»Zu eilen!« Als ihn Liebesstunden riefen, als ihn Jagdfreuden riefen, da
hatte er auch eilen können, aber so in den Stall gestürzt, so auf's Pferd
gekommen, so über das in Juniglut zitternde ausgetrocknete Moor gejagt wie
heute, das war er noch nie. Der Rummelshöfer Knecht bemühte sich vergebens,
Schritt zu halten, es ging nicht, er blieb zurück, immer weiter, am Rande
des nächsten Busches hatte er auf diesem Ritt Herrn v. Dörfflin zuletzt
gesehen.
Ein armer Kerl, ein Verwaister, Verirrter, Verlorener, so stand er an
seines Freundes Fritz Sterbebett. Der machte grimmigen Ernst mit seinem
Vorhaben. In Rummelshof herrschte der Typhus, die besten Männer gingen
daran ein; er, der wohl der allerbeste war, auch. Es ließ sich mit guten
Wünschen und heißem Jammer und starrer Hilflosigkeit nichts mehr dagegen
ausrichten.
Ach, es war ein grausames Elend! Frau und Söhne standen herum und konnten
zusehen, wie sie mit ihrem Schmerz fertig wurden. Das war gar nichts, fand
in seinem Jammer Ludwig Dörfflin. Das war ein Schicksalsschlag, wie er
jeden auf Erden trifft. Hatte er nicht vor einem Dutzend Jahren das Gleiche
erlebt? Das hockt man aus und trägt's, so gut es geht. -- Aber _er_, mit
_seiner_ Not! Jahre, Jahre, Jahre verloren, um solchen elenden Zankes
willen! Ihn wiedersehen, nach dem er immer gehungert hatte -- jetzt wußte
er es erst, seit er den Pferdekopf aus Rummelshof unter seinem Tor hatte
auftauchen sehen -- und ihn wie wiedersehen! Dasselbe Gesicht -- ach ja,
aber wie bleich und lebenslos, entstellt und fremd! Und doch und doch
dasselbe Gesicht!
Er fiel, ungeschickt und klotzig wie er war, vor diesem entsetzlichen
Sterbelager in die Knie.
»Fritz -- Fritze -- vergib mir das --«
»Ja -- aber tausendmal, mein alter Lutz --«
Was hilft's, was hilft's, er geht doch fort! Ihr, Frau v. Zülchow und Ihr
großen, langen Menschen, Ihr könnt' ihn wohl ruhig fahren lassen. Ihr habt
nichts mit ihm versäumt. Alle die Jahre, die Jahre! Wo sind sie nun? Nach
der Stadt hin -- zurück, hin -- zurück -- -- pfui, dies Lotterleben, wie
ist es mir verhaßt, wie ist es mir zuwider!
»Fritz! Fritz! Wenn's geht, bleib' doch noch!«
»Ich habe alle Tage an Dich gedacht, mein alter Junge. Im Grunde war ich
Dir nie böse. Siehst Du, ich wollte Dich nur zur Besinnung bringen. Es tut
mir leid, daß ich so hart war. Laß, heul doch nicht, alter Bursche! Wir
sind ja nie auseinander gewesen. Willst Du, wenn ich tot bin, meine
Jungens öfter bei Dir haben? Ist Dir das lieb? Du siehst doch, daß ich Dir
vertraue!«
»Ja, ja!« schluchzte der Gutsherr von Hohen-Leucken und trocknete sich mit
Herrn v. Zülchows Bettzipfel die Augen.
»Fritz, mir ist alles bis zum Halse hinauf zuwider! Gib mir die Hand. Hier
schwöre ich Dir, daß alles aus ist mit dem schlechten Leben. -- Ach, ich
möchte mit Dir tauschen. Du darfst doch noch nicht sterben, Du, so klug und
gut und groß. Was liegt an mir altem Sünder, altem Lumpen --?«
Am Ende stand Gregor auf, nahm ihn am Arm und führte ihn fort. Um Frau
v. Zülchows willen war das dringend nötig. Man konnte diesen fremden, etwas
verrufenen Menschen hier in den letzten Stunden nicht lärmen lassen, als
sei er der einzige Zugehörige.
Der arme Herr Ludwig ließ sich stumm fortziehen. Im Nebenzimmer sah er
scheu in des Jünglings eisiges Gesicht.
»Ich weiß«, sagte er bedrückt, »ich war wohl zu laut --?«
»Es geht bald zu Ende mit unserem Vater. Wir müssen ihn allein haben.
Wollen Sie jetzt fahren, Herr v. Dörfflin? Sie haben ja Abschied genommen.«
»Allein haben --. Ja, Ihr seid die Glücklichen --« murmelte der verstörte
Mensch. Aber das schmale kühle Gesicht vor ihm bewegte sich nicht.
»Herr Gregor, lassen Sie mich hier!« flehte er plötzlich außer sich. »Ich
geh nicht mehr hinein, ich mache auch keinen Lärm. Lassen Sie mich hier an
der Tür sitzen, ich werde mich nicht rühren. Und wenn, können Sie mich ja
noch immer fortschicken. Herr Gregor, ich habe Ihren Vater über alles
lieb gehabt, schon ehe ein Mensch an Sie dachte, und auch ehe er Ihre Frau
Mutter kannte, die nun den größten Platz und das größte Recht bei ihm hat.
Ich red' ja nichts davon, ich bin ja schuld, aber lassen Sie mich hier.
Sehen Sie, seinen Hund lassen Sie ja auch hier. Tell -- kennst Du mich
noch? Wahrhaftig, Herr Gregor, er kennt mich noch! Sehen Sie, ich bin hier
doch nicht so ganz ohne jedes Recht.«
»Wie Sie es wünschen, Herr v. Dörfflin«, sagte Gregor v. Zülchow, holte ihm
einen Stuhl, ging in das Nebenzimmer hinein und machte die Tür hinter sich
zu.
Der Mann und der Hund saßen miteinander noch sechzehn Stunden, ohne daß
sich jemand um die beiden kümmerte oder auch nur durch das Zimmer kam. Sie
saßen auf der Schwelle und hörten den harten Todeskampf des Mannes, der
ihnen beiden der Liebste war.
Am anderen Vormittag um neun war es vorüber. Unter den Dienstboten, die
hereingeführt wurden, war auch Herr v. Dörfflin. Aber er kehrte nach dem
ersten Blick auf das wachsbleiche Gesicht in der Tür schon wieder um,
liebkoste noch einmal den braunen Kopf von Tell, seinem Leidensgefährten
dieser Nacht, ging in den Stall, sattelte sich selbst sein Pferd und ritt
zurück, den einst so wohl vertrauten Weg.
Was er in dieser Nacht gewonnen hatte, war ein starker Ekel an den Lüsten
dieses Lebens und rechts und links am Kopfe ein Büschel grauer Haare.
* * *
Das kleine Fritzchen hat einst geweint, daß »die Jungens« nicht wieder
kamen. Nun sind sie plötzlich wieder da, aber es sind jetzt wohl keine
Jungens mehr.
Der junge Gregor hat vor einigen Wochen das Abiturium bestanden. Er
studiert jetzt, er ist Theologe. Fritzchen starrte ihn ungläubig an. _Der_
will Pastor werden? Ja, wie der alte freundliche und gemütliche Pastor
unten im Dorfe sieht er nicht aus. Kannst Du Dir Gregor v. Zülchow im
Schlafrock mit einer langen Pfeife denken? So müssen Pastoren doch immer
aussehen. Oder bei einer Taufe in der niedrigen Dorfstube?
Fritzchen sagt so etwas zu Gisela. Die sieht sehr verächtlich aus. »Gott,
was für 'ne Idee! Der wird doch natürlich Professor oder Hofprediger oder
so etwas.«
Gregor war damals noch siebzehn Jahre, und Fritzchen war eben zwölf
geworden. Sie spielte jetzt nur noch selten auf dem Boden herum
und brauchte auch gar keinen Boden. Sie hatte all das Gerümpel, die
Sonnenstäubchen, den Mummenschanz sicher genug auf ihrem ureigensten
Dachboden, unter ihrem rotbraunen Jungenshaar.
Ach Gregor! Welch ein Held war er doch!
Der Jüngling sah das kleine tolle Ding heute so wenig an, wie er sie vor
Jahren angesehen hatte. Was wollte er überhaupt in Hohen-Leucken? Er stand
mit seinen langen Beinen herum, sah aus wie ein Eiszapfen und guckte an
allen Menschen und Dingen vorbei, als wären sie Luft.
Herr v. Dörfflin -- na ja, aber mit dem redet man doch nicht. Vater hat's
so gewollt, da fährt man eben mal herüber, zeigt sich, steht ein Stündchen
hier herum, dann ist es aber auch übergenug.
»Hans, laß den Wagen wieder vorfahren, ja?«
Hans Henning, der Schlingel in der Kadettenuniform, wurde blutrot. Das
geschah ihm überhaupt leicht, schon weil er fast immer ein schlechtes
Gewissen hatte. »Ich habe Jochen gesagt, daß er ausspannen soll --«
stotterte er betreten.
Über Gregors weiße Stirn flog eine zornige Röte. Wenn schon einmal
ausgespannt war, mußte auch gefüttert werden. Da konnte man sich noch ein
gutes Stündchen hier um die Ohren schlagen.
»Tollpatsch!« Das ging direkt an Hans Hennings Adresse. Machte dem aber
nicht viel aus. Er war an kräftigere Dinge als an Benennungen gewöhnt und
hatte sich für solche Lagen ein wundervolles dickes Fell angezogen.
»Fritz, wollen wir mal zur Schaukel?«
Das mit dem Schaukeln war so: der, welcher schaukelte, und die,
welche geschaukelt wurde, kamen durch den Schwung der Bewegung und das
fortwährende Abreißen der Unterhaltung in eine amüsante Zwiesprache, die
selber leicht wie der Flug auf dem Schaukelbrett und kräftig wie der Stoß
von unten war.
»Vor sechs Jahren waren wir hier, Fritz, weißt Du noch? Damals warst Du ein
wilder Käfer im roten Kleidchen.«
»Du bist auch schrecklich gewachsen, Hans Henning.«
»Nu ja. Sechzehn Jahre. Gregor ist nun schon aus der Schule.«
»Du willst Offizier werden?«
»Na, natürlich. Aber nur ein paar Jahre, dann nehme ich das Gut.«
»Ach! Gregor ist wohl schrecklich klug?«
»Na, weißt Du, Fritz, der steckt bald alle Professoren in die Tasche. Der
wird nochmal ein Licht. Aber ich! -- Na, ich möcht' gar nicht so sein.«
Fritzchen war wieder oben im Blättergewirr.
»Möchtest Du fliegen können, Hans Henning?«
»Fliegen? Nein. Wozu?«
»Ich möchte. Über die Bäume. Hoch auf die Wolken. Bis an die Sterne! Nein,
bis in die Sonne. Ich möchte mal sehen, wie es da ist!«
»Da verbrennst Du ja. Oder nein -- Du kriegst keine Luft. So ist's. Aber
wenn Du fliegst, Fritz, muß ich auch fliegen. Man kann Dich doch nicht
allein zu den Trampeltieren da oben lassen.«
»Was für Trampeltiere?«
»Na, auf dem Mars. Aber zuerst kommst Du mal nach Rummelshof. Mama läßt es
heute sagen, ich soll's mit Deinem Papa verabreden.« -- --
Dichter Staub flog hinter dem Wagen her, der im raschen Trabe durch die
sandige Dorfstraße dem Moorweg zufuhr. Hans Hennings bunte Mütze leuchtete
noch ein paarmal durch die Staubwolken, auch Gregors Strohhut -- nun
fort -- --
»Du, Gisa -- wir sollen nach Rummelshof kommen!«
Gisa war wieder so hübsch und fein angezogen, daß man ihr Kleid jetzt bald
lieber ansah als ihr Gesicht. Es war auch so lang geworden.
»Ja, ja -- aber das ist ja doch nur alles Schein«, sagte sie bitter. Es
war beinahe, als kämpfe sie mit Tränen. Auch mit ihr hatte Gregor nur das
Alleroberflächlichste gesprochen wie ein gut erzogener Mensch, der seine
Verachtung zu verbergen weiß.
»Schein --?« sprach Fritzchen verständnislos nach. Nein, sie war noch zu
dumm, es ließ sich mit ihr nichts bereden, noch ganz kindisch. -- Aber wozu
auch bereden. Es war schon, wie es war.
Es wurde nun auch wirklich Weihnachten, bis die Hohen-Leuckener Kinderfuhre
nach Rummelshof abging. Die Blätter, in die das Fritzchen auf der Schaukel
hoch hineingeflogen war, waren gefallen, ein rauher, nebliger Herbst war um
das alte Herrenhaus gezogen. Es war hier immer rauher, nebliger, dunstiger
als sonstwo im Lande. Die Gouvernante hatte alle Tage Schnupfen und
Halsweh, sie lag in einem Hinterzimmer auf dem Sofa oder saß mürrisch und
reizbar den Kindern gegenüber am Tisch.
