Beim Tee.
Der Teesalon war dasselbe Zimmer, aus dem eine Glastür auf jene Terrasse
führte, auf der ich kurz vorher den Diener Gawrila angetroffen hatte.
Die geheimnisvollen Warnungen meines Onkels bezüglich des Empfanges, der
mich erwartete, beunruhigten mich nicht wenig. Um so unangenehmer war es
mir, als ich, nachdem ich kaum über die Schwelle getreten war, plötzlich
über einen Teppich stolperte und, indem ich zum Glück gerade noch das
Gleichgewicht bewahrte, immerhin ganz unverhofft bis in die Mitte des
Zimmers flog. So stand ich denn, betreten, als hätte ich im Augenblick
meine ganze Lebenslaufbahn, Ehre und guten Ruf verspielt, regungslos,
rot wie ein Krebs und mit verständnislosem Blick rings um mich schauend,
geraume Zeit mitten im Zimmer auf einem Fleck. Ich erwähne diesen an
sich ganz gleichgültigen Zwischenfall einzig aus dem Grunde, weil er von
einem gewissen Einfluß auf meine Gemütsverfassung im Verlaufe des ganzen
Tages war und somit auch auf mein Verhalten zu einigen der handelnden
Personen meiner Erzählung. Ich versuchte, so etwas wie eine Verbeugung
zu machen; doch noch bevor ich sie ausgeführt hatte, stürzte ich zu
meinem Onkel und erfaßte seine beiden Hände.
„Guten Tag, Onkel,“ sagte ich atemlos, obgleich ich etwas ganz anderes,
viel Geistreicheres hatte sagen wollen ... aber ohne es zu wollen, hatte
ich schon dieses dumme „Guten Tag, Onkel“ gesagt!
„Guten Tag, guten Tag, mein lieber, junger Freund,“ antwortete mein
Onkel, der sichtlich mit mir litt, „wir ... wir haben uns ja schon so
oft gesehen. Sei doch nicht so verlegen,“ fuhr er leise fort, so daß nur
ich es hörte, „das kann ja jedem Menschen passieren! Ich verstehe ja:
zuweilen wäre man froh, wenn man sich unter die Erde verkriechen könnte
... Nun, jetzt aber ... erlauben Sie, Mama, daß ich Ihnen hier meinen
Gast vorstelle ... Sie werden ihn sicherlich liebgewinnen. Mein Neffe,
Ssergei Alexandrowitsch,“ sagte er zur Erläuterung, sich diesmal an alle
Anwesenden wendend.
Doch bevor ich die folgenden Ereignisse wiedergebe, will ich diese ganze
Gesellschaft, in die ich mich so plötzlich hineinversetzt sah, dem Leser
etwas deutlicher vor Augen führen.
Sie bestand aus mehreren Damen und nur zwei Herren – mich und meinen
Onkel nicht mitgerechnet. Foma Fomitsch, für den ich mich so überaus
interessierte, und der – das fühlte ich bereits – der unumschränkte
Herrscher des ganzen Hauses war, befand sich nicht im Zimmer: er glänzte
durch Abwesenheit und hatte, wie es schien, das Sonnenlicht gleichzeitig
mit sich fortgenommen; denn alle waren finster, sorgenvoll und
bekümmert, was man unmöglich nicht herausfühlen konnte. Aber wie
verwirrt und erregt ich in diesem Augenblick auch war, ich bemerkte
doch, daß mein Onkel fast ebenso erregt und verwirrt war wie ich, wenn
er auch alles tat, um seinen wahren Zustand und seine Sorgen hinter
scheinbarer Ungezwungenheit zu verbergen. Es schien so etwas wie ein
schwerer Stein auf seinem Herzen zu liegen.
Der eine der beiden anwesenden Herren, ein noch junger Mann von etwa
fünfundzwanzig Jahren, war jener Obnoskin, dessen Verstand und strenge
Moral mein Onkel noch kurz vorher gerühmt hatte. Leider gefiel er mir
äußerst wenig: alles an ihm lief schließlich auf einen gewissen „Schick“
– jedoch schlechten Tones – hinaus; sein Anzug sah bei allem „Schick“
doch fadenscheinig und ärmlich aus, und selbst in seinem Gesicht schien
etwas Fadenscheiniges zu sein. Sein hellblonder, spärlicher Schnurrbart
und sein zerzaustes Bärtchen sollten an ihm offenbar einen selbständig
denkenden Menschen und vielleicht sogar einen Freigeist kennzeichnen. Er
schnitt die ganze Zeit Grimassen, lächelte mit einer ganz besonderen,
gemachten Boshaftigkeit, saß keinen Augenblick ruhig auf seinem Stuhl
und fixierte mich beständig durch ein Lorgnon – dessen er sich, wie
jeder zeitgenössische Modenarr, bediente. Kehrte ich mich jedoch zu ihm
um, so senkte er es mit einer neuen Grimasse sofort, ganz als wäre er zu
feige gewesen, mich offen zu fixieren. Der andere Herr war auch noch
jung, ungefähr so um achtundzwanzig: es war dies mein Vetter dritten
Grades, Herr Misintschikoff. Er war allerdings auffallend schweigsam.
