Dergestalt war wieder einmal eines jener anmutigen Ränkespiele

eingeleitet, welche von Zeit zu Zeit die trostlose Langeweile der

Bundestagsgeschäfte wohltätig unterbrachen. Daß Österreich alle Fäden der

Verschwörung in seiner Hand hielt, war bald am Bundestage offenkundig. Mit

gewohnter Treuherzigkeit stellte die Hofburg jede Parteinahme in Abrede.

Der k. k. Hofrat v. Kreß, der Leiter der österreichischen Handelssachen,

beteuerte dem preußischen Geschäftsträger feierlich: mit keinem Worte habe

Osterreich den Anschluß Darmstadts zu verhindern gesucht; er selber habe

die Korrespondenz geführt und nach Darmstadt geschrieben, sein Hof werde

sich freuen, wenn Hessen bei dem preußischen Bündnis seinen Vorteil finde.

Nach den Enthüllungen, die man in Berlin vom Darmstädter Hofe selbst

erhalten, konnten solche Beteuerungen nur Heiterkeit erregen. Wie

Österreich zu dem neuen Gegenzollverein stand, das erhellte, wenn anders

die Frankfurter Gesandtschaftsberichte noch einer Bestätigung bedurften,

aus einem Briefe Lindenaus, der in Berlin bekannt wurde. »Ich verhandle

mit Holstein und den Niederlanden, schrieb der sächsische Diplomat an den

Bundestagsgesandten Leonhardi(91), sowie wir nicht minder der

Unterstützung des gemeinnützigen, vielversprechenden Unternehmens von

seiten der österreichischen Regierung, welche dessen Förderung wünscht,

versichert sein können.« Auch die anderen ausländischen Feinde der

preußischen Handelspolitik liehen dem Verein ihren Beistand. Graf Reinhard

versicherte die Vereinsmitglieder der warmen Unterstützung des Pariser

Kabinetts. Um die Niederlande zu gewinnen, ging Lindenau im Herbst selber

nach Brüssel und stellte dort vor — er, der Vertreter des Elbuferstaates

Sachsen: — es sei notwendig, den Rhein und Main wieder zu beleben, die

durch den Elb- und Weserhandel so schwere Einbuße erlitten hätten, und den

rheinischen Kolonialwarenhandel Hollands wieder zu der Höhe zu erheben,

die er im achtzehnten Jahrhundert behauptet. Selber mit seiner deutschen

Provinz beizutreten, lag freilich nicht in Hollands Absicht; doch warben

seine Diplomaten in Frankfurt eifrig für den Verein.

Entscheidend wurde die Haltung von England-Hannover. Noch war man in

London gewohnt, mit dreister Sicherheit auf Deutschlands Zwietracht zu

rechnen; jede Regung selbständigen Willens in der deutschen Handelspolitik

galt den Briten als ein Schlag ins eigene Angesicht. Welch’ eine köstliche

Aussicht, wenn jetzt durch den Gegenzollverein nicht nur die machtlose

Anarchie des deutschen Zollwesens verewigt, sondern auch den englischen

Waren gegen mäßige Transitzölle der Weg bis ins Herz von Deutschland

eröffnet wurde; von dort mochten sie dann durch die Schmuggler nach

Preußen und Bayern hinübergeschafft werden. Mit Feuereifer ging der

Gesandte am Bundestage, Addington, auf Lindenaus Ideen ein. Umsonst warnte

der nüchterne Milbanke, Geschäftsträger bei der Stadt Frankfurt: der

Verein entbehre jedes positiven Zwecks, könne und werde nicht dauern, der

deutsche Handel bedürfe schlechterdings einer Reform. Addingtons Meinung

drang in London durch; allzu verlockend war der Gedanke, den offenen

hannoverschen Markt, der bisher den englischen Fabriken so unschätzbar

gewesen, bis an den Main zu erweitern. Die englische Schaluppe Hannover

folgte wie immer ihrem Schiffe. Graf Münster(92) schalt hinterrücks den

preußischen Zollverein »eine preußische Reunionskammer«, mußte sich von

dem preußischen Gesandten Bülow »sein wenig gerades Benehmen« vorwerfen

lassen. Zugleich bat, wie Bülow von dem Minister Fitzgerald selbst erfuhr,

der sächsische Gesandte in London um durchgreifende Maßregeln gegen das

preußische Zollsystem, das dem englischen Handel und der Unabhängigkeit

der deutschen Staaten gleich verderblich sei. So trat denn Hannover dem

Verein bei; das Industrieland Sachsen unterwarf sich dem englischen

Handelsinteresse. Freiherr v. Grote(93), ein fähiger hannoverscher

Beamter, Preußens geschworener Feind, wurde neben Lindenau die Seele des

Bundes.

Auch Bremen trat hinzu. Der treffliche Smidt(94) hatte sich allzu tief

eingelebt in die Träume Wangenheims, der auch jetzt wieder aus seinem

Koburger Stilleben heraus gegen Preußen arbeitete; er konnte ein

krankhaftes Mißtrauen gegen den norddeutschen Großstaat nicht überwinden,

und jetzt, da die reindeutschen Sonderbundspläne sogar von Österreich

insgeheim unterstützt wurden, gab er sich ihnen unvorsichtiger hin als

sonst seine Art war. Er wünschte, wie er am Bundestage mehrmals aussprach,

deutsche Konsulate und eine deutsche Flagge. Doch solange Deutschland noch

nicht ein nationales Handelsgebiet bildete, war das lockere hannoversche

Zollwesen für den bremischen Freihandel bequemer als das strenge

preußische System. Die von dem »neutralen« Verein versprochene

Erleichterung des Transitverkehrs konnte auf den ersten Blick einen

hanseatischen Staatsmann allerdings bestechen. Aber auch nur auf den

ersten Blick. Voreingenommen gegen Preußens Zollsystem, bemerkte Smidt

nicht, daß die Teilnahme an dem neuen Handelsbunde der überlieferten

hanseatischen Handelspolitik schnurstracks widersprach; der Verein war in

Wahrheit nicht neutral, sondern durchaus parteiisch, antipreußisch. Smidt

dachte so hoch von dem Werte dieser totgeborenen Vereinigung, daß er ihrem

Urheber, dem Sachsen Carlowitz, das bremische Ehrenbürgerrecht verschaffte

— eine seltene Auszeichnung, welche seit dem Freiherrn vom Stein kein

deutscher Staatsmann mehr erlangt hatte. Ruhiger urteilte der Hamburger

Senat; er lehnte jede Mitwirkung ab, weil Hamburgs Freihafen den

Interessen des gesamten deutschen Verkehrs zu dienen habe. Die Frankfurter

großen Firmen dagegen begrüßten mit Jubel die in Aussicht gestellte

Erleichterung des Durchfuhrhandels, die den landesüblichen Schmuggel

mächtig fördern mußte; auch waren die Patrizier der stolzen Republik

längst gewöhnt, den untertänigen Schweif des k. k. Bundesgesandten zu

bilden. Bürgermeister Thomas und Senator Guaita zusamt dem

österreichischen Anhang setzten den Beitritt durch, gegen den heftigen

Widerspruch einer preußischen Partei.

Territorialen Zusammenhang konnte der Verein nur durch Kurhessen erlangen;

daher wurden dort die stärksten Hebel eingesetzt. Der jüngere Carlowitz

selbst erschien im April zu Kassel, bald darauf kam Lindenau. Beide,

unterstützt durch Hruby, stellten dem Kurfürsten vor, was er am liebsten

hörte: der neutrale Verein verlange gar keine Änderung in den bestehenden

Gesetzen Kurhessens; man betrachte dies Land als den Kern des Bundes,

könne der Sachkenntnis des Kurfürsten nicht entbehren, darum sollten die

Beratungen über das Grundgesetz unter seinen Augen, in Kassel erfolgen.

Den Ausschlag gab jedoch die staatsmännische Absicht, dem Schwager in

Berlin einen derben Possen zu spielen. Durch Kurhessens Beitritt wurde

Badens Ablehnung mehr als aufgewogen. Lindenau schrieb an Berstett: er

hoffe auf die Mitwirkung des Karlsruher Hofes um so sicherer, da durch den

Verein »weder die Selbständigkeit der eigenen Landesverwaltung, noch auch

deren finanzielle Verhältnisse die mindeste Störung erleiden, sondern nur

die unveränderte Aufrechterhaltung des *status quo*(95) versichert und

bezweckt wird.« Der Antrag ward abgelehnt. Mit Bayern verfeindet, von

süddeutschen und preußischen Vereinslanden rings umschlossen, hatte Baden

von dem neutralen Verein nichts zu hoffen, von Preußens Zorn alles zu

fürchten. Bei allen anderen kleinen Höfen fanden Lindenaus Werbungen

günstiges Gehör. Einige ängstliche thüringische Kabinette wurden gewonnen

durch die vertrauliche Versicherung, Preußen sei mit der Gründung des

Vereins einverstanden, eine plumpe Erfindung, die doch Eingang fand, weil

die preußische Diplomatie sich wie bisher ruhig zurückhielt. Selbst Herzog

Karl von Braunschweig ging diesmal Hand in Hand mit dem gehaßten jüngeren

Welfenhause; eine Weisung Metternichs bewog ihn, beizutreten.

