Chemische Gesellschaft

Zur Zeit meiner Übersiedlung nach Berlin war die wissenschaftliche

Chemie hauptsächlich vertreten durch die deutsche chemische

Gesellschaft, die ~Hofmann~ gegründet und 25 Jahre in musterhafter

Weise und mit großem Erfolg geleitet hatte.

Die Feier ihres 25-jährigen Bestehens, die früher schon erwähnt

wurde, war das erste wissenschaftliche Fest, das ich in meiner neuen

Stellung miterlebte. Bald nachher begann die Alltagsarbeit, an der

ich namentlich während der ersten 10 Jahre regelmäßig teilnahm, nicht

allein, weil ich wiederholt zum Präsidenten und Vizepräsidenten gewählt

wurde, sondern weil die chemische Gesellschaft damals noch in unserem

Institut in der Georgenstraße zu Gast wohnte. Ihre Büroräume waren

nämlich die Dienstwohnung des ersten Assistenten des Instituts, auf

deren Benutzung früher ~F. Tiemann~ und später ~S. Gabriel~ zugunsten

der Gesellschaft verzichtet hatten. Für die regelmäßigen Sitzungen

diente der Hörsaal des Instituts, und die Gesellschaft bezahlte dafür

eine ganz geringe Miete und eine kleine Entschädigung für Beleuchtung

und Heizung. Da außerdem die meiste Arbeit für die Geschäfte

des Präsidiums, des Sekretariats und der Redaktion der Berichte

ehrenamtlich geleistet wurde, so waren die Ausgaben der Gesellschaft

abgesehen von dem Druck der Berichte sehr klein, und dadurch ist es

ihr möglich gewesen, im Laufe von etwa 25 Jahren durch Ersparnisse ein

Barvermögen von 200000 M. zu erwerben.

Durch den Tod von ~Hofmann~ war zunächst keine Störung der Geschäfte

eingetreten, da ~F. Tiemann~ in gewohnter Weise die beiden Ämter als

Sekretär und Redakteur fortführte. Ich selbst hielt mich anfangs

zurück und beteiligte mich nur an den Vorstandssitzungen, um die Art

der Geschäftsführung und die daran beteiligten Personen als möglichst

neutraler Beobachter kennen zu lernen. Aus demselben Grunde lehnte

ich es auch Ende des Jahres 1892 ab, für die Wahl zum Präsidenten

als Kandidat aufgestellt zu werden. Infolgedessen fiel die Leitung

der Präsidialgeschäfte an ~Landolt~. Das war allerdings ein Fehler,

wie ich hinterher eingesehen habe; denn trotz aller seiner guten

Eigenschaften war ~Landolt~ zu sorglos, und auch wegen seiner

Schwerhörigkeit in bewegter Debatte zu ungeschickt, um einem Sturm

vorzubeugen, der für die Gesellschaft zu großem Schaden hätte werden

können. Dieser wurde heraufbeschworen durch die Meinung einiger zu den

Gründern der Gesellschaft gehörigen Vorstandsmitglieder, daß ~Tiemann~

seine Ämter zu autokratisch verwalte. Den äußeren Anlaß dazu bot der

Vorschlag, ~M. Berthelot~ und ~C. Friedel~ in Paris zu Ehrenmitgliedern

zu ernennen. Ich hatte ihn zusammen mit ~Tiemann~ überlegt und er

war in einer Vorstandssitzung besprochen worden, bei der leider

die meisten Mitglieder fehlten, angeblich, weil die Ernennung von

Ehrenmitgliedern nicht auf der Tagesordnung gestanden habe. Als es dann

bei der Generalversammlung zur Wahl kam, wurde der Vorschlag von der

Opposition, die sich ganz im stillen organisiert hatte, bekämpft, und

die Wahl mußte vertagt werden. Dabei kam es zu stürmischen Szenen, die

der Vorsitzende ~Landolt~ nicht meistern konnte, und die Versammlung

schloß in recht unerfreulicher Weise mit einem Mißton, der die Gefahr

einer dauernden Spaltung im Vorstand anzuzeigen schien. In derselben

Sitzung wurde ich zum Präsidenten gewählt, nahm auch die Wahl an, aber

mit dem Gefühl höchsten Unbehagens und dem Entschluß, unter allen

Umständen ähnliche Auftritte unmöglich zu machen.