Während der ganzen Teestunde sprach er kein einziges Wort, lachte er
kein einziges Mal, auch dann nicht, wenn alle lachten; doch konnte ich
keine Spur von jener Schüchternheit an ihm wahrnehmen, die mein Onkel an
ihm bemerkt haben wollte; im Gegenteil, ich fand, daß der Blick seiner
hellbraunen Augen Entschlossenheit und einen sehr bestimmten Charakter
verriet. Er hatte eine dunkle Gesichtsfarbe, fast schwarzes Haar und war
eigentlich recht hübsch; gekleidet war er tadellos – auf Rechnung meines
Onkels, wie ich später erfuhr. Von den Damen fiel mir ganz zuerst
Fräulein Perepelizyna dank ihres erschreckend bösen, blutleeren Gesichts
auf. Sie saß neben der Generalin, – auf die ich später zu sprechen
kommen werde –, jedoch stand ihr Stuhl nicht ganz in gleicher Reihe mit
dem der alten Dame, sondern aus Ehrerbietung etwas zurück. Sie beugte
sich jeden Augenblick vor, um ihrer Gönnerin etwas ins Ohr zu tuscheln.
Drei andere bejahrte Gnadenbrotesserinnen saßen vollkommen wortlos,
starr und steif an der Fensterwand und erwarteten ehrfürchtig ihre Tasse
Tee, alle sechs Augen andächtig auf die Generalin gerichtet. Auch
interessierte mich eine nicht allein dicke, sondern förmlich
ausgeflossene Dame von rund fünfzig Jahren, die sehr geschmacklos und
auffallend gekleidet und, wenn ich mich nicht täusche, sogar geschminkt
war. Im Munde hatte sie statt der Zähne nur noch einige dunkle,
abgebrochene Zahnstummeln, was sie jedoch nicht hinderte, in einem fort
den Mund aufzureißen, schreiend laut zu sprechen, sich zu zieren und zu
kokettieren. Sie war mit vielen Ketten und Kettchen behangen und
richtete, ganz wie Monsieur Obnoskin, fortwährend ihr Lorgnon auf mich.
Es war das seine Mutter. Meine Tante, die stille Praskowja Iljinitschna,
goß den Tee ein. Man sah es ihr an, daß sie mich nach der langen
Trennung am liebsten hätte umarmen, küssen, und daß sie bei der
Gelegenheit selbstverständlich auch hätte weinen wollen – aber sie wagte
es nicht. Alles schien hier gleichsam unter einem Verbot zu stehen.
Neben ihr saß ein allerliebstes, dunkeläugiges, fünfzehnjähriges
Mädchen, das mich aufmerksam mit kindlicher Neugier ansah – das war mein
Kusinchen Ssaschenjka. Endlich bemerkte ich noch eine sehr sonderbare
Dame, die vielleicht die auffallendste von allen war: reich und sehr
jugendlich gekleidet, obschon sie längst nicht mehr jung zu sein schien:
ich schätzte sie auf mindestens fünfunddreißig Jahre. Ihr Gesicht war
sehr farblos, hager und geradezu ausgetrocknet, doch nichtsdestoweniger
von ungewöhnlich lebhaftem Ausdruck. Fast bei jeder Bewegung, jeder
Erregung erschien flammendes Rot auf ihren bleichen Wangen. Dabei regte
sie sich ununterbrochen auf, drehte sich auf dem Stuhl hin und her und
schien nicht eine Minute ruhig sitzen zu können. Sie betrachtete mich
mit geradezu gieriger Neugier, beugte sich in jedem Augenblick zur
Seite, um Ssaschenjka oder ihrer Nachbarin zur Linken etwas ins Ohr zu
flüstern, worauf sie dann jedesmal in ein offenherziges, kindlich
heiteres Lachen ausbrach. Doch dieses ganze auffallende Benehmen der
Dame wurde zu meiner nicht geringen Verwunderung von keinem einzigen der
Anwesenden bemerkt, oder wenigstens schien man es nicht bemerken zu
wollen, ganz als hätte man schon früher ein vollkommenes Ignorieren
verabredet. Ich erriet, daß dieses Geschöpf jene Tatjana Iwanowna war,
die nach dem Ausdruck meines Onkels etwas „Phantasmagorisches“ an sich
haben sollte, und die ihm fast mit Gewalt als Braut angehängt wurde.
