungen. Viele Frauen trugen ihre Kinder auf

dem Rücken, in Tücher eingehüllt. Wie langsam und mühevoll ging es

hinan! Das Geschrei der Fuhrleute erfüllte die Luft, die Zigeuner

heulten durcheinander, daß es rings wiederhallte wie in einem Kessel,

und als einmal eine Wildsau über den Weg rannte, kreischten die

furchtsamen Weiber durchdringend auf, und auch viele Männer wurden blaß

und starrten fassungslos vor sich hin. In halber Höhe begannen die

Steinbrüche, die nach dem großen Frieden von Nürnberger Bürgern gekauft

und ausgebeutet worden waren. Jetzt galt es, Gestrüpp und überhängende

Äste aus dem Weg zu räumen, und man mußte vorsichtig sein, damit kein

Rad dem Abgrund eines Steinbruchs zu nahe kam. Drunten lagerte schwarzes

Wasser, und es schien brunnentief zu sein. Der Regen bildete enge Ringe

und der Himmel sah hinein und spiegelte sich darin mit düsterer Stirn.

Schutt und Geröll und unbehauene Steine lagen umher; allenthalben gab es

Löcher und tückische Schluchten, und das Heidekraut wuchs an den Hängen

und die Brennessel. Wie große Ruinen waren diese Brüche, wie die

zerstörten Häuser von Riesen, und sie hatten dazu etwas so frisch

Verlassenes, daß man oft aus einem Abgrund den ungeheuren Leib des

Bewohners auftauchen zu sehen glaubte.

Es ward Abend. Dicke Pfützen von Regenwasser standen in den Höhlungen

des Weges, oder im Weggraben, und die Räder fuhren hinein, und das

Wasser spritzte hoch auf. Erstaunlich war es und zugleich unheimlich,

daß noch keiner an eine Umkehr dachte, da sie doch nur Peinigungen und

Mühsale vor sich sahen. Sie blickten unerschüttert hinaus in diese

mysteriösen Weiten, und es war eine dumpfe Ergebung, die sie so

hinwandeln hieß, verstummt vor dem unhörbaren Gebot dieses Hüters in der

Ferne. Wühlten Zweifel in ihrer Seele? Waren sie zu müde, mit ihren

Zweifeln sich abzufinden? Zu stoisch oder zu sklavisch, den Willen jener

Idee zu brechen? Zu feige, um sich bloßzustellen durch Ahnungen? Wer

kann es wissen. Ein geduldiger Fatalismus war über sie gekommen. Als es

dunkler und dunkler wurde, erhob sich ein ungestümer Sturm. Die Stämme

erzitterten, viele Pechfackeln verlöschten und die Funken flogen

beängstigend gegen die Kronen der Bäume.

Auf einmal, es mochte um die sechste Nachmittagsstunde sein, erschallten

von vier Seiten im Dickicht des Waldes gleichzeitig Trompetensignale.

Der ganze Wagenzug stand fast mit einem Ruck still. Ein furchtbares

Schweigen, eine wahre Totenstille entstand im Nu. Alle wußten, was

nun kommen würde, und sie waren so feig, daß sie förmlich

zusammenschrumpften vor Angst. Da oder dort, in einer Lücke des Gehölzes

erschien ein Reiter in der Tracht der Nürnbergischen Bürgersoldaten,

beleuchtet von den Fackeln, die sie am Bug des Pferdes befestigt hatten.

