"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im
Gemüt, die Pfeil' und Schleudern Des wütenden Geschicks erdulden,
oder...oder?... Scheußlich! Der große Thienwiebel hielt wieder
inne.
"Nicht zum Aushalten das! Nicht zum Aushalten!!"
Die fünf kleinen gelben Lappen hinter dem Ofen die dort an einer
Waschleine zum Trocknen aufgehängt waren, hatten ihn wieder total
aus dem Konzept gebracht,
"Ekelhaft!"
Er hatte sich jetzt, die Hände in seinen Schlafrocktaschen vergraben,
erbittert vor das Fenster aufgepflanzt.
Der Himmel drüben über den Dächern war tiefblau; in den nassen
Dachrinnen, von denen noch gerade der letzte Schnee tropfte, zankten
sich bereits die Spatzen; es war ein prachtvolles Wetter zum Ausgehn.
"Armer Yorick!"
Noch um eine Nuance verdüsterter hatte sich jetzt der große
Thienwiebel wieder rücklings über das kleine, niedrige, mit blauem
Kattun überspannte Sofa geworfen und starrte nun über die Spitzen
seiner grünen, ausgetretenen Pantoffeln weg melancholisch zu Amalien
hinüber.
Ihre dünnen lehmfarbenen Haare waren noch nicht gemacht, ihre Nachtjacke
schien heute schmutziger als sonst und stand vorn natürlich wieder
offen; der kleine rote Spießbürger, den sie, auf ihr Fußbänkchen
gekauert, nachlässig aus einem Gummischlauch säugte, sah auf einmal
häßlich aus wie ein kleiner Frosch.
"Armer Yorick!"
Herr Thienwiebel hatte sich seufzend erhoben und setzte jetzt seine
Wanderung von vorhin wieder fort.
"...oder? oder... Sich waffend gegen eine See von Plagen, Durch
Widerstand sie enden. --Sterben--schlafen--Nichts weiter!--"
Vor dem Fenster konnte er sich jetzt wieder nicht versagen, eine
kleine Pause zu machen.
Die Sonne draußen ging gerade unter. Die Dächer sahen fuchsrot aus.
Aber ein Blick auf seinen alten, abgenutzten Schlafrock unten ließ
ihn sich wieder zusammennehmen und seinen Monolog von neuem beginnen.
"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage: Ob's edler im Gemüt
Ae, Quatsch!!"
Mit einem Ruck war jetzt der Shakespeare, den er sich eben aus
seiner Schlafrocktasche gerissen, auf den Tisch geflogen, wo er
die Gesellschaft einer Spirituskochmaschine, eines braunirdenen
Milchtopfs ohne Henkel, eines alten, berußten Handtuchs, einer Glaslampe
und einer Photographie des großen Thienwiebel in Morarahrnen vorfand.
"He! Horatio! Horatio!!... Nicht zu Hause! Nicht zu Hause..."
Total vernichtet hatte er sich jetzt wieder auf das Sofa
zurückgeschleudert und vertiefte sich nun in den tragischen Anblick
eines schmutzigen Kinderhemdchens, das neben einer geplatzten
Schachtel schwedischer Zündhölzchen vor ihm unten auf dem Fußboden
lag.
"Verwünscht! Wenn man wenigstens mal ausgehn könnte, Amalie! Aber
ich fürchte...ich fürchte...die Welt ist nicht vorurteilsfrei genug,
um einen Niels Thienwiebel im Schlafrock und Zylinder unbehelligt
seines Weges dahingehn zu lassen!"
Aber Amalie antwortete nicht einmal. Der kleine Krebsrote nahm
ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sein Lutschen zog jetzt den
ganzen Schlauch zusammen.
"Ja! Es ist so! Es ist so, Amalie! Aber sie schreiben mir noch
immer nicht! Sie haben da Leute, Leute--Leute? Pah! Stümp'rr! 0
Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist!"
jetzt hatte Amalie, die dies Thema bereits kannte, etwas aufgesehn.