Wegen ihres Reichtums sahen ihr die alten Damen alles nach und waren
überhaupt sehr liebenswürdig zu ihr. Übrigens gefielen mir ihre blauen
Augen, die einen gewissen sanften Ausdruck hatten, und wenn man auch an
den Schläfen kleine Runzeln wahrnehmen konnte, so war der Blick doch so
offenherzig, so heiter und gut, daß es ganz eigenartig angenehm war, ihm
zu begegnen. Von dieser Tatjana Iwanowna, einer der buchstäblichen
„Heldinnen“ meiner Erzählung, werde ich späterhin noch ausführlicher
sprechen – ihre Lebensgeschichte ist recht seltsam.
Fünf Minuten nach meinem Erscheinen im Teesalon kam aus dem Garten ein
allerliebster kleiner Junge hereingelaufen; das war mein Vetter
Iljuscha, dessen Namenstag am nächsten Tage gefeiert werden sollte, und
dessen Taschen jetzt schon mit Kuchen vollgestopft waren. In der einen
Hand hielt er eine Peitsche, in der anderen einen Brummkreisel. Gleich
nach ihm trat ein junges, schlankes Mädchen ein: sie war ein wenig
bleich und anscheinend etwas müde, aber dennoch sah sie reizend aus. Sie
warf einen prüfenden, mißtrauischen und etwas scheuen Blick auf die
Anwesenden, sah mich einmal kurz und aufmerksam an und setzte sich dann
neben Tatjana Iwanowna hin. Ich weiß noch, daß mein Herz unwillkürlich
zu klopfen begann: das war sie, die Erzieherin ... Auch entsinne ich
mich noch, daß mein Onkel bei ihrem Eintritt mir einen schnellen Blick
zuwarf und gleich darauf errötete, sich dann plötzlich niederbeugte,
seinen Iljuscha auf den Arm hob und ihn zu mir brachte: ich sollte ihn
begrüßen und küssen. Bei der Gelegenheit fiel es mir auf, daß Frau
Obnoskin meinen Onkel durchdringend musterte, um dann mit einem
sarkastischen Lächeln ihr Lorgnon auf die Erzieherin zu richten. Mein
Onkel wußte nicht, was er tun sollte, und so rief er denn Ssaschenjka zu
sich, um sie mir vorzustellen, doch diese stand nur auf und machte
schweigend und mit aller Wohlerzogenheit einen Knicks vor mir. Das
gefiel mir übrigens sehr; denn es paßte zu ihr. Da aber konnte sich
meine gute Tante Praskowja Iljinitschna nicht mehr bezwingen: sie ließ
ihre Teetassen stehen und stürzte auf mich zu, um mich zu umarmen – doch
siehe, noch hatte ich nicht Zeit gehabt, ihr zwei Worte zu sagen, als
schon die schrille Stimme der alten Jungfer Perepelizyna ertönte, die
vorwurfsvoll und stellenweise förmlich kreischend bemerkte, daß
Praskowja Iljinitschna ihr Mütterchen (die Generalin) ganz und gar
vergesse, das Mütterchen aber habe doch Tee verlangt und müsse jetzt so
lange warten! Und so eilte denn Praskowja Iljinitschna zu ihren Tassen
und Pflichten zurück, ohne mit mir nur ein Wort gewechselt zu haben.
Diese Generalin nun, die Hauptperson im Kreise ihrer Freundinnen, vor
der alle sich wie auf Draht gezogen bewegten, und die ganz in Trauer
gehüllt dasaß, war eine hagere, böse, alte Person – böse vornehmlich vor
Alter und infolge der Einbuße ihrer letzten, auch früher niemals sehr
reichen geistigen Fähigkeiten. Früher war sie einfach nur launisch
gewesen, dann aber hatte sie der Titel „Exzellenz“ noch dümmer und noch
eingebildeter gemacht. Wenn sie sich ärgerte, machte sie das Haus zur
Hölle. Sie hatte zwei Arten, sich zu ärgern. Die eine Art war –
Schweigen; dann tat die Alte ganze Tage lang kein einziges Mal den Mund
auf und stieß alles, was man ihr vorsetzte, entweder wie aus Versehen
um, oder warf es ganz offen und wütend auf den Fußboden. Die andere Art
war dieser vollkommen entgegengesetzt: nämlich wortreich. Es begann
gewöhnlich damit, daß meine verehrte Großmutter sich in ungewöhnliche
Melancholie versenkte, das Ende der Welt und ihres Hauses erwartete,
Armut und alles nur denkbare Elend voraussah, sich an ihren eigenen
Vorgefühlen in Stimmung redete, die zukünftigen Leiden an den Fingern
abzuzählen begann, während dieser Zählung in eine gewisse Begeisterung
geriet und aus dieser Begeisterung schließlich in förmlichen Jähzorn.
