Die meisten Mitglieder der Akademie sind auch Professoren an der
Universität. Zur technischen Hochschule hat die Körperschaft erst
persönliche Beziehungen mit der Einrichtung der technischen Abteilung
in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse im Jahre 1900
erhalten.
Dazu kommen in der Regel noch einige Männer, die keine Lehrtätigkeit
ausüben, da die Akademie in der Wahl von Mitgliedern ganz frei ist.
Zu meiner Zeit war die letzte Art von Mitgliedern vertreten durch
den großen elektrischen Erfinder ~Werner von Siemens~, den Botaniker
~Pringsheim~, die Astronomen ~Auwers~ und ~Vogel~ und später durch
den Elektriker ~von Hefner-Alteneck~, sowie den Eisenbahnbaumeister
~Zimmermann~.
In der Akademie herrscht noch heute der vornehme Geist ihres Gründers
~Leibniz~, und ich habe mich während nunmehr der 25 Jahre, die
ich ihr angehöre, stets über den unparteiischen und unabhängigen
Sinn dieser Korporation gefreut. Jeder Versuch tatkräftiger Männer
aus der Staatsregierung, die Maßregeln ihrer inneren Verwaltung
zu beeinflussen, wurde einmütig abgewiesen. Auf der anderen Seite
war man natürlich, sobald materielle Wünsche in Frage kamen,
auf die Unterstützung der Staatsorgane angewiesen, und ich kann
sagen, daß die Akademie in der mir bekannten Periode von Seiten
des vorgeordneten Kultusministeriums dauernd großes Wohlwollen und
tatkräftige Unterstützung gefunden hat. Früher war es ~Althoff~ im
Kultusministerium, der ihre Geschäfte behandelte, und in den letzten 10
Jahren Fr. ~Schmidt~, der heute selbst Kultusminister ist.
Die inneren Geschäfte der Akademie wurden fast ausnahmslos in rein
sachlicher Weise und mit vornehmer Ruhe erledigt, die nicht selten
einen Anflug von Langeweile zeigt. Zu erregten Debatten kam es nur
zuweilen bei der Wahl neuer Mitglieder. Erst mit dem Krieg ist es
anders geworden. Er hat in der ersten Zeit auch verwirrend auf die
Denkweise mancher Akademiker zurückgewirkt; davon wird später noch die
Rede sein.
Obschon von ~Leibniz~ gegründet und in den Einzelheiten von ~Friedrich
dem Großen~ nach dem Muster der Pariser Akademie reorganisiert,
verleugnet die Berliner Akademie doch nicht ihren preußischen
Charakter. Das zeigt sich in der außerordentlich peinlichen, manchmal
pedantischen Form der Geschäfte und noch mehr in der Bestimmung, daß
jedes Mitglied alljährlich an einem bestimmten Tage nach der sogen.
Lesekarte einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten hat. Es liegt auf
der Hand, daß ein solcher Zwang mit dem Wesen der wissenschaftlichen
Forschung in Widerspruch steht. Er ist auch von manchem Mitglied der
Akademie, wie mir bekannt, recht unbequem empfunden worden. Aber
wiederholte Anläufe, ihn abzuschaffen, sind gescheitert. Ebenso
überflüssig ist meines Erachtens die Bestimmung, daß Abhandlungen, die
in den Schriften der Akademie veröffentlicht sind, von dem Urheber
innerhalb der gesetzlichen Frist nur mit der Bewilligung der Akademie
anderweitig publiziert werden dürfen. Allerdings wird sie von den
Naturforschern wenig mehr beachtet, seit das Sekretariat derartige
Verstöße gegen das Statut sehr milde handhabt. Das ist sehr vernünftig,
denn der Naturforscher kann heutzutage nach einer Veröffentlichung in
der Akademie nicht 1 bis 2 Jahre warten, bevor er seine Resultate auch
in einer Fachzeitschrift mitteilt, da die Berichte der Akademie einen
zu kleinen Leserkreis besitzen. Diese könnte sich wohl damit begnügen,
die Priorität in der Veröffentlichung zu besitzen. Die erschwerten
Bedingungen der Publikation haben zur Folge gehabt, daß ich ebenso
wie die meisten anderen Berliner Naturforscher in den akademischen
Schriften nur einen kleinen Teil meiner Untersuchungen niedergelegt
habe, und das ist wohl der Grund, weshalb die Schriften der Akademie
als Publikationsorgan nicht die Bedeutung erlangt haben, wie es bei
ähnlichen ausländischen Akademieberichten der Fall ist. Im engeren
Kreise haben wir öfter die Frage erwogen, ob es zweckmäßig sei, eine
Änderung in der Redaktion der Sitzungsberichte eintreten zu lassen
in der Weise, daß über alle wichtigen Untersuchungen, die in den von
den Mitgliedern der Akademie geleiteten Instituten ausgeführt werden,
kurze Mitteilungen in die Sitzungsberichte zu machen wären. Aber die
geringe Neigung der Akademie, kurze, manchmal vorläufige Publikationen
aufzunehmen, die besonders in der philosophisch-historischen Klasse
zutage trat, ist derartigen Abänderungsplänen zu hinderlich gewesen.
Dazu kommt die bei solchen Korporationen nicht seltene Macht
der Gewohnheit, die alles Neue bekämpft, und die manchmal recht
absonderliche Formen annehmen kann. Ein kleines Beispiel mag das
illustrieren.
In dem alten Hause unter den Linden, das jetzt durch den Neubau
ersetzt ist, waren die Versammlungsräume der Akademie auf viel
kleinere Verhältnisse zugeschnitten. Beleuchtung und Heizung befanden
sich ungefähr im gleichen Zustand wie vor 100 Jahren, und die Folge
war, daß besonders in den öffentlichen Sitzungen in dem überfüllten
Saale eine entsetzliche Luft herrschte und manchem Akademiker, ebenso
wie der anwesenden Zuhörerschaft die meist zweistündige Dauer der
Sitzung zu einer kleinen Plage werden ließ. Man beschloß also eine
Änderung eintreten zu lassen, und da ich damals durch die Studien
für den Neubau des chemischen Instituts in Fragen der Heizung und
Ventilation Kenntnisse erworben hatte, so wurde ich beauftragt,
zusammen mit dem Physiker ~F. Kohlrausch~ eine solche Einrichtung
auch für den akademischen Sitzungssaal zu planen. Mit Hilfe eines
geschickten Ingenieurs war diese Aufgabe rasch gelöst. Aber als der
Plan zur Begutachtung der gesamten Akademie vorgelegt wurde und sich
dabei herausstellte, daß die Luft des Saales während der Sitzung 2
bis 3 Mal in der Stunde erneuert werden sollte, trat eine peinliche
Sorge vor Zugluft ein, und als gar ein angesehenes Mitglied der
Korporation erklärte, er würde dadurch kalte Füße bekommen, war trotz
der Versicherung, daß die eingeführte Luft angewärmt sei und durch
das Ausströmen aus zahlreichen kleinen Öffnungen den Charakter des
Zugwindes ganz verliere, unser Vorschlag nicht mehr zu retten.
