Friedr. Schiller.«

Vorstehender am 29. oder 30. September[3] geschriebener Brief wurde an

Herrn Meier überschickt und dieser in einer Beilage, nachdem ihm der

Inhalt desselben bekannt gemacht worden, ersucht, sowohl die Antwort

des Baron Dalberg entgegenzunehmen, als auch selbe nach Frankfurt zu

senden, wo man sie von der Post abholen wolle.

Diese Darstellung seiner Umstände kostete Schillern eine

außerordentliche Überwindung. Denn nichts kann den edlen, stolzen

Mann tiefer beugen, als wenn er um solche Hilfe ansprechen muß, die

das tägliche Bedürfnis betrifft, die ihm dem Gemeinen, Niedrigen

gleichstellt und für die der Reiche selten seine Hand öffnet. Aber

die Bezahlung der 200 fl. nach Stuttgart war so dringend, daß der

Ausdruck in seinem Briefe: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das

mehr Sorge macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen

soll -- Ich habe solange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite

gereinigt habe,« die ernstlichste Wahrheit ausdrückte. Um die Pein,

welche diese -- wohl manchem sehr unbedeutend scheinende -- Summe von

200 fl. dem edelmütigen Jüngling verursachte, zu erklären, sowie zur

Warnung für angehende Dichter oder Schriftsteller, sei eine kurze

Auseinandersetzung erlaubt.

Schon oben ist erwähnt worden, daß Schiller die Räuber auf seine

Kosten drucken lassen und das Geld dazu borgen mußte. Dieses Borgen

konnte aber nicht bei dem Darleiher selbst geschehen, sondern es

verwendete sich, wie es gewöhnlich geschieht, eine dritte Person dabei,

welche die Bezahlung verbürgte. Auch bei dem Druck der Anthologie

mußte nachbezahlt werden, wodurch denn nebst anderthalbjährigen

Zinsen eine Summe, die ursprünglich kaum 150 fl. betrug, sich auf

200 anhäufte. Solange Schiller in Stuttgart war, konnte er leicht

den Rückzahlungstermin verlängern, da man an seinen Eltern, obwohl

sie nicht reich waren, doch im schlimmsten Fall einige Sicherheit

vermutete. Da jedoch durch den Befehl des Herzogs das Herausgeben

dichterischer Werke Schillern auf das strengste verboten war und er

sich nur durch solche Arbeiten seine ärmliche Besoldung von jährlichen

180 fl. zu vergrößern wußte, so mußte wohl eine solche Verlegenheit zu

dem Entschlusse, Stuttgart zu verlassen, viel beitragen, und er hatte

auch in diesem Sinne vollkommen recht, wo er anführt: »Die Räuber

kosteten mich Familie und Vaterland.« Nach der Abreise Schillers konnte

sich der Darleiher nur an die Zwischenperson halten, und diese, da sie

zur Zahlung unvermögend war, konnte in den Fall geraten, verhaftet

zu werden, was dann demjenigen, der die Ursache davon war, das Herz

zernagen mußte. Seine ganze Hoffnung war nun auf den Baron Dalberg

gerichtet, und daß dieser, der ihm früher so viele Versicherungen

seiner Teilnahme gegeben, ihn schon darum aus dieser Verlegenheit

befreien würde, weil er den Wert der erbetenen Hilfe in dem Manuskripte

von Fiesco schon in Händen hatte, konnte nicht im mindesten bezweifelt

werden. Überdies war Baron Dalberg nicht nur sehr reich, sondern hatte

auch wegen des häufigen Verkehrs mit Dichtern und Schriftstellern

durch die Artigkeit seines Benehmens gegen sie (was bei diesen Herren

für eine sehr schwere Münze gilt) den Ruf eines wahren Gönners und

Beschützers der schönen Wissenschaften und Künste sich erworben.

Da Schiller durch obiges Schreiben die schwerste Last von seinem Herzen

abgewälzt hatte, gewann er zum Teil auch seine frühere Heiterkeit

wieder. Sein Auge wurde feuriger, seine Gespräche belebter, seine

Gedanken, bisher immer mit seinem Zustande beschäftigt, wendeten sich

jetzt auch auf andere Gegenstände. Ein Spaziergang, der des Nachmittags

über die Mainbrücke durch Frankfurt nach der Post gemacht wurde,

um die Briefe nach Mannheim abzugeben, zerstreute ihn, da er das

kaufmännische Gewühl, die ineinander greifende Tätigkeit so vieler hier

zum erstenmal sah. Auf dem Heimwege übersah man von der Mainbrücke

das tätige Treiben der abgehenden und ankommenden, der ein- und

auszuladenden Schiffe, nebst einem Teil von Frankfurt, Sachsenhausen,

sowie den gelblichen Mainstrom, in dessen Oberfläche sich der heiterste

Abendhimmel spiegelte. Lauter Gegenstände, die das Gemüt wieder hoben

und Bemerkungen hervorriefen, die um so anziehender waren, als seine

überströmende Einbildungskraft dem geringsten Gegenstand Bedeutung gab

und die kleinste Nähe an die weiteste Entfernung zu knüpfen wußte.

Diese Zerstreuung hatte auf die Gesundheit Schillers so wohltätig

eingewirkt, daß er wieder einige Eßlust bekam, die ihm seit zwei

Tagen gänzlich fehlte, und sich mit Lebhaftigkeit über dichterische

Pläne unterhalten konnte. Sein ganzes Wesen war so angelegt, sein

Körperliches dem Geistigen so untergeordnet, daß ihn solche Gedanken

nie verließen und er ohne Unterlaß von allen Musen umschwebt schien.

Auch hatte er kaum das leichte Nachtessen geendet, als sich aus seinem

Schweigen, aus seinen aufwärts gerichteten Blicken wahrnehmen ließ, daß

er über etwas Ungewöhnlichem brüte. Schon auf dem Wege von Mannheim

bis Sandhofen und von da nach Darmstadt ließ sich bemerken, daß sein

Inneres weniger mit seiner gegenwärtigen Lage als mit einem neuen

Entwurfe beschäftigt sei; denn er war so sehr in sich verloren, daß

ihn selbst in der mit Recht so berühmten Bergstraße sein Reisegefährte

auf jede reizende Ansicht aufmerksam machen mußte. Nun, zwischen vier

Wänden, überließ er sich um so behaglicher seiner Einbildungskraft, als

diese jetzt durch nichts abgelenkt wurde und er ungestört sich bewegen

oder ruhen konnte. In solchen Stunden war er wie durch einen Krampf

ganz in sich zurückgezogen und für die Außenwelt gar nicht vorhanden;

daher auch sein Freund ihn durch nichts beunruhigte, sondern mit einer

Art heiliger Scheu sich so still als möglich verhielt. Der nächste

Vormittag wurde dazu verwendet, um die in der Geschichte Deutschlands

so merkwürdige Stadt etwas sorgfältiger als gestern geschehen konnte,

zu besehen und auch einige Buchläden zu besuchen. In dem ersten

derselben erkundigte sich Schiller, ob das berüchtigte Schauspiel

die Räuber guten Absatz finde und was das Publikum darüber urteile?

Die Nachricht über das erste fiel so günstig aus und die Meinung der

großen Welt wurde so außerordentlich schmeichelhaft geschildert, daß

der Autor sich überraschen ließ und, ungeachtet er als Doktor Ritter

vorgestellt worden, dem Buchhändler nicht verbergen konnte, daß er,

der gegenwärtig das Vergnügen habe mit ihm zu sprechen, der Verfasser

davon sei. Aus den erstaunten, den Dichter messenden Blicken des Mannes

ließ sich leicht abnehmen, wie unglaublich es ihm vorkommen müsse, daß

der so sanft und freundlich aussehende Jüngling so etwas geschrieben

haben könne. Indes verbarg er seine Zweifel, indem er durch mancherlei

Wendungen das vorhin ausgesprochene Urteil, welches man so ziemlich als

das allgemeine annehmen konnte, wiederholte. Für Schiller war jedoch

dieser Auftritt sehr erheiternd; denn in einem solchen Zustande wie

er damals war, konnte auf sein bekümmertes Gemüt nichts so angenehmen

Eindruck haben als die Anerkennung seines Talentes und die Gewißheit

der Wirkung, von der alle seine Leser ergriffen worden.

