Vorspiel

Gemächlich schwebt die Zeit hin über die Länder und über die

Geschlechter, und wenn sie auch Städte zertritt und Wälder zerstampft

und neue Städte und neue Wälder hinwirft mit gleichgültiger Gebärde, so

vermag sie doch dem heimatlichen Boden niemals seine Lieblichkeit zu

rauben oder seine Rauhheit, kurz jene Gestalt und jenes Antlitz, womit

die Heimat ihren Sohn erfüllt, indem sie ihn gleichsam als ihr Eigentum

in Anspruch nimmt und ihm auf den Weg seines Lebens nur diese Worte zur

Mitgift wählt: aus meinem Thon bist du gemacht.

Die süße und einschmeichelnde Linie des Horizonts, die von den Mauern

Nürnbergs über Altenberg nach der Kadolzburg zieht, hat sicherlich im

Lauf der Jahrhunderte keinerlei Veränderung erlitten; es sei denn, daß

ein gewitterreicher Sommer eine einsame Pappel gefällt, oder daß eine

ungestüme Überschwemmung einen stillen Fichtenhain mit fortgerissen

hätte. Dort, wo Rednitz und Pegnitz zusammenfließen, haben freilich die

letzten zweihundert Jahre den Flor der Wälder vernichtet, aber weiter

hinüber, jenseits der alten Feste mit ihren Steinbrüchen und ihren

dunklen Tannen, dehnt sich der fränkische Gau seit Urandenken als eine

weite, breite, friedliche, fruchtbare Ebene, wo das Korn gedeiht und die

Kartoffel gedeiht und der Mohn blüht und die weiße Rübe reift.

Aber in jenem stillen Winkel zwischen den beiden Strömen haben die

Kriege des siebzehnten Säkulums dem natürlichen Schmuck des Bodens gar

sehr Abbruch gethan. In den dreißiger Jahren befand sich hier das große

Lager der Schweden, und der geängstigte Bauer fand seine guten Äcker mit

Blut gedüngt. Schnellfüßig hastete der Kriegsschrecken durch Franken und

die kurfürstlich Onolzbachischen und die Nürnbergischen sahen sich

gleicherweise gedrängt, Mut und Gottvertrauen nicht fahren zu lassen.

Lange Jahre gingen hin, bis die zertretenen Felder wieder zu ihrer

natürlichen Fruchtbarkeit erwuchsen, und selbst nach dem Friedensschluß

lag noch manches Stück Land verödet. Überall zeigten sich Spuren frecher

Feindeshände. Unweit der Kapelle Karls des Großen, die am Schießanger in

Fürth steht, ragt ein mächtiger Steinhaufen in die Höhe, und man sagt,

die Schweden hätten ihn aufgerichtet als ein Wahrzeichen ihrer Siege.

Nämlich jeder Stein bedeutet ein geplündertes Haus. Langsam entfaltete

sich der Frieden wieder; gleichsam schüchtern wuchs er heran und sah mit

ungläubigen Augen ins ebene Land der Regnitz hinauf. Das Volk begann zu

vergessen und es kam die Zeit, wo schon die Väter und die alten

Veteranen von den Schrecken der Schlacht erzählten, und sie ließen sich

die Mühe wahrlich nicht verdrießen, all die Fährlichkeiten, die sie

erlitten, phantasievoll auszuschmücken, und was sie an Heldenthaten von

andern vernommen, sich selbst zuzuschreiben. So war es Kriegerbrauch

seit Kriege bestehen, und die von Franken waren mit ihrer Zunge immer

ein wenig mehr Helden als mit ihrem Arm. Der Krieg gewinnt an Buntheit

und an Frohheit, wenn ihn die Jahre fortgetragen haben, und gar mancher

erzählt schmunzelnd von jenen Gräueln, die ihn einst erzittern ließen

bis in seine tiefste Seele.

Auf jenem Schwedenstein bei der Kapelle befand sich auch unter vielem

anderem Gemäuer ein gut zubehauener Granitblock, welcher mit seltsamen

und fremdländischen Lettern bemalt war. Es war eine jüdische Inschrift

auf einem Grabmonument, und die Schweden hatten ihn vom Gottesacker der

Juden gestohlen und ihn hier unter die Steine rechtgläubiger Christen

geworfen. Kein Christ wagte es, den Stein zu entfernen, denn ein großes

Befremden ging von ihm aus und seinen verschnörkelten Lettern, und sie

hatten Furcht, daß sie dem Bann eines Zauberspruchs verfallen möchten,

wenn ihre reine Hand den verruchten Judenblock berührte. Mehr als drei

Jahrzehnte lag der Grabstein so; wollte man seine Inschrift in die

Sprache jener Zeit übersetzen, so lautet sie: Der schöne Joseph, den man

nur gern angesehen, unsere Augen-Lust ist nicht mehr vorhanden. Jetzt

sind ihm der Gabriel und Michael als Hüter zu seiner rechten und linken

Hand zugegeben worden. Die Jahre seines Lebens waren wenig und boeß. Er

brachte sie nicht höher als auf siebzig. Er war ein solcher Regent, der

wie Barak und Deborah, das Volk mit großem Ruhm regieret. Er suchte

seine Lust in dem Studieren, sein Sterben war wie seine Geburt, nemlich

ohne Sünde. Als seine Seele am fünften Tag in der Woche von ihm

geschieden, hörte man Heulen und Weinen. In Bamberg ist er freudig

gestorben, den achtundzwanzigsten Tag des Sivans. Jetzt ist dies die

Zeit, da wir vor Jammer und Herzeleid unsere Kleider zerreißen und

unsere Augen Thränen fließen lassen. Nach seinem Abscheiden hat man ihn

zu Fürth zur Grabesruhe gebracht. Seine Seele soll gebunden sein in das

Bündelein der Lebendigen mit der Seele Abrahams, Isaaks und Jakobs und

der Sara.

Lange Zeit hindurch war es der Kummer der Juden, einen Stein aus ihrem

Heiligtum solcher Entweihung preisgegeben zu wissen. Sie glaubten auch,

die Seele des Joseph Gabriel, des Naphtali Sohn, hätte keine Ruhe und

wandle allnächtlich klagend zum Schwedenstein. Denn auch sie wagten

nicht, den Stein zu entfernen, weil der Schwedenstein als eine Art von

Friedens-Symbol galt, und jede Beschädigung einer Vorbedeutung neuen

Krieges gleichgeachtet wurde. Schwer trug der Bürger und der Bauer noch

an Kriegeslasten, und viele ließen vom Pfaffen ein Bittgebet um langen

Frieden sprechen.

So stand also das Grabmal der Juden unter ungleichartigen Genossen wie

ein Fremdling aus weiter Ferne. Es sprach eine unbekannte Sprache und

seine edlere Form ließ es zu besserem Dienst berechtigt erscheinen. Es

blickte nicht hinaus auf die Ebene, sondern sah herein gegen die

niederen Häuser und in die krummen, winkeligen Gassen von Fürth. Und

unfern rauschte der Fluß hinunter ins Bistum Bamberg, und wenn er im

Herbst die gelben Fluten zum Uferrand und noch weit darüber

hinauswälzte, so mußten stets einige Linden am Schießanger ihr Leben

lassen. Das Wasser brach sie wie dürre Zweiglein und trieb sie ins

Mainland hinab, innig gesellt mit Balken und Astwerk und Hausgeräten und

allerlei seltsamen Dingen, die der wildgewordene Strom aus der guten

Stadt Nürnberg mit sich führte.

Wenn der Stein des Joseph Gabriel an Gottesfrieden verlor, so gewann er

hingegen an Weltweisheit und Kenntnis der Dinge und Menschen. Ernst

besah er sich das Treiben der Leute, die um ihn herumwandelten wie die

Sperlinge um einen gedeckten Tisch; Gewitter und Schneegestöber, Regen

und Sonnenhitze, er hielt sie mit gleicher Geduldigkeit aus, und wenn

die sanfte Nacht seine graue Stirn beschattete, so schien darauf noch

ein süßer Abglanz der letzten purpurnen Sonnenröte zu haften oder ein

Vorglanz des kommenden Morgenrots. Denn die Sonne strahlt diesem

Erdstrich beim Aufgang und beim Niedergang mit einer unerhörten Glut,

welches die Gelehrten dem Dünstereichtum des Landes zuschreiben.

Fest, Tanz und Kirmesspiel waren von jeher üblich bei den Fränkischen,

die einen leichten Sinn haben und ihre Pfennige gern zum Schenkwirt

tragen. An einem Kirchweihtag im Oktober, siebzehn Jahre nach dem großen

Friedenspakt, – wie jubelte das Volk auf dem Schießanger, wie schwangen

sich die Mädchen zum Tanz und wie lustige Weisen spielten die Zigeuner

und Spielleute! – ging ein alter Mann, nachdem er lange Zeit

nachdenklich vor der jüdischen Inschrift am Schwedenstein gestanden,

gegen den Anger zu. Der Abend sank schon herab und der Himmel war von

einem matten Rot getränkt. Blaue Schatten fielen auf den rauschenden

Fluß und Schmiedehämmer tönten von fernen Gassen her, und der schrille

Laut verklang erst weit draußen in den Wiesen. Dann setzte wieder die

Musik ein: Orgel und Fiedelbögen und die Maultrommel und die

Wasserpfeife. Die Buben lachten und sprangen wilder als je um die alten

Bäume, und die Mädchen hatten glänzendere Augen an diesem festlichen

Tag. Die Nürnberger Kaufleute boten niegesehene Waren aus und die

Seiltänzer und Taschenspieler und die Zigeuner versprachen Wunder an

Kunst zu bieten. Als die Dämmerung herabsank, befestigte man Pechfackeln

an die Stämme und die fahrenden Häuser der Komödianten, und der schwere,

braune Rauch erhob sich in weiten Wellungen und zog hinüber gegen den

Strom, zog über die Wiesen hin, und einzelne tolle Funken sprangen

knisternd in die Lindenäste. Die dumpfe Glut gab den Gesichtern der

Menschen ein abenteuerliches Farbenspiel und die Sterne am Himmel

verblaßten für jeden, der sich in diesem Leuchtkreis befand. Der alte

Jude hielt die rechte Hand wie einen Schirm über die Augen und blickte

finster und forschend in das heitere Getümmel. Sein Gesicht war von

grünlich-weißer Färbung und ein roter Bart floß mager um Wangen und

Kinn, so daß er nur eigentlich eine Art von Rahmen bildete und dem

Gesicht etwas Fremdes, etwas erschreckend Deutliches verlieh. Dann waren

seine Augen: die braunen Sterne irrten unruhig in dem geröteten Weiß

umher, und bisweilen erweiterten sich die Pupillen so rasch wie die

eines Raubtiers. Es waren die Augen der Juden, – voll Hast, voll

Unfrieden, voll von unbestimmtem Flehen, von einer gedrückten Innigkeit,

bald in Leidenschaft flackernd, bald in Schwermut alle Glut verlierend,

die Augen des gehetzten Tieres, das angstvoll und kraftlos die Blicke

dem Verfolger zuwendet, oder in bebender Sehnsucht hinausstarrt in das

reiche, ferne Land der Freiheit. „Das Volk ist wild,“ murmelte er, „da

tanzen sie und blasen Schalmeien und morgen schon wird Gott ein Gericht

halten, daß es unerhört sein wird.“ Er blieb stehen, verbeugte sich tief

nach Osten und lispelte ein kurzes Gebet durch die schmalen Lippen.

