a) _Kurhessens Beitritt._
Nach dem Tode Motzs … erhielt sein Freund Maaßen, der Begründer des
Zollgesetzes, die Leitung des Finanzwesens. Die Wahl des Königs konnte
keinen würdigeren Mann treffen. Maaßen überragte den Verstorbenen durch
umfassende Sachkenntnis; klug, gerecht, wohlwollend, verstand er bei den
Unterhandlungen, sich das Vertrauen der argwöhnischen kleinen Kronen stets
zu erhalten. Freilich fehlten ihm der kühne Wagemut und der weite
staatsmännische Blick des Vorgängers; er ließ die Dinge gern an sich
kommen und hegte nicht wie jener den Ehrgeiz, auf die Leitung der gesamten
preußischen Politik einzuwirken, obgleich er als der bedeutendste Kopf des
Ministeriums klar erkannte, wie gemächlich die Mittelmäßigkeit in den
anderen Departements sich wieder einzunisten begann … So erklärt es sich,
daß die mühselige Arbeit der handelspolitischen Einigung zwar stetig
vorwärts schritt, aber zunächst nicht so schnell gefördert wurde, wie man
wohl erwarten konnte, nachdem Motz Schlag auf Schlag die letzten Enklaven
aufgenommen, den Zollverein mit Darmstadt, den Handelsvertrag mit
Bayern-Württemberg abgeschlossen, den feindlichen Handelsverein der
Mitteldeutschen nahezu zersprengt hatte.
Die Nachspiele der Julirevolution gereichten der preußischen
Handelspolitik zum Vorteil; sie räumten plötzlich alle die Hemmnisse
hinweg, welche das alte System in den norddeutschen Mittelstaaten dem
Zollverbande entgegenstellte. Durch den Untergang der ständischen Anarchie
in Sachsen, der despotischen Willkür in Hessen war die Verwaltung beider
Länder den preußischen Institutionen angenähert worden; früher oder später
mußte die Verständigung erfolgen. In Kurhessen zunächst wurde die
Morschheit des alten Mautwesens offenbar. Nicht zuletzt die
wirtschaftliche Not hatte die Volksbewegungen im Herbst 1830
hervorgerufen. Das Ländchen mit seinen 154 Geviertmeilen besaß 154 Meilen
Zollgrenze. Frecher als irgendwo auf deutschem Boden gedieh hier der
Schmuggel; in geschlossenen Scharen zogen die Schwärzer aus, maßen sich
mit den Zollwächtern in offenem Gefechte. Während die Kosten der
Zollverwaltung den Ertrag der Eingangsabgaben fast verzehrten, begann
jetzt auch der ergiebige Durchfuhrzoll zu versiegen, da der Transit sich
nach der neuen Thüringer Straße hinüberzog. Als die Unruhen ausbrachen,
verließen alle Mautbeamten im Hanauischen und Fuldischen ihre Amtshäuser;
Massen fremder Waren strömten unverzollt ins Land, und der Bundesgesandte
Meyerfeld erklärte dem Bundestage, die Regierung dürfe nicht wagen, die
Zollämter wieder herzustellen. Entsetzt schrieb Blittersdorff: »Die Mauten
können leicht für ganz Deutschland ein Losungswort des Aufruhrs werden.«
Doch wie konnte Kurhessen aus dem unerträglichen Notstande heraus? Die
Regierung war zwiefach gebunden: durch den Mitteldeutschen Handelsverein
und durch den Eimbecker Vertrag. Jener lag im Sterben, dieser war
vorderhand noch ein Entwurf, änderte nichts an den Leiden des Landes. Man
schwankte lange; noch im Herbst 1830 widmete Geh. Rat Meisterlin, einer
der Urheber des Eimbecker Vertrags, den Landständen eine Flugschrift, die
den Eintritt in das preußische Zollsystem verwarf, weil Hessens
Gewerbefleiß die Mitwerbung der überlegenen rheinischen Industrie nicht
ertragen könne. Die alte Abneigung des Kurfürsten gegen Preußen war nicht
verflogen, auch schien ihm doch bedenklich, eine zweifache Verflichtung
ohne weiteres zu brechen. Er wünschte — und mit ihm wohl die Mehrzahl im
Lande — einen Mautverband des gesamten Deutschlands, der die Sonderbünde
von selbst aufgehoben hätte. In diesem Sinne mußte Meyerfeld bei dem
bayrischen Bundestagsgesandten Lerchenfeld vertraulich anfragen. Das
Münchener Kabinett aber kannte jetzt die handelspolitischen Pläne wie die
Verhandlungsweise des Berliner Hofes; daher gab Graf Armansperg an
Lerchenfeld die verständige Weisung: diese Sache sei vorsichtig dahin zu
lenken, daß sie in Berlin unter Preußens Leitung erledigt werde.
Gleichwohl konnte der Kurfürst sich noch immer nicht entschließen, mit dem
verhaßten Preußen und dem so gröblich beleidigten Darmstädter Vetter
allein zu verhandeln. Noch im folgenden Frühjahr erhielt Meyerfeld den
Auftrag, die Vereinigung sämtlicher deutscher Mautverbände beim Bundestage
zu beantragen; da warnte ihn Nagler: niemals werde Preußen einer solchen
Utopie zustimmen.
Unterdessen hatte Motz, ein Verwandter des preußischen Ministers, das
hessische Finanzministerium übernommen. Die Anarchie im Zollwesen ward
unhaltbar; die Kommissäre des Eimbecker Vereins, die in Hannover tagten,
konnten sich nicht einigen. Motz und sein wackerer Amtsgenosse Schenk zu
Schweinsberg bewogen endlich den Kurfürsten, daß er die Geheimräte Ries
und Meisterlin im Juni nach Berlin schickte, um mit Preußen-Darmstadt und
Bayern-Württemberg zugleich einen Zollverein zu schließen. Doch
unerbittlich hielt Eichhorn den beiden Bevollmächtigten den alten
preußischen Grundsatz entgegen: Verhandlungen mit mehreren Staaten
zugleich sind aussichtslos. Vergeblich sträubte sich der Kurfürst; man
mußte sich der Forderung des Berliner Hofes fügen, mit Preußen-Darmstadt
allein verhandeln. In Maaßens Auftrag führte L. Kühne die Unterhandlung.
Der schlicht bürgerliche kleine Mann erwies sich jetzt schon, wie
späterhin in allen Geschäften des Zollvereins, als meisterhafter Diplomat.
Klar und bestimmt, mit überlegener Sachkenntnis und ehrlichem Wollen,
entwickelte er seine Vorschläge; wenn ihm aber das törichte Mißtrauen der
Kleinen entgegentrat, dann funkelten seine kleinen scharfen Augen, und er
fertigte alle Winkelzüge mit schneidenden Sarkasmen ab. Auf die Frage des
Preußen, ob Kurhessen nicht noch durch die mitteldeutschen Handelsverträge
gebunden sei, verweigerten die Hessen jede Antwort, weil ihnen das
Gewissen schlug. Man ging also über diesen wunden Punkt schweigend hinweg.
Die Kurhessen drängten zur Eile; denn sie befürchteten einen neuen
Umschwung an ihrem heimischen Hofe, wo Österreich und England-Hannover
alle Minen springen ließen, und sie wollten, geängstigt durch die nahende
Cholera, den unheimlichen Boden Berlins schleunigst wieder verlassen.
Schon am 29. August 1831 war alles beendigt. Um dem
zollvereinsfreundlichen Könige von Bayern eine Ehre zu erweisen, wurde der
Vertrag auf den Ludwigstag (25. August) zurückdatiert. Kurhessen trat dem
preußischen Zollsystem bei, im wesentlichen unter denselben Bedingungen
wie einst Darmstadt. Der alte Kurfürst ließ diese Demütigung noch über
sich ergehen, wenige Tage bevor er die Regierung seinem Sohne abtrat. Vor
sieben Jahren war man in Berlin bereit gewesen, ein erhöhtes Einkommen an
Kurhessen zu bewilligen; jetzt hatte das Kurfürstentum seinen
Durchfuhrhandel verloren und durch gehäufte Sünden jeden Anspruch auf
Begünstigung verscherzt. Hessen mußte sich begnügen mit dem Maßstabe der
Kopfzahl.
Der Vertrag war für Kurhessen eine politische Notwendigkeit, er rettete
das Land aus namenlosem Elend. Selbst der Kasseler Landtag wagte nicht zu
widersprechen. Die mitteldeutschen Verbündeten freilich drohten und
lärmten. Nicht ohne Grund: Kurhessen hatte in den rohesten Formen seine
Vertragspflicht gebrochen, ohne auch nur ernstlich eine Verständigung mit
den alten Bundesgenossen zu versuchen. Für Preußen dagegen war ein klarer
Gewinn errungen. Wie die Gotha-Meininger Straße den Verkehr mit dem
Süddeutschen Verein gesichert hatte, so wurde jetzt die lang ersehnte
Verbindung zwischen dem Osten und dem Westen hergestellt, der
Mitteldeutsche Verein noch an einer zweiten Stelle durchbrochen. Während
in Thüringen die Zollfreiheit der preußischen Durchfuhrstraße den
mitteldeutschen Verbündeten gefährlich wurde, mußte Kurhessen die höheren
Transitzölle des preußischen Tarifs einführen. Auf Bayerns dringende
Vorstellungen setzte Preußen diese hessischen Zölle bald auf die Hälfte
herab. Eine noch weitergehende Verminderung war vorderhand untunlich; die
mitteldeutschen Verbündeten, vornehmlich die Frankfurter Kaufleute,
sollten fühlen, daß sie von Preußen abhingen, und durch heilsamen Druck
bestärkt werden in ihrer beginnenden Bekehrung.
Durch den Abfall Kurhessens ward der Mitteldeutsche Handelsverein
vernichtet. Der Liberalismus freilich kam so schnell nicht los von den
liebgewonnenen Phrasen. In Bayern deklamierte Siebenpfeiffer gegen die
Maut: sie hätte zur Volkssache werden sollen und ist zur Volksfeindin
geworden! Stromeyer in Baden schrieb in die gefürchtete Zeitschrift
»Rheinbayern« einen donnernden Artikel: Die preußische Aristokratenstirne
wagt es, sich an das Nationalgefühl zu wenden! In Preußen herrscht, härter
als irgendwo auf der Welt, die eiserne Konsequenz des Merkantilsystems;
der Mitteldeutsche Verein vertritt die Freiheit. Darum soll Baden
festhalten an seinem trefflichen liberalen Zollwesen. Dann wird
Württemberg, das ohnedies durch seine hohe politische Bildung dem
konstitutionellen Musterstaate nahe steht, und bald auch das
konstitutionelle Bayern, Sachsen, Kurhessen dem badischen System sich
anschließen! — Auch einer der edelsten und gelehrtesten Vertreter
deutscher Wissenschaft brach eine Lanze für den sterbenden Sonderbund.
