Jeshowikin.
Ins Zimmer trat oder, richtiger gesagt, drehte sich durch die Tür
(obgleich die Tür sehr breit war) eine Figur, die bereits auf der
Schwelle Bücklinge machte, grüßte und lächelte, während die Augen mit
ungeheuerem Interesse alle Anwesenden eilig musterten. Es war das ein
kleiner, alter Mann, pockennarbig, mit einer großen Glatze, mit flinken,
klugen Äuglein und mit einem unbestimmbaren, feinen Lächeln auf den
ziemlich dicken Lippen. Er trug einen Frack, der recht abgetragen aussah
und wahrscheinlich für einen anderen gemacht war. Ein Knopf baumelte nur
noch an einem Faden, zwei oder drei Knöpfe fehlten ganz. Die zerrissenen
Stiefel und die schmierige Mütze stimmten mit dem übrigen Anzug durchaus
überein. In der rechten Hand hatte er ein baumwollenes, kariertes
Schnupftuch, das er ersichtlich schon oft benutzt hatte, und mit dem er
sich jetzt den Schweiß von Stirn und Schläfen wischte. Zufällig bemerkte
ich, daß die Erzieherin ein wenig errötete und mich flüchtig ansah. Ja,
es schien mir sogar, daß in diesem Blick gleichsam Stolz und eine
gewisse Herausforderung lagen.
„Geradenwegs aus der Stadt, mein verehrter Wohltäter! Geradenwegs von
dort, mein Vater! Werde alles erzählen, erlauben Sie nur, daß ich zuerst
meine Ehrerbietung bezeuge,“ sagte das eingetretene alte Männlein und
begab sich schnurstracks zur Generalin, blieb aber dann doch auf halbem
Wege stehen und wandte sich von neuem an meinen Onkel.
„Sie geruhen ja doch meinen Hauptcharakterzug bereits zu kennen,
verehrter Wohltäter: ein Lump bin ich, ein echter Lump! Pflege ich doch,
sobald ich über die Schwelle trete, sofort die Hauptperson des Hauses
aufzusuchen und zuerst meine Schritte zu ihr zu lenken, um mittels
dieses Schrittes alsogleich Gnade und Gunst und Vorteil zu erlangen. Ein
Lump, Väterchen, wie gesagt, ein Lump, mein Wohltäter! Gestatten Sie
gnädigst, Exzellenz, den Saum Ihres Gewandes zu küssen; denn mit meinen
Lippen würde ich Ihr goldenes Händchen, das hochwohlgeborene, nur
entweihen.“
Die Generalin reichte ihm zu meinem Erstaunen ihre Hand – und tat es
sogar noch ziemlich gnädig.
„Und auch Ihnen, unserer Schönheit, mache ich meinen Diener,“ fuhr er
fort, indem er sich vor Fräulein Perepelizyna verneigte. „Nichts zu
wollen, mein gnädiges Fräulein: bin ein Lump! Schon im Jahre 1841 war es
ausgemacht, daß ich ein Lump sei, als ich aus dem Dienst ausgeschlossen
wurde, gerade damals, als Valentin Ignatjitsch Tichonzeff zum
Hochwohlgeborenen avancierte: den Assessor erhielt. Tatsächlich, er kam
unter die Assessoren und ich unter die Lumpen. Aber ich bin nun einmal
so aufrichtig geboren, daß ich alles eingestehe. Was soll man machen!
Versuchte es, ehrlich zu leben, versuchte es, jawohl – jetzt aber muß
man es anders anstellen. Alexandra Jegorowna, unser verzuckertes
Äpfelchen,“ fuhr er fort und ging um den Tisch herum, um sich vor
Ssaschenjka zu verbeugen, „erlauben Sie mir, einen Zipfel Ihres
Kleidchens zu küssen, – Sie, Fräuleinchen, duften ja wie Äpfelchen und
sämtliche Wohlgerüche der Welt. Dem Stammhalter, der morgen seinen
Namenstag feiert, gleichfalls meine Reverenz. Pfeil und Bogen habe ich
mitgebracht, habe selbst den ganzen Morgen daran geschnitzt ... meine
Kinderchen haben mir geholfen ... jawohl, später können wir schießen.
Zuerst aber muß man hübsch groß werden, dann kann man Offizier werden
und dem Türken den Kopf abschlagen. Tatjana Iwanowna ... ach, nicht
anwesend, wie ich sehe! Sonst würde ich den Saum auch ihres Kleides
küssen. Praskowja Iljinitschna, unser Hausmütterchen, kann mich bloß
nicht zu Ihnen durchzwängen, anderenfalls würde ich Ihnen nicht nur Ihre
Händchen, sondern auch Ihre Füßchen küssen – jawohl! Anfissa Petrowna,
bezeuge hiermit meine verschiedentlichste Achtung. Noch heute habe ich
für Sie zu Gott gebetet, meine Wohltäterin, sogar kniend und tränenden
Auges, und desgleichen für Ihren Herrn Sohn, damit Gott der Herr ihm
alle notwendigen Titel und Talente beschere – namentlich Talente, wie
gesagt! Bei der Gelegenheit entrichte ich auch Ihnen, Iwan Iwanytsch
Misintschikoff, meinen untertänigsten Ehrensold. Möge der Herr Ihnen
alles zukommen lassen, was Sie sich selbst wünschen; denn es dürfte
schwierig sein, richtig zu erraten, was Sie sich selbst wünschen:
schweigsam wie Sie sind und – aber das schadet nichts ... Guten Tag,
Nastjä! alle Krabben lassen dich grüßen, reden jeden Tag von dir. Und
jetzt dem Hausherrn meine tiefste Verbeugung. Komme aus der Stadt, Euer
Gnaden, schnurstracks aus der Stadt. Und das da ist wahrscheinlich Ihr
Neffe, der in der Gelehrtenschule erzogen worden ist, nicht wahr? Meinen
ergebensten Gruß, junger Herr. Ihre Hand, wenn ich bitten darf.“
Man lachte. Es war klar, daß der Alte freiwillig die Rolle eines
Spaßvogels spielte, über den ein jeder lachen durfte. Schon sein
Erscheinen erheiterte die ganze Gesellschaft. Die meisten verstanden
dabei seine Sarkasmen überhaupt nicht. Er aber verschonte fast keinen
einzigen mit ihnen. Nur die Erzieherin, die er – ich wunderte mich nicht
wenig darüber – kurzweg Nastjä nannte, errötete und blieb ernst.