»Gott sei Dank, Ostern werde ich eingesegnet«, sagte Gisela. »Dann muß Papa
mich in eine Pension geben. Ich sag's ihm oder der Pastor sagt's ihm.«
»Ach --« staunte Fritzchen nur ganz verblüfft. Ja, das Fritzchen kann schon
hier bleiben, was versteht das dumme Kind von der großen Welt. Für die ist
es in Hohen-Leucken noch immer gut genug.
Grau, dunstig, wolkenschwer. Was die Wolken doch nur für seltsame Gebilde
sind! Fritzchen hatte ihren Arbeitstisch an dem einen Turmfenster, das aufs
Moor hinausging. Der alte klobige Turm enthielt vier Stübchen und unten den
großen runden Schulraum. Der war gut für die Geographie, aber schlecht für
Fräulein Millers Schnupfen. Es war hier aber alles so, wie es immer war, da
konnte der schönste Schnupfen nichts dagegen tun. -- Fritzchen wußte auch,
warum ihr alter, gelber, zerschnitzter und tintenbeklexter Schreibtisch
gerade an dem Südfenster stehen mußte. Hier ging der Weg übers Moor. Es
fuhren jetzt nur noch Feldgespanne darauf, aber es war doch einmal -- und
es würde wieder -- -- und wenn die Weihnachtsferien kamen und die Jungens
zu Hause waren, dann -- dann -- dann fuhr man dort selber entlang -- --
»Fritzchen, träum' nicht. Mach' Deine Arbeiten!«
»Ja -- ja!«
Siehst Du da hinten den Schornstein, den Fabrikschornstein. Der ist von der
Zuckerfabrik des Herrn August Schultze. Herr Schultze hat vor zehn Jahren
dem Baron Laue das Gut Böllingen abgenommen, der Baron hat fort müssen,
erzählten die Mädchen, er hatte so viel Schulden. Er soll Agent in Berlin
geworden sein, und seine Töchter arbeiten in Geschäften. Mit Herrn Schultze
verkehrt kein Mensch. »Das gehört sich so«, hat Fritzchen von klein auf
gehört. Es gehört sich auch wirklich so.
Weißt Du, wozu der Schornstein gut ist? Man sieht immer gleich, woher der
Wind kommt. Ach, was macht der Rauch manchmal für tolle Kapriolen! Er weiß
nicht, wohin, so fährt's von allen Seiten auf ihn los. Hast Du ihn wohl je
gerade in die Luft steigen sehen? Kaum, es ist hier immer Wind.
Aber die Wolken sind doch noch mächtiger und stolzer als der Rauch. Wie sie
lagern übereinander, man meint, sie wären aus blaugrauem Granit und sind
doch so leicht! Vorn schiffen ein paar hellere, fast weiße Massen, erst
waren sie zusammengeballt, aber der Wind läßt sie nicht, schon sind sie
auseinandergerissen, flattern, andere folgen nach.
Sieh, der Rauch schreibt eine schwarze wunderliche Schrift an die bleierne
Wand. Lies sie nur schnell, es sind schon wieder andere Formen. O dies
Fließende, Ziehende, Vergehende, ewig Neue!
Wie soll das Kind am Turmfenster nicht den Wind lieben? Er baut ihm ja
Märchen und Geschichten am Himmel auf, er spielt mit ihm so wunderbare
Spiele. Mit ihm allein, für es ganz allein, denn wer sieht sonst dahin? --
»Aber Fritzchen, Du träumst ja immer noch! Wie weit ist denn Dein Thème?
Was, noch keine Zeile weiter? Na warte, Du faules Kind, jetzt gebe ich Dir
die doppelte Arbeit auf!«
Ach, Fräulein Miller -- sehen _Sie_ denn die Wolken nicht? Freilich,
Fräulein Miller trägt einen Kneifer und hat schwache Augen. Armes Fräulein!
»Ja, jetzt will ich auch die doppelte Arbeit machen!«
Das Fritzchen hat sich so voller Farben und Wunder getrunken, daß es auch
die dreifache Arbeit leicht gemacht hätte.
Und zu Weihnachten geht's übers Moor!
»Weeste, der Weg übers Moor ist hundeschlecht, hat der Herr gesagt. Fahr'
Du man die Fräuleins um die Eiche 'rum, sonst steckt Ihr am End' noch alle
drin wie die Dummen.« Also sprach Jakob zu dem Kutscher, der mit der alten
Halbchaise vor der Rampe hielt.
Trostlos war das Wetter. Regen mit Schnee fuhr durch die Luft daher,
klatschte auf das Verdeckleder, schlug dem Kutscher in das verdrießliche
Gesicht.
»Auch noch!« fuhr er den Jakob an. »An dreiviertel Stunden Umweg. Du hast
schön predigen, kannst in der warmen Stube bleiben. Mir fällt's nicht ein,
mögen die Racker sich ins Zeug legen.«
Die Racker waren die beiden Kutschbraunen. Die hatten sich schon ein halbes
Jahr lang gewundert, daß sie nicht mehr die sechs Meilen Stadtfahrt zu
machen hatten. Durchs Moor brachten sie die alte Chaise wohl immer noch.
Der Jakob war ein Pessimist.
Fräulein Miller fuhr auch mit, das schickte sich so, und sie wollte doch
auch einmal einen Weihnachtsspaß haben. Aber der Papa blieb zu Hause in
seiner verräucherten Stube, er hatte nichts in Rummelshof zu suchen.
»Adieu, Papa!« Fein erzogen wurden diese Kinder nicht, aber Gisela hatte so
etwas im Gefühl. Fritzchen hatte auch etwas im Gefühl, aber etwas anderes:
es kam ihr so traurig vor, den Papa allein zu lassen, während sie in lauter
Lust und Seligkeit hinauskutschierte.
»Adieu, Kinder. Grüßt -- -- nein, laßt lieber. Bedankt Euch auch bei Frau
Baronin, wenn Ihr wegfahrt. Adieu, geh' doch, Fritzchen. Die Pferde dürfen
nicht so lange stehen.«
Fritzchen drehte sich in der Tür noch einmal um. Was macht er nun alle die
Stunden über? Er war doch eigentlich immer zuviel allein. Er kann doch
auch von hier die Wolken gar nicht ordentlich sehen, und lesen mag er auch
nicht.
»Papa, ich erzähl' Dir alles, wenn ich zurückkomme!«
»Ja ja, nun geh' doch. Die Pferde --«
»Fritzchen, kommst Du denn nun endlich?«
Was war das für eine Fahrt. Fräulein Miller wollte, daß man das Fensterchen
vom Verdeck herunterließe, um sich vor Regen und Schnee zu schützen, und
Gisa wollte es auch. Schade! Der Regen, der Wind, alles draußen war so wild
und lustig!
»Laßt mich auf dem Bock sitzen!«
»I Gott bewahre, Dein Kleid, Dein Haar! Auf keinen Fall. Sitze Du nur
still.«
Es ging Schritt für Schritt. Der Boden schwankte unter den Rädern. Fräulein
Miller ängstigte sich, klopfte ans Fenster und schrie. Sie stellte sich
jedesmal beim Fahren so an, weil sie ein Stadtkind war, der Kutscher
grinste auch nur und machte beruhigende Kopfbewegungen.
Fritzchen sah und hörte das alles nur halb. »Nun ist's so weit, nun ist's
so weit!«
»Du bist noch sehr kindisch!« sagte Gisa. Denn sie freute sich, halb
widerwillig, zwar auch, aber sie fand, man müsse sich solches nie merken
lassen, sobald man »erwachsen« sei. Ach, sie war ein rechter Herzenstrost
für Fräulein Miller.
»Jetzt brauchen Sie sich nicht mehr zu ängstigen, Fräulein Miller«, sagte
Fritzchen mit funkelnden Augen nach einer Schüttelei von fast drei Stunden.
»Da ist die Mauer -- da sind wir. O, nun machen wir aber das Fenster auf.«
Fräulein Miller erholte sich. »Gott sei Dank! Ja, ja! Aber nun in der Nacht
die Rückfahrt!«
»Wir haben Mondschein«, sagte Gisela.
Fritzchen aber dachte: Nacht und Rückfahrt! Wer denkt daran! Das sind ja
noch hundert Jahre hin!
Hans Henning und ein alter Diener standen auf der Steintreppe. Wer sollte
auch sonst noch da stehen! Was ging den Herrn Gregor die Hohen-Leuckener
Chaise mit ihrem Inhalt an?
Fritzchens kleines Herz fiel bei jedem Schritt in das vornehme weite Haus.
Hier war alles anders als zu Hause, ach, so groß und schön und fein!
Einen Augenblick herrschte das jähe, wilde Gefühl in ihr, auszureißen,
fortzulaufen, sich in die Kutsche zu verkriechen. Sie fürchtete den Schall
der eigenen Schritte.
»Gisa« --, sie wollte sich der an die Hand hängen, die schüttelte sie ab.
»Laß das!« Möglichst, als kenne sie das Fritzchen gar nicht, habe es nie
mit Augen gesehen, so tat sie.
Da stand eine große, feine, stolze Dame. Sie begrüßte Fräulein Miller,
die einen tiefen Knix machte, und reichte den Mädchen die Hand. Fritzchen
blickte auf und vergaß alle Verzagtheit. Sie sah aus wie Gregor.
»Wo ist Gregor?« fragte die schöne, stolze Frau.
»Oben in seiner Stube, Mama. Er wird wohl kommen.«
»Nun, Ihr kleinen Fräulein, so richtige Spielgefährten kann ich Euch hier
gar nicht geben. Aber Hans Henning hat sich schon sehr auf Euch gefreut, er
wird sich nach Kräften bemühen, Euch gut zu unterhalten.«
Und so weiter, was eine liebenswürdige Frau eben so hin sagt, wenn ein paar
kleine Mädel vor ihr stehen, die ihretwegen ebenso gut hätten fortbleiben
können. Aber es war ihres Fritz letzte Bestimmung, das Haus mit diesen
Dörfflins zu belasten. Was sie so hin sagte aber kam als lieblichste Musik
in Fritzchens Ohren an. Als ein Klingen und Tönen aus einer anderen Welt.
Lag nicht hier ein Hauch, ein Duft über allem? O -- so schön hatten doch
alle Träume ihr dieses hier nicht gezeigt.
Waren dies Tassen aus Porzellan? War dies Schokolade? War dies Kuchen, den
eine derbe Küchenfaust gerührt und geformt hatte? War dies ein Tisch aus
Holz? Ging man hier überhaupt, wie man anderswo geht? Klang, leuchtete,
stand und bewegte sich hier nicht alles unter ganz anderen als den
irdischen, gewöhnlichen Gesetzen?
Aber unter welchem Gesetz stand das Fritzchen, als es die überirdische
Schokolade auf die buntgestickte Decke schwippte? Nun -- das ging
keineswegs anders. Wie kann das Fritzchen unter einem solchen Ansturm der
Gefühle auch ihre Tasse gerade halten?
»Fritzchen!« Armes Fräulein Miller, arme Gisela! Es ist auch unangenehm,
immer an solchen Unband gekettet und für ihn verantwortlich zu sein.
»Was das wohl tut!« sagte Hans Henning ungeheuer verächtlich und warf mit
der Miene eines Großfürsten seine Serviette auf den Fleck. »Nun brauchst Du
es nicht mehr zu sehen, Fritz.« Im Grunde fand er es reizend, daß sie immer
noch ihre Tasse übergoß.
Der Glanz dieser, seiner Welt umfloß auch Hans Henning. Sein rotblondes
Haar, militärisch verschnitten, seine kurze aufgeworfene Nase, seine
unverschämt lustigen Augen -- alles war mit von dem Zauber umsponnen und
verklärt. Auch er war ein Held, aber natürlich einer niederen Grades.
Gregor und die Mutter -- die, ach die -- --
Es kam ein Schritt, vor dem zitterten zwei dumme kleine Mädchenherzen. Auch
Gisela wurde rot vor Erwartung und Bängnis. Ach sie war auch nur ein armes,
sehnsüchtiges Kind, mit der Last ihrer vertrauerten Jahre -- daran änderte
das feinste Kleid und der herbste junge Mund nichts.
Was hatte man von diesem Gregor? Er ging umher, warf ein paar Bemerkungen
hin, wie sie ihm gerade kamen, und ließ die kleinen Mädchen aus
Hohen-Leucken danach springen und damit zurecht kommen. Hatten wohl je
blaue Augen einen kälteren Blick? Und um diesen war man drei Stunden
gefahren und hatte lange Monate hindurch auf das Moor gesehen!
Was tut es? Er ist doch schön und gut!
Fritzchen, Du kleiner Affe, was tust Du da in der Ecke? -- Nein, das sagt
man nicht. Sie hat eben den Schatten ihres Helden, den er im Schein der
großen Stehlampe da hinten an die Wand geworfen hat, mit spitzem, übermütig
seligem Mündchen ganz flüchtig geküßt.