Einen zweiten Mißerfolg ähnlicher Art habe ich als Mitglied einer
Kommission für den Neubau des Akademischen Hauses Unter den Linden
gehabt. Zwar sind Heizung und Ventilation hier nach unseren Vorschlägen
in vernünftiger Weise ausgeführt worden, aber bezüglich der Akustik
konnte ich nicht durchdringen. Nach meinen Erfahrungen beim Neubau
des chemischen Instituts hatte ich verlangt, daß die Sitzungssäle mit
kassetierten Holzdecken und auch mit möglichst viel Holzbekleidung an
den Wänden ausgestattet würden, da diese wie Resonanzböden wirken.
Obschon die Mitglieder der Akademie diesmal auf meiner Seite waren, ist
es mir nicht gelungen, den Eigensinn der Architekten zu überwinden.
Sie behaupteten von Akustik sehr viel zu verstehen, haben unseren Rat
in den Wind geschlagen und es auch richtig fertig gebracht, daß die
Akustik in dem Neubau recht viel zu wünschen übrig läßt.
Im Sommer 1893, bald nach meiner Aufnahme in die Akademie, habe ich in
der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse meinen ersten Vortrag
über die Synthese der Alkylglukoside gehalten, die der Ausgangspunkt
für viele andere Arbeiten geworden ist.
In der ~Leibniz~-Sitzung, die im Juli desselben Jahres stattfand, habe
ich auch meine Antrittsrede gehalten, die in den Sitzungsberichten
veröffentlicht ist und bei der ich nicht allein die Richtung meiner
eigenen Untersuchungen kennzeichnete, sondern auch in ganz kurzer
Form einen Überblick über die Entwicklung der Chemie während der
letzten 50 Jahre gab. Die Antwort darauf erteilte ~Dubois-Reymond~
und begrüßte mich als den zweiten Zuckerchemiker, gleichsam als den
Erben von ~S. Marggraff~ in der Akademie. Ich habe daraus von neuem
gesehen, welch populärer Stoff der Zucker ist, und als ich einige
Zeit später einen Vortrag über die Stereochemie der Zucker hielt, kam
~Helmholtz~ zu mir, um seiner Freude Ausdruck zu geben, daß die Chemie
derartige komplizierte Fragen des molekularen Baues behandeln könne.
Selbstverständlich war das Urteil eines solchen Mannes für mich und
meine Wissenschaft besonders ehrenvoll. Ich habe zwar gleich gemerkt,
daß er die Sache nur halb verstanden hatte, weil ihm die Tatsachen, auf
denen die Spekulation beruhte, zu fremd waren, aber mit dem Feingefühl
des Genies hatte er doch den großen Fortschritt erkannt, den die
Lehre von ~van't Hoff~ und ~Le Bel~ und ihre Spezialanwendung auf so
komplizierte Gebilde wie den Zucker der Chemie gebracht haben. Seitdem
ist mir, wie allen Mitgliedern der Akademie, alljährlich die Aufgabe
zugefallen, an einem bestimmten Tage einen Vortrag abwechselnd vor der
mathematisch-physikalischen Klasse und der gesamten Akademie zu halten.
Ich habe mich dabei stets bemüht, allgemeine, meinem Arbeitsgebiet
naheliegende Probleme in möglichst volkstümlicher Form zu behandeln
und in der Regel auch die Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft gefunden.
Die in den Sitzungsberichten gleichzeitig von mir veröffentlichten
Experimentalarbeiten geben davon kein richtiges Bild, da sie nur ein
kleiner Ausschnitt aus dem Vortrag waren.
In jüngerer Zeit, wo auch das Programm der öffentlichen Sitzungen durch
wissenschaftliche Vorträge erweitert wurde, habe ich auf Einladung
der Akademie als Erster der mathematisch-physikalischen Klasse in der
Friedrichsitzung Januar 1907 über die Chemie der Proteine und ihre
Bedeutung für die Biologie gesprochen.
Die Geschäfte der Korporation werden nach den Beschlüssen der
Gesamtheit größtenteils von vier Sekretären geführt, aber wo
fachmännischer Rat nötig ist, treten auch die einzelnen Mitglieder in
Aktion, entweder für ihre Person allein, oder als Teile besonderer
Kommissionen. Wo chemischer Rat nötig war, hat die Körperschaft nie
versäumt, mich zu fragen. Einer meiner ersten Ratschläge hat leider
eine peinliche Folge gehabt.
Bei der Verleihung des Ordens pour le merite Friedensklasse an
ausländische Gelehrte wird nämlich die Akademie regelmäßig ersucht,
Vorschläge zu machen, und als es sich hierbei um die Wahl eines
Chemikers handelte, hielt ich mich für verpflichtet, in erster
Linie ~L. Pasteur~ und außerdem noch ~Frankland~ und ~van't Hoff~
vorzuschlagen. Akademie und Regierung schlossen sich dem an, und
der Orden wurde durch den deutschen Botschafter in Paris zuerst
~Pasteur~ angeboten. Dieser lehnte ab, was sein gutes Recht war. Aber
er beging gleichzeitig die Taktlosigkeit, seinen Entschluß nicht
geheim zu halten. Die Sache kam in die Öffentlichkeit und wurde von
der französischen Presse zu einer großen chauvinistischen Kundgebung
ausgenutzt. Als ich einige Jahre später Paris besuchte, um die dortigen
Laboratorien zu besichtigen und ~H. Moissan~ aufsuchte, richtete er an
mich sofort die Frage, weshalb die Berliner Akademie keinen Franzosen
mehr zum Mitglied wähle. Als ich ihm darauf antwortete, daran sei das
Benehmen von ~Pasteur~ schuld und die Sorge der Berliner Gelehrten
vor weiteren Skandalen, die der Würde der Wissenschaft nur schaden
könnten, gab er mir recht und betonte, daß auch die große Mehrheit der
französischen Forscher es für falsch halte, nationalistische Tendenzen
in der Wissenschaft gelten zu lassen. Seitdem haben eine ganze Reihe
von Franzosen, u. a. ~Marcellin Berthelot~, nach Vorschlag unserer
Akademie den Orden erhalten und angenommen.
Viel erfreulicher verlief ein anderer Antrag auf Ehrung eines
Ausländers, den ich viele Jahre später gemeinsam mit ~Walter Nernst~
stellte. Er betraf die Verleihung der goldenen Leibniz-Medaille an
Herrn ~Ernest Solvay~ in Brüssel und gleichzeitig an Herrn ~H. von
Böttinger~ als Anerkennung ihrer Verdienste um die Förderung der
Wissenschaften durch Zuwendung von reichen materiellen Mitteln. Beide
Herren erschienen in der Leibniz-Sitzung an 1. Juli 1909, um diese
Medaillen in Empfang zu nehmen, und abends hatten ~Nernst~ und ich das
Vergnügen, in den Räumen des Automobilklubs zu Ehren der beiden Herren
eine gesellige Zusammenkunft mit vielen Mitgliedern der Akademie, mit
hervorragenden Chemikern und anderen Personen des wissenschaftlichen
Berlins zu veranstalten. Mir fiel die Aufgabe zu, die beiden Herren
in einer Tischrede zu begrüßen. Das Fest verlief in harmonischer und
heiterer Stimmung, und die dabei gehaltenen Reden sind in einer kleinen
Schrift »Festmahl zu Ehren der Herren ~E. Solvay~ und ~H. v. Böttinger~
am 1. Juli 1909 im Kaiserlichen Automobilklub zu Berlin« zusammengefaßt
worden. Als Dank für die Ehrung machte Herr ~von Böttinger~ eine
Stiftung von 30000 M., die er auf meinen Rat zur Erwerbung von
Mesothorium bestimmte. Ich habe den Ankauf des Präparates besorgt und
dasselbe verwaltet, bis die Akademie den Neubau Unter den Linden wieder
bezog und dadurch die Möglichkeit erhielt, ihren gesamten materiellen
Besitz im eigenen Hause aufzuheben. Das Mesothorium ist inzwischen auf
meinen Rat von der Akademie mit großem Gewinn wieder verkauft und dafür
ein entsprechender Vorrat des viel haltbareren Radiums angeschafft
worden.
