Schiller.
Da wir jetzt unseren so lang in ängstlichen Sorgen und Ungewißheit
lebenden Dichter geborgen wissen und, nach seinen eignen Äußerungen,
mit seinen Lieblingsarbeiten und in einer Idyllenwelt lebend vermuten
dürfen, so sei es erlaubt, die Personen, denen er empfohlen zu sein
wünscht, dem Leser etwas näher bekannt zu machen und mit einer kurzen
Erklärung vorzustellen. Die Herren Schwan und Meier sind schon früher
erwähnt worden. Herr Cranz -- damals auf Kosten des Herzogs von Weimar
in Mannheim, um sich bei Fräntzel auf der Violine und bei Holzbauer
in der Komposition auszubilden -- war bei Herrn Meier Kostgänger, sah
also Schiller sehr oft daselbst, der ihn auch wegen seines biederen,
obwohl sehr trockenen Charakters wohl leiden mochte. Herr Gern, der
ältere, war ein braver, überall brauchbarer Schauspieler sowie ein
ausgezeichnet guter Baßsänger. Er betrat in Mannheim zuerst die Bühne,
war täglich im Meierschen Hause und wurde dann später auf das Theater
nach Berlin berufen.
In dem kleinen Oggersheim war Herr Derain der einzige Kaufmann,
welcher sich aber weit mehr mit Politik, Literatur, besonders aber
mit Aufklärung des Landvolkes als mit dem Vertrieb seiner Waren
beschäftigte.
Seinen Eifer für das Wohl der Landleute, die bei ihm Zucker, Kaffee,
Gewürz oder andere entbehrliche Sachen kaufen wollten, trieb er so
weit, daß er ihnen oft recht dringend vorstellte, wie schädlich diese
Dinge sowohl ihnen als ihren Kindern seien, und daß sie weit klüger
handeln würden, sich an diejenigen Mittel zu halten, welche ihnen ihr
Feld, Garten oder Viehstand liefern könne. Daß solche Ermahnungen
die Käufer eher abschreckten als herbeizogen, war ganz natürlich.
Aber Herr Derain, als lediger Mann zwischen 40 und 50 Jahren, der
ein kleines Vermögen besaß, kümmerte sich um so weniger hierüber,
je seltener er durch das Geklingel seiner Ladentür im Lesen oder in
seinen Betrachtungen gestört wurde. Das Gemüt des Mannes war aber von
der edelsten Art, und eine große Bescheidenheit machte seinen Umgang
äußerst angenehm. Er brachte auf eine sonderbare Art in Erfahrung, wer
denn eigentlich die Herren Schmidt und Wolf seien, die in seiner Nähe
wohnten, und deren Bekanntschaft er schon lange gewünscht hatte.
Es wurden nämlich bei der gänzlichen Abänderung des Fiesco die früher
geschriebenen Szenen gar nicht mehr beachtet, sondern wie jedes unnütze
Papier behandelt. Mit diesen sowie mit vielen Blättern, worauf die
Entwürfe zu Luise Millerin verzeichnet waren, wurde nun nichts weniger
als schonend verfahren, was dann die Gelegenheit gab, daß die Frau
Wirtin -- die mit einer sehr großen Neigung zum Lesen eben so viele
Neugier für alles Geschriebene verband -- diese Blätter, deren Sprache
ihr ganz neu und ungewöhnlich schien, sammelte und solche zu Herrn
Derain brachte, welchen sie öfters sprach, um ihm ihre häuslichen
Leiden zu klagen oder durch ein geliehenes Buch sich Trost und
Vergessenheit zu verschaffen. Dieser zeigte den Fund seinem Verwandten,
Herrn Kaufmann Stein in Mannheim, der eine sehr reizende und in allen
neueren Werken der Dichtkunst ganz einheimische Tochter hatte.
S. war von Stuttgart aus Herrn Stein empfohlen. Die Blätter seines
Reisegefährten wurden ihm vorgezeigt, und dasjenige, was mit der
größten Standhaftigkeit jedem Manne verleugnet worden wäre, wußte das
schmeichelnde Mädchen allmählich herauszulocken. Herr Derain, dem unter
Gelobung der tiefsten Verschwiegenheit dieses Geheimnis auch anvertraut
wurde, unterließ bei dieser Gelegenheit nicht, seine hohe Achtung für
ausgezeichnete Dichter oder Schriftsteller auf das herzlichste kund zu
geben. Mit wahrem Eifer bat er um Erlaubnis, die Bekanntschaft eines
noch so jungen und schon so berühmten Mannes machen zu dürfen, und
erhielt solche um so williger, als für Schiller und seinen Freund eine
zerstreuende Unterhaltung in den trüben, nebligen Novemberabenden eine
wahre Erquickung war. Die Freundschaft und Achtung für Herrn Derain
erhielt sich auch noch in den nächstfolgenden Jahren.
Der Offizier, dessen Erscheinung Schiller und seine Freunde in den
größten Schrecken versetzte, war nach einem Schreiben von Schillers
Vater an Herrn Schwan kein Verfolger, sondern ein akademischer Freund,
der bei einer Reise ausdrücklich den Umweg über Mannheim machte, um den
Dichter zu sprechen, welches aber, wie oben erwähnt, auf die sorgsamste
Weise verhindert wurde.