Johann Friedrich Böhmer(108) verfaßte das wunderliche Büchlein »das
Zollwesen in Deutschland geschichtlich beleuchtet«. Der Legitimist des
heiligen Reiches stellte den kühnen Satz auf, die Zollfreiheit der
deutschen Flüsse müsse von Recht wegen auch für die Landstraßen gelten. Er
pries den Mitteldeutschen Verein als »den letzten Versuch, von dem, was
einstens als gemeines deutsches Recht und Freiheit gegolten, soviel wie
möglich, wenigstens vertragsweise zu sichern«. Er schalt Preußen den
»Reichsfeind und Landfriedensbrecher«, warnte die Kleinstaaten, »wie
leicht sich Einverleibungen der Nachbarländer an Zollangelegenheiten
knüpfen«, und getröstete sich des schönen Wortes, das vor zwölf Jahren der
k. k. Präsidialgesandte gesprochen: daß »die hohe Bundesversammlung die
Beförderung und Erfüllung des deutschen Handels in die Hand nehmen werde!«
Die sächsischen Höfe waren längst nicht mehr in der Lage, solchen
Schrullen nachzuhängen. Die Not des Haushalts, das laute Murren des Volkes
zwang sie, demütig bittend in Berlin anzuklopfen. Armselige
Advokatenkünste mußten vorhalten, um den Vertragsbruch zu beschönigen.
Meiningen behauptete, der Mitteldeutsche Verein sei durch den Eimbecker
Vertrag zerrissen worden, er bestehe nicht mehr zu Recht. Der Verrat des
einen diente dem anderen zum Vorwande; sobald die kleinen Thüringer
schwankten, berief sich das Dresdner Kabinett auf den Artikel des Kasseler
Vertrages, wonach die gänzlich vom Auslande umschlossenen Gebietsteile den
Satzungen des Vereins nicht unterliegen sollten. Das sei jetzt Sachsens
Fall, wenn Thüringen sich mit Preußen verständige — eine offenbare
Sophisterei, da jene Klausel sich nur auf entlegene Enklaven bezog. Wollte
der sächsische Hof ehrenhaft verfahren, so mußte er sofort einen neuen
Kongreß der mitteldeutschen Verbündeten berufen, dort die Auflösung des
unhaltbaren Vereins beantragen und dann erst mit Preußen unterhandeln.
Aber die alte Politik der Winkelzüge, der Halbheit, des Mißtrauens gegen
Preußen wurde selbst unter dem neuen Ministerium Lindenau nicht sogleich
aufgegeben. Die sächsische Regierung glaubte, ihre Wünsche in Berlin
sicherer durchsetzen zu können, wenn sie an dem Gespenste des
Mitteldeutschen Vereins noch einen Rückhalt hätte; sie begann mit Preußen
zu verhandeln, noch bevor sie ihrer älteren Verpflichtung entbunden war.
Nachdem das Dresdner Kabinett schon im August 1830 bei den süddeutschen
Kronen leise angefragt, mußte sich der alte König Anton endlich
entschließen, an den König von Preußen selber zu schreiben. Er beteuerte,
daß er längst die Absicht gehabt, mit Preußen in kommerzielle Verbindung
zu treten »und somit im Sinne des hochwichtigen und wohltätigen Zwecks zu
handeln, dessen Erreichung von Ew. Majestät bereits seit längerer Zeit
beabsichtigt wird. Daß diese Verhandlung von Preußen begonnen und
eingeleitet werde, scheint die notwendige Bedingung des Erfolges zu sein.«
Lindenau, der im Januar 1831 dies Handschreiben nach Berlin brachte,
überreichte zugleich eine Denkschrift, worin Sachsen den Entschluß
aussprach, die Auflösung des Mitteldeutschen Vereins durchzusetzen, »da
Veranlassung, Zweck und Grund des Vereins nicht mehr vorhanden sind. Das
Bedürfnis einer bewegten Zeit, die Zuversicht, durch den Antritt einer
solchen Verhandlung die aufgeregten Gemüter am sichersten zu beruhigen,
endlich die Hoffnung, daß ein solcher die Mehrzahl der deutschen
Bundesstaaten umfassender Verband auch auf die größeren Weltereignisse
einen friedlich besänftigenden Einfluß äußern könne«, ermutigten den
sächsischen Hof, die Verhandlungen in Berlin zu beginnen.
Noch kläglicher war die Demütigung Weimars. Derselbe Minister Schweitzer
[S. Fußnote S. 132], der seit Jahren das preußische Zollsystem als den
Todfeind deutscher Handelsfreiheit bekämpft hatte, versicherte im Juli
1830 dem Auswärtigen Amte: »daß zur Förderung des von dem König von
Preußen begonnenen, in seinen Zwecken und seinen Gründen immer klarer
hervortretenden deutschen Werkes, also zur Förderung eines freien Handels
und Verkehrs im deutschen Vaterlande von Preußen aus, der Großherzog von
Weimar im Einverständnis mit dem Königreich Sachsen mit Vergnügen die Hand
bieten wird.« Dann sang der weimarische Minister Fritsch [S. Fußnote S.
47] die Totenklage des Sonderbundes: »Auf hinreichende Zeit zur Ausbildung
des Vereins ist nicht mehr zu rechnen, nachdem die großen welthistorischen
Ereignisse seit dem 25. Juli 1830 und deren Folgen auf deutschem Boden
eine weit schleunigere Hilfe notwendig gemacht, man kann sagen, die Übel,
welche als chronische behandelt werden sollten, in akute verwandelt haben.
Nur Schaden, nur Verderben könnte es bringen, wenn man sich unter solchen
Umständen noch gegenseitig beschränken, sich zum Nichtstun verpflichtet
halten wollte in einer Zeit, welche in allen öffentlichen Dingen ganz
andere Forderungen stellt. Was uns die Jahre 1829 und 1830 genommen und
gebracht haben, ließ sich im Jahre 1828 nicht voraussehen, nicht
vorausahnen. Der Kasseler Verein war und bleibt ein bedeutendes
Unternehmen, nicht ohne Folgen. Es wird den Stiftern desselben ein
gerechtes Urteil in der Geschichte um so weniger entgehen, je
bereitwilliger sie jetzt das Geständnis ablegen und betätigen, daß eine
ganz neue Zeit uns gekommen ist.«
Friedrich Wilhelm antwortete dem König von Sachsen sehr freundlich, er sei
bereit, Sachsens Anträge zu erwägen, und sprach sich zugleich offen aus
über die nationalen Ziele seiner Handelspolitik: »Wiewohl der Abschluß
dieser Verträge stets nur mit einzelnen Staaten erfolgte, so hatte man
dennoch dabei nicht ein ausschließliches Interesse der unmittelbar
Beteiligten im Auge, sondern man verfolgte zugleich den Gesichtspunkt, daß
die einzelnen Verträge als Mittel dienen möchten, der Freiheit des
Verkehrs in Deutschland überhaupt eine größere Ausdehnung zu geben.« Dem
weimarischen Hofe drückte der Minister des Auswärtigen seine Freude aus,
daß unser Werk auch in den Augen Weimars »immer klarer als ein deutsches
Werk hervortritt«; dann wiederholte er in schneidenden Ausdrücken die
hundertmal von Preußen ausgesprochene Ermahnung: die Thüringer sollten
sich erst unter sich verständigen, bevor Preußen mit ihnen verhandeln
könne.
Nach solchen Erfolgen stand in Berlin fester denn je die Überzeugung, daß
der eingeschlagene Weg der Einzelverhandlungen allein zum Ziele führe. Mit
voller Sicherheit schrieb Bernstorff dem König: »Die Schöpfung eines
allgemeinen deutschen Zoll- und Handelssystems oder irgendeiner anderen
bleibenden Institution ähnlicher Natur ist eine Aufgabe, deren Lösung dem
Bunde solange unmöglich bleiben wird, als derselbe nicht eine andere, von
der jetzigen ganz verschiedene Organisation besitzt«. Seit dem Zerfall des
mitteldeutschen Sonderbundes schien die Bahn frei für die vollständige
Vereinigung der beiden befreundeten Zollvereine des Südens und des
Nordens. Was sollte jetzt noch hindern, da beide Teile die Unhaltbarkeit
des bestehenden Zustandes lebhaft empfanden? da die zwischenliegenden
Staaten nicht mehr feindlich im Wege standen, sondern selbst um ihre
Aufnahme baten? da das Grundgesetz des preußisch-hessischen Vereins sich
von selber darbot als die Regel für den großen Verein? Und dennoch mußte
Preußen wieder und wieder durch den Flugsand waten, der im Wüstenwinde der
deutschen Kleinstaaterei emporwirbelte. Fast drei Jahre lang, von 1830 bis
1833, spielte in Berlin, vielfach unterbrochen, eine dreifache Reihe
mühseliger Verhandlungen: mit Bayern- Württemberg, mit Sachsen, mit den
thüringischen Staaten; und das Geschäft wäre nie zum Abschluß gelangt,
wenn man nicht, dem alterprobten Grundsatz getreu, die Unterhandlungen mit
den einzelnen Gruppen scharf auseinandergehalten hätte. Der Vergleich
drängt sich unwillkürlich auf: der Deutsche Zollverein ging aus dem
Preußisch-Hessischen hervor unter ähnlichen Kämpfen und Bedenken, wie
späterhin das Deutsche Reich aus dem Norddeutschen Bunde. Der Zollverein
wie der Norddeutsche Bund stieß auf die höchsten Schwierigkeiten erst, als
die größeren Mittelstaaten, mit ihrem festgewurzelten und nicht ganz
unberechtigten Partikularismus, mit der Fülle ihrer scheinbar oder
wirklich abweichenden Interessen in die Verhandlungen eintraten. In
Versailles, wie 40 Jahre zuvor in Berlin, gebärdeten sich die süddeutschen
Kronen anfangs, als stände man vor einem Neubau, als sei noch gar kein
Grundgesetz vorhanden; erst nach langem, peinlichem Zögern erkannten sie
die im Norden bestehende Ordnung an, doch indem der Bau erweitert wurde,
lockerte man zugleich das feste Gefüge seiner Mauern.