Hinten in einem großen Zimmer steht der Weihnachtsbaum, er ist nicht bunt
wie sonst. Nur Lichter, ein wenig glitzernde Schneewatte und Eiszapfen
schmücken ihn. Frau v. Zülchow mag ihn nicht gern sehen, aber sie hat
ihn doch für ihre Jungens, vornehmlich für den »noch so kindischen Hans«
zurecht gemacht. Gregor hätte wohl nicht so viel darnach gefragt. Gerade
in seiner ernsten Pracht wirkt nun der Baum um so stärker auf die beiden
Schwestern.
Was ist es nur für ein wunderbares Erleben, das jede neue Minute bringt!
Hans Henning zeigt ihnen allerhand Geschenke, die herumliegen und noch
nicht fortgenommen sind. Es gibt nichts Interessanteres als das. Jawohl,
es sind ja auch Schlipse, Krawattennadeln, Zigarren, große unverständliche
Bücher und lauter Dinge, die von Rechts wegen so ein Fritzchen angähnen
müßten. Aber alle sonstigen Berechnungen stimmen nicht mehr, wenn man schon
spitzbübisch den Schatten an der Wand küßt.
Das sollte der Gregor wissen! Fritzchen sah ihn von der Seite an, und
plötzlich, aus dem Verborgenen, fletschte sie ihm die Zähne entgegen. O
diese Lust, diese Lust, solchen Triumph über ihn zu haben! Sie suchte immer
wieder mit den Augen seinen Schatten, den alten Bekannten aus der Ecke. Ja,
ja, er glaubte, das wäre seiner, und er ahnte nicht, was der für Streiche
hinter seinem Rücken trieb!
Alle Abende war hier ein Familienstündchen Mode. Frau v. Zülchow saß im
Zimmer bei verhängter Lampe, ihre Jungens bei ihr (früher hatte ihr Fritz
nie gefehlt), und sie sprachen miteinander, wie sie es sonst im Treiben des
Tages nie konnten. Besuche unterbrachen dies Familienstündchen, aber die
Hohen-Leuckener Kinder und ihre Gouvernante galten kaum als Besuch, darum
konnten sie daran teilnehmen.
Das Zimmer der Baronin im gedämpften Licht des gelben Lampenschleiers
erschien Fritzchen wie ein Märchentraum. Es war ein lieber, wohnlicher
und auch gut ausgestatteter Raum, mit schönen hellen Möbeln, Pflanzen,
Kunstwerken und Teppichen, jedes gute Haus hat wohl seinesgleichen. Das
konnte das Fritzchen nicht wissen. Sie kauerte auf einem Schemel, sah die
Freifrau an, die an dem kleinen Kamin saß und von dem flackernden Feuer
magisch beleuchtet wurde, und sie glaubte, diese Stunde sei die schönste
und die stolzeste ihres Lebens, wenn auch ihr kleines Persönchen so viel
wie gar keine Geltung in dieser Stunde hatte.
Fräulein Miller unterstand sich auch nicht recht, etwas zu sagen, sie saß
irgendwo im Dunkeln. Für Gisela hatte Gregor ein Sesselchen an den Kamin
gerückt und stand daneben. Hans Henning lag wie ein junger Jagdhund seiner
Mutter zu Füßen.
Gregor redete viel kluges Zeug. Ach, er tat seinen stolzen Mund auf, und
das Fritzchen hörte von da an nur noch Töne -- kaum Worte. Aber auch das
war schön. Eines merkte auch ihr zerfahrener kleiner Kopf: die schöne,
feine Mutter dachte sehr hoch von Gregor, ihr Ton war ein ganz anderer,
als wenn sie zu Hans Henning sprach. Den tat sie oft ab, wie man eben einen
täppischen Hund abtut, den man im übrigen aber sehr gern hat.
»Ach -- Hans« darin war immer so ein bißchen liebevoller Spott. Was der
Junge doch immer für Unsinn treibt -- so ähnlich. Dagegen:
»Ja Gregor. Meinst Du nicht auch -- wie denkst Du darüber --«
Dann kamen große Fragen, die man sonst nur im Katechismus lernt. Ach ja, es
war ein gar wunderbares Gespräch!
Einmal sagte Gisela etwas. Mitten hinein! Ach, daß sie solchen Mut hatte!
Es war aber schön von ihr. Von der Notlüge, und daß die ihre Berechtigung
habe. Aber da sagte Gregor:
»Nein, Fräulein v. Dörfflin, sie hat niemals Berechtigung!« Und darnach
sprach er noch weiter und sehr viel in sehr hartem Ton. Frau v. Zülchow
wollte mildern, aber er widersprach auch ihr. Einmal bewegte er sich dabei,
so daß der Feuerschein auf sein Gesicht fiel, es sah aus wie aus Stein
gehauen.
Er sagte, jede Lüge sei ein Mangel an Stolz und Kraft, er würde sich vor
sich selber schämen, wenn er, sich aus seiner Not zu ziehen, zu solchem
feigen Mittel greifen würde.
»Aber um andere aus der Not zu ziehen?« fragte die Baronin sehr leise.
Ihr Sohn entgegnete ihr hart: »Auch um der Not anderer Leute willen lasse
ich mich nicht zerbrechen.«
Noch viel leiser sagte sie: »Gregor -- das tote Prinzip und das lebendige
Leben! Vielleicht -- nach zwanzig Jahren -- der Gang über diese Erde ist
weit und lang -- --«
Es klang so rührend und weh, wie sie sprach, es drang durchs Herz. Aber
Fritzchens Herz empörte sich und rief ihren Helden an: Gregor, steh' fest!
Was Du einmal gesagt hast, soll gelten! Laß Dich nicht rühren!
Freilich, Helden lassen sich auch nicht rühren. In diesem, in Fritzchens
Sinne, war Gregor auch wahrlich ein ganzer Held. Er stand fest, er ließ
nicht ab, er antwortete mit heller, klingender Härte.
Was -- darauf kam es für Fritzchen nicht mehr an. Sie glühte, sie bebte,
sie verschrieb sich diesem Stolzen, Harten, Eiseskalten mit Leben und Blut.
»Ich werde nie wieder lügen -- und ob mein Leben oder das Leben anderer
Menschen (sie dachte in diesem Moment an Gisa und Fräulein Miller) davon
abhängt.«
Diese beiden waren sehr ahnungslos, daß eben ein feuriges Gelöbnis abgelegt
wurde, das unter allerhand wunderbaren Umständen ihnen das Leben kosten
konnte! --
Dann ging auch dieser Abend zu Ende, und dann kam die lange, lange,
traumesheiße Rückfahrt, mit dem Mondschein auf den Wegen und auf der
leichten trügerischen Schneedecke des heimatlichen Moores.
Viertes Kapitel.
Gisela saß beim Pastor und sagte: »Bitte, reden Sie doch einmal mit Papa,
daß er mich Ostern in eine Pension gibt. Ich werde im April fünfzehn Jahre,
und Sie meinen doch auch, daß ich einmal fortmüsse.«
»Ja, ja, es wird Zeit, Gisela, Kind, es wird Zeit«, sagte der alte Mann
unruhig und ging in seiner engen, von hohen Bücherborden verstellten Stube
hin und her. Gisela nahm ihre Bücher zusammen, denn ihre Konfirmandenstunde
war beendigt, und folgte ihm mit den Augen.
Draußen war ein klarer Frosttag. Ging denn wirklich der Wind auch einmal
schlafen auf Hohen-Leucken? Wie die Sonne auf dem Schnee glitzerte! Wie
still die kahlen Bäume standen mit ihrer schweren weißen Last!
Pastor Baumann blieb stehen und sah hinaus auf die Tannen vor seiner
Haustür, auf die steinerne Gartenmauer mit ihren wunderlichen Kronen aus
Schnee. Ein Ackerwagen fuhr vorüber, der Dung drauf dampfte in weißen
Wolken, die Räder knirschten auf dem gefrorenen Boden.
»Ich will's schon für Dich besprechen, Kind«, sagte der alte Pastor. Er
nannte sie aus alter Gewohnheit noch immer Du. »Aber leicht wird's ihm
nicht werden, fürchte ich.«
»Ach!« sagte Gisela wegwerfend.
»Ich meine --« sagte er hastig -- »in anderer Hinsicht, meine ich. So ein
Pensionsleben ist teuer --«
»Ach so --!« Gisela zog ein äußerst hochmütiges Gesicht. »Nun, daran wird
es wohl nicht zu scheitern brauchen!«
»Nein, nein, gewiß nicht«, sagte der Pastor begütigend. Er sah wieder
hinaus und verfiel in Gedanken. Man mag es ja den armen Kindern nicht
sagen, was doch das ganze Land umher weiß. Wieviel Hypotheken mag er jetzt
haben auf Hohen-Leucken? Ist denn das nur möglich, daß ein Mensch so seine
Ehre und Pflicht vergißt?
Als Gisela hinaus war, sah er ihr nach, dann tat er Schlafrock, Käppchen
und Pfeife ab und unternahm den sauren Gang. Wie selten gingen seine Füße
über den ansteigenden Steindamm und durch das alte Tor! Und es war doch
auch sein Beichtkind, das hier oben hauste. Freilich, das unhandlichste von
allen, aber auch vielleicht das bedürftigste! Ja, aber Patronatsherr und
Beichtkind in einer Person, das faßt sich oft schlecht zusammen. Herr
v. Dörfflin war seit langen Jahren -- seit den sechs verfluchten Jahren
-- weder für das eine noch für das andere zu sprechen. Mochte sein wegen
schlecht bestellten Gewissens!
Die Sonne schien gerade in sein Arbeitszimmer, als der Pastor eingelassen
wurde. (Arbeit? Drei Fragezeichen. -- Na ja!) Die Luft war voll
Zigarrenrauch und Weindunst.
»Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Pastor?« So formell wie möglich.
Das alte Männchen war hochfahrendes Wesen nicht gewöhnt. Er konnte es nicht
vertragen, er verstand es nicht. Er konnte nur zu den armen, kranken oder
sündhaften Leuten gehen, dort fühlte er sich sicher in der Kraft seines
Amtes. Sie liebten ihn dort, ehrten ihn und steckten willig seine
Strafreden ein. Die störrigsten Böcke hatte er schon zahm gekriegt. Aber
dies ist hier so anderes Holz, man weiß nicht, es anzufassen. Die Formen
der guten Gesellschaft haben so etwas Lähmendes für den alten Pastor, der
selbst ein Handwerkersohn war und sie nicht zu handhaben weiß. Sie kommen
ihm dadurch so ungeheuer und wichtig vor. Ja, das ist eine traurige
Geschichte. Herr v. Dörfflin, der Sünder, sitzt oben, und Pastor Baumann,
der Gerechte, sitzt unten.
Was das nun für ein elendes Gestöckere wird wegen Gisela! Verächtlich
schaut der Gutsherr drein. »Deshalb kommen Sie her, mein Herr Pastor? Aber
natürlich kommt das Mädchen fort. Nach Berlin wahrscheinlich. Wie kamen Sie
auf die Idee, daß ich sie hier behalten wollte? Übrigens danke ich Ihnen
für die Teilnahme. Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten?«
»Danke, Herr v. Dörfflin, ich vertrage so starke Zigarren nicht.«
»So? Schade. Na, also nochmals besten Dank.«
Das war die ganze Unterredung. Er geht wieder den Steindamm herab durch's
Tor, auf die Dorfstraße. -- Sie sind kurz, diese Wintertage! Sieh, welchen
Schatten schon wieder die Scheune wirft! Und da ist er ja auch wieder, der
kalte Blasius aus dem Böllinger Steinloch, der über die kahle Ebene kommt,
dem Pastor in die Rockärmel fährt und wie ein frecher Bube mit seinen
weißen Haaren spielt.
Ach, altes Herz, Du bist unwürdig Deines Amtes! Wie lange Jahre wird es nun
wieder dauern, daß Du Dich in Dein Häuschen verkriechst und nicht wieder in
die Region des Herrenhauses hinaufsteigst!
_Der_ Gedanke klopfte freilich in dem überbescheidenen, eingeschüchterten
alten Herrn nicht an, daß er seinem Patronatsherrn eine viel größere
Respektsperson sei, als er sich jemals träumen ließe. Daß sein Amt, sein
weißes Haar und sein reiner Wandel dem leichtfertigen Sünder da oben gar
mächtig imponierte und ihn sich sehr klein fühlen ließ -- und daß in diesem
speziellen Falle Gisela nie aus dem Hause gekommen wäre, wenn er nicht
diesen Gang unternommen hätte, der anscheinend so nutzlos wie möglich
war. -- --
Nun ging Gisela fort, nach Berlin, zu weitläufigen, reichen Verwandten,
aber man hörte auf Hohen-Leucken oft von ihr. Bald fehlte es an einem
Gesellschaftskleid, bald am Taschengeld, bald berichtete sie von
notwendigen Verpflichtungen und forderte schleunigst eine hohe Summe.
Diese Briefe blieben keine Geheimnisse. Herr v. Dörfflin riß sie auf, meist
morgens am Kaffeetisch, überflog sie, fluchte leise vor sich hin und ließ
sie dann offen liegen. Fritzchen las sie alle.
