Fritz -- so ist's mit uns geworden -- --

Er stand auf, schleppte sich durch die Wirtschaft. Die Knechte rissen die

Mützen ab, als er vorüberging, er sah (zum ersten Male beachtete er das)

einen heiligen Schrecken vor sich her fliegen. Das half ihm, das hob seinen

jämmerlichen Mut.

Pah, was geht's Euch alle an? Ich tue, was ich will. Noch schöner, mich in

meinen Jahren meistern zu lassen! Albernes Getue! Komm doch nicht, Kerl,

wenn Du nicht willst. Ich werde mich noch davon nicht umwerfen lassen!

Als er zurückkam, draußen vor der Einfahrt, zog Fritzchen einen kleinen

Schlitten. Sie hatte ein schäbiges Mützchen auf, aber es stand ihr gut. Sie

blieb stehen und sah den Vater an.

Da ging ihm eine heiße Welle übers Herz. »Fritzel --« sagte er unbeholfen

und streckte seine Hand aus. Sie ließ die Leine, an der sie den Schlitten

zog, fallen und kam zu ihm. Wie ihre großen ernsthaften Augen blickten!

»Fritzel -- ich wollte schon -- aber er will nicht -- Fritzel --«

»Hat er Dich abgeschlagen?« fragte sie, blaß vor Spannung.

»Ja ja -- er hat's -- er hat's -- ja Fritzchen --«

»Wein' doch nicht, Papa. Ich weine ja auch nicht. Guck!« Sie glühte vor

Trotz.

»Ich wein' doch nicht, dumme Jöre. Weinen! Noch schöner! Nee, nee, lassen

wir diese Leute laufen. Wer nicht will, der hat schon. -- Magst Du denn

diese Jungens -- wie heißen sie doch? -- so fürchterlich gern?«

»Das ist nun ganz egal!« sagte Fritzchen. Sie wandte sich um und lief ins

Haus. Sie wußte, daß sie nun zum zweiten Male ihre Ritter- und Königslisten

einer großen Umänderung unterwerfen müsse.

* * *

Wie einsam zogen die Tage und Jahre über das Hohen-Leuckener Herrenhaus!

Der Papa fuhr in die große Stadt, jahraus, jahrein. Er verlor seinen besten

Freund, und er verlor auch seine anderen Freunde, die ihm gleichwertig

waren.

Er hätte es wahrlich besser haben können, dieser traurige Ritter. Er hatte

Haus und Hof, gute Freunde und Nachbarn und zwei liebe kleine Mädel. Was

aber hatte er jetzt?

Sein kleines Fritzchen mit den großen Augen unter der schäbigen Mütze,

seine feine stolze kleine Gisa -- die zogen wie Nebelbilder an ihm vorüber.

Es war hier ein Quell für ihn aufgesprungen, am Schneemorgen vor der

Haustür, als sein Kind die Schlittenleine fallen ließ und zu ihm gelaufen

kam -- ein Quell, so heiß und tief und stark, wie er nur in einem

sehnsüchtigen, leidenschaftlichen Kinderherzen entspringen kann.

Vielleicht, wenn dieser Mensch, der sich selbst verlor, ein klein wenig

besser aufgepaßt hätte, sein Fritzchen bei Tisch oder beim Vorbeihuschen

ein ganz klein wenig sich angesehen, ihren Ausdruck, den Sinn ihrer

Bemerkungen hin und wieder mit offenen Ohren und Augen aufgenommen hätte

-- so hätte das für ihn die beste Erziehung werden können, die je das Leben

ihm anbot. Diese Zuversicht, diese Erwartung (wenn auch oft allzu hoch

gespannt), das lächerliche Vertrauen, das dies phantastische Kind auf ihn

setzte, das sollte ihm wohl Peitsche und Sporn sein. Aber was war dies

alles nütz, da er gar nicht einmal hinsah?

Es ist nicht wahrscheinlich, daß Gisa ihm viel geholfen hätte. Die hatte

nie diese reine und ungetrübte Kindlichkeit besessen, wie sie bei Fritzchen

fast zu sehr vertreten war. Sie konnte nichts dafür, daß sie so feine

Öhrchen hatte, daß sie das Piepen in den Ecken, unter den Dielen, durch die

Türritzen und Schlüssellöcher vernahm. Sie spann kein goldenes Gewebe

um den armseligen Papa, an dessen Maschen er sich hätte festhalten und

emporklettern können. Sie war die strenge Tugend, die den glimmenden Docht

vollends austritt. Denn sie war eine hochmütige kleine Person, und ihr

Stolz war verwundbarer als ihr Herz.

Darum darbte sie bitter alle die Kindheitsjahre über, während Fritzchen,

das verträumte Närrchen, neben ihr schwelgte. Aber wer versteht diese

Geheimnisse? Sand wird zu Gold, die Winde werden zu der wilden Jagd der

Geister, und Blumen sprossen am dürrsten Stab. Oder: Sand wird zu Schmutz,

die Winde löschen Deine Lichter aus und blasen Dir ins Gebein, und der

dürre Stab zerbricht Dir in der Hand. Wer versteht das und kann das deuten?

Die verdrossenen Mägde auf Hohen-Leucken? Oder die verbildete und verdorrte

Gouvernante, die im Laufe der Zeit die Bonne ablöste?

Jedermann trägt sein Erbteil mit sich, und wenn er auch nur erst ein

kleines, halbvernachlässigtes Fräulein im einsamen Gutshause ist. Gisela

versteinte, sie wurde immer vornehmer, immer feiner, immer klüger und immer

kälter. Fritzchen lebte immer stärker und weiter, aber sie verwilderte

dabei immer mehr, verstrickte sich immer hoffnungsloser in ihre Traumwelt.

Sie saß mit Gespenstern zu Tisch und lief mit leichten und seligen Geistern

über die Baumkronen dahin und bis in ihr Wolkenschloß hinauf. Sie wurde

blaß und ihre Augen immer größer. Wenn man die beiden Schwestern einmal in

der Stadt zu Besorgungen erblickte, sah sich alle Welt neugierig, mitleidig

und auch wohlwollend nach ihnen um.

Drittes Kapitel.

An einem heißen Junitage kam ein reitender Bote aus Rummelshof durch das

steinerne Tor der Hohen-Leuckener geritten. Herr v. Dörfflin stand zufällig

im Hofe. Wieviele Jahre waren vergangen, seit der Rummelshöfer und all sein

Zeug für ihn versunken war, und nun erkannte er auf den ersten Blick Mann,

Livree, ja das Reitpferd wieder! Ein Ruck fuhr ihm durch's Gebein, er blieb

stehen mit halboffenem Munde, atemlos. Der Knecht sah ihn, er sprang vom

Pferde und nestelte einen Brief aus der Rocktasche.

»An -- -- soll's an mich --?«

Ja, so stammelte er, der Fassungslose, der Ausgehungerte.

Es sollte an ihn, aber die Handschrift kannte er nicht. Seine dicken Finger

flogen, als er den Umschlag auseinander reißen wollte. Endlich gelang es.

Der Bote stand stumm zuschauend vor ihm.

»Es ist vom jungen Herrn Baron Gregor.«

»Gregor --?«

»Sehr geehrter Herr v. Dörfflin! Vater ist sehr krank, und der Arzt

gibt seit gestern wenig Hoffnung. Er wünscht Sie noch einmal zu sehen.

Wir bitten Sie, zu eilen.

Fritzchen: Die Geschichte einer Einsamen · 第 5 / 15 题