Der Handelsvertrag zwischen Preußen-Hessen und Bayern- Württemberg war von
vornherein in der Absicht fortschreitender Erweiterung abgeschlossen. In
München aber begann die ultramontane Partei, sofort an dem neuen Bunde zu
zerren und zu nagen. Ihre Führer, Schenk(109), Görres, Ringseis(110),
standen durch den k. k. Legationsrat Wolff mit der Hofburg im Verkehr; der
Gesandte in Wien, Graf Bray(111), war für Metternich gewonnen, desgleichen
neuerdings auch der alte Feldmarschall Wrede.(112) Angesichts dieser
mächtigen Gegner und der unberechenbaren Launen König Ludwigs hielt
Bernstorff für nötig, allen Begehren Bayerns soweit als möglich
entgegenzukommen. Der Münchener Hof wünschte zunächst den Eintritt Badens
in den bayrisch-württembergischen Verein; denn das badische Gebiet ragte
als ein trennender Keil zwischen die bayrische Pfalz und die Hauptmasse
der Vereinslande hinein, und unter dem Schutze der gerühmten Karlsruher
Freihandelspolitik, die für die Grenzbewachung wenig tat, blühte auf dem
Schwarzwalde wie am Rheinufer ein gefährlicher Schmuggelhandel. War der
kränkelnde Süddeutsche Zollverein durch Badens Zutritt neu gekräftigt,
dann erst sollte — so rechnete König Ludwig — über die völlige
Verschmelzung der beiden Vereine des Nordens und des Südens verhandelt
werden …
Eine handelspolitische Verständigung zwischen Bayern und Baden blieb aber
völlig aussichtslos, solange die beiden Höfe einander noch als Feinde
betrachteten und König Ludwig seine traumhaften Ansprüche auf badisches
Gebiet nicht aufgab. Als Großherzog Ludwig starb und sein Nachfolger
sogleich von allen Mächten anerkannt wurde, da wagte man in München gar
nicht mehr wie früher zu behaupten, daß mit der Thronbesteigung der
Hochbergischen Linie das Haus der Zähringer ausgestorben sei. Der
Wittelsbacher trug seine vorgeblichen Ansprüche auf den »Heimfall« der
badischen Pfalz stillschweigend zu Grabe. Um so mehr lag ihm daran,
mindestens durch eine kleine Gebietserweiterung der Welt zu beweisen, daß
Bayern doch nicht ganz im Unrecht gewesen sei.
Gegen Ende Mai 1830 erschien Armansperg in tiefem Geheimnis zu Berlin und
bat um Preußens gute Dienste. König Friedrich Wilhelm übernahm die
Vermittlung, im Verein mit dem König von Württemberg, und ließ den
badischen Minister Boeckh nach Berlin einladen. Er hoffte nicht nur den
leidigen Gebietsstreit beizulegen, sondern auch Baden zum Eintritt in den
Bayrisch-Württembergischen Zollverein zu bewegen. Am 10. Juli brachte
Bernstorffs versöhnliches Zureden endlich eine Übereinkunft zustande,
kraft deren Baden dem süddeutschen Verein beizutreten versprach; dafür
wollten beide Teile auf ihre Sponheimer Erbansprüche verzichten. Um Bayern
gänzlich zufrieden zu stellen, wurde noch ein geringfügiger
Gebietsaustausch irgendwo an der badischen Ostgrenze vorbehalten. Damit
schien der jämmerliche Handel aus der Welt geschafft. Metternich sprach
bereits allen Teilnehmern seinen Glückwunsch aus, und König Ludwig dankte
dem preußischen Minister aufs wärmste …
Sobald man jedoch über die Ausführung der Übereinkunft verhandelte,
verlangte Bayern einen Zuwachs von etwa 20000 Einwohnern und setzte erst
nach langem Feilschen seine Forderung ein wenig herab; das schöne Wertheim
vornehmlich, das Heidelberg der Mainlande, erschien dem romantischen
Wittelsbacher unwiderstehlich verlockend. Der Karlsruher Hof wies jede
größere Gebietsabtretung entschieden zurück und verschanzte sich hinter
der gesinnungstüchtigen Entrüstung seines Volkes. Die Stadt Wertheim
selbst hatte freilich gegen die Abtretung wenig einzuwenden, weil die
Beamten den Main-Tauberkreis als das badische Sibirien behandelten; auch
der Fürst Georg von Löwenstein, der dort Hof hielt, wollte sich als treuer
deutscher Patriot den Herrschaftswechsel wohl gefallen lassen, wenn
dadurch nur endlich das Elend der Binnenmauten aufgehoben würde. Anders
empfand die große Mehrzahl der Liberalen; sie dachte von dem Musterlande
der konstitutionellen Freiheit nicht eine Geviertmeile aufzuopfern, und
ihr Entschluß stand um so fester, da sie auch den Zollvereinsplänen
mißtraute. Der Hauptverkehr des langgestreckten Landes ging von Norden
nach Süden und konnte durch den Anschluß an Bayern-Württemberg wenig
gewinnen. Man übersah oder wollte übersehen, daß dieser Anschluß nur das
Mittel bilden sollte zur späteren Vereinigung mit Preußen; unleugbar war
der bayrische Plan zu fein, zu verwickelt, um sogleich vom Volke
verstanden zu werden.
Überall in Baden sprach man begeistert von einem gesamtdeutschen
Zollverbande; denn soviel Boden hatte die Idee der deutschen
Handelseinheit durch Preußens Siege doch gewonnen, daß niemand mehr sie
schlechthin zu verwerfen wagte. Freilich benutzten viele badische Liberale
das schöne Wort vom allgemeinen deutschen Zollverein nur als ein
Schurzfell, um die Blöße ihrer partikularistischen Selbstsucht zu
bedecken. Wie behaglich lebte sichs doch unter der badischen
Handelsfreiheit — auf Kosten der lieben Nachbarn! Mit Stolz sah der
Badener — so sagte eine Flugschrift des Rastatter Kaufmanns F. Meyer »über
die Zollverhältnisse Badens« — wie die Nachbarn aus dem Elsaß, aus
Schwaben, aus der Rheinpfalz in »das wohlfeile, gastfreie« Ländle kamen,
um dann ihre billigen Einkäufe über die heimatliche Grenze
hinüberzuschmuggeln. Nimmermehr sollte diese gemütliche Unordnung durch
eine gewissenhafte Grenzbewachung beseitigt werden. Der Freiburger
Handelsstand stellte dem Landtage vor: ein Zollverein »wird rechtliche,
sittlich gute Menschen in eine Rotte von Zöllnern, Schmugglern, Spionen
und Gaunern verwandeln« — wobei nur verschwiegen ward, daß die große
Mehrzahl der badischen Geschäfte, zumal die Kolonialwarenhandlungen, dem
Schleichhandel längst als Herbergen dienten. Noch kräftiger sprach das
Straßburger Konstitutionelle Deutschland: »Maut, Maut, preußische Maut
erhalten wir. Unglückliches Vaterland! Im Geheimen, im Dunkel der Nacht
wird sie dir gegeben! Wehe dir, Kammer von 1831!« Als Großherzog Leopold
sein Oberland bereiste, wurde er überall dringend gewarnt, und
Winter(113), der in Fragen der großen Politik immer ratlos war, wagte
nicht, einer scheinbar so starken Volksüberzeugung zu widersprechen.
So schleppte sich der Zank durch fast anderthalb Jahre dahin. Die beiden
vermittelnden Höfe boten alle ihre Beredsamkeit auf. Der Berliner sprach
sanft, der Stuttgarter schroff: denn König Wilhelm sah sein Land
unmittelbar unter dem badischen Schmuggel leiden, er drohte dem Karlsruher
Hofe geradezu: Bayern und Württemberg würden »dem bisherigen ganz
feindseligen Betragen Badens gemeinschaftlich ein jedes Mittel
entgegensetzen, um nicht mitten in unserem Verein das System einer
Regierung zu sehen, das mit Vorbedacht Unzufriedenheit und Unruhe in
unserer so bedenklichen Zeit stiftet«. Ebenso vergeblich schrieb König
Ludwig selbst in seinem wuchtigsten Partizipialstile an den Großherzog:
»durch meine letzten Vorschläge habe ich das Äußerste getan, um die
Sponheimer Angelegenheit zur Ausgleichung zu bringen, von und großem Wert
ist mir die von Ew. K. Hoheit ausgedrückte Willfährigkeit, damit sie und
Beitritt zum Zollverein stattfinde, überzeugt, daß fester Wille beides bei
Ihren Ständen durchsetzen werde«. An diesem festen Willen gebrach es dem
badischen Hofe gänzlich. Die Minister verteidigten den Zutritt zum
Süddeutschen Zollverein sehr lau; Welcker(114) tobte mit gewohnter
Wortfülle gegen die absolute preußische Krone, Rotteck(115) unterstützte
ihn etwas ruhiger. Die phrasenreichen Verhandlungen gereichten dem
Musterlandtage wenig zur Ehre; über die volkswirtschaftliche Bedeutung der
Frage wußten nur einzelne große Geschäftsmänner ein treffendes Wort zu
sagen, so der liberale Fabrikant Buhl aus Ettlingen und der Tabakshändler
v. Lotzbeck aus Lahr. Selbst der liberale E. E. Hoffmann, der aus
Darmstadt herüberkam, um den badischen Parteifanatikern Vernunft zu
predigen, richtete nichts aus. Schließlich einigte sich der Landtag über
eines jener unwahren Kompromisse, wie sie der Partikularismus liebt, wenn
er nichts mehr zu sagen weiß. Beide Kammern verwarfen einstimmig den
Eintritt in den Süddeutschen Verein und gaben der Regierung Vollmacht,
über einen gesamtdeutschen Zollverein zu verhandeln (November 1831). Dabei
konnte sich jeder das Seine denken, denn an die Möglichkeit eines
Zollvereins mit Österreich, Hannover und Holstein glaubte eigentlich
niemand mehr. Auch die von Bayern geforderte Gebietsabtretung wurde durch
die zweite Kammer verworfen, einstimmig, unter brausenden Hochrufen auf
den Großherzog.
Dem gefeierten Fürsten ward bei dieser Begeisterung seiner getreuen
Opposition sehr schwül zu Mute. In einem flehentlichen Briefe wendete er
sich abermals hilfesuchend an Bernstorff … , und wirklich unterzog sich
der geduldige preußische Minister noch einmal den undankbaren Mühen der
Vermittlung. König Ludwig aber empfand jenen Beschluß des badischen
Landtages als eine persönliche Beleidigung; er hielt es für schmachvoll,
eine Forderung, die schon soviel Staub aufgewirbelt hatte, ohne jede
Entschädigung fallen zu lassen. An dem ergrimmten Wittelsbacher war jetzt
jeder Zuspruch verschwendet. Auch der König von Württemberg ließ nach
einiger Zeit in schnöden Worten erklären, daß er mit dem unbelehrbaren
badischen Hofe nichts mehr zu schaffen haben wolle. In Berlin urteilte man
milder, doch die erneuten Verhandlungen blieben fruchtlos. Der königliche
Dichter in München hinterließ die imaginären Sponheimer Ansprüche seinen
Nachfolgern als ein heiliges Vermächtnis, untertänigen Historikern als
einen köstlichen Stoff für bajuvarische Großsprechereien. Also ward Baden,
früherhin immer ein wackerer Vorkämpfer der deutschen Handelseinheit,
teils durch die Torheit seiner Kammern teils durch eine seltsame
diplomatische Verwicklung ganz in das Hintertreffen gedrängt und von den
entscheidenden Verhandlungen der Zollvereinspolitik mehrere Jahre hindurch
ausgeschlossen.