Mit höhnischem Lächeln betrachteten sie den matten Zug der Auswanderer;

sie verachteten die kriegerische Aufgabe, die ihnen zu teil geworden

war. Die Stimme des jungen Wagenseil erschallte: zu den Waffen, zu den

Waffen! Es war ein heiserer Schrei, halb erstickt durch die Erkenntnis

der Hoffnungslosigkeit und des Fehltritts. Da krachte schon eine Flinte,

schwer und donnernd; der greise Rabbi Elieser sank, ohne einen Laut von

sich zu geben, ins schwammige Erdreich, und sein altes Blut floß

ungehemmt dahin und mischte sich mit dem Regen. Jetzt wurden die Gemüter

aufgerüttelt. Sie fühlten, daß es nicht nur die Freiheit war, die sie

jetzt erringen sollten; hier stand der Jude vor dem Christen, Glaube

gegen Glaube. Viele waren plötzlich wie betrunken. Sie stürzten zu den

Wagen, packten, was sie gerade fanden: ein Küchengerät, einen Strick,

eine Latte, einen Eisenstab, einen Besen, eine Flasche, ein altes

ehernes Thürschloß, Lenkriemen für die Pferde, Steine, Stöcke und

Baumäste, das alles sollte Schutz geben gegen die Waffen geübter

Landsknechte. Nur zehn oder zwölf hatten Flinten aufzufinden vermocht,

aber da sie nicht mit der Hantierung vertraut waren, ergriffen sie sie

vorn am Lauf und schwangen die Kolben drohend in der Luft. Doch schon

knallten die Nürnberger von allen Seiten ihre Gewehre los und ein Knabe

und zwei Frauen folgten dem armen Elieser in den Tod. Die Weiber

begannen ein herzzerreißendes Weinen; das Schluchzen muß tief in den

Schoß der Erde gedrungen sein, denn noch heute hört man es zur Nachtzeit

in den Wäldern dorten. Die Zigeuner allein verstanden zu schießen, aber

sie hatten kein Ziel, denn die Pferde der Angreifer waren überaus

unruhig und sprangen förmlich gequält von Baum zu Baum, während sie im

Fackelfeuer ihre eignen Schatten vor sich tanzen sahen. Viele alte

Männer hockten mit fanatisch glänzenden Augen im Wagen, wo die heilige

Schrift sich befand, küßten die Schrift mit bebenden Lippen und beteten

ein Schemenesre und sangen Psalmen. Die Kinder verkrochen sich unter die

Räder und waren gänzlich betäubt vor Schreck. Einer der Angreifer schrie

auf seinem bockenden Gaul etwas von Ergeben und Umkehren, aber seine

Worte verhallten, worauf er Befehl zu neuem Feuern gab. Nun mußten

Boruchs Klöß und Wolf Bieresel an den finstern Tod glauben und fielen

hin und streckten sich aus zu jenem langen und gefürchteten Frieden. Die

Verzweiflung erschafft sich eine wilde Soldateska. Mit ihren grotesken

Waffen liefen die Juden auf ihre grausamen Feinde zu und fürchteten

weder Sterben noch Wunden. Sie sahen nicht mehr, sie waren wie im

Rausch, sie schrieen hebräische Worte und ihre wunderliche Kleidung gab

ihnen etwas Gespensterhaftes. Ein Teil stürzte zu Boden über Knorren und

Wurzeln, denn das Erdreich war glatt und schlüpfrig, die nassen Zweige

schlugen ihnen ins Gesicht und dann lagen sie da und wälzten sich in

konvulsivischen Zuckungen. Nichts mehr schien zu helfen, eine blutige

Nacht schien im Nahen zu sein, da gellte plötzlich eine wie toll

kreischende Stimme: Feuer! der Wald brennt! Und: der Wald brennt! der

Wald brennt! lief es weiter in der Kette. Die Tannenstämme am zweiten

Steinbruch waren wie von innen erleuchtet durch eine dicke gleichmäßige

Glut. In der Tiefe des Forstes stieg ein breiter Lichtkegel empor, ruhig

und blendend. Die Luft war durchdrungen vom Purpur der Flammen, die

