Es war nicht anders! Aber er hegte Taubenmut, der große Thienwiebel,
ihm fehlte es an Galle...
Er hatte seit kurzem--er wußte nicht wodurch?--all seine Munterkeit
eingebüßt, seine gewohnten Übungen aufgegeben, und es stand in der
Tat so übel um seine Gemütslage, daß die Erde, dieser treffliche Bau,
ihm nur ein kahles Vorgebirge schien. Dieser herrliche Baldachin,
die Luft, dieses majestätische Dach mit goldnem Feuer ausgelegt:
kam es ihm doch nicht anders vor als ein fauler, verpesteter Haufe
von Dünsten. Welch ein Meisterwerk war der Mensch! Wie edel durch
Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung
wie bedeutend und wunderwürdig im Handeln, wie ähnlich einem Engel;
im Begreifen, wie ähnlich einem Gotte; die Zierde der Welt! Das
Vorbild der Lebendigen! Und doch: was war ihm diese Quintessenz
vom Staube? Er hatte keine Lust am Manne--und am Weibe auch nicht.
Die Zeit war aus den Fugen! War es zu glauben? Aber-e-man hatte
ihm noch immer nicht geschrieben. Man war undankbar in Christiania.
Armer Yorick!
Sterben, schlafen...vielleicht auch träumen?
Einstweilen jedoch hatte es allen Anschein, als ob gewisse
Rücksichten das Elend des armen Yorick noch zu hohen Jahren kommen
lassen wollten. Jedenfalls wenigstens durften jetzt die naseweisen
Aktschüler unten in der Akademie den großen unübertrefflichen Hamlet
aus Trondhjem schon seit vollen vierzehn Tagen in den schönen,
langen Vormittagsstunden als sterbenden Krieger kopieren. Das war
freilich eine Entwürdigung, aber sie brachte Geld ein. Nur genügte
es leider noch nicht.
Wenn der "arme Yorick" jetzt mittags nach Hause kam und sich
mit einem Appetit, als hätte er eben vierundzwanzig Stunden lang
ohne aufzusehn Eichenkloben zerkleinert, über die große Schüssel
herstürzte, die ihm die reizende Ophelia schon vorsorglich verdeckt,
der Photographie des großen Thienwiebel grade gegenüber, auf den
Tisch gestellt hatte, fand sich meist nur eine etwas grün angelaufene,
dünne Kartoffelsuppe drin vor, in der höchstens hie und da noch ein
paar kleine, kohlschwarze Speckstückchen schwammen. Armer Yorick!...
Amalie schien schon seit undenklichen Zeiten ihre Nachtjacke nicht
mehr in die Waschwanne gesteckt zu haben. Wozu auch große Toilette
machen? Man war ja zu Hause.
"Nicht wahr, Thienwiebel?"
Der große Thienwiebel hielt es für unter seiner Würde zu antworten.
Er hatte sich eben wieder in seinen alten, bequemen Schlafrock
geworfen, aus dem die Watte freilich, ihrer nur noch geringen
Quantität halber, nicht mehr recht klunkern konnte.
Seinen William aufgeklappt, hatte er sich jetzt wieder tiefsinnig
rücklings über das kleine Blaukattunene geworfen.
"Oh, schmölze doch dies allzu feste Fleisch,
Zerging' und löst' in einen Tau sich auf!
Oder hätte nicht der Ew'ge sein Gebot
Gerichtet gegen Selbstmord! 0 Gott! o Gott! Wie
ekel, schal und flach und unersprießlich Scheint
mir das ganze Treiben dieser Welt!
Pfui! Pfui darüber!"
Amalie, die sich wieder auf ihre kleine, mollige Fußbank neben den
Ofen gesetzt und eben ihre Schmalzstulle in den Kaffee gestippt
hatte, sah jetzt etwas verwundert in die Höhe. Als aber der "arme
Yorick" dann nicht mehr weiterlas und, seinen William zugeklappt,
sich jetzt sogar, ganz wider seine sonstige Gewohnheit, mit dem
Kopfe gegen die Wand gedreht hatte, wurde ihr denn doch ein wenig
unbehaglich zumut.
