Dardonius. Was ist sie euch?
Simplizius. Zu schön ist sie ihnen, das ist die ganze G'schicht'.
Frauen. Sie ist uns an Schönheit überlegen.
Simplizius. Das hat was braucht, bis das herauskommen ist. Morgen
sind s' alle krank.
Frauen (setzen ihr das Diadem auf). Du, schöner als wir alle, sei
des Festes Königin. (Die Frauen führen Aloe in den Hintergrund auf
die Thronstufen und reihen sich zu beiden Seiten.)
Simplizius. Jetzt kriegt die auch einen Kranz! Der setzet ich was
anders auf.
Alle. Heil der Königin des Festes.
Simplizius. Was die heut schreien, das ganze Volk wird heis'rig
noch.
Dardonius. Simplizius, jetzt kann ich erst nach Würde dich belohnen;
nimm dieses Mädchens Hand, sie sei dein Weib.
Simplizius. Das alte Weib? Jetzt wär' ich bald vor Schrecken über
den Thron herunter g'fallen. Die nehm' ich nicht.
Dardonius. Bist du verwirrt, dies hinreißende Geschöpf?
Simplizius. Mich reißt sie nicht hin, ich hab' s' in ihrer alten
Negligé schon g'sehn.
Dardonius. Du mußt sie nehmen, wenn du nicht dein Amt verlieren
willst.
Simplizius. Wegen meiner schon. (Steigt vom Thron--für sich) Ich
will doch lieber die Feldschererei verlieren, als die Schererei mit
der Alten haben.
Dardonius. Wie. du wagst es, dem Gesetz zu widersprechen?
Ewald (leise). So nehmen Sie sie doch. Verraten Sie nur nichts, ich
leih' Ihnen die Fackel.
Simplizius. Hören Sie auf, ich will ein Weib haben, die auch in der
Finsternis schön ist, nicht eine, die man erst illuminieren muß.
(Laut.) Ich nehm' sie nicht. Will s' vielleicht ein andrer?
Die Männer. Wir alle sind bereit, sie zu freien.
Simplizius. Nun also, reißender geht s' weg. Das Weibsbild foppt
das ganze Land.
Dardonius. Noch nicht genug. Um zu beweisen, wie man in Kallidalos
Schönheit ehrt, erwähl' ich selbst zu meiner Gattin sie.
Alles. Es lebe unsre Königin!
Simplizius. Jetzt wird s' gar Königin! Ich fahr' aus der Haut.
Dardonius. Und augenblicklich lass' ich mich vermählen.
Aloe (macht Zeichen des Entzückens).
Simplizius Der König treibt's. (Zu Ewald.) So löschen S' doch die
Fackel aus, er heirat' ja die Katz' im Sack.
Ewald. Entsetzliche Verlegenheit, was soll ich nun beginnen?
(Donnerschlag, das Bild der Venus verschwindet. Lucina ist statt
ihr in einer Wolkenglorie sichtbar.)
Lucina. Die Täuschung geht zu weit, legt ab die Kränze, die euch
nicht gebühren. (Sie nimmt der unter ihr stehenden Aloe den Kranz
ab, und Simplizius' Lorbeer fliegt ihr in die Hand.) Nun fort nach
Agrigent.
(Ewald und Simplizius verschwinden. Wie die Fackel unsichtbar wird,
verwandelt sich Aloe in ihre wahre Gestalt. Das Bild der Venus
erscheint wieder an der alten Stelle.)
Alle. Was ist geschehen?
Dardonius. Die Fremden sind verschwunden? Wo ist die Braut, die ich
erwählt?
Aloe (auf den Stufen). Hier bin ich, edelster Gemahl.
Dardonius. Welch häßlich Weib? Wie kommst du in den Tempel?
Aloe. Ich bin ja Aloe, die du erwählt. Ich schwör's bei meiner
Jugend.
Alle. Betrug!
Dardonius. Zauberei! Peitscht aus dem Tempel sie. O Scham,
vernichte mich. (Stürzt ab.)
(Man reißt Aloe von den Stufen.)
Chor.
Hinaus, hinaus, du Ungetüm,
Entweih' den Tempel nicht,
Erzittre vor des Königs Grimm,
Auf, schleppt sie vors Gericht!
(Sie wird hinausgejagt.)
Sechsundzwanzigste Szene.
(Der Wald mit der Pforte der Eumeniden, auf welcher die drei Siegel
glühen. Nacht, Mondlicht.)