Außer dem Mesothorium habe ich auch länger als 20 Jahre die akademische
Instrumentensammlung, die in meiner Dienstwohnung zuerst in der
Dorotheenstraße und später in der Hessischenstraße untergebracht
war, verwalten müssen. Die Inventarisierung der einzelnen Objekte war
verhältnismäßig einfach, aber der Verkehr mit den Gelehrten, denen die
Instrumente überlassen wurden, brachte zuweilen unbequemen Briefwechsel
mit sich. Auch diese Verpflichtung bin ich inzwischen los geworden,
weil die Instrumentensammlung ebenfalls in das neue Haus der Akademie
übergeführt werden konnte, und jetzt von dem Archivar der Korporation
verwaltet wird.
Als Inhaber des akademisch-chemischen Laboratoriums und der damit
verbundenen Dienstwohnung in der Dorotheenstraße, einem der ältesten
wissenschaftlichen Laboratorien Berlins, das von ~S. Marggraff~
erbaut und in dem ~Achard~ zum erstenmal Rohrzucker in größerer Menge
(1700 Pf.) aus Zuckerrüben herstellte, stand ich zu der Akademie in
einem besonderen Verhältnis. Das trat besonders scharf hervor, als
der Plan eines Neubaues des chemischen Instituts gereift war, und
die Verlegung des Instituts an eine andere Stelle nötig wurde. Für
die Bewilligung der Bausumme stellte damals die Finanzverwaltung die
Bedingung, daß die Akademie auf den Besitz in der Dorotheenstraße
verzichten, und dafür einen Anteil an dem neuen Gebäudekomplex in der
Hessischenstraße erhalten soll. Es ist begreiflich, daß die Aufgabe
des alten Besitzes, der 150 Jahre der Akademie gehörte, und wo nicht
allein der akademische Chemiker, sondern zeitweise auch der Astronom
Unterkunft gefunden hatte, von manchem Mitglied der Korporation
schmerzlich empfunden wurde, und daß deshalb die Zustimmung der
Akademie zu dem neuen Plane von einer besonderen Verhandlung abhängig
gemacht wurde. Als die Stimmung zu schwanken schien, traten zwei
Männer auf das Entschiedenste für den Plan ein, der Mediziner ~Rudolph
Virchow~ und der Theologe ~Adolf Harnack~ mit der Bemerkung, daß die
Akademie verpflichtet sei, einer Wissenschaft wie der Chemie, wenn
sie in eine Notlage geraten sei, zu Hilfe zu kommen. Diese großzügige
Auffassung drang durch. Der Plan wurde einstimmig genehmigt, und ich
habe mich dauernd der Akademie für diese vornehme Handlung verpflichtet
gefühlt. Die Sympathie, die ich von Anfang an für sie gehabt habe,
ist dadurch noch um ein Erhebliches gesteigert worden. Infolgedessen
habe ich auch mit besonderer Freude eine Ehrung entgegengenommen, die
mir von der Akademie durch Verleihung der ~Helmholtz~-Medaille im
Januar 1909 erwiesen wurde. Die Medaille wird nicht nach dem Statut,
aber gewohnheitsgemäß alle zwei Jahre abwechselnd einem Physiker oder
Biologen gegeben. Demnach habe ich sie in letzter Eigenschaft erhalten,
weil meine chemischen Arbeiten die Biologie vielfach berühren. Durch
den Besitz der Medaille erhält man gleichzeitig das Recht, für neue
Verleihungen Vorschläge zu machen, und ich habe schon das nächste Mal
davon Gebrauch gemacht, um ~van't Hoff~ diese Ehre zuteil werden zu
lassen. Er empfing die Medaille einige Wochen vor seinem Tode. Es war
die letzte Ehrung, die ihm erwiesen wurde, und die ihm nach dem Zeugnis
der Gattin noch viele Freude bereitet hat. Selbstverständlich habe
ich auch immer mitgewirkt, wenn es sich um die Wahl von Chemikern zum
ordentlichen oder korrespondierenden Mitglied handelte, und mit großer
Befriedigung kann ich bezeugen, daß in allen diesen Geschäften bei den
Chemikern der Akademie volles Einverständnis leicht zu erzielen war.
Speziell erwähnen will ich die Wahl zu auswärtigen Mitgliedern, die auf
meinen Vorschlag 1900 für ~M. Berthelot~ und 1905 für ~A. von Baeyer~
stattfand. Zusammen mit ~van't Hoff~ hatte ich das Vergnügen, die
letzte Wahl bei der Feier des 70-jährigen Geburtstages ~von Baeyer~ im
Oktober 1905 in München verkünden zu können.
An der Feier des 200-jährigen Stiftungsfestes der Akademie konnte ich
leider nicht teilnehmen, weil ich wegen einer hartnäckigen Schwäche
des Stimmbandes einen längeren Aufenthalt an der Riviera nehmen
mußte. Die Feier brachte der Akademie eine Vermehrung der Mitglieder,
speziell für die mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse die
Abteilung für technische Wissenschaften, in die als erste Mitglieder
die Herren ~Müller~-Breslau, Professor an der technischen Hochschule
zu Charlottenburg, ~Martens~, Direktor des Materialprüfungsamtes zu
Lichterfelde und ~von Hefner-Alteneck~, elektrotechnischer Erfinder,
früher Beamter der Firma Siemens & Halske, gewählt wurden. Dadurch
erhielt die Akademie Gelegenheit, hervorragende auswärtige Vertreter
der Technik durch Ernennung zu korrespondierenden Mitgliedern zu ehren,
und ich habe mir wiederholt erlaubt, solche Wahlen für technische
Chemiker, z. B. für ~Ludwig Mond~, ~Ernest Solvay~ und ~Auer von
Welsbach~ anzuregen.
Die Bedeutung einer wissenschaftlichen Akademie ist selbstverständlich
in erster Linie bedingt durch das wissenschaftliche Ansehen der
einzelnen Mitglieder. Zur Zeit meines Eintritts gehörten zur Berliner
Akademie eine verhältnismäßig große Anzahl von Männern ersten Ranges.