Unter den Linden des Angers tanzte ein Zigeunermädchen einen seltsamen

Tanz aus der Heimat und zwei Burschen spielten die Geige dazu. Eine

Menge von Zuschauern hatten sich im weiten Kreis versammelt, und das

düstere Licht der Fackeln machte alle Augen größer und lichtreicher und

gab den Gesichtern ein neues, fremdes Leben. So ist es immer in den

Tagen Remigius, Leodegar und Lukretia in Fürth; da erwachen die Menschen

aus dem drückenden Traum ihrer Sorgen und eine gütige Sonne lacht ihnen

ins Herz.

Nach der Zigeunerin kam ein junges Mädchen von großer Schönheit langsam

in die Mitte des Kreises. Wunderlich irrten schmale Schatten auf ihren

bleichen Wangen und auf ihrer Stirn, und sie war schlank wie jene

Frauen, die man damals zu Florenz malte. Ein langes Gewand floß an ihrem

Leib herab, und sie begann, ohne die Arme zu bewegen, ohne die Augen vom

Boden zu erheben, mit klagender Stimme ein Recitativ:

Ich weiß nicht, wo’s Vögelein ist,

Ich weiß nicht, wo’s pfeift.

Hinterm kleinen Lädelein,

Schätzlein, wo leist?

Es sitzt ja das Vögelein

Nicht alleweil im Nest,

Schwingt seine Flügelein,

Hüpft auf die Äst’.

Wo ich gelegen bin,

Darf ich wohl sagen.

Hinterm grün Nägeleinstock

Zwischen zwei Knaben.

Doch weshalb sang sie dies so leise und melancholisch? Ihre Lippen

zitterten und sie senkte den Kopf tief gegen die Brust. Der Harlekin kam

und äffte sie, aber sie blieb starr wie eine Bildsäule; der Narr begann

an ihr herumzuschnuppern und erklärte endlich grinsend, das sei ein

feines Aschenputtel für sein Ehegespons. Er wollte sie eben umfassen und

davontragen, da kam ein Ritter in glänzender Rüstung, um sie zu

befreien. Und der Hanswurst verwandelte sich und stand nun in seiner

wahren Gestalt da: als der Teufel. Er kämpfte nun mit dem Ritter und als

er nahe daran war, zu siegen, zog jener ein weißes, elfenbeinernes

Kruzifix heraus und hielt es dem Bösen hin. Der Satan stieß ein

schreckliches Geheul aus und sprang in großen Sätzen davon.

Da trat aus einer Lücke in dem Kreis der Zuschauer der alte Jude, stieg

über die abschließende Bank hinweg und sein langer Kaftan flatterte im

Abendwind, als er auf das blasse Mädchen zuschritt. Sie schlug ihre

Augen zu ihm auf und schüttelte sich plötzlich wie im Fieberfrost; seine

Blicke bohrten sich gleich Nadeln in sie ein und sie las etwas in dem

flackernden Feuer dieser Augen, das lange und lange schon ihre Seele mit

seltsamer Furcht, mit grüblerischer Furcht erfüllt hatte. Es war, als ob

ihre Seele auf einmal von frühen Erinnerungen der Kindheit ergriffen

würde und darüber tief erschüttert wäre. Auch die Angst war darin zu

lesen vor dem Unbegreiflichen dieser plötzlichen Klarheit, der Schrecken

über die gespenstige Erscheinung des rotbärtigen Juden. Er hatte seine

Finger um ihren Arm gelegt, daß sie wie Spangen sich schlossen und er

blickte sie unverwandt an, – so, als ob er einen Wunsch, einen

unwiderstehlichen Befehl tief in ihr Herz zu senken wisse, so daß kein

Mensch daran zu rühren vermochte. Die Musik schwieg, der Lärm in der

nahen Runde dämpfte sich zum Gemurmel, viele empfanden ein zielloses

Grauen, viele nur Neugier und Erwartung; den Fluß hörte man rauschen und

den Wind durch die Bäume streichen. Er warf gelbe Blätter herab und eine

leichte Kühlnis ging herbstahnend über den Anger. Der Jude beugte sich

nieder und murmelte in des Mädchens Ohr: „Gedenkst du noch an den

Feuerbrand in deiner Heimat, Zirle? An den Vater, an die Mutter, an die

Brüder und an alle andern, die tot sind? Zirle, denkst du’s noch?“ –

Unaufhörlich flossen die Thränen über des Mädchens Wangen und es schaute

völlig verloren in eine vergangene Nacht hinein. Und der Alte fuhr fort,

zu ihr zu reden: „Um die Mitternacht des nächsten Vollmonds mußt du zu

mir kommen; du wirst dann Zacharias Naar zu finden wissen, wo es auch

sei. Den Messias verkündige ich, dem die geheimnisvollen Tiefen der

Wesenheiten offenbar geworden sind.“

Jetzt begann ein unwilliges Murren sich über die Störung des Festes und

der Fröhlichkeit zu erheben. Zacharias Naar wandte sich ab von dem

Mädchen und schritt bald darauf langsam dem Ausgang des Angers zu.

Niemand kannte ihn. Alle wichen ihm aus und schnell lief ein Wort von

Mund zu Mund: Ahasverus. „Ja, ja, er laufft umher wie der tolle Judt,“

sagte ein ganz verschrumpftes, gebücktes Weib und schnüffelte mit der

dünnen Nase in der Luft umher. Sie wisse ein Sprüchlein, erzählte sie

mit ihrer klirrenden Stimme den jungen Leuten, die sie umstanden:

Der Jud’ Ahasverus weit und breit

Vor alters und vor dieser Zeit

Bekannt, geht nun durch alle Welt,

Red’t alle Sprachen, veracht’ das Geld.

Was er von Christo reden thut,

Kannst hören hie, doch mit Unmut.

Veracht ihn nicht, laß wandern hin,

Weil Gott ihm geben solchen Sinn:

Daß er von Christo, seinem Sohn

Red’t alles Guts; doch laß ich schon

Dein Urteil selbst, wie es mag seyn,

Gott sieht und kennt das Herz allein.

Was im Herzen verborgen ist,

Bringt Wort heraus zu jeder Frist.

Zacharias Naar schritt durch die dunklen Straßen des Orts zum Tempel der

Juden. Dort war noch Gottesdienst, denn es war der Vorabend des

Versöhnungsfestes. Bald stand er unbeachtet unter der Menge der

Gebetemurmelnden, den Tallis um die Schultern und starrte mit glühenden

Augen gegen den Altar. Keine friedliche Feststimmung herrschte in diesem

Raum. Jeder schien seinem Gott für sich zu dienen, und bisweilen

entstand ein unbestimmter Lärm, in dem sich eine schreiende oder

keifende Stimme abhob. Ein dumpfer Höhlengeruch erfüllte das Gotteshaus;

es roch nach altem Leder, nach alten Gewändern, nach Rauch und faulem

Holz. Kinder standen umher und glotzten mit stumpfsinniger Andacht in

Bücher mit gebräunten Blättern. Der Raum glich einem unterirdischen

Gemach für Verschwörer, einer Büßerklause für Asketen, denn nichts von

Lebensfreude und nichts von Gottesfreude war hier zu finden. Die Lichter

qualmten und wer aus freier Luft hereinkam, glaubte alsbald zu

versinken, tief hinein in eine schwüle Schlucht, wo man einem strengen

Gott finstere Gebete brachte.

Das letzte Kaddisch war beendet; alle rüsteten sich schon zum Aufbruch.

Da schritt Zacharias Naar dem Altar zu und erhob die Hand: ein Zeichen,

daß er zu reden wünsche. Es wurde still und aller Augen wandten sich dem

Fremdling zu. Der begann, – nicht laut und scheinbar mehr für sich

selbst. Er sprach zuerst in hastig hingeworfenen Worten von der

Niedrigkeit und Erbärmlichkeit des jüdischen Volkes; von der

Unterdrückung, die es erlitten und von der Zerstreuung in alle Teile der

Welt. Dann, als er gewiß war, daß alle aufmerksam lauschten, wurde seine

Stimme lauter, sie verlor den Ton des Hingeworfenen, und seine Augen

begannen zu blitzen. Er rief den alten Gott der Juden an, der Verheißung

auf Verheißung gehäuft und die Armut über sein erwähltes Volk geschüttet

habe und die Qualen der Heimsuchung, ärger als zur Zeit der ägyptischen

Plagen. Es wurde totenstill. Selbst die kalten Mauern schienen zu

lauschen und diese Worte mit Begierde einzusaugen. Der Redner fuhr fort:

