Die Fastnacht galt in Davos als Freinacht. Sie unterlag in den
Wirtshäusern keiner Polizeistunde.
In der Pension erschien ein jeder kostümiert zum Abendessen. Nach dem
Abendessen wurde rote Bowle und Rosinenkuchen gereicht.
Der Thorax wütete als Sioux, die Skalpe seiner Gäste am Gürtel, atemlos
durch den Saal. Er mußte sich alle Augenblicke setzen. Klunkenbul
gebärdete sich als ägyptischer Magier: er hatte sich eine Decke vom
Liegestuhl würdig um den Bauch geschlungen.
Die Operettensängerin, als Balletteuse bekleidet, hustete heftig. Sie
konnte den parfümierten Duft der Opiumzigaretten, die Leutnant Parsifal
Rätten rauchte, nicht vertragen. Für heute abend war das Rauchverbot in
der Pension Schönblick aufgehoben. -- Der schwäbische Violinvirtuose
Krampski gab mit seiner Geige, der er häßliche Töne entlockte, einen
italienischen Straßenmusikanten zum besten.
Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte sich, weil es am billigsten
war, eine Maske als Kostüm gewählt: Darwin. Er bemühte sich, einem
blaukarierten fahrigen Dienstmädchen die Zuchtwahl klarzumachen.
Die Pneumo spielte eine japanische Geisha: hellgelb und violett.
Sylvester stürmte als Apache umher und hatte schon drei Gläser Bowle
umgeworfen. Eine blaue Apachenbluse schlotterte um seine magere Brust.
Um seinen Hals knüpfte sich ein blutroter Schal. Blutrote Strümpfe
funkelten aus blauen, rauschenden Hosen. Eine Schirmmütze plattete
seinen hohen Kopf ab.
Von den Eingeladenen bewegte sich der Bulgare in Nationaltracht, der
Japaner als deutscher Ritter und Minnesänger in einer hastig klappernden
Blechrüstung.
Sybil erschien als Sonne. In einem hellen, klaren Kleid.
Es wurde getanzt, gelacht, gesungen, gehustet und auf den Korridoren
geküßt.
Um ein Uhr schrie einer: man müsse noch ins »Rößli« gehen, droben im
Dorf. Dort sei Tanzmusik, das sei sicher sehr, sehr amüsant.
Man klatschte und brüllte Beifall.
Den Thorax zog man auf einem Rodelschlitten hinter sich drein.
Sylvester und Sybil sprangen dem Zug voraus, dem der Virtuose Krampski
mit Chopins Trauermarsch aufspielte. Im »Rößli« empfing sie ein
betäubender Lärm von Mund- und Ziehharmonikas und stampfenden Füßen.
Italienische und schweizerische Arbeiter tanzten mit Dienst- und
Ladenmädchen. Dazwischen einige Berliner Kurgäste, Saaltöchter und
Soldaten. Eine Kokotte mit einem Greisenkopf, den üblen Hauch ihres
verwesenden Mundes mit wildem Parfüm überduftend, hüpfte quer durch den
Saal. Sie sang dazu die Marseillaise.
Der Wirt vom »Rößli« wies den Herrschaften von Schönblick einen
bequemern Nebenraum an. Man gelangte von dort nach Belieben in den Saal
zum Tanzen, hatte aber die Gelegenheit, unter sich zu bleiben.
Der kleine Japaner, der wie ein Klöppel an die Glocke seiner Rüstung
schlug, ging in den Saal, das portugiesische Dienstmädchen zu suchen.
Ihm folgte Darwin mit der Balletteuse. Der ägyptische Magier. Der
Straßenmusikant mit der blaukarierten Zofe und nach und nach die andern
alle.
Sylvester, der Thorax, die Pneumo und Sybil blieben endlich allein
zurück.