Einen Augenblick lang stand sie da! Das ganze Zimmer war jetzt
schwarz. Nur hinter ihr, matt durch die Decke, das Schneelicht.
Sie tappte sich auf den Tisch zu.
Gegen die Kante stieß sie. Ein Fläschchen war umgeklirrt, es roch
nach Spiritus. Das Zündholzschächtelchen hatte jetzt geraschelt,
es flackerte auf! Sie leuchtete über den Tisch hin. Der schmale
Goldrand um die kleine Photographie glitzerte. Die Nachtlampe stand
auf dem alten, aufgeklappten Buch mitten zwischen dem Geschirr.
Jetzt ein leises Sprühn und Knistern, der Docht hatte gefangen.
Über ihr, groß an der Decke, ihr Schatten.
Frau Wachtel nebenan schnarchte, der kleine Fortinbras stöhnte.
Sie hatte sich jetzt auf den Bettrand gesetzt. Die beiden Zipfel
des Kopfkissens, das sie um ihre Schultern gepackt hatte, drückte
sie vorn mit ihrem Kinn fest gegen ihre Brust zusammen. Ihre Arme
hatten sich gegen ihren Leib gekrampft, ihre hochgezogenen Knie
waren eng aneinandergepreßt. Sie zitterte über den ganzen Körper!
Ihr Gesicht hatte sich verzerrt, stumpf stierte sie vor sich hin.
Die Schere, die ihr vorhin vom Tisch runtergekippt war, lag unten
vor ihr auf den grauen Dielen. Sie flinkerte.
Das Lämpchen auf dem Tisch hatte jetzt leise zu zittern angefangen,
die hellen, langgezogenen Kringel, die sein Wasser oben quer über
die Decke und ein Stück Tapete weg gelegt hatte, schaukelten. Das
Geschirr um das Glas hob sich schwarz aus ihnen ab. Die Kaffeekanne
reichte bis über die Decke.
"Brrr...Ae!"
Ihre Pantoffeln waren jetzt unter den Tisch geflogen, sie hatte
sich hastig unter das Deckbett gekuschelt.
Die weißen Lichtringe fluteten und fluteten, das Öl auf dem Tisch
knatterte leise, ein kleines Fünkchen war eben von seinem Docht
abgespritzt und schwamm nun schwarz in der dicken, goldgelben Masse.
Unter dem Deckbett drüben lag es jetzt wie ein Klumpen. An einer
Stelle sah noch ihr Unterrock vor ...
"Still, Hund!...Ae!"
Er hatte sich jetzt seinen alten Zylinder, auf dem noch der dicke
Schnee lag, vom Kopf gerissen und feuerte ihn nun wütend drüben
in die dunkle, schreiende Ecke, wo der Korb stand. Die Tür hinter
ihm war dröhnend ins Schloß gekracht.
"Niels!!"
Das Deckbett, das jetzt quer auf den Dielen lag, hatte zur Hälfte
den Stuhl mitgerissen. Sie kniete aufrecht mitten im Bett. Ihre
Nachtjacke vorn hatte sich ihr bis oben unter die Arme verschoben,
ihr Haar hing in Strähnen um ihr Gesicht.
"Halt's Maul! Fang nicht auch noch an!"
Er hatte sich jetzt auch seinen alten, abgeschabten Rock
runtergezerrt. Das kleine Spiegelchen über der Kommode, gegen das
er ihn geschleudert hatte, war runtergeschurrt und lag nun zersplittert
auf dem blinkernden Wachstuch.
"Na, wird's bald?!"
Der kleine Fortinbras jappte nur noch.
"Na?!...Dein Glück, Kanaille!..."
Seine Stiefeln waren jetzt dumpf gegen die kleine Kiste neben dem
Ofen gebullert. Der aufgeschlammte Schnee dran war naß gegen die
Kacheln geplatscht. Er suchte jetzt nach den Pantoffeln.
"Ach was! Halt dein Maul, sag ich!...Die Ohren vollplärren...Könnte
mir noch grade passen!...Sind die Sachen gepackt?!"
