Joseph betheiligte sich als Freiwilliger an den Ernte-Arbeiten, und
eines Nachmittags sah ihn Rosenzweig, der gleichgültig, als ob die
Sache ihn nichts anginge, vorbeischritt, hoch oben stehen auf einem
beinahe völlig beladenen Leiterwagen. Behend und kräftig schichtete
er die Garben, und dem Doctor fiel es auf, daß der Bursche in der
drollig weiten Jacke, die seinem Wohlthäter als Rock gedient hatte,
und in den viel zu kurzen Hosen doch ein Bildschönes Menschenkind sei.
Groß, schlank und stark; weiß und roth im Gesicht: den wohlgeformten
Kopf umwallt von leicht gelocktem blondem Haar, sein ganzes Wesen
Freudigkeit athmend an der Arbeit, an der Mühe, nahm er sich auf seiner
stolzen Höhe ganz merkwürdig gut aus.
Unter den auf dem Felde beschäftigten Weibern und Mädchen befand
sich auch die Tochter des Pächters, dem Rosenzweig die Gründe des
Pan Teophil von Kamatzki anvertraut hatte. Ein hübsches, lebhaftes
Ding, die echte Mazurentochter. Rosenzweig bemerkte, daß die braunen,
funkelnden Augen des Mädchens und die blauen des Burschen einander gar
oft begegneten, und wenn sich dann die braunen halb verlegen senkten,
wurden sie von den blauen hartnäckig verfolgt, so hartnäckig, so kühn,
daß sie sich endlich wieder erheben mußten, mit oder ohne ihren Willen.
Die Geringschätzung, die Rosenzweig für Joseph hegte, erhielt
durch diesen kleinen Vorgang neue Nahrung. Ein Mensch, zu ewiger
Dienstbarkeit verurtheilt durch die elende Beschaffenheit seines
Kopfes, befaßt sich damit, den eines Mädchens zu verdrehen? Und in
welchem Alter? In dem eines Knaben, in demjenigen, in welchem der Sohn
des Doctors stände, wenn der Doctor zur rechten Zeit geheirathet hätte.
Was er in heroischer Selbstverleugnung so lange zu erringen säumte, bis
er die Hoffnung, es zu erringen, ~ver~säumte, das Glück der Liebe,
danach haschte in gedankenlosem Leichtsinn ein von fremden Gnaden
lebender, unreifer Habenichts!
Am Abend berief ihn Rosenzweig auf sein Zimmer. Das war ein so
kahles und ungemüthliches Gelaß, daß Jeden, der es betrat, fröstelte
-- sogar in den Hundstagen. Die Einrichtung bestand aus einigen
an die Wände gereihten Sesseln, aus einem riesigen, mit weißer
Oelfarbe angestrichenen Schreibtisch und aus einer gleichfalls weiß
angestrichenen, langen und niederen Bücherstelle, die einer Gewölbbudel
ähnlich das Gemach in zwei Hälften theilte. In der kleineren, zunächst
den Fenstern, hielt sich der Doctor auf, in der größeren, nächst der
Thüre, hatten die Patienten, die ihn besuchten, zu warten, bis er zu
ihnen trat durch einen schmalen Raum, der zwischen der Wand und dem
Büchergestell frei geblieben war. Auf dem obersten Brett desselben
lagen oder standen allerlei Dinge, mit deren gruselnder Betrachtung die
Leute sich die Zeit des Wartens vertrieben. Sonderbare Instrumente,
Messer und Zangen, und fest verschlossene Gläser, gefüllt mit einer
durchsichtigen Flüssigkeit, in welcher der galizische Instinct sofort
Weingeist witterte. Nur war leider das gute Getränk verdorben durch
höchst unappetitliche Gebilde, die darin schwammen.