Ich zog unwillkürlich meine Hand etwas zurück, doch darauf hatte der
Alte offenbar nur gewartet.
„Ich will sie Ihnen ja nur drücken, mein Bester, vorausgesetzt, daß Sie
es erlauben – nicht aber küssen. Oder glaubten Sie wirklich, daß ich sie
küssen wollte? Nein, mein Lieber, vorläufig wollte ich sie nur drücken.
Sie halten mich wohl für so einen herrschaftlichen Narren?“ fragte er
mich plötzlich mit spöttischem Lächeln in den Augen.
„N–ein, wieso ... wie sollte ich ...“
„Doch, doch, Verehrtester! Wenn ich ein Narr bin, so ist es ein gewisser
anderer hier auch. Sie aber können mich noch mit ruhigem Gewissen
achten: ein solcher Lump, wie Sie glauben, bin ich denn doch noch nicht.
Übrigens, genau genommen – warum soll ich kein Narr sein? Ich bin ein
Sklave, meine Frau ist eine Sklavin. Schmeichle, schmeichle! Jawohl!
Etwas gewinnt man dabei doch, und wenn’s auch nur zur Milch für die
Kinderchen reicht. Zucker, Zucker streu nur überall aus, dann wird es
besser gehen. Das sage ich Ihnen, Verehrtester, nur so unterm Siegel der
Verschwiegenheit – vielleicht wird diese Methode auch Ihnen einmal
zustatten kommen. Fortuna hat mich auf dem Gewissen, mein Bester,
deshalb bin ich auch ein Narr.“
„Ha–ha–ha! Was dieser Alte doch für ein Spaßvogel ist! Immer bringt er
einen zum Lachen!“ meinte, gut aufgelegt, Anfissa Petrowna Obnoskina.
„Meine gnädigste Wohltäterin, als Dummkopf kommt man besser durch die
Welt! Hätte ich das früher gewußt, so hätte ich mich von Kindheit an
unter die Dummen begeben – dann könnte ich jetzt klug sein. Da ich aber
in der Jugend klug sein wollte, muß ich jetzt im Alter dumm sein.“
„Sagen Sie doch, bitte,“ mischte sich Obnoskin ein (dem wahrscheinlich
die Bemerkung bezüglich der „Talente“ nicht gefallen hatte), nahm
zugleich auf seinem Lehnstuhl eine sehr selbstbewußte Pose an und
betrachtete den Alten durch sein Einglas, als hätte er ihn wie einen
Bazillus unter der Lupe, „sagen Sie doch, bitte, ... ich vergesse immer
Ihren Namen ... verdammt, wie war er doch?“
„Ach, mein Väterchen! Mein Familienname ist ja alles in allem
Jeshowikin, aber was nützt das schließlich? Da bin ich nun schon das
neunte Jahr ohne Anstellung – lebe nur noch dank dem ... Naturgesetz.
Dabei habe ich Kinder, Kinder, mehr als nötig! Ganz nach dem Sprichwort:
‚der Reiche hat – Kälber, der Arme – Kinder‘ ...“
„Nun, ja, schön ... Kälber ... das gehört übrigens nicht hierher, davon
später. Aber hören Sie, ich wollte Sie etwas fragen: warum sehen Sie,
wenn Sie eintreten, immer – sozusagen – zurück? Das wirkt sehr komisch.“
„Warum ich zurücksehe? Weil es mir immer scheint, daß mich jemand hinter
mir mit der flachen Hand platt schlagen will, wie eine Fliege, jawohl,
und deshalb sehe ich mich immer nach rückwärts um. Bin allem Anschein
nach monomanisch geworden, mein Bester.“
Wieder lachten alle. Nur die Erzieherin erhob sich und schien das Zimmer
verlassen zu wollen, sank dann aber doch wieder auf ihren Platz zurück.
In ihrem Gesicht war ein kranker, leidender Zug trotz der Röte, die auf
ihren Wangen brannte.
„Weißt du auch, Freund, wer das ist?“ fragte mich mein Onkel heimlich.
„Das ist ihr Vater.“
Ich sah ihn mit weit offenen Augen an. Den Namen Jeshowikin hatte ich
ganz und gar vergessen. Ich hatte mich als Ritter gefühlt, hatte während
der ganzen Reise nur an meine Zukünftige gedacht und großmütige Pläne
geschmiedet, und dennoch ihren Familiennamen vergessen, oder richtiger,
ihm von Anfang an überhaupt keine Beachtung geschenkt.
„Wieso, ihr Vater?“ fragte ich gleichfalls flüsternd. „Aber sie ist
doch, denke ich, Waise?“
„Ihr Vater, Freund, ihr Vater. Und weißt du, der ehrlichste und
anständigste Mensch der Welt – trinkt nicht mal. Nur spielt er
freiwillig den Spaßvogel. Entsetzliche Armut, weißt du, acht Kinder!