Also waren im Laufe des Sommers die sämtlichen zwischen den beiden Hälften

der preußischen Monarchie eingepreßten Kleinstaaten angeworben für den

Neutralitätsbund, der sich den Namen »Mitteldeutscher Handelsverein«

beilegte. Nach jahrelangen vergeblichen Unterhandlungen sah Deutschland

plötzlich in einem Jahre drei handelspolitische Vereine auftauchen. Nur

Baden und die niederdeutschen Kleinstaaten östlich der Elbe blieben noch

isoliert. Triumphierend verkündete ein Artikel der Frankfurter

Oberpostamtszeitung, der aus Lindenaus Feder stammte, am 25. Juni:

Sachsen, Hannover, Kurhessen, Nassau, Frankfurt sind die Schöpfer des

neuen Vereins, der den Artikel 19 der Bundesakte zur Wahrheit macht und,

statt neue Zollinien zu schaffen, vielmehr die Handelsfreiheit auf sein

Banner schreibt. »Daß Ware gegen Ware vertauscht, Freiheit mit Freiheit,

Gleiches mit Gleichem erwidert werde, das ist Forderung des natürlichen

Rechts, bei dessen Verkennung und Verweigerung es dem Verein wohl nicht an

Mitteln fehlen dürfte, das, was recht und billig ist, mit feierlicher

Kraft geltend zu machen, da er helfen und hemmen, Vorteil und Nachteil zu

gewähren vermag.« Ein Gebiet von sechs Millionen Seelen gehört ihm, die

ganze weite Nordseeküste, die größten Stapel- und Handelsplätze

Deutschlands; die Elbe, den Rhein, den Main, die Weser von allen Zöllen zu

befreien, liegt allein in seiner Hand!

Wohl mochte man prahlen! Eine so krankhaft unnatürliche Mißbildung war dem

Partikularismus noch nie zuvor gelungen. In einem weiten Widerhaken

reichte das Vereinsgebiet von Bremen nach Fulda, dann westwärts zum Rhein,

gen Osten bis zur schlesischen Grenze, von dem englischen Markt Hannover

bis zu dem gewerbereichen Sachsen, über einen bunten Länderhaufen,

welchen, Preußen gegenüber, nur ein gemeinsames Interesse zusammenhielt:

Angst und Neid. Eben jene norddeutschen Kleinstaaten, welche bisher den

handelspolitischen Anstrengungen Preußens und Bayern-Württembergs einen

trägen ablehnenden Widerstand entgegengestellt, redeten plötzlich von

deutscher Handelsfreiheit. Indes sie den Artikel 19 der Bundesakte im

Munde führten, verschworen sie sich, die bestehende Zersplitterung

aufrecht zu halten und den preußischen Durchfuhrhandel zu vernichten. Und

hinter diesem Bunde standen schirmend Österreich, England, Holland,

Frankreich! Wenn man in Berlin noch der Belehrung bedurft hätte über die

feindselige Gesinnung des Mitteldeutschen Vereins, so mußte die

hinterhaltige Sprache der verbündeten Kabinette jeden Zweifel zerstören.

In tiefster Stille, ohne die geringste Mitteilung an die preußische

Gesandtschaft, hatte der Dresdner Hof sein Werk begonnen. Als am

preußischen Hofe einiges ruchbar wurde, schrieb Graf Einsiedel dem

Gesandten v. Watzdorf in Berlin, versicherte heilig, Baden sei nicht zum

Beitritt aufgefordert worden. Doch leider hatte der Karlsruher Hof jenes

Einladungsschreiben Lindenaus an Berstett dem Berliner Kabinett sogleich

mitgeteilt. Der Abteilungschef im Auswärtigen Amte bemerkte an den Rand

der sächsischen Depesche: »Das Gegenteil steht in unseren Akten. Graf

Bernstorff wird Herrn v. Watzdorf eines Besseren belehren.« Nicht minder

verdächtig erschien, daß der hannoversche Gesandte in Dresden, v. Reden,

plötzlich ohne jede Veranlassung ein Schreiben an Bernstorff richtete, um

inbrünstig zu beteuern, Hannover hege durchaus keine feindseligen

Absichten gegen Preußen, mißbillige entschieden jenes gehässige Programm

der Oberpostamtszeitung. Warum solche unerbetene Entschuldigung, wenn man

sich nicht schuldig fühlte? Späterhin, in einer Denkschrift vom Jahre

1832, nannte Metternich selbst den Mitteldeutschen Handelsverein

»versuchsweise zum Schutze gegen das preußische Zollsystem geschaffen«.

Und abermals zeigte die öffentliche Meinung ihre alte unbelehrbare

Verblendung. In Arnstadt rottete sich das Volk zusammen vor dem Hause des

Erbprinzen; die Leute drohten auszuwandern, wenn der Fürst nicht fest zu

dem Mitteldeutschen Verein stehe. Das sächsische Oppositionsblatt »die

Biene« verteidigte warm die hochherzige Absicht der sächsischen Krone, die

Unabhängigkeit »unseres Vaterlandes« zu retten; das Erzgebirge müsse ja

unfehlbar zugrunde gehen, wenn die preußischen Zölle die Getreideeinfuhr

aus Böhmen verhinderten — diese preußischen Zölle, die den Getreideverkehr

fast gar nicht belasteten! Weithin erklang der Jubelruf der Liberalen über

die schmachvolle Niederlage des preußischen Absolutismus: Preußens

Herrschsucht ist gedemütigt, das Gleichgewicht der Mächte in Deutschland

wieder hergestellt! Selbst in Bayern und Württemberg, deren eigenes

Zollsystem doch durch den Mitteldeutschen Verein bedroht wurde,

verteidigte die Presse den neuen Handelsbund. Der bayrische Hesperus

donnerte gegen Darmstadt, das einen industriellen Selbstmord begangen, den

Schwaben und Bayern »einen Teil des Segens edler Fürsten« geraubt habe.

Die Neckarzeitung begrüßte den Verein als ein Zeugnis der Bundestreue, als

einen letzten Versuch, die Verheißungen der Bundesakte ins Leben zu

führen. Sogar innerhalb der bayrischen Regierung fand sich eine Partei

bereit, die sächsisch-englischen Entwürfe zu unterstützen; Lerchenfeld und

Oberkamp, die gesamte Bundestagsgesandtschaft König Ludwigs, blieben mit

Lindenau in vertrautem Verkehr. Nur wenige verstanden den festen

patriotischen Stolz des Freiherrn vom Stein, der voll Verachtung auf die

Vasallen der englischen Handelspolitik niederschaute und an Gagern

schrieb: »es ist den erbärmlichen, neidischen, antinationalen Absichten

unserer kleinen Kabinette angemessen, sich an das Ausland zu schließen,

sich lieber von Fremden peitschen zu lassen, als dem allgemeinen

Nationalinteresse die Befriedigung kleinlichen Neides aufzuopfern.«

Am 21. Mai 1828 hatten die Verbündeten zu Frankfurt einen

Präliminarvertrag geschlossen. Am 22. August, nachdem unterdessen der

Verein vollzählig geworden, versammelten sich die Bevollmächtigten in

Kassel, und schon am 24. September kam der endgültige Vertrag zustande.