Ueber all' diese Sachen hinweg rief Rosenzweig jetzt dem eintretenden
Joseph zu:
»Sag' einmal, was hast Du mit der kleinen Lubienka des Pächters?«
Wie gewöhnlich, wenn sein Wohlthäter ihn scharf anredete, wurde der
Bursche feuerroth, fand auch nicht gleich eine Antwort. Erst nachdem
Rosenzweig seine Frage wiederholte, nahm Joseph sich zusammen und
entgegnete halblaut, aber bestimmt:
»Ich hab' sie lieb.«
»Und -- sie?«
»-- Sie hat mich auch lieb.«
Der Doctor lachte bitter und höhnisch:
»Das bildest Du Dir ein?«
»Das weiß ich, gnädiger Herr --«
»Wohin soll dieses Liebhaben führen?«
Nun meinte Joseph, der Doctor habe ihn zum Besten, wolle ihn nur ein
wenig aufziehen und erwiderte ganz munter:
»Zu einer Heirath, Herr.«
»Einer Heirath! Du denkst ans Heirathen?«
»Ja, Herr! und Lubienka denkt auch daran.«
»Sie auch! ... Was sagt denn ihr Vater dazu?«
»Dem ist es recht, Panie Kochanku!«[4] rief Joseph mit einem Ausbruch
überwallender Empfindung, und machte Miene, auf dem jedem Andern als
dem Doctor verbotenen Weg, in das Bereich seines Wohlthäters zu stürzen
...
[4] Lieber Herr!
Der aber erhob sich gebieterisch von seinem Stuhle und bannte den
Jüngling mit einem strengen:
»Bleib', wo Du bist!« an seinen Platz.
In grausamen Worten hielt er dem Burschen seine Armuth und seine
Aussichtslosigkeit vor. Ihn empörte der Gedanke, daß dieser Mensch
vielleicht auf ihn gerechnet habe, respective auf seinen Geldbeutel,
und er faßte den Entschluß, dem interessirten Schlingel nach beendeter
Ernte-Arbeit die Thür zu weisen. Vorläufig wies er ihn aus dem Zimmer
und legte sich mit dem Vorsatz zu Bette, den Pächter am folgenden Tage
ernstlich zu ermahnen, der Löffelei zwischen seiner Tochter und Joseph
ein Ende zu machen.
Gerade an diesem Tage jedoch ereignete sich Etwas, das ihn von jedem
unwesentlichen und nebensächlichen Gegenstand ein für allemal abzog.
Er wurde am frühen Morgen zu dem plötzlich erkrankten Sohn einer
benachbarten Gutsfrau berufen, konnte die besorgte Mutter über
den Zustand des Patienten beruhigen und wäre am liebsten sogleich
wieder nach Hause gefahren. Das gestattete jedoch die landesübliche
Gastfreundschaft nicht. Gern oder ungern hieß es an einem reichlichen
Frühstück Theil nehmen, das im Salon aufgetragen war, in welchem sich
eine große Anzahl Schloßgäste versammelt hatte, eine Gesellschaft,
dem Doctor wohlbekannt und so widerwärtig, als ob sie aus lauter
Kurpfuschern bestanden hätte. Anhänger und Anhängerinnen »König« Adam
Czartoryskis, Conspiranten gegen die bestehende gute Ordnung, Schwärmer
für die Wiedereinführung der alten polnischen Wirthschaft. Die Frau
des Hauses, noch jung, schön, enthusiastisch, seit dem Tode ihres
Mannes unumschränkte Herrin der großen Güter, die sie ihm zugebracht
hatte, war die Seele der ganzen Partei und ihre mächtige Stütze. Sie
unterhielt eine lebhafte Correspondenz mit der National-Regierung in
Paris, empfing und beherbergte deren Emissäre und verwendete jährlich
große Summen für Revolutions-Zwecke.
Dieses fanatische Treiben mißfiel dem Doctor und entstellte ihm
das Bild der in jeder anderen Hinsicht als gute Mutter, als kluge
Verwalterin ihres Vermögens und als humane Herrin ihrer Unterthanen
verehrungswürdigen Frau.
Mit verdrießlicher Miene nahm er am Theetische Platz, aß und trank und
sprach kein Wort, indessen Herren und Damen eifrig politisirten. Ihm
war, als sei er von Kindern umgeben, die, statt Soldaten zu spielen,
zur Abwechselung einmal Verschwörer spielten.
Da legte eine weiße Hand sich plötzlich auf die Lehne seines Sessels.
»Warum so verstimmt, Angesichts des schönsten Wunders, mein lieber
Doctor?« sprach Gräfin Aniela W. zu ihrem Lebensretter.
Rosenzweig erhob und verneigte sich:
»Welches Wunder meinen Euer Hochgeboren?«
»Das der Wiedererweckung des polnischen Reiches!« versetzte die
reizende Frau, und aus ihren Taubenaugen schoß ein Adlerblick, und ihre
zierliche Gestalt richtete sich heroisch auf.