Leben nur von Nastenjkas Gehalt. Aus dem Dienst ist er wegen seiner
scharfen Zunge entlassen worden. Er kommt in jeder Woche einmal her. Und
stolz ist er, – für keinen Preis wird er etwas annehmen. Ich habe ihm
oft geben wollen, – er nimmt aber nichts an. Ein verbitterter Mensch!“
„Na also, mein alter Jewgraf Larionytsch, was gibt es denn dort bei euch
Neues?“ fragte mein Onkel und schlug ihm kameradschaftlich mit der Hand
auf die Schulter, da er bemerkt hatte, daß dem mißtrauischen Alten unser
heimliches Gespräch nicht entgangen war.
„Was soll es Neues geben, mein Wohltäter? Valentin Ignatjitsch hat
gestern ein Schreiben eingereicht, in der Trischin-Affäre. Es hat sich
herausgestellt, daß bei ihm nicht das volle Quantum Mehl zur Stelle war.
Das ist, meine Gnädigste, jener selbe Trischin, der, wenn er einen
ansieht, genau so aussieht, als bliese er einen Samowar an. Vielleicht
geruhen Sie, sich seiner noch zu erinnern? Und so hat denn Valentin
Ignatjitsch von diesem Trischin zu den Alten gegeben: ‚Wenn der oft
genannte Trischin,‘ schreibt er, ‚nicht einmal die Ehre seiner
leiblichen Nichte zu wahren gewußt hat – denn diese ist vor einem Jahr
mit einem Offizier losgegangen, – wie sollte er dann,‘ schreibt er,
‚Kronseigentum aufzubewahren wissen?‘ Das hat er tatsächlich so in
seinem Schreiben gesagt – bei Gott, ich lüge nicht.“
„Pfui, was Sie für Geschichten erzählen!“ rief Anfissa Petrowna Obnoskin
verächtlich aus.
„Ja ja, diesmal hast du dich etwas verhauen, Freund Jewgraf!“ pflichtete
ihr mein Onkel schnell bei. „Ei, ei, du wirst noch wegen deiner Zunge
viel Ungemach erleben. Ich weiß, du bist ein offener, ehrlicher,
edelmütiger Mensch – das kann ich bestätigen – aber deine Zunge ist
gefährlich! Ich wundere mich, wie es kommt, daß du mit ihnen dort nicht
in Frieden leben kannst. Sie sind doch, glaube ich, gute, einfache
Menschen ...“
„Mein Vater und Wohltäter! Aber den einfachen Menschen – den fürchte
ich ja gerade!“ rief der Alte mit einer ganz eigenartigen
Leidenschaftlichkeit aus.
Die Antwort gefiel mir. Ich trat schnell entschlossen auf ihn zu und
drückte ihm fest die Hand. Um die Wahrheit zu sagen, wollte ich nur mit
irgend etwas gegen die allgemeine Meinung protestieren, indem ich dem
Alten offen meine Zuneigung bewies. Vielleicht aber – wer weiß! –
vielleicht wollte ich nur in der Meinung Nastassja Jewgrafownas, der
Erzieherin, etwas gewinnen. Doch aus meiner plötzlichen Handlungsweise
wurde, genau genommen, nichts allzu Gescheites.
„Gestatten Sie eine Frage,“ sagte ich, wie gewöhnlich errötend und mich
überhastend, „haben Sie von den Jesuiten gehört?“
„Nein, mein Bester, nichts, oder nur so ein wenig, dies und jenes ... wo
soll unsereiner was hören! ... Aber was ist mit ihnen?“
„Ich meinte nur so ... ich wollte, da das Gespräch darauf kam, nur
erzählen ... Übrigens, erinnern Sie mich daran bei Gelegenheit. Jetzt
aber ... seien Sie überzeugt, daß ich Sie verstehe und ... zu schätzen
weiß ...“
In meiner hilflosen Verwirrung drückte ich ihm noch einmal die Hand.
„Unbedingt, mein Verehrtester, unbedingt werde ich Sie daran erinnern!
Werde es mir mit goldenen Lettern ins Gedächtnis schreiben. Warten Sie,
wenn Sie erlauben, werde ich mir noch schnell einen Knoten ins
Schnupftuch binden, damit ich’s nicht vergesse.“
Und in der Tat suchte er an seinem schmutzigen Taschentuch ein trockenes
Eckchen, das er dann eifrig zum Knoten schlang.
„Jewgraf Larionytsch, hier ist Ihr Tee,“ sagte Praskowja Iljinitschna.
„Sofort, meine schönste Dame, sofort, ... will sagen, Prinzessin, meine
schönste Prinzessin ... nicht nur Dame! Das wäre für den Tee. Bin
unterwegs Herrn Stepan Alexejewitsch Bachtschejeff begegnet, meine
Gnädigste! Er war bei so guter Laune, daß Gott erbarm! Ich glaubte
schon, daß er auf Freiersfüßen ging ... Schmeichle, schmeichle!“ sagte
er dann halblaut zu mir, als er mit seiner Teetasse an mir vorüberging,
mir zublinzelte und sein ganzes Gesicht verzog. „Aber woran liegt es
denn, daß man den Hauptwohltäter, unseren Foma Fomitsch, heute nicht zu
sehen bekommt? Wird er denn nicht zum Tee erscheinen?“
Mein Onkel zuckte zusammen, als wäre er gestochen worden, und warf einen
scheuen Blick auf die Generalin.
„Ich ... ich weiß wirklich nicht,“ antwortete er unentschlossen und
eigentümlich befangen. „Er ist gerufen worden, aber er ... Ich weiß es
wirklich nicht, vielleicht fühlt er sich nicht aufgelegt ... Ich habe
schon Widopljässoff geschickt ... und ... oder soll ich vielleicht
selbst gehen?“
„Ich war soeben bei ihm,“ bemerkte Jeshowikin vielsagend.
