Sylvester bewohnte in der Pension »Schönblick«, Davos-Dorf, ein schmales
Südzimmer mit Privatbalkon im ersten Stock. Die Pension stand am Wald,
dicht vor dem Ausgang der Schatzalpbobbahn. Sie wurde preiswert und
hygienisch geführt von dem Ehepaar Paustian, zwei alten Davosern, die
vor Jahren schwerkrank ins Tal kamen und sich nach Besserung ihres
Leidens dauernd in Davos niederließen. An dem Ehepaar Paustian hatte Dr.
Ronken seinerzeit zuerst den Pneumothorax erprobt, als sie noch seine
Patienten im Sanatorium Beaurivage waren, den Pneumothorax, jene nunmehr
allgemein bekannte und bewährte Vorrichtung, durch die, bei Gesundheit
der einen Lunge, die zweite kranke Lunge zum Einschrumpfen und Absterben
gebracht wird.
In der Pension »Schönblick« wurde das Ehepaar Paustian deshalb mit einem
gewissen gütigen Spott Pneumo und Thorax benannt. Sie waren beide von
jener Art Lungenkranker, die die Krankheit durchsichtiger, gläserner und
gleichsam innerlicher gewandelt hat.
Sylvester sprach gern mit dem Thorax, mit dem ihn die Freude des
geistigen Kranken an Büchern verband.
Thorax, seinem ehemaligen Beruf nach deutscher Apotheker, schrieb in den
wenigen Stunden, die er nicht Kur machen mußte, kleine literarische
Betrachtungen über Schlegel, über J. Ch. Günther, über Gottfried Keller,
kurz: über eine schöne, aber vergangene Literatur. Die Literatur der
Gegenwart beglückte ihn wenig. Er las nur aus Höflichkeit Sylvesters
Schriften, weil Sylvester sein Gast war. --
Sylvester kam grade zurecht, als die Pneumo das Gong zum Abendessen
schlug.
Er wusch sich eilig, rieb sich die heiße Stirne mit Eau de Cologne und
betrat den Speisesaal.
Die Löffel klapperten in der Suppe.
Die Unterhaltung war in vollem Gange. Die überlaute Frau Bautz,
Operettensängerin a. D. und wie alle Artisten aus Sachsen stammend,
schrie in ihrer unangenehmen Sprache über den Tisch den Leutnant Rätten
an:
»Haben Sie nicht einen abgelegten Sportanzug für meine nächste
Hosenrolle?«
Leutnant Rätten besprach mit dem schwäbischen Violinvirtuosen Krampski
Toilettenfragen und die Mode des eleganten Herrn.
»Man bekommt keinen anständigen Anzug in Davos. Ausgeschlossen. Nicht
für teures Geld. Ich brauche einen blauen Sakkoanzug, einen neuen Frack,
eine englische Reithose. Haben Sie meinen Frack gesehen? 180 Franken hat
er gekostet. Bei dem Davoser Tailleur Shoping Sons. In den Dreck
geworfen sind die 180 Franken.«
Frau Bautz, welche nur das Wort Dreck gehört und mißverstanden hatte,
schnörkelte die Lippen:
»Ich bin ganz weg von Ihrem Frack, Herr Leutnant.«
»Ich habe einen Schneider in Basel,« sagte Krampski, »ich habe in jedem
Land der Welt einen Schneider. Ich werde ihn nach Davos kommen lassen.
Ich brauche einen Cutaway. Wollen Sie partizipieren?«
Er sagte partizipieren, weil das ein Wort war, welches in
Offizierskreisen bei derlei Angelegenheiten üblich sein mochte.
»Ich gehe außerordentlich gern auf Jagd«, krähte der
naturwissenschaftliche Oberlehrer. »Die Jagd bereichert die Kenntnisse
des Menschen von der Natur. Neulich hab ich eine Ricke geschossen, die
hatte ein unausgetragenes Junges im Leib.«
»Fabelhaft!« sagte Herr Klunkenbul. »Da haben Sie also eine Dublette zur
Strecke gebracht!«
»Es ist verboten, Ricken zu schießen«, sagte der Leutnant, leise
verweisend.
»Ricke -- was ist das?« fragte die hübsche Russin.
»Ein weibliches Reh«, sagte Sylvester. --