84. Fall.

~Vergiftung durch Schwefelsäure.~

Die schrecklichste Wirkung dieser, allem Organischen so feindlichen

Substanz, die man sich nur denken mag, fand ich bei einem 30 Jahre

alten Hutmacher. Derselbe war Morgens früh im Dunkeln aufgestanden und

hatte -- man hat nicht erfahren: ob absichtlich oder zufällig -- einen

tüchtigen Schluck roher Schwefelsäure, wie er sie in seinem Gewerbe

brauchte, getrunken. Auf sein Geschrei eilte seine Frau herbei, und

schaffte sogleich Hülfe. Der zugerufene Arzt venäsecirte, und das Blut

soll »syrupsartig« geflossen sein. Nach Milch und Seifenwasser erfolgte

noch einigemale Erbrechen, aber schon nach zwei Stunden trat der Tod

ein. -- Wir fanden die ganze Zunge von der äussersten Spitze an weiss

sphacelirt, die Schleimhaut stellenweise abgelöst. Der _oesophagus_

zeigte auf seiner Aussenfläche noch nichts Abnormes, auf der inneren

aber war er, wie die ganze Rachenhöhle, grauschwarz. Der Magen dagegen

war äusserlich wie innerlich kohlschwarz von Farbe und natürlich

so mürbe und macerirt, dass er wie nasses Löschpapier an der Zange

hängen blieb, wenn diese nur versuchte, ihn hervorzuheben. Von einer

(vorschriftsmässigen) Unterbindung desselben musste deshalb nothwendig

abgesehen und sein Inhalt vielmehr aus der Bauchhöhle entnommen werden.

Das grosse Netz war gleichfalls zum grössten Theile schwarz verbrannt,

ohne Zweifel weil vielleicht schon im Leben, oder wenigstens bald nach

dem Tode das Aetzgift den Magen perforirt und das Netz unmittelbar

sphacelirt hatte. _Duodenum_ und die Anfänge des Dünndarms zeigten

nur eine grauschwärzliche Färbung. Die Schleimhaut, die hier noch

untersucht werden konnte, zeigte sich stark aufgewulstet, erhärtet

und wie gekocht. Das Blut hatte durchweg eine Kirschsuppen-ähnliche

Färbung; seine Consistenz war die eines sehr dünnflüssigen ~Syrups~,

und es fanden sich einzelne Coagula darin von der Härte eines nassen

Thons. Alle übrigen Baucheingeweide ausser den genannten waren

noch von der Zerstörung nicht ergriffen worden und ganz natürlich

beschaffen, ein Beweis, dass das ätzende Gift in den zwei Lebensstunden

namentlich noch gar nicht bis in die unteren Därme gedrungen war.

Eben so normal fanden sich Lungen und Herz, welches, wie die _sinus_,

ziemlich stark mit Blut gefüllt war. Die untersuchten _Contenta_ der

Leiche ergaben eine Drachme und 17-1/4 Gran freier Schwefelsäure. Wir

fügen das interessante vollständige Obductionsprotocoll nebst dem

chemischen Bericht, betreffend die Untersuchung des Darminhaltes im

Anhange _in extenso_ bei.

Gerichtliche Leichen-Oeffnungen. Erstes Hundert. · 第 78 / 118 题