Ich habe dann mehrere Monate im stillen ziemlich schwere Arbeit tun

müssen, um die Gegensätze, die im Vorstand so stark aufeinander

geplatzt waren, wieder auszugleichen und es zu ermöglichen, daß

~Tiemann~ vorläufig Redaktion und Sekretariat behielt. Dazu war

es nötig, daß ich mich als Präsident mit dem ganzen Material der

Verwaltung, namentlich auch mit der Tagesordnung und den Protokollen

der wissenschaftlichen Sitzungen und der Vorstandssitzungen genau

vertraut machte. Das geschah im besten Einvernehmen mit ~Tiemann~,

dessen große Arbeitskraft und treue Fürsorge für die Gesellschaft ich

stets anerkannt habe. So hat sich auch ein persönliches Verhältnis

freundschaftlicher Art zwischen uns entwickelt, und als er im Herbst

1899 plötzlich starb, hielt ich mich für verpflichtet, die Gedenkrede

auf ihn zu halten[1], die später durch einen ausführlichen Nekrolog von

~Witt~ in einigen Punkten ergänzt wurde. Es ist deshalb nicht nötig,

daß ich ihm hier noch weitere Worte freundschaftlichen Gedenkens widme.

[1] Berichte der Deutschen chemischen Gesellschaft Bd. 32 S. 3239.

Eine unserer ersten gemeinschaftlichen Aufgaben war die Propaganda

für die Wahl von ~Berthelot~ und ~Friedel~, die bis zur nächsten

ordentlichen Generalversammlung vertagt war. Wir hielten uns dazu

um so mehr verpflichtet, als an beide Herren schon die private

Anfrage ergangen war, ob sie eine solche Wahl annehmen würden. Um die

Opposition des kleinen Kreises Berliner Fachgenossen zu beseitigen,

wandten wir uns an die große Zahl der auswärtigen Mitglieder, die

ausnahmslos dem Vorschlag zustimmten. Ende 1894 wurden dann die beiden

französischen Gelehrten zusammen mit ~Mendelejeff~ und ~Beilstein~ mit

einer ungewöhnlich großen Majorität gewählt.

Bald nachher wurde die Gesellschaft vor eine ganz neue und

weitreichende Aufgabe gestellt durch das Anerbieten des Herrn

~F. Beilstein~, ihr alle seine Rechte an dem eben in 3. Auflage

erschienenen Handbuch der organischen Chemie zu übertragen, falls

sie bereit sei, Ergänzungsbände dazu erscheinen zu lassen und später

eine neue Auflage zu veranstalten. ~Beilstein~ fühlte sich damals

schon zu alt, diese große Arbeit selbst noch zu leisten. Er hatte

sich zuerst an Herrn ~Paul Jacobson~ gewandt mit der Anfrage, ob

er die Redaktion des Buches übernehmen wollte. Obschon ~Jacobson~

durch die Herausgabe des bekannten vortrefflichen Lehrbuches der

organischen Chemie von ~Victor Meyer~ und ~Paul Jacobson~ besonders

gut vorbereitet war, so schien ihm doch die neue Aufgabe für eine

einzelne Person zu schwierig, und er machte deshalb den Vorschlag, daß

die chemische Gesellschaft sich der Sache annehmen und durch Schaffung

eines Zentralbüros für chemische Berichterstattung noch erweitern

sollte. Zugleich erklärte er sich bereit, unter passenden Bedingungen

an die Spitze eines solchen Büros zu treten. Damit gewann ein Gedanke

praktische Form, der mir schon lange vorgeschwebt und den ich auch

wiederholt mit ~Tiemann~ und anderen Fachgenossen im kleinen Kreise

besprochen hatte, Zentralisierung der bis dahin stark verzettelten

Berichterstattung für die wissenschaftliche Chemie, wodurch eine

Verbilligung und eine weitere Verbreitung der referierenden Organe

möglich werde. Bis dahin gab es den altbewährten Jahresbericht für

Chemie, von ~Liebig~ und ~Wöhler~ begründet, der seit dem Jahre

1848 regelmäßig erschien und unmittelbar an den Jahresbericht von

~Berzelius~ anknüpfte. Daneben existierte das von ~Arendt~ gegründete

Zentralblatt, das allwöchentlich erschien, jede einzelne Publikation

besonders behandelte und dadurch die Literatur den Chemikern zwar nicht

systematisch, aber nach kurzer Frist übermittelte. Etwas Ähnliches,

aber in viel unvollständigerer Form boten die Berichte der chemischen

Gesellschaft in ihrem Referatenteil. Endlich fanden sich noch solche

Referate in der Zeitschrift des Vereins zur Wahrung der Interessen der

chemischen Industrie, der Chemikerzeitung, der Apothekerzeitung und

ähnlichen Organen. Es lag auf der Hand, daß diese Zersplitterung der

Berichterstattung unzweckmäßig war, und daß mit denselben Mitteln viel

Vollkommeneres geschaffen werden könnte.