Eine Weile noch überlegte sie; dann aber, endlich, hatte sie sich
entschieden. Ihre Stimme klang noch kläglicher als sonst.
"Ich will nähen gehn, Niels."
"Nein, Amalie! Niemals! Niemals! Das werde ich nie dulden! Das wäre
eine unverzeihliche Vernachlässigung deiner heiligsten Mutterpflichten!"
Er war wieder empört aufgesprungen.
"Nein, Amalie! Nie! Niemals!...Solang Gedächtnis haust in
dem...zerstörten Ball hier!"
Er hatte sich melodramatisch vor die Stirn gestoßen. Amalie fühlte
sich wieder beruhigt und biß jetzt herzhaft in ihre Schmalzstulle...
"Herein?"
Es war Frau Wachtel. Sie brachte wieder die Milch für den Kleinen.
Der große Thienwiebel hatte es sich nicht versagen können, ihn auf
den Namen Fortinbras taufen zu lassen.
"Na, Dickerchen? Langweilste dich? Oh, mein Mäuseken! Oh!"
Sie fand nämlich, daß Amalie ihren heiligsten Mutterpflichten etwas
nachlässig oblag, und gestattete sich öfters eine kleine Kontrolle.
Frau Rosine Wachtel war nämlich im Besitze eines guten Herzens. Und
das mußte wahr sein, denn sie sagte es selbst und vergoß jedesmal
Tränen dabei. Indessen war ihr dieser Besitz noch nicht allzu
gefährlich geworden. Denn es war ihr noch niemand durchgebrannt,
und sie war noch immer zu ihrem Geld gekommen; und das war oft
ein Stück Arbeit gewesen. Frau Rosine Wachtel konnte das jeden
versichern...
"Ach, du Würmeken! Ach, mein Puttekent Hab'n se dir so in'n Korb
jestochen!"
Die gute Frau Wachtel war ganz gerührt. Aber plötzlich, aus
irgendeinem Grunde, wahrscheinlich weil draußen auf dem Flur eben
jemand die Treppe heraufzukommen schien, hielt sie es jetzt doch
für besser, sich schnell noch mal nach ihrer Küche umzusehn...
Der große Thienwiebel, der etwas ungeduldig gewartet hatte, bis ihr
runder, trivialer Rücken endlich hinter der Tür verschwunden war,
weil er wieder etwas wie einen Monolog in sich verspürte, war
jetzt tragisch auf das kleine runde Spiegelchen über der Kommode
zugetreten, aus dem ihm nun sein schöner, edelgeformter Apollokopf
melancholisch zunickte.
"Armer Freund! Wie ist dein Gesicht betroddelt, seit ich dich
zuletzt sah!"
Amalie bekümmerte sich nicht mehr um ihn. Sie kannte ihren großen
Gatten.
"Armer Freund!"
War das sein Haar? Sein schönes, berühmtes, blauschwarzes Haar? Eine
grausame Natur der Dinge hatte ihm nun schon seit Wochen verwehrt,
es sich brennen zu lassen. In die Stirn, in diese erhabene Wölbung
majestätischer Gedanken, fiel es ihm nun in Strähnen, dick und
feist, wie sie selber, diese schale, engbrüstige Zeit.
"Armer Freund!"
Nachdem er sich so zu der erhabenen Mission, die ihm vorschwebte,
genügend präpariert zu haben glaubte, drehte er sich jetzt gemessen
nach dem kleinen, gelben Korb um, der dicht neben dem Bett quer
über zwei Stühle gestellt war.
"Armes kleines Menschenkind! Welch böser Stern verdammte dich in
dieses Elend!"
Das arme kleine Menschenkind zappelte ihn an und lachte.
"Aber still! Still! Ich will alles einsetzen! Ich will meine ganze
Kraft einsetzen! Ich werde arbeiten, Freund! Ich werde arbeiten!
Ich werde dem Schicksal die Stirn bieten; ich werde ihm ab trotzen,
daß du in dieser herben Welt dereinst jene Stellung einnimmst,
die deinen Talenten gebührt...ja! So macht Gewissen Feige aus uns
allen. Der angebornen Farbe der Entschließung wird des Gedankens
Blässe angekränkelt; und Unternehmungen voll Mark und Nachdruck,
durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt, verlieren so der Handlung
Namen!"
