~Ertrinken im Abtritt.~
In diese Rubrik gehört ein Fall von einem Mädchen, das zwar ertrunken
war -- in Menschenkoth und Urin! -- dessen ich aber nicht erwähne, weil
er etwa Aufschlüsse über den Erstickungs- (Ertrinkungs-) Tod gegeben
hätte, sondern seiner Seltenheit und Sonderbarkeit wegen, und weil er
mir eine neue, glänzende Bestätigung einer Beobachtung gab, die ich
oft gemacht und die meines Wissens noch neu ist. -- Ein Dienstmädchen
war im März von einer Brustentzündung befallen worden, und sollte nach
mehrtägiger Krankheit nach dem Hospital geschafft werden. Sie sträubte
sich dagegen lebhaft und äusserte: sie wolle sich lieber mit dem Hammer
todtschlagen lassen, als nach der Charité gehn. Am Abend desselben
Tages war sie plötzlich -- verschwunden. Es war der 21. März 1841. Alle
Nachforschungen nach ihr blieben vergeblich, und ein Gerücht, dass sie
von einem ihr nahe stehenden Manne im Hause geschwängert gewesen, und
dass ihr Verschwinden wohl nicht ganz zufällig sei, konnte natürlich
weiter nicht festgestellt werden. Der Fall war fast verschollen, als
im December desselben Jahres, also nach fast ~neun Monaten~, die
Abtrittsgrube des Hauses ausgeräumt wurde. Ganz unerwartet fanden die
Arbeiter bei dieser Gelegenheit im Kothe einen ganz und gar verwesten
Körper, der für einen menschlichen Leichnam gehalten werden musste.
Es musste sich die Vermuthung aufdrängen, dass derselbe der Körper
jenes im Hause früher vermissten Dienstmädchens sei, und da nun das
frühere Gerücht über dessen Verschwinden neue Nahrung gewann, so sah
sich das Gericht veranlasst, eine ärztliche Untersuchung der Leiche,
~dieser~ Leiche zu verfügen! Einen höhern Grad von Verwesung, als
dieselbe darbot, werde ich wohl nie wieder zu sehn bekommen. Man
denke sich nur eine neun Monate dauernde Maceration des Körpers in
der warmen Flüssigkeit menschlicher Excremente. Selbst die sehr
abgehärteten Leichenwärter der Anatomie empfanden hier, vielleicht zum
erstenmale, Ekel, wozu der unbeschreibliche Gestank allein, abgesehn
vom Anblick, schon Veranlassung genug darbot. Ein Ideologe hätte hier
ein herrliches Thema zu einer erbaulichen Rede über das »Ebenbild
Gottes« gehabt, und die bittere Ironie in den, bis zum Ueberdruss oft
citirten Worten der Thekla: »~das~ ist das Loos des Schönen auf der
Erde«! hat nie eine treffendere Anwendung gefunden, als auf den, in
das ekelhafteste Scheusal verwandelten Körper dieses, angeblich sehr
hübsch gewesenen jungen Mädchens. Der Schädel, der Unterkiefer, die
Unterextremitäten zum grössten Theil, waren nackt und durch Maceration
von den Weichtheilen entblösst, die Gelenkverbindungen zum Theil
gelöst, das Geschlecht äusserlich natürlich nicht mehr erkennbar; was
von den Weichtheilen noch vorhanden, waren grauschwarze Fetzen. Von
einer Obduction konnte natürlich keine Rede mehr sein. Die Frage des
anwesenden Gerichtsdeputirten aber: ob es wohl noch möglich sei, zu
erkennen, ob die Person bei ihrem Tode schwanger gewesen? musste ich
~bejahen~, da _event._ Fötusknochen im _uterus_, den ich, nach meinen
frühern Beobachtungen an verwesten weiblichen Leichnamen (s. unten
Corollarien Nr. 5.) noch ziemlich unversehrt zu finden hoffen konnte,
vorhanden und erkennbar, sein mussten. Deshalb legten wir wenigstens
die Bauchhöhle offen. Ihre Muskeln zeigten sich nun in Fettwachs
und die sämmtlichen Därme in eine schmierige Masse verwandelt, die
die einzelnen Theile des Darmcanals und seiner Anhänge nicht mehr
unterscheiden liess. Als wir zum _uterus_ gelangten, fanden wir
denselben hellroth gefärbt, hart und fest zu fühlen und zu schneiden,
von jungfräulicher Grösse, an Form noch ganz vollkommen erkennbar, ja
normal, und seine Höhle vollkommen jungfräulich und leer. Wenn also
schliesslich über Leben und Tod hier natürlich nicht ein auch nur
wahrscheinliches Urtheil gegeben werden konnte, so konnten wir doch
mit Gewissheit _in foro_ das Gutachten abgeben: dass diese Person
im Augenblicke ihres Todes ~nicht schwanger gewesen sein könne~.
Jenes Gerücht zerfiel dadurch in Nichts, von jeder Verfolgung gegen
den angeblichen Schwängerer und muthmaasslichen Mörder wurde sofort
Abstand genommen, der Ruf dieses Mannes, eines ehrenwerthen Bürgers,
war wiederhergestellt, und hierin, wie in der gewiss interessanten
und schlagendsten Bestätigung unsrer frühern Beobachtungen über die
langsame Verwesung des _uterus_ fanden wir eine lohnende Genugthuung
für ein Geschäft, das allerdings an sich ein wenig erfreuliches gewesen
war.