Lucina mit den Kränzen. Kreon.
Lucina. Komm, mein Kreon, der Sieg ist uns gelungen.
Kreon. So hättest du Unmögliches errungen?
Lucina. Bald wird dein Leid die höchste Freude lohnen,
Der Orkus ist beschämt, hier sind die Kronen.
Kreon. Hell leuchten sie, drei Sonnen, durch die Nacht.
Wie schnell flieht Schmerz, wenn uns die Hoffnung lacht.
Lucina. Nun knie' dich hin und senk' dein Aug' zur Erd',
Daß es der grause Anblick nicht versehrt.
Denn Rhea ächzet, und die Sterne wimmern,
Sehn sie den Dolch der Eumeniden schimmern.
(Kreon kniet und beugt sein Haupt, Lucina legt die Kränze auf
den Opferstein.)
Drei Krönen ruhen auf dem kalten Stein!
Ich opfre sie--
(Eine Flamme erscheint und verzehrt scheinbar die Kränze.)
Nun, Flamme, schließ sie ein.
Schmelzt, Siegel! Pforte, öffne deinen Rachen.
(Die Siegel verschwinden, die Pforten springen unter
schrecklichem Gekrache auf.)
Herauf, herauf, ihr rachedurst'gen Drachen,
(Das Heulen des Windes.)
Blick' ja nicht auf, es kostet dich das Leben.
Die Eumeniden nahn, selbst mich ergreift ein Beben.
(Sie beugt ihren Leib gegen die Erde, der Sturmwind heult. Klagende
Sturmmusik. Ein blauer Blitz fährt aus der Höhle.)
Siebenundzwanzigste Szene.
Vorige. Tisiphone, Megäre, Alecto, ganz grün gekleidete Furien, das
Haupt mit Vipern umwunden, eilen, bläulichte Fackeln und blinkende
Dolche schwingend, aus der Pforte.
Alle drei (blicken auf den Mond--im tiefen Ton).
Der Mond, der Mond, er scheint zur rechten Stunde,
Wacht auf, wacht auf, die Rache hält die Runde.
(Sie gehen gemessenen Schrittes über die Bühne.)
Lucina. Es ist geschehn, bald ist dein Feind gerichtet,
Und so der Streit mit banger Welt geschlichtet.
Nun folg', es harren dein, auf mein Geheiß,
Die Edlen all im liebverschlungnen Kreis.
Von tausend Lampen schimmert dein Palast,
Der kaum den Jubel seiner Gäste faßt.
(Beide ab.)
Achtundzwanzigste Szene.
Die goldgezierte runde Marmorhalle, das Schlafgemach Phalarius',
durch zwei kerzenreiche Kandelaber erleuchtet. An der Seite sein
Lager, neben diesem brennt auf einem Postamente eine Lampe.
Gegenüber eine Pforte aus Ebenholz.)
Phalarius tritt auf, hinter ihm Androkles tief gebeugt.
Phalarius. Laßt sehn, wie lang mein stolzer Nachbar sich noch
brüstet,
Wo sind die Feldherrn? Ist mein ganzes Heer gerüstet?
Androkles. Es harret mutentbrannt der Krieger rüst'ge Schar.
Phalarius (lachend).
Vergebens glüht der Mut, vermeidet ihn Gefahr.
Nun lösch' die Lichter aus, laß Dunkelheit herein,
Entfern' dich dann (beiseite, mit Grimm)
und überlaß mich meiner Pein.
(Androkles löscht die Lichter aus bis auf die Lampe, beugt sich
tief und geht bangend ab. Das Gemach wird finster.)
Neunundzwanzigste Szene.
Phalarius (allein).
Ein kluger Hauswirt schließt des Nachts die Tür,
Ich ahm' es nach. (Schließt.) So, nun bin ich allein mit mir.
(Erschrickt.)
Allein?--Ein falsches Wort, wer kann das von sich sagen.
Schickt nicht die Einsamkeit Gedanken, die uns plagen?
Was sind Gedanken, die im Aufruhr sich versammeln,
Das Hirn bedrohn und der Vernunft das Tor verrammeln?
Gemeiner Troß nur ist's, den man nicht achten muß,
Der König der Gedanken ist nur der Entschluß.
Drum hab' ich es auch fest mit Marmorsinn beschlossen,
Wie Phöbus, groß und hehr, mit feuersprühnden Rossen
Des Himmels Reich durchzieht, auf goldnem Strahlenwagen,
So will ich durch die Erd' das Licht der Krone tragen.