Da begriff sie plötzlich, was Geld eigentlich sei. Wie eine neue,
unheimliche Macht drängte das in ihr Leben. Geld! Soviel auf einmal!
Hundert Mark, zweihundert Mark wie für nichts. Und Papa war so bleich
geworden, biß an seinem Schnurrbart und hatte verstörte Augen.
Waren sie denn nicht reich? Sie hatten ja solch großes Haus, Hof und
Äcker, mehr als zwanzig Pferde und all das Rindvieh und die Schweine. Dazu
Kutschen, Knechte, Mägde und waren im ganzen Dorf als die Herren geehrt.
Für ein einziges Schwein bekam Papa mehrere hundert Mark, also was war
eigentlich dabei?
Aber der dunkle Geist war angerufen und drückte ihr auf der Brust, flog
an dem Turmfenster vorbei, wenn sie nach den Wolken sah, vergällte ihre
Träume.
Einmal sprang es aus ihr heraus. Papa las gerade die Zeitung, und ein
Brief von Gisa war gar nicht einmal in Sicht. Fritzchen saß vor ihrem
Kakaotäßchen, aber sie mochte nicht trinken.
»Papa!«
»Was gibt's?«
Es war mehr ein Anfahren als eine Frage, er war in letzter Zeit etwas
nervös geworden, dieser Herr. Sah er denn nicht, daß sein Kind mit ihm
reden wollte? Was hatte er von der Zeitung? Er war ja doch nur ein halb
verkommener alter Landjunker, was hatte er noch mit Politik zu tun oder
der Welt da draußen? Sie hatte ja mit ihm auch nichts zu tun. Aber sein
braunäugiges Kind, das wartete noch auf ihn.
Das junge Herz so einschüchtern, daß es nicht wieder kommt, das wäre
vielleicht für beide Teile das Beste.
»Was willst Du? Was stierst Du mich an?«
»Papa -- ich meine nur -- nicht wahr, wir haben doch sehr viel Geld?«
Famos! Das war die Frage, die ihm am besten passen konnte. Er wurde blutrot
über und über.
»Was geht's Dich an! Was fragst Du so dummes Zeug? Wer hat Dich aufgehetzt?
Was geht's Dich an? Verhungern wirst Du wohl nicht, Mamsell Naseweis. Wer
hat Dich aufgehetzt, wer hat Dir diese dumme Frage eingetrichtert?«
»Niemand. Ich frage aus mir selbst«, sagte Fritzchen.
»So schweige künftig aus Dir selbst!« brüllte er sie an. Damit versteckte
er sich wieder hinter seiner Zeitung, er hatte keine Lust, zu sehen, was
sie für ein Gesicht dazu machte. Aber seine Finger, die das Blatt hielten,
zuckten, und wie ein kurzer Pistolenschuß kam hin und wieder hinter dem
Papier ein grollendes Gemurr heraus.
»Solche Sache! Albernheit! Möcht' nur wissen, ob wir als Kinder -- Na ja,
überall neue Moden --«
Das Fritzchen war ganz still geworden, es sah unverwandt auf den Papa,
wenn es auch vor der Zeitungsmauer nicht mehr sehen konnte als die nervös
zuckenden dicken Finger und oben darüber einen Busch des struppigen Haares.
Es gibt Erlebnisse, die fliehen vorüber wie die Wolken draußen, wenn der
Wind sie jagt, sie huschen auch über den Kaffeetisch, springen aus
dem Knistern der Zeitung, fletschen koboldhaft aus den Spitzen des
struppigblonden Haarbusches, man kann sie nicht festhalten, sie sind da und
doch nicht da -- und sind doch mächtige Geister, die das Heute vom Gestern
scheiden. Ein zwölfjähriges Fritzchen hat gefragt, hat kindisch eine
ausfüllende Antwort verlangt -- und eine erwachende junge Menschenseele
schaut jählings in den aufgerissenen Abgrund von Schein und Sein, von Trug,
Jammer, Lebensangst und unlöslicher Wirrnis.
Der Wind jagt die Wolken vorüber, und es weiß keiner mehr, woher sie kamen
und wohin sie gegangen sind. Fräulein Miller kommt, das Kind in die
große Schulstube abzuholen mit den acht Turmfenstern. Es ist jetzt Sommer
geworden, aber Fräulein Miller hat noch immer den Schnupfen. »Wird es auch
wohl jemals so recht heißer, schöner Sommer auf Hohen-Leucken?« so lautet
eine immer wiederkehrende Passage in ihren Briefen an ihre Angehörigen. Das
ist übertrieben, aber unten im Dorf, im Banne des Nebelrings, ist auch die
Hitze nur dumpf, lastend und ermattend.
Fritzchen wurde plötzlich fleißiger. Sie sah nicht mehr nach den Wolken
aus, sie arbeitete wie noch nie. Fräulein Miller vergaß selbst ihren
Schnupfen. »Aber liebes Fritzchen, das geht mit einem Male alles! Willst Du
mir die liebe Gisa ersetzen?«
Fritzchen sah sie nur stumm an. Das Fräulein mußte gerade ihr Nastüchlein
brauchen, darum konnte sie diesen Blick nicht sehen. Er war klar und still,
aber dunkel.
Man will manchmal, wenn man noch zwölf Jahre alt ist und vor einer jähen
Kluft steht, mit eigenen Armen Steine tragen und die Kluft damit füllen.
Man hält das in allem Ernst für möglich. Man glaubt auch ohne weiteres, daß
französische Vokabeln, Dezimalaufgaben und ein paar Touren am Strickstrumpf
solche Steine wären.
Warum soll man es auch nicht glauben? Hilft es nicht, so schadet es
doch auch nicht. Es ist ein solch' jauchzendes, stolzes Ding um ein sich
spannendes Kraftgefühl!
Hin und wieder kam Gisela zum Besuch, erst zu Weihnachten, dann fand sie
auch dies Fest draußen schöner als hier. Sie wurde immer fremder und immer
feiner. Was sollte sie mit dem unwissenden, schlecht erzogenen kleinen
Struwwelkopf anfangen, der immer noch seinen zerschnitzten Arbeitstisch am
Turmfenster in der großen Schulstube hatte und am Ende sein höchstes Ideal
im Rummelshof und seinen Bewohnern sah?
Wenn sie wieder fortfuhr in ihrem neuen, schönen Reisekleid, kam es
Fritzchen doch manchmal als ein wunderliches, verkehrtes Ding vor, daß sie
dableiben müsse, und daß nun wieder der alte Tageslauf anging, von vorn an,
immer derselbe. Da wurde ihr heiß, und sie lief zum Papa.
»Ich möchte auch fort. Papa. Wie Gisa!«
»Ja doch. Wirst es wohl noch abwarten können. Nächstes Jahr.«
Das kam ein paarmal vor, dann stellte Fritzchen das Fragen ein. Das nächste
Jahr kam bald, aber es sah genau aus wie das vorige. Papa hatte das wohl
vorausgewußt und nur gelogen, um sie los zu werden.
Versprechungen nicht halten ist so gut wie lügen. -- Was hatte doch einmal
Gregor v. Zülchow über das Lügen gesagt?
Das ist schon lange her, aber seine Worte stehen mit Flammenschrift an
allen Wänden. Fritzchen kann nichts anderes tun, als das, das ihr allein
als Heiligtum geblieben ist, anzubeten und die von Phantasien überfüllte
Seele am starren Werkdienst aufzurichten. Es ist kein Mensch in
Hohen-Leucken, der dem Fritzchen v. Dörfflin die kleinste Lüge nachweisen
könnte.
Es lag freilich auch kaum ein Grund vor, um jemals zu lügen, leider. Es
gab keine großen Versuchungen. Fräulein Miller -- ach, um die hätte es sich
wohl kaum gelohnt, und der Papa --
War es wohl Tatsache, was die Leute sich erzählten, daß Herr v. Dörfflin
mit seiner Tochter oft in Wochen kaum zehn Worte wechselte? Die Leute
mußten es wohl wissen, er wußte es nicht und Fritzchen auch nicht. Trotzdem
waren sie jetzt viel zusammen. Das ergab sich immer so, wenn der Sommer
vorüber war, die Abende lang wurden und die Herbststürme um das Haus
heulten.
Fräulein Miller hatte sich das kleinste Stübchen, das zu finden war,
ausgesucht. Dort stand ein großmächtiger Kachelofen, und in dem bullerten
die dicken Buchenkloben. Da war ihr und ihren hageren Gliedmaßen wohl.
Da las sie Gedichte, Romane und schrieb an ihre Verwandten, daß in
Hohen-Leucken schlechtes Wetter wäre.
In diesem Stübchen war kein Aufenthalt für Fritzchen. Für sich allein
durfte sie auch kein Petroleum verbrennen, da zog sie mit ihren Büchern,
Schulheften und dem ganzen Krimskrams ihrer bunten Traumwelt in des Papas
nach Zigarren und Wein duftendes Zimmer.
Nein, sie sprachen nicht zusammen. Keins von beiden dachte daran. Sie
trieben jedes sein Werk, eines vielleicht so nützlich oder so unnützlich
wie das andere. Was der alternde, in Stumpfheit leise versinkende Mann für
sich im Rauch seiner Zigarre, im Wein, in den Jagd- und Pferdebüchern
und Zeitungen noch festhielt an Lebenswerten oder was er aus dem jungen,
feinen, trotzigen Gesichtchen für sich noch ablas und neu gewann -- das
waren dunkle Geschichten, die keiner enträtselte, weil keiner sich darum
bemühte, der, den sie am meisten angingen, vielleicht am wenigsten.
»Die Gisela hat es doch viel besser!« sagten die Leute. Jawohl, sie lebte
da draußen, sah viele Gesichter, hörte Musik, bekam neue Kleider -- und
das Fritzchen lebte hier mit dem alten mürrischen Papa, wurde von seinem
Zigarrenrauch eingesponnen, las ihre alten Märchen und baute sich selbst
neue und schönere --
Es ist ein wunderliches Ding um das »besser haben« in der Welt. Es scheint
oft so leicht zu berechnen und ist doch eines der schwierigsten Exempel,
die wir uns aufstellen können.
Der Papa sollte sich eigentlich über Fräulein Miller wundern, sie gab doch
dem Kinde unerhört viel Schreibereien auf. Manchmal schrieb Fritzchen den
ganzen langen Abend. Aber Fräulein Miller war nicht schuld daran.
Wenn Herr v. Dörfflin einmal seine Zeitung oder sonstige Lektüre fortgelegt
und über den Tisch sich das Schreibheft seines Mädchens gelangt hätte, so
hätte er so etwas wie ein kleines Wunder erlebt. Statt der Ausarbeitung
oder des Aufsatzes hätte er eine seltsame, phantastische Geschichte in
Händen gehalten, ein Märchen, wie er in seiner Kinderzeit es nie gehört
hatte, und er wäre unmittelbar in dem Land drinnen gewesen, in dem sein
Fritzchen lebte, webte und sich selber die ganze übrige Welt ersetzte, in
dem es sie schuf. Er hätte auch auf bekannte Gestalten getroffen, denen
nur ein Panzer oder ein Gewand flüchtig übergeworfen war: auf sich selbst
vielleicht, vor allem aber auf die Jungens vom Rummelshof und wieder
und wieder, von strahlendem Licht umleuchtet, auf Herrn Gregors kühle,
hochmütige Erscheinung.
Fritzchen aber war im Laufe der Wochen und Monate todsicher geworden,
daß die väterliche Hand niemals herübergreifen werde, und sie baute
ihre Märchen, spielte mit ihren Gestalten und schüttete in königlicher
Verschwendung den Farbenreichtum ihrer ganzen Seele in diese Gebilde aus.
Dadurch wurde aber auch ihres Vaters verqualmtes Zimmer ihr lieb und
unentbehrlich. Und dadurch wurde ihr gesenktes Köpfchen mit dem rotbraunen
Haar, dem trotzigen Mund, der herrisch verzogenen Stirn dem armen alten
Landjunker auch lieb und unentbehrlich. Es kam einmal vor, daß Fritzchen
Husten hatte und von Fräulein Miller zwei Tage lang ins Bett gesteckt
wurde. Da dünkte ihm seine Stube leer, und die beiden Abende waren lang und
langweilig ohne Ende. Er fühlte sich gequält und gejagt und wußte nicht,
wovon. Die Zigarre ging ihm beständig aus, und der Wein widerte ihn an.
Endlich stand er auf und tappte die dunkle, zugige Treppe hinan in das
obere Zimmer, in dem Fritzchen lag. Dort brannte eine verhängte Lampe,
am Bett stand ein Krug heißer, dampfender Milch und eine Selterflasche.
Fräulein Miller war nicht da, sie war wohl gelaufen, eine Tasse oder sonst
etwas zu holen. Fritzchen lag im fiebrigen Halbschlaf. Sie hob die Augen
nur ein wenig, als er herankam.
»Na -- Fritz? Fritzel -- was machst denn für Sachen?«
Er legte seine breite massige Hand auf ihr fieberheißes Händchen. Sie
fühlte die Berührung als etwas Gutes.