"Ja...es wäre am Ende doch gut, wenn du einmal ..."
Ihre Stimme klang heiser, belegt.
"Ja, so wird es kommen! Vielleicht...bei meiner Schwachheit und
Melancholie..."
Der kleine Krebsrote schmatzte! Seine Flasche war jetzt so gut wie
leer.
"Ich werde selbst hingehn müssen und fürliebnehmen mit dem, was
man mir anzubieten wagt! Das Leben ist brutal, Amalie! Verflucht!
Wenn man wenigstens einen Rock zum Ausgehen hätte!"
Sein Tenor war jetzt übergeschnappt, er hatte sich wieder lang über
das Sofa zurückgeeselt.
Große Pause...
Die Dächer draußen hatten sich allmählich braun gefärbt. Die Sonne
an dem großen runden Schornstein drüben war verblichen.
Frau Thienwiebel fing jetzt hinten in ihrer Ecke zu husten an.
"Herr Gott, Niels! Ich muß ja inhalieren! Da, nimm doch mal das
Kind!"
"Natürlich! Auch noch Kinderfrau! Oh, Ich reiße Possen wie kein
andrer! Was kann ein Mensch auch andres tun als lustig sein? Still,
Krabbe!! " Der kleine Krebsrote schwieg wieder. Er war noch nie so
verblüfft gewesen.
"Da! Nimm's! Kau's! Friß! Verschluck's!"
Der große Thienwiebel hatte es jetzt sogar über sich gewonnen, seinem
ungeratnen Sprößling auch den Schnuller in den Mund zu stopfen.
Mehr war unmöglich zu verlangen!
Amalie hatte unterdessen die Ofenröhre aufgemacht und entnahm ihr
jetzt einen kleinen, grünglasierten Kochtopf. Ein nach Salbei
duftender Brodem entstieg ihm. Nachdem sie dann noch das kleine
Geschirr neben den Ofen auf einen Stuhl und sich selbst auf die
Fußbank davor gesetzt hatte, machte sie jetzt ihren Mund auf und
atmete das heiße Zeug langsam ein.
Der große Thienwiebel, der sich unterdes mit seinem impertinenten
kleinen Krebsroten auf die Tischkante placiert hatte, sah ihr
nachdenklich zu.
"Hm! Weißt du, Amalie?
"Hm??"
"Weißt du? Wir haben eigentlich eine ganz falsche Methode, das Kind
zu nähren, Amalie!"
"Ach was!"
"Ich sage, eine Methode! Eine verkehrte Methode, Amalie!"
"Aber..."
"Verlaß dich drauf! Eine unnatürliche, Amalie!"
"Ja, du lieber Gott..."
"Eine unnatürliche...Wir sollten das Kind nicht mit der Flasche
tränken!"
"Nich? Na, womit denn sonst?"
"Du selbst solltest es eben tränken!"
"Ich?"
"Gewiß, Amalie!"
"Ach lieber Gott! Ich! Selbst!".
"Nun! Warum nicht?"
"Ich?? Bei meiner schwachen, kranken Brust jetzt?"
"Ach was! Das bildest du dir ja nur ein, Amalie! Ich sage die, du
bist völlig gesund. Du bist völlig gesund, sag ich!...Übrigens:
Ein Kind kann ein für allemal nur dann gedeihen, wenn es die Mutter
selbst säugt!"
Herr Thienwiebel war jetzt ganz eifrig geworden. Seine Langeweile
von vorhin schien er völlig vergessen zu haben. Er schien es sogar
nicht bemerkt zu haben, daß dem kleinen zappelnden Wurm auf seinen
Knien der Schnuller wieder heruntergekullert war.