Die Sonn' am saphirblauen Zelt glänz' nicht allein,
Ich will die Zweite auf smaragdnem Grunde sein.
Von Äthiopiens Sand, wo glühnder Samum hauset,
Bis an des Nordpols Eis, wo Boreas erbrauset,
Muß mein Panier, mit weithinschaundem Stolze prangen.
Poch ruhiger, mein Herz, gestillt wird dein Verlangen.
(Er legt die Pantherhaut und seine Waffen ab, doch die Krone nicht
und streckt sich aufs Lager.)
Besuch mich, falscher Schlaf, der selten mein gedenkt,
Und sich nur gern auf kummerlose Augen senkt.
Verlisch, o Lampe, lischt doch einst die Sonne aus,
Dann wird es finster sein im großen Weltenhaus.
(Er löscht die Lampe aus, augenblicklich sieht man bei seinem
Haupte drei glühend rote Geister sitzen, welche unverwandt nach
seiner Krone blicken, sie sind früher hinter dem Ruhebett verborgen
und heben erst setzt zugleich ihre Häupter.)
Wie eklig still!--Was wär' das Leben ohne Streit?
Die Scheide ohne Schwert--(schreit auf).
Wer da? (Erblickt die Geister.)
Ha ihr, auch heut?
Die drei Geister (zugleich, eintönig und hohl).
Wir bewachen die Krone mit Uhusblick,
Schlaf ruhig, schlaf ruhig, nichts störe dein Glück.
Phalarius (laut auflachend).
Mein Glück!--Wie bin ich doch so glücklich nun durch euch,
Der Wunsch verarmt, ist die Erfüllung überreich.
O Wahn, der über Leides Abgrund Brücken baut,
Weh dem, der ihren luft'gen Bogen keck vertraut.
Verzweiflungsvolles Glück, das selber sich entleibt,
Du machst mich arm, das mir nichts als die Krone bleibt.
Die Kron'? Beim Styx, ich will sie fürchterlich benützen,
Verderben soll von ihren glühnden Zacken blitzen,
Ich räche meine Qual, wer will mich daran hindern?
(Es pocht an der Pforte.)
Alecto (dumpf).
Der Eumeniden Dolch.
Megäre. Vernichtung allen Sündern.
Die drei Geister.
Die Eumeniden hier, der Orkus hat geendet.
(Verschwinden.)
Phalarius (springt auf).
Wer pocht so frech, sag' an, wer dich so spät noch sendet?
(Leises Pochen.)
Alle drei. Mach' auf, fein Königlein, wir wünschen dich zu sprechen.
Phalarius. Was wollt ihr mir?
(Die Tür springt mit einem Donnerschlage auf, alle drei treten
zugleich ein.)
Alle drei. Wir strafen dein Verbrechen.
Phalarius (entsetzt).
Ha, die Erynnien!
Alle drei. Bereu', du mußt erbleichen.
Phalarius. Die furchtbar Rächenden!
Alle drei. Die jede Tat erreichen.
Phalarius. Zurück, verfluchte Furien, mich schützt die Kron'.
Alecto. Sie schützt dich nicht, der Orkus schweigt; denk' an Kreon!
Phalarius. Ich hasse ihn wie euch.
Tissiphone. Denk' an Aspasien!
Megäre. An 'n Brand von Agrigent!
Alecto. Gedenk', du mußt vergehn!
(Sie drängen ihn aufs Lager.)
Phalarius. Ich denke nichts als Blut.
Alecto. So denke an den See!
(Ein Teil der Kuppel stürzt ein, sodaß sich ein rund ausgebrochenes
Loch zeigt, durch welches der Vollmond aufs Lager scheint.)
Phalarius. Weh mir, des Mondes Strahl!
(Die Eumeniden senken ihre Dolche in seine Brust.)
Alle drei. Vergeh! Vergeh! Vergeh!
(Pause--während welcher sie in die Mitte des Theaters treten.)
Der Mond, der Mond, er schien zur rechten Stunde,
Ihr Sünder, bebt, die Rache hält die Runde.
(Gehen gemessenen Schrittes ab.)
Dreißigste Szene.
Hades (aus der Tiefe, naht sich langsam dem Lager Phalarius').
(Feierlich.)
Gib mir zurück die Kron', du bleiches Heldenhaupt.
(Nimmt sie ihm ab.)
Da liegt der stolze Baum, zersplittert und entlaubt.