Und hier ist auch der Ort, um den Leser zu versichern, daß der Herzog
von Württemberg auf keinerlei Weise jemals die geringste Vorkehrung
treffen ließ, um seinen entflohenen Zögling wieder in seine Gewalt
zu bekommen und zu bestrafen. Er mochte sich wohl erinnern, daß er
Schiller wider dessen Willen und fast zwangsweise in die Akademie
aufgenommen -- daß der Knabe sowie der Jüngling durch treffende,
überraschende Antworten, durch untadelhafte Sitten seine wahrhaft
väterliche Zuneigung sich erworben -- daß ein schon im ersten Versuche
sich so kühn aussprechendes Talent unmöglich durch einen militärischen
Befehl unterdrückt werden könne. Oder war es Rücksicht gegen den ihm
fast unentbehrlich gewordenen Vater; war es Anteil an dem Kummer der
achtungswerten Familie? -- Wollte er das mißbilligende Gefühl, das sich
wegen der Gefangenhaltung Schubarts in ganz Deutschland allgemein
und laut äußerte, nicht noch weiter aufreizen? -- War es natürliche
Großmut? -- -- Genug, der Herzog gab dieser Sache nicht die geringste
Folge und bewies dadurch ganz offenkundig, daß er die Flucht Schillers
nur als einen Fehler, aber nicht als ein Verbrechen beurteilte.
Nicht nur diese Gewißheit ergab sich aus dem Briefe des Vaters, sondern
auch die Hoffnung, daß er dem Sohne noch mit warmer Liebe zugetan sei,
und ihm, wenn der äußerste Fall einträte, die nötige Unterstützung
nicht versagen würde. Verglich man diesen Brief mit denen, welche
Herr Schwan und S. aus Bauerbach erhalten, so konnten die Freunde des
Dichters um so mehr unbesorgt sein, als dieser mit seinem Zustand im
höchsten Grade zufrieden schien, und sich nun nach einem Jahre voller
Sorgen und Unruhe solchen Beschäftigungen widmen konnte, die, außer dem
Vergnügen, das sie ihm selbst machten, auch noch mit Ehre und Vorteil
verbunden waren.
Ohne Zweifel teilt jeder Leser diese Meinungen, und glaubt vielleicht,
das Schicksal, nachdem es seine alles beugende Gewalt habe empfinden
lassen, werde dem Ermüdeten nach so manchen Stürmen endlich Ruhe
vergönnen?
Der Verfasser bedauert innigst, daß er diese Hoffnungen nicht
bestätigen kann, sondern genötigt ist, neue Schwierigkeiten zu melden,
die sich in dem so friedlich scheinenden Zufluchtsorte ganz unerwartet
erhoben; denn kaum vier Wochen nach dem ersten erhielt er nachstehenden
zweiten Brief.
H., den 14. Jän. 1783.
So bin ich doch der Narr des Schicksals! Alle meine Entwürfe sollen
scheitern! Irgend ein kindsköpfischer Teufel wirft mich wie seinen
Ball in dieser sublunarischen Welt herum.
Hören Sie nur!
Ich bin, wenn Sie den Brief haben, nicht mehr in Bauerbach.
Erschrecken Sie aber nicht. Ich bin vielleicht besser aufgehoben.
Frau von Wolzogen ist wieder hier und hat ihren Bruder, den
Oberhofmeister von Marschalk, der bei Bamberg eine Erbschaft von
beinahe 200000 Gulden getan, begleitet. Sie können sich vorstellen,
mit welcher Ungeduld ich ihr entgegenflog -- -- -- -- Aber nun!
Lieber Freund, trauen Sie niemand mehr. Die Freundschaft der
Menschen ist das Ding, das sich des Suchens nicht verlohnt. Wehe
dem, den seine Umstände nötigen, auf fremde Hilfe zu bauen.
Gottlob! das letztere war diesmal nicht.
Die gnädige Frau versicherte mich zwar, wie sehr sie gewünscht
hätte ein Werkzeug in dem Plane meines künftigen Glückes zu
sein -- aber -- ich werde selbst so viel Einsicht haben, daß
ihre Pflichten gegen ihre Kinder vorgingen, und diese müßten es
unstreitig entgelten, wenn der Herzog von W. Wind bekäme; das
war mir genug. So schrecklich es mir auch ist, mich wiederum in
einem Menschen geirrt zu haben, so angenehm ist mir wieder dieser
Zuwachs an Kenntnis des menschlichen Herzens. Ein Freund -- und ein
glückliches Ungefähr rissen mich erwünscht aus dem Handel.
Durch die Bemühung des Bibliothekars Reinwald, meines sehr
erprobten Freundes, bin ich einem jungen Hrn. von Wrmb bekannt
geworden, der meine Räuber auswendig kann und vielleicht eine
Fortsetzung liefern wird. Er war beim ersten Anblick mein
Busenfreund. Seine Seele schmolz in die meinige. Endlich hat er
eine Schwester! -- Hören Sie, Freund, wenn ich nicht dieses Jahr
als ein Dichter vom ersten Range figuriere, so erscheine ich
wenigstens als Narr, und nunmehr ist das für mich eins. Ich soll
mit meinem Wrmb diesen Winter auf sein Gut, ein Dorf im Thüringer
Walde, dort ganz mir selbst und -- der Freundschaft leben, und was
das beste ist, schießen lernen, denn mein Freund hat dort hohe
Jagd. Ich hoffe, daß das eine glückliche Revolution in meinem Kopf
und Herzen machen soll.
Schreiben Sie mir nicht, bis Sie neue Adressen haben. Den Verdruß
mit der Wolzogen unterdrücken Sie. Ich sei nicht mehr in Bauerbach,
das ist alles, was Sie sagen können. -- -- -- -- -- --
Tausend Empfehlungen an meinen lieben, guten Meier. Nächstens
schreib ich ihm wieder. Auch an Cranz, Gern u. s. f. viele
Komplimente. Mein neues Trauerspiel, Luise Millerin genannt, ist
fertig. Beiliegendes übergeben Sie an Schwan, dem Sie mich vielmals
empfehlen.