Bei der Gelegenheit stellte es sich dann natürlich immer heraus, daß sie
alles inzwischen Eingetroffene vorausgesehen und nur aus dem einen
Grunde geschwiegen hatte, weil sie doch mit Gewalt dazu gezwungen werde,
„in diesem Hause“ zu schweigen. Wenn man doch „wenigstens ehrerbietig“
zu ihr sein und ihr „im voraus gehorchen“ wollte, so ... usw. Alle
derartigen Reden wurden sogleich von dem ganzen Stabe ihrer
Anhängerinnen, Fräulein Perepelizyna an der Spitze, als
unerschütterliche, ewige Wahrheit anerkannt und zum Schluß noch von Foma
Fomitsch feierlich begutachtet und gesegnet. In jenem Augenblick, als
ich ihr vorgestellt wurde, ärgerte sie sich gerade entsetzlich, und zwar
nach der ersten Methode, der schweigsamen – und furchtbarsten. Alle
sahen sie angstvoll an. Nur Tatjana Iwanowna, der unbedingt alles
verziehen wurde, befand sich in der besten Stimmung.
Da führte mich mein Onkel – fast sogar wie im Triumph – zu meiner
Großmutter, doch diese machte nur eine äußerst saure Miene und schob
heftig ihre Tasse zur Seite.
„Ist das jener Vol-ti-geur?“ fragte sie in singendem Nasalton, sich
dabei an Fräulein Perepelizyna wendend.
Diese dumme Frage brachte mich gänzlich aus der Fassung. Ich begriff
nicht, weshalb sie mich einen Voltigeur nannte. Doch solche Fragen waren
noch nichts, im Vergleich zu anderen Beleidigungen, mit denen die alte
Dame niemals kargte. Die Perepelizyna beugte sich vor und tuschelte ihr
etwas ins Ohr, die Alte aber schlug nur einmal, unwillig abweisend, mit
der Hand durch die Luft. Ich stand mit halb offenem Munde vor ihr und
blickte fragend meinen Onkel an. Alle tauschten vielsagende Blicke aus,
und Obnoskin lächelte sogar, was mir sehr wenig gefiel.
„Sie, weißt du, sie verspricht sich manchmal,“ raunte mir mein Onkel
unauffällig zu; „aber das tut ja nichts, sie sagt es nur so, es kommt
aus gutem Herzen. Sieh immer nur aufs Herz, immer aufs Herz, das ist die
Hauptsache!“
„Ja, das Herz, das Herz!“ ertönte da plötzlich die helle Stimme Tatjana
Iwanownas, die mich die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen hatte
und tatsächlich nicht ruhig auf ihrem Platz zu sitzen vermochte.
Offenbar hatte sie die letzten mir zugeraunten Worte aufgefangen. Doch
sie sprach ihren Gedanken nicht zu Ende, obgleich sie augenscheinlich
etwas sagen wollte. Wurde sie nun verlegen, oder war es etwas anderes –
jedenfalls verstummte sie, errötete heftig, beugte sich hastig zur
Erzieherin, flüsterte ihr etwas ins Ohr und plötzlich warf sie sich, das
Taschentuch an die Lippen pressend, an ihre Stuhllehne zurück und
lachte, lachte, wie nur ein hysterischer Mensch lachen kann. Ich schaute
mich höchst verwundert im Kreise um: und ich gewahrte zu meiner noch
größeren Verwunderung, daß alle sehr ernst waren und so dreinschauten,
als wäre nichts Besonderes geschehen. Da begriff ich, wer und was
Tatjana Iwanowna war. Endlich erhielt auch ich meinen Tee und kam wieder
ein wenig zur Besinnung. Doch weiß ich nicht, aus welchem Grunde ich
plötzlich glaubte, ein überaus liebenswürdiges Gespräch mit den Damen
anknüpfen zu müssen.
