Lieber Harry!
Dank für Deine freundlichen Zeilen. Ich habe mich in den zwei Monaten,
die ich nun wieder hier bin, recht gut eingelebt. Mißverstehe mich
nicht: leben, das heißt hier: einer Protestversammlung Sterbender gegen
den Tod angehören. Reden wie feurige Fahnen gegen einen Herrn schwingen,
der unerkannt am Präsidententisch sitzt, und jederzeit die Glocke läuten
kann. Dann ist einem im Nu das Wort (und der Hals wie mit einem
Rasiermesser) abgeschnitten. Es sind Spiegel um einen aufgestellt. Man
darf sich nur bespiegeln. In dem edlen Bulgaren. In der mütterlichen
Pneumo. Dem taumelnden Thorax. Es gibt einen Spiegel, der heißt
Klunkenbul. Dann sind noch vorhanden der Literat Pein, die
Operettensängerin, der kleine Japaner, der Virtuose Krampski,
der Leutnant. Einer taugt selbst zum Spiegel nicht: der
naturwissenschaftliche Oberlehrer. In einer hübschen Russin bespiegelt
man sich gern. Schließlich resigniert man, aus Furcht, den Spiegel blind
zu machen. Da kommt der naturwissenschaftliche Oberlehrer und schmeißt
mit tellergroßen Steinen in den Spiegel. Der zerbricht klirrend,
klagend, anklagend. Aus einem der Scherben, die drei- und viereckig
herausspringen, verfertigt der Oberlehrer sich einen Rasierspiegel und
rasiert sich nun sein Leben lang vor diesem zarten Auge der
Unendlichkeit seinen naturwissenschaftlichen Backenbart. Sybil ist kein
Spiegel. Sie ist ein See. Selbst unser Schatten versinkt bei einem Blick
in sie sofort in die Tiefe. Seit wieviel Jahren schon spiele ich das
Spiel der Spiegel? Es sind sieben Jahre her, daß ich an beiderseitiger
Rippenfellentzündung erkrankte und im Krankenhaus in Frankfurt an der
Oder lag. Ich ging, ein Knabe von sechzehn Jahren, zur Rekonvaleszenz
nach Locarno. Ich schlug zum erstenmal die Augen zum Himmel empor und
sah die Madonna del Sasso auf dem Felsen schweben und San Bernardo über
die Sonnenhügel schreiten. Auf Locarno folgten Borkum, Brückenberg,
Gardone-Riviera, Arco, Swinemünde, Reichenhall, Arosa, Lugano, Davos,
Wehrawald und wieder Davos. Überall lebte ich meiner Gesundheit, wie es
so hübsch heißt. Aber lebte ich nicht meiner Krankheit? Ich erinnere
mich eines Sanatoriums im Schwarzwald, da war unser Krankenpfleger und
Masseur zugleich Totengräber des kleinen Dorfes. Man sah von den
Liegehallen auf den Kirchhof. Ein freundliches Symbol. Bei mir
verdichtet es sich noch: Kranker, Krankenpfleger und Totengräber bin ich
in einer Person. -- Sybil wird hier im Kurtheater auftreten. Ich habe es
ihr nicht ausreden können. Sie spielt die Frau im »Weib«. Der Literat
Pein den Mann. Ich ... den Bruder. Wann ich wieder in München sein
werde? Anfang Mai, falls Sybils Zustand sich nicht verschlimmert. Ich
fürchte ... für mich. Grüße die Freunde.
Dein
Sylvester.