Zu Haus angelangt, überließ sich Schiller aufs neue seinen

dichterischen Eingebungen und brachte den Nachmittag und Abend im Auf-

und Niedergehen oder im Schreiben einiger Zeilen hin. Zum Sprechen

gelangte er erst nach dem Abendessen, wo er dann auch seinem Gefährten

erklärte, was für eine Arbeit ihn jetzt beschäftige.

Da man allgemein glaubt, daß bei dem Empfangen und an das Lichtbringen

der Geisteskinder gute oder schlimme Umstände ebenso vielen Einfluß

wie bei den leiblichen äußern, so sei dem Leser schon jetzt vertraut,

daß Schiller seit der Abreise von Mannheim mit der Idee umging, ein

bürgerliches Trauerspiel zu dichten, und er schon soweit im Plan

desselben vorgerückt war, daß die Hauptmomente hell und bestimmt vor

seinem Geiste standen.

Dieses Trauerspiel, das wir jetzt unter dem Namen Kabale und Liebe

kennen, welches aber ursprünglich Luise Millerin hätte benannt werden

sollen, wollte er mehr als einen Versuch unternehmen, ob er sich auch

in die bürgerliche Sphäre herablassen könne, als daß er sich öfters

oder gar für immer dieser Gattung hätte widmen wollen. Er dachte so

eifrig darüber nach, daß in den nächsten vierzehn Tagen schon ein

bedeutender Teil der Auftritte niedergeschrieben war.

Am nächsten Morgen fragten die Reisenden auf der Post nach, ob keine

Briefe für sie angelangt wären? Aber der Gang war fruchtlos, und da die

Witterung trübe und regnerisch war, so mußte die Zuflucht wieder zur

Stube genommen werden. Am Nachmittag wurde auf der Post noch einmal

angefragt, aber ebenso vergeblich wie in der Frühe.

Diese Verspätung deutete S. um so mehr als ein gutes Zeichen, indem

der angesuchte Betrag entweder durch Wechsel oder durch den Postwagen

übermacht werden müsse, was dann notwendig einige Tage mehr erfordern

könne als ein bloßer Brief. Er war seiner Sache so gewiß, daß er

Schillern ersuchte, ihm seine in Mannheim zurückgelassenen Sachen

nach Frankfurt zu schicken, weil er dann, sowie die Hilfe von Baron

Dalberg eintreffe, seine Mutter ersuchen wolle, ihm außer dem, was er

jetzt schon besitze, noch mehr zu senden, damit er von hier aus die

Reise nach Hamburg fortsetzen könne. Schiller sagte dieses sehr gern

zu und versprach noch weiter, ihm auch von Meier sowie von seinen

andern Freunden Empfehlungsbriefe zu verschaffen, indem ein junger

Tonkünstler nie zu viele Bekanntschaften haben könne. Diese Hoffnungen,

die von beiden Seiten noch durch viele Zutaten verschönert wurden,

erheiterten den durch eine bessere Witterung begünstigten Spaziergang

und störten auch abends die Phantasie des Dichters so wenig, daß er

sich derselben, im Zimmer auf und ab gehend, mehrere Stunden ganz

ruhig überließ.

Den nächsten Morgen gingen die Reisenden schon um neun Uhr aus, um die

vielleicht in der Nacht an sie eingelaufenen Briefe abzuholen, die

auch zu ihrer großen Freude wirklich eingetroffen waren. Sie eilten

so schnell als möglich nach Haus, um den Inhalt derselben ungestört

besprechen zu können, und waren kaum an der Tür ihrer Wohnung, als

Schiller schon das an ~Dr.~ Ritter überschriebene Paket erbrochen

hatte. Er fand mehrere Briefe von seinen Freunden in Stuttgart, die

sehr vieles über das außerordentliche Aufsehen meldeten, das sein

Verschwinden veranlaßt habe, ihm die größte Vorsicht wegen seines

Aufenthalts anrieten, aber doch nicht das mindeste aussprachen, woraus

sich auf feindselige Absichten des Herzogs hätte schließen lassen. Alle

diese Briefe wurden gemeinschaftlich gelesen, weil ihr Inhalt beide

betraf und allerdings geeignet war, sie einzuschüchtern. Allein da sie

in Sachsenhausen geborgen waren, so beruhigten sie sich um so leichter,

da sie in dem Schreiben des Herrn Meier der angenehmsten Nachricht

entgegen sahen. Schiller las dieses für sich allein und blickte dann

gedankenvoll durch das Fenster, welches die Aussicht auf die Mainbrücke

hatte. Er sprach lange kein Wort, und es ließ sich nur aus seinen

verdüsterten Augen, aus der veränderten Gesichtsfarbe schließen, daß

Herr Meier nichts Erfreuliches gemeldet habe. Nur nach und nach kam es

zur Sprache, daß Baron Dalberg keinen Vorschuß leiste, weil Fiesco in

dieser Gestalt für das Theater nicht brauchbar sei; daß die Umarbeitung

erst geschehen sein müsse, bevor er sich weiter erklären könne.

Diese niederschlagende Nachricht mußte dem edlen Jüngling um so

unerwarteter sein, je mehr er durch die ihm von Baron Dalberg bezeugte

Teilnahme zu seiner Bitte und zur Hoffnung, daß sie erfüllt würde,

berechtigt war. Am meisten mußte aber sein Ehrgeiz dadurch beleidigt

sein, daß er seine traurige Lage ganz unnützerweise enthüllt und sich

durch deren Darstellung der Willkür desjenigen preisgegeben, von dem er

mit Recht Unterstützung erwartete.

Wenige junge Männer würden sich in gleichen Umständen mit Mäßigkeit und

Anstand über eine solche Versagung ausgesprochen haben. Schiller aber

bewies auch hierin sein reines, hohes Gemüt; denn er ließ nicht die

geringste Klage hören; kein hartes oder heftiges Wort kam über seine

Lippen, ja nicht einmal eines Tadels würdigte er die erhaltene Antwort,

so wenig er sich auch vor seinem jüngeren Freunde hätte scheuen dürfen,

seinen Unmut auszulassen. Er sann alsobald nur darauf, wie er dennoch

zu seinem Zweck gelangen könne, oder was zuerst getan werden müsse. Da

die Hoffnung geblieben war, daß, wenn Fiesco für das Theater brauchbar

eingerichtet sei, derselbe angenommen und bezahlt würde, oder, wenn

dieses auch nicht der Fall wäre, doch das Stück in Druck gegeben und

dafür etwas eingenommen werden könne, so beschloß er in die Gegend von

Mannheim zu gehen, weil es dort wohlfeiler als in Frankfurt zu leben

sei, und auch um den Herren Schwan und Meier nahe zu sein, damit, wenn

es auf die tiefste Stufe des Mangels kommen sollte, von diesen einige

Hilfe erwartet werden könne. Er wäre sogleich dahin aufgebrochen,

allein man war noch an Frankfurt gebannt, denn bei jedem Griff in den

Beutel war schon sein Boden erreicht, und die durch S. von seiner

Mutter erbetene Beihilfe war noch nicht angelangt. Bis diese eintreffe,

mußte man hier aushalten, und um gegen die Möglichkeit, daß sie spät

ankäme, oder vielleicht gar ausbliebe, doch einigermaßen gedeckt zu

sein, entschloß sich Schiller ein ziemlich langes Gedicht, Teufel Amor

betitelt, an einen Buchhändler zu verkaufen.