~Tiemann~ kam zu der gleichen Ansicht, und so haben wir beide 1895 den

Entschluß gefaßt, den Vorschlag von ~Jacobson~ zu verwirklichen und

dafür die Zustimmung des Vorstandes und später der Generalversammlung

der Gesellschaft zu erwirken. Das ist nicht ohne erhebliche Mühe und

Sorge gelungen. Schon im Vorstand erklärten sich einige vorsichtige

Mitglieder, z. B. der sonst so wohlwollende ~C. Liebermann~, gegen den

Plan, weil sie in dem neuen buchhändlerischen Unternehmen eine Gefahr

für das Wohlergehen und besonders für die Finanzen der Gesellschaft

erblickten. Andererseits konnten wir durch Kalkulation feststellen,

daß die chemische Gesellschaft in der Lage wäre, für das chemische

Zentralblatt und für das ~Beilstein~-Handbuch eine viel größere Anzahl

von Abnehmern zu gewinnen und dadurch eine erhebliche Herabsetzung des

Preises zu ermöglichen. Niemand konnte leugnen, daß das ein Gewinn

für unsere Wissenschaft sei und auch das Ansehen der Gesellschaft

vergrößern müsse. So mehrte sich denn rasch die Zahl der Anhänger

des neuen Planes, und in der Generalversammlung vom 13. Dezember

1895 konnte ich als Vorsitzender die erste öffentliche Ankündigung

davon machen. Die Entscheidung fiel in einer außerordentlichen

Generalversammlung vom 19. Juni 1896. Unter Leitung von Dr. ~Jaffé~

trat hier die Opposition nochmals scharf in die Erscheinung. Aber ich

konnte als Vorsitzender alle Klagen und Befürchtungen widerlegen,

und schließlich wurde die für den Plan nötige Änderung der Statuten

mit großer Majorität genehmigt. Zuvor war es notwendig gewesen, für

beide Werke von der Verlagsbuchhandlung der Firma ~Leopold Voß~ in

Hamburg das Verlagsrecht zu erwerben. Den entscheidenden Schritt dazu

hatte ich zusammen mit Schatzmeister Dr. ~Holtz~, der von Anfang

an dem Plane wohlgeneigt war und ihn jederzeit energisch gefördert

hat, in den Herbstferien 1895 getan. Im Anschluß an eine Versammlung

des Vereins zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie zu

Kiel, an der ich teilnahm, fuhr ich mit Dr. ~Holtz~ nach Hamburg

und vereinbarte dort mit dem Leiter der Firma ~L. Voß~ für das

chemische Zentralblatt einen festen Kaufpreis von 15000 M. und für die

Ergänzungsbände des ~Beilstein~ eine recht günstige Gewinnbeteiligung

der Firma. Als diese dann später zögerte, die mündliche Vereinbarung

schriftlich anzuerkennen und wir in Sorge kamen, den fertigen Vertrag

der entscheidenden Generalversammlung im Juni 1896 nicht rechtzeitig

vorlegen zu können, bat ich ~Tiemann~, die Verhandlung mit gröberem

Geschütz wieder aufzunehmen und zu Ende zu führen. Das gelang ihm auch,

indem er die widerstrebende Firma durch höchst energische Telegramme

zur Vernunft brachte.

Inzwischen waren mit ~Paul Jacobson~ und dem bisherigen Redakteur

des chemischen Zentralblattes Professor ~R. Arendt~ in Leipzig

Verhandlungen gepflogen worden. Beide traten anfangs 1897 in den

Dienst der chemischen Gesellschaft. ~Arendt~ blieb in Leipzig und

besorgte von dort aus bis zu seinem Tode die Redaktion des chemischen

Zentralblattes. ~Jacobson~ siedelte nach Berlin über und übernahm nicht

allein die Redaktion des ~Beilstein~-Handbuches, sondern löste auch

~Tiemann~ ab als Generalsekretär der Gesellschaft in der Redaktion der

Berichte und der Erledigung der Sekretariatsgeschäfte. Damit schied

~Tiemann~ aus den beiden Ämtern, die er fast 20 Jahre lang unbesoldet

verwaltet hatte, und der Vorstand fühlte sich verpflichtet, ihm seinen

wärmsten Dank durch die Überreichung einer stattlichen Adresse und

durch Veranstaltung eines Festessens auszudrücken.