nassen Blätter glänzten, das nasse Moos. Bis in den Grund der

Steinbrüche leuchtete der Brand. Schlängelnde Flammen spiegelten sich

jäh im nachtschwarzen Moorwasser. Aufsteigend und aufsteigend wie aus

einem unerschöpflichen Schlund vermehrte sich die Kraft der

Feuersbrunst. Das feuchte Holz prasselte und knatterte, die Flammen

leckten gierig von Baum zu Baum, angetrieben durch den sausenden Sturm,

der von den Feldern herauffegte. Es wurde drückend heiß; als ob sie aus

den Wolken hervorgetreten wären, erschienen die Ruinen der Schwedenveste

zwischen den Feuern. Schrei auf Schrei erschallte, Schreie gräßlicher

Angst, wie sie der Wald niemals vorher und niemals nachher vernommen

hat. Die Gäule der Landsknechte heulten mit jenen Tönen, die stundenweit

ins Land dringen, und rannten unaufhaltsam den Abhang hinunter durch

Gestrüpp und über Felsen. Ein junger Reiter, der Sohn des Nürnberger

Stadtschreibers, blieb mit seinen langen Haaren an einem Ast hängen,

während das tolle Roß weitersauste zur Tiefe. Hilflos, mit stets

schwächer werdenden Rufen hing er wie einst Absalom und mußte die

Flammen heranschleichen sehen und ihn belecken bei lebendigem Leib.

Unter den Juden war die Verwirrung so groß geworden, daß viele

geradewegs in das Feuer hineinflüchten wollten; die mit Pferden

bespannten Wagen rollten hinter den entsetzt fliehenden Tieren davon und

wurden halb zerschmettert; schmerzliches Stöhnen drang aus allen Ecken

und die Zigeuner machten sich den Wirrwarr zu nutze und stahlen selbst

jetzt noch, was ihnen unter die Faust kam. In der größten Ratlosigkeit

erschien Zacharias Naar. Er stellte sich vor die Fliehenden, erhob die

Arme und vermochte ihren Lauf zu hemmen. Er führte sie so sicher durch

die Flammen, als ob ihm diese aus Ehrfurcht den Durchzug frei gäben und

alle folgten ihm wie Lämmer dem Hirten, und ruhig zogen die Fuhrleute

die Wagen nach.

Im Wagen des Maier Knöcker lag ein neugeborenes Wesen auf der bloßen

Diele. Rahel, durch die Häufung von Schrecknissen erschüttert, war mit

einer Frühgeburt niedergekommen. Sie lag regungslos in der Ecke auf

nacktem Stroh, während draußen der große Tumult wie Laute aus einer

fernen Welt, wie durch Mauern zu ihr kam. Sie wußte kaum, wie sie es

hatte ertragen können, und doch war ihr jetzt so gut. Sie hörte, wie die

beiden Ochsen vor dem Gefährt gutmütig blökten; ihr dünkte, sie sei

wieder bei ihrer alten Tante in Rot, wie vor zwei Jahren. Ein feiner

Lichtschein, der stärker und stärker wurde, fiel in den Raum, aber auch

das vermehrte ihr Wohlbehagen. Es war ihr, als stünde der Geliebte neben

ihrem Lager und streichle sie, und sie sah einen alten, gepreßten

Lederdeckel vor sich schweben, den sie oft in seiner Wohnung gesehen

hatte, und der etwas Fremdes und Liebliches, etwas Märchenhaftes an sich

hatte. Er hatte sie oft zum Heiland bekehren wollen, aber was war ihr

der Heiland und was war ihr selbst der Gott ihrer Väter neben der

bitteren und leidenschaftlichen Liebe, die sie empfunden! In ihr sang

und klang es stolz von alten Liedern mit einem süßen, hallenden

Kehrreim, da der Abend im Mai kommt und die Blüten zart umhaucht und die

stille Nacht von Liebe schwer ist.

Holpernd rollte der Wagen gleich den andern unter der Leitung von

Zacharias Naar ins Thal. Wortlos kniete Maier Knöcker vor dem

Neugeborenen und achtete nicht das durchdringende Quietschen des Wurms.