„Wirklich?“ fragte mein Onkel erschrocken. „Nun, und?“
„Ging zuerst zu ihm, um ihm meine Ehrerbietung zu beweisen. Er sagte,
daß er sich in der Einsamkeit am Tee laben würde, und dann fügte er noch
hinzu, daß er sich auch von trockenen Brotrinden nähren könne, – genau
so waren seine Worte!“
Diese Worte erfüllten meinen Onkel, wie es schien, mit wahrem Entsetzen.
„Aber so hättest du es ihm doch erklären sollen, Jewgraf Larionytsch!
Hättest es ihm doch auseinandersetzen sollen!“ sagte er, indem er den
Alten traurig und vorwurfsvoll zugleich ansah.
„Ich hab’ ihm ja auch gesagt, hab’ geredet ...“
„Nun?“
„Lange geruhte er mir nicht zu antworten. Er saß über einer
mathematischen Aufgabe, berechnete etwas: offenbar eine Aufgabe zum
Kopfzerbrechen. Zeichnete vor meinen Augen die Hosen des Pythagoras auf,
sah es selbst ganz genau. Dreimal wiederholte er dasselbe, erst beim
vierten geruhte er das Haupt zu erheben – und da war’s, als sähe er mich
überhaupt zum erstenmal. ‚Ich werde nicht gehen,‘ sagte er, ‚dort ist ja
jetzt ein _Gelehrter_ angekommen, wie sollen wir noch neben einer
solchen Leuchte Platz finden!‘ Genau so geruhte er sich auszudrücken:
‚neben einer solchen Leuchte‘.“
Und der Alte blickte mich von der Seite mit feinem Spott an.
„Das ahnte ich ja!“ rief mein Onkel verzweifelt aus, „das konnte ich mir
ja denken! Das hat er von dir gesagt, Ssergei, dich hat er damit gemeint
– mit dem ‚Gelehrten‘! Was nun?“
„Ich muß gestehen, Onkel,“ sagte ich mit einem Achselzucken und
möglichst unbekümmert, „ich finde diese Begründung seiner Absage so
lächerlich, daß sie es wirklich nicht wert ist, beachtet zu werden, und
daher wundere ich mich, offen gestanden, über Ihre Bestürzung.“
„Aber ach, Freund, was weißt du davon, das kannst du nicht beurteilen!“
unterbrach mich mein Onkel und wehrte mit energischer Handbewegung jeden
weiteren Einwand ab.
„Jetzt ist es zu spät, zu trauern,“ mischte sich plötzlich Fräulein
Perepelizyna ein, „wenn alles Böse von Ihnen selbst, Jegor Iljitsch,
ausgegangen ist. Wenn einem der Kopf abgeschlagen ist, so trauert man
nicht mehr um die Haare. Hätten Sie Ihrem Mütterchen gehorcht, so würden
Sie jetzt nicht weinen.“
„Aber um Gottes willen, wieso bin ich denn daran schuld? Haben Sie doch
ein wenig Angst vor Gott, Anna Nilowna!“ bat mein Onkel mit so flehender
Stimme, als wolle er sie bitten, sein Liebesgeständnis anzuhören.
„Ich fürchte Gott, Jegor Iljitsch; aber es kommt doch alles nur daher,
daß Sie egoistisch sind und Ihre leibliche Mutter nicht lieben,“
antwortete Fräulein Perepelizyna würdevoll. „Was hatten Sie für einen
Grund, gleich von vornherein ihren Willen zu mißachten? Sie ist doch
Ihre Mutter. Und ich werde Ihnen nicht die Unwahrheit sagen. Ich bin
selbst die Tochter eines Majors ... und nicht nur irgend so eine!“
Es schien mir, daß die Perepelizyna sich einzig zu dem Zweck in das
Gespräch einmischte, um uns allen, und namentlich mir, dem
Neuangekommenen, zu wissen zu geben, daß sie selbst die Tochter eines
Majors sei und nicht nur „irgend so eine“.
„Ja, das kommt daher, daß er seine Mutter beleidigt!“ sagte endlich
drohend die Generalin.
„Aber Mama, erbarmen Sie sich! Wann beleidige ich Sie denn? Und warum?“
„Weil du ein unverbesserlicher Egoist bist, Jegoruschka,“ fuhr die
Generalin fort, die sich durch die eigenen Worte gleichsam hinreißen
ließ.
„Mama, aber Mama! Wann bin ich denn ein solcher Egoist gewesen?“ rief
mein Onkel verzweifelt aus. „Seit fünf Tagen, seit ganzen fünf Tagen
sind Sie mir böse und wollen kein Wort mit mir sprechen! Und weshalb
nicht? Was habe ich verbrochen? Möge man mich doch richten, mag die
ganze Welt mich richten! Aber man soll doch auch meine Rechtfertigung
anhören! Ich habe lange geschwiegen, Mama. Sie wollten mich nie anhören.
Mögen nun fremde Menschen mich anhören. Anfissa Petrowna! Pawel
Ssemjonytsch, mein bester Pawel Ssemjonytsch! Ssergei, du mein einziger
Freund! Du bist hier ein Unbeteiligter, bist sozusagen nur ein
Zuschauer, du kannst unvoreingenommen urteilen ...“
„Beruhigen Sie sich, Jegor Iljitsch, um Gottes willen beruhigen Sie
sich,“ fiel Anfissa Petrowna Obnoskina energisch ein, „töten Sie nicht
Ihre Mutter!“
„Ich töte nicht meine Mutter, Anfissa Petrowna, aber hier ist meine
Brust, – zerreißen Sie sie!“ fuhr mein Onkel fort, aufs äußerste erregt,
wie das zuweilen mit Menschen geschieht, die einen schwachen Charakter
haben, wenn man die Grenze überschreitet und ihre letzte Geduld endlich
einmal „reißt“, wie man zu sagen pflegt. Doch ihre Heftigkeit vergeht
gewöhnlich ebenso schnell, wie ein Strohfeuer verbrennt. Und so war es
auch hier. „Ich will nur sagen,“ fuhr mein Onkel fort, „ich will nur
sagen, Anfissa Petrowna, daß ich keinen beleidige. Ich bin der erste,
der da sagt, daß Foma Fomitsch der edelste, ehrlichste Mensch ist und
zum Überfluß auch noch ein Mensch von höchster Begabung; aber ... aber
in diesem Fall hat er – unrecht an mir gehandelt.“
„Hm!“ machte Pawel Obnoskin, wie um meinen Onkel noch mehr zu reizen.