„Sie hatten vollkommen recht, Onkel,“ begann ich, „als Sie mich vorhin
vor dem Verlegenwerden warnten. Ich muß offen gestehen – wozu sollte ich
es verheimlichen?“ fuhr ich fort, mich mit dem einschmeichelndsten
Lächeln an Frau Obnoskin wendend, „daß sich mich bis heute noch nie in
Damengesellschaft befunden habe, und als mir jetzt beim Eintritt dieses
Malheur passierte, da ... schien es mir, daß die Pose, die ich mitten im
Zimmer so unbeabsichtigter Weise annahm, recht lächerlich war und in
etwas an den ‚Bettelsack‘ erinnerte – nicht wahr? Sie haben doch den
‚Bettelsack‘ gelesen?“ Ich verstummte, denn meine Verwirrung hatte
mit jedem Wort wieder zugenommen: ich schämte mich meines
Einschmeichelungsversuchs und blickte wütend auf Herrn Obnoskin, der,
die Zähne lächelnd entblößend, mich immer noch vom Kopf bis zu den Füßen
musterte.
„Stimmt! Das ist es ja! Eben, eben!“ rief plötzlich mein Onkel aus,
ungemein belebt und aufrichtig erfreut darüber, daß es wenigstens zu
einem Gespräch kam und ich mich soweit gefaßt hatte. „Aber das, Freund,
das ist noch nichts, was du da sagst von Verlegenwerden. Wird man
verlegen, dann wird man verlegen, das ist weiter nicht schlimm! Ich
aber, Freund, ich habe bei meinem Debüt sogar gelogen – wirst du’s mir
glauben? Ja, bei Gott, Anfissa Petrowna! Und ich kann Ihnen nur sagen,
es ist eine interessante Geschichte. Ich war kaum Fähnrich geworden, kam
nach Moskau und begab mich zu einer hochgestellten Dame, mit einem
Empfehlungsbrief, versteht sich – das heißt, sie war eine recht
hochmütige Dame, aber im Grunde doch herzensgut, was man auch dagegen
einwenden wollte. Ich trete also ein, gebe meine Karte ab – werde
empfangen. Im Empfangssalon wimmelt es von Gästen – lauter Größen. Ich
machte meine pflichtschuldige Verbeugung, setzte mich. Da wendet sie
sich schon nach fünf Minuten zu mir und fragt mich: ‚Hast du auch ein
Gut, mein Lieber?‘ Ich besaß damals kein Huhn – aber was sollte ich
antworten? Verwirrt war ich, wie ein Brummkreisel. Alle sehen mich an –
na was, Junkerlein! Nun, ich hätte doch einfach sagen können: nein, habe
nichts, – und es wäre gut und anständig gewesen; denn ich hätte doch nur
die Wahrheit gesagt. Hielt es aber nicht aus! ‚Jawohl,‘ sagte ich,
‚hundertundsiebzehn Seelen.‘ Weiß Gott, welch ein Teufel mich plagte,
diese siebzehn da noch anzuhängen! Wenn du schon lügst, dann lüg doch
eine runde Zahl – nicht wahr? Natürlich erfuhren sie gleich darauf aus
dem Empfehlungsbrief, daß ich arm war wie eine Kirchenmaus – und zum
Überfluß hatte ich jetzt auch noch gelogen! Na, was tun? Ich machte, daß
ich fortkam, und ging seit der Zeit nie wieder hin! Ja, damals besaß ich
noch nichts; denn das, was ich jetzt habe, das sind, wie ihr wißt,
dreihundert Seelen von Onkel Afanassij Matwejitsch, und dann noch die
zweihundert Seelen mit Kapitonowka, die ich vorher von meiner Großmutter
Akulina Panfilowna erbte, also ^summa summarum^ fünfhundert plus
Nachwuchs. Na ja. Nur habe ich mir damals geschworen, nie mehr zu lügen,
und jetzt lüge ich auch tatsächlich nie mehr.“
„Hm, ich hätte mir das an Ihrer Stelle nicht geschworen. Wer weiß, was
alles noch geschehen kann,“ bemerkte Obnoskin mit spöttischem Lächeln.
„Nun ja, das ist ja wahr; wer weiß, was alles noch geschehen kann!“
stimmte mein Onkel gutmütig bei.