Dieses Gedicht, von dem sich der Verfasser dieses nur noch folgender

zwei Verse:

»Süßer Amor, verweile

Im melodischen Flug«

mit Zuverlässigkeit erinnert, war eines der vollkommensten, die

Schiller bisher gemacht und an schönen Bildern, Ausdruck und Harmonie

der Sprache so hinreißend, daß er selbst -- was bei seinen anderen

Arbeiten nicht oft eintraf -- ganz damit zufrieden schien und seinen

jungen Freund mehrmals durch dessen Vorlesung erfreute. Leider ging es

in den nächsten vier Wochen (wie der Leser später erfahren wird) mit

noch andern Sachen, wahrscheinlich durch die Zerstreuung des Dichters

selbst, in Verlust, indem sich in der von ihm herausgegebenen Sammlung

seiner Gedichte keine Spur davon findet und das meiste davon der

Bekanntmachung fast würdiger gewesen wäre als einige Stücke aus seiner

frühern Zeit.

Von dem Buchhändler kam Schiller aber ganz mißmutig wieder zurück,

indem er fünfundzwanzig Gulden dafür verlangte, jener jedoch nur

achtzehn geben wollte. So benötigt er aber auch dieser kleinen Summe

war, konnte er es doch nicht über sich gewinnen, diese Arbeit unter

dem einmal ausgesprochenen Preise wegzugeben, und zwar sowohl aus

herzlicher Verachtung gegen alle Knickerei als auch, weil er den

Wert des Gedichtes selbst nicht gering achtete. Endlich, nachdem

der Reichtum der geängstigten Freunde schon in kleine Scheidemünze

sich umgewandelt hatte, kamen den nächsten Tag auf dem Postwagen die

bescheidenen dreißig Gulden für S. an, der auch ohne das geringste

Bedenken für jetzt seinen Plan nach Hamburg aufgab und bei Schillern

blieb, um ihn nach seinem neuen Aufenthaltsorte zu begleiten. Dieser

schrieb noch am nämlichen Abend an Herrn Meier, daß er den nächsten

Vormittag nach Mainz abgehen, am folgenden Abend in Worms eintreffen

werde, wo er auf der Post Nachricht erwarte, wohin er sich zu begeben

habe, um ihn zu sprechen und den Ort zu bestimmen, in welchem er sein

Trauerspiel ruhig umarbeiten könne. Gleich den andern Morgen begaben

sich die Reisenden auf das von Frankfurt nach Mainz täglich abgehende

Marktschiff, mit welchem sie des Nachmittags bei guter Zeit in

letztbenannter Stadt anlangten, dort sogleich in einem Gasthofe das

Wenige, was sie bei sich hatten, ablegten und noch ausgingen, um den

Dom und die Stadt zu besichtigen.

Am nächsten Tage verließen sie Mainz sehr früh, wo sie, die Favorite

vorbei, den herrlichen Anblick des Zusammentreffens vom Rhein- und

Mainstrome bei der schönsten Morgenbeleuchtung genossen und den echt

deutschen Eigensinn bewunderten, mit welchem beide Gewässer ihre

Abneigung zur Vereinigung durch den scharfen Abschnitt ihrer bläulichen

und gelben Farben bezeichneten.

Da man auf den Abend in Worms eintreffen wollte, so mußten die Wanderer

als ungeübte Fußgänger sich ziemlich anstrengen, um den neun Stunden

langen Weg zurückzulegen. Als noch am Vormittag Nierenstein erreicht

wurde, konnten beide der Versuchung nicht widerstehen, sich an dem in

der Gegend wachsenden Wein, den sie nur aus den Lobeserhebungen der

Dichter kannten, zu stärken, welches besonders Schiller, der von Mainz

bis hierher nur wenige Worte gesprochen, sehr zu bedürfen schien. Sie

traten in das zunächst am Rhein gelegene Wirtshaus und erhielten dort

durch Bitten und Vorstellungen einen Schoppen oder ein Viertelmaß von

dem besten ältesten Weine, der sich im Keller fand und der mit einem

kleinen Taler bezahlt werden mußte.

Als Nichtkenner edler Weine schien es ihnen, daß bei diesem Getränk wie

bei vielen berühmten Gegenständen der Ruf größer sei, als die Sache

verdiene. Aber als sie ins Freie gelangten, als die Füße sich leichter

hoben, der Sinn munterer wurde, die Zukunft ihre düstere Hülle etwas

lüftete und man ihr mit mehr Mut als bisher entgegenzutreten wagte,

glaubten sie einen wahren Herzenströster in ihm entdeckt zu haben, und

ließen dem edlen Weine volle Gerechtigkeit angedeihen. Dieser angenehme

Zustand erstreckte sich aber kaum über drei Stunden; denn so fest

auch der Wille war, so sehr die Notwendigkeit zur Eile antrieb, so

konnte Schiller doch das anstrengende Gehen kaum bis in die Mitte des

Nachmittags aushalten; was aber vorzüglich daher kommen mochte, weil er

immer in Gedanken verloren war, und nichts so sehr ermüdet als tiefes

Nachdenken, wenn der Körper in Bewegung ist. Man entschloß sich daher

eine Station weit zu fahren, wodurch es allein möglich war, daß Worms

um neun Uhr nachts erreicht wurde.

Am andern Morgen fand Schiller auf der Post einen Brief des Herrn

Meier, worin dieser die Nachricht gab, daß er diesen Nachmittag mit

seiner Frau in Oggersheim in dem Gasthause, zum Viehhof genannt,

eintreffen wolle, wo er ihn zu sehen hoffe, um weitere Abrede mit ihm

nehmen zu können. Die Reisenden begaben sich um so ruhiger auf den

Weg, als sie hoffen durften, daß endlich aller Ungewißheit ein Ende

sein würde, und trafen zur gesetzten Zeit in Oggersheim ein, wo sie

auch schon Herrn und Madame Meier nebst zwei Verehrern des Dichters

vorfanden.

Für Herrn Meier war es eine unangenehme, lästige Aufgabe, dem jungen

Manne, den er als Dichter und Menschen gleich hoch achtete, die

Ansichten des Baron Dalberg über Fiesco und warum er sich in keinen

Vorschuß einlassen könne, auseinander zu setzen. Er wußte jedoch seinen

Ausdrücken eine solche Wendung zu geben, daß sie keinen der beiden

Gegenstände hart berührten, sondern alles so gelind als natürlich

darstellten. Auch gab er die Versicherung, daß Fiesco unbezweifelt

angenommen werde, sobald er um mehrere Szenen abgekürzt und der fünfte

Akt ganz beendigt sei. Schiller benahm sich auch bei dieser Gelegenheit

wahrhaft edel und weit über das Gewöhnliche erhaben; denn so sehr ihm

aus oben berührten Rücksichten daran gelegen sein mußte, den Preis

seines Stückes schon jetzt zu haben, so sehr er auch sein in den Baron

Dalberg gesetztes Vertrauen nur durch Ausflüchte erwidert fand, so

sprach er doch kein Wort, das irgend eine Art von Empfindlichkeit über

die vereitelte Hoffnung hätte erraten lassen oder als Widerlegung der

über Fiesco gemachten Bemerkungen hätte ausgelegt werden können. Mit

der freundlichen, männlichen Art, die im Umgang ihm ganz gewöhnlich

war, leitete er das Gespräch darauf hin, den Ort zu bestimmen, wo er

sich einige Wochen, als solange die Umarbeitung wohl dauern werde,

ruhig und ohne Gefahr aufhalten könne. Aus vielen Ursachen wurde es

am besten befunden, wenn er hier in Oggersheim bleibe. Dieses sei nur

eine kleine Stunde von Mannheim entfernt, er könne, so oft er es nötig

finde, des Abends in die Stadt kommen und wäre in der Nähe seiner

Bekannten und Freunde wenigstens nicht ganz ohne Hilfe, wenn sich etwas

Widriges ereignen sollte.