„Der Zorn des Herrn ist entbrannt wider sein Volk, und er streckt seine

Hand wider sie aus und er schlägt es, so daß die Berge erzittern und

ihre Leichen wie Kehricht mitten auf den Straßen liegen. Haben sie uns

nicht beschuldet: ihr vergiftet unsere Brunnen? haben sie nicht unsere

Brüder hingeschlachtet zu Tausenden? Haben sie nicht geschrien: ihr

nehmt das Blut unserer Kinder zum Opfer beim Passahfeste? Ihr nehmt das

Blut und braucht es für eure schwangeren Weiber? haben sie uns nicht

ausgewiesen aus ihren Städten und unsere Häuser verbrannt? und unsere

Güter geraubt? Müssen wir nicht vogelfrei dahinwandern und viele finden

keine Hütte, wie Kain, der seinen Bruder erschlug? Haben sie uns nicht

aufs Rad geflochten und den Henkern im Land preisgegeben wie krankes

Vieh? nicht unsere Kinder verbrannt, nicht unsere Weiber geschändet und

als die Pest kam, nicht schlimmer unter uns gewütet, denn die Pest? Bei

alledem hat sich der Zorn des Herrn nicht gewandt. Doch jetzt, jetzt

wird er ein Panier aufrichten dem Heidenvolk aus der Ferne und wird ihm

pfeifen vom Ende der Erde und siehe, eilends, flugs kommt es. Kein

Matter und kein Strauchelnder ist darunter; nicht giebt es sich dem

Schlummer noch dem Schlafe hin; auch springt nicht der Gurt seiner

Lenden, noch zerreißt der Riemen seiner Schuhe. Die Hufe seiner Rosse

sind wie Kiesel zu achten und seine Räder wie der Sturmwind. Gebrüll

hat’s wie die Löwin und brüllt wie die jungen Löwen und knurrt und packt

den Raub und trägt ihn davon und niemand vermag zu retten. Und es wird

über Juda dröhnen wie Meeresdröhnen und blickt er auf das Land hin,

siehe da ist angsterregende Finsternis und das Licht ward dunkel in dem

Gewölbe darüber. Nahet euch, ihr Heiden, um zu hören, und ihr Völker,

merket auf! Es höret die Erde, was sie erfüllet, der Weltkreis, und

alles, was ihm entsproßt. Denn einen Groll hat der Herr auf alle Heiden,

er hat sie bestimmt für die Schlachtung und ihre Erschlagenen werden

hingeworfen, und ihre Leichen, – aufsteigen soll ihr Gestank, und es

sollen die Berge zerfließen von ihrem Blut. Die Sterne sollen

zerbröckeln und wie ein Pergamentum soll der Himmel zusammengerollt

werden. Aber unsere Trift soll lustig sein, frohlocken soll unsere

Steppe und blühen wie die Narzisse. Sie soll blühen, ja blühen und

frohlocken, frohlocken und jubeln! Die Herrlichkeit des Libanon wird ihr

geschenkt und die Pracht des Karmel. Stärkt die erschlafften Glieder und

die wankenden Kniee macht fest! Sagt zu denen, die bekümmerten Herzens

sind, seid stark! Aufgethan werden die Augen der Blinden und die Ohren

der Tauben geöffnet! Dann wird wie ein Hirsch der Lahme springen und

jubeln die Zunge des Stummen. Denn seht: ein Mann ist aufgestanden in

der kleinasiatischen Stadt Smyrna, das ist der wahre Messias und das

Himmelreich ist nah! Ja, ich sehe eure Blicke leuchten und eure Hände

beben! Habt ihr ihn nicht rufen hören von den Gestaden des Mittelmeers?

Ein neues Erlösungswerk geht ihm voran und Olam ha Tikkun wird erstehn.

Das göttliche Wesen hat er allein erkannt, Sabbatai Zewi! Sammelt euch,

Brüder, richtet euch empor, richtet eure Weiber empor, lehrt eure Kinder

seinen Namen aussprechen und eure Waisen tröstet mit seinem Wort! Im

Jahre 5408 der Welt begann die Erlösungszeit zu tagen, und in diesem

Jahre hat sich Sabbatai Zewi uns offenbart. Wunder über Wunder hat er

verrichtet und die Juden Kleinasiens und der Türkei jauchzen ihm zu.“

Ein furchtbarer Tumult unterbrach den Redner. Lange schon war die Kunde

von dem Ereignis nach Franken gedrungen, aber stets waren es nur dunkle

Laute gewesen, geheimnisvolle Andeutungen, von wandernden Mönchen, von

wandernden Juden oder gar von Zigeunern hergetragen. Es war gleichsam

nur das dumpfe Geräusch eines sehr fernen Wetters gewesen, das die

Gemüter wohl in nächtlicher Stille und Träumerei zu ergreifen vermag,

aber das Licht des Tages machte zweifeln und ungläubig. Zum ersten Male

nun war es wie ein Trompetenstoß in die Ohren der Juden gefahren, wie

ein heller, schmetternder Schlachtruf, ein Klirren mit tausend Schildern

und tausend Schwertern, ein wahrer Auferstehungsschrei. Es wurde

leuchtend um ihre Augen, rings herum wurde es Tag, das bange Los der

Unterdrückung schien einem Ende nahe: Sonne, Freiheit, göttliches

Auserwähltsein zu großen Dingen, Glanz und Freudigkeit und verzückte

Sehnsucht, – als eine wundervolle Erfüllung tausendjähriger

Glaubensdienste. In ihre bedrückten Seelen fuhr es wie der Aufruf zu

einer neuen Weltordnung; Knaben sahen sich zu Männern geworden, die

Männer ballten ihre Fäuste und es rieselte ihnen kalt und heiß über den

Rücken. Und als der erste Taumel sich gelegt, drängten sie sich um den

Fremden, bestürmten ihn um Einzelheiten und lauschten atemlos. Vergessen

war die Stunde der Heimkehr, vergessen die Gebote des Fasttags; die

Weiber drängten sich aus ihren Verschlägen und hörten mit erhitzten

Wangen zu. Und sie sahen ihn in ihrer Phantasie förmlich lebendig

werden, den geheimnisvollen Propheten von Smyrna, der am hellen Tag der

Geschichte wie ein glühendes Meteor hingewandelt ist und, ergriffen von

lurjanischer Mystik, das Ende der Zeitalter herbeizuführen glaubte.

Zacharias Naar erzählte, völlig versunken und hingegeben wie ein

Träumender: wie Sabbatai seinen Leib kasteite und Sommer und Winter, bei

Tag oder bei Nacht, im Meer badete. Wie sein Leib von den Seebädern

einen Wohlgeruch erhielt und sein Auge klar davon wurde. Niemals hatte

er ein Weib berührt und obwohl er zwei Frauen vermählt worden war, mied

er sie und verstieß sie bald. Ernst und einsam war sein Wesen, und er

hatte eine schöne Stimme, mit der er die kabbalistischen Verse oder

seine eigenen Verse sang. Das Jahr 1666 bezeichnete er als das

messianische Jahr; den Juden sollte es eine neue Herrlichkeit bringen

und sie sollten nach Jerusalem zurückkehren. Seine Seele ergab sich

jauchzend dem süßen Rausch des Gottesbewußtseins. Man hatte ihn von

Smyrna verjagt, aber dann brach das glimmende Feuer zur großen und

verheerenden Flamme aus. Seine Demütigung war seine Größe geworden und

seine Verklärung. Er ließ zu Salonichi ein Fest bereiten und vermählte

sich in Gegenwart seiner Freunde feierlich mit der heiligen Schrift:

Thora, die Himmelstochter, wird mit dem Sohn des Himmels in

unzertrennlichem Bund vereinigt. Fünfzig Talmudisten speisten an seiner

Tafel und kein Armer ging hungrig von seiner Thüre. Er vergoß Ströme von

Thränen beim Gebet, und Nächte lang sang er bei hellem Kerzenlicht die

Psalmen. Er sang auch Liebeslieder. Er sang das Lied von der schönen

Kaisertochter Melliselde:

Aufsteigend auf einen Berg

Und niederschreitend in ein Thal,

Kam ich zur schönen Melliselde

In des Kaisers Krönungssaal.

Mild kam sie einher

Mit flutendem Haar

Und ihr Antlitz milde,

Süß ihre Stimme war;

Ihr Antlitz glänzte wie ein Degen,

Ihr Augenlid wie ein Bogen von Stahl,

Ihre Lippen, das waren Korallen,

Ihr Fleisch wie Milch so fahl.

Die Kinder folgten ihm auf den Straßen, so daß die Mütter seinen Namen

lobpriesen. Und er ließ verkünden, daß er vom Flusse Sabbation aus die

zehn Stämme nach dem heiligen Lande führen werde: auf einem Löwen

reitend, der einen siebenköpfigen Drachen werde im Maule haben.

Wie von einem ergreifenden Zauber gebannt, wanderten die Juden nach

Hause. Das Fieber der Erwartung hatte sie gepackt, das von Land zu Land

floß wie ein berauschender Strom. In dieser Nacht konnte keiner

schlafen.

Man sagte damals, der Herr der Welten öffne seine Thore, den Propheten

zu empfangen, oder er pflücke die Sterne vom Himmel, als wären es

Trauben am Rebstock, das Volk sähe ein edles Licht, und die

Todesschatten verschwänden neben ihm; hinabgestürzt sei die Pracht der

Könige und das Rauschen ihrer Harfen; der Prophet steige zum Himmel

empor und oberhalb der Gestirne errichte er seinen Thron; viele Stimmen

schrieen zu ihm empor: Wächter, wie weit ist’s in der Nacht? Da

verkündete er schon das Morgenrot. In seiner Nähe gab es nichts

alltägliches mehr, der Fürst schien dem Bauer gleich, der Bettler dem

Richter, keine liebende Hand streckte sich dem Kranken hin, und es war

auch groß und erhaben, alle Pein der Kasteiung zu erdulden und der

aufgehenden Gnadensonne zerknirscht entgegenzuwinseln. Die Schule der

Kabbalisten glaubte die Verkündigung klarer zu verstehen. Aus dem

göttlichen Schoß hatte sich die neue göttliche Person entfaltet, der

wahre König, der Messias, der Erlöser und Befreier der Welt und die

Herrschaft des Metatron ist zu Ende. Es steht aber im Buche Sohar,

sagten sie: Metatron ist das erste der Geschöpfe, der Abglanz Gottes; er

ist die mittelste Säule, die das Himmlische vollkommen macht; er ist das

Vereinigende in der Mitte. Denn der wahre Messias ist der verkörperte

Urmensch, der Adam Kadmon der Schrift, ein Teil der Gottheit.