Solche Schnelligkeit der Beratung stach von den Gewohnheiten der

Staatsmänner des Bundestags auffällig ab; sie bewies deutlich, daß man

Gefahr im Verzuge glaubte und mehr einen diplomatischen Schachzug als ein

dauerhaftes Werk beabsichtige. Der Vertrag, in Dresden entworfen, sprach

die feindselige, aggressive Richtung gegen Preußen noch weit offener aus

als die Oberschönaer Punktation. Der Verein ist bestimmt, den freien

Verkehr im Sinne des Artikels 19 der Bundesakte zu befördern und »die

Vorteile, welche in dieser Hinsicht dem einzelnen Staate durch seine

geographische Lage und sonst gewährt sind, auf das Ganze zu übertragen,

auch daneben sich jene Vorteile zu erhalten und sicher zu stellen.« Die

Verbündeten verpflichten sich, bis zum 31. Dezember 1834 — d. h. bis zu

dem Zeitpunkte, wo der preußisch-hessische Vertrag ablief — keinem

auswärtigen Zollverein einseitig beizutreten. Die Straßen sollen in gutem

Stande erhalten, neue Straßenzüge verabredet werden. Die bestehenden

Durchfuhrzölle auf Waren, welche für einen Vereinsstaat bestimmt sind,

dürfen nicht erhöht werden; dagegen steht dem Verein wie jedem

Vereinsstaate frei, Waren, die aus dem Auslande in das Ausland gehen, mit

höheren Transitgebühren zu belasten. England-Hannover war es, das diesen

unzweideutigen Artikel 7 durchgesetzt hatte. Es lag darin die Drohung, den

Handel zwischen den beiden Hälften der preußischen Monarchie zu zerstören,

und zugleich eine systematische Begünstigung der englischen Einfuhr. Denn

da auf Hannovers ausdrückliches Verlangen jedem Vereinsstaate die Befugnis

eingeräumt wurde, Handelsverträge mit dem Auslande zu schließen, so

eröffnete sich den englischen Waren über Bremen und Hannover ein fast

zollfreier Weg nach den Binnenstaaten, welche, wie Sachsen, Thüringen,

Nassau, Frankfurt, noch kein geordnetes Grenzzollsystem besaßen. Noch

deutlicher sprach der neunte Artikel, der jedem Vereinsstaate das Recht zu

einseitigen Retorsionen vorbehielt; Kurhessen hatte diese Bestimmung

gefordert, und der Kurfürst verstand unter Retorsionen jede gehässige

Gewalttat wider die Nachbarn. Die einzige wesentliche Wohltat, welche der

Verein dem Handel brachte, war die Erleichterung des Transits, und sie

ward erkauft durch schwere Schädigung der heimischen, vornehmlich der

erzgebirgischen Industrie. Im übrigen dauerten alle bestehenden Akzisen

und Zölle fort; nur Warenverbote zwischen den Vereinsstaaten waren

unstatthaft, auch sollten die gewöhnlichen Erzeugnisse des Landbaues nicht

verzollt werden.

Der Kern des Vertrages blieb die Absicht, auf sechs Jahre hinaus die

Erweiterung des preußischen Zollsystems zu verhindern und inzwischen

vielleicht durch Ableitung des Durchfuhrhandels dem Zollwesen Preußens die

Wurzeln abzugraben. Eine von Marschall und Röntgen verfaßte nassauische

Denkschrift über das Verhältnis des Vereins zu Preußen und Bayern gibt

über diese freundnachbarlichen Absichten sicheren Aufschluß. Sie schildert

beweglich, wie Darmstadt sich »an ein nicht aus seiner Autonomie

hervorgegangenes System« angeschlossen habe. Allerdings wurden dabei »die

äußeren Formen der Selbständigkeit gewahrt«, aber das Großherzogtum »hat

sich während der Dauer des Vertrages jeder materiellen Autonomie begeben,

kann nur noch eine großmütige Berücksichtigung seiner Wünsche in billigen

Anspruch nehmen und ist deshalb seiner endlichen Mediatisierung um einen

bedeutenden Schritt näher gerückt.« Solcher Schwäche gegenüber sind die

Verbündeten entschlossen, »keine willenlose Hingebung zu zeigen, keine

nicht aus dem eigenen Bedürfnis hervorgegangene Handelsgesetzgebung«

anzunehmen. »Das Wesentliche des Kasseler Vertrages liegt in der

Vereinigung selbst, in dem für sechs Jahre begründeten *non plus

ultra*(96). Das Wesentliche liegt ferner in dem durch diese sechsjährige

engere Verbindung begründeten Ablehnungsmotive von Ansinnungen mancher

Art, denen, wenn sie von übermächtiger Seite ausgehen, der Einzelne und

Schwächere nicht viel mehr als die Bitte um Schonung entgegenzusetzen

hat.« Das Wesentliche liegt endlich in der Aussicht, zu einer Verbindung

mit anderen Staaten »mit Ehren gelangen zu können«. Bayern und Preußen

haben dasselbe, ja ein größeres Bedürfnis nach einer Annäherung an die

Vereinsstaaten als diese selbst; daher muß der Verein die

Verbindungsstraßen zwischen Bayern und Preußen fest in der Hand halten,

ihre freie Benutzung nur kraft gemeinsamen Beschlusses bewilligen. So wird

er eine gesetzliche Ordnung mit verhältnismäßig gleichen Rechten für ganz

Deutschland begründen.

Die Denkschrift schließt mit der pathetischen Frage: »Kann man denn aus

irgendeinem Grunde auch nur vermuten, daß Preußen die fieberhaften Träume,

in welchen eine übermütige Partei das ganze nördliche Deutschland nur als

eine mit Unrecht noch länger vorenthaltene Beute des preußischen Adlers

erscheinen lassen möchte, irgend teilen oder begünstigen werde?« Naiver

ließ sich die Seelenangst der Kleinen nicht aussprechen. Nicht irgendein

positiver Gedanke, sondern allein die Furcht vor Preußens und Bayerns

Übermacht, der ohnmächtige Wunsch, ein *tertium aliquid*(97) zu bilden,

wie der alte Gagern(98) sagte, hatte den Mitteldeutschen Verein

geschaffen. Aber je ratloser man sich fühlte, um so lauter ward gelärmt;

»es war ein Gegacker, schreibt du Thil, als sei ein großes Werk vollendet

worden«. Zahllose Orden belohnten alle Teilnehmer der Kasseler Beratung,

bis zum Kanzlisten herab.

Selbst die einzige Waffe, die man gegen Preußen schwingen konnte, erwies

sich als unwirksam; den preußischen Durchfuhrhandel zu lähmen war

unmöglich, solange die Handelsstraßen, welche das preußische Gebiet

umgehen sollten, noch nicht gebaut waren. Mannigfache Entwürfe wurden zu

Kassel besprochen; man träumte von neuen Handelswegen dicht neben

Darmstadts Grenzen, von einem langen Straßenzuge aus Sachsen über

Altenburg und Gotha nach Kurhessen, der den Verkehr hinwegleiten sollte

von der großen preußischen Chaussee über Kösen und Eckartsberge. Aber wer

sollte die Straße bauen? Die verarmten kleinen ernestinischen Staaten

besaßen nicht die Mittel, die größeren Bundesgenossen wollten kein Geld

vorschießen. Zudem stieß man überall auf preußisches Gebiet; wie sollte

die Erfurter Gegend umgangen werden, wo Preußen bereits eine gute Chaussee

gebaut hatte? Unablässig arbeitete die Diplomatie der Bundesgenossen, um

Bayern und Württemberg von Preußen fernzuhalten; der hannoversche Gesandte

Stralenheim in Stuttgart ward nicht müde, den König Wilhelm vor Preußens

Fallstricken zu warnen. Beharrlich wiederholte der Dresdner Hof, der die

Führung des Vereins behielt, er sei bereit, Anträge und Vorschläge zur

Ausbildung des Bundes entgegenzunehmen. Niemand wußte einen möglichen

Vorschlag. Schon vor der Kasseler Zusammenkunft gestand Lindenau einem

Frankfurter Amtsgenossen: »die Mehrzahl der Teilnehmer betrachtet den

Verein als ein Ruhekissen, sie ist froh, daß alles beim alten bleibt.« Nun

klagten die Thüringer über Sachsens hegemonischen Ehrgeiz, Frankfurt über

die erdrückenden kurhessischen Mauten. Der Kurfürst, um seinen

Holzmagazinen höhere Preise zu schaffen, verbot den altgewohnten

Holzhandel, der aus den hannoverschen Waldgebirgen nach Hessen

hinübergeführt ward. Die Unmöglichkeit, mit einem solchen Fürsten

freundnachbarlich auszukommen, lag vor Augen. Fast ein Jahr währten die

Verhandlungen zwischen den beiden hessischen Häusern wegen der

Erleichterung einiger Enklaven; da erklärte der Kurfürst: die gegenseitige

Verpflichtung, die Durchfuhrzölle auf gewissen Straßen nicht zu erhöhen,

solle allein für Darmstadt, nicht für Kurhessen gelten! Seine Weisungen an

die Unterhändler fand Maltzan »ausgezeichnet durch naive Unwissenheit und

despotischen Ton, der Feder eines Rabener(99) würdig«.

