Der naturwissenschaftliche Oberlehrer litt an offener Hauttuberkulose.
An seiner linken Hand befand sich eine winzige weißliche Spalte, die hin
und wieder eine weiße Flüssigkeit absonderte. Desgleichen hatte er an
der linken Wange einen kaum bemerkbaren Einschnitt, der aussah, als
rühre er von einem Stich mit einem Federmesser her. Übrigens wußte das
niemand von den Herrschaften, die mit ihm zu Tisch saßen. Denn obgleich
sie sämtlich an der Krankheit litten, hielten sie doch auf reinliche
Scheidung von Haut- und Knochentuberkulose.
Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte das sonderbarste Zimmer des
ganzen Hauses inne.
Es kostete nur 6,50 Franken täglich, und darum hatte es der Oberlehrer
gemietet.
Das Zimmer war fensterlos. Die Luke, die die Stelle des Fensters
vertrat, ging auf einen grauen Korridor hinaus, von dem das Zimmer sein
ganzes Licht empfing. Richtig gelüftet konnte das Zimmer nicht werden.
Es roch, ja stank infolge der Jod-, Karbol- und anderen Tinkturen, die
der naturwissenschaftliche Oberlehrer für seine offene Hauttuberkulose
benötigte, pestilenzialisch. Das Zimmer mußte sich auch ohne
Zentralheizung behelfen: es wurde von einem durchlaufenden Kamin
geheizt. Den Kamin hatte sich der naturwissenschaftliche Oberlehrer mit
allerlei Bildern benagelt, die in der Hauptsache dem kleinen Witzblatt
entnommen waren. »Ich bin ein Mensch mit liberalen Ansichten«, pflegte
er zu sagen und dabei die Backen wie ein Seehund zu blähen.
Wie die hübsche Russin gerade auf ihn hereinfiel, ist schwer zu
begreifen. Es waren doch mehrere angenehme Herren in der Pension
»Schönblick« anzutreffen. Der Leutnant. Oder der schwäbische Virtuose
Krampski, welcher von seinen Kompositionen behauptete, sie seien gar
nicht »reizend«, wie die abgetakelte Operettensängerin zu verbreiten
sich erdreistete, sondern fabelhaft, phänomenal, puccinesk.
Der naturwissenschaftliche Oberlehrer, der stets nach Karbol roch und
daheim drei unmündige Kinder und eine blasse sommersprossige Frau zu
verwahren hatte, die einem ausgewrungenen Handtuch glich -- er hielt das
zarte hübsche Mädchen mit behaarten Affenhänden in seinen schweißigen
Armen. Floh die kleine Russin vor sich selber zu ihm? Wollte sie sich
peinigen, erniedrigen, bespeien? Sich leidend vernichten? Marternd
erlösen? Was hatte die Krankheit aus ihr gemacht?
* * * * *
Eines Nachts trugen Männer auf leisen Filzsohlen die hübsche Russin aus
dem Haus. Am nächsten Morgen hieß es am Frühstückstisch, sie sei
abgereist.
Der naturwissenschaftliche Oberlehrer blieb den ganzen Tag zu Bett.
Er hätte Temperaturen, ließ er sagen, und bäte, ihm die Mahlzeiten aufs
Zimmer zu bringen.
Aber die Mägde wollten das Essen nicht in seine stinkende Kammer tragen.
Die Pneumo selber mußte es tun.
Der Desinfektor betrat wichtig mit seinem Instrumentenkasten das Zimmer
der kleinen Russin, das plötzlich ein Stück leerer unausgefüllter Raum
geworden war ohne Form und Inhalt. Wie ein Kinderballon, dem das Gas
entströmt ist, lag es in sich zusammengefallen da.
Man fand einen Zettel auf dem Nachttisch, mit allerlei konfusen
russischen Schriftzeichen bedeckt. Die Pneumo warf ihn nach einem kurzen
achtlosen Blick beiseite. Auf dem Zettel aber standen diese russischen
Verse:
Wenn der Dichter träumt, weinen die Mädchen,
Und im Morgenrot liegt die Blüte ihres Herzens betaut.