Da die von Madame Meier den Reisenden eingehändigten Briefe aus

Stuttgart noch immer von Gefahr der Auslieferung sprachen und die

möglichste Verborgenheit empfahlen, so wurde der Name Ritter, den

Schiller bisher geführt, in Doktor Schmidt umgewandelt und er von

den Anwesenden in Gegenwart des herbeigerufenen Wirtes also gleich

mit diesem Titel angeredet. Auch hier wurde der Betrag für Kost und

Wohnung auf den Tag bedungen und Madame Meier ersucht, die in Mannheim

gebliebenen Koffer und das Klavier den Reisenden übermachen zu wollen.

Der eintretende Abend schied die Gesellschaft. Die Freunde, nun wieder

ganz auf sich eingeschränkt, begaben sich auf das ihnen angewiesene

Zimmer, wo sie aber nur ein einziges Bett vorfanden, mit dem sie sich

begnügen mußten.

Da man die täglichen Kosten des Aufenthaltes wußte, so ließ sich

leicht berechnen, daß die Barschaft auf höchstens drei Wochen

ausreichen könne, in welcher Zeit Schiller seine Arbeit zu beendigen

hoffte. Allein es ließ sich leicht voraussehen, daß dieses nicht der

Fall sein würde, indem er viel zu sehr mit seinem neuen Trauerspiel

beschäftigt war und schon am ersten Abend in Oggersheim den Plan

desselben aufzuzeichnen anfing. Gleich bei dem Entwurf desselben

hatte er sich vorgenommen, die vorkommenden Charaktere den eigensten

Persönlichkeiten der Mitglieder von der Mannheimer Bühne so anzupassen,

daß jedes nicht nur in seinem gewöhnlichen Rollenfache sich bewegen,

sondern auch ganz so wie im wirklichen Leben zeigen könne. Im voraus

schon ergötzte er sich oft daran, wie Herr Beil den Musikus Miller so

recht naiv-drollig darstellen werde und welche Wirkung solche komische

Auftritte gegen die darauffolgenden tragischen auf die Zuschauer

machen müßten. Da er die Werke Shakespeares nur gelesen, aber keines

seiner Stücke hatte aufführen sehen, so konnte er auch noch nicht aus

der Erfahrung wissen, wie viele Kunst von seiten des Darstellers dazu

gehöre, um solchen Kontrasten das Scharfe, das Grelle zu benehmen, und

wie klein die Anzahl derer im Publikum ist, welche die große Einsicht

des Dichters oder die Selbstverleugnung des Schauspielers zu würdigen

verstehen.

Er war so eifrig beschäftigt, alles das niederzuschreiben, was er bis

jetzt darüber in Gedanken entworfen hatte, daß er während ganzer acht

Tage nur auf Minuten das Zimmer verließ. Die langen Herbstabende wußte

er für sein Nachdenken auf eine Art zu benützen, die demselben eben

so förderlich als für ihn angenehm war. Denn schon in Stuttgart ließ

sich immer wahrnehmen, daß er durch Anhören trauriger oder lebhafter

Musik außer sich selbst versetzt wurde, und daß es nichts weniger als

viele Kunst erforderte, durch passendes Spiel auf dem Klavier alle

Affekte in ihm aufzureizen. Nun mit einer Arbeit beschäftigt, welche

das Gefühl auf die schmerzhafteste Art erschüttern sollte, konnte ihm

nichts erwünschter sein, als in seiner Wohnung das Mittel zu besitzen,

das seine Begeisterung unterhalten oder das Zuströmen von Gedanken

erleichtern könne.

Er machte daher meistens schon bei dem Mittagtische mit der

bescheidensten Zutraulichkeit die Frage an S.: »Werden Sie nicht heute

abend wieder Klavier spielen?« -- Wenn nun die Dämmerung eintrat, wurde

sein Wunsch erfüllt, während dem er im Zimmer, das oft bloß durch das

Mondlicht beleuchtet war, mehrere Stunden auf und ab ging und nicht

selten in unvernehmliche, begeisterte Laute ausbrach.

Auf diese Art verflossen einige Wochen, bis er dazu gelangte, über die

bei Fiesco zu treffenden Veränderungen mit einigem Ernste nachzudenken;

denn so lang er sich von den Hauptsachen seiner neuen Arbeit nicht

loswinden konnte, so lange diese nicht entschieden vor ihm lagen, so

lang er die Anzahl der vorkommenden Personen und wie sie verwendet

werden sollten, nicht bestimmt hatte, war auch keine innere Ruhe

möglich.

Erst nachdem er hierüber in Gewißheit war, konnte er die Anordnungen

in dem frühern Trauerspiel beginnen, wobei er aber dennoch den Ausgang

desselben vorläufig unentschieden lassen mußte. Daß dieser Ausgang

nicht so sein dürfe, wie er durch die Geschichte angegeben wird, wo ihn

ein unglücklicher Zufall herbeiführt, blieb für immer ausgemacht. Daß

er tragisch, daß er der Würde des Ganzen angemessen sein müsse, war

ebenso unzweifelhaft. Nur blieb die schwierige Frage zu lösen, wie,

durch wen oder auf welche Art das Ende herbeizuführen sei? Schiller

konnte hierüber so wenig mit sich einig werden, daß er sich vornahm,

alles Frühere vorher auszuarbeiten, die Katastrophe durch nichts

erraten zu lassen und obige Zweifel erst, wenn das übrige fertig wäre,

zuletzt zu entscheiden.

Beinahe ein Monat war verflossen, und Fiesco noch immer nicht

vollendet; ja wäre der Dichter nicht gezwungen gewesen, alles zu

versuchen, um sich aus seiner Verlegenheit zu retten, so wäre dieses

Stück sicher erst dann umgearbeitet worden, wenn er das bürgerliche

Trauerspiel ganz fertig vor sich gesehen hätte.

Nur diejenigen, welche nicht selbst Fähigkeit zu Arbeiten haben, wobei

Begeisterung und Einbildungskraft beinahe ausschließend tätig sein

müssen, können diese Unentschlossenheit, diese Zögerungen Schillers

eines Tadels würdig finden. Zu Werken des ruhigen Verstandes, der

kalten Überlegung läßt sich der Geist leichter beherrschen, sogar

öfters nötigen; da im Gegenteil Dichter oder Künstler auf den

Augenblick warten müssen, wo ihnen die Muse erscheint, und diese, so

freigebig sie auch gegen ihre Lieblinge ist, sich doch alsobald mit

Sprödigkeit wegwendet, wenn die dargebotenen Gaben nicht augenblicklich

erhascht werden. Aus diesen Gründen lassen sich bei einem Jüngling,

dessen Trieb zur Dichtung so vorherrschend ist, daß alle übrigen

Eigenschaften bloß diesem zu dienen bestimmt sind, Ideen, die sein

Inneres aufgeregt haben, so wenig abwehren, daß, wenn er es auch

versuchen wollte, sie doch immerdar den Hintergrund seiner Gedanken

bilden würden und er nicht früher zur Ruhe gelangen könnte, bis er

nicht wenigstens die Zeichnung entworfen hätte.

Daß Schiller unter diesen Hochbegünstigten Apollos einer der

vorzüglichsten war, dafür spricht jede Zeile, die er niederschrieb.

Aber auch ungerechnet die Verhinderungen, welche ihm sein eignes Talent

in den Weg brachten, konnte die Ursache, wegen welcher er den Fiesco

gerade jetzt beendigen mußte, für ihn nichts weniger als erfreulich

sein. Denn so hoch er die Gaben des Himmels achtete, so gleichgültig

war er gegen diejenigen, welche die Erde bietet, und es war gewiß nicht

ermunternd, zur Erwerbung der letzteren sich gezwungen zu wissen. Der

Aufenthalt in Oggersheim war in dem feuchten, trüben Oktobermonat

gleichfalls nicht erheiternd.