Der Doctor verbiß ein Lächeln, und sogleich riefen mehrere Patriotinnen
in schmerzlicher Enttäuschung:
»Sie zweifeln? O Doctor -- ist das möglich? Ein so gescheiter Mann!«
»Ich zweifle nicht, meine Damen! Wer sagt, daß ich zweifle?«
»Ihr Lächeln sagt es, das ganz unmotivirt ist, da wir Ernst machen,«
sprach die Gräfin und kreuzte die Arme wie Napoleon.
»Der Augenblick, das fremde Joch abzuschütteln, ist gekommen ... Sie
dürfen es erfahren, weil Sie ein guter Pole und unser Vertrauter sind!
Das Zeichen zum Ausbruch der Revolution wird in Lemberg auf dem ersten
Balle des Erzherzogs gegeben werden!«
Allgemeines Schweigen folgte dieser freimüthigen Erklärung. Die
Verschworenen waren betroffen über die Eigenmächtigkeit, mit welcher
Aniela über das gemeinsame Eigenthum -- den Plan der Partei -- verfügte.
Doch war sie viel zu liebenswürdig und sah auch viel zu reizend aus,
als daß man ihr hätte zürnen können. Sie trug ein Pariser Häubchen mit
einer Cascade aus gesinnungstüchtigen roth und weißen Bändern. Den
köstlichen Stoff des Morgenkleides hatte ihr Gemahl von seiner letzten
Missionsreise nach Rußland, aus Nischnij-Nowgorod mitgebracht. -- Unter
welchen Gefahren!
Ach, es war eine ganze Geschichte ... Heute wurde sie aber nicht
erzählt, am wenigsten in diesem Augenblick, in dem es vor Allem galt,
den üblen Eindruck zu verwischen, den die Politikerin auf ihre Umgebung
hervorgebracht hatte:
»Ihr Kleingläubigen!« rief sie, »zweifelt Ihr an der Treue und
Zuverlässigkeit eines Mannes, der dem Vaterlande mein Leben erhalten
hat?«
Einige junge Herren beeilten sich zu protestiren, und ein alter
Schlachziz mit langem herabhängenden Schnurrbart erhob sein
Madeira-Gläschen, leerte es auf Einen Zug und sprach:
»Vivat Doctor Rosenzweig!«
Die Frau vom Hause wiederholte:
»Vivat Doctor Rosenzweig, dem so Viele von uns ihre eigene Gesundheit
und die ihrer Kinder verdanken!«
Sie stürzte nach diesem Toaste den Rest ihrer sechsten Tasse Thee
hinunter, und statt sich erkenntlich zu zeigen, brummte der Arzt:
»Wie oft habe ich Euer Hochgeboren ersucht, nicht so viel Thee zu
trinken. Sie ruiniren sich die Nerven.«
Die schöne Festgeberin lächelte überlegen:
»Guter Gott, meine Nerven! An diese werden bald ganz andere Zumuthungen
gestellt werden!«
»Ich verstehe -- auf jenem Revolutions-Balle!«
»Ja, Doctor! Ja!« rief Gräfin Aniela dazwischen -- »dem Balle, auf dem
wir ein welthistorisches Ereigniß inauguriren!«
»Bei der Mazurka, oder bei der Française?«
»Beim Cotillon. Die Damen wählen zugleich alle anwesenden Offiziere.
Die Offiziere legen zum Tanze ihre Säbel ab. Die Säbel werden
fortgeschafft. Kaum ist das geschehen, so werfen sich die Polen auf die
waffenlosen Feinde und machen sie nieder!«
»Vivat!« rief der Schlachziz, »Pardon wird nicht gegeben!«
Einige Damen widersprachen und schlugen vor, denjenigen Offizieren
Pardon zu gewähren, die ihn verlangen würden. Sie zogen jedoch ihren
Antrag zurück, als sie bemerkten, daß er Zweifel an der Echtheit ihres
Patriotismus erregte.