b) _Beitritt des Süddeutschen Zollvereins._
Nach alledem war eine Verständigung zwischen Bayern und Baden vorläufig
undenkbar. Der deutschen Handelseinheit aber kam jener ablehnende Beschluß
der badischen Kammern seltsamerweise zu gute. Der künstliche Gedanke,
zunächst den süddeutschen Verein zu vergrößern und dann erst die
Vereinigung mit dem Norden zu suchen, war fortan beseitigt. Die
oberdeutschen Königshöfe, außerstande, ihren unergiebigen Sonderbund
aufrecht zu halten, sahen sich genötigt, statt des Notbehelfs sogleich das
durchschlagende Mittel zu wählen; sie stellten jetzt bei dem preußischen
Kabinett den Antrag auf völlige Vereinigung. Im Dezember 1831 wurden die
Verhandlungen in Berlin eröffnet. Doch sofort ergab sich eine Fülle
gewichtiger Bedenken. Preußen hatte schon durch die Aufnahme der beiden
Hessen ein fühlbares finanzielles Opfer gebracht; der Ertrag seiner Zölle,
der um 1829 gegen 25,3 Sgr. für den Kopf der Bevölkerung abwarf, begann
bereits zu sinken. Durfte man auch die oberdeutschen Lande, die von
Kolonialwaren noch weit weniger verzehrten als die beiden Hessen, zu den
gleichen Bedingungen aufnehmen? Die Finanzpartei in Berlin fürchtete
schwere Verluste, wie denn in der Tat Preußen im Durchschnitt der Jahre
1834–1839 nur 22 Sgr. auf den Kopf erhalten hat. Sie verlangte entschieden
ein Präcipuum zugunsten Preußens; ein Ausfall in den Einnahmen schien
hochbedenklich in so unruhiger Zeit. Die bayrisch-württembergischen
Finanzmänner dagegen lebten in dem wunderlichen Wahne, daß die Konsumtion
im Süden stärker sei als in Preußen; sie meinten schon seltene Großmut zu
zeigen, wenn sie auch nur die Verteilung nach der Kopfzahl zugeständen.
Die Einführung der preußischen Konsumtionssteuern war in Hessen ohne
Schwierigkeit erfolgt; Bayern aber sah sich außerstande, seine Malzsteuer
abzuändern. Während Preußen kaum 1,3 Millionen Taler, 3 Sgr. auf den Kopf,
durch die Besteuerung des Bieres bezog, gewann Bayern allein in seinem
rechtsrheinischen Gebiete 5 Millionen Gulden, 21 Sgr. auf den Kopf, und
aus diesem Ertrage mußte nach der Verfassung die Staatsschuld verzinst
werden. Unmöglich konnte Preußen seine Biersteuer zu der gleichen Höhe
hinaufschrauben. Der angestammte Durst ließ sich ebenso wenig in den
Norden verpflanzen wie die Realgerechtigkeiten der bayrischen Brauer, die
jenen reichen Steuerertrag erst ermöglichten, aber den Grundsätzen der
preußischen Gewerbefreiheit widersprachen. Da die gleichmäßige Besteuerung
der inländischen Konsumtion mithin unausführbar blieb, so bestand die
preußische Finanzpartei hartnäckig auf der Einführung von
Ausgleichungsabgaben. Die an sich richtige Meinung, daß jede
Zollgemeinschaft die annähernde Gleichheit der indirekten Steuern
voraussetze, war seit dem Jahre 1818 eine der leitenden Ideen der
preußischen Handelspolitik. Die Berliner Finanzmänner hatten sich so tief
in diesen Gedanken eingelebt, daß sie ihn alsbald mit fiskalischer Härte
auf die Spitze trieben. Die Ausgleichungsabgaben sind lange, wesentlich
durch Preußens Schuld, ein wunder Fleck der Zollgesetze geblieben; sie
belästigten den Verkehr und brachten geringen Ertrag, auch nachdem sie
späterhin die rein fiskalische Gestalt der »Übergangsabgaben« annahmen.
Irrte Preußen in dieser Frage, so erhoben auch die Südstaaten höchst
unbillige Ansprüche. Sie verlangten anfangs eine völlige Umgestaltung des
Tarifs und fanden namentlich die preußischen Zölle auf Baumwollenwaren
unerträglich hoch, da sie selbst noch fast gar keine Baumwollspinnereien
besaßen. Und doch konnte Preußen nicht nachgeben. Sachsens Eintritt stand
bevor, die preußische Industrie klagte laut über die drohende Mitwerbung
des Erzgebirges; in solcher Stunde die Zölle herabzusetzen, schien selbst
dem Freihändler Maaßen nicht ratsam. Auch die von Württemberg geforderte
Herabsetzung der Zuckerzölle ging nicht durch; die Interessen der mächtig
aufblühenden Magdeburgischen Rübenzuckerindustrie durften nicht
preisgegeben werden. Desgleichen die gefürchteten preußischen Transitzölle
blieben noch unentbehrlich als ein sanfter Wink für die Nachbarn.
Überhaupt war die Lage des Augenblicks der Vereinfachung des Tarifs
keineswegs günstig; Preußens Staatsmänner ahnten, daß die süddeutschen
Höfe in einer nahen Zukunft die Farbe wechseln, mit schutzzöllnerischem
Eifer auf die Erhöhung der Zölle dringen würden. Lebhafter noch als dieser
staatswirtschaftliche Kampf entbrannte der »staatsrechtliche Streit«, wie
man in München zu sagen pflegte. Die verständige Bestimmung der
preußisch-hessischen Verträge, wonach Preußen in der Regel allein die
Handelsverträge für den Zollverein schließen sollte, galt dem bayrischen
und dem württembergischen Hofe als eine schimpfliche Unterwerfung; sie
forderten unbedingte Gleichheit in allem und jedem.
So mannigfache sachliche Bedenken ins Gleiche zu bringen, konnte nur
erprobter staatsmännischer Kraft gelingen. Die oberdeutschen Höfe aber
hatten, töricht genug, zwei junge Subalternbeamte für diese schwierige
Mission bevollmächtigt, vermutlich nur aus Sparsamkeit. Die Ersparnis
sollte ihnen teuer zu stehen kommen. Eichhorn hatte an den Unterhändlern
der Kleinstaaten schon des Wundersamen viel beobachtet; eine
Persönlichkeit wie dieser württembergische Bevollmächtigte, der Assessor
Moritz Mohl(116), war ihm noch nicht vorgekommen. Die Diplomatie in Berlin
konnte nicht genug ihre Verwunderung aussprechen über den ungestümen Mann
mit der roten Perrücke und den vollgepfropften Aktenmappen: welch eine
weitschweifige Kleinlichkeit, welche Lust an unfruchtbarem theoretischem
Streite, welche Fülle unverdauter Gelehrsamkeit, welch ein hartnäckiges
Mißtrauen gegen Preußen! Der frühreife schwäbische Staatsweise entfaltete
bereits alle jene Talente, die noch 40 Jahre später den deutschen
Reichstag bezaubern sollten; L. Kühne nannte ihn »einen eingebildeten
Narren, der den Bären des Nordlands seine kindische konstitutionelle
Weisheit zu predigen dachte«. Als Mohl dem einzigen Küstenstaate des
Zollvereins die Abschließung von Schiffahrtsverträgen verbieten wollte, da
erwiderte der Preuße: »dann werden wir also einen unserer Ostseehäfen an
Württemberg abtreten müssen, um die Gleichheit zwischen den Zollgenossen
herzustellen!« Mit einem solchen Kollegen behaftet, konnte auch der
bayrische Assessor Bever nichts fördern. Die hochstehenden preußischen
Staatsmänner fanden es bald unerträglich, mit Subalternen zu verhandeln,
die bei jeder Kleinigkeit daheim anfragten; und zu allem Unheil begann
auch wieder der alte Streit der Berliner Departements: Kühne und Eichhorn,
die doch beide das nämliche wollten, betrachteten einander mit
gegenseitiger Eifersucht. Also gestalteten sich die Verhandlungen mit dem
befreundeten Süden wider Erwarten zu einem unerquicklichen Zwist. Im Mai
1832 brach man sie ab.
Moritz Mohl schrieb nun eine ungeheure Denkschrift und bewies, daß der
Zollverein mit Preußen den sicheren Untergang Württembergs herbeiführen
müsse. Ein Menschenalter darauf hat Freiherr v. Varnbüler dies klassische
Aktenstück der Vergessenheit entrissen, um der Welt den Weitblick des
Volksmannes zu zeigen. König Wilhelm wünschte nach wie vor den Abschluß,
selbst Wangenheim hatte einiges gelernt, mahnte aus der Ferne zur
Verständigung. Doch die große Mehrheit im Lande widerstrebte. Die
Fabrikanten, die bisher aus der Beherrschung des bayrischen Marktes großen
Gewinn gezogen, fürchteten die Industrie des Niederrheins, die
Bequemlichkeit des mächtigen Schreiberstandes zitterte vor der strengen
preußischen Kontrolle, der gesinnungstüchtige Liberale schlug ein Kreuz
vor dem Schreckbilde des norddeutschen Absolutismus. Mehr als ein halbes
Jahr brauchten die süddeutschen Höfe, um sich einen neuen Entschluß zu
bilden. Unterdessen trieb die Diplomatie Österreichs und der auswärtigen
Mächte ihr verdecktes Spiel an den Höfen der Mittelstaaten. Eine Zeitlang
stand die große Sache fast hoffnungslos. Baden tut wohl, alle
Zollvereinsgedanken vorläufig aufzugeben — sagte der bayrische Minister
Gise zu dem badischen Gesandten Fahnenberg —, Preußen stellt unerhörte
Forderungen, verlangt von uns materielle Opfer und die Beschränkung der
Souveränität, Kurhessen bereut schon den übereilten Anschluß! Zudem
bestand wenig Freundschaft zwischen den Beamten der beiden Königreiche;
ein Glück nur, daß Schmitz-Grollenburg, der württembergische Gesandte in
München, das Vertrauen König Ludwigs besaß und die Fäden nicht gänzlich
abreißen ließ.