»Faß mir den Kopf an, Papa. Du bist so schön kühl.«
Er tat's und stand neben ihr, bis Schritte kamen. Da zog er die Hand
zurück, als fühle er sich auf einem Unrecht ertappt. »Du mußt bald wieder
nach unten kommen«, sagte er.
Fritzchen blinzelte der schwerfälligen Gestalt nach, die sich zur Tür
bewegte.
»Sieh' auch nach der Lampe unten, daß sie nicht blakt. Sie tut's immer.«
»Ja, ja, Fritzel, ich werd' schon.«
Am dritten Abend war sie wieder unten, und alles ging wie vorher. Nur war
es jetzt, als wenn ein Lichtschein in des verwüsteten Mannes verräucherten
Kopf gefallen wäre, nun, da es ihm bewußt geworden war, wieviel ihm daran
lag, daß sein kleiner Struwwelkopf ihm abends gegenüber saß. Fritzchen
selbst aber hatte gar keine Lust auf Giselas Bälle und Gesellschaften, wenn
sie jetzt wieder ihre Märchenabende hatte, an denen im ganzen Erdgeschoß
außer ein paar Wirtschaftsräumen nur des Vaters Stube erhellt war und die
schwarze Winternacht draußen wie ein Ungeheuer lag, das auf Beute lauerte
und von schimmernden Helden bekämpft wurde.
* * *
Ja -- ihr schimmernder Held -- wo blieb er?
Wenn sie ihn finden wollte, mußte sie zu ihren Märchengeschichten gehen,
denn in Wirklichkeit zeigte sich Gregor nicht auf Hohen-Leucken. Er war ja
dort gewesen, dem Willen seines Vaters gemäß; mehr zu tun dünkte ihm wohl
überflüssig. So kam nur Hans Henning hin und wieder, brachte viel Freude
und Lustigkeit mit und auch den Schimmer aus der anderen Welt, in der
Fritzchen so Großes vermutete und nach der sie sich sehnte.
Gregor aber hatte wahrlich andere Dinge, die ihn beschäftigten. Es tat sich
vor ihm das unermeßliche Seelenleben der Völker und Zeiten auf, das
Ringen um Gotteserkenntnis und eine objektive Wahrheit -- so alt wie die
Menschheit selbst. Das tödliche Ringen mit der Erkenntnis von der ewigen
Unzulänglichkeit und Unvollkommenheit. Licht und Finsternis untrennbar
verwoben. Das ewige Rätsel von dem Sein, in dem alle Rätsel von Woher und
Wohin, von Gut und Böse, von Werden und Vergehen zusammenlaufen.
Es saß ein kleines Mädchen und dichtete tolle Märchen von ihm. Aber er ging
in der Fülle des Lebens, trank von allen Bornen und zeigte keinem, auch den
Freunden nicht, auch Mutter und Bruder nicht, die Erschütterungen, die ihn
durchwühlten.
Einmal vor vielen Jahren, als die Jungens noch klein waren, hatte Herr
v. Zülchow unter dem Weihnachtsbaum zu seiner Frau gesagt: »Sieh' Dir doch
mal die beiden bei dem Schaukelpferd an! Hans der Schlingel, kann sich doch
freuen wie ein Wilder, aber Gregor bleibt immer gelassen. Wo hat nur der
Junge diesen Schuß Eiswasser im Blute her?«
Was tut nun der Junge mit dem Eiswasser im Blute, als er den heiligen
Weltgeheimnissen dicht gegenübersteht?
Wenn er, der Hohe und Stolze, von seinem kühnen Sattel einmal
herunterspränge und in das verqualmte Herrenzimmer in Hohen-Leucken überm
Moor zu dem armen kleinen törichten Fritzchen ginge und ihm sagte: Du
reiches, heißes, junges Kind, gib mir ein wenig von dem, was Du zu viel
hast! -- ja, dann könnte etwas Großes und Schönes sich vollziehen. Dann
könnten die tiefen und echten Erschütterungen, die dieses Menschen Wesen
ergreifen, den Frühlingsstürmen gleich sein. Dann könnte über dem ewigen
Menschheitsdrang ins Dunkle, Unerklärte hinein, die klar-eisige, kühle
Vornehmheit einer adligen Gesinnung, die ihre Grenzen kennt, wie ein
Königszepter stehen. Dann ist der Priester der Vermittler, der Sprecher
Gottes unter den Menschen, in seiner höchsten Idee erreicht.
Aber es ist ein weiter dunkler Gang, der über so ein Moor führt, und es
hängt vielleicht eine Lächerlichkeit an solch einer Art von Bittgang.
Gregor v. Zülchow kann viel, und die Menschen wissen es und staunen ihn an
-- aber etwas, das sehr dazu gehört, wenn man ein tüchtiger Mensch werden
will, das kann er nicht und wird es nie können: sich lächerlich machen, sei
es vor anderen, sei es vor sich selbst.
»Er hatte keine Gestalt nach Schöne«, wird nie von ihm gelten. _Er_ hatte
große Gestalt und Schöne! Ach ja, er war ein schimmernder Held.
Fünftes Kapitel.
Als Fritzchen siebzehn Jahre alt war, kam sie doch einmal für den Winter in
die Welt. Die reichen Verwandten, bei denen Gisela jetzt schon fünf Jahre
war, zogen ins Ausland und wollten zum Schluß, ehe sie auch Gisa wieder
abgaben, die beiden Schwestern einmal bei sich haben.
Fritzchen freute sich lange vorher wie toll auf diesen Winter. Sie träumte
sich die wunderbarsten Abenteuer zurecht, die ihr dort begegnen würden. Mit
ihrem Kopf, der an Märchen und Phantastereien gewöhnt war, malte sie sich
das kommende Leben aus, als sei es nur eine Fortsetzung ihrer eigenen
bunten Geschichte.
Das wurde nun anders. In den hellen, überhellen Räumen, unter den leichten,
lauten, eleganten Menschen stand das Kind aus dem öden, entlegenen
Moorwinkel wie verwirrt da. Man redete hier von Dingen, Büchern, Menschen,
Ereignissen, von denen sie nichts wußte. Man lachte über Scherze, die sie
nicht verstand. Man versuchte flüchtig, sie ins Gespräch zu ziehen und ließ
sie dann wieder beiseite liegen.
Mit Gisa war es die alte Geschichte wie vor Jahren, als sie noch Kinder
waren. Wenn Fritzchen sich bei ihr verkriechen oder sich an sie hängen
wollte, schüttelte die sie heftig ab und tat, als kenne sie sie nicht. Sie
war auch wie eine Fremde, beständig in lebhafter Unterhaltung mit Herren
und Damen, elegant, gewandt, und wie es dem armen Fritzchen erschien,
geistreich wie sie alle.
Auch die liebenswürdige Tante, bei der sie wohnten, schüttelte ein wenig
den Kopf über dies verirrte Kind. »Aber Frida --« so hieß Fritzchen
plötzlich -- »Du mußt Dir doch wohl eigentlich noch einige Fertigkeiten und
Kenntnisse aneignen.« Das entschlüpfte ihr eines Abends in der Kutsche, als
sie von einer kleinen Teegesellschaft heimkehrten.
»Ja, es ist wirklich unglaublich!« sagte Gisela.
Fritzchen wurde trotz des Dunkels blutrot. Sie fand jede Empörung, auch
die von Gisela, gerechtfertigt. Wie konnte sie nur so dumm und ungeschickt
sein!
Am anderen Morgen nahm die Tante sich das verstörte Kind vor, ihm wieder
Anweisungen zu geben. Aber wo war der Anfang zu finden? Die Tante war im
Gesellschaftsleben aufgewachsen, sie kam mit einem Menschenkinde, dem diese
äußeren Bedingungen fehlten, was es auch dafür einzusetzen haben mochte,
nicht zurecht. Die Unterrichtsstunde verlief in peinlicher Unsicherheit
auf beiden Seiten, sie brachte außer einigen ganz kleinen Erfolgen noch
Mißverständnisse hervor und wurde klüglich nicht wiederholt.
Von nun an galt Fritzchen als die Einfalt vom Lande, die zu dem Amüsement
der anderen berufen sei. Sie wußte das nicht, und durch die Schicht der
Höflichkeit fühlte sie das nicht hindurch. Dazu war sie in Wahrheit
noch allzu dumm auf diesem Felde. Aber das Gefühl endloser Fremdheit und
Verirrtheit blieb.
Allerlei an der Luftveränderung bekam ihr nicht. Sie fühlte sich matt und
fieberhaft und durfte mit ihrem Kopfweh ein paarmal zu Hause bleiben. Da
erfand es sich, daß dies wieder ihre schönsten Abende wurden. Sie saß in
einem traulichen kleinen Seitenzimmerchen und hatte das elektrische Licht
ausgedreht, so daß nur der Laternenschein von unten ins Gemach fiel.
Alle Gegenstände nahmen unbestimmte Formen an. Da kauerte sie sich voll
glückseliger Behaglichkeit zusammen, und hier im fremden, beängstigenden
Berlin, an fremder Stätte, wo ihr Herz trotz aller Mühe nicht warm werden
wollte, fing sie wieder an, ihre bunten Bilder zu weben und zu spinnen. Der
Abend verflog ihr unter den Händen, und sie erwachte wie aus einem schönen
Traum, als es draußen lebendig wurde und die Ausgeflogenen heimkehrten.
»Aber Frida! Da sitzt Du noch! Es ist ja Mitternacht vorbei, weißt Du das
nicht?«
Sie bekam freundliche Schelte, nur Gisela sah entrüstet aus. »Wäre sie mit
uns gewesen, Tante, so wäre sie schon längst müde geworden.«
Sie war in einen liebenswürdigen, lustigen und eleganten Kreis geraten, der
kleine Märchenfritz aus dem Wind- und Wolkenturm von Hohen-Leucken -- aber
sie hätte wohl noch in einen besseren geraten können. Es kamen hin und
wieder Leute in den ihren hinein, die sahen sich nach ihr um und konnten
sie danach eine ganze Zeitlang nicht vergessen. Und das nicht darum, weil
sie sie als die Einfalt vom Lande amüsierte.
Im ganzen spielte sie ja hier die unvorteilhafteste Rolle, die solch ein
unbehauener junger Menschenblock zwischen all den gehobelten, glatten und
strahlenden Figuren und Figürchen spielt. Es ist eine gar ehrliche Tragik
um diese Rolle.
Wo sollte sie nun hin? Wo paßte sie nun hin? Immer nur in ihr altes ödes
Heimatshaus, das hier so sichtlich verachtet wurde? Was jeder hier konnte:
glatt in dieser Gesellschaft aufgehen, das konnte nur sie nicht? Woran
konnte es nur liegen als an ihrer hoffnungslosen Dummheit, daß sie sich
hier stets zur Freude gewaltsam zwingen mußte und erst wieder los und ledig
fühlte, wenn sie allein mit sich war wie an den schönen Kopfwehabenden?
Der kleine Märchenfritz konnte es nicht wissen, daß er nur falsch gelaufen
war, daß es für ihn noch schöne und lustige Wege gab, auch außerhalb
des Nebelrings von Hohen-Leucken. Er kam im nächsten Frühjahr, ziemlich
zerbrochen in seinem Selbstgefühl und zerfallen mit sich und der ganzen
Welt ins Vaterhaus zurück.
* * *
Gisela war mitgekommen. Deren glänzendes Leben hatte jetzt vielleicht für
immer ein Ende. Das war eine harte Nuß für das verwöhnte Kind der Welt.
Drei Menschen sitzen im kalten, mürrischen Hause und warten, daß es Sommer
wird über dem Moor. Für Fritzchen freilich ist der Sommer im Grunde heute
schon da, trotz Schnee, Hagel, Aprilsturm und Nässe. Aber sie will es nicht
-- nichts will sie wissen, hören, fühlen. Sie will hier nicht glücklich
sein, weil es doch nur ein neues Zeugnis ihrer Dummheit ist. Aber was
hilft's, daß sie nicht will? Sie sieht das Moor und sieht die Wolken, sie
riecht Papas Zigarren und sieht sein rundes, rotes, brummiges Gesicht, sie
rennt durchs Haus und über die zugigen Treppen, es zieht und pfeift aus
allen Ecken, Jakob klappert mit dem Mittagsgeschirr, ihr alter Tisch steht
noch am Fenster -- alles ist, wie es war -- ach Fritz, Fritz, was tut man
mit all der Freude, und wenn man auch noch so klug sein möchte!
»Papa, was hast Du den ganzen Winter angefangen?«
Herr v. Dörfflin sieht nicht wohler aus seit dem Herbst, als Fritzchen
abreiste, auch durchaus nicht lustiger. Ja, was hat er angefangen?
»Nichts, Fritz.«
Nichts. Der Fritz wird langsam ernst und seine Blicke werden verwirrt. Was
weiß ein siebzehnjähriges Geblüt von dem Nichts, in das ein armseliges,
verloddertes Leben versinkt?
Fräulein Miller war nicht mehr da, ihr Amt in diesem Hause war beschlossen.