»Meine Herrschaften«, sagte Rosenzweig, »dieser Plan ist wundersam
ausgedacht, aber ausführen werden Sie ihn nicht.«
»Warum?« rief's von allen Seiten, »was soll uns hindern?«
»Ihre eigene Hochherzigkeit, Ihr eigener loyaler Charakter. Edle Damen
und edle Herren, wie Sie, können hassen, können befehden, aber sie
verrathen nicht und sie morden nicht.«
»Monsieur,« entgegnete ein neunzehnjähriges Bürschlein, das eben aus
einer Pariser Erziehungsanstalt heimgekehrt war, »Ihr Argument würde im
Kriege gelten, aber es gilt nicht in einer Conspiration.«
»Ganz richtig -- weil ja ...« Dem alten Schlachziz war plötzlich
eingefallen, daß er jetzt eine Rede halten sollte, sprang auf, schlug
die Fersen an einander, und rief nach langer Ueberlegung:
»Vivat Polonia! Vivat König Adam!«
Nun erhob sich in der Ecke des Zimmers eine zitternde, klanglose
Stimme. Wie aus der Tiefe eines Berges kam sie hervor, einem Berge von
Seiden- und Shawlstoffen, von Spitzen, Rüschen und Bändern. Die Stimme
gehörte der Starostin Sulpicia, Großtante der Hausfrau, bei welcher die
hochbejahrte Dame ein sehr reich mit Butter bestrichenes Gnadenbrot
genoß.
»Olga, Duschenka moja,«[5] sprach sie, »denke vor Allem an Dein ewiges
Heil!«
[5] Mein Seelchen.
Mit Schrecken hatte die Schloßdame das leise Sinken des Enthusiasmus
ihrer Gäste wahrgenommen, indessen sie selbst nach der siebenten Tasse
Thee auf dem Gipfel der Begeisterung angelangt war. Die Greisin goß
mit ihrer Ermahnung Oel ins Feuer. Es schlug auch sogleich lichterloh
empor in dem lauten, feierlichen Ausrufe:
»Alles für Polen! Mein zeitliches und mein ewiges Heil!«
Gräfin Aniela warf sich, ganz entzückt von dieser Größe, ihrer Freundin
in die Arme, die Herren küßten die Hände der Patriotinnen. Einer von
ihnen erbat sich die Ehre, aus dem Schuh der Hausfrau trinken zu
dürfen. Sie gestattete es aber nicht, aus Rücksicht für den erhabenen
Ernst dieser Stunde, und der Abgewiesene setzte sich ans Klavier und
intonirte ein melancholisches Nationallied.
Alle schwiegen, Alle horchten gerührt, in manches Auge traten Thränen.
Die unwiderstehliche Macht dieses Gesanges ergriff sogar Einen, der
bisher unbeweglich in einer Fensterecke gestanden und am Gespräch nicht
Theil genommen hatte.
Rosenzweig kannte ihn nicht und war in angestammtem Mißtrauen
geneigt gewesen, ihn, seiner auffallenden Blässe wegen, für einen
der verschämten Patienten zu halten, die sich berühmten Aerzten so
gern auf neutralem Gebiet in den Weg stellen, um im Vorübergehen eine
Consultation abzuhalten, für welche sie später das Honorar schuldig
bleiben.
Indessen hatte Rosenzweig sich geirrt; der Fremde machte keinen
Versuch, in seine Nähe zu gelangen, während er selbst nicht mehr
vermochte, seine Aufmerksamkeit von ihm abzulenken.
Er war ein mittelgroßer, schlanker Mann mit blondem, dünnem Bart, mit
blauen, offenbar sehr kurzsichtigen Augen. Der Eindruck eines ungemein
regen Geisteslebens, den seine Züge hervorbrachten, wurde durch die
Blässe erhöht, die den Doctor anfangs verleitet hatte, ihn für einen
Kranken zu halten. Doch auch von dieser Meinung war er bald abgekommen.
Krankheit vergeistigt nicht, wie die Poeten oft behaupteten, sie
zeichnet vielmehr die Kinder des Staubes mit deutlichen Merkmalen ihrer
Abkunft.
In dem Wesen dieses Mannes aber gab sich kein Zeichen von körperlicher
Mühsal kund. Die Leidensspuren auf seiner marmorgleichen Stirn
waren durch rastlos arbeitende Gedanken ausgeprägt worden, und der
Schmerzenszug um den jungen Mund durch frühe, schwere Seelenkämpfe.