So verging das Jahr in leidiger Verstimmung. Da raffte sich endlich König
Ludwig auf und ließ am Silvesterabend eine derbe Note an
Schmitz-Grollenburg schreiben: Der Süddeutsche Verein sei tatsächlich
aufgelöst, die Wiederaufnahme der preußischen Verhandlungen schlechthin
unvermeidlich. Zugleich kam vom Berliner Hofe eine ernste Mahnung: wolle
man zu Ende gelangen, so müsse statt unbrauchbarer Subalternen ein fähiger
hochgestellter Staatsmann die Unterhandlungen in Berlin führen. Der Rat
wirkte. Zu Ende Januars l833 wurde der bayrische Finanzminister v. Mieg
als gemeinsamer Bevollmächtigter der beiden Kronen nach Berlin gesendet:
ein Jugendfreund König Ludwigs …, ein trefflicher Beamter von großer
Sachkenntnis und seltener Arbeitskraft, die der König nach seiner Weise
bis auf den letzten Tropfen auspreßte — in der Handelspolitik sehr frei
gesinnt, dabei gütig und liebenswürdig, hochgebildet, von feinen
gewinnenden Formen. Er vermied über Stuttgart zu reisen, weil er der
pedantischen Schwerfälligkeit der württembergischen Schreiber mißtraute,
sprach aber unterwegs in Dresden ein, verständigte sich mit den
sächsischen Finanzmännern und erschien am 6. Februar in der preußischen
Hauptstadt. Eichhorn und Maaßen kamen ihm herzlich entgegen; es bewährte
sich wieder … »Preußens seltenes Talent, fremde Staatsmänner in Berlin zu
gewinnen«. Noch boten sich der Bedenken viele; allein da Preußen auf
seinen erprobten Tarif, seine festbegründete Zollverwaltung verweisen
konnte, so blieb nur übrig, die im Norden bestehende Ordnung mit einigen
Änderungen anzunehmen. Preußen verzichtete auf jedes Präcipuum … Die
Einnahmen wurden nach der Kopfzahl verteilt; nur für die
Schiffahrtsabgaben auf der Oder und Weichsel, die ja gar nicht zur
Zollgemeinschaft gehörten, bezog Preußen eine Bauschsumme. Auch der
teuerste Herzenswunsch des bayrischen Großmachtsbewußtseins fand
Erfüllung: jeder Staat erhielt das Recht, Handelsverträge zu schließen,
lediglich die Verträge mit dem russischen Polen blieben dem preußischen
Staate vorbehalten. Zum Entgelt für so große Zugeständnisse wagte Mieg, in
einem Punkte seine Instruktionen zu überschreiten: er bewilligte, daß die
preußische Zollverwaltung des rascheren Übergangs halber sofort im Süden
provisorisch eingeführt würde, noch bevor die Zollgemeinschaft in Kraft
trat.
Am 4. März wurden die hessischen Bevollmächtigten zur ersten
Plenarversammlung gerufen, am 22. kam der Vertrag zustande: die
verbündeten Staaten, »in fortgesetzter Fürsorge für die Beförderung der
Freiheit des Handels zwischen ihren Staaten und hierdurch zugleich in
Deutschland überhaupt«, bilden einen »Gesamtverein«, der am 1. Januar 1834
für acht Jahre ins Leben tritt. Das Grundgesetz entsprach im wesentlichen
den hessischen Verträgen, nur daß die Selbständigkeit der Bundesgenossen
erheblich verstärkt wurde. Für jede Änderung der Zollgesetze wurde
Einstimmigkeit der Verbündeten gefordert. Das schlimmste Gebrechen des
Vereins lag weniger in seinen Satzungen als in der Verschiebung der
Machtverhältnisse. Durch den Zutritt mehrerer größerer Staaten mit
gleichem Stimmrecht wurde die freie Tätigkeit der preußifchen
Handelspolitik unvermeidlich erschwert. Die neuen Rechte dagegen, die man
den Zutretenden einräumte, schienen bedenklicher als sie waren … Die
Befugnis, Handelsverträge zu schließen, dies von Bayern mit so
leidenschaftlichem Eifer erstrebte Kleinod, erwies sich als ein harmloses
Spielzeug … Preußen allein galt im Auslande als Haupt und Vertreter des
Zollvereins; daher sind alle irgend wichtigen Handelsverträge durch
Preußen im Namen des Vereins abgeschlossen worden. Auch die Kontrolle ward
ermäßigt, auf Bayerns Andringen. Die Verbündeten sendeten bloß
Vereinsbevollmächtigte zu den Zolldirektionen, Kontrolleure zu den
Hauptzollämtern der Genossen; eine gegenseitige Visitation des
Grenzdienstes fand nicht mehr statt. Solche Formen verschlugen wenig; denn
im Grunde war der Verein auch bisher nur durch wechselseitiges Vertrauen
und die Macht der Interessen zusammengehalten worden. Die Bundesgenossen
gelobten einander »unbeschränkte Offenheit« in der Zollverwaltung, und sie
haben ihr Wort redlich gehalten …
Da Bayern und Württemberg noch immer ihre törichte Sorge vor finanziellen
Verlusten nicht aufgaben, so wurde in einem geheimen Artikel den
Verbündeten das Recht vorbehalten, den Verein vor der Zeit zu kündigen,
falls ihre Zolleinnahmen einen Ausfall von 10 Proz. des bisherigen
Rohertrags aufwiesen. Maaßen unterschrieb getrosten Mutes; er wußte, daß
der Vertrag ein Löwenvertrag war zugunsten des Südens, und der Erfolg
sollte seine Erwartungen noch weit übertreffen. In den Jahren von 1834 bis
1845 hat der Norden an Bayern 22,29 Millionen Taler, an Württemberg
10,3 Millionen herausgezahlt, in dem Zeitraum von 1854–1865 empfing Bayern
vom Norden 34 Millionen. Während der zwei ersten Jahrzehnte des
Zollvereins haben bei der Abrechnung regelmäßig nur Preußen, Sachsen,
Frankfurt und Braunschweig herausgezahlt; alle anderen Staaten gewannen.
Allerdings geben jene großen Zahlen kein ganz zutreffendes Bild, da ein
Teil der für das Binnenland bestimmten Einfuhr in den Häfen und
Speditionsplätzen des Nordens verzollt wurde. Deutlicher erhellt der
unverhältnismäßige Gewinn des Südens aus der Tatsache, daß die
Verwaltungskosten in Bayern schon während des ersten Jahres von 44 auf 16,
später auf nahezu 10 Proz. sanken, Bayerns Anteil an dem Kaffeezoll sofort
auf das Dreifache, bis zum Jahre 1845 auf das Fünffache stieg.
Um auch den leisesten Anschein preußischer Hegemonie zu vermeiden, wurde
verabredet, daß die alljährlichen Konferenzen der
Zollvereinsbevollmächtigten nicht mehr, wie im preußisch-hessischen
Verein, regelmäßig zu Berlin sich versammeln sollten; sie wanderten
fortan, nach dem Belieben der Verbündeten, von Ort zu Ort, der erste
Zusammentritt fand in München statt. Streitigkeiten wollte man der
Entscheidung eines Schiedsrichters unterwerfen, der durch einstimmigen
Beschluß für jeden einzelnen Fall zu ernennen war. Doch ist ein solcher
Schiedsspruch niemals angerufen worden — nicht weil die Eintracht
ungetrübt bestanden hätte, sondern weil der Dünkel der Kleinstaaten den
freiwilligen Ausgleich der schimpflichen Unterwerfung unter eine fremde
Gewalt regelmäßig vorzog. Daß Bayern seine Biersteuer behielt, war
unvermeidlich. Man begnügte sich daher, ein Maximum für die
Konsumtionssteuern festzusetzen und die allmähliche Annäherung der
Steuersysteme in Aussicht zu stellen. In einem so lockeren Bunde blieb das
*liberum veto* [Einspruchsrecht] und das Kündigungsrecht für Preußen
ebenso unentbehrlich wie für die Kleinstaaten, als ein letztes
verzweifeltes Mittel, um dem schwerfälligen Körper einen Entschluß zu
entreißen. Nur die Hoffnung auf einen hohen politischen Gewinn konnte den
preußischen Hof zu so schweren Opfern, zu einer so weitgehenden Nachsicht
für die Grillen und Eitelkeiten der Mittelstaaten bestimmen. Mit
überlegener Geduld erwartete Eichhorn, daß aus den fast lächerlichen
Formen dieses lockeren Vereins doch eine unlösbare Gemeinschaft der
Interessen emporwachsen müsse.
Mieg kehrte heim in der festen Erwartung, daß der so überaus vorteilhafte
Vertrag ihm die Verzeihung für sein eigenmächtiges Vorgehen verbürge. Er
täuschte sich schwer. König Ludwig konnte selbständigen Willen nicht
ertragen, empfing den Freund mit bitteren Vorwürfen; daß die preußische
Zollordnung sofort provisorisch eingeführt werden sollte, schien ihm eine
Entwürdigung der bayrischen Krone. Der Minister wollte, tief verletzt,
sein gegebenes Wort nicht zurücknehmen; er forderte und erhielt seine
Entlassung … Nunmehr nahm der König die Akten an sich, und lange blieb das
Schicksal des Vertrages zweifelhaft. Miegs Nachfolger, Lerchenfeld,
erkannte zwar, nachdem er die Papiere eingesehen, die Notwendigkeit des
Abschlusses, doch rückte er nicht recht mit der Sprache heraus. Fürst
Öttingen-Wallerstein(117) vollends, der vielgewandte liberalisierende
Minister, bewies in ausführlicher Denkschrift: kein Zollverein ohne
Österreich, die preußische Hegemonie ist Bayerns Verderben. Der preußische
Gesandte hielt schon alles für verloren und schrieb verzweifelnd: nur
Eichhorn selber könne noch retten. Darauf eilte Eichhorn sofort nach
München (Juli 1833), gewährte noch das letzte Zugeständnis, gab zu, daß
kein Provisorium stattfinden solle, seine gewinnende Freundlichkeit
brachte in wenigen Tagen alles ins reine. Jetzt brach des Königs gute
Natur wieder durch; er wünschte sich Glück zu der Wiederkehr der
friderizianischen Tage, ließ eine Denkmünze prägen auf das Gelingen seines
eigensten Werkes und sagte zu dem Nassauer Röntgen: »Österreich ist ein
abgeschlossener Staat, mit dem wir wohl Handelsverträge, doch keinen
Zollverein schließen können; Preußen ist ein Blitz, der mitten durch
Deutschland hindurchfährt.«
Kaum war die Krone Bayern gewonnen, so begann der Kampf mit dem
württembergischen Landtage. Die schwäbischen und badischen Liberalen
hatten sich zu Anfang des Jahres in Pforzheim versammelt und dort
beschlossen, dem vordringenden preußischen Absolutismus mannhaft zu
widerstehen. Die Schutzzöllner beweinten den nahen Untergang der
schwäbischen Industrie; die Partikularsten bewiesen, daß Württembergs
Absatzwege nach Frankfurt und der Schweiz, nicht nach dem Norden führten;
manche pessimistische Radikale gönnten dem verhaßten Ministerium nicht ein
Verdienst, das der Regierung allein gebührte, sie wünschten noch weniger,
daß ein wichtiger Grund der allgemeinen Unzufriedenheit beseitigt werde.
Die gemütlichen Leute wollten die geforderten Opfer nur einem
gesamtdeutschen Verein bringen. Selbst den gemäßigten Liberalen schien es
hochbedenklich, einer absoluten Krone mittelbare Einwirkung auf den
württembergischen Haushalt zu gestatten. Zudem wurden die Kammern nur zu
einer Erklärung über den Vertrag, nicht zu förmlicher Genehmigung
aufgefordert. Der Landtag empfand bitter seine Ohnmacht. König Wilhelm
setzte seinen Stolz darein, das Werk hinauszuführen; kein Zweifel, er
hätte auch ohne die Zustimmung der getreuen Stände den Vertrag vollzogen
und also den leeren Schein der schwäbischen Verfassungsherrlichkeit vor
aller Welt erwiesen. Darum wollte selbst Paul Pfizer, der Bewunderer
Preußens, sich nicht zur Genehmigung entschließen; wenn er zustimmte, so
verlor er jedes Ansehen unter den Parteigenossen, jede politische
Wirksamkeit in seiner Heimat. In solchen tragischen Widerspruch war der
süddeutsche Liberalismus geraten. Endlich, im November, genehmigte der
Landtag den Vertrag nach harten Kämpfen. Nur einzelne waren überzeugt …,
die Mehrzahl gab ihr Ja nur aus gedankenlosem Gehorsam; alle Führer der
Liberalen, Pfizer, Uhland(118), Römer(119), stimmten dawider. Es war ein
vollständiger Triumph des geschäftskundigen Beamtentums über den
schwärmenden Liberalismus.