Seine Stimme bebte, seine Schlafrocktroddeln hinter ihm, die er
sich zuzubinden vergessen hatte, zitterten.
Amalie hatte jetzt ihr Schmalzbrot wieder beiseite gelegt.
"Niels, ich will doch lieber nähen gehn!"
"Nie! Nie! Sprich nicht davon, Amalia! Bei meinem Zorn! Sprich
nicht davon!"
Amalie war wieder beruhigter denn je.
Ihr schönes Schmalzbrot war, Gottseidank, noch nicht ganz alle.
Der große Thienwiebel, der einigermaßen aus seinem Konzept gekommen
war, hatte jetzt einige Mühe, wieder hineinzukommen. Den Shakespeare,
den er wieder von der Erde aufgelesen hatte, hinten in seinen
Wattenklunkern, die Finger krampfhaft um seinen roten Saffianrücken,
nickte er jetzt wieder schmerzlich auf das kleine, verwunderte
Bündelchen hinab. Es hatte die ganze Zeit über kaum zu mucksen
gewagt.
"Ich weiß... ich werde sterben, Freund! Ich werde sterben!--Das
starke Gift bewältigt meinen Geist! Ich kann von England nicht
die Zeitung hören; doch prophezei ich, die Erwählung fällt auf
Fortinbras... Du lebst; erkläre mich und meine Sache den Unbefriedigten!"
Der kleine Fortinbras war jetzt ganz ernsthaft geworden. Er hatte
seinen großen Papa noch nie so menschlich mit ihm reden hören.
"Den Unbefriedigten"
Der Regen draußen, der die braunen Dächer drüben schon seit
frühmorgens wie mit Glanzlack überzogen hatte, plätscherte, aus
dem Fensterblech, unter das die reizende Ophelia natürlich wieder
den Wasserkasten zu hängen vergessen hatte, war er jetzt allmählich
sogar die graue Tapete hinab bis mitten unter das kleine Blaukattunene
gekrochen. Auf seinem kleinen Teich drunter konnten die beiden
angebrannten Schwefelhölzchen bereits in aller Gemächlichkeit
rundherum Gondel fahren.
Plötzlich schien den großen Thienwiebel wieder mal irgend etwas
unversehens gestochen zu haben.
"Amalie! Amalie!"
"Was denn schon wieder, Thienwiebel!"
Sie hatte sich nicht einmal umgesehn.
"Amalie, es ist nicht zu leugnen: das Kind hat ganz außergewöhnliche
Fähigkeiten! Es hat mich soeben angelacht. Es unterhält sich
ordentlich mit mir!"
Amalie grunzte nur verdrießlich.
"Ich wette, man kann ihm schon die Anfangsgründe des Sprechens
beibringen, Amalie!"
"Hm? du! Sag mal: a! Na?! a-a-a..."
Der kleine, gute Fortinbras wußte sich jetzt vor lauter Verdutztheit
gar nicht mehr zu lassen. Er hatte seine beiden dicken Händchen
rechts und links in den Korbrand gekrallt und ähte nun, seinen Kopf
nach hinten zurückgelegt, seinen großen Papa ganz vergnügt an.
"Nicht ä, mein Junge! Sag a! A sollst du sagen! Also? Na? Aaaa!... "
"Ach, laß doch! Das kann er ja noch nich!"
Amalie hatte es endlich doch für angezeigt gehalten, sich ins Mittel
zu legen.
"Was?! Das kann er nicht?! Sage das nicht, Amalie! Sage das nicht!
Dafür ist er mein Junge! Hä? Bist du mein Junge? Hä?"
"Aber er ist ja erst kaum ein Vierteljahr alt!"
"So? So? Nun, hm...Ich will nicht mit dir rechten, Amalie! Allein
du wirst doch vorhin bemerkt haben, daß er durchaus verstand, was
ich meinte!"
Amalie gähnte. Sie gab es auf. Es hatte ja keinen Zweck! Es war ja
alles egal! So oder so!
Der große Thienwiebel aber war damit noch nicht zufrieden. Er konnte
seine Idee noch nicht so leicht wieder fallenlassen.