„Pawel Ssemjonytsch, ums Himmels willen, Pawel Ssemjonytsch! Glauben Sie
denn wirklich, daß ich sozusagen ein gefühlloser Pfosten bin? Sehe ich
doch, begreife ich doch – mit wehem Herzen, kann man sagen, fühle ich es
–, daß alle diese Mißverständnisse nur _seiner übergroßen Liebe_ zu mir
entspringen. Aber sagen Sie, was Sie wollen, diesmal ist er dennoch im
Unrecht. Ich werde alles erzählen. Ich will jetzt, Anfissa Petrowna, den
ganzen Sachverhalt klarlegen, ganz ausführlich, damit alle sehen, wie es
gekommen ist, und ob meine Mutter recht tut, wenn sie mir deshalb böse
ist, weil ich Foma Fomitschs Wunsch nicht erfüllt habe. Auch du hör mich
an, Sserjosha,“ fügte er hinzu, sich zu mir wendend, was er übrigens
während seiner ganzen Erzählung wiederholt tat, und zwar so, als hätte
er die anderen Zuhörer gefürchtet oder wenigstens an ihrem Mitgefühl
gezweifelt, – „hör auch du mich an und urteile dann, ob ich im Recht bin
oder im Unrecht. Sieh, die Sache begann so: vor einer Woche – ja, genau
vor einer Woche – fuhr hier durch unser Nachbarstädtchen mein früherer
Regimentskommandeur, General Russapetoff, mit seiner Gemahlin und
Schwägerin. Hielt sich eine Zeitlang auf. Ich war natürlich hocherfreut,
benutzte die Gelegenheit, fuhr hin, stellte mich vor und lud sie zu mir
zu einem Diner ein. Er sagte zu, er werde kommen, wenn es seine Zeit
irgendwie erlaubte. Weißt du, ein durch und durch edler Charakter, das
sage ich dir, Aristokrat, hoher Würdenträger! Und wieviel Gutes er getan
hat! Zum Beispiel seiner Schwägerin! Außerdem hat er eine Waise mit
einem vorzüglichen jungen Menschen verheiratet – jetzt ist derselbe Koch
in Malinowo, ein noch junger Mensch, aber mit einer, fast könnte man
sagen, Universitätsbildung! – Kurz, der Alte ist ein General unter den
Generälen! Nun, bei uns, versteht sich, gab’s viel zu tun, Gepolter
und Geklapper, Köche, Frikassees. Ich bestelle Musik. Nun,
selbstverständlich bin ich guter Laune, freue mich und sehe aus wie ein
Geburtstagskind. Das aber gefiel Foma Fomitsch nicht, daß ich wie ein
Geburtstagskind aussah! Er saß bei Tisch – es wurde gerade sein
Lieblingsgericht, eines mit Sahne, gereicht, das weiß ich noch ganz
genau – er aber saß, schwieg, schwieg ... und plötzlich springt er auf:
‚Man beleidigt mich, man beleidigt mich!‘ schreit er. – ‚Aber wieso,‘
frage ich, ‚wieso beleidigt man dich denn, Foma Fomitsch?‘ – ‚Sie,‘ sagt
er, ‚Sie vernachlässigen mich jetzt, Sie beschäftigen sich jetzt nur mit
Generälen, Ihnen sind Generäle wertvoller und lieber als ich!‘ Ich gebe
die Szene jetzt selbstverständlich nur in kurzen Worten wieder,
sozusagen nur die springenden Punkte, nur das Wesen der Sache. Aber wenn
du zu hören wünschest, was er damals noch alles sagte, so ... nun, mit
einem Wort, er erschütterte meinen ganzen Menschen! Was soll man tun?
Ich bin natürlich ganz niedergeschmettert. Es hatte mich doch gar zu
sehr getroffen. Ich versinke wie ein nasser Hahn. Der feierliche Tag
bricht an. Da schickt der General die Nachricht, daß er leider
verhindert sei zu kommen: muß abreisen. Entschuldigt sich vielmals, –
also: es gibt nichts! Ich sofort zu Foma: ‚Nun, Foma,‘ sage ich,
‚beruhige dich! Er kommt nicht!‘ Aber was glaubst du? Er verzeiht mir
nicht. Mach, was du willst – er verzeiht nicht! ‚Man hat mich
beleidigt!‘ sagte er und dabei bleibt er. Ich rede. So und so. ‚Nein,‘
sagt er, ‚gehen Sie zu Ihren Generälen. Ihnen liegen die Generäle näher
am Herzen als ich – Sie haben die Bande der Freundschaft,‘ sagt er,
‚zerrissen!‘ Großer Gott! Ich begreife ja doch, weshalb er sich ärgert!