Der Tag brach an, ein trüber und dunstiger Herbstmorgen. Ein kühler

trockner Wind ging durch die Gassen. Die christlichen Einwohner waren

verwundert über das aufgeregte Wesen der Juden. Der Rabbi Bärmann rannte

bleich von einem Haus ins andere. Der Rabbi Salman Klef stand, ein

vergilbtes Pergament lesend, stundenlang vor seinem Haus. Salman Ulman

Käsbauer rief mit lebhafter Stimme nach dem Fremdling von gestern.

Hutzel Davidla hinkte nachdenklich umher und Boruchs Klöß wurde nicht

müde, an den heiligen Fasttag zu erinnern und daß man zur Schul gehen

müsse. Gegen neun Uhr kam ein staubbedeckter Bote aus der Richtung der

Stadt Nürnberg. Er brachte ein Sendschreiben. Michel Chased, der

Chassan, nahm es entgegen und die Juden, Männer, Weiber und Kinder in

stets wachsender Anzahl, sammelten sich um ihn, als er mit lauter Stimme

vorlas. Das Schreiben kam von dem berühmten Samuel Primo, einem Jünger

des Sabbatai, und lautete: „Der einzige und erstgeborene Sohn Gottes,

Sabbatai Zewi, Messias und Erlöser des jüdischen Volkes, bietet allen

Söhnen Israels Frieden. Nachdem ihr gewürdigt worden seid, den großen

Tag und die Erfüllung des Gotteswortes durch den Propheten zu sehen, so

müssen eure Klagen und Seufzer in Freude und eure Fasten in frohe Tage

umgewandelt werden. Denn ihr werdet nicht mehr weinen. Freut euch mit

Gesang und Lied und verwandelt den Tag der Betrübnis und der Trauer in

einen Tag des Jubels, weil ich erschienen bin.“

Ein Todesschweigen folgte diesen Worten. Die Zumutung des Propheten war

für dies Volk, das mit unerschütterlichem Fanatismus am Hergebrachten,

am überlieferten Gesetz hing, etwas Furchtbares und Unerhörtes. Wolf

Käsbauer wurde weiß wie Schnee und stotterte ein hebräisches Gebet.

Viele andere, besonders Frauen, beteten ihm nach. Aber es waren doch

auch solche da, die von Mut erfüllt waren für die neue und große Sache.

Sie riefen Hallelujah und ihre Augen leuchteten dem Kommenden froh

entgegen. Der Messias, weil er so fern war, wuchs ins Unermeßliche vor

ihren Augen, sein Haupt stand golden in den Morgenwolken, ihre Seele war

ausgefüllt von ihm, weil der Druck niederer Dienstbarkeit auf ihnen

lastete, die Verachtung eines ganzen Volkes, einer ganzen Welt. Tagelang

wohnte eine dumpfe Angst über den Juden in Fürth; sie wagten nicht aus

ihren Häusern zu gehen, sie ergaben sich ganz den Gefühlen der

Zerknirschung oder der Erbitterung oder der Reue oder der Hoffnung.

Da kam am zweiten Tage nach dem Feste Jom ha Kipurim die Kunde aus dem

Norden, der berühmte Hamburger Jude Manoel Texeira, der Vertraute der

Königin Christine von Schweden, habe sich öffentlich in der Synagoge für

den Messias erklärt. Aus Amsterdam, aus London, aus Prag, aus Mainz, aus

Frankfurt und aus Wien gingen Huldigungen an den Propheten ab, und

seltsame Zeichen am Himmel machten auch vielen Christen das Herz schwer.

Der Jude Wassertrüdinger in Fürth, genannt Weiber-Lambden, der bei

schwangeren Weibern herumging und mit lauter Stimme Gebete las, sah

nämlich am Samstag Abend, dem ersten des Monats Tibeth, einen großen

anwachsenden Feuerschein am nördlichen Himmel. Seine Augen wurden naß

vor Grauen und mit seinem Hinkbein lief er, so schnell es ging, in die

Häuser der Juden und schrie mit halberstickter Stimme, daß Gott ein

Zeichen gegeben habe. Viel Volk sammelte sich schweigend an den Ufern

der Regnitz und Pegnitz und Christen und Juden standen in gleicher

Furcht, in gleicher mystischer Andacht Schulter an Schulter. Zacharias

Naar tauchte auf, fiel am Schilf des Flusses nieder und wandte sein

gelbes Gesicht mit den weiten Augen dem himmlischen Feuer zu. Er begann

ein flehendes Gebet zu singen, eine klagenvolle Anrufung des

Gottessohnes zu Smyrna und die Gemeinde fiel im Chorus beim letzten Vers

mit ein. Einsilbig rauschte der Fluß durchs Land und die erblassende

Röte des Firmaments beleuchtete unsicher die dunklen Talare der in süßer

Verzückung heimkehrenden Juden.

In derselben Nacht erhob sich ein gewaltiger Sturm, riß das heilige

Kreuz von der katholischen Kirche herab und als die Juden in der

Morgenfrühe zum Gebet gingen, sahen sie über dem niederen Portal der

Synagoge die Anfangsbuchstaben vom Namen des Sabbatai Zewi in goldenen

Lettern stehen.

Nun lebte ein Mann in Fürth, den man Maier Knöcker nannte; er hieß auch

Maier Nathan und bei den Christen Maier Satan. Er hatte einen offenen

Mund und eine häßliche Nase und war wegen seines Schacherns sehr

verhaßt. Knöckern heißt bei den Juden stammeln und ein Stammler war

Maier Knöcker, der Nathan. Er sah mit scheelen Augen in das erregte

Treiben seiner Glaubensbrüder, und inmitten des allgemeinen Rausches

blieb er nüchtern und kalt. Er war nur besorgt, daß er von seinem Geld

nichts verliere und beriet sich oft mit seiner Frau, wie man die Kasse

am besten verwahren solle. Er wohnte in einem alten Haus mit vielen

Löchern und Winkeln und jeden Tag in der Woche brachte er sein Geld in

ein anderes Versteck. Sobald eine Nachricht von auswärts kam über irgend

einen bedeutsamen Vorfall, irgend ein unerklärliches Ereignis, so begann

Maier Knöcker zu zittern und lief in sein Haus, um seine Schätze

nachzusehen. Und wie die Flut der Ereignisse schwoll und sich

ausbreitete und die Länder bedeckte, wuchs auch in der Seele des

Knöckers die Furcht vor dem Verluste seines Vermögens, und er konnte

keinen ruhigen Schlaf mehr finden und mußte seine Bissen bei den

Mahlzeiten in Unfrieden hinunterwürgen. Er betete sogar weniger, um

seinem Hab und Gut ein besserer Wächter sein zu können. Er verdammte

diese unruhigen Zeiten und es gab Tage, wo er sich nicht mehr über die

Gasse wagte und die Thüren versperrte, um irgend einen geheimnisvollen

Feind abzuhalten.

Aber es lebte noch eine andere Furcht in diesem schiefen und

winkelreichen Haus, das in jeder Stunde einzufallen schien und das beim

hellen Mondschein der Herbstnächte einer Ruine glich. Der Maier Knöcker

hatte eine Tochter. Sie war nicht gerade schön, aber sie hatte die

üppigen Formen und die äußerliche Leidenschaft der jüdischen Weiber, und

in ihren Augen war etwas dumpf Sinnliches, das die Männer zu ihr trieb.

Rahel hatte nun vor langem ein Liebesverhältnis mit einem christlichen

Studiosus aus Erlangen angeknüpft und war in dessen Armen gefallen. Seit

Monaten nun fühlte sie ein junges Leben sich in ihrem Leib regen, und

wenn sie daran dachte, was Vater und Mutter sagen würden, wenn sie es

entdeckten, so wurde ihr Herz förmlich wund. Ihre Ratlosigkeit und

Traurigkeit verdunkelte ihr Leben und machte ihre Jugend finster und

bereuenswert. Aber als die Woge der Messiasbegeisterung in den stillen

Hofmarkt stürzte, sah das gequälte Mädchen darin eine Art Erlösung. Sie

fand es leichter als sonst, ihren leiblichen und seelischen Zustand zu

verbergen, denn die Erregung der Gemüter wandte sich nichts Einzelnem

mehr zu. Trotzdem rückte die Zeit immer näher, wo nichts mehr zu

verbergen war, wo sie, ohne zu reden, ihr Geheimnis offenbar werden

lassen mußte. Sie sann und sann in schlaflosen Nächten, vergoß zahllose

Thränen, und endlich ließ sie die angeborene Schlauheit des Weibes einen

abenteuerlichen Ausweg aus ihrer Bedrängnis finden. Sie beschloß, ihren

Geliebten um Hilfe zu bitten.

Maier Knöcker war eben von der Abendschul nach Hause gekommen und

erzählte finster, daß er mit vier andern unverrichteter Sache wieder

gegangen sei. Die Juden vergäßen, sich zum Minjan zu versammeln; er sehe

darin ein schreckliches Zeichen. Und beklommenen Herzens lugte er hinaus

auf die Straße, als erwarte er Stunde für Stunde den unerbittlichen

Gegner alles häuslichen Friedens von Angesicht zu Angesicht zu schauen.

Da läutete die Hausglocke und Itzig Gänßhenker kam und berichtete

atemlos, daß sich ein wirkliches Gotteswunder begeben habe. An der Küste

von Nordschottland habe sich nämlich ein Schiff gezeigt, mit seidenen

Segeln und seidenen Tauen und die Schiffsleute, die es führten, hätten

hebräisch gesprochen und die Flagge habe die Inschrift getragen: die

zwölf Stämme oder die Geschlechter Israels. Dies Schiff sei für die

Braut des Messias bestimmt.

Sie sprachen nun von vielen Dingen und Thelsela, das Weib des Knöckers,

mischte sich auch in die Unterhaltung, bis Boruchs Klöß kam und man im

Talmud lesen wollte. Auch Klöß wußte von dem geheimnisvollen Schiff und

alle, alle draußen wußten es schon. Es kam nicht zum Studium des

Talmuds, da Boruchs Klöß manche neue Seltsamkeiten zu berichten wußte:

wie ein jüdischer Schneider zu Mailand in einen Zustand von Raserei

gefallen sei und sich seitdem in prophetischen Verzückungen winde;

stundenlang liege er am Boden und spreche bald lachend, bald weinend von

der nahen Erlösung und von Sabbatais Macht im Himmel und auf Erden.

