»Wohlgeborne Frau!
Seit dem Tode Ihres herrlichen Bruders sind einundzwanzig Jahre
verflossen, und noch ist er nicht begraben, sondern sein Sarg steht
in Weimar in dem Gewölbe einer Sterbkassen-Gesellschaft unter
dreißig bis vierzig andern versteckt, so daß es unmöglich ist, zu
ihm zu gelangen oder ihn nur zu sehen.
Man sagt, daß diese ungeheure Vernachlässigung die Schuld der Witwe
sei.
Als ich im Jahre 1820 die erste Nachricht hierüber in der
»Allgemeinen Zeitung« las, schrieb ich sogleich nach Weimar und
erkundigte mich um die Wahrheit derselben. Leider wurde solche
bestätigt und die Vermutung geäußert, daß wohl der Vermögenszustand
der Schillerschen Familie einige Schuld daran haben könne.
Sogleich entschloß ich mich, eine kleine von mir verfaßte Schrift:
»Schillers Flucht von Stuttgart und sein Aufenthalt in Mannheim
von 1782 bis 1785,« die erst nach meinem Tode erscheinen sollte,
jetzt schon, und zwar zu dem Zwecke herauszugeben, damit für den
eingehenden Betrag Schiller ein ordentliches Grabmal errichtet
werden könnte.
Mancherlei Schwierigkeiten, die ich nicht beseitigen konnte und
deren Aufzählung zu weitläufig sein würde, brachten diese Sache
ins Stocken, bis endlich bei der Austeilung des neuen Kirchhofs
in Weimar sich Frau von Schiller entschloß, eine Familiengruft zu
wählen, und nur noch ihre Rückkehr von Köln erwartet wurde, um eine
vollkommene Entscheidung herbeizuführen. Allein ein Schlagfluß
überraschte sie in Bonn, wohin sie sich wegen einer Augenoperation
begeben hatte, und brachte diese Sache insoferne wieder aufs neue
zum Stillstande, als man sich deshalb nun an den ältesten Sohn
in Köln wenden mußte. An diesen habe ich nun geschrieben, und es
läßt sich erwarten, daß er die Pflicht des Sohnes erfüllen und
das Murren aller Reisenden, sowie die in so vielen Zeitschriften
darüber erhobenen Klagen stillen wird.
Ich habe Herrn von Schiller auch zugleich um genaue Nachrichten
in betreff der letzten Lebensjahre seines Vaters ersucht, welche
in den Schriften von Körner, H. Döring und andern entweder
ganz übergangen oder unrichtig angegeben sind, indem mir daran
liegt, daß meine Schrift als (wenigstens kleines) Ganzes sich
darstelle. Da aber die Angaben über seine Eltern, über seine ersten
Jugendjahre gar zu karg aufgeführt sind, und solche weder in der
Zeitfolge noch in der Sache selbst zusammenpassen, so legt man
diese Schriften desto unbefriedigter weg, je gespannter man auf
alle Nachrichten ist, welche diese merkwürdige Familie betreffen.
Von dieser Periode lassen sich nun nur noch von Ihnen, wohlgeborne
Frau, die allerzuverlässigsten Nachrichten erwarten, indem Sie
der einzige noch lebende Zeuge derselben sind. Ich nehme mir
daher die Freiheit, Ihnen einige Fragen vorzulegen, welche diesen
Zeitraum betreffen, mit der Bitte, selbige einiger Aufmerksamkeit
würdigen und mir gefälligst beantworten zu wollen. Da ich meine
Absicht, warum ich alles dahin Gehörige zu wissen wünsche, deutlich
ausgesprochen, so darf ich nicht fürchten, daß Sie diese Fragen
als aus bloßer Neugierde oder aus einer unedlen Ursache gestellt
ansehen werden, sondern habe gegründete Ursache, zu hoffen, daß Sie
dem Jugendfreunde und Leidensgefährten Ihres Bruders sein Verlangen
um so weniger versagen werden, weil dieses nur zur Verherrlichung
des Verewigten gereichen solle. Da aber die Schrift schon in
einigen Monaten in Druck gegeben werden muß -- da erst, wenn
dieser schon im Gange ist, die Unterzeichnung darauf öffentlich
angekündigt werden kann -- da auch nur alsdann erst zur Erbauung
eines ordentlichen, würdigen Grabmals geschritten wird, wenn man
der Kostendeckung versichert ist -- da meine Geschäfte mir nur
sehr wenig Zeit zur Vollendung dieser Schrift gestatten, und da
mein Alter, sowie meine Gesundheit es nicht ratsam machen, diese
Angelegenheit noch länger als bis zum 9. Mai 1827 zu erstrecken,
so muß ich den dringenden Wunsch beifügen, daß Sie die Güte haben
und mir Ihre Antwort sobald als möglich übermachen wollen. Keine
Ihrer Nachrichten soll für mein Eigentum abgegeben, sondern dankbar
dem Publikum die Quelle genannt werden, aus welcher mir solche
zugeflossen.
Es sind nun volle dreiundvierzig Jahre, daß mir nicht mehr vergönnt
ward, Sie zu sehen, und nur meine lebhafte Erinnerung an Sie, sowie
an Ihr ganzes Haus, kann mir einige Schadloshaltung für dieses
Glück gewähren.
Mein innigster Wunsch ist, daß dieser Brief Sie, sowie Ihren Herrn
Gemahl in bestem Wohlsein treffe, und daß von diesem durch eine
gefällige Antwort recht bald die Überzeugung erhalte, wohlgeborne
Frau, Ihr hochachtungsvoll ergebenster Diener
Andreas Streicher, Tonkünstler.