Ich bin doch kein Holzklotz, kein Esel, kein Schaf! Er hat es doch nur
aus übergroßer Liebe zu mir getan, sozusagen aus Eifersucht – er sagt es
ja selbst, daß er auf den General eifersüchtig sei, meine Neigung zu
verlieren fürchte, mich prüfen und wissen wolle, was ich für ihn zu
opfern fähig und bereit wäre. ‚Nein,‘ sagt er, ‚ich bin für Sie
gleichfalls ein General, bin gleichfalls – für Sie! – Exzellenz! Werde
mich nicht früher mit Ihnen aussöhnen, als bis Sie mir die mir
zukommende Ehre erweisen.‘ – ‚Womit,‘ frage ich, ‚womit soll ich dir
denn meine Hochachtung – meine Höchstachtung ausdrücken, Foma Fomitsch?‘
– ‚Nun, nennen Sie mich,‘ sagt er, ‚einen ganzen Tag nur Ew. Exzellenz,
damit werden Sie mir dann Ihre Hochachtung ausdrücken.‘ Ich fiel aus den
Wolken! Man kann sich meine Verwunderung denken! ‚Ja,‘ sagt er, ‚das
wird Ihnen als Lehre dienen, damit Sie sich hinfort nicht mehr für
Generäle begeistern, wenn auch andere vielleicht noch würdiger sind, als
alle Ihre Generäle zusammengenommen!‘ Na, da hielt ich es aber denn doch
nicht mehr aus, das muß ich gestehen! Gestehe es sogar ganz offen! ‚Foma
Fomitsch,‘ sagte ich, ‚ist denn das überhaupt möglich, was du verlangst?
Wie kann ich denn auf so etwas eingehen? Wie kann ich denn ... und habe
ich denn überhaupt das Recht, dich zum General, zur Exzellenz zu machen?
Denk doch nur, in wessen Macht allein das gelegt ist! Das wäre doch
sozusagen ein Attentat auf die Majestät des Gesetzes! Wie, wie soll ich
dich denn Ew. Exzellenz betiteln? Ein General dient doch seinem
Vaterlande: er gibt für dasselbe sein Leben im Kriege hin, er vergießt
sein Blut auf dem Felde der Ehre, er kämpft mit dem Feinde seines
Volkes! Und du verlangst nun, daß ich dir denselben Ehrentitel geben
soll, der nur ihm mit Recht zukommt?‘ Foma aber gab nicht nach! ‚Ich
werde dir alles zu Gefallen tun,‘ fuhr ich fort, ‚alles, was du nur
willst. Da hast du gewünscht, daß ich meinen Backenbart abnehme, da er
wenig patriotisch sei, – ich habe ihn abgenommen, habe zwar geseufzt,
aber habe ihn trotzdem abgenommen. Und mehr noch: ich werde alles, alles
tun, was du wünschst, nur verzichte auf diesen Generalstitel!‘ – ‚Nein,‘
sagte er, ‚so werde ich mich nicht eher mit dir versöhnen, als bis man
mich Exzellenz nennt. Das wird,‘ sagte er, ‚Ihrer Moral zugute kommen:
es wird Ihren hoffärtigen Geist demütigen!‘ sagt er. Und nun ist es
schon eine Woche her, eine ganze Woche spricht er nicht mit mir, und
über jeden Besuch, wer es auch sei, ärgert er sich. Als er von dir
hörte, daß du gelehrt seist – es war meine Schuld: ich sagte es ganz
zufällig, als das Gespräch auf dich kam, so im Eifer, weißt du – da
sagte er, daß er nicht länger hier im Hause bleiben werde von dem
Augenblick an, in dem du das Haus betrittst. ‚Also bin ich jetzt in
euren Augen nicht mehr gelehrt!‘ sagt er. Und was wird es erst geben,
wenn er von Korowkin erfährt! Erbarm dich doch, urteile doch selbst, was
habe ich denn nun verbrochen? Soll ich mich denn wirklich entschließen,
ihn ‚Exzellenz‘ zu nennen? Wie soll man es denn aushalten in einer
solchen Lage? Und weshalb hat er denn heute den armen Bachtschejeff vom
Tisch fortgejagt? Nun schön, Bachtschejeff hat nicht die Astronomie
erfunden, aber auch ich hab es ja nicht und auch du hast es ja nicht
getan ... Nun also, aus welchem Grunde, weshalb, weshalb?“
„Eben aus dem Grunde, weil du neidisch bist, Jegoruschka,“ stieß die
Generalin durch die Zähne hervor.
„Mutter!“ rief mein Onkel in seiner Verzweiflung aus, „Sie bringen mich
um meinen letzten Verstand! ... Sie sprechen ja nicht ihre eigenen Worte
– Sie sprechen ja fremde Worte nach, Mama! Ich werde zu guter Letzt nur
noch zu einem Balken, einem Laternenpfahl werden, aber nicht mehr Ihr
Sohn sein!“
„Ich habe gehört, Onkel,“ begann ich, noch ganz benommen von dem
Gehörten, „ich habe unterwegs von Herrn Bachtschejeff gehört – ich weiß
allerdings nicht, ob es sich so verhält –, daß Foma Fomitsch Ihren
Iljuscha um den bevorstehenden Namenstag beneide und nun behaupte, daß
morgen auch sein Namenstag sei. Ich gestehe, daß dieser merkwürdige
Charakterzug mich dermaßen in Erstaunen gesetzt hat, daß ich ...“
„Sein Geburtstag, Freund, sein Geburtstag ist morgen, nicht sein
Namenstag, nur sein Geburtstag!“ unterbrach mich mein Onkel eifrig. „Er
hat sich nur etwas anders ausgedrückt, aber er hat vollkommen recht:
morgen ist sein Geburtstag. Zuerst, Freund, sagte er wohl ...“
„Durchaus nicht sein Geburtstag!“ rief plötzlich Ssaschenjka dazwischen.
„Wie denn nicht?“ fragte mein Onkel mit gesträubtem Haar.