Das Schnarchen nebenan hatte aufgehört. Es schubberte jetzt deutlich
gegen die Tür.
"Ob du gepackt hast?!"
"Nein, Niels...ich.."
Sie stotterte!
Man hat ja mal wieder zur Abwechslung die Schwindsuchtl...Bitte,
genieren Sie sich nicht, Frau Wachtel! Treten Sie näher! Heute
geht's ja woll noch!"
Sein Schatten, der bis dahin kreuz und quer über die weiße Decke
geschossen war, war jetzt verschwunden. Er hatte sich unter den
Tisch gebückt.
Vom Bett her hatte es eben laut zu husten angefangen.
"Ach, du mein lieber Gott'...Ach Gott! Ach Gott! Die arme Frau!"
Sie hatte jetzt ihr Gesicht in das Kissen gepreßt und weinte.
"Nu ja! Nu ja! Nu heul doch noch'n bißchen! Das ist ja deine Force!
Weiter kannste ja woll nischt!"
Er war eben in die Pantoffeln gefahren und suchte nun auf dem Tisch
herum. Ein Messer klapperte gegen die Kochmaschine, eine Tasse war
umgekippt.
"Natürlich! Keen Fippschen mehr! Für deine Schwind sucht hast du
ja noch'n janz juten Appetit! ... Herrlich Das tut immer, als ob
es Poten saugt, uund frißt ein'm die Haare vom Kopp runter!"
Er hatte sich seine Fäuste in die Hosentaschen gestopft und schnaubte
nun im Zimmer auf und ab.
"So'ne Zucht! So eine--Zucht!!"
Er hatte mit dem Fuß in die kleine, hohle Kiste mit dem Nähzeug
gestoßen. Die Flasche war auf den Boden geschlagen, das Licht bis
unters Bett gekullert.
"Lächerlich!"
Er hatte jetzt auch noch die Flasche druntergestoßen. "Lächerlich!!...Wirst
du still sein?!!"
Der kleine Fortinbras hatte wieder laut zu schreien angefangen.
"Bestie!"
Mit einem Satz war er auf den Korb zu.
"Bestie!!"
Das Geschrei war wieder wie abgeschnitten.
"Alberne Komödie!"
Er hatte sich jetzt wieder nach dem Bett zu gedreht. Seine Fäuste
waren geballt. Unter den Kissen hervor hatte es deutlich geschluchzt.
"Alte Heulsuse!"
Die beiden dicken Falten um seine Nase waren jetzt noch tiefer
geworden, zwischen seinen verzerrten Lippen blitzten seine breiten
Zähne auf.
"Ae!!"
Über seinen Rücken war ein Frösteln gelaufen.
"So'ne Kälte!"
Er rückte sich jetzt geräuschvoll den Stuhl zurecht.
"So'ne Kälte!! Nich mal'n paar lump'je Kohlen hat das! So'ne
Wirtschaft!"
Seine Socken hatte er jetzt runtergestreift, der eine war mitten
auf den Tisch unter das Geschirr geflogen.
"Na?! WiIlste so gut sein?!"
Sie drückte sich noch weiter gegen die Wand.
"Na! Endlich!"
Er war jetzt zu ihr unter die Decke gekrochen, die Unterhosen hatte
er anbehalten.
"Nicht mal Platz genug zum Schlafen hat man!"
Er reckte und dehnte sich.
"So'n Hundeleben! Nicht mal schlafen kann man!"
Er hatte sich wieder auf die andre Seite gewälzt. Die Decke von
ihrer Schulter hatte er mit sich gedreht, sie lag jetzt fast bloß
da.
Das Nachtlämpchen auf dem Tisch hatte jetzt zu zittern aufgehört.
Die beschlagene, blaue Karaffe davor war von unzähligen Lichtpünktchen
wie übersät. Eine Seite aus dem Buch hatte sich schräg gegen das Glas
aufgeblättert. Mitten auf dem vergilbten Papier hob sich deutlich
die fette Schrift ab: "Ein Sommernachtstraum". Hinten auf der Wand,
übers Sofa weg, warf die kleine, glitzernde Photographie ihren
schwarzen, rechteckigen Schatten.