Immer schärfer trat der tiefe Gegensatz der handelspolitischen

Anschauungen innerhalb des Vereins hervor. Die Kaufherren von Frankfurt

und Bremen forderten unbeschränkten Freihandel, Hannover die Begünstigung

der englischen Waren. Andere Staaten träumten von neuen Zolllinien; wieder

andere hofften, die Milderung des preußischen Zollsystems und dann den

Eintritt in dies System zu erzwingen. Kein einziger Kopf an allen diesen

kleinen Höfen, der einen klaren Gedanken mit Ausdauer verfolgte; Karl

August von Weimar war im Juni 1828 gestorben. Bald sonderten sich die

Küstenlande und die Binnenstaaten in zwei Gruppen. Thüringen und Sachsen

schlossen einen Separatvertrag, desgleichen Hannover und Oldenburg. Sie

versprachen ihre gegenseitigen Untertanen im Handelsverkehr auf gleichem

Fuße zu behandeln usw. — geringfügige Erleichterungen, die in Preußen gar

nicht nötig waren, da das freiere preußische Zollgesetz zwischen In- und

Ausländern nicht unterschied. Die einfache in Berlin längst feststehende

Erkenntnis, daß nur die Beseitigung der Binnenmauten dem deutschen Handel

aufhelfen könne, war diesen Kabinetten noch nicht aufgegangen. Die

gedankenlose Trägheit der österreichischen Staatsmänner fühlte sich

befriedigt von dem Erfolge des Augenblicks. Dem preußischen Zollsystem war

ein Riegel vorgeschoben, der einige Jahre halten mochte; eine positive

Ausbildung des Handelsvereins wünschte man in Wien nicht, da jeder Bund im

Bunde gefährlich schien. Selbstgefällig sagte Münch-Bellinghausen zu

Blittersdorff: »wie klug hat Österreich gehandelt, die Kollisionen zu

vermeiden, denen Preußen nicht entgehen wird!« Der weiterblickende Badener

aber schrieb: Ich war erstaunt über solche Verblendung. Als ob ein

Stillstand im Völkerleben möglich sei! Als ob der preußisch-hessische

Verein sich jemals wieder auflösen würde! Österreich allein hat all dies

Unheil verschuldet, hat nichts getan, um den Artikel 19 der Bundesakte

auszuführen und uns also den Preußen in die Hände geliefert.

d) _Preußens Sieg. Preußisch-Bayrischer Handelsvertrag._

Nunmehr nahm Preußen den Handschuh auf. Der Berliner Hof hatte den ersten

Verhandlungen der mitteldeutschen Staaten mit der gewohnten ruhigen

Zurückhaltung zugesehen. Ein sächsisch-thüringischer Verein war

unschädlich; erst durch Hannovers Zutritt gewann der Verein eine

gefährliche Ausdehnung. Man wollte in Berlin nicht glauben, daß dies nahe

befreundete Kabinett, dem Preußen soeben jene neuen Straßenzüge und

Handelserleichterungen angeboten hatte, einem gegen Preußen gerichteten

Bunde sich anschließen werde. Da trat Hannover zu den Verbündeten über,

während Bernstorff noch eine freundliche Antwort auf sein Anerbieten

erwartete. Sofort verschwand jeder Zweifel über den Charakter des Vereins.

Motz in seiner feurig kühnen Weise forderte sogleich, daß man die Gegner

als Gegner behandle, und erklärte: »Sollte dieser Verein zustande kommen,

so ist Preußen in der Lage, sein Zollsystem für abgeschlossen zu halten,

und keineswegs in der Lage, diesen neutralen Verein seiner Absicht gemäß

unter imponierenden Bedingungen aufzunehmen.«

Obgleich bisher nur dürftige Nachrichten über die Pläne des Vereins

eingelaufen waren, so erriet der Finanzminister doch auf den ersten Blick,

daß die Zerstörung des preußischen Durchfuhrhandels in der Absicht der

Verbündeten liege. Deshalb, fuhr er fort, muß der Transit fortan mehr als

bisher im Lande gehalten, der Straßenbau rüstig gefördert, namentlich die

Chaussierung der wichtigen Straße von Magdeburg nach Zeitz rasch vollendet

werden. Die nach Hannover gerichteten Anerbietungen sind als nicht

geschehen zu betrachten. Noch entschiedener spricht er in einem Schreiben

an Bernstorff: »Es ist gewiß ein bemerkenswertes Zeichen der Zeit, daß in

der Mitte und vorzugsweise im Norden Deutschlands, im Schoße des Deutschen

Bundes und dennoch unter der Fahne Österreichs, für den ostensibeln Zweck

einer angeblichen Vervollkommnung der Verhältnisse dieses Bundes eine

Koalition sich bildet, welche Preußen von ihren Plänen und Beratungen

ausschließt und auf alle Weise zu erkennen gibt, nicht nur, daß sie eine

Ausführung und Erweiterung allgemeiner Bundesmaximen auch ohne Preußens

Teilnahme für möglich hält, sondern auch, daß Preußen eben als störendes

Prinzip jener Ausführung und Erweiterung zu betrachten, und deshalb die

Aufstellung einer förmlichen Oppositionsmasse gegen dasselbe anrätlich

sei«. Darum dürfen wir den Verein nicht ignorieren; wir müssen unser

gerechtes Befremden aussprechen und den Entschluß, »jeder uns auf

irgendeine Art kompromittierenden weiteren Entwicklung dieses sonderbaren

Systems auf angemessene Weise entgegenzutreten«.

Über Österreichs Absichten war der entschlossene Mann längst im klaren. Er

wußte, daß die k. k. Verpflegungsbeamten in Mainz, um den

Preußisch-Hessischen Verein zu schädigen, die vertragsmäßige

Steuerfreiheit der österreichischen Garnison gröblich mißbrauchten, für

Tabak, Zucker, Bier massenhaft Steuerfreischeine ausgaben, mehr, als ganz

Rheinhessen verzehren konnte. Er forderte, der Gesandte in Wien solle rund

heraus erklären: wir lassen uns nicht täuschen durch das Blendwerk, das

mit dem Artikel 19 getrieben wird, wir lassen uns weder imponieren, noch

uns mißbrauchen. Am 8. November schrieb er dem Minister des Auswärtigen

geradezu: »Ob und inwieweit überhaupt auf wahre freundschaftliche

Verhältnisse von Österreich gegen uns zu rechnen sei, vermag ich nicht zu

beurteilen. Soviel scheint mir aber sicher zu sein, daß Österreich dem

übereilt organisierten Deutschen Bunde den Charakter des ehemaligen

deutschen Fürstenbundes beizulegen und darin die Rolle Friedrichs des

Großen zu übernehmen denkt.« Österreichs Haltung gegen uns in dem Köthener

Zollstreit war entschieden feindselig, ohne Österreichs Beistand wäre der

Mitteldeutsche Verein nie zustande gekommen.

Ein Blick auf diese Aktenstücke genügt, um das Rätsel zu lösen, warum das

Berliner Kabinett über die geheime Geschichte seiner Handelspolitik

beharrlich geschwiegen, auch die windigsten Prahlereien der zahlreichen

geistigen und leiblichen Väter des Zollvereins gelassen ertragen hat. Das

Bündnis der Ostmächte war nach wie vor der leitende Gedanke der

auswärtigen Politik des Königs. Brach man mit Österreich, so wurde der

Deutsche Bund unhaltbar und auch der werdende Zollverein selber in Frage

gestellt. Für Preußens Diplomatie ergab sich mithin die Aufgabe, durch

ruhige feste Haltung den Wiener Hof dahin zu bringen, daß er der

preußischen Handelspolitik nicht geradezu widerstrebte. Preußen räumte der

Hofburg die Führerstelle ein in dem Schattenspiele des Bundestages und

verlangte für sich die Leitung der wirklichen Geschäfte deutscher

Staatskunst. Dies blieb der einzig mögliche Weg nationaler Politik,

solange man weder den Willen noch die Macht besaß, die kriegerische Aktion

der friderizianischen Tage zu erneuern. Den deutschen Dualismus zu

beseitigen, kam dem König nicht zu Sinn; die Absicht war nur, dem

preußischen Staate im Bereiche der deutschen Politik ein Gebiet

selbständigen, ungestörten Wirkens zu erobern. Ein solches System setzte

behutsame Vorsicht und unverbrüchliche Verschwiegenheit voraus; es fiel

dahin, sobald die Welt erfuhr, wie planmäßig Preußens Handelspolitik

arbeitete und wie deutlich die besten Köpfe des Kabinetts den Grundsatz

der Interessen erkannten, der die beiden großen Bundesmächte trennte.

Das Auswärtige Amt ging nicht sofort auf die kampflustige Gesinnung des

Finanzministers ein. Der König verlangte ruhige, sorgfältige Prüfung,

damit nicht durch vorschnelles Urteil deutschen Bundesstaaten Unrecht

geschehe. Sobald nähere Nachrichten einliefen, stimmte Eichhorn der

Ansicht Motzs bei und erließ eine Instruktion an sämtliche Gesandten in

Deutschland, welche ausführlich darstellte, wie unberechtigt und

hoffnungslos das Unternehmen der Mitteldeutschen sei: die Verbündeten

mögen sich die Frage vorlegen, was ein Verein von sechs Millionen

Einwohnern, der fast nur Binnenländer umfaßt, bei einem Konflikt mit uns

gewinnen dürfte, »ob der innere Verkehr nicht ertötet statt belebt und der

Handel mit dem Auslande nicht beschränkt statt ausgebreitet werden würde«.

Außerdem erhielt die Wiener Gesandtschaft die Weisung, sich zu beschweren

über die feindselige Haltung der österreichischen Diplomaten und dem

Staatskanzler die auf Metternichs Demagogenfurcht berechnete Frage ans

Herz zu legen: »Sind es nicht hauptsächlich die Absonderungen und

Trennungen, welche im Handel und Verkehr stattfinden, wodurch eine

Stimmung des Mißbehagens, der Unzufriedenheit und der Sehnsucht nach einer

Veränderung unterhalten wird?« Der Gesandte in London ward befehligt,

entschieden auszusprechen, daß an Verhandlungen mit Hannover vorerst nicht

mehr zu denken sei: »wir müssen offen gestehen, daß unser Vertrauen auf

hannoverscher Seite schlecht erwidert worden ist«. Jordan in Dresden

sollte sein Befremden über die mißtrauische Heimlichkeit der sächsischen

Politik kundgeben; Grote in Hamburg dem Senate »die Anerkennung seines

weisen und angemessenen Betragens aussprechen und dabei erklären, man

hoffe, daß er bei demselben auch verharren werde«.