Diese Neuordnung der Geschäftsführung mit den erweiterten literarischen

Aufgaben bezeichnet den Anfang einer neuen Periode in der Entwicklung

der chemischen Gesellschaft. Für die Richtigkeit der Veränderung

spricht der Erfolg. Zu den 4 Bänden der dritten Auflage des

~Beilstein~-Handbuches hat die Gesellschaft inzwischen die gleiche

Anzahl Ergänzungsbände herausgegeben und eine neue Auflage vorbereitet,

die ein Wertobjekt von mindestens 1,2 Millionen sein und an Umfang die

großen Konversationslexika erreichen wird.

Auch das chemische Zentralblatt hat sich in erfreulicher Weise

entwickelt, erst unter der Leitung von ~Arendt~ und dann nach dessen

Tode unter Führung von Professor ~A. Hesse~. Die Zahl der Abnehmer ist

auf mehr als das dreifache gestiegen, der Umfang fortwährend gewachsen

und auch die Qualität der einzelnen Referate verbessert. Erst durch

den Krieg ist in allen Punkten wieder eine Verminderung eingetreten.

Dazu hat die chemische Gesellschaft noch zwei neue Werke übernommen,

das Literaturregister der organischen Chemie, gegründet als Lexikon der

Kohlenstoffverbindungen von ~M. M. Richter~ und jetzt weitergeführt

von Professor ~Stelzner~, ferner ein ähnliches Literaturregister der

anorganischen Chemie, gegründet und geführt von Dr. ~M. K. Hoffmann~.

Die Bedeutung und Nützlichkeit dieser verschiedenen Unternehmungen

wird von keinem deutschen Chemiker geleugnet werden, und die

chemische Industrie hat dieser Überzeugung später Ausdruck gegeben

durch reiche materielle Unterstützungen. Sie begannen 1909 mit einer

Spende der Firma Cassella & Co. in Frankfurt a. M. von 60000 M. Bald

nachher folgte eine durch den neuen Schatzmeister Dr. ~F. Oppenheim~

eingeleitete Sammlung von 200000 M. als ~Beilstein~-Fond, dazu kamen

2 Sammlungen für das Lexikon der anorganischen Verbindungen und für

das Literatur-Register der organischen Chemie im Betrage von 75000

M. und 120000 M. Endlich ist während des Krieges der chemischen

Gesellschaft bei ihrem 50jährigen Jubiläum zur Sicherstellung ihrer

literarischen Bestrebungen die Riesensumme von 2½ Millionen Mark

von der Industrie und einigen Privaten gestiftet worden. Gleichzeitig

ist ein ganzer Stab von wissenschaftlichen Beamten hauptsächlich für

diese literarischen Dinge gebildet worden. Dadurch hat auch das nach

dem Gründer ~Hofmann~ benannte Haus der Gesellschaft einen würdigen

und ernsten Zweck erhalten. Der Plan seiner Gründung wurde sofort

nach ~Hofmanns~ Tode gefaßt und fand auch im Kreise der auswärtigen

Mitglieder vielfache Unterstützung. Ich selbst war für diesen Plan

anfangs recht eingenommen, und habe das auch mit einem für meine

damaligen Verhältnisse ziemlich hohen Beitrag (2000 M.) bekundet.

Als ich aber nach Berlin kam, und in die Kommission zur Gründung des

Hauses gewählt wurde, bin ich erschrocken über die nach meiner Ansicht

leichtfertige Weise, in der das Unternehmen finanziert werden sollte.

Die Sammlung hatte nur ungefähr 200000 M. ergeben und nun sollte ein

Haus errichtet werden, das einschließlich des Bauplatzes auf 800000

bis 1 Million Mark geschätzt wurde. Damit wäre nicht allein das ganze

Vermögen der chemischen Gesellschaft verbraucht worden, sondern auch

noch eine erhebliche Schuldenlast entstanden. Ich hielt mich für

verpflichtet, dagegen energisch Einspruch zu erheben, und habe es

auch fertig gebracht, daß im Vorstand die Mehrzahl der Mitglieder zu

der Ansicht kamen, das Hofmann-Haus müsse aus anderen Mitteln erbaut

und der chemischen Gesellschaft kostenlos überwiesen werden. Dadurch

ist der Bau sicherlich verzögert worden, aber das war kein Schaden,

da die Gesellschaft in unserem Institut ein zwar bescheidenes, aber

doch auskömmliches Heim besaß. Gleichzeitig wurden die Anhänger des

luxuriösen Baues genötigt, eine andere Form der Finanzierung zu finden.

