VIII.

Der naturwissenschaftliche Oberlehrer litt an offener Hauttuberkulose.

An seiner linken Hand befand sich eine winzige weißliche Spalte, die hin

und wieder eine weiße Flüssigkeit absonderte. Desgleichen hatte er an

der linken Wange einen kaum bemerkbaren Einschnitt, der aussah, als

rühre er von einem Stich mit einem Federmesser her. Übrigens wußte das

niemand von den Herrschaften, die mit ihm zu Tisch saßen. Denn obgleich

sie sämtlich an der Krankheit litten, hielten sie doch auf reinliche

Scheidung von Haut- und Knochentuberkulose.

Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte das sonderbarste Zimmer des

ganzen Hauses inne.

Es kostete nur 6,50 Franken täglich, und darum hatte es der Oberlehrer

gemietet.

Das Zimmer war fensterlos. Die Luke, die die Stelle des Fensters

vertrat, ging auf einen grauen Korridor hinaus, von dem das Zimmer sein

ganzes Licht empfing. Richtig gelüftet konnte das Zimmer nicht werden.

Es roch, ja stank infolge der Jod-, Karbol- und anderen Tinkturen, die

der naturwissenschaftliche Oberlehrer für seine offene Hauttuberkulose

benötigte, pestilenzialisch. Das Zimmer mußte sich auch ohne

Zentralheizung behelfen: es wurde von einem durchlaufenden Kamin

geheizt. Den Kamin hatte sich der naturwissenschaftliche Oberlehrer mit

allerlei Bildern benagelt, die in der Hauptsache dem kleinen Witzblatt

entnommen waren. »Ich bin ein Mensch mit liberalen Ansichten«, pflegte

er zu sagen und dabei die Backen wie ein Seehund zu blähen.

Wie die hübsche Russin gerade auf ihn hereinfiel, ist schwer zu

begreifen. Es waren doch mehrere angenehme Herren in der Pension

»Schönblick« anzutreffen. Der Leutnant. Oder der schwäbische Virtuose

Krampski, welcher von seinen Kompositionen behauptete, sie seien gar

nicht »reizend«, wie die abgetakelte Operettensängerin zu verbreiten

sich erdreistete, sondern fabelhaft, phänomenal, puccinesk.

Der naturwissenschaftliche Oberlehrer, der stets nach Karbol roch und

daheim drei unmündige Kinder und eine blasse sommersprossige Frau zu

verwahren hatte, die einem ausgewrungenen Handtuch glich -- er hielt das

zarte hübsche Mädchen mit behaarten Affenhänden in seinen schweißigen

Armen. Floh die kleine Russin vor sich selber zu ihm? Wollte sie sich

peinigen, erniedrigen, bespeien? Sich leidend vernichten? Marternd

erlösen? Was hatte die Krankheit aus ihr gemacht?

* * * * *

Eines Nachts trugen Männer auf leisen Filzsohlen die hübsche Russin aus

dem Haus. Am nächsten Morgen hieß es am Frühstückstisch, sie sei

abgereist.

Der naturwissenschaftliche Oberlehrer blieb den ganzen Tag zu Bett.

Er hätte Temperaturen, ließ er sagen, und bäte, ihm die Mahlzeiten aufs

Zimmer zu bringen.

Aber die Mägde wollten das Essen nicht in seine stinkende Kammer tragen.

Die Pneumo selber mußte es tun.

Der Desinfektor betrat wichtig mit seinem Instrumentenkasten das Zimmer

der kleinen Russin, das plötzlich ein Stück leerer unausgefüllter Raum

geworden war ohne Form und Inhalt. Wie ein Kinderballon, dem das Gas

entströmt ist, lag es in sich zusammengefallen da.

Man fand einen Zettel auf dem Nachttisch, mit allerlei konfusen

russischen Schriftzeichen bedeckt. Die Pneumo warf ihn nach einem kurzen

achtlosen Blick beiseite. Auf dem Zettel aber standen diese russischen

Verse:

Wenn der Dichter träumt, weinen die Mädchen,

Und im Morgenrot liegt die Blüte ihres Herzens betaut.

Die Krankheit: Eine Erzählung · 第 17 / 32 题