XVI.

Die Fastnacht galt in Davos als Freinacht. Sie unterlag in den

Wirtshäusern keiner Polizeistunde.

In der Pension erschien ein jeder kostümiert zum Abendessen. Nach dem

Abendessen wurde rote Bowle und Rosinenkuchen gereicht.

Der Thorax wütete als Sioux, die Skalpe seiner Gäste am Gürtel, atemlos

durch den Saal. Er mußte sich alle Augenblicke setzen. Klunkenbul

gebärdete sich als ägyptischer Magier: er hatte sich eine Decke vom

Liegestuhl würdig um den Bauch geschlungen.

Die Operettensängerin, als Balletteuse bekleidet, hustete heftig. Sie

konnte den parfümierten Duft der Opiumzigaretten, die Leutnant Parsifal

Rätten rauchte, nicht vertragen. Für heute abend war das Rauchverbot in

der Pension Schönblick aufgehoben. -- Der schwäbische Violinvirtuose

Krampski gab mit seiner Geige, der er häßliche Töne entlockte, einen

italienischen Straßenmusikanten zum besten.

Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte sich, weil es am billigsten

war, eine Maske als Kostüm gewählt: Darwin. Er bemühte sich, einem

blaukarierten fahrigen Dienstmädchen die Zuchtwahl klarzumachen.

Die Pneumo spielte eine japanische Geisha: hellgelb und violett.

Sylvester stürmte als Apache umher und hatte schon drei Gläser Bowle

umgeworfen. Eine blaue Apachenbluse schlotterte um seine magere Brust.

Um seinen Hals knüpfte sich ein blutroter Schal. Blutrote Strümpfe

funkelten aus blauen, rauschenden Hosen. Eine Schirmmütze plattete

seinen hohen Kopf ab.

Von den Eingeladenen bewegte sich der Bulgare in Nationaltracht, der

Japaner als deutscher Ritter und Minnesänger in einer hastig klappernden

Blechrüstung.

Sybil erschien als Sonne. In einem hellen, klaren Kleid.

Es wurde getanzt, gelacht, gesungen, gehustet und auf den Korridoren

geküßt.

Um ein Uhr schrie einer: man müsse noch ins »Rößli« gehen, droben im

Dorf. Dort sei Tanzmusik, das sei sicher sehr, sehr amüsant.

Man klatschte und brüllte Beifall.

Den Thorax zog man auf einem Rodelschlitten hinter sich drein.

Sylvester und Sybil sprangen dem Zug voraus, dem der Virtuose Krampski

mit Chopins Trauermarsch aufspielte. Im »Rößli« empfing sie ein

betäubender Lärm von Mund- und Ziehharmonikas und stampfenden Füßen.

Italienische und schweizerische Arbeiter tanzten mit Dienst- und

Ladenmädchen. Dazwischen einige Berliner Kurgäste, Saaltöchter und

Soldaten. Eine Kokotte mit einem Greisenkopf, den üblen Hauch ihres

verwesenden Mundes mit wildem Parfüm überduftend, hüpfte quer durch den

Saal. Sie sang dazu die Marseillaise.

Der Wirt vom »Rößli« wies den Herrschaften von Schönblick einen

bequemern Nebenraum an. Man gelangte von dort nach Belieben in den Saal

zum Tanzen, hatte aber die Gelegenheit, unter sich zu bleiben.

Der kleine Japaner, der wie ein Klöppel an die Glocke seiner Rüstung

schlug, ging in den Saal, das portugiesische Dienstmädchen zu suchen.

Ihm folgte Darwin mit der Balletteuse. Der ägyptische Magier. Der

Straßenmusikant mit der blaukarierten Zofe und nach und nach die andern

alle.

Sylvester, der Thorax, die Pneumo und Sybil blieben endlich allein

zurück.

Die Krankheit: Eine Erzählung · 第 25 / 32 题