Ferner erzählte er, daß sein Oheim aus der Türkei nach Hause

zurückgekehrt sei. Der sei gänzlich betäubt von dem Großen und

Wundervollen, das er dort gesehen. Das Volk von Smyrna sei wie im

Wahnsinn und jauchze dem Befreier zu, der in Prozessionen von nie

gesehener Pracht durch die Straßen ziehe. Die Ungläubigen, die Chofrim,

seien ihres Lebens nicht sicher; Chajim Peña sei vom Volk fast

zerfleischt worden, als er gegen Sabbatai aufgetreten war; da sei des

Peña Tochter gekommen, habe mit verzückten Sinnen das Heil des Erlösers

ausgerufen, habe geweissagt und sei wie berauscht gewesen; da gaben sie

Chajim Peña frei, und er wurde später zum Jünger. So wurde weiter

erzählt und Boruchs Klöß wußte immer noch mehr Dinge und erstaunlichere

Dinge, als Itzig Gänßhenker. Maier Knöcker aber schwieg mit schwerem

Herzen. Ringsum sah er den wilden Tanz sich gestalten. Seine Klugheit

warnte ihn davor, zu widerstehen, um so mehr, als noch in derselben

Nacht das Gerücht laut wurde, Zacharias Naar stehe in Verbindung mit dem

Propheten selbst. Er erhielt dadurch eine förmliche Weihe; er ging in

die Häuser der Juden, überzeugte die Zweifler und entflammte die

Hoffenden. Überall schritt er umher, überall fand man ihn, oft hob er

sich gegen den dunklen Himmel der Felder ab, einsam in der Nacht.

Die Glocke verkündete die Mitternacht. Ein junger Mensch schlich über

den Lilienplatz in die Wassergaß zum Haus des Knöckers. Er hatte ein

langes Rohr unter seinem Mantel verborgen, und sein Kopf war sorglich in

eine Kapuze gehüllt. Der rote Mond senkte sich gegen Westen und schien

ein zauberhaftes Blühen auf die Dächer zu breiten. Gelbe Blüten, zarte

Nebelschleier, er hauchte sie hin, daß es keiner sah, und die Steine

waren nicht mehr Steine, sondern es waren Knospen von Mondblüten und

jeder Zaunpfahl erwachte aus einem traumlosen Schlaf und guckte

schwermütig in diese Welt der Verkehrtheiten. Die brüchigen Häuser sahen

so unbekleidet, hilflos und gottverlassen aus! Manche waren förmlich

rührend in ihrer trostlosen Verfallenheit, während ihre Fenster

traurigen Augen glichen, die in die dunstige Glasglocke des Himmels

hineinstarrten, als ob sie geblendet wären von dem sanften, nächtlichen

Licht.

Der junge Mensch überkletterte einen niederen Zaun, und erstieg eine

schmale, morsche Treppe, von wo aus er auf ein Dach kam und dort auf den

Zehen weiterschritt. Vor einem grünen Fensterladen stand er still und

steckte sein Rohr durch einen schmalen Spalt. Nun rief er mit dumpfer

und verstellter Stimme in das Sprachrohr: „_Baruch ado adonai elohim!_ O

ihr gerechten und gottliebenden Eheleute Maier Nathan und Thelsela!

freuet euch, denn eure Tochter, die eine Jungfrau ist, hat eine Tochter

in ihrem Leib empfangen, die wird die Braut sein dem Erlöser des Volkes

Israel, dem Messias zu Smyrna.“

Der Knöcker, der vergebens seine Kissen um Schlaf zerwühlt hatte und

dessen Phantasie in wilder Bewegung war, weckte sein Weib. „O meine

Liebste,“ flüsterte er beklommen, „hast du die himmlische Stimme gehört?

Es ist ein Engel dagewesen; stehe auf, wir wollen beten, daß du die

himmlische Stimme auch zu hören gewürdigt werdest.“ Zitternden Leibes

erhob sich die Frau, die ein müdes Gesicht und noch immer schöne, klare

Augen hatte. Sie lauschte in die Nacht hinaus, legte die vermagerte Hand

auf die klopfende Brust und kniete nieder. Da ertönte die Stimme von

neuem: „Ihr sollt eure Tochter in hohen Ehren halten und großen Fleiß

anwenden, daß sie wohl versorgt werde. Denn aus ihrem jungfräulichen

Leib wird die Messiasbraut geboren werden.“

Da packte Thelsela ihren Mann und zog ihn hinüber in das Zimmer, wo die

Tochter schlief. Sie schien ruhig zu schlummern, abgehärmt sah sie aus,

ihre Lider zuckten ein wenig. Und als die Mutter ihr die Decke vom

Körper ziehen wollte, stieß sie einen heiseren Schrei aus und krampfte

die Hände fest, in einer tödlichen Angst befangen, in den Stoff. Doch

der Knöcker streichelte ihr die Wangen und stotterte unverständliche

Zärtlichkeiten, während Thelsela den Leib des Mädchens befühlte, ernst

nickte und von Andachtsschauern durchrieselt wurde. Eine große Freude

hatte den Maier Nathan befallen; sein Haus war zu solch vorzüglichen

Dingen auserwählt worden, daß er in diesen Stunden sogar der Sorge um

sein Geld vergaß und mit seinem Weibe am Lager der Tochter sitzen blieb,

um ungeduldig den Anbruch des Tages zu erwarten. Über Rahels Wangen

flossen bittere Thränen. Mit weitgeöffneten Augen sah sie beständig auf

einen Punkt. Böse Gesichte schienen sie zu foltern; das Licht that ihr

weh, auch jede Tröstung schmerzte sie.

Der Maier Nathan indessen, dem eine ganz neue Welt aufgegangen war, sah

sich schon als den Patriarchen der Gemeinde, gepriesen als den Vater

eines ganz unerhörten Glückes. Er nahm sein Weib bei der Hand, führte

sie in das Schlafgemach zurück, stotterte verwirrte Dinge, von denen die

Thelsela in ihrem blöden Sinn nichts verstehen konnte und ging fort, um

zuerst seinen Freund Boruchs Klöß und dann den Chassan aufzusuchen.

Der Morgen war nahe. Eine seltsame, drückende Öde lag auf den Gassen.

Fern in der Ebene rauschte der Fluß, und bisweilen klang es herein wie

das Klappern eines Mühlenrades oder das Geläute von Kuhglocken. Den

Zenith belagerte eine große dicke Wolke. Wie ein Raubtier lag sie und

schien bereit, sich auf das Land zu stürzen.

Fast in allen Judenhäusern war Licht. Wo auch Maier Knöcker das

neugierige Ohr an einen Thürverschluß oder an eine dünne Mauerwand

legte, hörte er Gebete murmeln, Klagen und Anrufungen und Lobpreisungen.

Als der helle Tag angebrochen war, vernahm man etwas Wunderbares. Es

hieß nämlich, die Juden in dem Städtchen Avricourt rüsteten sich, nach

Jerusalem zu ziehen. Dann hieß es auch, Jakob Sasportas, der wütende

Feind des Zewi, sei plötzlich zum glühenden Anhänger geworden, und mit

der heiligen Schrift im Arm tanze er verzückt durch die Straßen von

Worms. Ferner kam die Nachricht, Manoel Texeira sei mit zehn Ältesten

nach Smyrna gepilgert und habe sich dem Messias zu Füßen geworfen.

Nathan Ghazati war von Sabbatai zum König von Griechenland und Elisa

Levi, der Bettler, zum Kaiser von Afrika bestimmt worden. Die

Palästiner, die durch Jakob Zemach eine Huldigung an den neuen König der

Juden abgeschickt hatten, schmückten ihren Tempel und zogen

psalmensingend und blumenstreuend durch die Stadt, gerade wie zu Davids

Zeiten. Sabbatai Raphael in Polen und Mathatia Bloch seien von heiligem

Geist erfaßt, so daß sie wahrsagten auf offenem Markt in Warschau und in

Thorn.

So kommt der Föhn im Frühjahr und im Herbst über das deutsche Hochland

wie all diese Botschaften nach Fürth. Selbst die Christen wurden

miterregt und bedrückt von der Wucht der fremdartigen Ereignisse. Ein

Taumel ging durch das mittlere Europa, jene Mittelgebirgsländer, welche

fanatischen Strömungen so leicht zugänglich sind, die dann an irgend

einer Stelle einen tollen, hungrigen Strudel bilden, der alles Feine und

alles Friedliche in eine schwarze Tiefe hinunterzerrt. Die alte Welt

schien aufzuwachen aus einem Schlaf. Der Bedrücker fürchtete den

Bedrückten, der Knecht hatte reiche Träume von Freiheit. Kein Tag

verging, an dem nicht Kunde von Außerordentlichem eintraf, wäre es auch

nur ein geheimnisvolles, deutungsreiches Wort des Messias gewesen. Er

steht z. B. auf einer Terrasse am Meer, streckt seine Hand aus gegen

Chalkidike und spricht: Seht, ich gebe euch heute das Leben und den Tod.

Das wurde von wandernden Juden berichtet, oder es gingen Sendschreiben

durch die Städte; wunderliche Dinge lagen in der Luft.

Maier Knöcker, der Nathan, der das unerwartete Glück, dessen er

teilhaftig geworden, voll Entzücken weitergetragen hatte, traf zuerst

auf Mißtrauen, dann auf Verwunderung, dann auf blinden Glauben. Er fand

einen begeisterten Apostel in Boruchs Klöß und dieser beredsame Mann

erwies sich in der That als der beste Anwalt einer so begnadeten Sache.