Er war völlig zusammengebogen, der Nathan, und schien nur noch ein

Haufen von Kleidern. Er hatte die Fäuste geballt wie zum Schlag und

bisweilen zitterte er am ganzen Körper. Das Wesen, das vor ihm sich

wand, war ein Knabe. Sonst vermochte er nichts mehr zu denken. In seinem

Innern war ein Loch und um ihn herum war es kalt und finster. Ihm

gegenüber saß sein Weib. Sie hatte Hilfe geleistet bei der Geburt. Sie

war durch nichts bewegt worden. Es schien, als könne sie durch nichts

mehr in der Welt überrascht werden, nicht durch Reichtum und Kleinodien,

nicht durch Schmerzen und die Wandlungen des blinden Schicksals.

Die Bauern standen auf den Feldern und sahen hinauf in die brennende

Höhe und in den glühenden Himmel. Scheu wichen sie zurück vor den Juden,

die sich langsam zu sammeln begannen. Aus allen Richtungen kamen die

Verstreuten und fanden sich mit Freudenrufen ein. Für die Nacht wurde

ein Lager bereitet; die Zigeuner, deren Hilfe jetzt nötig gewesen wäre,

waren spurlos verschwunden. Zacharias Naar stand sinnend an einem

Ginsterstrauch und lächelte trüb seinem Werk zu: dem brennenden Wald.

Noch in der Nacht kam eine große Menge von Bauern, mit Sensen, Beilen

und Knüppeln bewaffnet und sie konnten nur mit Mühe und unter großen

Opfern an Gold und Silber auf friedlichem Weg zum Abzug bestimmt werden.

Der Rest der Nacht verlief ruhig; aber am Mittag des nächsten Tages

wollte man aufbrechen und den Marsch beschleunigen, um den

Feindseligkeiten der Nürnberger zu entgehen und sich zum Weiterzug in

den Schutz der Markgrafen von Onolzbach zu begeben. Der Vormittag sollte

der Bestattung der Toten gewidmet werden. Das Kind des Wolf Batsch und

die Frau des Samuel Ermreuther waren in der Eile im Wald liegen

geblieben und ihre Leichen waren verbrannt. Die Familie des Elieser war

die ganze Nacht wach geblieben, war an der Leiche des Greises gesessen,

während die Frauen an den Sterbekleidern näheten. Auch in den andern

Wagen, in denen es Verstorbene gab, blieb das Licht brennen zu den

aufrichtigen Thränen der Trauernden. Oft klang der Schrei des Wildes aus

der Höhe des Waldes herab, wo sich das Feuer beruhigt hatte; über der

Ruine lag eine schwere Rauchkrone, und die noch glimmenden Stämme

leuchteten herrlich in die weite Ebene hinein.

Der Morgen kam mit dichtem, regungslosem Nebel. Die Gräber waren rasch

gegraben, denn das geschieht bei den Juden mit Hingebung, weil sie alles

für ein gutes Werk ansehen, was für einen Verstorbenen geschieht. Die

Weiber mußten in der Behausung bleiben, sie durften nicht mitgehen bei

Begräbnissen, außer den nächsten Blutsverwandtinnen, und denen durfte

sich während dieser Zeit kein Mann nähern, weil es hieß, der Engel des

Todes tanze mit dem bloßen Schwert vor den Weibern her. Bevor der Körper

in den Sarg gebettet wurde, begoß man ihn dreimal mit Wasser, und ein

alter Chronist sagt schon, daß dies etwas anderes bedeute, als eine

äußerliche Reinigung. Feierlich erklingen dazu die Worte des Propheten:

ich will rein Wasser über euch sprengen, daß ihr rein werdet von eurer

Unreinigkeit, und von all euren Götzen will ich euch reinigen. Und als

die Begießung geschehen, faßte der Chassan den Körper bei der großen

Zehe an und kündigte ihn der Gesellschaft der Menschen völlig auf. Dann

wurde der Leichnam mit weißen Kleidern angethan, sein Haupt wurde mit

dem Tallis bedeckt und also angekleidet wurde er in den Sarg gelegt. Die

Zizis, die nicht vergessen werden durften, sahen ein Stück aus dem Sarg

hervor. Und weil die Juden alle Erde außer der Erde Kanaans für unrein

achten, so bedeckten sie die Augen des Toten mit einer weißen Erde, die

aus dem heiligen Land sein soll, und auf die Erde legten sie zerbrochene

Scherben von Töpfen. Und dann wurde der Sarg zum Grab getragen, und es

war üblich, ihn auf diesem Weg dreimal niederzusetzen. Und jeder Freund

warf drei Schaufeln Erde in das Grab, und der nächste Blutsverwandte

zerriß seine Kleider. Der Totengräber nahm dabei ein Messer verkehrt in

die Hand und schnitt oben einen Riß in das Kleid dieses Leidtragenden,

der dann den Riß mit der Hand vollendete.

Bald waren die Bestattungen zu Ende. Die Sonne brach hervor aus den

Nebeln, und leuchtend lag alles Land da. Langsam schritten die

Leidtragenden zurück, und sie wuschen dreimal ihre Hände, weil sie sich

mit dem Tod verunreinigt haben. Und manche rissen auch dreimal Gras aus,

um es rückwärts hinter sich zu werfen.

Die Zurückkehrenden wurden mit der Nachricht empfangen, daß Maier

Knöcker, der Nathan, gänzlich in Wahnsinn verfallen sei. Der Eindruck

dieser Kunde war nicht tief, um so mehr, als Zacharias Naar vor dem

Aufbruch in Worten von eindringlicher Kraft den Mut und die Zuversicht

schwellte wie der Sturm das schlaffe Segel. Sie vergaßen Not und Mühen

wieder und weihten sich gänzlich dem Glauben an die große Zukunft, an

die Macht und Unumstößlichkeit all dieses Langgehofften, Langentbehrten.

In solchen Stimmungen des Vertrauens wirkte jede Herbstzeitlose, die

blaß und kümmerlich aus den Feldern grüßte, als ein Freudezeichen, jeder

frühe Sonnenstrahl hatte etwas Berauschendes, Liebenswürdiges und

Ergreifendes an sich. Der eine Mensch macht den andern gut und froh; es

ist ein stummes Zureden unter ihnen, ein wortloses Sichbestärken. Es

ist, als ob das Unglück sie nun geweiht hätte zum Dienst des Rechtes,

zum Dienst des Glücks, und wenn einer ein fallendes Meteor in der Nacht

gewahrt, ist es ihm eine Glücksbürgschaft für Tage, für Wochen. Es giebt

Perioden in der Geschichte der Menschen, die etwas Nervöses und

Zuckendes an sich haben, ein Hintaumeln von der Schlucht zur Höhe, ein

bewußtloses Berauschtsein; da wachsen dann Menschen, die etwas von der

erschreckenden Empfindlichkeit junger und feuriger Pferde haben, und

denen ein seltsamer Morgentraum die Begeisterung zu großen Thaten

verleihen kann. Denn an sich giebt es keine Freuden und giebt es keine

Erlösungen in diesem wunderlichen Labyrinth von Schicksalen, in dem wir

leben.

Mit gutem Mut zogen die Juden im Schein der Herbstsonne gegen das Thal

der Rednitz hinunter. Drei Wagen, – die des Obadja Änsel, des Hutzel

Davidla, des Simon Fränkel, – waren schon früher aufgebrochen und

bildeten gleichsam die Vorhut. Sie fuhren nicht mehr so langsam wie am

vorhergehenden Tag. Die weißen Wagendecken leuchteten freundlich in der

Landschaft, der Wald stand in seinem matten Grün wie eine niedere Wand

am Horizont, der Himmel war klar und rein und lichtbegossen, und das

Licht strömte verschwenderisch über die Gefilde. Drüben, weit drüben,

lag die alte Kadozburg und auf der andern Seite, noch weiter, kaum noch

als zarte Silhouette erkennbar, das Kaiserschloß von Nürnberg.