Der kleine Fortinbras röchelte, nebenan hatte es wieder zu schnarchen
angefangen.
"So'n Leben! So'n Leben!"
Er hatte sich wieder zu ihr gedreht. Seine Stimme klang jetzt weich,
weinerlich.
"Du sagst ja gar nichts!"
"Sie schluchzte nur wieder.
"Ach Gott, ja! So'n...Ae!! ..."
Er hatte sich jetzt noch mehr auf die Kante zu gerückt.
"Is ja noch Platz da! Was drückste dich denn so an die Wand! Hast
du ja gar nicht nötig!"
Sie schüttelte sich. Ein fader Schnapsgeruch hatte sich allmählich
über das ganze Bett hin verbreitet.
"So ein Leben! Man hat's wirklich weit gebracht! ... Nu sich noch
von so'ner alten Hexe rausschmeißen lassen! Reizend!! Na, was macht
man nu? Liegt man mor gen auf der Straße!...Nu sag doch?"
Sie hatte sich jetzt noch fester gegen die Wand gedrückt. Ihr
Schluchzen hatte aufgehört, sie drehte ihn den Rücken zu.
"Ich weiß ja! Du bist ja am Ende auch nicht schuld dran! Nu sag
doch!"
Er war jetzt wieder auf kann zugerückt.
"Nu sag doch!...Man kann doch nicht so--verhungern?!"
Er lag Jetzt dicht hinter ihr.
"Ich kann Ja auch nicht dafür!...Ich bin ja gar nicht so! Is auch
wahr! Man wird ganz zum Vieh bei solchem Leben! ... Du schläfst
doch nicht schon?"
Sie hustete.
"Ach Gott, ja! Und nu bist du auch noch so krank! Und das Kind!
Dies viele Nähen...Aber du schonst dich ja auch gar nicht...ich
sag's ja!"
Sie hatte wieder zu schluchzen angefangen.
"Du--hättest--doch lieber,--Niels.."
"Ja...ja! Ich seh's ja jetzt ein ! Ich hätt's annehmen sollen! Ich
hätt' ja später immer noch...ich seh's ja ein! Es war unüberlegt!
ich hätte zugreifen sollen! Aber--nu sag doch!!"
"Hast du ihn--denn nicht...denn nicht--wenigstens zu--Haus getroffen?"
"Ach Gott, ja, aber...aber, du weißt ja! Er hat ja auch nichts!
Was macht man nu bloß? Man kann sich doch nicht das Leben nehmen?!"
Er hatte jetzt ebenfalls zu weinen angefangen.
"Ach Gott! Ach Gott!."
Sein Gesicht lag jetzt mitten auf ihrer Brust., Sie zuckte!
"Ach Gott! Ach Gott!!"
Der dunkle Rand des Glases oben quer über der Decke hatte wieder
unruhig zu zittern begonnen, die Schatten, die das Geschirr warf,
schwankten, dazwischen glitzerten die Wasserstreifen.
"Ach, nich doch Niels! Nich doch! Das Kind--ist ja schon wieder
auf! Das--Kind schreit ja! Das--Kind, Niels!...Geh doch mal hin!
Um Gottes willen!!" Ihre Ellbogen hinten hatte sie jetzt fest in
die Kissen gestemmt, ihre Nachtjacke vorn stand weit auf.
Durch das dumpfe Gegurgel drüben war es jetzt wie ein dünnes,
heisres Gebell gebrochen. Aus den Lappen her wühlte es, der ganze
Korb war in ein Knacken geraten.
"Sieh doch mal nach!!"
"Natürlich! Das hat auch grade noch gefehlt! Wenn das Balg doch
der Deuwel holte! ..."
Er war jetzt wieder in die Pantoffeln gefahren.