"Verlaß dich drauf, Amalie! Ich sage, die natürlichste Methode
ist immer die beste! Denk doch mal: was sollten denn sonst die
Negerweiber anfangen! Sie haben keine Flaschen! Sie nähren ihre
Kinder selbst, siehst du...und,und--nun ja! Und sie gedeihen dabei!
Gedeihen! Na?"
"Ja, Niels, aber ich bin doch kein Negerweib!"
Der große Thienwiebel lächelte überlegen.
"Ja nun, du mußt...hehe! Du mußt mich eben verstehn, Amalie! He!"
Amalie hatte sich wieder tief über ihren Salbeitopf gebückt.
"Ich wollte dir damit eben nur durch ein...ein...nun sagen wir durch
ein Beispiel, andeuten, daß das Natürlichste immer das Vernünftigste
ist. Ich sehe eben durchaus nicht ein, warum die Negerweiber etwas
vor uns voraushaben sollten!"
"Aber sie sind gesund!"
"Ach was! Das bildest du dir ja nur ein, Amalie, daß du krank bist!"
"Ich?"
"Allerdings, Amalie! Ich behaupte..."
Amalie war jetzt ein wenig ungeduldig geworden.
"Ach was! Laß lieber das Kind nicht so schrein!"
"Auch das ist wieder nur so ein Vorurteil von dir, Amalie! Was schadet
das! Ich habe gelesen, es ist nichts gesünder! Die Lungen weiten
sich dabei! Aber -- e...wie gesagt! Du solltest das Kind selbst
tränken! Die heutige Kultur freilich, die Kultur der europäischen
Welt..."
Die Kultur überging Amalie. Sie hielt sich nur an die Ermahnungen,
die sie nun schon so oft zu hören bekommen hatte.
"So! So! Jawoll doch! Gewiß! Bei unserm Leben! Den ganzen Tag lebt
man von Kaffee und Butterbrot! Ich möchte wissen, wie das arme Wurm
dabei gedeihen sollte!"
"Ha! Zu leben im Schweiß und Brodem eines eklen Betts, gebrüht in
Fäulnis, buhlend und sich paarend über dem garst'gen Nest! Nicht
wahr? Du willst damit sagen, daß ich an unsrer Lage schuld bin,
Amalie!"
"Na! Etwa ich?"
"Weib!!"
"Moi'n!"
Die Tür, an der es schon eine ganze Weile vergeblich geklopft hatte,
wurde in diesem Augenblick weit aufgestoßen, und herein, in seinem
ewigen Havelock, der vor Zeiten wahrscheinlich einmal hechtgrau
gewesen war, den ungeheuren schwarzen Schlapphut tief in das kleine
fidele, blasse Gesichtchen gedrückt, tänzelte jetzt der kleine Ole
Nissen.
"Moi'n! Also laßt euch nicht stören, Kinder! Bitte, bitte! Keine
Umstände, Nielchen! Keine Umstände! Weiß schon! Probiert 'ne neue
Szene ein! Also, wie gesagt ... Donnerwetter! Ist das Biest hart!"
Er hatte sich eben mitten auf das kleine Kattun'ne plumpsen lassen
und dabei wieder in einem Haar seine Ägypter verloren, die er schief
zwischen die Zähne geklemmt hielt.
"Also, wie gesagt! Laufe da eben ganz trübselig den Hafendamm
runter. Hä? Und wer begegnet mir da? Der Kanalinspektor! Na, wer
denn sonst? Der Kanalinspektor natürlich! Nobel verheiratet, Villa
in Bratsberg, no! etc. pp. Könnt euch ja denken! Schleift mich
also natürlich sofort zu Hiddersen und läßt vorfahren... Na, oller
Junge? Wie geht's?... Faul! sag ich also natürlich. Faul!...Hm!
Weißte was? KKönntest eigentlich meine Alte porträtieren!...Hm! Mit
Jenuß, Kind! Mit Jenuß! Aber--e...Farben, siehst du--he, Leinwand,
Rahmen also...Hä! Was? Nobles Putthuhn!!"