Das ist auch den Bemühungen der Herren ~Holtz~, ~Krämer~, ~Martius~ und

~Tiemann~ gelungen, indem sie eine Gesellschaft m. b. H. zur Erbauung

des Hauses ins Leben riefen, dessen Mitglieder Anteile von mindestens

5000 M. zu übernehmen hatten. Ursprünglich war dafür eine Verzinsung

in Aussicht genommen, aber später haben die Herren es doch fertig

gebracht, daß die meisten Besitzer der Anteile auf jede Entschädigung

und Rückzahlung der Summe verzichteten. Ich selbst habe an diesem

Geschäft keinen Anteil genommen. Auch der Bau des Hofmann-Hauses

ist ohne meine spezielle Mitwirkung entstanden, nur bin ich, um

einem Wunsch des Herrn ~Jacobson~ und der anderen wissenschaftlichen

Beamten zu entsprechen, dafür eingetreten, daß in dem Hause ein

kleines Laboratorium eingerichtet wurde, dessen Hilfsmittel auch den

Experimentalvorträgen im großen Sitzungssaale zustatten kommen. Das

Haus wurde 1900 mit einer Festsitzung eröffnet unter dem Vorsitz des

Präsidenten ~J. Volhard~, und ~A. v. Baeyer~ hielt damals die Hauptrede

über die Geschichte des Indigos.

Die Schöpfung des Hofmann-Hauses ist in erster Linie das Verdienst

von ~J. F. Holtz~, der mit Tatkraft und Geduld die Sammlung des

Geldes betrieb und auch später im Hofmannhaus-Verein die Hauptrolle

spielte. Allerdings trug er auch die Schuld dafür, daß der Bau recht

kostspielig ausfiel und daß die ursprüngliche Bausumme um etwa 80000

M. überschritten wurde. Die Verzinsung einer Hypothek von 100000 M.

und die nicht unerheblichen Unterhaltungskosten fielen natürlich der

chemischen Gesellschaft zur Last, so daß ihr das Haus doch jährlich

12 bis 15000 M. Kosten macht. Ich habe keine Bedenken getragen, gegen

die im wesentlichen durch das Hofmann-Haus stark gewachsenen Ausgaben

der chemischen Gesellschaft Einspruch zu erheben, und es ist dadurch

zeitweise zu einer Verstimmung zwischen ~Holtz~ und mir gekommen. Da

aber die Finanzen der Gesellschaft trotz der vergrößerten literarischen

Unternehmungen sich im neuen Jahrhundert günstig gestalteten, und

durch die wachsende Zahl der Beamten der Bau immer besser ausgenützt

werden konnte, so habe ich mich zufrieden gegeben und bin jetzt über

das finanzielle Schicksal der Gesellschaft beruhigt. Aus Sparsamkeit

wurde in den ersten Jahren der obere Teil des Hauses an die chemische

Berufsgenossenschaft vermietet. Seitdem diese aber ihr direkt neben

dem Hofmann-Haus gelegenes eigenes Heim bezogen hat, werden auch die

oberen Räume nur von der chemischen Gesellschaft benutzt. Allerdings

bildet einen Teil davon die Dienstwohnung von Professor ~Jacobson~, die

ihm in Anbetracht seiner Verdienste um die chemische Gesellschaft auch

gelassen wurde, nachdem er vor einigen Monaten den größeren Teil seiner

Ämter zugunsten seines Lehrbuches aufgegeben hat. Diese Dienstwohnung

bildet aber eine Reserve an Raum, die später sicherlich zu den

geschäftlichen Aufgaben der Gesellschaft herangezogen werden wird.

Der Hörsaal des Hofmann-Hauses ist durch zahlreiche Bilder verstorbener

Chemiker geschmückt. Dasjenige von ~Georg Ernst Stahl~, dem Begründer

der Phlogistontheorie, habe ich gestiftet. Es ist eine von ~Walter

Miehe~ ausgeführte Copie des im Besitz der Kaiser Wilhelm-Akademie für

kriegsärztliche Wissenschaft befindlichen Originals. Das Bild zeigt

den hervorragenden Mediziner und Chemiker, der in Berlin als Leibarzt

des Königs Friedrich Wilhelm I. eine große Rolle spielte, in der

kleidsamen Tracht des 18. Jahrhunderts, mit Sammetrock, Spitzenkragen

und einer großen Allongeperrücke. Eine zweite Copie dieses Bildes, die

ich von Fräulein ~Chales de Beaulieu~ vor 2 Jahren ausführen ließ und

für das deutsche Museum zu München bestimmt hatte, ist weniger günstig

ausgefallen, deshalb von Herrn ~Oscar von Miller~ als nicht geeignet

für das Museum erklärt worden und befindet sich noch in meinem Besitz.