Zugleich erging an die Regierungen der Grenzbezirke der Befehl, die

handelspolitischen Maßregeln der Verbündeten, die sich noch immer in

rätselhaftes Dunkel hüllten, scharf zu beobachten. Hier zeigte sich die

ganze Unnatur des Mitteldeutschen Vereins. Das Vereinsgebiet lag im

Bereiche der preußischen Macht, war überall von eingesprengten preußischen

Gebietsstücken unterbrochen, durch tausend Bande des nachbarlichen

Verkehrs an Preußen gekettet. Eine Schar von preußischen Postbeamten,

Floßinspektoren, Schiffahrtsaufsehern lebte in Feindesland, gab sichere

Nachricht über alles, was auf den Flüssen und Straßen der Verbündeten

vorging. Die Staatszeitung und Buchholzs Neue Monatsschrift begannen den

Federkrieg gegen den Handelsverein »Eine Souveränität, die sich durch

bloße Opposition geltend machen will — rief Buchholz warnend —, steht im

Widerspruch mit sich selbst und kann nur Niederlagen erfahren.« Auch durch

Retorsionen wollte Motz den Gegnern zu Leibe gehen; er dachte den

sächsischen Fabrikanten den Meßrabatt zu entziehen und in Magdeburg eine

Messe zu errichten. Hier aber widersprach der König; er wollte sein Wort

halten, auch jetzt noch jede Feindseligkeit gegen deutsche Bundesstaaten

unterlassen, und ließ den kampflustigen Finanzminister an die Rücksichten

erinnern, die man dem Deutschen Bunde schulde.

Die offene Sprache der preußischen Diplomatie erweckte allerdings Angst

und Reue an einigen der kleinsten Höfe. Der Fürst von Sondershausen,

dessen Unterherrschaft unter dem Schutze des preußischen Zollsystems

aufblühte, war mit seiner Oberherrschaft dem Handelsverein beigetreten und

ließ durch sein Geheimes Konsilium das Berliner Kabinett bitten, »diese

abgedrungene Maßregel nicht übel zu deuten«. Darauf erwiderte das

Auswärtige Amt: man hoffe, »daß ein pp. Konsilium keinen Augenblick

darüber im Zweifel sein werde, was in der Wahl zwischen der Festhaltung an

dem bisher bestehenden Verhältnis mit Preußen und zwischen der Teilnahme

an einer neuen Verbindung zu tun oder zu lassen sei«. Nun bat der Fürst in

einem eigenhändigen Briefe den König um Verzeihung und flehte, ihn »mit

allergnädigster Nachsicht zu beurteilen und der unschätzbaren hohen Gnade

nicht für unwert zu halten«. Auch der Herzog von Gotha schrieb an

Wittgenstein (16. Dezember): er erfahre »zu seiner größten Verwunderung«,

daß Preußen mit dem Handelsvereine nicht einverstanden sei; nimmermehr sei

ihm in den Sinn gekommen, den preußischen Hof, dessen Gunst so wertvoll,

zu verletzen.

Gegen die größeren Staaten des Vereins war mit so sanften Mitteln nichts

auszurichten. Motz behielt doch Recht, da er an Bernstorff schrieb: »Ich

bin der Meinung, daß andere Rücksichten, welche nicht durch die

bestehenden Verträge geboten werden, gegen die betreffenden, uns in

finanzieller Hinsicht nur feindlich gegenüberstehenden Bundesstaaten wohl

aus den Augen gesetzt werden können, indem der preußische Staat die Macht

und die Kraft hat, seinen hohen und höchsten Interessen die der

Bundesstaaten unterzuordnen, und nach den seit 13 Jahren gemachten

Erfahrungen die Liebe für uns in den Bundesstaaten erst dann zu gewinnen

sein dürfte, wenn sie mit Furcht und Beachtung der bestehenden

Verhältnisse vereinigt bleibt.« Der feurige Mann war entschlossen, den

Handelsverein zu sprengen: gegen offenbare Feindseligkeit reiche die

Politik des Zuwartens nicht mehr aus. »Wir werden es noch dahin bringen,

rief er zuversichtlich, daß einzelne Mitglieder des Mitteldeutschen

Vereins dringend um Aufnahme in den preußischen Verein bitten werden!« Er

hatte noch im Januar bezweifelt, ob eine Verbindung mit dem soweit

abgelegenen Bayrisch-Württembergischen Verein rätlich sei; jetzt faßte er

den glücklichen Gedanken, über den Handelsverein hinweg den süddeutschen

Königskronen die Hand zu reichen und dergestalt durch einen Bund des

Nordens mit dem Süden den mitteldeutschen Sonderbund zu zerstören.

Zum Heil für Deutschland erwachten um dieselbe Zeit ähnliche Wünsche in

München und Stuttgart. Wie laut auch König Ludwig im ersten Zorne wider

Preußens und Darmstadts Verräterei gescholten hatte, auf die Dauer konnte

er sich doch nicht verbergen, daß seine eigenen kühnen Pläne gescheitert

waren. Nachdem Kurhessen zu den Mitteldeutschen übergetreten, war an eine

Vergrößerung des Süddeutschen Vereins nicht mehr zu denken; der rein

deutsche Bund unter Wittelsbachs Fahnen blieb ein Traum. Ebensowenig

konnte der Verein in seiner vereinsamten Stellung verharren. Auch trat,

wie Metternich vorhergesehen, die alte Abneigung zwischen den beiden

Königen bald wieder hervor. Die Hoffnung auf einen Handelsverein mit der

Schweiz ward zunichte an der Zwietracht der Eidgenossen. So blieb den

oberdeutschen Königen nur die Wahl, entweder mit Preußen oder mit dem

sächsisch-englischen Verein eine Verbindung zu suchen. Hinter Sachsen und

Hannover aber stand Österreich; dies allein genügte, um den König von

Württemberg gegen die mitteldeutschen Verbündeten einzunehmen. Sein neuer

Finanzminister, Freiherr Karl Varnbüler(100), derselbe, der einst in den

Vorderreihen der Altrechtler gestanden, bewährte sich als ausgezeichneter

Geschäftsmann und riet dringend zur Verständigung mit Preußen. Welchen

nennenswerten handelspolitischen Vorteil, außer der Herabsetzung der

Durchfuhrzölle, hatten die Mitteldeutschen zu bieten? Wie sollte der

patriotische König von Bayern sich einlassen in jene unsauberen

Zettelungen mit Frankreich, England, Holland, welche der Mitteldeutsche

Verein mit unbeschämter Stirn betrieb? In der ersten Aufwallung des Zornes

hatte König Ludwig wohl einen Schritt nach Frankreich hinüber getan; ein

Bündnis mit dem Auslande einzugehen, den deutschen Verkehr dem englischen

Handelsinteresse zu unterwerfen, lag dem bei all seiner Wunderlichkeit

grunddeutschen Monarchen ebenso fern wie seinem vertrauten Minister

Armansperg.

Sobald man in München kaltblütig überlegte, erschien doch selbst Preußens

Verhalten in dem Sponheimer Handel erklärlich. Die Berliner Regierung war

ja durch europäische Verträge verpflichtet, Badens Recht zu schützen; sie

verfuhr, wie König Ludwig selbst zugeben mußte, mit rückhaltloser

Offenheit; ihr Gesandter suchte durch versöhnliche Sprache den erzürnten

Fürsten zu beschwichtigen. Preußen schlug jetzt vor, Bayern und Baden

sollten beiderseits auf ihr Sponheimer Erbrecht verzichten, damit der

leidige Handel für immer aus der Welt geschafft würde. König Ludwig

sträubte sich lange, doch fing er an zu begreifen, daß dies der einzige

Weg sei, um sich mit Anstand aus dem verlorenen Spiele zurückzuziehen.

Gegen den Spätsommer 1828 begannen der Minister und sein königlicher

Freund bereits die Frage zu erwägen, ob nicht eine Annäherung an den

Preußisch-Hessischen Verein unvermeidlich sei. Daß die öffentliche Meinung

in Bayern dieser Annäherung entschieden widerstrebte, war für die Freunde

eher ein Stachel als ein Hemmnis. Voll hochfliegender Begeisterung,

empfänglich für alles Außerordentliche, liebten beide die Welt durch

unerwartete Entschlüsse zu überraschen. Um so schwerer fiel ihnen, die

Demütigung ihres Ehrgeizes, den Schiffbruch ihrer reindeutschen Pläne zu

verwinden. Aber sie vermochten es über sich, das Opfer zu bringen.

