III.

Sylvester bewohnte in der Pension »Schönblick«, Davos-Dorf, ein schmales

Südzimmer mit Privatbalkon im ersten Stock. Die Pension stand am Wald,

dicht vor dem Ausgang der Schatzalpbobbahn. Sie wurde preiswert und

hygienisch geführt von dem Ehepaar Paustian, zwei alten Davosern, die

vor Jahren schwerkrank ins Tal kamen und sich nach Besserung ihres

Leidens dauernd in Davos niederließen. An dem Ehepaar Paustian hatte Dr.

Ronken seinerzeit zuerst den Pneumothorax erprobt, als sie noch seine

Patienten im Sanatorium Beaurivage waren, den Pneumothorax, jene nunmehr

allgemein bekannte und bewährte Vorrichtung, durch die, bei Gesundheit

der einen Lunge, die zweite kranke Lunge zum Einschrumpfen und Absterben

gebracht wird.

In der Pension »Schönblick« wurde das Ehepaar Paustian deshalb mit einem

gewissen gütigen Spott Pneumo und Thorax benannt. Sie waren beide von

jener Art Lungenkranker, die die Krankheit durchsichtiger, gläserner und

gleichsam innerlicher gewandelt hat.

Sylvester sprach gern mit dem Thorax, mit dem ihn die Freude des

geistigen Kranken an Büchern verband.

Thorax, seinem ehemaligen Beruf nach deutscher Apotheker, schrieb in den

wenigen Stunden, die er nicht Kur machen mußte, kleine literarische

Betrachtungen über Schlegel, über J. Ch. Günther, über Gottfried Keller,

kurz: über eine schöne, aber vergangene Literatur. Die Literatur der

Gegenwart beglückte ihn wenig. Er las nur aus Höflichkeit Sylvesters

Schriften, weil Sylvester sein Gast war. --

Sylvester kam grade zurecht, als die Pneumo das Gong zum Abendessen

schlug.

Er wusch sich eilig, rieb sich die heiße Stirne mit Eau de Cologne und

betrat den Speisesaal.

Die Löffel klapperten in der Suppe.

Die Unterhaltung war in vollem Gange. Die überlaute Frau Bautz,

Operettensängerin a. D. und wie alle Artisten aus Sachsen stammend,

schrie in ihrer unangenehmen Sprache über den Tisch den Leutnant Rätten

an:

»Haben Sie nicht einen abgelegten Sportanzug für meine nächste

Hosenrolle?«

Leutnant Rätten besprach mit dem schwäbischen Violinvirtuosen Krampski

Toilettenfragen und die Mode des eleganten Herrn.

»Man bekommt keinen anständigen Anzug in Davos. Ausgeschlossen. Nicht

für teures Geld. Ich brauche einen blauen Sakkoanzug, einen neuen Frack,

eine englische Reithose. Haben Sie meinen Frack gesehen? 180 Franken hat

er gekostet. Bei dem Davoser Tailleur Shoping Sons. In den Dreck

geworfen sind die 180 Franken.«

Frau Bautz, welche nur das Wort Dreck gehört und mißverstanden hatte,

schnörkelte die Lippen:

»Ich bin ganz weg von Ihrem Frack, Herr Leutnant.«

»Ich habe einen Schneider in Basel,« sagte Krampski, »ich habe in jedem

Land der Welt einen Schneider. Ich werde ihn nach Davos kommen lassen.

Ich brauche einen Cutaway. Wollen Sie partizipieren?«

Er sagte partizipieren, weil das ein Wort war, welches in

Offizierskreisen bei derlei Angelegenheiten üblich sein mochte.

»Ich gehe außerordentlich gern auf Jagd«, krähte der

naturwissenschaftliche Oberlehrer. »Die Jagd bereichert die Kenntnisse

des Menschen von der Natur. Neulich hab ich eine Ricke geschossen, die

hatte ein unausgetragenes Junges im Leib.«

»Fabelhaft!« sagte Herr Klunkenbul. »Da haben Sie also eine Dublette zur

Strecke gebracht!«

»Es ist verboten, Ricken zu schießen«, sagte der Leutnant, leise

verweisend.

»Ricke -- was ist das?« fragte die hübsche Russin.

»Ein weibliches Reh«, sagte Sylvester. --

Die Krankheit: Eine Erzählung · 第 11 / 32 题