An den wissenschaftlichen Sitzungen der chemischen Gesellschaft

habe ich in den ersten 8 Jahren meines Berliner Aufenthaltes, wo

wir unter demselben Dache wohnten, fast ausnahmslos teilgenommen

und auch einen großen Teil meiner wissenschaftlichen Versuche dort

vorgetragen. Die erste Mitteilung im Januar 1893 betraf die Entdeckung

des Amidoacetaldehyds. Mein Vorschlag, die physiologische Wirkung des

salzsauren Salzes zu prüfen, gab Anlaß zu einer kleinen Debatte in der

Sitzung. Es war mir aber leicht, die Opposition ad absurdum zu führen

durch die Bemerkung, daß die Pflanzen meines Wissens Lebewesen ohne

Nerven seien, und daß man alle physiologischen Fragen ohne vorgefaßte

Meinung behandeln müsse. Von da an sind die jungen Chemiker in Berlin

etwas vorsichtiger geworden, wenn sie in der chemischen Gesellschaft

meine Mitteilungen kritisierten, obschon ich immer bereit war, jede

vernünftige und in richtiger Form vorgebrachte Opposition anzuerkennen

und sachgemäß zu behandeln. Die Sitzungen waren damals fast

ausschließlich von Originalvorträgen ausgefüllt, die deshalb vielfach

in übertriebener Weise ausgesponnen und langweilig wurden, während

die von auswärts eingelaufenen zahlreichen Mitteilungen, deren Inhalt

in der Regel viel interessanter war, von dem Schriftführer mit wenig

Worten abgemacht wurden. Auf meinen Vorschlag wurde im Jahre 1896 die

Änderung getroffen, daß die auswärtigen Mitteilungen von einer größeren

Anzahl junger Chemiker in viel ausführlicherer Weise vorgetragen

wurden, wodurch die Sitzungen zweifellos an Inhalt und Interesse

gewannen. Andererseits bemühte sich der Vorstand mit vollem Rechte, die

schon einige Jahre vor ~Hofmanns~ Tode eingeführten zusammenfassenden

Vorträge über größere Arbeitsgebiete von den besten Fachleuten halten

zu lassen. An der Auswahl der Redner habe ich in den ersten 26 Jahren

ziemlich regelmäßig mitgewirkt. In besonderer Erinnerung sind mir

geblieben die Vorträge von ~van't Hoff~ über die neue Theorie der

Lösungen und von ~W. Ramsay~ über die Edelgase. ~van't Hoff~ kam bei

der Gelegenheit zum ersten Mal nach Berlin, und ich habe bei dem

kleinen Festmahl, das nach der Sitzung ihm zu Ehren veranstaltet

wurde, anknüpfend an seinen Namen »vom Hofe« ihn als einen König der

Wissenschaft gefeiert. Der Eindruck, den er damals bei uns hinterließ,

war nicht ganz ohne Einfluß auf seine spätere Berufung nach Berlin.

Noch mehr wurde ~Ramsay~ gefeiert; denn an seiner Entdeckung nahm auch

das große Publikum teil, und er konnte seinen Vortrag in modifizierter

populärer Form einerseits vor dem Kaiserpaar im Hörsaal des chemischen

Instituts und andererseits in der Urania wiederholen. An dem Vortrag

für den Kaiser nahm nur das Präsidium der chemischen Gesellschaft teil,

und es war das erste Mal, daß ich mit Wilhelm II. und der Kaiserin,

allerdings nur ganz kurz, in Berührung kam. Der Wunsch des Kaisers,

einen Vortrag von ~Ramsay~ zu hören, war uns von Professor ~Slaby~

übermittelt worden, und ich übernahm es, bei ~Ramsay~ telegraphisch

anzufragen, ob er dazu bereit sei. Darauf kam die lakonische und für

den Engländer charakteristische Antwort »Yes«. ~Ramsay~ war während

seines Berliner Aufenthaltes mein Gast, und ich bin ihm während dieser

Tage, wo wir stundenlang zusammen plaudern konnten, persönlich nahe

getreten.

Er war nicht allein ein vortrefflicher Naturforscher, sondern auch ein

allgemein gebildeter, sehr sprachgewandter, kluger und besonnener Mann.