An der Spitze der Naturforscher stand ~Hermann von Helmholtz~, ein
wissenschaftliches Universalgenie; denn er hat nicht allein in der
Physik, Physiologie und Mathematik grundlegend gewirkt, sondern auch in
der Erkenntnistheorie Achtenswertes geleistet. Wenn man von ~Alexander
von Humboldt~ absieht, so war er der vielseitigste Naturforscher des
19. Jahrhunderts, nicht allein in Deutschland, sondern wahrscheinlich
in der Welt, und diese Vielseitigkeit hat der Gründlichkeit seiner
Forschung nicht den geringsten Abbruch getan. Dazu besaß er in
hohem Maße die Gabe, naturwissenschaftliche Erkenntnis in leicht
verständlicher Form und vornehmer Sprache weiteren Kreisen zugänglich
zu machen, und ich kenne wenig naturwissenschaftliche Schriften,
die auf mich in jüngeren Jahren so anregend gewirkt haben, wie die
von ~Helmholtz~ publizierten Vorträge über verschiedene Zweige der
Physik, Physiologie und Mathematik. Vielleicht hat ~Justus Liebig~
durch seine populären Schriften über die Bedeutung der Chemie für den
Ackerbau, die Künste und Gewerbe größeren Einfluß auf die Entwicklung
des wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens in Deutschland
gehabt, aber an Feinheit der Darstellung und Schönheit der Form
können sie den Vorträgen von ~Helmholtz~ nach meinem Empfinden nicht
gleichgestellt werden. Zu der Zeit, als ich ~Helmholtz~ kennen lernte,
war er schon 72 Jahre alt und eine in jeder Beziehung abgeklärte
Persönlichkeit. Es war für uns Jüngere stets ein besonderes Vergnügen,
wenn er in der Fakultät oder Akademie das Wort ergriff und in ruhiger
besonnener Art seine Meinung äußerte. Ich habe wiederholt Gelegenheit
gehabt, mit ihm Privatgespräche zu führen, bei denen er stets ein
wohlwollendes Interesse an der Chemie kund gab. Diese persönliche und
innige Berührung zwischen einzelnen Mitgliedern der Akademie vollzog
sich in ungezwungener Form bei den Nachsitzungen, die in einem Kaffee
stattfanden, zuerst im Hotel de Rome und später in verschiedenen
anderen Kaffees Unter den Linden oder in der Potsdamer Straße. Diese
Nachsitzungen waren nicht selten belehrender und vor allen Dingen
unterhaltender als die amtliche Hauptsitzung. Als ~Helmholtz~ im August
1894 starb, war es mir als Vorsitzender der chemischen Gesellschaft, zu
deren Ehrenmitgliedern er gehörte, eine angenehme Pflicht, ihm einen
Nachruf zu widmen, der in den Berichten der Gesellschaft gedruckt
wurde, und in dem ich meiner Bewunderung für den großen Mann vollen
Ausdruck gegeben habe.
Eine zweite sehr interessante Persönlichkeit in dem akademischen Kreise
war ~Rudolph Virchow~, pathologischer Anatom, Hygieniker, Anthropologe
und Politiker, ein Mann von einer ungewöhnlichen Arbeitskraft, der
trotz der Zersplitterung seiner Tätigkeit alles, was er anfaßte, mit
großer Gründlichkeit und Überlegung besorgte. Noch im Alter von 80
Jahren pflegte er nicht allein den ganzen Tag, sondern auch die halbe
Nacht der Arbeit zu widmen, besaß dafür allerdings auch das Talent,
jede freie Minute sogar in den Sitzungen oder bei Gesellschaften zum
Schlaf benutzen zu können. Er war scharf in seinem Urteil und konnte
gegen Auswüchse der Medizin und Hygiene oder gegen Mißgriffe der
Staatsverwaltung in schärfster Weise auftreten. Aber ich habe stets
den Eindruck bekommen, daß er sich nur durch sachliche Gründe und
durch vornehme politische, soziale oder wirtschaftliche Grundsätze
führen ließ. Zu mir persönlich ist er immer sehr freundlich gewesen,
und seiner wirkungsvollen Unterstützung bei dem Neubau des chemischen
Instituts habe ich schon gedacht. Aus der Akademie erinnere ich mich
eines scharfen und erfolgreichen Protestes, den er gegen die Aufnahme
einer von ~S. Schwendener~ präsentierten Abhandlung eines gewissen Dr.
~Pinkus~ über den vermeintlichen Zusammenhang zwischen dem Wachstum
der Kopfhaare und dem Schicksal ihres Trägers in die Sitzungsberichte
erhob. Seine Kritik war in biologischen Kreisen gefürchtet, aber von
der großen Mehrzahl als sachlich anerkannt. Bei mir hat er einmal
an einem Abendessen teilgenommen, das ich zu Ehren von ~William
Ramsay~ veranstaltete. Als wir aus dem warmen Eßzimmer in die etwas
unterkühlten Gesellschaftszimmer übersiedelten, sagte er scherzhaft
zu mir: »Sie scheinen wie der Schah von Persien über alle Klimatas zu
verfügen«, worauf ich ihm erwiderte, daß in der Chemie die Periode der
extremen Temperaturen begonnen habe.
Ein anderer hervorragender Mediziner in der Akademie war der Physiologe
~E. Dubois-Reymond~, besonders bekannt geworden durch die zahlreichen
akademischen Reden, die er als Sekretär der Korporation gehalten hat.
Er war zweifellos auch ein geistreicher Mann und von ungewöhnlicher
formaler Gewandtheit. Von Zeit zu Zeit lese ich noch heutzutage
einzelne seiner Reden mit Genuß, wenn sich auch nicht leugnen läßt,
daß die Effekthascherei dabei eine gewisse Rolle spielt, und die
übertriebene mechanistische Tendenz einer überwundenen Periode der
Wissenschaft angehört.
Von der Chemie verstand ~Dubois-Reymond~ wenig, aber er war doch
einsichtsvoll genug gewesen, ihr in seinem neuerbauten physiologischen
Institut eine ziemlich große Abteilung mit selbständiger Leitung
zu gewähren, und wenn man sich daran erinnert, daß ~E. Baumann~
und ~A. Kossel~ als Vorsteher dieser Abteilung einen großen Teil
ihrer wissenschaftlichen Arbeiten ausgeführt haben, so muß man
~Dubois-Reymond~ zugestehen, daß er in der Wahl seiner Mitarbeiter eine
glückliche Hand gehabt hat.
Die allgemeine Vorlesung über die Fortschritte der Naturwissenschaften,
die er jahrzehntelang als Publikum gelesen hat, war berühmt nach Inhalt
und Form und wurde von den Mitgliedern aller Fakultäten gerne besucht.
Daß sie seit seinem Tode in Berlin fehlt, ist zweifellos eine Lücke in
dem naturwissenschaftlichen Unterricht der Universität, aber ich wüßte
augenblicklich niemand in unserem Kreise zu nennen, der imstande wäre,
wie ~Dubois~ diese Aufgabe zu lösen.
Unter den jüngeren Naturforschern der Akademie traf ich zwei alte
Bekannte, den Botaniker ~Engler~, der gleichzeitig mit mir Privatdozent
in München gewesen war und den Physiker ~August Kundt~, meinen lieben
Lehrer aus Straßburg, dessen ich früher schon gedacht habe. Er hatte
sich mit der ihm eigenen Energie in Berlin nicht allein in die
Aufgabe des Lehrers und Forschers, sondern auch in den Strudel des
gesellschaftlichen Lebens gestürzt. Dem war seine Gesundheit nicht
gewachsen. Ein schweres Herzleiden machte sich schon damals bemerkbar
und im Mai 1894 ist er daran gestorben. Es war mir eine angenehme
Pflicht, ihm in den Berichten der chemischen Gesellschaft einen kurzen
Nachruf zu widmen. Die Chemiker werden immer dankbar anerkennen, daß
er zusammen mit ~Warburg~ die Einatomigkeit des Quecksilberdampfes
nach seiner allgemeinen Methode der Schallgeschwindigkeit eindeutig
bewies und damit das gleiche für die später entdeckten Edelgase möglich
machte. ~Kundt~ war ein ausgezeichneter Lehrer und lieber Mensch,
der auf jüngere Naturforscher eine große Anziehungskraft ausübte und
dessen Tod eine große Lücke in unseren naturwissenschaftlichen Kreis
riß. Das zeigte sich sofort bei der Berufung eines Nachfolgers. Auf
Anregung von ~Helmholtz~ präsentierte die Fakultät dem Ministerium
nur einen Kandidaten, ~Friedrich Kohlrausch~. Aber ehe er zusagte,
starb ~Helmholtz~ und ~Kohlrausch~ wurde nun sein Nachfolger an der
physikalisch-technischen Reichsanstalt zu Charlottenburg.