Da sah der Hauptzug, wie seine Vorhut im Gelände stille hielt. Der Maier

Lambden hielt die Hand über die Augen und sagte, er sehe eine Anzahl

fremder Wagen, die aus einem Gehölz herausgefahren kämen, das sie bis

jetzt bedeckt habe. Jetzt stiegen mehrere auf die Kutschböcke und sahen

aufmerksam hinaus. Den meisten schlug das Herz in der Brust; denn sie

fürchteten einen neuen Überfall. Der junge Wagenseil, der vortreffliche

Augen hatte, sagte, es seien Leute, die eine ungewohnte und

fremdländische Kleidung trügen; aber er hielte sie für Juden. Dann sagte

er, Obadja Änsel ginge den Vordersten der unbekannten Karawane entgegen.

Dann sahen alle, wie sie sich trafen, und wie sie kurze Zeit mit

einander redeten. Und dann sahen sie, wie der Obadja Änsel die Arme

ausbreitete wie ein Ertrinkender und dann hinfiel wie ein Stock. Und

dann liefen zwei nach und redeten ebenfalls und schienen in Weinen

auszubrechen und gebärdeten sich wie Verrückte. Zirle stand und schaute

unablässig in die Ferne, wo diese Scenen sich ereigneten und plötzlich

stieß sie einen markerschütternden Schrei aus, als ob sie alles durch

die Lüfte vernommen hätte, und sank vom Wagen herab. Die vordersten

Wagen kehrten um, kehrten zurück und in kurzer Zeit hatte sich ein

lähmender, tötender Bann von wildem Schmerz um die vorher so

wanderungslustigen Menschen gelegt.

Sabbatai Zewi war zum Islam übergetreten.

Der Prophet, der seine Zeit beunruhigt hatte wie eine seltene

Himmelserscheinung, hat bei Zeitgenossen und Nachwelt nur das dunkle

Bild des Geheimnisvollen und Rätselhaften hinterlassen. Wenn nicht seine

außerordentliche Schönheit die Welt betrunken gemacht, so war es doch

der Zauber seines Geistes, die Größe seiner Seele oder das Hinreißende

seiner Worte. Oder wäre es nichts dergleichen gewesen? Es giebt Stimmen

aus jener Zeit, die ihn dem Teufel gleich erachten oder einem schlechten

Schauspieler oder einem Würfelspieler oder einem Lüsternen oder einem

banalen Charlatan. Aber wer kann den Beweggrund seiner Handlungen

kennen? Oft ist die Geschichte wie ein dummes Frauenzimmer und läßt sich

bethören von der Fabel und von der Fama und das ist gut, denn wie sollte

der arme Nachgeborene die Fülle erdrückender Wahrheit ertragen, die sie

ihm sonst nicht vorenthalten könnte? Der Grundpfeiler alles dessen, was

besteht, ist die wohlthätige Lüge. Wenn in Polen ein Froschmensch zur

Welt kommt und der Türke macht einen Gottmenschen daraus, so ist das

nicht weniger wichtig, als die wahrhafte Mission eines Heilands.

Der fremde Zug, der den Weg der Fürther Juden so jäh gehemmt hatte, war

ein kleiner Teil der Wiener Juden, die um diese Zeit von Kaiser Leopold

des Landes verwiesen worden waren. Die Verzweiflung der Juden war groß

und kann nicht in den herkömmlichen Worten beschrieben werden. Es war,

wie wenn ein hoffnungsvoller Sohn plötzlich hinstirbt, auf den man alles

gesetzt, von dem man alles erwartet, und der nun geht. Doch es war

schlimmer. Es war mehr wie der Tod, schrecklicher wie der Tod, etwas,

das die ganze Haltlosigkeit des Lebens in einem grellen Bild zeigte. Die

Juden sind ein starkes und störrisches Volk; doch sind sie nur groß,

wenn ein wenig Gelingen bei ihnen wohnt, und sie sind nicht lange groß,

denn sie brechen leicht in dem Erstaunen über ihre eigne Größe. Auch

Sabbatai Zewi war ein Jude, vielleicht das klarste Bild des Juden, ein

Stück Judenschicksal: Macht oder Sklaverei.