Ein zweites Mal hat er während des internationalen Chemikerkongresses

1903 bei mir in der neuen Dienstwohnung, Hessischestraße 2 gewohnt, und

der günstige Eindruck von früher wurde dadurch nur noch verstärkt. Ich

habe ihn später in London wieder besucht und in ziemlich regelmäßigem

Briefwechsel mit ihm gestanden. Insbesondere berichtete er mir

mehrmals über seine radio-aktive Forschung. Der letzte Brief, den ich

von ihm 6 Wochen vor Ausbruch des Weltkrieges empfing, war in einem

ungewöhnlichen Ton gehalten und gab Kunde von der Leidenschaftlichkeit,

mit der er politische Fragen ergriff. Damals war er aufs höchste erregt

über die Homerulepolitik der englischen Regierung in Irland und stand

auf Seiten der Ulster-Partei, die nach seiner Meinung dem Homerule

bewaffneten Widerstand leisten müsse, und für die er entschlossen war,

persönlich alle Hilfe zu leisten. Das war der Vorläufer der maßlosen

Angriffe, die er bald nachher, veranlaßt durch den Krieg, gegen

Deutschland richtete, und auf die ich einstweilen nicht eingehen werde.

Bei seinem ersten Besuch im Dezember 1908 veranstaltete ich für ihn

eine Abend-Herrengesellschaft, zu der einige Berliner Chemiker und

eine größere Anzahl von Akademikern eingeladen wurden. ~Ramsay~ hatte

die Zeit vergessen und kam deshalb erst nachhause, nachdem die ganze

Gesellschaft längst versammelt war. Ich habe dann die Geschwindigkeit

bewundern müssen, mit der er den Straßenanzug ablegte und sich in den

Evening-dress stürzte. Ich glaube, daß die ganze Verwandlung keine 3

Minuten in Anspruch genommen hat.

Ein größeres Festmahl war ihm Tags zuvor von der chemischen

Gesellschaft gegeben worden, und ich mußte dabei die Tischrede auf

den Gast halten, die ich in eine launige Form kleiden konnte. Sie

ist gedruckt worden, und ich habe mir erlaubt, einige Exemplare an

hervorragende auswärtige Fachgenossen zu schicken. Die merkwürdigste

Wirkung hat sie in München ausgeübt; denn ~Pettenkofer~, dem ich ein

Blatt zugeschickt hatte, sandte dieses an ~W. von Miller~, der damals

schon schwer krank war und dem er einen kleinen Spaß bereiten wollte.

~Miller~, der an Darmkrebs litt, hatte den Ehrgeiz, die Vorlesung über

Chemie an der technischen Hochschule mit Aufgebot aller Energie so

lange zu halten, als seine erschöpften Kräfte es irgendwie gestatteten.

Er ließ sich zu dem Zweck zuletzt auf einer Bahre in den Hörsaal

tragen. Eine seiner letzten Vorlesungen hat er hauptsächlich mit dem

Vorlesen meiner Tischreden ausgefüllt, an die er allerdings belehrende

Bemerkungen über die Edelgase und ihre Entdeckung knüpfte. Das hat

mir verschiedene Zuschriften seiner Zuhörer, die davon sehr belustigt

waren, eingebracht.

Weitere bemerkenswerte Vorträge wurden gehalten von ~Nernst~,

~Wallach~, ~Buchner~, ~Willstätter~, ~Richards~, ~Sabatier~, ~Brunck~,

~Knietsch~ usw., die alle mit lebhaftem Interesse gehört und für die

ich zuweilen als Vorsitzender den Rednern den Dank der Gesellschaft

abstatten mußte. Einen Vortrag sonderlicher Art hielt ~R. Fittig~ über

ungesättigte Säuren, Laktone usw., sehr inhaltreich, aber in der Form

so merkwürdig, daß die Jugend sich belustigte und wir Älteren alle Mühe

hatten, den Ernst zu bewahren.

Mein erster Vortrag über Kohlenhydrate, der auf diejenigen von

~Baeyer~ und ~Victor Meyer~ folgte, ist früher schon erwähnt. Einen

zweiten habe ich im Januar 1906 über Aminosäuren, Polypeptide und

Proteine gehalten. Er erregte einiges Aufsehen unter den Fachgenossen.

Etwa 8 Tage nach dem Vortrag wurde durch eine Notiz aus Wien die

Aufmerksamkeit der Presse und des großen Publikums darauf gelenkt, und

nun erlebte ich etwas sehr Merkwürdiges. Meine vorsichtig gehaltene

Rede wurde von der Presse in der phantastischsten Weise ausgeschmückt,

die Synthese des Eiweiß als eine fertige Sache dargestellt und mit

der Lösung der Nahrungsfrage das goldene Zeitalter proklamiert. Ich

habe versucht, dagegen Einspruch zu erheben, aber ohne jeden Erfolg.

Wie eine Sturzwelle ging die Flut der Zeitungsartikel über mich und

alle Vernunft hinüber, und schließlich erhielt ich aus den Vereinigten

Staaten Amerikas Zeitungsartikel, die ganze Seiten bedeckten und durch

Bilder illustriert waren, auf denen man die Verwandlung der Kohle in

die schönsten Erzeugnisse eines eleganten Speisehauses sehen konnte.