Die Wahl des Physikers an der Universität mußte dann einstweilen
verschoben werden, weil keine Persönlichkeit in Deutschland vorhanden
war, die alle Beteiligten befriedigte. Infolgedessen tauchte im Laufe
des Winters der Gedanke auf, ~J. H. van't Hoff~ für die Stelle zu
gewinnen, nachdem bekannt geworden war, daß er nicht ungern Amsterdam
verlassen würde. Die Unterrichtsverwaltung ging rasch auf diesen
Plan ein, und zunächst wurde Professor ~M. Planck~ nach Amsterdam
geschickt, um mit ~van't Hoff~ die Möglichkeit einer solchen Berufung
zu überlegen. Den weiteren Verlauf der Verhandlung habe ich in einer
Gedächtnisrede auf ~van't Hoff~ geschildert, die ich bald nach seinem
Tode in der Leibnizsitzung der Akademie hielt. Er lehnte die Professur
an der Universität ab, wurde aber dafür ein Jahr später als Akademiker
nach Berlin gerufen und erhielt nun eine außerordentliche Professur an
der Universität mit dem Charakter als Honorarprofessor, um sein Gehalt
auf eine angemessene Höhe bringen zu können. An der Berufung ~van't
Hoffs~ habe ich selbstverständlich regen Anteil genommen und bin dafür
durch ein schönes Freundschaftsverhältnis belohnt worden, das bis zu
seinem Tode dauerte, und das mich mit diesem bedeutenden Naturforscher
in nahe Berührung gebracht hat. Abgesehen von einigen kleinen Schwächen
war er ein prächtiger Mann von origineller Denkart und kaum minder
originell in seinen Lebensgewohnheiten. Eine öffentliche Vorlesung über
chemische Theorien hat er regelmäßig in unserem Institut gehalten,
während er sich für seine Experimentalstudien zusammen mit ~Meyerhofer~
ein bescheidenes Privatlaboratorium eingerichtet hatte.
Nachdem ~van't Hoff~ die physikalische Professur an der Universität
abgelehnt hatte, wurde ~Emil Warburg~ berufen. Als er 10 Jahre später
als Nachfolger von ~Kohlrausch~ an die physikalisch-technische
Reichsanstalt ging, wurde ~Drude~ Professor der Physik an der
Universität, fand aber schon nach kurzer Zeit ein tragisches Ende.
Seitdem ist ~Rubens~, der Entdecker der Reststrahlen bei uns der
Vertreter der Experimentalphysik, während die theoretische Physik in
der ganzen Zeit meiner Berliner Tätigkeit in würdigster Weise von ~M.
Planck~ geleitet und gepflegt wurde. Mit allen diesen Physikern, welche
durchweg verständige, wohlwollende und ruhig denkende Menschen waren,
habe ich im freundschaftlichen Verhältnis gestanden. Besonders gilt das
von ~Friedrich Kohlrausch~, mit dem ich schon in Würzburg befreundet
war. In der großen Stadt ist zwar der ungezwungene leichte Verkehr,
wie Würzburg ihn bot, kaum möglich, aber mit ~Kohlrausch~ bin ich
doch wieder in sehr nahe persönliche Berührung gekommen durch einige
Versuche, die wir im Jahre 1898/99 miteinander ausführten, und die
nichts geringeres bezweckten, als eine Verwandlung chemischer Elemente
ineinander. Lange bevor man solche Erscheinungen bei den radioaktiven
Substanzen beobachtete, hatte ich mir die Meinung gebildet, daß auf
der Sonne und anderen Fixsternen, nach den dort herrschenden extremen
Temperaturen und den besonderen Druckverhältnissen sich elementare
Verwandlungen vollziehen und daß der wirkliche Zustand der Sonne in
bezug auf die chemischen Elemente ein Gleichgewichtszustand sei. Als
Hypothese habe ich diese Ansicht auch häufig in meinen Vorlesungen
geäußert, allerdings niemals darüber publiziert, weil ich keine
tatsächlichen Gründe dafür anführen konnte. Ich war nun weiter auf
den Gedanken gekommen, daß man vielleicht elementare Verwandlungen
erreichen könne, wenn man auf eine kleine Menge von Stoff eine
ungeheure Menge von Energie konzentriere und schlug ~Kohlrausch~ vor,
solche Versuche mit Wasserstoff in sehr verdünntem Zustand bei langer
Einwirkung von Kathodenstrahlen auszuführen. Der Gedanke schien nicht
unsinnig, und wir hatten uns einen hübschen Apparat zusammengebaut, der
es gestattete, den mit Kathodenstrahlen behandelten Wasserstoff auf
den Druck von 6 bis 8 mm zu konzentrieren und dann spektralanalytisch
zu prüfen. Speziell hatten wir die Hoffnung, den Wasserstoff ganz oder
teilweise in Edelgas überzuführen. Die Herstellung des Apparates, der
Kathodenstrahlen, der Vakuumpumpe usw. fiel natürlich dem Physiker
zu. Ich übernahm dafür die sorgfältige Reinigung der Materialien, der
Glasgefäße, des Quecksilbers und des Wasserstoffes, der zuletzt immer
aus Paladiumwasserstoff bereitet wurde. Wir haben so manchen Nachmittag
bis in die späten Abendstunden hinein zusammen gearbeitet, leider ohne
ein sicheres Resultat zu erzielen. Besondere Schwierigkeiten machten
uns die Kathodenstrahlen, weil mit der Reinheit der Kathoden der
Widerstand außerordentlich wuchs, und schließlich solche Spannungen
angewandt werden mußten, daß die Gefäße es nicht mehr aushielten. Wir
haben nichts darüber publiziert und das ist der Grund, warum ich hier
so ausführlich darüber gesprochen habe. Etwa 10 Jahre später sind
ähnliche Versuche von englischen Physikern veröffentlicht worden,
welche der Meinung waren, daß sie dabei die Entstehung von Edelgasen
sicher beobachtet hätten. Sie scheinen sich aber getäuscht zu haben;
denn später hat man von dieser Entdeckung nichts weiter als abfällige
Kritik gehört, und daß ein solcher Irrtum leicht eintreten kann, wird
jeder, der sich mit ähnlichen Versuchen beschäftigt hat, zugeben.