Mochten auch die nach Mannheim und Frankenthal führenden Pappelalleen

anfangs recht hübsch aussehen, so fand man doch bald, daß sie nur darum

angepflanzt seien, um die flache, kahle, sandige Gegend zu verbergen;

daher waren die Reisenden um so früher an der mageren Aussicht

gesättigt, als sie von zarter Jugend an an die üppigen Umgebungen von

Ludwigsburg und Stuttgart gewöhnt waren, wo, besonders bei letzterer

Stadt, überall Gebirge das Auge erfreuen oder schon die ersten

Schritte aus den Stadttoren in Gärten oder gut gepflegte Weinberge

führen.

Im Hause selbst war der Wirt von rauher, harter Gemütsart, welche seine

Frau und Tochter, die sehr sanft und freundlich waren, öfters auf die

heftigste Art empfinden mußten. Nur der Kaufmann des Orts war ein Mann,

mit dem sich über mancherlei Gegenstände sprechen ließ, da er ein sehr

großer Freund von Büchern und, zu seinem nicht geringen Nachteil, ein

wahrhaft ausübender Philosoph war. Wollte Schiller mit Meier oder Herrn

Schwan sich unterreden, so konnte er nur um die Zeit der Dämmerung

in die Stadt gehen, wo er dann über Nacht bleiben mußte und erst bei

Anbruch des Tages zurückkehren konnte. S. war, was diesen Umstand

betraf, viel freier, weil er für sich keine Gefahr befürchten zu

dürfen glaubte. Er war manchen halben Tag daselbst, um Bekanntschaften

anzuknüpfen, die ihm in der Folge sehr nützlich wurden.

Der Oktober nahte sich seinem Ende und mit diesem auch die Barschaft,

welche beide mit hieher gebracht hatten. Es blieb kein anderes Mittel,

als daß S. noch einmal nach Hause schrieb und seine Mutter bat, ihm den

Rest des ihm nach Hamburg bestimmten Reisegeldes hieher zu schicken,

indem er wahrscheinlich genötigt sein werde, in Mannheim zu bleiben,

wenn sich das Schicksal Schillers nicht so vollständig verbessere, als

beide erwarteten.

Endlich war in den ersten Tagen des Novembers das Trauerspiel Fiesco

für das Theater umgearbeitet und ihm der Schluß gegeben worden, welcher

der Geschichte, der Wahrscheinlichkeit am angemessensten schien. Man

darf glauben, daß die letzten Szenen dem Dichter weit mehr Nachdenken

kosteten als das ganze übrige Stück, und daß er den begangenen Fehler,

die Art des Schlusses nicht genau vorher bestimmt zu haben, mit großer

Mühe gut zu machen suchen mußte. Aber in welchen unruhigen Umständen

befand sich der unglückliche Jüngling, als er dieses Trauerspiel

entwarf! Und wie war die jetzige Zeit beschaffen, in welcher er

ein Werk ausführen sollte, zu dem die ruhigste, heiterste Stimmung

erfordert wird, die durch keine Bedrückung des täglichen Lebens,

keine Beängstigung wegen der Zukunft gestört werden darf, wenn die

Arbeit zur Vollkommenheit gebracht werden soll! Seine lebhafte, kühne

Phantasie, sonst immer gewöhnt sich mit den Schwingen des Adlers in

den höchsten Regionen zu wiegen, wie stark war diese von der traurigen

Gegenwart niedergehalten! Mit welchen schweren bleiernen Gewichten zu

dem Gemeinen, Niedrigen des Lebens herabgezogen! -- In den verflossenen

neun Jahren durfte er seinem leidenschaftlichen Hang zur Dichtkunst

nur verstohlenerweise einige Minuten, höchstens Stunden opfern; denn

er mußte Studien treiben und Geschäfte verrichten, die mit seinen

Neigungen, seinem mit poetischen Bildern überfüllten Geist in dem

härtesten Widerspruch standen; und es gehörten so reiche Anlagen wie er

besaß dazu, um über die vielen stets sich erneuernden Kämpfe nicht in

Wahnsinn zu verfallen, sowie sein weiches, zartes Gemüt, um sich allen

Anforderungen zu fügen. Ohne eigne Erfahrung hätte er in späterer Zeit

seinen poetischen Lebenslauf in der herrlichen Dichtung »Pegasus im

Joche« unmöglich so getreu darstellen, so natürlich zeichnen können,

daß derjenige, der mit seinen Verhältnissen vertraut war, recht wohl

die Vorfälle deuten kann, auf die es sich bezieht. Laßt uns den Dichter

wegen der Mängel, die sich in Fiesco, in Kabale und Liebe finden, nicht

tadeln; vielmehr verdient es die höchste Bewunderung, daß er bei den

ungünstigsten äußern Umständen die Kräfte seines Talentes noch so weit

bemeistern konnte, um zwei Werke zu liefern, denen, um ihrer vielen und

großen Schönheiten willen, die späte Nachwelt noch ihre Achtung nicht

versagen wird.

Mit weit mehr Ruhe und Zufriedenheit als früher begab sich Schiller

nach der Stadt, um Herrn Meier das fertige und ins Reine geschriebene

Manuskript einzuhändigen. Da er alles geleistet, was der Gegenstand

zuließ, oder von dem er hoffen konnte, daß es den Wünschen des Baron

Dalberg sowie zugleich den Forderungen der Bühne angemessen sei, so

glaubte er auch, daß seine Bedrängnisse bald beendigt sein würden und

er das Leben auf einige Zeit mit frohem Mute werde genießen können.

Es verging jedoch eine ganze Woche, ohne daß der Dichter eine Antwort

erhielt, die ihm doch auf die nächsten Tage zugesagt worden. Um der

Ungewißheit ein Ende zu machen, entschloß er sich an Baron Dalberg

zu schreiben und sich noch einmal zu Herrn Meier zu begeben, um eine

Auskunft über das, was er erwarten könne, zu erhalten.

Es war gegen die Mitte Novembers, als Schiller und S. des Abends

bei Herrn Meier eintraten und diesen nebst seiner Gattin in größter

Bestürzung fanden, weil kaum vor einer Stunde ein württembergischer

Offizier bei ihnen gewesen sei, der sich angelegentlich nach Schillern

erkundigt habe. Herr Meier hatte nichts gewisser vermutet, als

daß dieser Offizier den Auftrag habe, Schillern zu verhaften, und

demzufolge beteuert, daß er nicht wisse, wo dieser sich gegenwärtig

befinde. Während dieser Erklärung klingelte die Haustür und man wußte

in der Eile nichts Besseres zu tun, als Schiller mit S. in einem

Kabinett, das eine Tapetentür hatte, zu verbergen. Der Eintretende war

ein Bekannter vom Hause, der gleichfalls voll Bestürzung aussagte:

er habe den Offizier auf dem Kaffeehause gesprochen, der nicht nur

bei ihm, sondern auch bei mehreren Anwesenden sehr sorgfältig nach

Schillern gefragt habe; allein er seinerseits hätte versichert, daß

der Aufenthalt desselben jetzt ganz unbekannt wäre, indem er schon vor

zwei Monaten nach Sachsen abgereist sei. Die Geflüchteten kamen aus

ihrem Versteck hervor, um die Uniformsaufschläge und das Persönliche

des Offiziers zu erforschen, weil es vielleicht auch einer von den

Bekannten Schillers sein konnte; allein die Angaben über alles waren so

abweichend, daß man unmöglich auf eine bestimmte Person raten konnte.