Neue unerquickliche Händel folgten, da nun das preußische Zollwesen durch
eine gemeinsame Vollziehungskommission im Süden eingeführt wurde. Wie oft
mußte der preußische Kommissär L. Kühne von den gemütlichen bayrischen
Beamten bittere Klagen hören über diese verwünschte Berliner Strammheit;
er bestand darauf, daß in den Grenzbezirken, wo offenkundiger Schmuggel
blühte, drei Monate lang eine strenge Binnenkontrolle gründlich aufräumte.
Die unfreie soziale Gesetzgebung der Mittelstaaten fand so leicht nicht
den Übergang zur preußischen Freiheit … Doch der wesentliche Inhalt des
Vertrags wurde redlich ausgeführt. Seit in München ein neuer Zolldirektor,
der verdiente Knorr, ernannt war, arbeitete die Zollverwaltung fest und
pünktlich. Jeder neue Tag der Erfahrung warb dem Zollverein neue Anhänger
im Süden; die besseren Köpfe des Liberalismus gestanden beschämt ihren
Irrtum …
c) _Anschluß von Sachsen und Thüringen._
_ Die Neujahrsnacht 1834. _
Gleichzeitig mit Bayern und Württemberg unterhandelte Sachsen in Berlin.
Es geschah, wie Motz vorhergesehen: keine der Zollvereinsverhandlungen hat
den preußischen Staatsmännern schwerere Überwindung gekostet. Gewiß trat
mit Sachsens Beitritt nur die Natur der Dinge in ihr Recht. Das Erzgebirge
erhielt wieder ungehemmten Verkehr mit seiner alten Kornkammer, den
Muldenniederungen in der Provinz Sachsen, Leipzig wieder freie Verfügung
über seine wichtigsten Handelsstraßen; Macht und Bedeutung des Zollvereins
stiegen erheblich, sobald eines der ersten Fabrikländer und der größte
Meßplatz Europas hinzutrat. Gleichwohl war der unmittelbare Vorteil fast
ausschließlich auf Sachsens Seite; in Preußen erhoben sich ernste
staatswirtschaftliche und finanzielle Bedenken. Preußen gewann in Sachsen
nur einen kleinen Markt, der überdies durch seinen eigenen Gewerbefleiß
schon reichlich versorgt war. Da die Lebenshaltung und demnach der
Arbeitslohn im Erzgebirge niedriger stand als in irgendeinem anderen
Industriebezirke, so fürchteten die preußischen Fabriken, vornehmlich die
Webereien und Druckereien in Schlesien und in der Provinz Sachsen, der
sächsischen Konkurrenz zu erliegen. Von allen Seiten her wurde das
Finanzministerium mit Warnungen bestürmt; am Niederrhein rief die erste
Nachricht von dem Beginn der preußisch- sächsischen Verhandlungen weithin
im Lande eine starke Aufregung hervor. Die Frage, wie ein großer Meßplatz
einem Zollsystem sich einfügen lasse, galt noch allgemein als ein fast
unlösbares Problem; sie war bei den Verhandlungen mit Bayern-Württemberg
oft erörtert und endlich zur Seite geschoben worden, da man an der
Verständigung verzweifelte.
An der sächsisch-böhmischen Grenze hatte sich ein ungeheurer Schmuggel
festgenistet; das Volk nahm den elenden Zustand hin wie eine
Notwendigkeit, ja wie einen Segen. Selbst Lindenau wagte nach dem Abschluß
des Zollvereins im Gespräch mit Blittersdorff nur die schüchtern
zweifelnde Bemerkung: daß der Schmuggel im Erzgebirge jetzt aufhören wird,
»ist wohl schwerlich ein Unglück«. Die hochherzige Gesinnung des neuen
Mitregenten, des Prinzen Friedrich August, wurde in Berlin ebenso
bereitwillig anerkannt, wie die Einsicht der trefflichen Männer, die er in
sein Kabinett berufen. Doch ein volles Jahr verfloß, bis die Ordnung in
dem aufgeregten Ländchen sich wieder befestigte; Maaßen fragte besorgt, ob
eine Regierung, die den schwächlichen Aufläufen in Leipzig und Dresden so
wenig nachhaltigen Widerstand entgegengestellt, auch den festen Mut
besitzen werde, die Schmuggelnester im Gebirge auszuheben. Und lehrte denn
nicht der Gang der Verhandlungen, daß die neue Regierung das alte
kleinliche Mißtrauen gegen Preußen nicht gänzlich über Bord geworfen
hatte? Man kam in Berlin nicht los von dem Argwohn, Sachsen würde einen
Zollverein mit Österreich vorziehen, wenn nur die Hofburg mehr böte als
leere Redensarten. Wenn König Friedrich Wilhelm keinen deutschen Staat
locken und einladen wollte, so doch am allerwenigsten diesen sächsischen
Hof, der als Stifter des Mitteldeutschen Vereins eine so bösartige
Gehässigkeit zur Schau getragen hatte. Der preußische Konsul Baumgärtner
empfing einen herben Verweis, als er zu Anfang 1830 eine Flugschrift über
die Notwendigkeit eines sächsisch-preußischen Zollbundes schrieb und in
Sachsen verbreitete.
Bis zum Sturze des alten Systems erging sich die sächsische Regierung in
Umwegen und Künsteleien, nach der alten Gewohnheit der Mittelstaaten. Sie
fragte in Stuttgart und München an, ob Sachsen nicht dem Süddeutschen
Verein beitreten könne. Ihr Berliner Geschäftsträger Könneritz richtete an
Ancillon die Bitte: Preußen möge sofort seinen Tarif zu Sachsens Gunsten
herabsetzen, da die Verhandlungen über den unmittelbaren Anschluß
vorderhand noch ausgesetzt werden müßten. Maaßen aber antwortete
(15. September 1830): »ohne vorhergegangene Vereinigung zu einem
gegenseitig erleichterten Handelsverkehr« können wir bei der Ordnung
unseres Tarifs auf dritte Staaten keine Rücksicht nehmen.
Erst das Ministerium Lindenau fand den Mut einzugestehen, was sich mit
Händen greifen ließ: daß Sachsens Gewerbefleiß ohne Preußens Freundschaft
untergehen mußte; nahm doch die gesamte überseeische Ausfuhr des Landes
ihren Weg durch Preußen, desgleichen fast die gesamte Einfuhr der rohen
Baumwolle. Leider war nur ein Teil der Fabrikanten im Gebirge dem Anschluß
günstig, das Landvolk und vornehmlich Leipzig wehklagten über das
hereinbrechende Verderben. Also hat selbst der allzeit patriotische und
einsichtige Handelsstand der wackeren Pleißestadt, ganz wie späterhin die
Kaufmannschaft von Frankfurt, Bremen, Hamburg, die unliebsame Wahrheit
erhärtet, daß der Interessent fast niemals sachverständig ist. Auch der
große Kaufherr wird zum Krämer, sein Gesichtskreis verengt sich, sobald er
seinen unmittelbaren Vorteil bedroht wähnt; stolz auf seine persönliche
Kraft und Freiheit, empfindet er es als eine Anmaßung, eine Beleidigung,
wenn die Männer des grünen Tisches ihm zumuten, seine altgewohnten
Geschäftsformen zu ändern, und will nicht zugestehen, daß über große
handelspolitische Fragen nicht die privatwirtschaftliche Anschauung des
Kaufmanns, sondern das staatswirtschaftliche Urteil des Staatsmannes zu
entscheiden hat. Trotz alledem entschloß sich die Regierung gegen
Jahresschluß zu jener ersten Anfrage in Berlin. Das Ministerium des
Auswärtigen antwortete (24. Januar 1831): Die Schwierigkeiten scheinen
sehr groß, die Interessen überaus verschieden; »dennoch ist die Aufgabe so
gemeinnützig und deutscher Regierungen, welche neben der Sorge für ihre
Untertanen zugleich die Beförderung des Wohls von ganz Deutschland im Auge
haben, so entschieden würdig«, daß wir den Versuch wagen wollen. Die
oberdeutschen Könige, von allem unterrichtet, überließen die Verhandlungen
vertrauensvoll dem preußischen Hofe; die Überlegenheit der sächsischen
Industrie, meinte Armansperg zuversichtlich, ist in einem großen Verein
wenig zu fürchten, auch die schwierige Grenzbewachung muß sich durchführen
lassen, so man ernstlich will.
Im März 1831 kam der sächsische Finanzminister v. Zeschau(120) nach Berlin
— neben dem Bayern Mieg, dem Hessen Hofmann und dem Badener Boeckh(121)
sicherlich der fähigste unter allen den Finanzmännern, mit denen Preußen
zu verhandeln hatte — tätig und kenntnisreich, ein ritterlicher Charakter,
schweigsam und bedächtig, noch von seiner preußischen Dienstzeit her mit
L. Kühne wohl bekannt. Die in Dresden gewünschte Änderung des gesamten
Tarifs gab er bald auf, gleichwohl ward er mit Maaßen nicht handelseinig.
Erschreckt durch die Warnungen seiner Fabrikanten, wollte Preußen
provisorische Schutzzölle zugunsten einiger Fabrikwaren einführen, damit
die Industrie Zeit behielte, sich auf die Konkurrenz des Erzgebirges zu
rüsten. Zugleich verlangte man Entschädigung für den drohenden starken
Verlust an Durchfuhrzöllen. Kühne selbst fand diese Forderungen zu hart;
aus dem Magdeburgischen gebürtig, betrachtete er die Kursachsen halb als
seine Landsleute und hielt dem Minister vor: nach der Teilung Sachsens sei
Preußen schon ehrenhalber verpflichtet, dem Nachbarlande Wohlwollen zu
zeigen. Als Maaßen in diesen Fragen endlich nachgegeben hatte, erhob sich
sofort ein neues Hemmnis: die Meßfrage. Frankfurt an der Oder hatte bisher
für seine Messen einen Zollrabatt genossen, der erst vor kurzem auf
20 Proz. herabgesetzt war; nun der Eintritt Leipzigs bevorstand, wollte
Preußen seinen schwer bedrohten kleinen Meßplatz nicht ungünstiger stellen
als bisher. Die Leipziger Kaufmannschaft dagegen sagte den unfehlbaren
Verfall ihrer Messen voraus, falls Frankfurt irgendein Vorrecht behalte;
und »keine Regierung, am wenigsten eine konstitutionelle — schrieb der
sächsische Bevollmächtigte Wietersheim —, kann einer so ausdrücklichen
Erklärung der Repräsentanten des gefährdeten Nationalinteresses
entgegenhandeln«. Auch das Altenburgische Geheime Ministerium sendete ein
dringendes Mahnungsschreiben nach Berlin — »ohne alle äußere
Aufforderung«, wie man unschuldig beteuerte —, und schilderte in
herzbrechenden Worten das furchtbare Schicksal, das dem unglücklichen
Leipzig drohe.
