XVII.

»Sie müssen sich einen Pneumothorax machen lassen«, sagte der Sioux und

ging wie irrsinnig auf den Apachen los. Er zuckte als Dolch einen

Fieberthermometer in der Hand.

»Aber ich bin an beiden Lungen krank«, erwiderte der Apache höflich.

Seine Schirmmütze war ihm so tief in die Stirne gerutscht, daß seine

leicht entzündeten Augen gerade noch unter dem Schirm hervorsahen.

»Dann müssen Sie sich einen Pneumothorax an beiden Lungen machen

lassen.«

»Dann stürbe ich ... auf der Stelle.«

»Das sollen Sie ja!«

Das Gesicht des Sioux, bronzen überschmiert, die Schminke von hellblauen

Adern durchdrungen, verschönte sich. Es wurde zart, wie wenn er eine

Hymne von Novalis las.

»Sie sollen ja sterben! Lebendig sterben! Deshalb sind Sie doch nur hier

oben, um zu sterben. Lebendig zu sterben.«

Sylvester grübelte: sagte Sybil nicht schon einmal Ähnliches?

»Sehen Sie«, der Sioux konnte nicht mehr stehen und setzte sich stöhnend

auf einen Stuhl, »es ist mir ein Genuß, Menschen sterben zu sehen. Mich

selber kann ich natürlich nicht beobachten. Ich müßte immer in den

Spiegel spähen ...«

Bin ich es, der da von Spiegeln spricht? befragte Sylvester sein

übermüdetes Gehirn.

»Sehen Sie den naturwissenschaftlichen Oberlehrer, den hauttuberkulösen

Darwin. Ein unangenehmer Mensch, mit einer monistischen Welt-, Wald- und

Wiesenanschauung. Er stinkt entsetzlich, und die andern Gäste beschweren

sich immer über ihn. Aber ich rieche ihn gern, den Geruch der

Verwesung.«

Was ist das nun wieder? dachte Sylvester. Jetzt redet er wie Pein.

»Eines Nachts werden ihn die leisen Männer aus dem Haus tragen, und am

nächsten Morgen wird es heißen, er sei abgereist. Ich stehe diese Nächte

immer auf. Ich betrachte mir aufmerksam jede Leiche. Ein

unbeschreiblicher Friede und die Gewißheit eines höhern Lebens glänzt um

den Tod. Auf Erden ist doch immer Krieg.«

Jetzt scheint er der Bulgare, sann Sylvester, er späht aus tausend

Seelen und spricht mit tausend Zungen.

»Ich sah auch die hübsche Russin sterben. Sie starb leicht. Wissen Sie,

wen ich sterben sehen möchte? Sybil. Das muß so sein, als wenn die Sonne

untergeht und ein erhabener Aspekt.«

Die Krankheit: Eine Erzählung · 第 26 / 32 题