Sie war nie eine liebenswürdige, weitherzige Gefährtin gewesen, aber nun
fehlte sie Fritzchen doch. Sie sollte ja nun vollständig erwachsen sein.
Ach, dieser Wirrkopf hatte wohl noch manches Jahr vor sich, ehe man ihn für
erwachsen nehmen konnte.
Also sprach auch Fräulein Gisela. Sie hatte hier keine Freude an dem
klappernden Jakob, an Zigarrenrauch und Wolken. Sie nahm Anstoß an allem,
besonders auch an Fritzchen. Es verging kein Tag, an dem sie nicht um die
versunkene Herrlichkeit klagte.
Wie fein war sie geworden! Ja, sie hatte schon Grund, hier unzufrieden zu
sein. Ihre kühlen, schlanken Hände waren so weiß, ihr blondes schlichtes
Haar hatte durch sorgsame Pflege einen sanften Glanz erhalten, auch
verstand sie, sich prächtig zu frisieren. Alle ihre Kleider hatten einen
eleganten Sitz, ihre Bewegungen, ihre Sprechweise waren klar, vornehm und
ruhig. Was war dagegen der Struwwelkopf aus der Turmstube?
Fritzchen bewunderte dies feine, sichere Wesen. Ach, wer jemals so werden
könnte! Aber das zu wünschen, war wohl hoffnungslos. Der schlimme Winter
saß noch wie brennendes Gift im Blut. Aber nun kam der Sommer über das
Moor.
Wißt Ihr denn, wie der Sumpf blühen kann, Ihr Stadtmenschen, ihr
Lampenmenschen! Wie es sich da liegt, da hinten in der Lichtung hinter dem
alten Graben, wo man sich im Gras verstecken kann, so hoch steht es. Kennt
Ihr das Zirpen und Schwirren und tausendfache Leben um einen her, und die
Sonnenstrahlen flirrend durch die Zweige?
»Gisa, willst Du mit an den alten Graben?«
»Was willst Du da?«
»Im Gras liegen. Seerosen bring' ich auch mit.«
Die Frage war recht überflüssig. Gisa -- Gisa sollte in den durchlöcherten
Kahn steigen, der bei jeder Fahrt rapide Wasser zog, dann landen --
Fritzchen nannte das nämlich landen! -- an einer sumpfigen Stelle, wo man
nur von einer Baumwurzel zur anderen springend, schließlich auf eine
feste Grasfläche gelangen konnte -- und das alles, um schließlich ein paar
Stunden im Gras zu liegen mit krabbelnden Würmern und Ameisen im traulichen
Bunde. »Danke, liebe Frida. Fahre nur allein.«
Ja, Gisa, Prinzessin Unmut, wie soll denn das werden? Das sind doch
die höchsten Freuden, die Hohen-Leucken bieten kann! Fritzchen
grübelte angestrengt. Sie ehrte Giselas Unmut und fühlte sich brennend
verantwortlich, ihn zu zerstreuen.
»Gisa, soll ich Wilhelm sagen, daß er anspannt? Ich kutschiere Dich über
die Felder.«
»Bei diesem ewigen Wind? Und meine Haare? Und immer nur über die Felder?
Nein, Fritzchen, Du meinst es gut, aber das ist wirklich kein Vergnügen.«
»O, jetzt weiß ich etwas! Willst Du bei mir reiten lernen?«
Bei Fritzchen reiten lernen. Eine zweifelhafte Gunst. »Bei wem hast Du es
denn gelernt?«
»Bei mir selbst, natürlich.«
»So? Und welches Pferd hast Du dazu?«
»Ach, Möt. Eigentlich heißt es Erdmuthe. Papa hat sie mal als
zurückgesetztes Remontepferd gekauft, aber sie geht nicht an der Deichsel.
Wilhelm sagt, es ist nichts mit ihr zu machen, sie ist verdammelt. Da habe
ich voriges Jahr mit ihr losgelegt. Aber fein! Über den Graben hinter dem
Böllinger Kreuzweg setzt sie wie ein Pfeil. O, wenn Du mal mitkönntest. Du
nimmst vorläufig den Schecken vom zweiten Gespann. Der geht wie ein Lamm
und hat keine Mucken.«
»Ja, wenn ich einen richtigen Reitlehrer hier hätte! Aber auch dann! Es
muß doch schrecklich stuckern! Nein, laß mich nur. Das ist alles nichts für
mich. Aber da nun die Leute wissen, daß ich wieder hier bin, muß sich doch
am Ende wohl etwas Verkehr hier anfinden auf dem alten Räubernest.«
Fritzchen schlich sich zum Papa. »Papa, Gisa langweilt sich hier so. Kannst
Du es nicht machen, daß manchmal wieder Besuch herkommt?«
»Ja, wie soll ich das machen?«
»Wenn Du es nur willst, kannst Du es schon machen.«
Es war ein sonnenleuchtender Junitag. Vor dem Fenster im Hof blühten die
alten Linden und ihr Duft strömte in die beiden offenen Fenster herein.
Herr v. Dörfflin war in Joppe und Reitstiefeln, er wollte auf die Entenjagd
gehen. Was ist es für ein anderes Ding um solch ein Landjunkergesicht zur
Sommers- als zur Winterszeit! Heute sieht es frisch, gespannt, gebräunt,
unternehmend aus und hockt nicht in Dumpfheit und im Gefühl des Nichts.
»Ja, Fritz, das denkst Du Dir so.«
Am Abend kam er zurück, und beim Abendessen warf er hin, als mache er
eine Bemerkung über das Wetter: »Morgen kommt Hans Henning v. Zülchow. Die
Tannenwalder wollen nächste Woche auch einmal kommen.«
Die Tannenwalder waren im Grunde ziemlich langweilige und herkömmliche
Leute. Aber es war ein junger Sohn dabei, der Jura studiert hatte und sich
jetzt in das väterliche Gut einarbeitete, und eine Tochter, die gleich
Gisela mehrere Jahre in Berlin gewesen war. Das Ding legte sich also recht
vielversprechend an.
Fritzchen blieb der Mund offen stehen. »Wie hast Du das so schnell gemacht,
Papa?«
Diese Fragerei paßte ihm nicht. »Ich hab' gar nichts gemacht!« schnauzte
er sie an. »Wir haben uns getroffen, wo der alte Graben in den Tannenwalder
See geht. Der Zülchow war mit dem alten und dem jungen Euler da auf
Entenjagd.«
So weit ist er wegen der Enten gerudert? dachte Fritzchen, aber sie hütete
ihre Zunge. Nach dem Abendessen ging sie in die Küche, die Enten zu sehen,
die der Herr geschossen hatte.
»Er hat gar keine abgegeben, gnädiges Fräulein«, sagte die Mamsell.
* * *
Damit fing der Verkehr im Herrenhause von Hohen-Leucken wieder an.
Es war jetzt doch alles anders wie ehedem. Alte, unliebsame Geschichten
waren vergessen, Herr v. Dörfflin erschien als völlig unschädlich, und zwei
junge, aufblühende Töchter waren im Hause. Giselas Ruf als Weltdame machte
Karriere, sie hatte die Art, gleichzeitig zu imponieren und zu gefallen.
Trotz ihrer Sicherheit und Gewandtheit war sie auch für die plumpesten
Junker handlich, verstand auf die trivialsten Gegenstände mit entzückender
Leichtigkeit einzugehen und ihnen dadurch den Glanz von etwas ganz
Besonderem zu verleihen.
Es blieb nicht bei Hans Henning und den Eulers aus Tannenwalde. Es kamen
die Bärs, die Leisewitzens, die Winkels dazu, ja eines Tages hatten Herr
und Frau August Schultze mit dem Sohn und Erben Leopold, die drüben das
Böllinger Rittergut dem verschuldeten Baron Laue abgenommen hatten, Besuch
gemacht und waren nicht wieder los zu werden. Herrn v. Dörfflins Adelsstolz
entsetzte sich, er war geradezu schmählich ungezogen zu diesem Besuch.
Aber es war, als ob er mit aller Wucht seines Knüppels auf eine leere Haut
schlüge, statt auf den Esel, so unschuldig blickte Herr Schultze drein.
Nachher -- lange Auseinandersetzungen mit Gisela. Die hatte sich mit Herrn
Leopold sehr nett unterhalten, fühlte sich von seinen großen Reisen und
seinem flotten Weltleben angeheimelt und wünschte durchaus, diesen Verkehr
festzuhalten und: »lächerlich veraltete Vorurteile« beseitigt zu sehen.
Jawohl, es kam denn auch zu Tage, daß dieser Prozeß beseitigter Vorurteile
und demnach einer Aufnahme Herrn Schultzes in den Verkehrskreis bei den
Winkels, den Leisewitzens und verschiedenen anderen bereits längst in aller
Stille vor sich gegangen sei, und Herr v. Dörfflin hatte jetzt nicht
mehr Mark und Ausdauer genug, um eine so völlig isolierte Wut- und
Abwehrstellung festzuhalten. Herr August Schultze mit Familie gehörte
danach also auch zu den Besuchern von Hohen-Leucken.
Es kam noch bunter. Die beiden jungen Töchter wurden eingeladen, und
Gisela fand, obwohl es ihr selber Unbequemlichkeiten machte, daß eine
Gesellschaftsdame hier jetzt unumgänglich nötig sei. Herr v. Dörfflin
sagte: »Verdammter Unsinn, da wird nichts draus!« Fritzchen machte ganz
entsetzte Augen und rebellierte dagegen. Aber Gisela war die einzige, die
etwas von solchen Dingen verstand, die Dame wurde verschrieben, und im
nächsten Winter war sie da. Es war die Witwe eines Offiziers, von Adel
und außerordentlich mit den Formen der feinen Welt vertraut. Sie hieß Frau
v. Pohle, war energisch und trotz aller Weltförmigkeit voll tiefer, ruhiger
Güte. Ein stürmisches Leben hatte sie hart geschüttelt, so daß sie nicht
mit den Ansprüchen eines verwöhnten Herzens nach Hohen-Leucken kam. Das
nüchterne, häßliche Haus, der verbummelte Mensch, der hier Hausherr war,
die beiden verschieden gearteten und verschieden geleiteten Töchter, die
stumme, kahle Einsamkeit der Gegend, alles sprach ihr stark zum Herzen
und bewog sie, hier ihre beste Kraft und Liebe, ihren feinsten Takt
einzusetzen, um auf diesem verwilderten Felde doch noch eine gute Saat zu
ziehen.
Fritzchen begriff es schlecht, was für sie da kam. Sie hatte bisher auch
nur dürftige Erfahrungen mit den Gestalten ihrer Umgebung gemacht. Es war
ein zur Not mit ihnen Fertigwerden gewesen, sonst nichts. Wo war die Hand,
die sie behütet hatte, als sie ihren Träumen bis in die Wolken nachlief,
oder ihnen auf einem unerzogenen Pferde über Gräben und Brachen nachjagte
-- die ihr gegeben hätte, als sie hungrig und durstig war, die ihr den
wirren Kopf mit seinem tollen Phantastenkram gestreichelt hätte, die sie
geführt hätte, als die Wege sich verwirrten?
Immer sich selbst war dieser junge Vogel überlassen worden. Nun duckt er
sich, nun huscht er davon, als eine feine Hand ihn fangen möchte. Er haßt
die Käfige, die er vom vorigen Winter her kennt.
Sechstes Kapitel.
Gregor v. Zülchow trat aus Fritzchens Märchenbüchern heraus und stand in
Fleisch und Blut vor ihr da.
In der Stunde, da dies geschah, da sie ihn, der ihr schon fast zu einer
Sagengestalt verschollen war, in der Blüte seiner jungen Herrlichkeit
wiedersah, da fielen alle ihre selbsterdichteten Märchen und Träume wie
Schatten hin, wie Nebel, wenn der Morgen der leuchtenden Wirklichkeit
kommt. Und von dieser Stunde an bis zu den Jahren, die ganz, ganz anders
aussahen, dichtete sie kein Geschichtchen mehr.
Es war in Rummelshof zur Sommerszeit. Seit Frau v. Pohle im Hause war,
hatte sich in der Auffassung der Gegend viel verändert. Selbst die Freifrau
v. Zülchow, diese exklusiveste und empfindlichste aller Landedeldamen, fand
es jetzt ganz natürlich, mit den Dörfflins zu verkehren, und sie selber
betrat dieses Haus, das sie einst so tief mißachtet hatte, mit ihrem Sohn
Hans Henning, dem jungen Offizier.
Hans Henning war gerade wie Fritzchen seiner ersten Kinderliebe treu
geblieben, nur daß es bei ihm etwas weniger phantastisch zuging, aber nicht
sehr viel. Er war ein offener, liebenswürdiger und starker Junge, mit
der Einseitigkeit und dem Idealismus eines kräftig empfindenden, wenig
philosophisch angelegten Gemüts. Er liebte mit großer Hingabe und
stürmischer, vollkommen blinder Parteinahme alles, was ihm Natur und
Verhältnisse nahegebracht hatten: seinen Beruf, seine Mutter, den
Rummelshof und über alles seinen klugen, stolzen Bruder. Aber seine Liebe
war von der Art, daß sie denen, die ihre Bequemlichkeit lieben, manchmal
lästig fallen konnte. Er war zu gern in ihrem Dienst ein Raufbold. Es
war vorgekommen, daß er einem Jungen, der das theologische Studium seines
Bruders verspottet hatte, das Nasenbein eingeschlagen hatte. Seine Mutter
hatte eine Menge Unannehmlichkeiten, Ängste und Kosten davon. Seine Lehrer
klagten häufig über ihn, er war faul, wild und händelsüchtig.