Da die Verhandlungen sich so ungünstig anließen, so wünschte der
sächsische Hof, geängstigt durch die fortdauernde Gärung im Lande,
mindestens einige Handelserleichterungen sofort zu erlangen, falls die
vollständige Vereinigung nicht möglich sei. Der Prinz-Mitregent selber
stellte diese Bitte in einem Handschreiben an den König von Preußen
(11. April 1831). Er gab zu bedenken, daß mit dem gänzlichen Mißlingen
dieser Verhandlungen »die Ausführung des großen und für die Sicherheit und
Ruhe Deutschlands begründeten, von Ew. K. Majestät verfolgten Planes, die
Interessen des Handels und Verkehrs in verschiedenen deutschen Staaten zu
vereinigen und dadurch zugleich das politische Band zu befestigen,
gefährdet werden oder mindestens Aufschub erleiden würde. Auch mag ich mir
selbst nicht verschweigen, daß eine erfolglose Verhandlung in der
gegenwärtigen Zeit auch hier nicht ohne einen sehr ungünstigen Eindruck
bleiben würde«. Ein solcher Mittelweg schien aber den besten Köpfen der
preußischen Regierung kleinlich und nutzlos. Eichhorn bewies in einem
ausführlichen Gutachten: sofortige Handelserleichterungen würden, nach der
Lage der Dinge, nur dem preußischen Staate einseitige Opfer auferlegen;
wolle Sachsen dagegen zu Preußen in ein ähnliches Verhältnis treten, wie
bisher Bayern und Württemberg, so sei dazu eine vollständige Neugestaltung
seines Zollsystems erforderlich; warum also nicht sogleich das höchste
Ziel, den Zollverein, ins Auge fassen? … Die letzten mündlichen
Verhandlungen erfolgten im Juli, bald nachher stockte auch der
schriftliche Verkehr. Die deutschen Kabinette begannen zu fürchten, daß
Sachsen den Plan aufgegeben habe; der Dresdner Hof sah sich um die Wende
des Jahres genötigt, in einer langen Denkschrift seine Handelspolitik vor
den oberdeutschen Königen zu verteidigen.
Erst als Bayern und Württemberg ihre Zollvereinsverhandlungen in Berlin
eröffneten, faßte man sich in Dresden wieder ein Herz. Im März 1832
erschien Zeschau zum zweitenmal in Berlin. Abermals kam man einen Schritt
weit vorwärts; Sachsen erklärte sich bereit, das preußische System der
indirekten Steuern anzunehmen. Doch über die Messen konnte man sich wieder
nicht verständigen. Nun wirkte auch die Staatsweisheit Moritz Mohls
lähmend auf Sachsen zurück; ohne die süddeutschen Höfe, die jetzt ihre
Verhandlungen abbrachen, wollte das Dresdner Kabinett, wie begreiflich,
nicht beitreten. Im Mai wurde die letzte Beratung gehalten; der Sommer
verlief in peinlicher Verlegenheit …
Inzwischen beging der sächsische Hof einen schweren politischen Fehler,
der den schlimmsten Verdacht zu rechtfertigen schien. Hannover hatte am
Bundestage wieder einmal die Ausführung des Artikels 19 beantragt — in der
unverhohlenen Absicht, den Gang der preußischen Handelspolitik zu stören.
Ohne jede Rücksprache mit Preußen, ohne auch nur den Bericht der
Bundestagskommission abzuwarten, stimmte Sachsen als die erste deutsche
Regierung dem törichten Antrage zu und erklärte: Höchster Zweck des Bundes
in Zollsachen ist, dasjenige durch gemeinschaftliche Gesetze zu erreichen,
was durch Einzelverhandlungen nur schwer zu erreichen ist; sollen in
Deutschland überhaupt Durchfuhrzölle bestehen, so doch jedenfalls ein
anderes System als das preußische! — Die Finanzpartei in Berlin klagte
laut über die offenbare Zweizüngigkeit. Geh. Rat Michaelis fragte in einer
scharfen Denkschrift: soll diese Sprache des sächsischen
Bundestagsgesandten etwa die öffentliche Meinung in Sachsen für den
preußischen Zollverein gewinnen? — Wen konnten auch die nichtigen
Entschuldigungen überzeugen, die der sächsische Minister Minckwitz seinem
Berliner Gesandten Watzdorf schrieb (29. November 1832)? Der harmlose Mann
beteuerte, die Vorgänge in Frankfurt sollten den Berliner Verhandlungen
»keinen Eintrag tun«! Eichhorn aber, als ein gewiegter Kenner des
Charakters der kleinen Höfe, mahnte seine erzürnten Amtsgenossen zur
Geduld: gönnen wir doch den Herren in der Eschenheimer Gasse ihre
unschuldigen Stilübungen; der Dresdner Hof meint es ehrlich, wenngleich er
zuweilen einem Anfall von Schwäche unterliegt; noch eine kurze Frist, und
er kommt wieder zu uns.
Und so geschah es. Im Januar 1833 besprach sich Mieg in Dresden mit
Zeschau, und als darauf die Berliner Verhandlungen mit Bayern so glücklich
vorangingen, kam der sächsische Finanzminister (24. März) zum drittenmal
in die preußische Hauptstadt. Nach kaum acht Tagen (30. März 1833)
schlossen Eichhorn, Maaßen, Zeschau und Watzdorf den Zollvereinsvertrag,
der wörtlich mit dem soeben beendigten bayrischen übereinstimmte. Einige
Separatartikel ordneten den Zustand der Messen. Der Frankfurter Zollrabatt
blieb etwas ermäßigt bestehen, doch durfte Sachsen seinem Leipzig ähnliche
Vergünstigungen zuwenden. Der Meßhandel erhielt eine große Erleichterung
durch die Einrichtung der Meßkontierung; für Leipziger Großhandlungen von
gutem Rufe wurde sogar ein über die Meßzeiten hinaus fortdauerndes
Steuerkonto zum Abschreiben eröffnet — eine wichtige Vergünstigung, die
noch manchen Mißbrauch veranlassen sollte. Auch die Herabsetzung einiger
Zollsätze, namentlich für Woll- und Baumwollwaren, wurde vereinbart.
Preußen verpflichtete sich, die Ermäßigung der Elbschiffahrtsabgaben,
welche Anhalt dem preußischen Elbhandel zugestanden hatte, auch dem
sächsischen Verkehre zuzuwenden; der gute Vorsatz scheiterte freilich an
Anhalts Kleinsinn.
Nicht ohne Zagen unterschrieb Maaßen den Vertrag, der den preußischen
Markt den Fabriken des Erzgebirges eröffnete; von allen seinen Räten
stimmte ihm nur Kühne unbedingt zu. »Das ist ein schwerer Vertrag — sagte
er zu Kühne … —, es hätte ihn nicht jeder unterzeichnet.« Die Besorgnis
des Staatswirts hatte zurücktreten müssen vor den Hoffnungen der
Politiker. Sachsen stand gerade in den Flitterwochen seines
konstitutionellen Lebens; der Eintritt dieses Staates mußte die
öffentliche Meinung günstig stimmen. Leider verging wieder eine geraume
Frist, bis die deutsche Welt mit der vollendeten Tatsache sich versöhnte.
Die preußischen Fabrikanten lärmten, die gute Stadt Leipzig überließ sich
einer maßlosen Verzweiflung. Eine Petition, die der k. k. Konsul Bercks
geschäftig umhertrug, warnte die Regierung; die Stadtverordneten richteten
eine dringende Vorstellung nach Dresden. An Zeschaus Wohnung fand sich
eines Morgens ein Anschlag: »Allhier wird von einem Parvenu, einem
preußischen Landrat, so sächsischer Finanzminister geworden ist, das Land
für Geld und Orden an Preußen verkauft.« Der Taumel ergriff jeden Stand
und jedes Alter. Die Leipziger Schulbuben kauften sich englische
Farbkästen auf Vorrat, weil sie mit frühreifer handelspolitischer Vorsicht
befürchteten, das gewohnte Spielzeug werde nunmehr für bürgerliche
Geldbeutel unerschwinglich werden. Ein Jahr darauf schon begann für die
Pleißestadt eine neue Epoche glänzender Handelsblüte; das kleine Frankfurt
wurde durch den überlegenen Nebenbuhler ganz zurückgedrängt, die mächtigen
Leipziger Firmen lernten bald, den Frankfurter Meßrabatt für sich selber
zu benutzen. Auch die Klagen der preußischen Fabrikanten verstummten, und
niemand wollte die warnenden Petitionen unterschrieben haben. Zeschau
selbst, der Wohltäter Leipzigs, hat freilich von den stolzen Kaufherren
der Meßstadt niemals irgendeine Genugtuung für so viele Schmähungen
erhalten.
Während diese verwickelte zweifache Verhandlung in wiederholten Ansätzen
erledigt wurde, hatte Eichhorns unverwüstliche Geduld zugleich ein drittes
schwieriges Geschäft zu führen: die Unterhandlungen mit den thüringischen
Staaten. In Thüringen wie in Sachsen und Kurhessen wurde die beginnende
Bekehrung gefördert durch den unruhigen Sommer von 1830, durch die Angst
vor den murrenden Massen. Hier wie in Sachsen hoffte man anfangs, sogleich
einseitige Handelserleichterungen von Preußen zu erlangen. Der weimarische
Minister Gersdorff kam im Januar 1831 zugleich mit Lindenau nach Berlin,
überbrachte ein Handschreiben seines Großherzogs, das um solche
Vergünstigung bat: »dies würde in einer Periode mannigfacher Aufregungen
Übelgesinnten einen Vorwand zu schlechten Einwirkungen entnehmen.« Auf
wiederholte ähnliche Anfragen kleiner thüringischer Höfe antwortete das
Berliner Kabinett (5. Juli 1831): man sei bereit, über einen Zollverein zu
verhandeln, doch nur mit allen thüringischen Staaten gemeinsam, und nur
wenn diese Höfe sich nicht mehr gebunden glaubten an den mitteldeutschen
Verein. Erst als Kurhessen zu dem preußischen Vereine übergetreten war,
erklärten die ernestinischen Höfe: der Mitteldeutsche Verein sei
tatsächlich aufgelöst.