"Nicht mal die Nacht mehr hat man Ruhe! Nicht mal die Nacht mehr!!"
Das Geschirr auf dem Tisch hatte wieder zu klirren begonnen, die
Schatten oben über die Wand hin schaukelten.
"Na? Du!! Was gibt's denn nu schon wieder? Na?...Wo ist er denn?...Ae,
Schweinerei!"
Er hatte den Lutschpfropfen gefunden und wischte ihn sich nun an
den Unterhosen ab.
"So'ne Kälte! Na? Wird's nu bald? Na? Nimm's doch, Kamel! Nimm's
doch! Na?!"
Der kleine Fortinbras jappte!
Sein Köpfchen hatte sich ihm hinten ins Genick gekrampft, er bohrte
es jetzt verzweifelt nach allen Seiten.
"Na? Willst du nu, oder nich?!--- Bestie!!"
"Aber--Niels! Um Gottes willen! Er hat ja wieder den--Anfall!"
"Ach was! Anfall!--- Da! Friß!!"
"Herrgott, Niels..."
"Friß!!!"
"Niels!"
"Na? Bist du--nu still? Na?--Bist du--nu still? Na?! Na?! "
"Ach Gott! Ach Gott, Niels, was, was--machst du denn bloß?! Er,
er--schreit ja gar nicht mehr! Er...Niels!!"
Sie war unwillkürlich zurückgeprallt. Seine ganze Gestalt war
vornüber geduckt, seine knackenden Finger hatten sich krumm in den
Korbrand gekrallt. Er stierte sie an. Sein Gesicht war aschfahl.
"Die... L-ampe! Die...L-ampe! Die...L-ampe!"
"Niels!!!"
Sie war rücklings vor ihm gegen die Wand getaumelt.
"Still! Still!! K--lopft da nicht wer?"
Ihre beiden Hände hinten hatten sich platt über die Tapete gespreizt,
ihre Knie schlotterten.
"K--lopft da nicht wer?"
Er hatte sich jetzt noch tiefer geduckt. Sein Schatten über ihm
pendelte, seine Augen sahen jetzt plötzlich weiß aus.
Eine Diele knackte, das Öl knisterte, draußen auf die Dachrinne
tropfte das Tauwetter.
Tipp...............................................
...............Tipp .....................................
... Tipp .............................................
................. Tipp..................................
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Acht Tage später balancierte der kleine, buckelige Bäckerjunge
Tille Topperholt seinen Semmelkorb pfeifend durch das dunkle,
dichtverschneite Severingäßchen nach dem Hafen runter. Die Witterung
hatte wieder umgeschlagen, seine kleine Stupsnase sah zum Erbarmen
blau aus.
"Heil dir, Svea! Mutter für uns alle!"
Es hatte gerade fünf geschlagen. Vor dem neuen, großen Schnapsladen
an der Ecke der Petrikirche stolperte er. Jesus! Seine Semmeln
waren ihm in den Rinnstein geflogen, er war mitten in den Schnee
geschlagen, Aber er nahm sich nicht einmal die Zeit, sie wieder
aufzulesen. Er kam erst wieder zur Besinnung, als er sich bereits
drüben am Jakobiplatz mit beiden Händen an die große, dick beeiste
Glocke gehängt hatte, die denn auch sofort oben die ganze Polizeiwache
alarmierte. Jesus! Jesus!!
Als der dicke Sieversen dann endlich angestapft kam, konstatierte
er, daß der Mann erfroren war. "Erfroren durch Suff!" Seinen
zerbeulten Zylinder hatte ihm der kleine, buckelige Tille vorhin
grade gegen die Laterne gequetscht. Aus seinen zerlumpten, apfelgrünen
Frackschößen sah noch die Flasche.
Wohlan, eine pathetische Rede!
Es war der große Thienwiebel.
Und seine Seele? Seine Seele, die ein unsterblich Ding war?
Lirumn, Larum! Das Leben ist brutal, Amalie! Verlaß dich
drauf! Aber--es war ja alles egal! So oder so!