Die Baronin Zülchow liebte solche Berührungen mit der Außenwelt nicht. Sie
bekam dadurch eine Gereiztheit gegen ihren tollen Hans. Daß er im Grunde
der weichherzigste Junge und der liebevollste Sohn war, konnte sie nicht
recht versöhnen. Ihr wäre es angenehmer gewesen, er hätte ihr seine Liebe
in Gehorsam und Wohlverhalten bewiesen, statt sie nur wie eine Sonne über
seine Untaten leuchten zu lassen.
Für Fritzchen war er immer der beste Herzenskamerad und Mitwisser all
ihrer Erlebnisse, Betrachtungen und Phantastereien. Nur um ihr schönstes
Märchenland, in dem Gregor regierte, hing sie einen dichten Schleier.
Da kam der Sommertag auf dem Rummelshof.
Es war eine große Gesellschaft dort. Zwischen den Bäumen des Gartens waren
Drähte gezogen, denn am Abend sollte Feuerwerk sein. Die Dienerschaft
war verstärkt, aus dem tiefsten Dunkel des Kellers kamen die ältesten
Weinflaschen ans Tageslicht. Die Baronin trug violette Seide, sie sah wie
eine Königsmutter aus.
Alles war zu Ehren ihres ältesten Sohnes Gregor, der vor einigen Monaten in
das Predigtamt in einer kleinen Residenz eingeführt war und heute zu seinem
ersten Besuch seit Jahresfrist kam.
Wie es so kommt, der erste Moment, als Fritzchen ihn wiedersah, war ein
Erstaunen: Ach -- so sieht er aus? Das ist er?
Es ist wie eine leise Enttäuschung, oder wie eine Erlösung, ein Abfinden
zwischen »war« und »ist«, zwischen Traum und Wirklichkeit. Es ist kein
Wunder, wenn das Alte, das so strahlend und herrschend war, sich wehrt,
zuckt, das Neue schlägt. Aber das Neue ist doch mächtiger. Es hat Klang und
Farbe und Raum. Du stutzest, du läßt die alten Fäden fahren und schaust nur
und schaust -- und dein Herz, nach einem kurzen leeren Stillstand, setzt
jählings mit einem Wirbel wieder ein. --
»Gnädiges Fräulein --«
Das war der junge Pfarrer, Gregor v. Zülchow, der im Gesellschaftsrock in
einem der Rummelshöfer Zimmer ihr seine Verbeugung machte. »Ich habe schon
die Ehre der Bekanntschaft aus früheren Jahren.«
»Ja gewiß --«, stammelte Fritzchen.
Sie schämte sich plötzlich zum Umfallen. Von diesem feinen, kühlen,
wildfremden Herrn hatte sie Märchen ohne Ende gedichtet und noch dazu
aufgeschrieben? O nein, o nein, das war ja ein ganz anderer!
Sie ging umher wie wirr unter all den Menschen. Vielleicht hatte sie in
ihrem Leben noch nicht so reizend ausgesehen. Sie trug ein weißes Kleid mit
Matrosenbluse, als sollte immer noch das Jungenshafte an ihr betont werden,
aber ihr rotbraunes Knabenhaar hatte man jetzt wachsen lassen und es war
in einen Knoten geschlungen. Nur zwei, drei rote Röschen aus dem Garten zu
Hause steckten ihr im Haar und vor der Brust. Im ganzen sah sie zwischen
all den sorgsam angezogenen Damen aus, als habe man sie eben in der Wiese
eingefangen und mit hergebracht.
Sie sah und hörte nichts von all den Leuten um sie her. Wenn man sie
ansprach, mußte sie sich erst besinnen, ehe sie eine Antwort zustande
brachte. Auch das stand ihr reizend, es gab ihr den Anflug einer süßen
Verträumtheit, der ihr ganzes Wesen dämpfte und reizvoll verschleierte.
Die wundersame Umwandlung der Traumwelt in die Wirklichkeit hatte sich
vollzogen. Alles Vergangene war versunken und verhallt. Er trug keinen
Panzer und keinen Helm, sondern einen schwarzen Theologenrock und einen
hohen weißen Kragen mit schwarzem Schlips. Er hatte ein kühnes, schmales,
bartloses Gesicht von niederländischem oder englischem Typus, und vor den
düster ernsten, durchdringenden Augen trug er eine goldene Brille.
Nachdem der erste Wirbel vorüber war, fühlte Fritzchen sich unter all den
Menschen so geborgen wie in einer lichten, goldnen Wolke. Sie schwatzte,
lachte, und wußte schon in nächster Minute nicht mehr, was sie gesagt
hatte. All ihr Tun war wie das Schwirren eines fröhlichen kleinen Vogels,
der eben fliegen lernt. Es lag ihr gar nichts daran, immer in Gregors Nähe
zu sein. Ja, sie spielte mit ihrem Glück, indem sie mit Hans Henning
oder sonst einem lustigen Menschen viertelstundenlang in den Garten lief,
Erdbeeren naschte oder in dem romantischen Parkteich herumruderte. Das
bloße Gefühl, daß er ja da war, daß sie ihn in jedem Augenblicke, wenn sie
nur wollte, sehen konnte, das krönte alles mit überirdischem Glanz.
Herr Pfarrer Gregor war ja auch der Mittelpunkt des ganzen Festes. Wie sehr
ihm alles huldigte, und wie wichtig er, der blutjunge Mensch, hier genommen
wurde, das erschien Fritzchen als die natürlichste Sache von der Welt.
Beim Abendessen wurden pompöse Toaste ausgebracht, alle auf den jungen
Pfarrer. Es war im Grunde eine ziemlich alberne Lobhudelei, die man teils
der Mutter, teils seiner allerdings stark verheißungsvollen Karriere wegen
in Szene setzte. Fritzchen hätte zu jedem Toast jauchzen mögen, nur war
ihr es immer noch nicht genug. Der Umschmeichelte dagegen sah unter
seiner tadellosen Maske der Höflichkeit ein wenig gelangweilt und
leicht angewidert aus. Er hatte ein Lächeln um den Mund, das nicht jeder
vierundzwanzigjährige Junge hat.
Nach dem Essen wurde das Feuerwerk abgebrannt. Das war für die junge Welt
ein großes Entzücken. Aber Gregor gehörte nicht zu der jungen Welt, er
stand und saß bei den Alten auf der Terrasse oder in den Zimmern. Hans
Henning sollte das Abbrennen besorgen, und Fritzchen, die für allen
Firlefanz des Lebens sehr veranlagt war, bewies sich als unentbehrlichste
Hilfskraft. Was hatte sie auch vom Zuschauen? Selber das Feuer wecken,
die Spiel-, Sprüh- und Lärmgeister des Feuers wecken, daß sie hoch in den
stillen Nachthimmel auffliegen, prasselnd niederstürzen, ihm, dem Herrn des
Tages zur Ehre!
Sie verbrannte sich ein paarmal die Fingerspitzen; was tat das? Bebend, mit
glühenden Wangen sah sie ihren Raketen, Leuchtkugeln und farbigen Garben
nach. »Heil Gregor!« rief ihr Herz. O, hätte sie es nur laut rufen dürfen.
»Seht die beiden Feuergeister!« wurde gerufen. Damit meinte man Hans
Henning und Fritzchen. Sie sehen auch wohl geisterhaft genug aus. Hans, der
selige Narr, strahlte. »Hören Sie das, Fräulein Fritz?«
Es stieg viel Torheit, Unsinn und Gaukelei mit diesen Leuchtkugeln und
Raketen auf. Man könnte sich wohl ebenso gut an eine Feuergarbe hängen,
um mit ihr in die Luft zu gehen, als sich von seiner Liebe und ihren
Verheißungen betören zu lassen. Aber die Beiden wollten nicht hören, was
ihr feuriges Spielzeug sie lehren möchte.
Aus, vorbei. Der letzte Effektknall verhallt, dunkle Nacht. Lachend und
tappend suchen die Gäste in den Steigen des großen Gartens sich den Weg,
um ins Haus zu kommen, oder auch nicht ins Haus zu kommen. Die Feuergeister
haben manch tollen Spuk geweckt. Herr Gregor, der junge Pfarrer, ist nun
doch nicht nur für alle der Mittelpunkt und der Zweck dieses Festes.
»Fräulein Fritz«, sagte Hans Henning. »Ich glaube gar, Sie haben sich die
Finger verbrannt.«
»Ja, das habe ich!« sagte sie mit der Verzückung eines Märtyrers.
»Ach! Tut es Ihnen weh?«
»Ja, fürchterlich!«
Er geriet gebührendermaßen außer sich. »Wir müssen sofort Öl anwenden!«
rief er.
»Nehmen Sie bitte meinen Arm, Fräulein Fritzchen. Sie stolpern sonst über
die eingeschlagenen Pflöcke. Ach, wie war ich ungeschickt, das zuzulassen!«
Sie ließ ihn jammern, und überlegte dabei, wie es anzustellen wäre, daß
Gregor ihre Verletzung sähe. Ihr Mut war jetzt so ungeheuer geschwellt,
daß sie seine Ansprache, sein Staunen, sein Bemitleiden gut hätte ertragen
können, ohne umzufallen. Ja, sie wünschte sich nichts heißer als das.
Aber als sie auf die erhellte Terrasse kamen, fing ihr Herz doch wieder
an zu klopfen. Da stand er, und gerade in der Glastür, durch die sie gehen
mußte!
»Fräulein v. Dörfflin hat sich beim Feuerwerk verbrannt«, sagte Hans in
aufgeregtem Ton zu ihm.
»Verbrannt«, rief Gregor. »Hans, wie konntest Du das zulassen? Darf ich
einmal sehen, gnädiges Fräulein? Da muß aber gleich für Hilfe gesorgt
werden.«
Fritzchen reichte ihm mit einem entzückten Lachen ihre Hände hin, die
Brandstellen waren in der Tat sichtbar. Aber sie wünschte sich, daß ihre
ganzen Hände verbrannt sein möchten, damit er doch auch etwas Rechtes zu
sehen bekomme. Doch es war schon vorbei, ein paar Damen hatten sich
sofort herangeschoben, sie wurde von mehreren Armen umschlungen, geküßt,
getröstet, bedauert bis zur Unerträglichkeit. Selbst Hans Henning
hatten sie von ihr fortgedrängt, und in dieser Kohorte gelangte sie
ins Schlafzimmer, Öl, Watte, Läppchen waren da, Frau v. Zülchow, die
Königin-Mutter, rauschte auch herein und verband sie sorglich mit eigener
Hand.
Solche Anstellerei um das bißchen Verbrennen! dachte Fritzchen entsetzt.
Ja, aber wer hatte sich denn angestellt da draußen im Garten und als man
die Terrasse heraufkam?
Na, es ist auch so ganz gut. Nun hat man zwei verbundene Hände, das sieht
entsetzlich großartig aus und muß unendliches Mitleid wecken!
Förmlich strahlend vor Prahlerei betrat das blessierte Fritzchen wieder den
hellen Bannkreis der Gesellschaft. Gregor kam zu ihr, bedauerte sie, daß
sie um seinetwillen leide, faßte ihre Hand und berührte mit den Lippen
die freie Stelle oberhalb der Verbandlappen. Da wurde das Glücksgefühl so
übermächtig in ihr, daß sie am liebsten die Arme ausgebreitet hätte und ihm
um den Hals geflogen wäre.
* * *
Eine lange Rückfahrt im stockdunklen Wagen durch die graue Sommernacht, die
eintönig auf den weiten Feldern lag, nur am Rande in dämmernden Strahlen
umspielte das Sonnenlicht, das um diese Jahreszeit nie ganz verlischt, den
Horizont.
Man hatte die große Kutsche genommen, weil Gisela bei der Fahrt durch den
Wind Haar und Toilette geschont haben wollte. Nun sah man nur durch
die Glasfenster die grauen Felder vorübergleiten. Fritzchen saß auf dem
Rücksitz; sie hätte ihren heißen Kopf gerne draußen in der kühlen Nachtluft
gebadet, aber auch daß sie dies nicht konnte, bedrückte sie heute nicht.
Sie nahm den Hut ab, lehnte den Kopf in die Ecke, und so zurückgezogen ins
Dunkel, hörte sie, was Frau v. Pohle und Gisa miteinander sprachen.
Frau v. Pohle sagte: »Welch ein eigentümlicher frühreifer Mensch dieser
älteste Sohn ist!«
Gisela fragte, ob er ihr gefiele. In der Betonung der Frage lag schon die
Annahme, daß jeder unbedingt Ja sagen müsse. Aber Frau v. Pohle zögerte.
