»Sie müssen sich einen Pneumothorax machen lassen«, sagte der Sioux und
ging wie irrsinnig auf den Apachen los. Er zuckte als Dolch einen
Fieberthermometer in der Hand.
»Aber ich bin an beiden Lungen krank«, erwiderte der Apache höflich.
Seine Schirmmütze war ihm so tief in die Stirne gerutscht, daß seine
leicht entzündeten Augen gerade noch unter dem Schirm hervorsahen.
»Dann müssen Sie sich einen Pneumothorax an beiden Lungen machen
lassen.«
»Dann stürbe ich ... auf der Stelle.«
»Das sollen Sie ja!«
Das Gesicht des Sioux, bronzen überschmiert, die Schminke von hellblauen
Adern durchdrungen, verschönte sich. Es wurde zart, wie wenn er eine
Hymne von Novalis las.
»Sie sollen ja sterben! Lebendig sterben! Deshalb sind Sie doch nur hier
oben, um zu sterben. Lebendig zu sterben.«
Sylvester grübelte: sagte Sybil nicht schon einmal Ähnliches?
»Sehen Sie«, der Sioux konnte nicht mehr stehen und setzte sich stöhnend
auf einen Stuhl, »es ist mir ein Genuß, Menschen sterben zu sehen. Mich
selber kann ich natürlich nicht beobachten. Ich müßte immer in den
Spiegel spähen ...«
Bin ich es, der da von Spiegeln spricht? befragte Sylvester sein
übermüdetes Gehirn.
»Sehen Sie den naturwissenschaftlichen Oberlehrer, den hauttuberkulösen
Darwin. Ein unangenehmer Mensch, mit einer monistischen Welt-, Wald- und
Wiesenanschauung. Er stinkt entsetzlich, und die andern Gäste beschweren
sich immer über ihn. Aber ich rieche ihn gern, den Geruch der
Verwesung.«
Was ist das nun wieder? dachte Sylvester. Jetzt redet er wie Pein.
»Eines Nachts werden ihn die leisen Männer aus dem Haus tragen, und am
nächsten Morgen wird es heißen, er sei abgereist. Ich stehe diese Nächte
immer auf. Ich betrachte mir aufmerksam jede Leiche. Ein
unbeschreiblicher Friede und die Gewißheit eines höhern Lebens glänzt um
den Tod. Auf Erden ist doch immer Krieg.«
Jetzt scheint er der Bulgare, sann Sylvester, er späht aus tausend
Seelen und spricht mit tausend Zungen.
»Ich sah auch die hübsche Russin sterben. Sie starb leicht. Wissen Sie,
wen ich sterben sehen möchte? Sybil. Das muß so sein, als wenn die Sonne
untergeht und ein erhabener Aspekt.«