Noch einigemal wiederholte sich dieselbe Szene durch neu Ankommende,

die mit den andern voller Ängstlichkeit um die beiden Freunde waren,

weil diese mit Sicherheit weder in der Stadt übernachten, noch auch

nach Oggersheim zurückgehen konnten.

Wie aber der feine, gewandte Sinn des zarteren Geschlechtes allezeit

noch Auswege findet, um Verlegenheiten zu entwirren, wenn die Männer

-- immer gewohnt nur starke Mittel anzuwenden -- nicht mehr Rat zu

schaffen wissen, so wurde auch jetzt von einem schönen Munde ganz

unerwartet das Mittel zur Rettung ausgesprochen. Madame Curioni (mit

Dank sei heute noch ihr Name genannt) erbot sich, Schillern und S.

in dem Palais des Prinzen von Baden, über welches sie Aufsicht und

Vollmacht hatte, nicht nur für heute, sondern solange zu verbergen, als

noch eine Verfolgung zu befürchten wäre. Dieses mit der anmutigsten

Güte gemachte Anerbieten wurde mit um so lebhafterer Erkenntlichkeit

aufgenommen, da man daselbst am leichtesten unerkannt sein konnte und

sich auch niemand in der Absicht, um jemand zu verhaften, in dieses

Palais hätte wagen dürfen. Auf der Stelle wurden die nötigen Anstalten

zur Aufnahme der verfolgt Geglaubten getroffen und sie dann sogleich

dahin geleitet. Herr Meier hatte versprochen, am nächsten Morgen zum

ersten Sekretär des Ministers Grafen von Oberndorf zu gehen, um diesen,

da er ihn sehr gut kenne, zu fragen, ob der Offizier in Aufträgen an

das Gouvernement hier gewesen sei?

Das Zimmer, welches den beiden Freunden als Zuflucht angewiesen worden,

war sehr schön und geschmackvoll, mit Notwendigem sowie Überflüssigem

ausgestattet. Unter den zahlreichen Kupferstichen, mit denen die Wände

behangen waren, befanden sich auch die zwölf Schlachten Alexanders, von

Lebrun, welche den Betrachtenden bis spät in die Nacht die angenehmste

Unterhaltung gewährten. Gegen zehn Uhr des andern Morgens wagte sich S.

aus dem Palais, um sich zu Herrn Meier zu begeben und zu vernehmen, ob

etwas zu befürchten sei? Diesen aber hatten seine eignen Sorgen schon

in aller Frühe zu dem Sekretär des Ministers getrieben, von dem er die

Versicherung erhielt, daß der Offizier keine Aufträge an Graf Oberndorf

gehabt und sich auch aus dem Meldezettel des Gastwirt ergebe, daß er

schon gestern abend um sieben Uhr abgereist sei. Nach einigen kurzen

Besuchen begab sich S. sogleich zu Schillern, um ihm diese beruhigende

Kunde zu überbringen und ihn aus seinem schönen Gefängnis zu befreien,

welches er auch sogleich verließ, um sich zu Herrn Meier zu verfügen.

Hier wurde nun die unsichere Lage des Dichters umständlich besprochen,

welche der unnützen Angst von gestern ungeachtet, ebenso gefährlich

für ihn selbst als für jeden, der Anteil an ihm nahm, beunruhigend

schien. Schiller mußte zugeben, daß er für jetzt nicht in Mannheim

verweilen könne, so willkommen es ihm auch gewesen wäre, für das

Theater wirksam zu sein und zugleich durch Anschauung der aufgeführten

Stücke seine Einsicht in das Mechanische der Bühne zu erweitern. Daher

wurde mit allgemeiner Zustimmung seiner Freunde von ihm beschlossen,

daß, sobald die Annahme seines Fiesco entschieden sei, er sich

sogleich nach Sachsen begeben wolle. Daß er, aller etwa anzustellenden

Nachforschungen ungeachtet, daselbst einen sichern, von allen Sorgen

befreiten Aufenthalt finden könne, dafür hatte er glücklicherweise

schon in Stuttgart Anstalten getroffen. Frau von Wolzogen, die ihn

sehr hoch achtete, und deren Söhne mit ihm zugleich in der Akademie

erzogen worden, hatte ihm, als er ihr nach seinem Arrest den Vorsatz,

von Stuttgart entfliehen zu wollen, vertraute, feierlich zugesagt, ihn

auf ihrem in der Nähe von Meiningen liegenden Gute -- Bauerbach --

solange wohnen und mit allem Nötigen versehen zu lassen, als er von

dem Herzog eine Verfolgung zu befürchten habe. Dieses in einer guten

Stunde erhaltene Versprechen wollte jetzt Schiller benützen und schrieb

sogleich an diese Dame nach Stuttgart, wo sie sich aufhielt, um die

nötigen Vollmachten, damit er in Bauerbach aufgenommen werde.

Gegen Ende Novembers erfolgte endlich die Entscheidung des Baron

Dalberg über Fiesco, welche ganz kurz besagte: »Daß dieses Trauerspiel

auch in der vorliegenden Umarbeitung nicht brauchbar sei, folglich

dasselbe auch nicht angenommen oder etwas dafür vergütet werden könne.«

So zerschmetternd für Schiller ein Ausspruch sein mußte, der die

Hoffnung, das quälende, seine schönsten Augenblicke verpestende

Gespenst einer kaum des Namens werten Schuld von sich zu entfernen,

auf lange Zeit zerriß -- so sehr er es auch bereute, daß er sich

durch täuschende Versprechungen, durch schmeichelnde, leere, glatte,

hohle Worte hatte aufreizen lassen, von Stuttgart zu entfliehen -- so

ungewöhnlich es ihm scheinen mochte, daß man ihn zur Umarbeitung seines

Stückes verleitet, die ihm nahe an zwei Monate Zeit gekostet, all sein

Geld aufzehrte und ihn noch in neue Schulden versetzte, ohne ihn auf

eine entsprechende Art dafür zu entschädigen oder auch nur anzugeben,

worin denn die Unbrauchbarkeit dieses Trauerspiels bestehe -- so sehr

dieses alles sein großmütiges Herz zernagte, so war er dennoch viel zu

edel, viel zu stolz, als daß er sein Gefühl für eine solche Behandlung

hätte erraten lassen. Er begnügte sich gegen Herrn Meier, der ihm diese

abweisende Entscheidung einhändigen mußte, zu äußern: er habe es sehr

zu bedauern, daß er nicht schon von Frankfurt aus nach Sachsen gereist

sei.

Um jedoch den Leser zu versichern, daß die Mitglieder des

Theaterausschusses, denen Fiesco zur Prüfung vorgelegt worden, die

Meinung ihres Chefs nicht völlig teilten, werde schon jetzt das Votum

eines derselben, das Schiller ein Jahr später in dem Protokoll des

Theaters fand, angeführt.

»Obwohl dieses Stück für das Theater noch einiges zu wünschen

lasse, auch der Schluß desselben nicht die gehörige Wirkung zu

versprechen scheine, so sei dennoch die Schönheit und Wahrheit der

Dichtung von so ausgezeichneter Größe, daß die Intendanz hiemit

ersucht werde, dem Verfasser als Beweis der Anerkennung seiner

außerordentlichen Verdienste eine Gratifikation von acht Louisdor

verabfolgen zu lassen.«

Unterzeichnet war: Iffland.

Allein Se. Exzellenz Freiherr von Dalberg konnten diesem Gutachten,

das noch heute Iffland die größte Ehre bringt, ihren Beifall nicht

schenken, sondern entließen den Dichter eben so leer in Börse und

Hoffnung aus Mannheim, wie er vor zwei Monaten daselbst angekommen war.