Die Geringschätzung, mit welcher das Treiben der Gesellschaft ihn
zu erfüllen schien, wurde allmälig besiegt. Die Klänge des schönen
Volksliedes ergriffen und bewegten auch ihn. ~Eine~ Empfindung
verband ihn mit seinen Brüdern: Sehnsucht, leidenschaftlich heiße
Sehnsucht nach dem verlorenen Vaterland.
An diesem Leidensborn hat kein Volk sich so übersatt getrunken, wie
dasjenige, aus dessen Herzen solch' ein Lied geströmt. Es singt von dem
verirrten Sohne, der heimkehrt zum Elternhaus, voll Reue und glühender
Liebe. Zagend steht er an der verschlossenen Thür und hört die Stimme
seines Vaters, die nach ihm ruft, und hört das Weinen seiner Mutter ...
Vater! Mutter! stöhnt er. Sie antworten: Komm! Erlöse uns, wir liegen
in Banden ... Er rüttelt an der eisernen Pforte, zerpocht sich die
Hände, zerschlägt sich die Stirn, schon fließt sein Blut. Vergeblich.
Nie wird diese Pforte weichen, nie vermag er sie aus den Angeln zu
heben. -- Er wird auf der Schwelle verschmachten.
Der Gesang war verstummt, und die Stille, die ihm folgte, wurde erst
nach einer Weile durch die Wirthin unterbrochen, die sich erhob, auf
den Fremden zuschritt und leise mit ihm zu parlamentiren begann.
Die stattliche Dame machte sich förmlich klein vor ihrem Gaste, jede
ihrer Mienen bezeugte Ehrfurcht, jede ihrer Gebärden war Huldigung.
Sie faltete die Hände und flehte:
»Sprechen Sie, o sprechen Sie zu der Versammlung!«
Die Aufforderung der Hausfrau fand lebhafte Unterstützung.
»Ach ja, sprechen Sie!« riefen viele Stimmen durcheinander. -- »Es
würde uns beseligen.« -- »Wir wagten nur noch nicht, Sie darum zu
bitten.« -- »Aus Bescheidenheit.«
Alle kamen heran, sehr freundlich, mit auserlesener Höflichkeit --
Keiner ohne eine gewisse Scheu. Sogar die siegessichere Gräfin Aniela
war befangen, und ihre anmuthigen Lippen zitterten ein wenig, als sie
sprach:
»Geben Sie uns eine Probe Ihrer wunderbaren Beredtsamkeit, von der
wir schon so viel gehört haben. Man sagt, daß Sie steinerne Herzen zu
rühren und moralisch Todte zu den größten Thaten zu wecken vermögen.«
Der Fremde lachte, und dieses Lachen war hell und frisch, wie das eines
Kindes. Unwillkürlich mußte Rosenzweig denken: Du hast eine unschuldige
Seele.
»Wie heißt der Mann?« fragte er die Hausfrau.
Sie erröthete und gab mit nicht sehr glücklich gespielter
Unbefangenheit zur Antwort:
»Es ist mein Cousin Roswadowski aus dem Königreich.«
Niemals hatte der Doctor von einem berühmten Redner Roswadowski auch
nur das Geringste gehört; aber was lag daran? In Zeiten nationaler
Erhebung pflegen ja von heut auf morgen nationale Größen aus dem Boden
zu wachsen.
Roswadowski erwiderte den Blick, den der Arzt auf ihm ruhen ließ,
mit einem ebenso forschend gespannten, und sich leicht gegen ihn
verneigend, sagte er:
»Bitten Sie doch Herrn Doctor Rosenzweig zu sprechen. Er möge Ihnen
sagen, was er von der Revolution erwartet.«
»Das wissen wir im Voraus,« entgegnete Aniela, »wie jeder gute Pole,
die Wiederherstellung des Reiches, das allgemeine Wohl!«
»Olga, Duschenka moja,« ließ wieder die Großtante sich vernehmen,
»sage Deiner Freundin, daß Keiner ein guter Pole ist, der nicht ein
guter Katholik ist.«
Ohne auf die Unterbrechung zu achten, fuhr Roswadowski fort:
»Das allgemeine Wohl soll jedes Besondere in sich begreifen, also auch
dasjenige dieses Mannes und seiner Glaubensgenossen. Warum höre ich
keinen von Euch, die Ihr seines Lobes voll seid, davon sprechen, daß
Ihr die Schuld abzutragen gedenkt, in der wir Alle ihm gegenüber stehen
und seinem Volke?«
»_Ce cher Édouard!_« rief Graf W. und fügte sich in den Hüften
wiegend, mit süßlichem Lächeln, nur vernehmbar für seine Frau und für
den neben ihr stehenden Rosenzweig hinzu: »Er wird immer verrückter.«
Auch die Schloßdame war unzufrieden mit dem unerwarteten Ausfall ihres
Cousins und erklärte sehr scharf, »in einer Schuld der Dankbarkeit und
Verehrung fühle sie wenigstens sich dem vortrefflichen Doctor gegenüber
nicht.«
»Und was die Gleichberechtigung aller Confessionen im Königreiche Polen
betrifft,« sagte Aniela, »so ist sie bereits im Princip festgestellt.