Hell glänzt die Kron', nun will die gier'ge Welt ich fragen;
Wo ist der Kühne wohl, der sie nach ihm will tragen?
(Versinkt.)
Einunddreißigste Szene.
(Reichverzierter beleuchteter Thronsaal.)
Der Thron befindet sich in der Mitte des Hintergrundes. Durch die
Säulen des Saales sieht man in einen reizenden, ebenso beleuchteten
Garten. Kreon auf dem Thron. Alle Edlen seines Reiches umgeben ihn
jubelnd. Im Vordergrunde auf der einen Seite Ewald mit der Fackel
und Simplizius, Lucina, Atritia und zwei Genien, die auf einem
Kissen eine Krone tragen, auf der entgegengesetzten Seite
Triumphmusik.
Alles. Dank den Göttern! Ew'ges Glück unserm teuern König Kreon!
Kreon. Heil, meinen edlen Freunden, es stürmt mein Herz, mein Auge
perlt Freude! Nehmt eures Königs frohen Dank, der sich in eurer
Mitte überglücklich fühlt.
(Alles kniet in schönen Gruppen um den Thron.)
Alle. Heil unserm guten König!
Ewald. Arme Fackel, deine Macht ist übertroffen; an diesem Anblick
kannst du nichts verschönern.
Simplizius. Das ist mir der liebste König von allen, die ich heut
noch g'sehn hab'.
Kreon. Doch nun laßt uns der hohen Göttin danken, die Thron und
Reich gerettet hat.
Alles. Der hehren Göttin Dank!
Lucina. Sei glücklich, mein Kreon, Phalarius ist nicht mehr. (Nimmt
den Myrtenkranz.)
Nimm diese Kron', von liebgepaarten Myrten,
Laß dir die edle Stirne zart umgürten!
Durch sie wird dein Gemüt nie Leid betrüben,
Und stets wird dich dein Volk mit Treue lieben.
Kreon. Verzeih, Lucin', ich darf die Kron' nicht nehmen,
Nimm sie zurück, sie würde mich beschämen.
Es soll auch ohne Zauber mir gelingen,
Die Liebe meines Volkes zu erringen.
Und drückt es Leid in unglücksvollen Tagen,
Ist es des Königs Pflicht, mit ihm zu klagen.
Lucina (zu Ewald, welchen sie Atritien zuführt).
Nimm sie zum Lohn, Atritiens Hand und Herz sei dein,
Benütze klug der Wunderfackel ros'gen Schein,
Du kannst von deinem Glück nichts Höheres erheischen,
Die eine liebt dich wahr, die andre wird dich täuschen.
Simplizius. Wenn's nicht etwa umgekehrt ausfallt.
Lucina. Und nun zu dir, Simplizius.
Simplizius. Jetzt kommt s' auch über mich.
Lucina. Du warst ein willig Werkzeug meiner Macht.
Dich wird der König hier auch nach Verdienst belohnen.
Simplizius. Auf d' Letzt setzen s' mir noch einen Lorbeer auf.
Kreon. Man zahle ihm tausend Goldstücke aus!
Simplizius (beiseite). Ich hab's ja gleich g'sagt, daß mir das der
Liebste ist. (Laut.) Ich küss' die Hand, Eure Majestät. (beiseite.)
Jetzt richt' ich eine Schneiderwerkstatt auf und heirat' die Göttin,
das wird ein himmlisches Leben werden.
Kreon (zu Ewald). Dich, Fremdling, werde ich stets an meinem Hose
ehren und durch ein Amt belohnen.
Ewald. Mein großer König, Dank!
Lucina. Mögt ihr doch lange noch verdientes Glück besitzen,
Lucina wird euch stets mit Huld und Lieb' beschützen.
(Ein rosiges Wolkenlager senkt sich nieder, von Genien umflogen.
Lucina legt sich in zarter Stellung auf dasselbe und schwebt in die
Luft. Kreon besteigt den Thron. Alles gruppiert sich. Griechische
Tänzer und Tänzerinnen führen Gruppen aus, von folgendem Chore
begleitet:)
Chor.
Schmückt mit Freude diese Hallen,
Laßt des Jubels Ruf erschallen,
Heil Lucina! Heil Kreon!
Tugend findet froh den Lohn.
(Der Vorhang fällt.)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die unheilbringende Krone,
oder König ohne Reich, Held ohne Mut, Schönheit ohne Jugend, von
Ferdinand Raimund.