Das nächste, das einzige und letzte, was nun zu tun war, unternahm

Schiller sogleich, indem er zu Herrn Schwan ging und ihm Fiesco für

den Druck anbot. Herr Schwan, der als Gelehrter und Buchhändler den

Ruf eines vortrefflichen Mannes mit vollem Rechte genoß, übernahm

dieses Stück mit großer Bereitwilligkeit und bedauerte nur, als er

es durchlesen, daß er die vortreffliche Dichtung nicht höher als den

gedruckten Bogen mit einem Louisdor honorieren könne, da ihm durch die

überall lauernden Nachdrucker kein anderer Gewinn übrig bleibe, als den

er von dem ersten Verkauf ziehe.

Was Schillern aber unter allen diesen Widerwärtigkeiten am

schmerzlichsten fiel, war der Gedanke, daß er seinen Freund S. in

sein böses Schicksal mit verflochten, indem dieser all das Geld, das

er zu der vorgehabten Reise nach Hamburg hätte verwenden sollen, in

der Hoffnung, daß der Dichter in Mannheim reichliche Unterstützung

finden müsse, aufgeopfert hatte, und nun an keinen Ersatz zu denken

war. Schon im August hätte S. nach Wien reisen sollen, wo ihn eine

Aufnahme erwartete, die ihn zwar jeder Sorge für seine Bedürfnisse

überhoben, aber in seiner Kunst nicht weiter gefördert hätte. Er zog es

also vor, seine jungen Jahre nicht müßig zu vergeuden, sondern lieber

nach Hamburg zu gehen, um, wenn es auch mit den größten Entbehrungen

geschehen müßte, sich in der Musik so viel als möglich auszubilden;

worin ihm auch Schiller, dem er diese Sache schon früher vertraut

hatte, vollkommen beistimmte. Nun konnte S. weder in den einen noch

in den andern Ort gelangen, indem seine Mutter nicht wohlhabend genug

war, um ihm sogleich wieder neue Hilfe zukommen zu lassen. Nach allen

Meinungen schien es das beste zu sein, daß er vorderhand in Mannheim

bleibe, weil noch mehrere Mitglieder der kurfürstlichen Kapelle

daselbst wohnten, deren Unterricht oder Beispiel er benützen konnte,

wozu die Herren Schwan, Meier und seine Freunde alles beizutragen

versprachen. S. ergab sich in das, was vorläufig nicht zu ändern war,

viel williger, als daß er jetzt schon in die Stadt ziehen und Schillern

noch acht bis zehn Tage in Oggersheim allein lassen sollte. Allein es

mußte sein. Beide hatten sich aufgezehrt; im Gasthof war es zu teuer,

und ihre Not war schon so groß geworden, daß der Dichter seine Uhr

verkaufen mußte, um nicht zu vieles schuldig zu bleiben. Die letzten

vierzehn Tage mußte man aber dennoch auf Borg leben, wo man dann auf

der schwarzen Wirtstafel recht säuberlich mit Kreide geschrieben sehen

konnte, was die Herren Schmidt und Wolf täglich verbraucht hatten.

Der arme Dichter erhielt für Fiesco gerade so viel, um besagte

Kreidenstriche auslöschen zu lassen, um einige unentbehrliche Sachen

für den Winter anzuschaffen und um seine Reise bis Bauerbach ohne

Furcht vor neuem Mangel bestreiten zu können. Der Antritt dieser Reise

war auf den letzten November bestimmt. Da Schiller mit dem Postwagen

über Frankfurt, Gelnhausen usw. nach Meiningen gehen, sich aber auf

der Post in Mannheim nicht zeigen wollte, so kam Herr Meier mit ihm

überein, ihn mit S. und einigen Freunden in Oggersheim abzuholen und

von da nach Worms zu bringen, wo er dann den nächsten Tag mit dem

Postwagen abfahren könne.

An dem bestimmten Tage fuhren die Freunde nach Oggersheim, wo sie

Schiller gerade beschäftigt fanden, seine wenige Wäsche, seine

Kleidungsstücke, einige Bücher und Schriften in einen großen

Mantelsack zu packen. Bei einer Flasche Wein, die er reichen ließ,

wurde alles besprochen, was ihn über die Zukunft beruhigen oder

seine Munterkeit befördern könnte. Allein bei ihm war dies gar nicht

so nötig, als wohl bei den meisten Menschen, denen ihre Hoffnungen

fehlschlagen, der Fall ist. Nur die Erwartung, die Ungewißheit einer

Sache hatte für sein Gemüt etwas Unangenehmes, Beunruhigendes. Sowie

aber einmal die Entscheidung eingetreten war, zeigte er all den Mut,

den ein wackerer Mann braucht, um Herr über sich zu bleiben. Er übte

-- was wenige Dichter tun -- seine ausgesprochenen Grundsätze redlich

aus und befolgte den Vorsatz des Karl Moor »die Qual erlahme an meinem

Stolze« bei Umständen, in welchen jeden andern die Kraft verlassen

hätte.

Von Oggersheim brach die Gesellschaft bei einer starken Kälte und

tiefliegendem Schnee nach Worms auf, wo sie gerade noch zur rechten

Zeit ankam, um in dem Posthause, wo sie abgestiegen waren, von

einer wandernden Truppe Ariadne auf Naxos spielen zu sehen. Daß die

Aufführung ebenso ärmlich als lächerlich sein mußte, ergibt sich schon

daraus, daß an dem Schiffe, welches den Theseus abzuholen erschien,

zwei Kanonen gemalt waren, und daß der Donner, durch welchen Ariadne

vom Felsen geschleudert wird, mittels eines Sackes voll Kartoffeln, die

man in einen großen Zuber ausschüttete, hervorgebracht wurde. Meier

und seine Freunde fanden hier eine reiche Ernte für ihre Lust alles

zu belachen und zu verspotten. Schiller aber sah mit ernstem, tiefem

Blick und so ganz in sich verloren auf das Theater, als ob er nie etwas

Ähnliches gesehen hätte oder es zum letztenmal sehen sollte. Auch nach

beendigtem Melodram konnten die Bemerkungen der andern ihm kaum ein

Lächeln entlocken; denn man sah es ihm an, daß er nicht gerne aus der

Stimmung trete, die sich seiner bemächtigt hatte.

Das Nachtessen, bei dem auch Liebfrauenmilch nicht fehlte, machte ihn

jedoch etwas heiterer, so daß man endlich ganz wohlgemut aufbrechen

konnte, um nach Mannheim zurückzukehren und dem allen wert gewordenen

Dichter das Lebewohl zu sagen. Meier und die andern schieden sehr

unbefangen und redselig.

Allein was konnten Schiller und sein Freund sich sagen? -- Kein Wort

kam über ihre Lippen -- keine Umarmung wurde gewechselt; aber ein

starker, lang dauernder Händedruck war bedeutender als alles, was sie

hätten aussprechen können!

Die zahlreich verflossenen Jahre konnten jedoch bei dem Freunde die

wehmütige Erinnerung an diesen Abschied nicht auslöschen; und noch

heute erfüllt es ihn mit Trauer, wenn er an den Augenblick zurückdenkt,

in welchem er ein wahrhaft königliches Herz, Deutschland edelsten

Dichter, allein und im Unglück hatte zurücklassen müssen!

Die außerordentlich strenge Kälte, welche in den ersten Tagen des

Dezembers herrschte, ließ um so weniger für den Dichter eine angenehme

Reise erwarten, da er ohne schützende Kleidung, nur mit einem leichten

Überrocke versehen, einige Tage und Nächte auf dem Postwagen zubringen

mußte, dessen (damaliger) Schneckengang selbst in einer bessern

Jahreszeit die Stunden zu Tagen ausdehnte.

Seine Freunde beklagten ihn sehr, und ihre zu spät erwachte

Gutmütigkeit erinnerte sich jetzt an manches Entbehrliche, womit ihm

die rauhe Witterung weniger empfindlich hätte gemacht werden können;

und je mehr die Mittel hierzu sich fanden, um so ernstlicher wurde

bedauert, daß man nicht früher daran gedacht oder deshalb gemahnt

worden.