Die Ältesten der Gemeinde kamen zu Rahel, um sie durch Gebete gleichsam

heilig zu sprechen. Am gleichen Abend wurde ein großes Festmahl unter

dem Vorsitz des Ober-Rabbis abgehalten, und das Haus des Stammlers wurde

als eine Art frommer Zuflucht erklärt. Aber Rahel selbst blieb finster

und verschlossen dabei. Sie wich jedermann aus und hatte es verlernt,

Vater und Mutter gerade ins Gesicht zu sehen. Wenn einer länger mit ihr

redete, begann sie zu zittern. Ihre Hände waren feucht, ihre Lippen

trocken und aufgesprungen, ihre Augen gerötet. Sie konnte in keiner

Nacht mehr schlafen; die Finsternis nahm eine purpurne Färbung für sie

an, so daß es wie ein Vorhang vor ihren Blicken lag, undurchdringlich

und beängstigend. Oft bevor noch der Tag anbrach, erhob sie sich vom

Lager und schleppte sich hinauf in die Bodenkammer, um in irgend einer

Luke zu kauern und starren Blickes zu brüten, stundenlang. Oder sie

stieg in den Keller hinab, wo es sehr kühl war. Aber sie freute sich,

wenn sie fror; sie wünschte zu frieren, wünschte zu leiden, denn ein

äußerer Schmerz verlieh dem inneren Milderung. Am Sabbat nach der Schule

kamen die Weiber zu ihr; aber sie war so sehr bedrückt, daß sie vor den

Besucherinnen in lautes Weinen ausbrach. Sie rang die Hände, stöhnte,

warf sich zu Boden, fletschte die Zähne, und murmelte Worte ohne Sinn

und Klang. Das war ein sehenswertes Schauspiel für die Weiber, eine

Bestätigung des Wunders, das mit dieser Jungfrau vorgegangen. Sie

brachten Geschenke, doch das Mädchen warf sie ihnen vor die Füße und

schalt und drohte ganz fassungslos. Auch viele Männer kamen: Thurathara,

Wolf Batsch, Seligman Schrenz, Seligman Rumpel, Hirsch und Herz, die

Rumpeln, Wolf Bieresel, Joel und David, die Bieresel, Maier Anschel und

Itzik Gänßhenker, ja sogar Moses Bock aus Würzburg und Michael bar

Abraham aus Markt Erlbach. So schnell hatte sich die Kunde im Lande

verbreitet. Alle brachten sie Geschenke: Güldene Schleier oder Sternlein

oder durchgezogene Sternlein oder Umhänge von Drapd’or oder gestickte

von Gold, von goldenen oder silbernen Blumen, Kleider von Sammet mit

einer Blumenbordüre, einen Mantel von Damast, verbrämte Schuhe oder

Pantoffeln von gutem oder schlechtem Gold, oder von Bändern oder von

schwarzem oder gefärbtem Leder, Kartelsteine oder andere Gehänge, auch

Hand- und Leibschnallen, güldene Gürtel und einen Gürtel von Gold, der

mit Diamanten besetzt war, Ringe und Ohrgehänge, Handschuhe von Pelz und

Halstücher bis auf zwei Gülden Wert.

Das waren festliche Tage für Maier Knöcker, den Nathan. Mit zitternden

Händen tastete er über den Reichtum; nahm die Tücher, faltete sie wieder

zusammen, liebkoste die Schuhe und Ringe, legte die Gehänge um seinen

Hals und stolzierte im Zimmer damit auf und ab; auch stellte er sich

damit vor einen Spiegel, machte Bücklinge, schnitt lächerliche Grimassen

und ging dem finsteren Schicksal mit kindischer Heiterkeit entgegen.

Am Tag Dionysius war die Luft so klar, daß man die Kirchenglocken von

Nürnberg vernahm. Ein gelber Schimmer lag auf den Wiesen und der Himmel

war mit weißen, feinen, runden Wölkchen marmoriert. Ein Zug jüdischer

Spielleute, die von der Domprobstei Bamberg verwiesen worden waren,

brachte die Nachricht, der Messias sei von Smyrna aufgebrochen und käme

nach Deutschland, die Gläubigen um sich zu versammeln und an ihrer

Spitze ins heilige Land zu ziehen.

Als Rahel dies vernahm, erwachte sie aus ihrer langen Apathie. In ihr

war nur ein Gedanke: daß sie fort sollte aus dem Land, wo der Geliebte

wohnte; denn in ihrer heißen und erregten Phantasie war ein Gerücht

schon einem Geschehnis gleich. Mit glühenden Augen eilte sie auf die

Gassen; niemand beachtete sie heute. Viele schienen in einer Tollheit

befangen, wie eine Schar Verschmachtender, denen man feurigen Wein

gegeben hat. Kein Ritus wurde mehr beachtet, weder das Abend-, noch das

Morgenminjan, weder der Socher, noch der Bund der Beschneidung. Über den

Lilienplatz lief ein junger Mensch mit nacktem Oberkörper; er hatte sich

auf die Brust die Worte gemalt: wir empfahen was unsere Thaten wert

sind; wir leiden Pein in heißen Flammen. Der Schmuel, der Richter der

Gemeinde, ein Mann von siebzig Jahren, der Tag und Nacht den Talmud

studiert, hatte sich im Schulhof bis an den Hals in Erde eingegraben,

und sein Leib war beinahe erstarrt. In hebräischen Worten schrie er

leidenschaftlich das Lob des Messias und viele Menschen standen bleich

und andächtig um ihn her. Rahel eilte hinaus zum Schießanger, wo noch

von der Kirchweih die Wagen der Zigeuner standen, und dann lief sie

hinüber zum Schwedenstein, wo sie kraftlos ins Gras sank. Sie hörte die

Zigeuner schreien in ihrem Rotwälsch und sah sie gestikulieren, trotz

des Nebels, der über der Landschaft lag. Der Schulklopfer und der

Totengräber liefen an der Kapelle vorbei, aber sie nahm es nicht wahr.

Ihr war zu Mut, als läge sie schon tagelang hier, ohne Sinn für die

Flucht der Zeit und als müsse sie noch tagelang und wochenlang hier

kauern, unfähig zu begreifen, was in ihr vorging. Der Himmel bedeckte

sich mit Wolken und ein feiner Perlenregen fiel. Eine dieser Wolken, die

heraufzogen vom Vestner-Wald, hatte die Gestalt und die Züge des jungen

Studenten, den sie liebte. Sie sah es genau: die Wolke trug einen

schwarzen Bart, der zierlich um Kinn und Wangen stand und kokett

zugespitzt war. Sie sah auch den kleinen Mund und die kleine Nase und

die unsteten Augen. Und dann stand er plötzlich bei ihr, Thomas Peter

Hummel, und ihr war, als könne sie seine Hand fassen. Er sprach ihr zu,

fein und schnell und geschickt und wenn er überzeugte, war es nicht in

dem, was er sagte, sondern in seiner Stimme, in seiner gewandten,

schlangenhaften Art, in seiner heiteren Geschwätzigkeit. Er wählte seine

Worte wie ein scharfer Politiker und spielte taschenspielerhaft mit

Gefühlen. Aber wie es in der Welt geht, sie liebte ihn.

Ein Mann und ein Weib kamen vom Anger her. Ihr gemächlicher Schritt

zeigte, daß sie den Regen nicht achteten. Rahel erkannte Zacharias Naar

und jenes schlanke Mädchen, das sie bei den Schaustellungen am

Schießanger gesehen hatte. Sie war schön. Man muß die Augen zumachen,

wenn man sie sieht, dachte Rahel. Sie war blaß und krank, wie verzehrt

von einer geheimen Sehnsucht. Jede Linie an ihrem Körper hatte etwas

Leidendes und die Form ihres Mundes verriet Geduld und Lieblichkeit.

Dennoch war etwas an ihr, das all dies Lügen strafte, vielleicht in der

Heftigkeit und dem Trotz ihrer Augen. Bald verschwanden sie an der

Biegung des Wiesenwegs. Rahel blickte starr in die leise dämmernde

Landschaft hinein und war froh, daß sie nicht gesehen worden war. Sie

fühlte nicht Kraft genug, wieder nach Hause zu gehen und fürchtete, die

einbrechende Nacht könne sie noch immer hier finden. Sie erschien sich

ausgestoßen und verfolgt; verurteilt, für sich allein Schmach,

Bedrückung, Ruhelosigkeit und Heimatlosigkeit zu ertragen; sie wollte

nicht mehr heimkehren. Sie haßte Vater und Mutter, haßte die bleichen,

gebetseifrigen, jüdischen Männer, ihre gefräßigen, schwatzhaften Weiber,

die altklugen Knaben, die frühreifen Mädchen, die kindischen,

fanatischen Greise: alle schienen ihr verächtlich und unrein. Doch wohin

sollte sie gehen, wenn nicht nach Hause; sie dachte, endlos ist die Welt

und für ein Judenmädchen giebt es kein Erbarmen und keine Unterkunft.

Jeder Christenknecht, selbst ein Räuber darf sie stoßen mit seinen

Füßen. Schließlich stechen sie dir gar noch die Augen aus, wenn sie es

für gut finden, und dann mußt du verhungern. Sie glaubte nicht an diesen

Messias, sie verachtete seine Prophezeiungen, vielleicht nur deshalb,

weil es ihr gelungen war, durch einen plumpen Betrug alle, die um sie

herum waren, völlig zu täuschen.

Während sie so sann und dabei in den westlichen Himmel sah, teilten sich

dort die Wolken, und auf einmal warf die untergehende Sonne eine Flut

schwefelgelben Lichtes über das ganze Firmament. Bäume, Steine, Wiesen,

das Wasser, der Wald, die Häuser in der Ferne, die Kirchtürme, ja die

Luft selbst schien ganz dick von diesem Gelb zu sein. Da lächelte Rahel

und die Spannung ihrer Seele löste sich. Ein tiefer Frieden erfüllte

sie, und sie schloß träumend die Augen.

Ein Bauer kam über das Feld geschritten, der seinen Kopf mit einem Sack

verhüllt hatte. Er sah das Judenmädchen am Boden kauern und war so

erschrocken durch den Anblick, den sie bot, daß er sich bekreuzigte und

spornstreichs gegen die Häuser des Orts rannte. Eine Schar von Juden kam

ihm entgegen, die zum Schwedenstein wollte, um das Grabmal des Joseph

Gabriel, des Naphtali Sohn, mit Gewalt fortzunehmen, nachdem die Familie

beim Schultheiß und beim Friedensrichter mit ihren Bitten abgewiesen

worden war. Der Bauer aus Ronhof oder Poppenreut, dessen eines Auge

erblindet war, machte den Juden die Mitteilung, daß er eine Hexe am

Schwedenstein gesehen habe. Aber jene erkannten schon von weitem die

Tochter des Knöckers, und einer lief zurück, um den Maier Nathan zu

holen. Der Ronhofer Bauer hatte schnell erhorcht, daß die Juden den

Schwedenstein berauben wollten; er schwang drohend den Arm, lief fort

und alarmierte einen Hornmacher, einen Schneider, einen Goldplätter und

zwei Metzger- oder Schlächterburschen, die in der Nähe des Schießangers

ihre Verrichtung hatten. Als Maier Knöcker bleich und atemlos aus der

Fischergasse kam, stürzten sich Hornschuch, der Kammacher und Federlein,

der Schneider, voll Wut auf ihn, während ein paar ganz verdorrte alte

Weiber aus dem Erdgeschoß eines grünen Hauses herauskeiften und ihren

Haß gegen das Jüdengesindel nicht zu zügeln vermochten. Die andern

Helden rannten mit dem Ronhofer Bauern zum Schwedenstein und freuten

sich baß auf die bevorstehende Prügelei; im Laufen verteilten sie die

Opfer unter sich und rechneten aus, daß jeder etwa drei Juden zum

Prügeln bekommen würde.