Eine andere kleine Arbeit habe ich viele Jahre später mit ~Heinrich
Rubens~ angestellt. Sie betraf die Prüfung der von dem Physiologen
~Rosenthal~ aufgestellten Behauptung, daß Wechselströme eine Hydrolyse
von Stärke und ähnlichen Kohlenhydraten bewirken können, wenn die
Schwingungszahl eine angemessene, aber für jeden Fall verschiedene Höhe
erreicht hat. Unsere Versuche fielen ganz negativ aus, wurden aber
nicht publiziert, weil uns die Sache nicht mehr interessierte, sobald
der Irrtum von ~Rosenthal~ festgestellt war. Einige Jahre später hat
ein Physiko-Chemiker die ~Rosenthal~'sche Behauptung auch öffentlich
widerlegt. Die Ursache des Irrtums ist ihm aber verborgen geblieben.
Ich glaube dieselbe gefunden zu haben durch die Beobachtung, daß der
verwandte Stärkekleister in der Tat reduzierende Eigenschaften annehmen
kann, wenn man ihn im offenen Gefäß einer langen Behandlung mit
Wechselstrom unterwirft; denn dann bildet sich in der umgebenden Luft
Ozon, das die Stärke in der Wärme rasch angreift und in reduzierende
Substanzen verwandelt. Man vermeidet diesen Fehler vollständig, sobald
man die den Stärkekleister enthaltenden Gefäße verschließt. Die Wirkung
des Ozons auf Stärkekleister, die meines Wissens schon in rohem Umriß
bekannt ist, verdient übrigens eine nähere Untersuchung bezüglich der
dabei entstehenden Produkte, und ich hoffe selbst noch Gelegenheit zu
haben, darüber neue Erfahrungen zu sammeln.
Mein Spezialkollege sowohl in der Akademie wie Fakultät war der
Chemiker ~Hans Landolt~, ungefähr 20 Jahre älter wie ich. Wie früher
erwähnt, hätte ich 1880 sein Nachfolger in Aachen werden können, als er
an die Landwirtschaftliche Hochschule zu Berlin übersiedelte. Von dort
wurde er als Nachfolger von ~Rammelsberg~ an die Universität berufen
und mit der Direktion des II. chemischen Instituts der Universität
in der Bunsenstraße betraut. Als Sachverständiger war er bei meiner
Berufung nach Berlin und auch bei der Aufnahme in die Akademie
besonders stark beteiligt.
~Landolt~, der Sprosse einer alten Züricher Familie, verleugnete trotz
seines langen Aufenthaltes in Deutschland nicht den Schweizer. Er war
ein kluger, kritisch veranlagter Kopf und ein Mann von aufrichtigem
angenehmen Charakter. Als Forscher nahm er keine hervorragende
Stellung ein, aber seine Bücher, besonders die großen, mit ~Börnstein~
zusammen publizierten Tabellen erfreuen sich in den Fachkreisen großer
Wertschätzung. Wir sind sehr gut miteinander ausgekommen und haben
nur äußerst selten in geschäftlichen Dingen verschiedene Ansichten
vertreten. Er war kein Führer, weder in der Wissenschaft noch in der
Berliner Gelehrtenkorporation, aber er erfreute sich wegen seines
besonnenen Urteils und seiner allgemeinen Charaktereigenschaften
in unserem Kreise allgemeiner Beliebtheit. Das zeigte sich bei der
Feier seines 70. Geburtstages, den er kurz nach einer schweren
Gallensteinoperation erlebte. Mir war es bei dieser Gelegenheit ein
Vergnügen, beim Festessen die Rede auf den Jubilar zu halten und darin
auch des schönen kollegialen Verhältnisses zu gedenken, das zwischen
uns dauernd bestanden hat. Auch zu seiner Gattin und der Tochter,
die an Professor ~O. Liebreich~ verheiratet war, bin ich in ein
freundschaftliches Verhältnis getreten. Frau ~Landolt~ hat sich ein
Verdienst um den geselligen Verkehr der chemischen Privatdozenten und
Assistenten erworben, die sie häufig zu sich einlud, und ihnen damit
den gesellschaftlichen Anschluß ermöglichte, den ich leider bei meiner
zurückgezogenen Lebensweise nicht bieten konnte.
Im Alter von 74 Jahren gab ~Landolt~ die Professur an der
Universität auf und zog sich zurück in die physikalisch-technische
Reichsanstalt zu Charlottenburg, um die subtilen Versuche über
etwaige Gewichtsveränderung der Gesamtmaße bei chemischen Reaktionen
fortzusetzen, die er während mehr als 10 Jahre im II. chemischen
Institut angestellt hat. Für diese Versuche war er besonders veranlagt.
Es machte ihm große Freude, die Wägungen immer mehr zu verfeinern und
etwaige Fehlerquellen aufzuspüren. Nach manchen Schwankungen kam er,
wie bekannt, zu dem Resultat, daß bei chemischen Vorgängen keine durch
unsere jetzigen Hilfsmittel nachweisbare Gewichtsveränderung eintritt.
Das war nichts Neues; denn derselbe Satz gehört zu den Grundlehren
der Chemie, aber es ist doch ein zweifelloses Verdienst, wenn gerade
solche fundamentalen Sätze von Zeit zu Zeit mit den fortgeschrittenen
technischen Hilfsmitteln geprüft werden, und der Name ~Landolt~ wird
sich wahrscheinlich in der Geschichte der Wissenschaft mehr an diese
Versuche knüpfen als an seine sonstigen wissenschaftlichen Arbeiten.
~Landolts~ Nachfolger an der Universität wurde ~Walter Nernst~, der
ausgezeichnete Physiko-Chemiker zu Göttingen. Bei dieser Gelegenheit
wurde das II. chemische Institut umgetauft in »Physikalisch-chemisches
Institut der Universität« und damit verlor auch das I. chemische
Institut seine I und erhielt wieder den alten einfachen Namen
»Chemisches Institut der Universität«.
Wie begreiflich wurde ~Nernst~ auch bald in die Akademie der
Wissenschaften gewählt und die Chemie war dann durch eine Gruppe von
4 Männern, ~Landolt~, ~van 't Hoff~, ~Nernst~ und mich vertreten,
die ihr in allen fachlichen Fragen den gebührenden Einfluß sichern
konnten. ~Nernst~, den ich schon von Würzburg her kannte, weil er dort
beim Doktorexamen in Chemie von mir geprüft wurde, ist mir später
ein lieber und hilfsbereiter Kollege gewesen. Sowohl in der Fakultät
wie in der Akademie haben wir fast immer einmütig zusammen gehandelt
und nur bei der Besetzung von chemischen Lehrstühlen an anderen
preußischen Universitäten standen zuweilen die Ratschläge, die wir dem
Kultusminister gaben, miteinander in Widerspruch. Am schärfsten trat
das zutage bei der Besetzung der Professur in Breslau nach dem Abgang
von ~Buchner~. Die Fakultät hatte ~Abegg~ vorgeschlagen und dieser
Kandidat fand die lebhafteste Unterstützung von ~Nernst~. Ich war aber
der Meinung, daß die Professur der Experimentalchemie und die Direktion
des chemischen Instituts einem Experimentalchemiker übertragen werden
sollte, während man für ~Abegg~ eine besondere ordentliche Professur
für physikalische Chemie schaffen sollte. Nach langem Schwanken hat
der Minister Professor ~Biltz~ aus Kiel nach Breslau berufen und damit
den von mir ausgesprochenen Grundsatz als gerechtfertigt anerkannt.