Ebenso natürlich war es auch, daß dieselben Menschen, welchen die

Versprechungen, die Schillern gemacht worden, bekannt waren, und

die ihm die Hoffnung, daß sie erfüllt würden, ganz unbezweifelt

darstellten, jetzt auch ihren scharfen Tadel über seine Flucht äußerten

und solche für ebenso leichtsinnig als unbegreiflich erklärten.

Daß er, um dem bisher erlittenen, unerträglichen Zwange zu entgehen,

das Äußerste gewagt -- daß er durchaus nicht Arzt, sondern Dichter

sein wollte -- daß er, um sich dem so reizend scheinenden Stande mit

ganzer Kraft widmen zu können, eine sehr kümmerliche Besoldung aufgeben

konnte, schien ebenso unüberlegt, als es wenige Kenntnis der Welt und

ihrer Verhältnisse anzeigte.

Man berechnete sorgfältig den Reichtum berühmter Ärzte und verglich

damit die Einkünfte deutscher Dichter, die, wenn sie auch den größten

Ruhm sich erworben, dennoch in einer Lage waren, welche man wahrhaft

ärmlich nennen konnte.

Auch fürchtete man, daß die Erwartungen, die Schiller durch sein erstes

Schauspiel erregt, viel zu groß wären, als daß er dieselben durch

nachfolgende Werke befriedigen oder seine Kräfte in gleicher Höhe

erhalten könnte.

Der einzige, aber auch sehr warme Verteidiger unseres Dichters war

Iffland, der, den Beruf zum Schauspieler in sich fühlend, in noch

jungen Jahren bloß mit etlichen Talern in der Tasche und nur mit den am

Leibe tragenden Kleidungsstücken versehen, seinem wohlhabenden Vater

entfloh, um sich zu Ekhof zu begeben und in dessen Schule zu bilden.

Iffland allein wußte die Lage Schillers gehörig zu würdigen, indem er

aus eigner Erfahrung beurteilen konnte, wie unerträglich es ist, ein

hervorstechendes, angebornes Talent unterdrücken, die herrlichsten

Gaben vermodern lassen zu müssen und nur das gemeine Alltägliche tun zu

sollen, oder gar durch Zwang zu dessen Ausübung angehalten zu werden.

Nicht nur gab er dem mutigen Entschlusse Schillers seinen völligen

Beifall, sondern machte auch mit dem ihm reichlich zu Gebote stehenden

Witze den Kleinmut derer lächerlich, die es für ein Unglück halten,

einige Meilen zu Fuß reisen zu müssen oder zur gewohnten Stunde keinen

wohlbesetzten Tisch zu finden. Seine treffenden Bemerkungen ließen die

Verhältnisse des Dichters in einem mehr heiteren Lichte erscheinen.

Vorläufig konnte man sich insofern beruhigen, als er doch auf einige

Zeit wenigstens gegen Mangel oder Verfolgungen gesichert war.

Nur wurde nicht mit Unrecht bezweifelt, ob seine dramatischen Arbeiten

in gänzlicher Abgeschiedenheit gefördert werden könnten, oder ob sein

Geist, von allem erheiternden Umgang abgeschnitten und bei Entbehrung

der nötigen Bücher, nicht in kurzer Zeit abgestumpft würde. Sein tiefes

Gefühl, seine frische, jugendliche Kraft ließen letzteres zwar nicht so

bald befürchten; indessen vereinigten sich doch alle Wünsche dahin, daß

ein glücklicher Zufall eintreten und für ihn die günstigsten Umstände

herbeiführen möchte.

Seine Freunde waren auf die Nachrichten von seiner Ankunft sehr

gespannt und wurden durch nachstehenden Brief an S. vollkommen beruhigt.

Bauerbach, den 8. Dezember 1782.

Liebster Freund!

Endlich bin ich hier, glücklich und vergnügt, daß ich einmal am

Ufer bin. Ich traf alles noch über meine Wünsche; keine Bedürfnisse

ängstigen mich mehr, kein Querstrich von außen soll meine

dichterischen Träume, meine idealischen Täuschungen stören.

Das Haus meiner Wolzogen ist ein recht hübsches und artiges

Gebäude, wo ich die Stadt gar nicht vermisse. Ich habe alle

Bequemlichkeit, Kost, Bedienung, Wäsche, Feuerung, und alle diese

Sachen werden von den Leuten des Dorfes auf das vollkommenste und

willigste besorgt. Ich kam abends hieher -- Sie müssen wissen, daß

es von Frankfurt aus 45 Stunden hieher war -- zeigte meine Briefe

auf und wurde feierlich in die Wohnung der Herrschaft abgeholt,

wo man alles aufgeputzt, eingeheizt und schon Betten hergeschafft

hatte. Gegenwärtig kann und will ich keine Bekanntschaften machen,

weil ich entsetzlich viel zu arbeiten habe. Die Ostermesse mag sich

Angst darauf sein lassen.

Schreiben Sie mir doch, wo Sie gesonnen sind zu bleiben. Halten Sie

sich, wenn Sie zu Mannheim bleiben, nur immer fleißig an Schwan,

Meier und meine Freunde. Besser Sie bleiben aber nicht dort und

verfolgen Ihren ersten Anschlag, der mir immer der vernünftigste

schien.

Was Sie tun, lieber Freund, behalten Sie diese praktische Wahrheit

vor Augen, die Ihren unerfahrnen Freund nur zu viel gekostet hat:

Wenn man die Menschen braucht, so muß man ein H...t werden oder

sich ihnen unentbehrlich machen. Eines von beiden oder man sinkt

unter.

Wenn Sie Ursache hätten nicht nach Wien zu gehen, so könnte ich

Ihnen allenfalls einen anderen Ausweg anraten, der mir von mehreren

Seiten besehen, nicht gar verwerflich scheint. Sie sind jung, weit

genug in Ihrer Kunst, um brauchbar zu sein, halten Sie sich an

einen Meister in einer großen Stadt, von dem Sie wissen, daß er

viele Geschäfte hat, lassen Sie sich auch zu dem Handwerksmäßigen

Ihrer Kunst herab, machen Sie sich ihm nützlich, so finden Sie

erstlich Gelegenheit den Mann zu studieren, finden Brot, und

wenn Sie weggehen Empfehlung. Der große Titian war Raffaels

Farbenreiber. Weit gefehlt, daß ihm das schimpflich wäre, macht es

seinem Namen nur desto größere Ehre.

Empfehlen Sie mich bei Schwan, Meier, Cranz, Gern, Derain, dem

Steinschen Hause, auch auf dem Viehhof. Schreiben Sie mir, was sich

von dem Offizier, der mich aufsuchte, bestätigt hat.

Noch etwas: bei dem neulichen schnellen Aufbruche von Oggersheim

haben wir beide vergessen, die Zeche im Viehhof zu bezahlen. Ich

will nicht haben, daß Sie in Schaden dabei kommen. Sie werden also,

weil das Geld zu wenig beträgt, um 65 Stunden geschickt zu werden,

eine Anweisung dafür und für andere abgelegte Kleinigkeiten an

Schwan bekommen, der mir, weil Fiesco gewiß mehr als 10 Bogen stark

wird, noch Geld herauszahlen wird.

Jetzt muß ich eilen, das ist bereits der fünfte Brief, und

wenigstens noch soviel hab' ich zu schreiben.

Leben Sie recht wohl, lieber Freund, vergessen Sie mich nicht und

sein Sie vollkommen versichert, daß ich tätig an Sie denken werde,

sobald sich meine Aussichten verschönern, welches, wie ich hoffe,

nicht lange mehr anstehen soll. Noch einmal leben Sie recht wohl.

Wenn Sie mir schreiben, legen Sie den Brief bei Schwan oder Meier

nieder.

Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim von 1782-1785 · 第 18 / 27 题