Unabweisbar drängten diese trocknen Geschäftsverhandlungen den näher

Beteiligten die Einsicht auf, daß die Deutschen doch zueinander gehörten,

nur durch Mißtrauen, durch Unkenntnis und durch die Selbstsucht, die immer

der schlimmste Feind des eigenen Vorteils ist, einander verfeindet wurden.

Ganz unerwartet fand sich ein Helfer, der die beginnende Umstimmung am

Münchener Hofe zu fördern und für Deutschlands große Sache zu verwerten

verstand. Der Buchhändler Freiherr v. Cotta(101) war als großer

Geschäftsmann mit Personen und Zuständen des deutschen Nordens näher

vertraut als das schwäbisch-bayrische Beamtentum, und blickte, wie er

schon in dem württembergischen Verfassungskampfe bewiesen hatte, auch in

der Handelssache über die landläufigen süddeutschen Vorurteile weit

hinaus. Unternehmend und beweglich, befreundet mit Nebenius und anderen

namhaften Volkswirten in allen Teilen Deutschlands, erkannte er längst,

daß der süddeutsche Verkehr ohne Preußens freundnachbarlichen Beistand

niemals gesunden könne, und obgleich ihm viel daran lag, die Gunst

Metternichs für seine Allgemeine Zeitung nicht zu verlieren, so faßte er

doch den tapferen Entschluß, als Vermittler aufzutreten. Er besprach sich

insgeheim mit Armansperg, reiste dann im September 1828 nach Berlin zu dem

großen Naturforschertage, der also auch für unsere Politik bedeutsam

werden sollte. Cotta wurde durch Humboldt bei Witzleben(102) und Motz

eingeführt, sprach dort den Gedanken aus, ob nicht eine Verständigung

zwischen Bayern und Preußen möglich sei, und fand den günstigsten Empfang.

Eine überraschende Verwandtschaft der Anschauungen stellte sich heraus.

Motz bekannte, daß er sich längst mit ähnlichen Absichten getragen habe;

im Grunde seien es ja doch nur Mißverständnisse, welche bisher zwischen

den beiden Staaten gestanden. Cotta kehrte heim und schrieb am 20. Oktober

aus München: er habe des Ministers »gnädige Eröffnungen« den Monarchen in

München und Stuttgart mitgeteilt; beide seien von der Notwendigkeit des

Planes überzeugt und hätten bereits die Einladung, dem Mitteldeutschen

Verein beizutreten, zurückgewiesen. Nunmehr zog Motz das Auswärtige Amt in

das Geheimnis und erklärte: »Jetzt ist es wünschenswert, einen

Handelsverein mit Bayern, Württemberg und Baden zu bilden«: der Süden muß

für eigene Rechnung unsere Zollgrundsätze annehmen, namentlich unsere

höheren Tarifsätze auf ausländische Waren, also auch auf die Waren des

Mitteldeutschen Vereins. Solange dieser Verein die vollständige

Verschmelzung mit dem Süden hindert, müssen Preußen-Hessen und

Bayern-Württemberg mindestens ihre eigenen Produkte und Fabrikate

gegenseitig vom Zolle befreien.

Im November eilte der Unterhändler wieder nach Berlin, diesmal mit einer

förmlichen Beglaubigung versehen, und wurde von dem Könige aufs

freundlichste aufgenommen. Die Berliner erzählten sich mit untertänigem

Erstaunen, der einfache Buchhändler sei zur Tafel gezogen worden. Motz gab

ihm nach längeren Verhandlungen die Punktation des Vertrags mit auf den

Weg. Triumphierend meldete Cotta am 17. Dezember aus München: »Alles, was

ich mitbrachte, war hier höchst erfreulich und willkommen«, bei König

Ludwig wie bei dem Minister Armansperg. »Beide sind von den großartigen

Ideen ergriffen, die einer Verbindung Preußens mit Bayern und Württemberg

nach den von Hochdenselben entwickelten Grundsätzen als Leitstern vorgehen

und zur Richtschnur dienen. Ich sehe schon im Geiste Ihre herrliche Idee

in kurzer Frist realisiert«. Und am 20. Dezember nochmals: Wird auch Baden

gewonnen, »so wäre der Grundstein im Süden Deutschlands zu dem Gebäude

gelegt, das Ihr verehrter König und Sie zum Wohle und Gedeihen

Deutschlands im Auge haben«.

Motz erwiderte: er hoffe »ein Werk zu begründen, an welchem nicht nur wir

und unsere Zeitgenossen, sondern auch unsere Nachkommen Freude haben

werden«. Der Mitteldeutsche Verein müsse offen bekämpft werden, »denn was

wir gemeinschaftlich suchen, ein soviel möglich allgemeiner Markt in

Deutschland, wird für Bayern, Württemberg und Preußen durch die Grundsätze

dieses neutralen Vereins nicht nur befördert, sondern viele diesem

Verlangen entgegenstehende Hindernisse nur noch mehr stabiliert«.

Gleichzeitig schrieb er an den Kronprinzen von Preußen, der sich gerade am

Münchener Hofe aufhielt, enthüllte ihm das Geheimnis der Mission Cottas,

bat dringend um Unterstützung: der Vertrag sei politisch und

volkswirtschaftlich hochwichtig, wenngleich die Zolleinnahmen wohl

zunächst einige Einbußen erleiden würden. Der Prinz, der dem geistreichen

Minister längst wohl wollte, nahm sich denn auch der Verhandlungen eifrig

an.

Am 9. Januar 1829 konnte Cotta aus Stuttgart berichten, daß auch König

Wilhelm die Hauptgrundsätze der preußischen Punktation gebilligt habe, und

gegen Ende des Monats erschien der Unermüdliche zum drittenmal in Berlin.

Der preußische Minister verlor zuweilen fast die Geduld bei allen den

ängstlichen Vorbehalten, welche der süddeutsche Unterhändler stellen

mußte, und klagte bitterlich über diesen »Hökerkram«. Gegen die

vollständige Zollbefreiung der eigenen Produkte erhob Bayern Bedenken; man

fürchtete in München die überlegene rheinische Industrie. Auch mit seinem

Vorschlage, daß die bayrische Pfalz sofort dem preußischen Zollverein

beitreten solle, drang Motz nicht durch; der Stolz der bayrischen Krone

widerstrebte, auch der Münchener Landtag hätte der unerläßlichen

Abänderung des pfälzischen Steuerwesens niemals zugestimmt. Noch weniger

war auf Badens Beitritt zu hoffen. Der kleine Staat wollte die günstige

Gelegenheit benutzen, um seinen Länderbestand für alle Zukunft

sicherzustellen; er forderte, daß vor den Zollverhandlungen der Sponheimer

Streit beigelegt werde. Da König Ludwig darauf nicht einging, so erkannte

das Berliner Kabinett im Laufe des Winters selbst, daß man nicht wohl tue,

die Verhandlungen noch mehr zu verwickeln, und ließ Baden vorläufig aus

dem Spiele.

Am 6. März 1829 begannen endlich die amtlichen Verhandlungen in Berlin.

Die süddeutschen Kronen waren durch ihre Gesandten Luxburg und Blomberg

vertreten, den Ausschlag gab Cotta, der von beiden Königen Vollmacht

hatte. Für Preußen erschienen Eichhorn und Schönberg, dazu Motz, Maaßen

und Finanzrat Windhorn. Auch Hofmann kam aus Darmstadt herüber. Die ersten

Kräfte der Regierung waren aufgeboten; es galt, die Brücke über den Main

zu schlagen. Am 27. Mai 1829 wurde der Vertrag unterzeichnet. Preußen-

Hessen und Bayern-Württemberg versprachen einander bis zum Jahre 1841

Zollfreiheit für alle inländischen Erzeugnisse der Natur, des

Gewerbefleißes und der Kunst; nur für eine Reihe wichtiger Fabrikwaren

sollte, auf Bayerns Andringen, zunächst bloß eine Zollerleichterung um

25 Prozent eintreten, bis allmählich die völlige Befreiung erfolgen könne.

Beide Teile verpflichteten sich, ihre Zollsysteme mehr und mehr in

Übereinstimmung zu bringen; alljährlich sollten Bevollmächtigte

zusammentreten »zur Befestigung und Erweiterung dieses Vertrags«. Auch ein

Zollkartell wurde für die Zukunft verabredet. Der Vertrag trug in allem

den Charakter eines Provisoriums; er begründete die engste Form

handelspolitischer Vereinigung, die sich erreichen ließ, so lange die

Länder der Verbündeten nicht in festem geographischen Zusammenhange

standen. Alle Beteiligten fühlten, daß sie erst im Beginn einer Zeit

gemeinsamer handelspolitischer Aktion standen; sie verpflichteten sich zu

Protokoll, Handelsverträge mit solchen Ländern, die an mehrere

Vereinsstaaten zugleich angrenzten, also vornehmlich mit Baden, nur im

gemeinsamen Einverständnis abzuschließen.