Obnoskin brach in schallendes Gelächter aus und warf sich lachend an die
Stuhllehne zurück. Fräulein Perepelizyna kicherte wieder ganz besonders
widerlich. Auch Tatjana Iwanowna lachte auf, ohne selbst zu wissen,
worüber, und schlug sogar in die Hände vor Vergnügen. Kurz, ich begriff,
daß mein Onkel in seinem eigenen Hause als vollkommene Null betrachtet
wurde. Ssaschenjka, deren dunkle Augen böse blitzten, sah unverwandt
Obnoskin an. Die Erzieherin errötete und sah zu Boden. Mein Onkel
wunderte sich.
„Ja, was denn? Was ist denn geschehen?“ fragte er, sich verständnislos
im Kreise umblickend.
Während dieser ganzen Zeit fiel es mir auf, daß mein Vetter dritten
Grades, Misintschikoff, der sich etwas abseits niedergelassen hatte,
ruhig und stumm auf seinem Stuhle saß und selbst dann nicht einmal
lächelte, als alle lachten. Er trank seinen Tee, blickte philosophisch
auf das ganze Publikum und war mehr als einmal im Begriff – gleichsam in
einem Anfall unerträglicher Langeweile – die Lippen zu spitzen und vor
sich hinzupfeifen, wahrscheinlich aus alter Angewohnheit, doch besann er
sich immer noch rechtzeitig. Gleichzeitig fiel mir auf, daß Obnoskin,
der meinen Onkel zum besten hatte und sich auch über mich lustig machte,
diesen Misintschikoff kaum anzusehen wagte. Auch bemerkte ich, daß
dieser, mein schweigsamer Vetter dritten Grades, des öfteren zu mir
herübersah und es sogar mit offenkundigem Interesse tat, als hätte er
genau feststellen wollen, was für ein Mensch ich eigentlich sei.
„Ich bin überzeugt,“ ertönte da plötzlich die Stimme Frau Obnoskins,
„ich bin fest überzeugt, ^monsieur Serge^ – so war’s doch, wenn ich mich
nicht irre? – daß Sie in Ihrem Petersburg kein großer Damenfreund
gewesen sind. Ich weiß, es gibt jetzt dort viele, sehr viele junge
Leute, die sich vor jeder Damengesellschaft scheuen. Meiner Ansicht nach
sind das aber nur Freigeister. Ich werde mich nie dazu verstehen, diese
Tatsache anders aufzufassen: sie ist nichts als unverzeihliches
Freigeistertum. Und darum will ich es Ihnen unverhohlen sagen: es
wundert mich, es wundert mich, junger Mann, es wundert mich über alle
Maßen! ...“
„Ich habe mich überhaupt nicht in Gesellschaft bewegt,“ antwortete ich
eifrig. „Aber das hat ... wenigstens denke ich so, nichts zu sagen ...
Ich lebte dort, das heißt, ich hatte mir dort ein Zimmer gemietet ...
aber das hat nichts auf sich, ich versichere Sie. Ich werde mir alle
Mühe geben, mit Damen bekannt zu werden; bis jetzt habe ich allerdings
nur zu Hause gesessen.“
„Und hast dich mit der Wissenschaft beschäftigt,“ bemerkte mein Onkel,
ersichtlich stolz darauf.
„Ach, Onkel, – Onkel mit seiner Wissenschaft ... Stellen Sie sich nur
vor,“ fuhr ich sehr mitteilsam und mit liebenswürdigem Lächeln fort,
mich wieder an Frau Obnoskin wendend, „mein lieber Onkel ist von der
Wissenschaft dermaßen eingenommen, daß er irgendwo auf der Landstraße
einen wundertätigen, praktizierenden Philosophen, einen gewissen Herrn
Korowkin, entdeckt hat: und sein erstes Wort, das er mir heute nach so
langen Jahren der Trennung sagte, war, daß er diesen phänomenalen
Zauberer mit, man kann wohl sagen, krampfhafter Ungeduld erwarte ...
selbstverständlich nur aus Liebe zur Wissenschaft ...“
Und ich lachte leise, in der Hoffnung, allgemeines Gelächter als Lob
meiner geistreichen Mitteilung hervorzurufen.
„Wen? Von wem spricht er?“ fragte schroff die Generalin, die sich wieder
nur an die Perepelizyna wandte.
„Jegor Iljitsch hat Gäste eingeladen, Gelehrte, Leute, die sich auf der
großen Landstraße umhertreiben und von ihm aufgesammelt werden,“
berichtete schadenfroh die alte Jungfer.
Mein Onkel wußte zuerst nicht recht, was er dazu sagen sollte.