General Lestocq, der vielgeplagte Gesandte, den die thüringischen und
einige andere kleine Dynasten in Berlin auf gemeinsame Kosten ernährten,
überreichte am 15. Januar 1832 eine Verbalnote: Preußen möge die
Initiative ergreifen, ältere bindende Verpflichtungen beständen nicht
mehr. Weimar drängte am eifrigsten; das Großherzogtum besaß an Gersdorff
und O. Thon zwei treffliche Verwaltungsbeamte, die wohl einsahen, wo der
Grund der ewigen Finanznot lag. Spröder verhielt sich Gotha, da hier der
hergebrachte Schmuggel allgemein als ein Nationalglück betrachtet wurde.
Maaßen und Eichhorn entwickelten nun ausführlicher den einfachen Gedanken,
den sie so oft schon ausgesprochen hatten: die verzettelten thüringischen
Gebiete sollen zunächst unter sich einen Verein mit gemeinsamer
Zollverwaltung bilden und dann erst als eine geschlossene Einheit in den
großen Zollverein treten; Preußen will die Kreise Erfurt, Suhl und
Ziegenrück diesem thüringischen Vereine zuteilen, wird auch dafür sorgen,
daß Kurhessen sein Schmalkaldener Land hinzugefügt. Zu förmlichen
Verhandlungen kam es auch jetzt noch nicht; denn Eichhorn hoffte, vorher
mit Bayern und Württemberg abzuschließen. Diese beiden Höfe fühlten sich
schon beunruhigt durch die Anfragen der Ernestiner; sie meinten: schließe
Thüringen früher ab, so sei der Süden auf Gnade und Ungnade dem Belieben
Preußens überliefert. Darum richteten sie sogar eine Verwahrung an den
Berliner Hof (15. November 1832): ohne die vorhergehende Zustimmung
Bayerns und Württembergs dürfe Preußen die Thüringer nicht aufnehmen. Der
Dresdener Hof, der sich noch immer als das geborene Oberhaupt der
Ernestiner fühlte, verlangte zu allen Verhandlungen mit seinen
Stammesvettern zugezogen zu werden. Preußen erwiderte: wir werden Sachsens
Interessen sorgsam wahren, doch der Zutritt eines sächsischen
Bevollmächtigten kann die Verhandlungen nur erschweren. Immerhin haben
diese Bedenken der drei kleinen Königskronen den Beginn der
Unterhandlungen verzögert.
Erst im Dezember 1832 begannen die Konferenzen mit den Thüringern. Die
preußischen Staatsmänner schlugen vor, eine Zentralbehörde für das
thüringische Zollwesen zu bilden. Große Bestürzung; keiner der Kleinen
wollte eine solche Beschränkung seiner Souveränität zugeben. Da meinten
die Preußen begütigend: es werde genügen, einen Generalinspektor
einzusetzen; der müsse freilich in Erfurt wohnen, als dem Mittelpunkte des
Landes, doch solle er nicht von Preußen, sondern von der thüringischen
Hauptmacht Weimar ernannt werden. Hiermit schien jeder Widerspruch
entwaffnet. Wenn Preußen sein Zollwesen einem weimarischen Beamten
unterstellte, so durfte auch der Reußenstolz und der Gothaerdünkel nicht
klagen. Gleichwohl erhoben Altenburg und Meiningen neue Bedenken; sie
konnten sich nicht in den Gedanken finden, daß ihre Verwaltung fremder
Aufsicht unterliegen solle. Schon war man nahe daran, ohne Meiningen
abzuschließen. Da drohte Kühne: wenn man die preußischen Beamten als
Spione betrachte, dann müsse Preußen sein gefürchtetes Enklavensystem
gegen die kleinen Nachbarn anwenden. Das schlug durch. Am 10. Mai 1833
wurde der »Zoll- und Handelsverein der thüringischen Staaten« gebildet, am
folgenden Tage erklärte der neue Verein, der das gesamte System der
preußischen indirekten Steuern annahm, seinen Zutritt zu dem Deutschen
Zollvereine. Ein weimarischer Generalbevollmächtigter vertrat die
Thüringer auf den Konferenzen des Zollvereins, gab in Tarifsachen nur eine
Gesamtstimme ab; in einigen anderen Fällen sollte er die Meinung jedes
einzelnen thüringischen Staates gesondert vortragen. Dieser Bund im Bunde,
welchen Preußens Staatsmänner seit dem Jahre 1819 erstrebt hatten, erwies
sich als so einfach und naturgemäß, daß niemals, auch nicht in den
schwersten Krisen des Zollvereins, an die Auflösung des thüringischen
Vereins gedacht worden ist. —
Also war des großen Werkes schwerster Teil gelungen. Ein unerhörter
Ordenssegen belohnte die treue Arbeit des Beamtentums; die Jahrgänge der
deutschen Gesetzsammlungen schwollen zu unförmlichen Bänden an, von allen
den neuen Verträgen und Gesetzen. Dann kam jene folgenschwere
Neujahrsnacht des Jahres 1834, die auch den Massen das Nahen einer
besseren Zeit verkündete. Auf allen Landstraßen Mitteldeutschlands harrten
die Frachtwagen hochbeladen in langen Zügen vor den Mauthäusern, umringt
von fröhlich lärmenden Volkshaufen. Mit dem letzten Glockenschlage des
alten Jahres hoben sich die Schlagbäume; die Rosse zogen an, unter
Jubelruf und Peitschenknall ging es vorwärts durch das befreite Land. Ein
neues Glied, fest und unscheinbar, war eingefügt in die lange Kette der
Zeiten, die den Markgrafenstaat der Hohenzollern hinaufgeführt hat zur
kaiserlichen Krone. Das Adlerauge des großen Königs blickte aus den
Wolken, und aus weiter Ferne erklang schon der Schlachtendonner von
Königgrätz. Glücklicher als sein leidenschaftlicher Freund hat Maaßen die
Stunde der Genugtuung noch genossen. Er starb am 4. November 1834. Einen
ebenbürtigen Nachfolger fand er nicht; nur in Eichhorn und den Geheimen
Räten des Finanzministeriums lebten die Überlieferungen von 1818 fort.
Der erweiterte Handelsbund nahm jetzt den Namen des _Deutschen
Zollvereins_ an.(122) Aus dem dunstigen Nebel des Deutschen Bundes traten
schon erkennbar die Umrisse jenes Kleindeutschlands hervor, das dereinst
den Ruhm und die Macht des Heiligen Römischen Reiches überbieten sollte.
d) _Politische Bedeutung des Deutschen Zollvereins._
Die politischen Wirkungen des Zollvereins sind dank der unvergleichlichen
Schwerfälligkeit des deutschen Staatslebens nicht so rasch und nicht so
unmittelbar eingetreten, als manche kühne Köpfe meinten. Schon zu Anfang
der dreißiger Jahre hoffte Hansemann(123), ein Parlament des Zollvereins
und daraus vielleicht einen Deutschen Reichstag erstehen zu sehen, und wie
viele andere wohlmeinende Patrioten haben nicht ähnliche Erwartungen an
den deutschen »Zollstaat« geknüpft. Aber der Handelsbund war kein Staat,
er bot keinen Ersatz für die mangelnde politische Einheit und konnte noch
durch Jahrzehnte fortdauern, ohne die Lüge der Bundesverfassung zu
zerstören. Als Minister du Thil im Jahre 1827 seinem Großherzog den Rat
gab, jenen entscheidenden Schritt in Berlin zu wagen, da sprach er offen
aus: Wir dürfen uns darüber nicht täuschen; indem wir den Handelsbund
schließen, verzichten wir auf die Selbständigkeit unserer auswärtigen
Politik; bricht ein Krieg aus zwischen Österreich und Preußen, so ist
Hessen an die preußischen Fahnen gebunden. Desgleichen Dahlmann(124), der
nach seiner großen und tiefen Art den Zollverein sofort als das einzige
deutsche Gelingen seit den Befreiungskriegen begrüßte, erklärte
zuversichtlich, der Handelsbund stelle uns sicher vor der Wiederkehr
bürgerlicher Kriege. Auch diese Weissagungen sind nicht buchstäblich
eingetroffen. Der Zollverein hat die oberdeutschen Staaten nicht
verhindert, die Waffen zu ergreifen gegen Preußen. Und dennoch sollte
gerade das Jahr 1866 die gewaltige Lebenskraft dieses handelspolitischen
Bundes erproben. Der rasche Siegeszug der preußischen Fahnen überhob
Preußen der Mühe, seine wuchtigste Waffe zu schwingen, durch die Aufhebung
der Zollgemeinschaft die oberdeutschen Höfe sofort zu bekehren.
Das Bewußtsein, daß man zueinander gehöre, daß man sich nicht mehr trennen
könne von dem großen Vaterlande, war durch die kleinen Erfahrungen jedes
Tages in alle Lebensgewohnheiten der Nation eingedrungen, und in dieser
mittelbaren politischen Wirkung liegt der historische Sinn des Zollvereins
… es ging doch zu Ende mit dem Philistertum der alten Zeit, das an die
Herrlichkeit der Kleinstaaten kindlich glaubte. Der Geschäftsmann folgte
mit seinen Gedanken den Warenballen, die er frei durch die deutschen
Länder sandte, er gewöhnte sich, wie schon längst der Gelehrte, über die
Grenzen des heimischen Kleinstaates hinauszublicken; sein Auge, vertraut
mit großen Verhältnissen, sah mit ironischer Gleichgültigkeit auf die
Kleinheit des engeren Vaterlandes. Der Gedanke selbst, daß die alten
trennenden Schranken jemals wiederkehren könnten, wurde dem Volke fremd;
wer einmal in dem Handelsbund stand, gehörte ihm für immer. Eine
unerbittliche Notwendigkeit stellte nach jeder Krisis die alten Grenzen
des Zollvereins wieder her; kalte politische Köpfe konnten mit
mathematischer Sicherheit den Verlauf des Streites im voraus berechnen …
Der preußische Staat erfüllte, indem er Deutschlands Handelspolitik
leitete, einen Teil der Pflichten, welche dem Deutschen Bunde oblagen, wie
er zugleich allein durch sein Heer die Grenzen des Vaterlands sicherte. So
ist er durch redlichen Fleiß langsam emporgewachsen zur führenden Macht
des Vaterlandes, und nur weil die europäische Welt es nicht der Mühe wert
hielt, das Heerwesen und die Handelspolitik Preußens ernstlich kennen zu
lernen, bemerkte sie nicht das stille Erstarken der Mitte des Festlandes.
Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. IV, 350ff.
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108 Joh. Friedr. Böhmer, geb. 22. April 1795, gest. 22. Oktober 1863,
hervorragender Forscher, vornehmlich auf dem Gebiete der Geschichte
des deutschen Mittelalters.
109 Eduard v. Schenk, geb. 10. Oktober 1788, gest. 26. April 1841. Als
Protestant geboren, trat er 1817 zur katholischen Kirche über und
wurde 1828 Minister der geistl. Angelegenheiten.
110 Joh. Nepomuk Ringseis, geb. 16. Mai 1785, gest. 22. Mai 1880, Arzt
von Beruf.