Mit den Modalitäten wird man sich beschäftigen. Bis jetzt hatte man
aber noch nicht Zeit, auf Details einzugehen.«
»Ich falle Ihnen zu Füßen!« sprach Rosenzweig. »Um die Sache der Juden
ist mir nicht mehr bang.«
»Ihre Verheißung macht ihn lachen, so groß ist sein Vertrauen --« nahm
Roswadowski wieder das Wort. »Er, dessen ganzes Leben nur eine Uebung
im Dienste der Pflicht gegen uns ist, erwartet von uns -- nichts.«
»Herr, wenn ich meine Pflicht nicht thäte, käme ich um mein Amt,«
fiel der Doctor ein, im Tone eines Menschen, der einer unangenehmen
Erörterung ein Ende machen will.
Sein unberufener Parteigänger jedoch entgegnete:
»Wenn ich von Pflicht sprach, so hatte ich eine höhere im Auge, als
diejenige, die Ihr Amt Ihnen auferlegt. Von Amts wegen sind Sie ein
tüchtiger Kreisphysikus, zum Samariter macht Sie Ihr eigenes Herz.«
»Samariter! ... Ich?«
»Jawohl, Sie. Der des Evangeliums pflegte des Sterbenden an der
Heerstraße, und übergab ihn dann fremder Hut. ~Sie~ haben den
Sterbenden, den Sie auf Ihrem Wege fanden, in Ihr Haus aufgenommen, das
dem verwaisten Christenknaben ein Vaterhaus geworden ist.«
Der Doctor deprecirte:
»-- Wie man's nimmt,« und dachte im Stillen ganz grimmig: Du bist gut
unterrichtet, Lobhudler! Mein Haus ein Vaterhaus für einen solchen
Chamer!«
Und in dem Augenblick beantwortete sich ihm eine Frage, die er oft
erwogen hatte, die Frage: ob man wohl zwei Gedanken auf Einmal haben
könne, denn wahrhaftig, er hatte ~zugleich~ auch den: Ich will dem
Chamer, bevor ich ihn wegschicke, doch einen neuen Anzug machen lassen!
»So hat ein Jude gethan,« wandte der Redner sich an die Gesellschaft,
»aus freiem Willen für einen Andersgläubigen, und was haben wir
Andersgläubige jemals aus freiem Willen für Einen seines Volkes gethan?
Lest Eure Geschichte und fragt Euch selbst, ob ein Jude die Tage
herbeiwünschen ~kann~, in denen in Polen wieder Polen herrschen?«
Olga und Aniela erhoben Einwendungen; was die Herren betraf, so
waren die meisten von ihnen dem Grafen W. in das Nebenzimmer gefolgt
und hatten dort an Spieltischen Platz genommen. Nur der ehrwürdige
Schlachziz und der Ankömmling aus Paris hielten ritterlich bei den
Damen aus, und der Erste versicherte, er habe sich in seiner Jugend
auch mit der Geschichte seines Landes beschäftigt, darin jedoch niemals
andere, als glorreiche Dinge gelesen.
Jetzt wurde die Thür aufgerissen, ein Diener stürzte herein und meldete:
»Der Herr Kreishauptmann. Er wird gleich in den Hof fahren.«
Die muthigen Damen stießen einen Schrei des Entsetzens aus:
»Um Gottes willen, der Kreishauptmann!«
Voll Todesangst ergriff die Hausfrau die Hand ihres Vetters: »Fort!
fort! verbergen Sie sich!«
»Ich denke nicht daran,« erwiderte er ganz ruhig, »ich bleibe, ich
freue mich sehr, die Bekanntschaft eines liebenswürdigen Mannes zu
machen.«
»Sie bleiben nicht! Sie gehen -- weil Ihre Gegenwart uns
compromittirt,« rief Graf W., der mit bestürzter Miene in den Salon
zurückgekehrt war.