„Ach ja, richtig! Ich hatte es ganz vergessen!“ rief er aus – warf mir
aber einen Blick zu, in dem doch ein gewisser Vorwurf lag. „Ich erwarte
Herrn Korowkin. Ein Mann der Wissenschaft, einer, der unser Jahrhundert
überleben wird ...“
Er brach ab und verstummte. Die Generalin hatte wieder einmal mit der
Hand gewinkt (das bedeutete, daß sie ihn nicht mehr anhören wollte), und
zwar diesmal so glücklich, daß sie die Tasse traf, die auf dem Fußboden
klirrend zerschlug. Es folgte eine allgemeine Aufregung.
„Das tut sie immer, wenn sie sich ärgert,“ raunte mir mein Onkel zur
Erklärung ins Ohr. „Aber nur wenn sie sich ärgert ... Du, Freund, sieh
nicht hin, bemerke es nicht, sieh zur Seite ... Aber, warum hast du das
von Korowkin gesagt? ...“
Doch ich blickte ohnehin schon zur Seite: ich hatte den Blick der
Erzieherin aufgefangen, und es schien mir, daß in ihm mehr als ein
Vorwurf, ja sogar etwas wie Verachtung lag. Röte des Unwillens brannte
auf ihren blassen Wangen. Ich begriff ihren Blick. Ich erriet, daß ich
durch meinen kleinmütigen, häßlichen Versuch, meinen Onkel lächerlich zu
machen, um auf diese Weise wenigstens etwas von der eigenen
Lächerlichkeit abzuwälzen, nicht gerade die Sympathie dieses Mädchens
errungen hatte. Ich vermag nicht zu sagen, wie sehr ich mich schämte!
„Aber ich will mit Ihnen von Petersburg sprechen,“ begann Anfissa
Petrowna Obnoskina von neuem, kaum daß sich die Aufregung, die von der
zerschlagenen Tasse hervorgerufen worden war, etwas gelegt hatte. „Ich
denke mit einem solchen Vergnügen, kann ich sagen, an unser Leben in
dieser bezaubernden Residenz zurück ... Wir waren damals sehr nah
bekannt mit einem Hause ... weißt du noch ^Paul^?“ (Die Dame nannte
ihren Sohn Pawel stets französisch „Poll“ und mich statt Ssergei
Alexandrowitsch, „^monsieur Serge^“.) „General Polowizyn ... Ach, wenn
Sie wüßten, was für ein bezauberndes, be–zau–berndes Wesen die Generalin
war! Und sie können sich ja denken, dieser Aristokratismus, ^beau
monde^! ... Sagen Sie: Sie sind ihnen doch wahrscheinlich begegnet? ...
Glauben Sie mir, ich habe Sie hier mit Ungeduld erwartet: ich hoffte,
durch Sie hier vieles, vieles von unseren Petersburger Freunden zu
erfahren ...“
„Es tut mir leid, aber ich bin nicht in der Lage ... entschuldigen Sie
... Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich nur sehr selten in
Gesellschaft gewesen bin, und ich kann nur hinzufügen, daß ich einen
General Polowizyn überhaupt nicht kenne, ich habe nicht einmal den Namen
gehört,“ antwortete ich nervös, da meine ganze Liebenswürdigkeit
plötzlich in eine sehr gereizte und ärgerliche Stimmung umgeschlagen
war.
„Er hat sich mit Mineralogie beschäftigt!“ bemerkte wieder stolz mein
unverbesserlicher Onkel. „Das ist doch, Freund, die Wissenschaft, die da
so – verschiedene kleine Steinchen sammelt, nicht? Die Mineralogie?“
„Ja, Onkel, Steine ...“
„Hm ... Es gibt doch viele Wissenschaften, und alle sind sie nützlich!
Ich aber, Freund, um die Wahrheit zu sagen, wußte nicht einmal, was das
eigentlich ist, diese ganze Mineralogie! Habe nur so irgendwo die
Glocken mal läuten gehört. Weißt du, in den anderen Dingen – da geht es
noch zur Not; aber was die Wissenschaft anbetrifft, da bin ich dumm –
gebe es ganz offen zu.“
„Sie geben es ganz offen zu?“ fragte ironisch Obnoskin.
„Papachen!“ rief Ssaschenjka dazwischen und sah vorwurfsvoll ihren Vater
an.