„Gar nicht sein Geburtstag, Papa! Sie sagen einfach die Unwahrheit, um
sich selbst zu betrügen und Foma Fomitsch herauszureißen! Sein
Geburtstag war doch schon im März. – Sie wissen doch noch, wie wir am
Tage vorher zum Gottesdienst ins Kloster fuhren, und er keinen in der
Equipage in Frieden sitzen ließ: er schrie die ganze Zeit, daß das
_Kissen_ ihm die Seite _eingedrückt_ habe, und kniff dabei die anderen.
Tantchen hat er in seiner Wut zweimal gekniffen! Und dann, als wir am
Geburtstage zu ihm gingen, um zu gratulieren, da wurde er wieder wütend,
weil in unserem Bukett keine Kamelien waren. ‚Ihr wißt, daß ich Kamelien
liebe,‘ sagte er; ‚denn ich habe den Geschmack der vornehmen Welt, euch
aber ist es nicht der Mühe wert gewesen, für mich in der Orangerie
welche abzuschneiden, sie sind wohl zu schade gewesen für mich.‘ Und den
ganzen Tag war er eigensinnig und launisch wie ein ungezogener Bengel,
und wollte mit keinem von uns ein Wort sprechen! ...“
Ich glaube, selbst wenn eine Bombe mitten im Zimmer explodiert wäre,
hätte sie die Anwesenden doch nicht so erschreckt und aufgeregt, wie es
diese offene Empörung tat – und die Empörung wessen? – eines kleinen
Mädchens, dem sonst in der Anwesenheit der Großmutter nicht einmal laut
zu sprechen gestattet wurde! Die Generalin erhob sich, stumm vor
Verwunderung und Entrüstung zugleich, richtete sich kerzengerade auf und
sah ihr Enkeltöchterchen an, als traue sie ihren Augen nicht. Mein Onkel
wurde blaß.
„So ein verzogenes Ding! Man will hier wohl die Großmutter mit Gewalt
umbringen!“ stieß die Perepelizyna wutzischend hervor.
„Ssaschenjka, Ssaschenjka, besinne dich! Was ist mit dir, Ssaschenjka?“
rief mein Onkel in höchster Erregung seiner Tochter zu, wußte aber
nicht, was er tun sollte.
„Ich will nicht mehr schweigen, Papa!“ schrie Ssaschenjka, die plötzlich
vom Stuhl aufsprang und mit den Füßen trampelte. Ihre hübschen Augen
sprühten nur so vor Zorn. „Ich will nicht mehr schweigen! Wir haben alle
lange genug unter diesem Foma Fomitsch gelitten, unter eurem
schändlichem scheußlichen Foma Fomitsch! Denn Foma Fomitsch wird uns
alle zugrunde richten. Ihm wird ja nichts anderes vorgesungen, als daß
er brav und gut und edel und gelehrt und die Vereinigung aller Tugenden
der Welt sei, ein wahres Potpourri von Tugenden! Foma Fomitsch aber
glaubt wie ein Esel alles, was man ihm sagt! Es sind ihm so viel süße
Schüsseln vorgesetzt worden, daß ein anderer sich schämen würde, Foma
Fomitsch aber hat alles aufgegessen, was nur vor ihn hingesetzt worden
ist, und will immer noch mehr haben! Ihr werdet sehen, er wird uns alle
auffressen! Und schuld daran ist Papa! Schändlich, schändlich ist Foma
Fomitsch, das sage ich dreist und fürchte nichts! Er ist dumm,
eigensinnig, ein Schmutzfink ist er, ein niedriger, herzloser Mensch,
ein Tyrann, eine Klatschbase, ein erbärmlicher Lügner ... Ach, ich würde
ihn sofort, sofort hinausjagen, Papa aber vergöttert ihn, Papa ist ja
ganz vernarrt in ihn!“
Da ertönte ein „Ach!“ und die Generalin fiel in Ohnmacht – d. h.
behutsam auf das Sofa.
„Oh, mein Täubchen, Agafja Timofejewna, mein Engel!“ flötete sofort
hilfsbereit Anfissa Petrowna Obnoskina, „nehmen Sie mein Flakon! Wasser,
schnell Wasser!“
„Wasser, Wasser!“ schrie nun auch mein Onkel. „Mama, Mamachen, beruhigen
Sie sich! Ich flehe Sie auf den Knien an, beruhigen Sie sich! ...“
„Man müßte Sie bei Brot und Wasser in ein dunkles Zimmer setzen ...
diese Menschenmörderin!“ schrie die Perepelizyna zitternd vor Wut
Ssaschenjka an.
„Gut, ich werde nur von Brot und Wasser leben, ich fürchte mich nicht
davor!“ rief Ssaschenjka zur Antwort zurück, in heller Begeisterung.
„Ich verteidige nur meinen Papa! Mein Papa versteht nicht, sich selbst
zu verteidigen! Was ist euer Foma Fomitsch gegen meinen Papa, was ist
er? Er ißt Papas Brot und wagt es, Papa zu erniedrigen! Dieser
Unverschämte! Ich würde ihn in Stücke zerreißen, euren ganzen Foma
Fomitsch! Ich würde ihn zum Duell fordern und ihn auf der Stelle aus
zwei Pistolen mausetot schießen ...“
„Ssaschenjka, Ssaschenjka!“ flehte ihr Papa. „Noch ein Wort – und ich
bin verloren, unwiderruflich verloren!“
„Papachen!“ Ssaschenjka lief zu ihm hin, umarmte krampfhaft seinen Hals
und brach in Tränen aus. „Papachen! Sie guter, lieber, lustiger, kluger
Papa, wie können Sie sich nur so erniedrigen lassen! Wie können _Sie_,
_Sie_ sich diesem schändlichen, undankbaren Menschen so unterordnen, wie
können Sie sein Spielzeug sein und sich so lächerlich machen! Papachen,
mein gutes, goldenes Papachen! ...“
Da schluchzte sie auf, bedeckte das Gesicht mit den Händen und lief aus
dem Zimmer.