Ole Nissen ließ jetzt die schönen, noblen Kronen in seinen Taschen
nur so klimpern.
"Frau Wach-tel! Frau Wachtell!! Frau Wach-tellll!!!"
Das Haus Thienwiebel schwamm wieder in Wonne. Sein Krach war wieder
auf eine Weile verschoben.
"Hä! Und dies? Ist das Butter? Und dies? Hä? Ist das Schinken? Hä?
Und dies? Hä? Platz für das Silberzeug! Silentium!!"
Der kleine Ole war heute wieder ganz aus dem Häuschen...
Nachdem das "Silberzeug" dann endlich abgeräumt und die Punschbowle
zu zwei Dritteln bereits geleert war, mußte Frau Wachtel sogar noch
die Skatkarten "ranschleifen". Es war einfach herrlich! Der große
Thienwiebel hatte seinen türkischen Fez auf, Ole Nissen bot seine
Ägypter sogar galant der alten Madame Wachtel an, die sich aber
empört von ihnen wieder in ihre Küche zurückflüchtete, Amalie
rauchte tapfer mit. Ihre alten Opheliajahre waren wieder lebendig
in ihr geworden.
"Ach, Thienwiebel! Niels!! Geliebter!!!"
Der große Thienwiebel stand da und weinte.
"Bin ich 'ne Memm'?--Ha! Rauft mir den Bart und werft ihn mir ins
Antlitz! Nein, reizende Ophelial Nein! Weine nicht! Mein Schicksal
ruft und macht die kleinste Ader meines Leibes so fest als Sehnen
des Nemeerlöwen!... Was, alter Jephta?...Nein, glaube nicht, daßich
dir schmeichle! Was für Befördrung hoff ich wohl von dir, der keine
Rent' als seinen muntren Geist, um sich zu nähren und zu kleiden
hat!"
Seine Stimme brach ab, die Hand, die er ihm auf die Schulter gelegt
hatte, zitterte.--
Zuletzt, als die alte Glaslampe nur noch wie eine kleine Ölfunzel
brannte und die prachtvollen Ägypter um ihre grüne Glocke einen
schönen, silbergrauen, fingerdicken Nebelring gelegt hatten, wurde
auch der kleine Ole Nissen gerührt.
Er hatte sich nach und nach zu der reizenden Ophelia auf das
kleine, blaue Kattunüberzogene gedrängt und titulierte sie nur
noch "Miezchen". Jetzt hatte er endlich auch ihre Hände zu fassen
bekommen und bedeckte sie nun mit seinen Küssen.
Der große Thienwiebel erhob keine Einsprache. Er hatte segnend seine
Hände über sie gebreitet und konnte sein Herz nur noch stammelnd
ausschütten.
"Der Kreis hier weiß, ihr hörtet's auch gewiß, wie ich mit schwerem
Trübsinn bin geplagt!"
Der kleine Krebsrote hinten in seiner Ecke hatte unterdessen seine
Not mit sich gehabt. Schon verschiedene Male hatte er sich in den
Schlaf geweint. Jetzt aber war er wieder aufgewacht und konnte
absolut nicht mehr seinen Gummipfropfen finden. Die reizende Ophelia
hörte ihn nicht. Sie war längst in ihrer Sofaecke eingeschlafen.
Er schrie jetzt, als ob er am Spieße stak.
Der große Thienwiebel hatte natürlich erst recht keine Zeit für
den Schurken. Er hatte den kleinen Ole Nissen, der jetzt kaum noch
seine kleinen, wasserblauen Augen aufhalten konnte, vorn an seinem
Rockkragen zu packen bekommen und deklamierte nur wieder:
"Er ist eine Elster, Horatio! Eine Elster! Aber, wie ich dir sagte,
mit weitläufigen Besitzungen von--Kot gesegnet!"