»Gefallen? Liebe Gisela, ich möchte das kaum sagen. Es ist mir zu wenig
Einfachheit und Lebensfrische an diesem jungen Menschen. Er kommt mir vor,
wie ein künstliches, wunderschönes Gebäude aus Eis, das aber nur in einer
Eisatmosphäre existieren kann. Vor der Sonne müßte er schmelzen.«
Fritzchen fuhr auf, doch Gisela nahm ihr schon das Wort aus dem Munde.
»Aber Frau v. Pohle! Er hat doch so viel Sonne um sich. Seine Mutter, seine
Freunde --«
»Nein, mein Kind, das ist nichts, das durchdringt seine Atmosphäre nicht.
Es ist eine seltsame Tragik um diesen jungen Pfarrer, aber freilich fühlt
er sie selber wohl am wenigsten.«
»Tragik?« sagte Gisela lächelnd. Sie fühlte sich manchmal bewogen, über
Frau v. Pohle zu lächeln. »Die wäre doch wohl nur konstruiert. Haben Sie
gehört, daß die Möglichkeit vorliegt, daß er nächstens Hofprediger wird?«
»Hofprediger?«
»Ja, man sagte allgemein so. Das heißt, man flüsterte es sich zu. Die
jüngste Prinzessin, Maria, soll eine starke Vorliebe für ihn haben, und sie
vermag alles über ihren Vater. Sie hat Gregor Zülchow einige Male predigen
gehört und ihn auch zu sich befohlen. Sie soll ihm große Avancen machen,
man spricht in der ganzen Residenz davon.«
»Man spricht in der Residenz wohl so gern und viel wie überall«, sagte
die alte Dame leise mahnend. »Doch kann es ja so sein. Der Weg, den
Herr v. Zülchow geht, wird sicherlich nicht der gewöhnliche aller
Alltagsmenschen sein. Er wird viele Abenteuer haben, die ihn »interessant«
machen. Ach, meine lieben, jungen Freundinnen, es ist eine bange Sache um
einen Menschen, der sich also vermißt, mit dem Leben und seinen Gestalten
zu spielen, wie dieser Freiherr und Pfarrer! Denn im letzten Grunde läßt
das Leben doch nicht mit sich spielen!«
Fritzchens Gesicht glühte. Hatte sie es nicht gewußt? Prinzessinnen kamen
und suchten seine Gunst! Ja, wohl war sein Weg nicht der, den andere Leute
gingen. Frau v. Pohles sonstige Randglossen hörte sie nicht. In ihren Ohren
klang es wie süße, rauschende Musik.
»Der liebste aus diesem Rummelshöfer Hause ist mir der junge Leutnant«,
sagte Frau v. Pohle. »Da ist Frische und lebendige Kraft. Der stellt sich
des Lebens Dinge nicht wie Schachfiguren hin, damit beliebig nach rechts
oder links, vor- oder rückwärts zu ziehen. Der lebt seinen Tag als
frischer, unbekümmerter Junge. Der nimmt sich nicht selbst auseinander und
setzt sich wieder zusammen. Der ist aus einem Guß!«
»Ach -- Hans Henning«, sagte Gisela wegwerfend, in dem üblichen Ton, in dem
man gewöhnlich von ihm sprach, von der Mutter herab bis zu den Bekannten
des Hauses und den Reitknechten im Stall.
Frau v. Pohle lachte. »Das ist eine Geschichte zum Händeringen«, rief
sie aus. »Wißt Ihr wohl, woran es liegt? Diesem Jungen schadete die
Nachbarschaft seines glänzenden Bruders! Ihr alle habt, wenn Ihr ihn
ansaht, noch das Blenden im Auge von dem anderen. Ja -- Gregor! heißt es,
und dann ganz sanft und barmherzig: Ach, der Hans! Ich möchte Euch hier
wohl mal ein bißchen eine Predigt halten über Menschen und Menschenwert.
Ich sage Euch, meine Lieben, dieser Herr Gregor, so totenernst, würdevoll,
eisig und alt er aussieht, der versteht das Leben nicht und nimmt es im
Grunde nicht so ernst wie dieser lustige, prachtvolle Schlingel, der Hans.
Der wird seinerzeit verstehen, damit zu ringen und es sich untertan zu
machen. Was dieser künftige Hofprediger damit anfangen wird -- ach ja,
da wird das Zuschauen kein großes Vergnügen sein. Er wird sich daran
vorbeidrücken, denke ich.«
»So denken Sie?« rief Fritzchen mit ausbrechender Wildheit. Sie
zerknitterte ihren Hut, daß das arme Stroh laut krachte und knirschte.
»Ich denke anders! Alle denken anders! Herr Gregor wird sich nie an etwas
vorbeidrücken! Sie haben ihn einmal gesehen, ich kenne ihn, als er noch
Junge war. Er ist der bedeutendste und größte Mensch auf Erden! Ich lasse
kein Wort auf ihn kommen. Ich habe ihn lieber als Himmel und Erde!«
Da war's heraus! Was tat es? Die ganze Welt konnte es hören, daß sie hier
stand, bereit zu leben und zu sterben für ihn.
Sie hatte auch bei ihrem letzten Ruf aufrecht gestanden in der Kutsche,
aber das Rad fuhr über einen Stein, da fiel sie unrühmlich auf ihren Sitz.
Das machte nichts aus. Sie gab noch einen flammenden Satz dazu:
»Ich verlache jede Beschuldigung über ihn!«
»Aber Fritzchen! Wie ungezogen!« rief Gisela entsetzt. »Wie kannst Du so zu
Frau v. Pohle sprechen! Da sehen Sie wieder, wie sie ist!«
»Lassen Sie doch, Kind«, sprach Frau v. Pohle. »Liebes Fritzchen, ich habe
nicht gedacht, Ihr Herz zu kränken. Um Gott, Kind, nein. Sehen Sie einer
alten Frau solche Gedankenspielerei nach. Das Leben wird ja erst beweisen,
was richtig und was barer Unsinn an meinem Geschwätz war.«
»Aber wie kannst Du Deine Neigung so ausschreien!« rief Gisela, noch immer
aufgeregt vor Entrüstung. »Das tut man doch nicht. Du blamierst Dich ja
grenzenlos, Frida!«
»Was kümmert's mich!« entgegnete Fritzchen trotzig.
Frau v. Pohle dachte: Jawohl -- Dich, starkes, junges Herz, kümmert's in
der Tat nicht, ob Du Dich blamierst. Das ist das zweifelhafte Vorrecht
derer, die Dich tadeln. Glückauf, Du freie Menschenseele!
Aber sie sagte das nicht. Für alle ihre Predigten war ihre Zuhörerschaft in
der dunklen Kutsche doch noch nicht reif genug.
Behalte Du nur Deinen Gregor! dachte sie ohne Sorge, solange wie Dein Herz
dieses Bild tragen mag, Du schönes, wildes Kind. Ich traue: eines Tages
siehst Du Dich verwundert um, wo es geblieben ist.
Siebentes Kapitel.
Aber es ist ein undankbares Amt, Prophet zu sein.
Fritzchen schloß ihre Blumenblätter fester um sich zusammen. -- Hier war
eine Gelegenheit, so groß und stark, so weit und sonnig, eine Mutter zu
haben, eine edle Freundin, ein fröhliches und doch weises Herz, stets
aufmerksam und zur Stelle.
Nein, Fritzchen will das nicht. Sie geht in ihre Turmstube und spricht
mit den Wolken, die über das Moor gehen. Das sind ihre Freunde und
Gesellschafter.
Sie gehen massig, grauschwarz, mit hellen, blendenden Rändern. Unten sind
es nur noch ziehende Schneeberge. Sie ziehen vorüber, andere kommen und
ziehen auch. Schon wieder ist das Bild verändert. Die Sonne kämpft mit der
schwarzen Wand, sie kämpft umsonst, sie erlischt. Horch, wie der Wind in
Stößen kommt!
Dies Kind kennt die Wolken wie keines und den Wind ebenso. Ist es nicht mit
ihm um die Wette geritten über die bräunliche Ebene?
Vielleicht ist es Gregor v. Zülchows eigenes Leben, sein kräftigstes,
schönstes Leben, das da mit fliegendem Haar auf der schwarzen Möt über den
Graben setzt hinter dem Böllinger Kreuzweg! Halt fest! -- Oder läßt er es
vorbei?
Nun ja, der Hans muß ja auch etwas haben, wenn er Hofprediger wird!
Gregor steht am Graben neben dem Kreuzweg. Welcher Teufel oder welcher
Engel führte ihn hierher, da der Wind sauste und dies tolle, herrliche Bild
heranführte?
Er stand still, am Fußsteige neben einem Baum.
»Hussa, Möt!«
Er aber war nicht mehr als ein Baum am Wege. Herrin, Königin in diesem
Bilde war sie, die daher kam, sie, die Schwester und Braut des Sturmwinds!
Sie war vorüber, ohne ihn gesehen zu haben!
Wer sieht die Bäume an, wenn er mit den Wolken Haschen spielt? Er stand und
sah ihr nach, der Staub flog hinter ihr auf.
* * *
Hans Henning kam zu seiner Mutter, die mit Gregor auf der Veranda saß.
Morgen hieß es für beide Söhne wieder scheiden. Hans Henning mußte, Gregor
wollte, so war es schon manch liebes Mal gewesen.
Der Abend dämmerte. Der Himmel stand regendrohend über den Bäumen des
Gartens, sie raunten leise wie in bangem Vorgefühl. So bange war auch
der Baronin zu Mut. Ach, dies immer neue Scheideweh! Und wer hielt des
Scheidenden Herz, daß ihr wenigstens das blieb?
Ja, Gregor lieben, das hieß, täglich sterben. Liebte sie diesen Sohn am
höchsten auf der Welt, so litt sie auch um ihn am tiefsten. Er rächte
unbewußt den anderen, den Übersehenen, den immer matt und halb Geliebten.
Wie war dieses Jüngeren Herz jetzt voll! Stand es nicht auf seiner Stirn
geschrieben, auf seinem Mund, seinen Augen, seinen Händen, in jeder
Bewegung, die er tat? Aber man hatte keine Zeit, diese Ziffern zu lesen. Es
war ja nur Hans!
Die Mutter sprach mit Gregor. Sie tippte an etwas, das auch sie hatte von
fern nur läuten hören, ohne daß er ein Wort darüber verloren hatte: an
seine Hofprediger-Aussichten.
»Gregor -- ist etwas daran? Ist das möglich?«
Wie kalt und stolz blickten die blauen Augen! »Möglich? Ja, Mama. Aber
lassen wir das, Du erfährst jede Tatsache, sobald sie vollendet ist!«
Gewiß, gewiß, sie erfuhr jede vollendete Tatsache. Das war die Speise, die
ihr bester Sohn ihr gab, wenn ihr Mutterherz verhungern wollte.
Hans Henning aber brannte das Herz in der Brust. Ach, er wollte etwas
anderes geben, als eine vollendete Tatsache. Ihn riß es, vor der Mutter
hinzuknien, den Blondkopf in ihren Schoß zu legen. Mutter, bist Du
zufrieden und froh, wenn ich mir das Fritzchen hole?
Leg' mir Deine kühle, weiße Hand auf, Mutter. Ich will reiten, morgen früh,
ehe wir reisen, und das Fritzchen im Garten, oder in der Wiese oder in der
Turmstube suchen und es nach seinen verbrannten Fingerchen fragen. Und dann
auch noch nach etwas anderem. Gib mir einen Kuß, liebe Mutter, ich brauche
sehr viel Mut. Mein kleiner Fritz träumt und fabuliert noch gar soviel, der
merkt noch gar nichts von dem großen wilden Strom. Mutter, Du bist so klug,
sage mir doch, ob es schon Zeit ist, sie aufzuwecken, oder ob es noch zu
früh ist --.
»Lieber Gregor, wenn Du hin und wieder ein klein wenig mehr schreiben
könntest -- ich meine natürlich nur, wenn Du Zeit und Lust hast -- aber
manchmal ein bißchen ausführlicher, weißt Du. Ich kann mir oft so gar kein
Bild von Deinem Leben machen. Nur so manchmal erzählen: Ich war dort
oder dort, und wir haben dies und das gesprochen. Oder von dem, was Dich
innerlich beschäftigt, Gregor, daß ich ein ganz klein wenig teilnehmen
kann --«
Gregor lächelte. Es war ein flüchtiges, durchaus höfliches Lächeln, aber
seine Mutter fürchtete sich davor. Auch jetzt wieder stieg es ihr heiß in
die Wangen.
»So wird es sich schwer machen lassen, liebe Mama. Es fehlt die Zeit und
die Unbeschäftigtheit, auf Deine Ideen einzugehen. Aber ich will möglichst
daran denken.«
Er stand auf und sah über die Brüstung auf den umzogenen Himmel. In der
Ferne wetterleuchtete es. Er dachte an ein anderes fernes Wetterleuchten,
das an ihm vorbeigefahren war, heute am Kreuzweg, wo der breite Graben war.