Unbeirrt durch die Peinlichkeit der Einzelverhandlungen hielt Motz seinen

Blick fest auf die großen Verhältnisse des Vaterlandes gerichtet; er

wußte, daß er seinem Staate die Bahn zu einer stolzen Zukunft geöffnet

hatte. Im Juni sprach er sich gegen den König über die politische

Bedeutung der geschlossenen Verträge offen aus. Seine Denkschrift wirft

zuerst einen Rückblick auf die vollendete Unfähigkeit des Bundestags, der

niemals in förmliche Beratung über die Handelseinheit getreten sei; selbst

während der Not von 1817 habe man in Frankfurt nur genau soviel getan, »um

den föderativen Nachbar, im buchstäblichen Sinne des Wortes, nicht

verhungern zu lassen. Wie konnte dies auch anders sein, da dem Deutschen

Bunde ein großer Staat an der Spitze steht, der das ihm eigentümliche,

seit 50 Jahren schon bestehende, seinem privaten Interesse bis daher

vermeintlich zusagende, mit den Interessen der übrigen Staaten des

Deutschen Bundes aber nicht vereinbarliche Zoll- und Prohibitivsystem

aufzugeben nicht gewillt ist; da andere Bundesmitglieder die

Handelsinteressen ihrer Hauptstaaten denen ihrer Bundeslande unterzuordnen

nicht gemeint sind, vielmehr letztere, natur- und sachgemäß, an die

ersteren festgeknüpft haben; und da wieder andere den Gegenstand mehr nur

aus fiskalischem wie aus staatswirtschaftlichem Gesichtspunkte betrachtet

wissen wollen? Der Deutsche Bund gab damit ein Beispiel, wie die

allgemeine Staatengeschichte bis dahin noch keines aufzuweisen hat«; es

entstand ein Handelskrieg aller gegen alle, »der weit schlimmer war, als

ein innerer Krieg der Waffen nur je hätte sein können«. Dann erinnert Motz

an die patriotischen Bestrebungen des deutschen Handelsstandes, an die

persönlichen Bemühungen der Souveräne von Bayern und Württemberg. Als

gleichzeitig der Bayrisch-Württembergische und der Preußisch-Hessische

Verein sich bildeten, lag die Möglichkeit zweier großen Zollvereine für

ganz Deutschland vor. Da erhob sich unter Österreichs Führung der neutrale

Verein, der den *status quo*, d. h. das Unerträgliche aufrecht erhalten

will; er zwang uns, sogleich weiter zu gehen und das große Handelssystem

zu begründen.

Dies System, fährt die Denkschrift fort, bietet erstens kommerzielle

Vorteile. Die Verbindung umschließt schon jetzt 20 Millionen Einwohner,

behauptet also den dritten Platz unter den europäischen Staaten, da

Österreich kein einiges Machtgebiet bildet; sie wird auf 25 Millionen

steigen, sobald der Mitteldeutsche Verein wahrnimmt, »daß er ganz und gar

einen eitlen Zweck verfolgt«, und die süd- und mitteldeutschen Staaten

nebst Mecklenburg uns beitreten; sie wird auf 27 Millionen steigen, wenn

auch die anderen Staaten (soweit sie nicht Nebenlande sind), also

Hannover, Braunschweig, Oldenburg und die Hansestädte eintreten. Der

innere Verkehr ist wichtiger als der auswärtige Handel, jener schlägt

dreimal, dieser einmal im Jahre das Kapital um. Manche deutsche Staaten

erhalten durch das Handelssystem einen zwanzig- bis zweihundertmal

größeren Markt für ihre Produkte. Dazu kommen zweitens die finanziellen

Vorteile. Der Satz: »je billiger die Abgabe, desto größer der Ertrag«,

wird sich auch diesmal bewähren, wenngleich vielleicht die erste

Übergangszeit einige Ausfälle bringen mag. Wichtiger ist drittens der

politische Gewinn. »Wenn es staatswissenschaftliche Wahrheit ist, daß

Zölle nur die Folge politischer Trennung verschiedener Staaten sind, so

muß es auch Wahrheit sein, daß Einigung dieser Staaten zu einem Zoll- und

Handelsverbande zugleich auch Einigung zu einem und demselben politischen

System mit sich führt.«

Nun wird in großen Zügen die friderizianische Politik den Wittelsbachern

gegenüber geschildert: wie Friedrich den ersten Nichtösterreicher,

Karl VII., auf den Kaiserthron erhoben, dann durch den bayrischen

Erbfolgekrieg und den Fürstenbund Bayern dreimal vom Untergange gerettet

habe. Preußen hat bisher von alledem noch keine Frucht geerntet. Bayerns

feindselige Haltung zur Zeit des Rheinbundes und der Ansbach-Baireuther

Händel erklärt sich nur aus »der totalen Verwirrung und Verirrung der

Staatenpolitik« jener revolutionären Tage. Heute aber kann Preußen kein

Mißtrauen mehr einflößen, sondern muß wünschen, »mit allen den Staaten,

die nur von wahrhaft deutschem Interesse geleitet und Preußen mit offenem

Vertrauen ergeben sind, nicht aber etwa den Besitz deutscher Provinzen

bloß als Vehikel für Förderung der Interessen ihrer größeren auswärtigen,

Deutschlands Interessen fremden Staatenkörper zu benutzen streben, in

jeder Beziehung, politisch und kommerziell, sich recht innig und recht

enge zu verbinden«. Möglich bleibt doch der für jetzt allerdings »nicht

leicht gedenkbare« Fall, daß entweder ein allgemeiner Krieg ausbräche,

oder »daß der Deutsche Bund in seiner jetzigen Gestalt sich einmal

auflöste und mit Ausschluß aller heterogenen Teile sich neu gestaltete«;

dann würde unser Handelssystem ungeheuer wichtig werden. Viertens bringt

uns das Handelssystem eine militärische Verstärkung um 92000 Mann. Bayerns

Zutritt entschied die Kriege von 1805 und 1806 zu Napoleons Gunsten,

desgleichen der Rheinbund den Krieg von 1809. Gegen Frankreich können wir

unser Rheinland nur decken, wenn wir der bayrischen Pfalz sicher sind;

Österreich aber wird durch den Handelsbund in einem weiten Bogen umfaßt,

kann von Schlesien und Altbayern her zugleich bedroht werden. Die

Denkschrift schließt: »In dieser, auf gleichem Interesse und natürlicher

Grundlage ruhenden und sich notwendig in der Mitte von Deutschland

erweiternden Verbindung wird erst wieder ein in Wahrheit verbündetes, von

innen und von außen festes und freies Deutschland unter dem Schutz und

Schirm von Preußen bestehen. Möge nur das noch Fehlende weiter ergänzt und

das schon Erworbene mit umsichtiger Sorgfalt noch weiter ausgebildet und

festgehalten werden!«

So der preußische Finanzminister, ein Jahr vor der Julirevolution, zwei

Jahre bevor Paul Pfizer(103) den Briefwechsel zweier Deutschen erscheinen

ließ! Unter allen Äußerungen deutscher Staatsmänner aus jener Zeit ist

keine, die so entschieden mit der Politik des friedlichen Dualismus

bricht, die so rund heraussagt: los von Österreich! Und welche Sicherheit

des Blicks in allem und jedem! Der Mann wußte schon 1829 bis auf einen

geringfügigen Irrtum ganz genau, in welcher Reihenfolge bis zum Jahre 1866

die deutschen Staaten dem Zollverein beigetreten sind.

In einem Rundschreiben an ihre Gesandten sprach die preußische Regierung

offen aus: der Vertrag mit Bayern stelle eine noch engere Vereinigung und

die allmähliche Verwirklichung der deutschen Handelseinheit in Aussicht.

Noch blieben am bayrischen Hofe tausend Bedenken zu überwinden. König

Ludwig, gewöhnt an unbedingte Selbstherrschaft, zürnte heftig, weil seine

Unterhändler in einigen Punkten ihre Instruktionen überschritten hatten;