Die Aufregung war unbeschreiblich. Die Generalin lag in tiefer Ohnmacht.
Ihr Sohn, der fast vierzigjährige Oberst, kniete vor dem Sofa und küßte
ihre Hände. Fräulein Perepelizyna machte sich in der Nähe der Liegenden
zu schaffen und warf böse, doch triumphierende Blicke auf uns. Anfissa
Petrowna Obnoskina befeuchtete mit einem nassen Tuch die Schläfen der
Generalin und hantierte mit ihrem Flakon. Praskowja Iljinitschna
zitterte und weinte lautlos. Jeshowikin suchte einen Winkel, wo er sich
hätte verstecken können, und die Erzieherin stand bleich und wie
verloren vor ihrem Stuhl. Nur Misintschikoff, mein Vetter dritten
Grades, blieb, wie er war: er stand bloß auf, trat schweigend ans
Fenster und begann seelenruhig hinauszuschauen, ohne dem ganzen Vorgang
auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken.
Da erhob sich plötzlich die Generalin aus der Ohnmacht, sie erhob sich
auch vom Sofa, erhob sich und richtete sich sogar auf und maß mich mit
drohendem Blick.
„Hinaus!“ rief sie plötzlich und stampfte mit dem Fuß auf.
Offen gestanden: ich hatte alles eher erwartet als das.
„Hinaus! Hinaus aus diesem Hause! Hinaus! Wozu ist er hergekommen? Daß
sein Atem nicht mehr hier zu spüren sei! Hinaus!“
„Aber Mama! Wie kommen Sie darauf! Das ist doch Sserjosha!“ stotterte
mein Onkel – wenn ich mich nicht täusche, zitterte er am ganzen Körper.
„Aber er ist doch zu uns zu Besuch gekommen, Mama!“
„Was für ein Sserjosha? Unsinn! Ich will nichts hören – hinaus! Das ist
Korowkin! Ich bin überzeugt, daß es Korowkin ist! Meine Ahnung täuscht
mich nicht! Er ist hergekommen, um Foma Fomitsch zu verdrängen, nur zu
diesem Zweck hat man ihn hergerufen! Mein Herz fühlt es ... Hinaus,
Elender!“
„Lieber Onkel, wenn es so ist,“ begann ich mit einer Stimme, in der
ehrlicher Unwille bebte, „wenn es so ist, dann werde ich ...
entschuldigen Sie mich ...“ Und ich wollte mich nach meinem Hut umsehen.
„Ssergei, aber so hör doch, Ssergei, was tust du! ... Da ist nun dieser
... Mama! das ist doch Sserjosha! ... Ssergei, besinne dich!“ Er holte
mich mit schnellen Schritten ein, um mich zurückzuhalten. „Du bist mein
Gast, du wirst hierbleiben, ich will es! Sie sagt es ja nur so!“ fügte
er halblaut hinzu, „das ist ja nur, weil sie sich ärgert ... Nur jetzt,
in der ersten Zeit, wäre es vielleicht besser, wenn du dich etwas
unsichtbar machtest ... nur eine Zeitlang – und alles wird wieder gut
sein! Sie wird dir bestimmt verzeihen, – ich versichere dich! Sie ist ja
doch ein guter Mensch ... Das war ja nur so ... sie hat sich versprochen
... Du hörst doch, sie hält dich für Korowkin, aber sie wird es
vergessen und wird verzeihen, glaube mir! ... Was willst du?“ rief er
plötzlich dem alten Gawrila zu, der in diesem Augenblick furchtzitternd
ins Zimmer trat.
Gawrila kam nicht allein: ihm folgte ein etwa sechzehnjähriger Knabe vom
Gesinde, der, wie ich später erfuhr, wegen seiner Schönheit ins
Herrenhaus genommen worden war. Er hieß Falalei. Mir fiel sofort seine
Kleidung auf: er trug eine rotseidene russische Bluse, die um den Hals
herum ausgenäht war, einen Gürtel aus breiten Goldtressen, schwarze,
weite Pluderhosen und bocklederne Stiefel mit roten saffianledernen
Stulpen. Dieses Kostüm hatte die Generalin persönlich für ihn
ausgedacht. Der Knabe weinte bitterlich, und die Tränen rollten eine
nach der anderen aus seinen hübschen, blauen Augen über seine roten
Backen.
„Was hat denn das zu bedeuten?“ rief mein Onkel. „Was ist geschehen? So
sprich doch, Junge!“
„Foma Fomitsch haben geruht, uns herzubefehlen,“ antwortete betrübt
Gawrila. „Mich zum Examen und ihn ...“
„Und ihn?“
„Er hat getanzt!“ war Gawrilas weinerliche Antwort.
„Getanzt!“ Entsetzen drückte sich auf dem Gesicht meines Onkels aus.
„Ge–e–e–tanz–t!“ brüllte Falalei schluchzend und schluckend.
„Die Kamarinskaja?“
„Die Kama–a–arinskaja!“
„Und Foma Fomitsch hat dich dabei ertappt?“
„Erta–appt!“
„Das hat gerade noch gefehlt!“ stöhnte mein Onkel. „Jetzt bin ich
verloren!“ Und er faßte sich mit beiden Händen an den Kopf.
Da trat der Diener Widopljässoff ins Zimmer und meldete:
„Foma Fomitsch.“
Die Tür ging auf, und Foma Fomitsch erschien in eigener Person vor dem
ratlosen Publikum.