~Nernst~ soll diese Wendung der Dinge nicht allein für die Person
des Herrn ~Abegg~, sondern auch für die physikalische Chemie als
Zurücksetzung empfunden haben, wie mir allerdings nur auf Umwegen
bekannt geworden ist. Ich will hier offen bekennen, daß ich niemals der
Entwicklung der physikalischen Chemie hinderlich entgegengetreten bin,
sondern sie stets als notwendigen Bestandteil des Unterrichts und der
Forschung anerkannt und auch bei den Behörden empfohlen habe. Ich hätte
sogar in dem neuen Institut eine besondere Abteilung für physikalische
Chemie eingerichtet, wenn nicht die Herren ~van't Hoff~ und ~Landolt~
sich dagegen ausgesprochen hätten mit der Begründung, daß man ihnen
die Vertretung der physikalischen Chemie allein überlassen sollte. Die
Berechtigung dieses Wunsches lag auf der Hand, und so habe ich meine
Absicht fallen lassen, obschon es damals ziemlich leicht gewesen wäre,
Professor ~Bredig~ aus Leipzig für unser Institut zu gewinnen. Meine
Hoffnung, daß mit der Berufung von ~Nernst~ alle studierenden Chemiker
in Berlin seine Vorlesungen und Übungen besuchen und sich genügend in
physikalischer Chemie unterrichten würden, hat sich allerdings nicht
erfüllt. Die große Stadt bringt es mit sich, daß der Student sich so
weit wie möglich auf den Besuch eines Fachlaboratoriums beschränkt und
dazu kommt noch, daß im Berliner Doktorexamen die chemische Technologie
als Nebenfach gewählt werden darf, so daß für physikalische Chemie
kein Raum mehr bleibt. Ich halte das, offen gestanden, für eine Lücke
unseres Unterrichtes, und ich habe mich selbst immer bemüht, durch
die Handhabung des Doktorexamens den Studenten die Wichtigkeit der
physikalischen Chemie klar zu machen, aber ich kann mir doch nicht
verhehlen, daß es wirksamer wäre, sie obligatorisch zu machen und
hoffe, daß diese Maßregel nach dem Kriege auch getroffen wird.
~Nernst~ ist kein einseitiger Fachgelehrter, sondern interessiert sich
auch für industrielle und wirtschaftliche Dinge, wozu er durch die
Erfindung seiner elektrischen Lampe genügende praktische Gelegenheit
fand. Er ist ferner Automobilist und Landwirt, Jäger und war während
des Krieges sogar Soldat. Das entspricht ganz seinem lebhaften Geiste,
seiner großen Energie und seinem leidenschaftlichen Empfinden. Zusammen
mit seiner liebenswürdigen Gattin und seinen Kindern hat er auch ein
gastfreies Haus in Berlin eingerichtet, wo die jungen Chemiker und
Physiker leicht Aufnahme finden. Er war anfangs der Meinung, daß ich
auf seine gesellschaftlichen Bemühungen eifersüchtig werden könnte und
sprach sich darüber freimütig aus. Meine Antwort, daß ich nicht den
geringsten Wert darauf lege, gesellschaftlich eine Rolle zu spielen
und ihm nur dankbar sein könnte, wenn er sich dieser Verpflichtung
unterziehe, war für ihn ebenso überraschend wie beruhigend.
Auf unsere gemeinsame Arbeit bei dem Plane zur Errichtung einer
chemischen Reichsanstalt und bei der Gründung des Kaiser Wilhelm
Instituts für Chemie werde ich später zurückkommen. Dasselbe gilt für
die Herren ~Haber~, ~Beckmann~ und ~Willstätter~, die erst mit der
Gründung der Kaiser Wilhelm Institute nach Berlin kamen, und dann in
die Akademie aufgenommen wurden.
Zu den Mineralogen und Geologen bin ich in kein näheres Verhältnis
getreten. Zwar habe ich mich ernstlich bemüht, das Interesse der jungen
Chemiker für Kristallographie und Mineralogie zu wecken und auch eine
kleine Anzahl von Mineralien, die ich der Güte des Herrn Kollegen
~Klein~ verdankte, in einem Verbindungssaal des chemischen Instituts
aufgestellt, aber es ist mir nicht gelungen, eine rege Beteiligung der
Chemiker an kristallographischen oder mineralogischen Vorlesungen oder
Übungen zu erreichen. Das hängt zusammen mit den Verhältnissen der
Großstadt und der für Chemiker nicht zweckmäßigen Promotionsordnung der
philosophischen Fakultät.
Unter den Biologen haben mich am meisten die Physiologen ~S.
Schwendener~, ~Haberlandt~ und der Mediziner ~M. Rubner~ interessiert.
Sie waren alle drei gut unterrichtete Gelehrte und verdiente Forscher.
Ich bin mit den beiden letzteren, namentlich während des Krieges bei
mannigfachen Beratungen über Ernährung häufig zusammengekommen.
In der philosophisch-historischen Klasse der Akademie war bei meinem
Eintritt ~Theodor Mommsen~ die hervorragendste Persönlichkeit.
Trotz der demokratischen Verfassung der Akademie war sein Einfluß
in der philosophisch-historischen Klasse so groß, daß er seine
Meinung in fast allen wichtigen Fragen durchzusetzen wußte.
Am deutlichsten trat für uns Naturforscher seine Macht in die
Erscheinung, wenn er die Wahl von neuen Mitgliedern für seine Klasse
zu vereiteln suchte. Seine Machtstellung verdankte er übrigens den
ungewöhnlichen wissenschaftlichen Leistungen und der außerordentlichen
Schlagfertigkeit seiner Kritik, in der er den formgewandten und
leidenschaftlichen Verfasser der römischen Geschichte nicht
verleugnete. Wer dieses Werk gelesen hat, kann sich dem Eindruck seines
Genies und seiner gewaltigen Arbeitskraft nicht entziehen. Ich selbst
habe nur hier und da kurze Gespräche mit ihm geführt und sein Erstaunen
hervorgerufen durch die Mitteilung, daß ich als Gymnasiast auf Anregung
eines Oberlehrers selbst Abklatsche von römischen Inschriften meiner
Heimat angefertigt hatte. Noch ein zweites Mal ist es mir gelungen, ihn
in eine gewisse Aufregung zu versetzen, als ich in der philosophischen
Fakultät einen harten Kampf gegen die Promotion von russischen
Chemikern ohne ausreichende Vorbildung führte und dabei auf das frühere
Vorgehen von ~Mommsen~ gegen den allerdings viel schlimmeren Unfug der
Promotion in absentia an einigen deutschen Universitäten hinwies. Er
trat infolgedessen auch wirklich bei der Abstimmung auf meine Seite,
und ich gewann dadurch eine kleine Majorität in dem von mir um die Ehre
meiner Wissenschaft geführten Kampf.
Auch den Historiker ~Sybel~, den Verfasser der Geschichte der
französischen Revolution und der Gründung des Deutschen Reiches habe
ich in der Akademie kennen gelernt, nachdem ich seine Werke teilweise
vorher gelesen. Die letzten Vorträge, die er uns hielt, waren durch
Feinheit der Form ausgezeichnet.