Ein Wortwechsel entspann sich ...
»Doctor! ich beschwöre Sie, eilen Sie dem Kreishauptmann entgegen,
suchen Sie ihn so lange als möglich auf der Treppe aufzuhalten,« flehte
die Herrin des Schlosses und drängte Rosenzweig zur Thür.
»Ich werde thun, was ich kann, ich empfehle mich, meine Herrschaften!«
antwortete er, und verließ den Salon, im Grund der Seele höchlich
ergötzt über das Ende, das die Versammlung der Verschwörer genommen
hatte.
Vom Gange aus sah er den Kreishauptmann soeben in das Haus treten. Ein
behäbiger, feiner, mit äußerster Sorgfalt gekleideter Herr. Der Deckel
seines Cylinders glänzte in der Vogelperspective, in welcher er sich
zuerst dem Doctor zeigte, wie die Mondesscheibe. Nicht minder glänzte
der Lackstiefel an dem kleinen Fuße, den der Beamte auf die erste Stufe
der niederen Treppe setzte, als Rosenzweig bei ihm anlangte.
»Ich habe die Ehre, Euer Hochwohlgeboren zu begrüßen!« sprach der
Doctor, seinen Hut feierlich schwenkend.
»Wie, mein lieber Doctor? Sind Sie es wirklich? Was?« sprach der Beamte
mit dem gnädigsten Lächeln, »auch Sie im Neste der Verschwörer?«
»-- Herausgefallen, als ein noch nicht flügges Vöglein! -- Wie befinden
sich Euer Gnaden?«
»Gut. Dank Ihren Ordonnanzen.«
»Und der Pünktlichkeit, mit welcher Euer Gnaden sie erfüllen. Sie sind
ein so vortrefflicher Patient, daß Sie verdienen würden, immer krank zu
sein.«
»Sehr verbunden für den christlichen Wunsch ... Entschuldigen Sie
-- da habe ich mich versprochen.« Und nun kam die Frage, die der
Kreishauptmann dem Doctor auch bei der flüchtigsten Begegnung nicht
erließ. »Aber, mein lieber Doctor, wann werden Sie sich denn endlich
taufen lassen?«
Auf die stehende Frage erfolgte die stehende Antwort:
»Ich weiß es noch nicht genau.«
»Entschließen Sie sich! Sie sind ja ohnehin nur ein halber Jude.«
»Ich würde vermuthlich auch nur ein halber Christ sein.«
»Oho! das ist etwas Anderes!« entgegnete der Beamte streng. »Wir
sprechen noch davon; jetzt sagen Sie mir --« Seine Miene blieb
unverändert, aber seine kleinen, klugen Augen blickten den Doctor
durchdringend an: »Ist er oben, der Sendbote? Haben Sie ihn gesehen?«
»Welchen Sendboten?«
»Hier im Hause wird er als Herr von Roswadowski vorgestellt.«
Auf dem Gesichte Rosenzweigs malte sich ein so aufrichtiges Erstaunen,
daß der Beamte ausrief:
»Sie sind nicht eingeweiht! -- Nun, ich will Ihnen Ihre politische
Unschuld nicht rauben ... Ganz charmant diese Conspiranten! besonders
die Damen. Uebrigens haben wir uns weniger in Acht vor ihnen zu nehmen,
als sie sich selbst vor -- Anderen. Es ballt sich ein Gewitter über
ihren Häuptern zusammen, von dessen Aufsteigen sie keine Ahnung haben.
Diese harmlosen Unzufriedenen, die sich für bedrohlich halten, sind
selbst von ganz anders Unzufriedenen, in ganz anders gefährlicher Weise
bedroht.«
Rosenzweig konnte eine Erklärung dieser Worte nicht mehr erbitten.
Auf der Höhe der Treppe erschien soeben die Hausfrau, strahlend vor
Freundlichkeit, und der Kreishauptmann schwebte ihr in zierlichen
Schritten eiligst entgegen.