Es war dunkel geworden: ein sanfter, milder Abend wider alle Erwartung.

Die Sterne blinkten hervor unter den Wolkentüchern; auch der volle Mond

stieg im Osten herauf, gerade über den Türmen Nürnbergs. Ein

olivenfarbenes Licht ging von ihm aus, während im Westen das finstere

Rot und das bronzene Gold allmählich verblaßten. Wer sich niederließ auf

die Kniee oder sich platt auf den Leib legte und aufmerksam hineinsah in

das weite ebene Land, konnte glauben, daß die Erde Atem schöpfe, wie ein

Mensch, daß das melancholische Frankenland gleichsam die Brust der Erde

sei, die sich auf und nieder bewegte in ruhigem Rhythmus.

Kaum waren die händelsüchtigen Burschen am Schwedenstein angekommen, als

sie erstaunt und bestürzt stillstanden. Der Schelomo Schneiors, der

Bürgermeister der Juden, hatte sich seiner Kleider entledigt, und mit

einer kurzen Geißel, die fast wie eine Pritsche aussah, schlug er wütend

auf seinen Körper los. Sein Gesicht war so verzerrt, daß es einen

widerlichen Anblick bot, und seine dicken, blutroten Lippen schoben sich

Gebete murmelnd hin und her. Sein Körper zuckte vor Schmerz, und die

Rippen quollen förmlich heraus unter der magern, verwundeten Haut. Die

andern Juden standen totenbleich rings um ihn her wie Scharwächter und

beugten taktmäßig das Knie. Behrman der Levit rief mit einer Stimme, die

schrill und unheimlich hinausscholl in den friedlichen Abend der Felder,

eine kabbalistische Anrufung: Der König Messias wird erscheinen, und ein

auf der Morgenseite befindlicher Stern wird sieben Sterne von der

Mitternachtsseite verschlingen, und eine schwarze Feuersäule wird vom

Himmel herabhangen sechzig Tage lang. Alsdann werden alle Völker

zusammentreten gegen die Sprößlinge Jakobs, und eine große Finsternis

wird in der Welt sein, fünfzehn Tage lang.

Mit einem irren Schrei stürzte Maier Nathan, den seine Feinde nun

endlich losgelassen hatten, in den Kreis, ergriff Rahels Kopf mit beiden

Händen, streichelte sie und fragte mit Todesangst in der Stimme, warum

sie fort sei, ob sie krank sei, ob sie traurig sei. Rahel schüttelte nur

den Kopf.

Der Schneider Federlein und der Hornmacher hatten ihren Mut eingebüßt

und unverrichteter Sache zogen sie mit den andern davon; sie schickten

den Ronhofer Bauern zu Herrn Pfarrer Wagenseil, damit er Bericht gebe

und sie wegen des Schwedensteins keinerlei Verschulden treffe. Die

beiden Schlächterburschen und der Goldplätter, die alle drei sehr

gedrückt schienen, wünschten alsbald eine geruhsame Nacht und der

Schneider und Herr Hornschuch gingen allein weiter. Am Gänsgraben kam

ihnen ein Leiterwagen entgegen, dessen Fuhrmann dem Hornmacher bekannt

war, und nun teilte jeder dem andern seine Gedanken mit. Der Fuhrmann

wußte befremdliche Dinge zu sagen von Himmelszeichen und vom nahen Ende

der Welt. Es sei gut, meinte er, daß man in Nürnberg keine Juden habe,

denn dort seien die Bürgersleute noch halbwegs zu vernünftigen Dingen zu

gebrauchen. Und er erzählte beiläufig, daß er am Juden-Bühel in Nürnberg

einen großen Stein gesehen habe mit der Inschrift:

Der Stein ist nach den Juden blieben

Als sie von Nürnberg wurden vertrieben

In Wolfgang Eysen Haus, das ist wahr

Im vierzehnhundertneunundneunzigsten Jahr.

Allmählich, wie der Mond höher stieg, wurden die Gassen mondhell.

Herüber von den Wäldern der Veste wogten die schweren Dünste des

Herbstes. Die Blätter der Bäume, ein wenig regenfeucht, schimmerten

silbern und zitterten leise im Abendwind.

Fast alle Fenster in den Häusern waren erleuchtet. Die Juden schienen

heute ein dreifaches Licht zu brennen, und die Christen hatten offenbar

den unbestimmten Trieb, wachsam zu sein. Uralte Prophezeiungen schienen

auf dem Wege der Erfüllung, und die Schwülnis, die vom Orient herkam,

war viel drückender als einst vor sechzehnhundert Jahren, da man Jesus

Christus gekreuzigt hatte.

Junge, jüdische Mädchen liefen in den Gassen umher, mit aufgelösten

Haaren; manche hatten die Brust entblößt und ihre Augen glänzten wie von

übermäßigem Weingenuß. Knaben saßen in Gruppen vor den Thüren und sangen

Psalmen und Hymnen an den Messias. In den Zimmern hatten sich die Greise

versammelt und gaben sich mit tiefer Inbrunst dem Studium der Kabbala

hin. Da erhob sich z. B. in einem Haus am Kohlmarkt der neunzigjährige

Chajim Chaim Rappaport und sprach: „Wäre er es nicht, der die Schmerzen

von Israel über sich nähme, wahrlich kein Mensch wäre es zu erdulden

imstande. Unsere Krankheiten wird er tragen und alle Übel und Schmerzen

nimmt er ab von der Welt.“ Dann verkündete er, Sabbatai Zewi habe den

vierbuchstabigen Gottesnamen auszusprechen gewagt und der Türke Murad

Effendi sei dadurch bekehrt worden.

Im Hause des Ober-Rabbi hatten sich fünfzig Männer und Frauen zu einem

Mahl versammelt. Je weiter der Abend vorschritt, je ungezügelter wurde

der Freudenrausch, je heißer wurden die Köpfe vom Wein, vom Spiel, von

Erregung seltsamer Art. Viele tanzten sinnlose Tänze in dem Betsaal des

Ober-Rabbi und warfen die silbernen Becher in die Luft und viele, die

später kamen, knieten hin und schrieen mit heiserer Stimme Gebete. Der

Rabbi selbst war es, der zuerst die Kleider von sich warf und dann der

jungen, schönen Esther Fränkel das Gewand vom Leibe zerrte. Ihre Lippen

küßten sich, wie zwei Ertrinkende hielten sie sich umschlungen und

nahezu nackt schwangen sie sich in einem orgiastischen Tanz umher.

Andere folgten bald dem Beispiel; überall erhoben sich bleiche Gesichter

von der Tafel, glühende Augen starrten fassungslos in die kommende Welt

der Erlösungen hinein und nackt zu sein schien als der Gottheit

lautester Preis zu gelten: gerade wie wenn ein scheuer Sklave plötzlich

die Freiheit empfängt und in wilder Zügellosigkeit sich selbst

zerfleischt und seine eigene Habe zerstört. Männer, die schon an der

Schwelle des Greisentums standen, gebärdeten sich wie Faune. Weiber mit

grauen Haaren gaben sich einem Taumel hin, der ihnen selbst fremd und

beklagenswert erscheinen mochte. Die Thelsela Knöcker trank fast ohne

auszusetzen schweren Burgunderwein, lallte mit kindischer Stimme

hebräische Worte von der Messiasbraut, bis sie besinnungslos zu Boden

sank. Es waren junge Mädchen da, die sich einer tollen, rasenden

Liebesgier überließen, gleichsam als wollten sie damit lange Jahre der

Entbehrungen in ihrem Gedächtnis verwischen. Manche sahen aus wie

Furien, die lechzend von Lust zu Lust wankten und schamlos

hineinstürzten in finstere Laster. Geschrei, Ächzen und schrilles Johlen

herrschte, eine scheußliche Musik, ausgeübt von fünf betrunkenen

Spielleuten. Dazwischen erhob sich ein düsterer Gebetskanon, den drei

oder vier Männer in einer dunkelen Ecke hersagten, oder ein fanatischer

Schrei um Erlösung, der von einem fernen Haus in einer fernen Gasse

erwidert wurde. Michel Chased, der Chassan, hatte die Gesetzrolle von

der Schule geholt und tanzte damit umher wie mit einer Geliebten; er

trieb eine lächerliche und furchtbare Unzucht mit ihr, und als er

keuchend, die anderen gleichsam um Atem bettelnd, zu Ende war, bohrte er

eine lange stählerne Nadel tief in den Oberarm, daß sein dunkelrotes

Blut auf die Gesetzrolle und auf den Boden rann. Boruchs Klöß, Wolf

Batsch und die Rumpeln knieten hin und leckten und schlürften winselnd

das halbgeronnene Blut, indes der Chassan bleich und steif in die Arme

seines Sohnes sank. Zwei junge Leute sahen für kurze Zeit den

rotbärtigen Zacharias Naar durch den Raum gehen, beschwörend die Hände

heben und wieder verschwinden. Ja, der alte Thurathara, dessen gerötete

Augen stets wie aus einem dünnen Spalt hervorblinzten, behauptete, jener

habe ein wunderschönes, blasses Kind auf den Armen getragen und lächelnd

und heiter habe das goldlockige Geschöpf in das schreckliche Treiben

geschaut. Der alte Seligman Schrenz wollte die Blöße seiner Tochter

bedecken, wollte sie mit seinem Mantel umhüllen; aber jauchzend, mit

halbgeöffneten Lippen lief die feine Noemi davon, warf sich in die Arme

ihrer Freundin, der Schwester des Schulklopfers, und die beiden Mädchen

küßten sich, warfen sich zu Boden und drückten ihre fieberheißen Körper

dicht aneinander.