Viele zogen wieder nach Fürth zurück. Einige Familien der

österreichischen Vertriebenen, die große Not litten, und furchtbare

Entbehrungen hinter sich hatten, siedelten sich nebst einigen jungen

Leuten aus Fürth in dem stillen Thale an. Bei ihnen blieb Thelsela, das

Weib des blödsinnigen Maier Nathan, mit ihrer Tochter und ihrem Enkel,

der der Stammvater jenes denkwürdigen Menschen wurde, von dem in den

folgenden Blättern die Rede ist. Die Thelsela war zu müde geworden, nach

der stiefmütterlichen Heimat zurückzukehren, an der Seite der Christen

zu leben und stets durch den Ort, wo sie gelitten, an die Reihe ihrer

Leiden erinnert zu werden. Sie verkaufte ihr Haus und baute dort drüben

ein neues. Sie wollte nichts mehr vom Leben; sie war auch nicht die

Frau, viele Worte um das Leben zu machen. Sie trug knechtisch und trug

still. Sie war vernünftig geblieben, doch ihre Vernunft hatte etwas

Dunkles, Bitteres und Lehrhaftes.

Jener Ort, der mit Erlaubnis des freundlichen Herrn von Onolzbach

gegründet wurde, hieß zuerst Zionsdorf, welcher Name dann durch die

einwandernden Christen in Zirndorf umgewandelt wurde. Er gedieh, die

Felder um ihn herum waren fruchtbar und voll Segen und waren stets

bereit, die anvertraute Saat zehnfach zurückzugeben. Schön ist dies Land

und voll von unmittelbarer Poesie für den, den es geboren hat.

Zacharias Naar und Zirle blieben für immer verschwunden. Ihr Leben

verlor sich in eine Folge von Sagen und schließlich wurden auch ihre

Thaten märchenhaft. Geschlecht auf Geschlecht erstand und verblühte, und

eine neue Zeit kam. Und das Kommende war immer größer, freier und

vollendeter, als das Vergangene, und der Jude, anfänglich nur Knecht,

wert genug, den Fußtritt des übelgelaunten Herrn zu empfangen, that

seine Augen auf und erspähte die Schwächen und erriet die Geheimnisse

dieses Herrn. Da griff er alsbald mit seinen Händen hinein in die

Maschinerie der Völker und ihrer Gerichte und ihrer Kriege, und oft

verrichtete er ungesehen wahrhaft kaiserliche Dinge, wenn die Monarchen

schliefen und die Minister schwach waren. Sabbatai wurde ein Moslem, und

manche sagen zum Schein. Der Jude wurde ein Kulturmensch, und manche

sagen zum Schein. Manche sagen, der Verderber und der Verführer sitze in

ihm und er verstünde die Bühne dieser Welt besser als ihre Erbauer. Dies

ist sicher: ein Schauspieler oder ein gütiger Mensch, voll innerlicher

Schönheit und doch häßlich; lüstern und asketisch, ein Charlatan oder

ein Würfelspieler, ein Fanatiker oder ein feiger Sklave, alles das ist

der Jude. Hat ihn die Zeit dazu gemacht, die Geschichte, der Schmerz

oder der Erfolg? Gott allein weiß es. Vor den Blicken thut sich ein

unermeßliches Bild auf, denn das Wesen eines Volkes ist wie das Wesen

einer einzelnen Person: sein Charakter ist sein Schicksal.

Die Juden von Zirndorf · 第 5 / 45 题