Selbstverständlich waren alle diese Bilder von mir selbst, meinem

Laboratorium, den Versuchstieren usw. frei erfunden. Ich habe damals

vor der fürchterlichen Macht und Zügellosigkeit der Presse einen

Schrecken bekommen.

Den dritten zusammenfassenden Vortrag hielt ich im September 1913

in einer Sitzung, die von der chemischen Gesellschaft auf der

Naturforscherversammlung zu Wien veranstaltet wurde. Das Thema war die

Synthese von Depsiden, Flechtenstoffen und Gerbstoffen. Assistiert

wurde ich bei dem Vortrag von meinem Sohn ~Hermann O. L. Fischer~, der

an der Synthese der Flechtenstoffe experimentell beteiligt gewesen war.

Die Sitzung fand statt in dem Hörsaal des chemischen Instituts der

Universität Wien, das damals von ~Guido Goldschmidt~ geleitet wurde.

Der Saal war derartig überfüllt, daß mir hinter dem Experimentiertisch

kaum Raum blieb, um die zahlreichen Tabellen zu erläutern und die

Präparate zu demonstrieren. Zudem herrschte eine derartige Hitze,

daß ich nach 1½stündigem Vortrag so naß war, als hätte ich die

Donau durchschwommen. Es war die erste besondere Sitzung, welche die

chemische Gesellschaft auf einer deutschen Naturforscherversammlung

abhielt und ist bisher auch die einzige geblieben, weil infolge des

Krieges keine Naturforscherversammlung mehr zustande kam.

Als im Jahre 1900 das chemische Institut in den Neubau an der

Hessischenstraße verlegt war, wurde die bis dahin bestehende fast

tägliche Berührung der chemischen Gesellschaft und mir unterbrochen.

Auf meinen Antrag erhielt zwar die Gesellschaft vom Kultusministerium

die Erlaubnis, noch ein Jahr in den alten Räumen der Georgenstraße

zu bleiben, bis das ~Hofmann~-Haus ganz fertiggestellt war, aber mit

der räumlichen Trennung hatte ich das Gefühl, daß ich nicht mehr

im gleichen Maße wie bisher für die Schicksale der Gesellschaft

verantwortlich sei, sondern daß die Sorge für sie sich jetzt mehr

gleichmäßig auf alle Mitglieder des Vorstandes verteilen müsse.

Ich habe dementsprechend nur selten mehr die mir angetragene Wahl

zum Vorsitzenden angenommen und mich auch an den Sitzungen der

Gesellschaft in loserer Form beteiligt, als es früher der Fall war.

Nur wenn wichtige Interessen auf dem Spiele standen, habe ich mich

nicht gescheut, meinen ganzen Einfluß aufzubieten, um das, was ich für

richtig hielt, durchzusetzen.

An dem 50-jährigen Jubiläum der Gesellschaft, das im Mai d. Js.

gefeiert wurde, konnte ich mich nicht beteiligen, weil ich damals

zur Erholung von einer Lungenentzündung in der Südschweiz weilte.

Ich hatte aber vorher beim Kultusminister einen Antrag gestellt, den

wissenschaftlichen Beamten der Gesellschaft, an der Spitze Herrn ~P.

Jacobson~, durch Verleihung von Titeln eine öffentliche Anerkennung zu

erwirken. Das ist auch geschehen, und zu meiner großen Überraschung

wurde auch mir bei der Gelegenheit ein hoher preußischer Orden

verliehen. Offen gestanden hätte ich es lieber gesehen, daß das nicht

geschehen wäre.

Die von mir angeregte und auch ursprünglich übernommene Gedächtnisrede

auf ~A. von Baeyer~ hatte ich leider wegen Krankheit wieder abgeben

müssen. Sie ist dann aber von ~R. Willstätter~ in sehr würdiger Weise

gehalten worden.

Auch beim 40jährigen Bestehen der Gesellschaft war ein kleines Fest

veranstaltet worden, und ich hatte das Vergnügen, bei der Gelegenheit

Herrn Professor ~Henry Armstrong~, den Abgesandten der Chemical Society

zu London, bei mir zu Gast zu haben. Freundschaftliche Beziehungen zu

ihm hatte ich längst, teils durch seinen Sohn, der mehrere Jahre mein

Mitarbeiter war, und auch durch meinen eigenen Sohn ~Hermann~, dem er

und seine Familie während eines halbjährigen Aufenthaltes in England

viele Freundlichkeiten erwiesen hatten.

Aus meinem Leben(#75055) · 第 14 / 16 题