Und ein Haus weiter lag der Maier Lambden mit seiner Familie auf den

Dielen; denn sie schliefen nicht mehr in Betten. Bei Tage hüllten sie

sich in Tücher von grobem Stoff und hörten nicht auf, zu beten. Es gab

Männer, die sich des Schlafes gänzlich enthielten und sich Tag und Nacht

mit dem Studium des Gesetzes befaßten, denn durch die Tikkunim in der

Mitternachtsstunde wurden die Sünden verwischt. Maier Wolf, genannt der

Fünkler, und sein Bruder Samuel Fünkler gingen des Morgens bei dem

kühlen Herbstwetter hinaus und badeten im Fluß, um ihren Leib zu

reinigen. So stieg und stieg die Erregung der Gemüter, und es war bald

ein gewöhnlicher Anblick, wenn einer nackend durch die Gassen taumelte

und sich geißelte, bis sein Körper über und über mit Blut bedeckt war.

Als am Freitag Serapion die Glocke die zehnte Abendstunde schlug, kam

die Familie des Gabriel, des Naphtali Sohn auf dem Lilienplatz zusammen

und vier junge Männer trugen den Grabstein vom Schwedendenkmal. Es war

eine Menge von Menschen dabei: Frauen und Kinder, die sich mit heiteren

Tüchern geschmückt hatten und Freudengebete sangen. Auch viele Männer

hatten sich eingefunden. Im langsamen, schmalen Zug schritten sie dem

Gottesacker zu, an der Spitze die vier mit dem Stein, der mit

goldbestickter Sammetschärpe umwunden war. Dazu lugte der Mond über das

Dach der Michaeliskirche und es war, als müsse man überall erst die

feinen Nebel zerreißen, bevor man hineingehen konnte in die blaue Nacht.

Über dem Fluß, weit hinunter bis an ferne Waldgrenzen lag der Dunst,

gleich einem weißen Gewölbe, oder wie die lange Säulenhalle eines

Schlosses. Rote, dumpfe Flecken, wachte dort und da ein rätselhaftes

Licht. Das Wasser rauschte in den Frieden, und nichts Bewegtes war zu

sehen, außer den lichten, fast blendenden Wolken am Himmel und dem

jüdischen Zug an der Straße.

Da sie sich den Mauern des Bes Chajim näherten, kam aus dem

weitgeöffneten Thor ein Weib mit aufgelösten Haaren gelaufen und

stammelte, oft unterbrochen durch staunende, erschreckte Ausrufe der

Zuhörer, ein Geist schwebe über die Gräber und singe wunderbare Weisen

und rufe: Messias, o Messias, o Sabbatai, Stern der Höhe! Alle blickten

angestrengt hinüber. Der Gräberort lag ausgebreitet an einer

Hügelsenkung und die zahllosen Grabsteine gaben ihm ein phantastisch

zerklüftetes Aussehen. Darüber hinaus die nebelschimmernde Ebene,

baumlos, häuserlos, einem Meer ähnlich, darin einsame Dörfer wie

Toteninseln lagen.

Die Juden bemerkten nichts von dem gemeldeten Geist, überwanden ihre

natürliche Furchtsamkeit und schritten ängstlich und zaudernd durch das

Thor. Vorsichtig zogen sie den breiten Hauptweg entlang, immer spähend,

zum Grab des Joseph Gabriel. Am mutigsten waren die Knaben; sie sangen

ein Lied vom Stolze Zions, und ihre köstlichen frischen Stimmen

erfüllten die Nacht gleichsam mit Heiterkeit.

Das Grab lag an der westlichen Mauer, die hart an den Schindanger der

Christen stieß, und wo auch die verurteilten Verbrecher hingerichtet

wurden. Deutlich war die alte Veste mit ihrem düstern Wald sichtbar und

ein leiser, flötender Hornruf klang herein. Der Totengräber kam und

Änsel Steinblaser trat als Vorbeter heraus, um die im Schulchan Aruch

vorgeschriebenen Gebete zu sagen. Aber er fing nicht an; Minuten

vergingen und weil die hinten Stehenden sein Gesicht nicht sehen

konnten, drängten sie sich gierig vor. Einige verwünschten schon die

Furcht vor den Christen, die sie veranlaßt hatte, die Ceremonie zur

Nachtzeit vorzunehmen, und viele Weiber schlossen die Augen, um nichts

sehen zu müssen. Als aber Obadia Änsel noch immer keinen Laut von sich

gab, näherten sie sich ihm, so dicht sie konnten, und nun sahen sie, daß

er mit aufgerissenen Augen und mit leichenfahlem Gesicht beständig nach

einem Punkt starrte. Sie folgten seinem Blick und sahen eine weibliche

Gestalt bei einem Weidenbusch mitten unter den Steinen stehen. Die

Stille tödlichen Schreckens entstand, als ob alle auf einmal zu atmen

aufgehört hätten; leise und eindringlich erscholl eine Mädchenstimme von

dorther, – eine Melodie in einem fremden Rhythmus und einer fremden

Sprache. Elkan Hirsch, der Totengräber und Rabbi Seligman in der Clauß

waren die mutigsten, und da es doch eine menschliche Stimme war, die sie

vernahmen, so folgten schließlich auch die anderen Männer, dann die

Kinder und zuletzt die Frauen.

Niemand erkannte Zirle in dem jungen Mädchen. Wer sie auch vorher bei

den Zigeunern gesehen hatte, würde sie nicht wiedererkannt haben. Nur

mit einem Hemd bekleidet stand sie da und schien doch nicht zu frieren.

Wer sie so sah, mußte im Innern jedes Leiden mitfühlen, das sie

bedrückte. Aber es war etwas listiges in ihrem Schmerz und etwas

begehrliches in ihren klagenden Augen. Sie hatte eine lange, schmale

Hand mit vielen Fältchen, mit überraschenden Bewegungen; oft scheint die

ganze Seele in den Formen einer Frauenhand zu liegen.

„Ich habe nichts“, sagte das Mädchen, „ihr könnt mit mir thun, was ihr

wollt. Laßt mich nur hier.“

„Vielleicht liegt deine Mutter begraben hier?“ forschte Elkan Fränkel.

Ein junges Weib bot ihr einen schwarzen, englischen Shawl an, aber Zirle

wies ihn schweigend zurück.

„Hört nur, was ich euch erzählen will“, flüsterte das Mädchen und

flüchtige Schauer überliefen sie, während sich alle dicht herandrängten.

„Ich bin im Kloster gewesen. Die Nonnen haben mich gelehrt, an Jesus

Christus zu glauben. Was ich als Kind war, ist vergangen gewesen, denn

das war in Polen, müßt ihr wissen. Ich denke jetzt so genau daran. Die

Christen, so viel es gab im ganzen Land, sind hergefallen über uns, und

die Gassen waren voll Blut. Unser weißes Tischzeug war voll Blut und die

Betten. Mein Vater und meine Mutter und die zwei Brüder und die zwei

Schwestern sind alle totgeschlagen worden. In der Nacht haben sie die

Häuser verbrannt. Viele, viele Frauen und junge Mädchen haben sie in den

Tempel gesperrt und haben Feuer daran gelegt. Ach was für ein Wimmern

und Schreien! Und überall in Polen war es so. Ich habe mich versteckt in

einem Stall, wo lauter Schweine und Schafe waren. Ich habe nimmer

gewußt, ob es Tag oder Nacht war, habe Hunger gehabt und bin gelegen,

wie viel Tage weiß ich nicht. Wie ich fort bin, barfuß, habe ich mich

blutig gestoßen an den Steinen. Dann haben sie mich im Kloster

aufgenommen. Die Zeit verging. Aber wenn ich auch Christengebete sagte,

vergaß ich doch nichts. Es war immer, wie wenn ich meine Geschwister tot

sähe. Auch den Garten sah ich und die Lichter beim Chanukafest und am

Neujahrstag und wie wir an den Fluß gingen, um unsere Sünden ins Wasser

zu werfen. Freilich war es immer wie ein Traum und wie ich eines Tages

fort bin, weiß ich gar nicht und wie ich zu Zigeunern kam. Oft habe ich

fremde Stimmen gehört, auch wenn ich ganz allein war in der Nacht. Ein

Bräutigam wartet auf dich, rief es oft, er breitet seine Arme aus und

erwartet dich. Er ist mehr noch wie Jesus Christus, er ist selbst Gott.

Und eine andere Stimme rief mich Melliselde mit flutendem Haar,

Kaiserstochter, Messiasbraut.

„Gestern, seht ihr, gestern kam mein Vater zu mir im Schlaf. Er sagte,

Gott hat dich zur Braut des Sabbatai bestimmt. Du sollst ihm

entgegengehen, denn er ist der Stern, der aufgegangen ist aus Jakob, wie

es in der Bibel steht. Dann war ich den ganzen Tag darauf voll Angst und

konnte nicht Ruhe finden. Und heute lag ich, da kam wieder der Geist

meines Vaters und faßte mich mit seinen Händen an und trug mich

hierher.“

Sie streifte das Hemd zurück und zeigte Nägelspuren an ihrem Leib, wo

die Hand des Vaters sie gepackt hatte. Oberhalb der rechten Brust und an

der linken Hüfte waren blutige Schrammen.

Ein langes Schweigen entstand. Eine sonderbare Scheu hielt sie ab, das

junge Mädchen anzureden. Stille Schwärmerei, fanatische Gläubigkeit,

geheimnisvolle Extase und die Taumel der Bacchanterei, das alles hatten

sie gesehen oder gefühlt. Aber das offenbare Wunder, so dicht vor ihren

Augen, machte sie verdutzt und voll Angst.

Eine schwarze Menge tauchte in der Richtung des Thores auf und kam mit

dumpfem, unruhigem Gemurmel näher. Am Leichenhaus zündeten sie Fackeln

an, die einen blutigen Glanz über die Gesichter warfen, und deren Rauch

die Mondscheibe verdüsterte. Von der Senkung des Hügels kam Zacharias

Naar herauf, nahm Zirle bei der Hand und sagte laut und vernehmlich:

„Führe sie, Tochter Zions! Alle, die da kommen, werden sich dir beugen.“

Die Juden von Zirndorf · 第 4 / 45 题