IX.

Lieber Harry!

Dank für Deine freundlichen Zeilen. Ich habe mich in den zwei Monaten,

die ich nun wieder hier bin, recht gut eingelebt. Mißverstehe mich

nicht: leben, das heißt hier: einer Protestversammlung Sterbender gegen

den Tod angehören. Reden wie feurige Fahnen gegen einen Herrn schwingen,

der unerkannt am Präsidententisch sitzt, und jederzeit die Glocke läuten

kann. Dann ist einem im Nu das Wort (und der Hals wie mit einem

Rasiermesser) abgeschnitten. Es sind Spiegel um einen aufgestellt. Man

darf sich nur bespiegeln. In dem edlen Bulgaren. In der mütterlichen

Pneumo. Dem taumelnden Thorax. Es gibt einen Spiegel, der heißt

Klunkenbul. Dann sind noch vorhanden der Literat Pein, die

Operettensängerin, der kleine Japaner, der Virtuose Krampski,

der Leutnant. Einer taugt selbst zum Spiegel nicht: der

naturwissenschaftliche Oberlehrer. In einer hübschen Russin bespiegelt

man sich gern. Schließlich resigniert man, aus Furcht, den Spiegel blind

zu machen. Da kommt der naturwissenschaftliche Oberlehrer und schmeißt

mit tellergroßen Steinen in den Spiegel. Der zerbricht klirrend,

klagend, anklagend. Aus einem der Scherben, die drei- und viereckig

herausspringen, verfertigt der Oberlehrer sich einen Rasierspiegel und

rasiert sich nun sein Leben lang vor diesem zarten Auge der

Unendlichkeit seinen naturwissenschaftlichen Backenbart. Sybil ist kein

Spiegel. Sie ist ein See. Selbst unser Schatten versinkt bei einem Blick

in sie sofort in die Tiefe. Seit wieviel Jahren schon spiele ich das

Spiel der Spiegel? Es sind sieben Jahre her, daß ich an beiderseitiger

Rippenfellentzündung erkrankte und im Krankenhaus in Frankfurt an der

Oder lag. Ich ging, ein Knabe von sechzehn Jahren, zur Rekonvaleszenz

nach Locarno. Ich schlug zum erstenmal die Augen zum Himmel empor und

sah die Madonna del Sasso auf dem Felsen schweben und San Bernardo über

die Sonnenhügel schreiten. Auf Locarno folgten Borkum, Brückenberg,

Gardone-Riviera, Arco, Swinemünde, Reichenhall, Arosa, Lugano, Davos,

Wehrawald und wieder Davos. Überall lebte ich meiner Gesundheit, wie es

so hübsch heißt. Aber lebte ich nicht meiner Krankheit? Ich erinnere

mich eines Sanatoriums im Schwarzwald, da war unser Krankenpfleger und

Masseur zugleich Totengräber des kleinen Dorfes. Man sah von den

Liegehallen auf den Kirchhof. Ein freundliches Symbol. Bei mir

verdichtet es sich noch: Kranker, Krankenpfleger und Totengräber bin ich

in einer Person. -- Sybil wird hier im Kurtheater auftreten. Ich habe es

ihr nicht ausreden können. Sie spielt die Frau im »Weib«. Der Literat

Pein den Mann. Ich ... den Bruder. Wann ich wieder in München sein

werde? Anfang Mai, falls Sybils Zustand sich nicht verschlimmert. Ich

fürchte ... für mich. Grüße die Freunde.

Dein

Sylvester.

Die Krankheit: Eine Erzählung · 第 18 / 32 题