„Was, Liebling? Ach, mein Gott, ich unterbreche Sie immer, Anfissa
Petrowna,“ entschuldigte er sich, da er Ssaschenjkas Ausruf
mißverstanden hatte, „verzeihen Sie mir, um Gottes willen!“
„Oh, beunruhigen Sie sich nicht!“ wehrte Anfissa Petrowna mit sauersüßem
Lächeln ab. „Ich habe ja Ihrem Neffen auch schon alles gesagt und kann
nur noch hinzufügen, ^monsieur Serge^ – so war’s doch, wenn ich mich
nicht irre? –, daß Sie sich unbedingt bessern müssen. Ich bin überzeugt,
daß die Wissenschaft, die Kunst ... die Bildhauerkunst zum Beispiel ...
mit einem Wort, daß alle diese hohen Ideen ihre sozusagen be–rau–schende
Seite haben, aber niemals werden sie die Damen ersetzen! ... Die Frauen,
die Frauen, junger Mann, werden Sie bilden, und deshalb ist es ohne sie
unmöglich, unmöglich, junger Mann, ganz un–möglich!“
„Unmöglich, unmöglich!“ ertönte schon wieder die etwas schreiende Stimme
Tatjana Iwanownas. „Hören Sie,“ begann sie darauf in kindlicher Hast
(natürlich errötete sie wieder), „hören Sie, ich will Sie etwas fragen
...“
„Wie beliebt?“ fragte ich und sah sie aufmerksam an.
„Ich wollte Sie fragen: werden Sie lange hier bleiben?“
„Ich weiß es nicht, – je nach den Verhältnissen.“
„Nach den Verhältnissen! Was können denn das für Verhältnisse sein? ...
O, Sie Tor!“
Und Tatjana Iwanowna verbarg ihr heiß errötendes Gesicht hinter ihrem
Fächer, beugte sich dann zur Erzieherin und begann sofort, ihr eifrig
etwas zuzuflüstern. Plötzlich lachte sie auf und schlug vergnügt in die
Hände.
„Warten Sie, warten Sie!“ rief sie mir zu, sich eilig von ihrer
Vertrauten wieder abwendend, als hätte sie gefürchtet, ich könnte
fortgehen, „hören Sie, wissen Sie, was ich Ihnen sagen werde? Sie ähneln
auffallend, auffallend einem jungen Menschen, einem be–zau–bernden
jungen Menschen! ... Ssaschenjka, Nastenjka, wißt ihr noch? Er gleicht
doch auffallend jenem Toren – weißt du noch, Ssaschenjka? Wir fuhren
spazieren und begegneten ihm ... zu Pferde, in einer weißen Weste ... er
richtete noch sein Lorgnon auf mich, der Unverschämte! Wißt ihr noch,
ich schlug meinen Schleier vors Gesicht, hielt es dann aber doch nicht
aus, beugte mich aus dem Wagen und rief ihm ein ‚Sie Unverschämter!‘
nach. Und dann warf ich mein Bukett auf die Landstraße ... Entsinnen Sie
sich dessen noch, Nastenjka?“
Und das halb geistesgestörte Mädchen, das von Männern nie gleichmütig
sprechen konnte, bedeckte das Gesicht mit den Händen ... – Plötzlich
sprang sie auf, lief zum Fenster, riß dort von einem Rosenstock eine
Blüte ab, warf sie mir zu – die Blüte fiel in meiner Nähe hin – und lief
aus dem Zimmer. Wir hatten das Nachsehen! Diesmal aber war man doch
etwas aus dem Gleichgewicht gebracht, wenn auch die Generalin, ganz wie
das erstemal, ihre Ruhe nicht verlor. Anfissa Petrowna war nicht
erstaunt, aber sie sah jetzt besorgt aus und blickte kummervoll ihren
Sohn an. Die übrigen Damen erröteten, und „^Paul^“ Obnoskin erhob sich
von seinem Platz und trat, mit einem mir damals ganz unverständlichen
geärgerten Ausdruck, ans Fenster. Mein Onkel versuchte, mir verstohlen
einige Zeichen zu machen; doch in dem Augenblick trat ein fremder Mensch
ins Zimmer und lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich.
„Ah! Da ist ja auch Jewgraf Larionytsch! Du kommst ja wie gerufen!“ rief
ihm mein Onkel, unbeschreiblich erfreut, entgegen. „Nun, was, Freund,
geradenwegs aus der Stadt?“
„Na, das sind mir mal eigenartige Wesen! Es scheint fast, daß sie alle
mit Absicht hier versammelt worden sind!“ dachte ich bei mir im stillen,
da ich noch nicht recht begriff, was ich sah und hörte, und –
selbstverständlich – ohne zu ahnen, daß ich die Sammlung dieser
Sonderlinge durch mein Erscheinen unter ihnen noch um ein Exemplar
vermehrt hatte.