~Treitschke~ kam erst später in die Akademie, nachdem ~Mommsen~
gestorben und sonstiger Widerstand durch den Erfolg seiner deutschen
Geschichte beseitigt war. Er ist selten in unserem Kreise erschienen,
weil er schon krank war und bald nachher starb. Ich kannte ihn aber
längst von der philosophischen Fakultät her. Er war damals schon so
schwerhörig, daß er von den Verhandlungen kaum ein Wort verstand,
hatte aber doch den Ehrgeiz, wenn irgend möglich, in die Diskussion
einzugreifen und ließ sich für den Zweck von einem seiner Nachbarn
Stichworte aufschreiben, die den Lauf der Debatte kennzeichnen
sollten. Ich selbst habe an einem Abend diese Aufgabe übernommen und
muß gestehen, daß sie recht schwer zu erfüllen war. Wenn ~Treitschke~
aus dem Stichwort den Stand der Verhandlung richtig entnahm, so
war ich erstaunt zu sehen, mit welcher Schnelligkeit er den ganzen
Komplex der Fragen erfasste und mit seiner großen Beredsamkeit sich
darüber verbreitete. Es kam aber auch vor, daß er durch Mißverständnis
des Stichwortes ganz falsch ging und dann über Dinge redete, die
mit der verhandelten Frage in gar keinem Zusammenhang standen.
Charakteristisch für ihn war die große Leidenschaft, mit der er alle
ihn interessierenden Dinge ergriff und mit dichterischem Schwung
besprach. Dieser Eigenschaft war zum großen Teil der starke Einfluß
zuzuschreiben, den seine Vorträge auf die akademische Jugend ausübten.
Eine ganz andere Natur war der Germanist ~Erich Schmidt~, ausgezeichnet
durch körperliche Schönheit, klangvolle Stimme und liebenswürdiges
Wesen. Er galt mit Recht als ausgezeichneter Redner und vorzüglicher
Kenner der deutschen Literatur. Von der Berliner Gesellschaft wurde
er reichlich verwöhnt, und die fast täglichen Abendessen, die er
jahrelang in dem Kreise der Hautefinance oder des hohen Beamtentums
mitmachte, haben zweifelsohne mit zu seinem verhältnismäßig frühen Tode
beigetragen.
Von der so häufigen Pedanterie des Philologen war nicht das geringste
bei ihm zu bemerken, obschon er eine gründliche fachwissenschaftliche
Bildung besaß und auch dauernd wissenschaftlich tätig blieb. In
geschäftlichen Dingen, falls sie ihn interessierten, bewies er große
Gewandtheit und Sicherheit, und ich habe ihn für den besten Dekan
gehalten, den die philosophische Fakultät während meiner 25-jährigen
Angehörigkeit besessen hat.
Da seine Frau eine geborene ~Strecker~ und Halbschwester der Frau
~Leube~ war, so bin ich mit ihm hier und da auch in gesellschaftlichen
Verkehr gekommen und kann nur sagen, daß ich ebenso wie viele andere
Menschen von seiner strahlenden Persönlichkeit eingenommen war.
In gewissem Gegensatz zu ~Erich Schmidt~ stand der klassische Philologe
~Diels~, ein prächtiger Mann, klug, wohlwollend, durchaus nicht
einseitig in Wissen und Anschauungen und sehr brauchbar als Sekretär
der Akademie. Manche Reden, die er in dieser Eigenschaft hielt, darf
man wegen der feinen Form und des gedanklichen Inhalts als Perlen
bezeichnen. Mit seinen Söhnen hat er besonderes Glück gehabt; denn sie
sind alle anerkannte Gelehrte geworden und einer von ihnen, ~Otto~, war
mir jahrelang ein lieber Schüler und Mitarbeiter.
Eine interessante Persönlichkeit war auch der Nationalökonom ~C.
Schmoller~, gleichzeitig bekannt als guter Historiker. Wenn er in
unverfälschter schwäbischer Mundart in der Akademie oder Fakultät
über wissenschaftliche oder geschäftliche Dinge sich äußerte, so
konnte man immer sicher sein, kluge und ausgereifte Dinge zu hören.
Viel stürmischer war sein Spezialkollege ~Ad. Wagner~, der aber nicht
der Akademie angehörte, und der in hohem Alter trotz körperlicher
Hilflosigkeit durch seine leidenschaftliche Sprache uns immer noch
imponierte. Allerdings habe ich sein Urteil in manchen Dingen als
befangen oder als verschroben ansehen müssen.
Unter den Vertretern der Geisteswissenschaften hat mich von Anfang an
ein Mann besonders angezogen, ehe ich wissen konnte, daß ich später
mit ihm in enge, gemeinschaftlicher Arbeit gewidmete Beziehung treten
würde. Das ist der Theologe und Historiker ~Adolf von Harnack~. In
der wissenschaftlichen Welt gilt er mit Recht als Polyhistor, denn
außer seinem Spezialfach hat er sich ausgezeichnete Kenntnisse auf
philologischem, literarischem und ethischem Gebiet angeeignet und
daneben ist es ihm noch gelungen, einen Überblick über die modernen
Naturwissenschaften zu gewinnen. Wie er mir öfter erzählte, verdankt er
das nicht so sehr der Ehe mit einer Enkelin von ~Liebig~, als vielmehr
der Kinderstube; denn seine drei Brüder haben fast gleichzeitig mit ihm
Naturwissenschaft oder Medizin in Dorpat studiert. In dieser jungen
Gesellschaft, die bei der beschränkten Wohnung der Eltern auch räumlich
immer eng vereint war, fand, wie leicht begreiflich, dauernd ein reger
Ideenaustausch statt. Infolge seines vorzüglichen Gedächtnisses hat
~Adolf von Harnack~ diese Eindrücke als dauernden Besitz bewahren
können. Mir ist er menschlich zuerst näher getreten bei dem Tode
meiner Frau, deren Familie er von seinem mehrjährigen Aufenthalt in
Erlangen her wohl kannte, insbesondere durch seine Bemühungen, eine
Erzieherin für meine Kinder zu gewinnen. Später verpflichtete er mich
zu Dank durch sein mannhaftes Eintreten für den Neubau des chemischen
Instituts, das wesentlich dazu beitrug, die Zustimmung der Akademie
zu diesem Plane zu erlangen. Für das 200-jährige Jubelfest schrieb
er die Geschichte der Akademie, die ich ziemlich fleißig gelesen
habe, weil sie mir als vortreffliche Quelle für die Geschichte des
akademisch-chemischen Laboratoriums diente. Mehr als irgend ein anderer
Vertreter der philosophisch-historischen Klasse hat ~Harnack~ sich
dauernd bemüht, auch die Interessen der Naturwissenschaften zu fördern,
und er war deshalb der berufene Mann, an die Spitze der Kaiser Wilhelm
Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften zu treten, als diese
im Frühjahr 1911 gegründet wurde. Davon werde ich später ausführlich
berichten. Auf dem Gebiete der Geisteswissenschaften halte ich
~Harnack~ augenblicklich für den hervorragendsten deutschen Gelehrten,
und als Organisator wissenschaftlicher Arbeiten nimmt er sicherlich den
ersten Platz ein.
Mit der Gründung der Kaiser Wilhelm Institute für Chemie und
physikalische Chemie erweiterte sich natürlich auch der Kreis der
Chemiker, und von ihnen sind drei Männer, ~Beckmann~, ~Haber~ und
~Willstätter~ in die Akademie aufgenommen worden, über die ich später
im Zusammenhang mit der Kaiser Wilhelm Gesellschaft mich äußern werde.