er konnte das alte süddeutsche Mißtrauen gegen die preußischen Kniffe

nicht überwinden, mäkelte an jedem Worte, fürchtete überall doppelte

Auslegung. Auch der berühmte Streit über das *Alternat*(104), der in jenen

Tagen die Mußestunden der Bundestagsgesandten würdig ausfüllte, wirkte

störend. Die königlichen Höfe wollten den großherzoglichen wohl die

Gleichberechtigung beim Vortritt, doch nicht bei den Unterschriften

zugestehen; nach vielem Herzeleid behalf man sich endlich, fertigte nur

zwei Haupturkunden aus, die eine für Preußen-Hessen, die andere für

Bayern-Württemberg gemeinsam. Dazu die begreifliche Furcht des Münchener

Hofes vor der Kleinmeisterei seines Landtags. Cotta bat inständig: »nicht

zu vergessen, daß wir selbst Vorurteilen fröhnen müssen, um die höheren

großen Zwecke zu erreichen, besonders den Verein«. In gleichem Sinne

schrieb Armansperg an Motz: »das gewiß segensreiche Werk, welches durch

den Handelsvertrag nunmehr in das Leben treten wird, verdankt Deutschland

größtenteils der Großartigkeit Ihrer Ideen und der tätigen Sorgfalt, womit

Ew. Exzellenz die Unterhandlungen leiteten und jede Einseitigkeit zu

entfernen strebten. Wenn dem Geiste Ew. Exzellenz manches, wonach unsere

Wünsche zielen, kleinlich erscheinen wird, so mögen Sie in Erwägung

ziehen, daß in den Hallen der Stände manch Kleinliches hauset und nicht

immer durch die Waffe der Vernunft bekämpft und besiegt werden kann« —

worauf dann im Interesse der oberpfälzischen Hammerwerke gebeten ward, die

groben Eisenwaren unter die Ausnahmeartikel zu stellen. Im Laufe des

Sommers hat Cotta selbst in Brückenau und Friedrichshafen die letzten

Bedenken der beiden süddeutschen Könige beschwichtigt; sie ratifizierten,

überhäuften den gewandten Unterhändler mit Gunst. König Wilhelm zeigte

sich ebenso unbefangen wie sein Minister Varnbüler; von den alten

cäsarischen Träumen war keine Rede mehr. Dann schickte Preußen zwei seiner

besten Finanzmänner, Sotzmann und Pochhammer, nach München, um die neuen

Zolleinrichtungen einführen zu helfen. Die bayrischen Beamten erstaunten,

soviel Geduld und Schonung bei den verrufenen Preußen zu finden; in

gemeinsamer ernsthafter Arbeit trat man einander näher.

Nun der schwere Entschluß gefaßt war, segelte König Ludwig sogleich mit

rastlosem Ungestüm in dem neuen Fahrwasser dahin. Er pries in

überschwenglichen Worten die Redlichkeit, die Mäßigung, die Größe der

Ansichten des Berliner Kabinetts, versicherte dem Bildhauer Rauch, wie

stolz er sei, mit dem Staate Friedrichs Hand in Hand zu gehen, wie

rechtschaffen und weise König Friedrich Wilhelm sich gehalten habe. Die

öffentliche Meinung im Süden nahm den Vertrag voll Mißtrauens auf; eine

Deputation, die dem Könige den Dank der guten Stadt Nördlingen aussprach,

blieb eine vereinzelte Erscheinung. In den höheren Kreisen des bayrischen

Beamtentums fühlte man doch, daß endlich nach langen Irrfahrten fester

Ankergrund gefunden sei. Der Bundestagsgesandte Lerchenfeld erhielt

strenge Weisung, sich der mitteldeutschen Zettelungen zu enthalten, und

wirkte fortan zu Frankfurt und Kassel redlich mit seinen preußischen

Genossen zusammen. Die freieren Köpfe ahnten von vornherein, daß dies

gesunde naturgemäße Bündnis zwischen den beiden größten deutschen Staaten

weiter führen mußte. Schon bei den Berliner Verhandlungen hatte Hofmann

die Frage aufgeworfen, ob nicht Preußens westliche Provinzen mit dem Süden

sogleich einen wirklichen Zollverein bilden sollten. In dieser unreifen

Form war der Gedanke für Preußen unannehmbar. Sobald man den Vertrag

ausführte, zeigte sich jedoch rasch, daß man nicht auf halbem Wege stehen

bleiben konnte. Die bayrische Rheinpfalz erhielt bayrische Mauten, da man

sich in München nicht hatte entschließen können, sie dem preußischen

Zollsystem einzufügen. Das Ergebnis war trostlos: die Provinz brachte im

Jahre 1830 nur 165000 Gulden an Zöllen auf, während die Grenzbewachung

248000 Gulden verschlang. Der Landrat der Pfalz bat und klagte; der

Zustand konnte nicht dauern. Schon im Februar 1830 fragte der unermüdliche

Cotta bei Hofmann vertraulich an, wie man denn bei vollständiger

Zollgemeinschaft mit den preußischen Behörden auskomme. Hofmann antwortete

mit einem warmen Lobe für die preußischen Beamten, die sich zwar anfangs

sehr mißtrauisch zeigten, nachher aber, sobald sie die Zuverlässigkeit der

hessischen Verwaltung kennen lernten, ganz umgänglich wurden.

Das Ausland und seine Gesellen, die Mitteldeutschen, sahen mit wachsendem

Schrecken, wie Preußens Handelspolitik binnen Jahresfrist einen zweiten

großen Erfolg errang. Vergeblich hatte das sächsische Kabinett noch

während der Berliner Verhandlungen den Münchener Hof für den

mitteldeutschen Bund geworben; vergeblich war der Nassauer Röntgen, jener

alte vielgeschäftige Feind Preußens, nach Stuttgart gereist, um dort

vorzustellen: Motz, der ruchlos ehrgeizige Kraftmensch, wolle Preußen

durch die Entfesselung der industriellen Kräfte zur leitenden deutschen

Macht erheben. In Berlin selbst arbeiteten einige Agenten des

mitteldeutschen Vereins, so der Frankfurter Senator Guaita. Österreich

sendete den Hofrat Eichhof nach München, um Bayern durch das Angebot

einiger geringfügigen Handelserleichterungen von Preußen hinwegzulocken

und zugleich den König Ludwig zu erinnern, wie feindselig Preußen in der

Sponheimer Sache gehandelt habe. Münch in Frankfurt versuchte wieder

einmal, den Darmstädter Hof gegen Hofmann, »dies Werkzeug Preußens«,

einzunehmen. Die Diplomatie Englands, Frankreichs, Hollands — voran Lord

Erskine und Graf Rumigny in München — ward nicht müde, vor Preußen zu

warnen. Von allen fremden Mächten zeigte sich wieder nur Rußland als ein

treuer Freund Preußens; Anstett in Frankfurt sprach offen und

nachdrücklich für die Berliner Handelspolitik.

Nach und nach begann doch die vollendete Tatsache ihren Zauber zu üben.

Wie lange sollte man noch die Klagen der mißhandelten Nation ertragen? Wie

lange noch sich abquälen an allezeit vergeblichen Sonderbünden, während

Preußen jede handelspolitische Verhandlung regelmäßig erfolgreich

hinausführte? Selbst Blittersdorff, der rastlose Parteigänger Österreichs,

gab nunmehr die Sache Habsburgs fast verloren. Wenn Preußen, so schrieb

er, alle deutschen Staaten unter seinem Handelssystem vereinigt, dann ist

Österreich faktisch aus dem Deutschen Bunde hinausgedrängt! Der Verkehr

wird dadurch nicht zentralisiert, sondern, bei der großen Anzahl unserer

kleinen Mittelpunkte, überall gleichmäßig belebt werden. Die Gefahren für

die Souveränität sind geringer in einem großen Zollverein, als wenn man

versucht, der Zeit in den Weg zu treten. —

Die preußisch-bayrischen Verhandlungen blieben ein Schlag ins Wasser,

solange der Verkehr zwischen den beiden Staaten den willkürlichen

»Retorsionen« des mitteldeutschen Vereins unterlag. Die neue Straße von

Westfalen durch das darmstädtische Gebiet verband nur die westlichen

Provinzen Preußens mit den Ländern der süddeutschen Bundesgenossen und

führte überdies in der Frankfurter Gegend einige Stunden lang durch

mitteldeutsches Vereinsland. Sollte der preußisch-bayrische Bund

Lebenskraft gewinnen, so war eine zollfreie Straße zwischen den

Hauptmassen der beiden verbündeten Zollvereine unentbehrlich. Da erinnerte

sich Motz zur guten Stunde an den Straßendünkel des Meininger Reiches und

an jenen untertänigen Entschuldigungsbrief des Gothaer Herzogs. Wie nun,

wenn Preußen dem Meininger Lande die Mittel bot, jene Welthandelsstraße

zwischen Italien und der Nordsee wirklich zu bauen? Der Wunsch, den

Verkehr im Lande zu halten, blieb ja der höchste Gedanke, dessen die

Handelspolitik der Kleinstaaten jener Tage fähig war. Wie oft sind die

Staatsmänner der Ernestiner nach München oder Berlin geeilt, um durch

dringende Bitten den Bau einer Umgehungsstraße zu verhindern; wie jammerte

Frankfurt, da im Frühjahr 1829 ein Spediteur Waren aus der Schweiz nach

Leipzig über Nürnberg sendete und billigere Fracht berechnete als seine

Frankfurter Konkurrenten. Diese Straßenpolitik war das beste Rüstzeug des

Mitteldeutschen Vereins, und Motz beschloß, die Verbündeten mit ihren

eigenen Waffen zu schlagen. Er eröffnete Verhandlungen mit Meiningen und

Gotha, noch bevor der bayrische Vertrag abgeschlossen war. Der Herzog von

Koburg kam selbst nach Berlin. Am 3. Juli 1829 wurde mit Meiningen, tags

darauf mit Gotha ein Vertrag geschlossen, »um die Hindernisse zu

beseitigen, die vorzüglich durch örtliche Verhältnisse dem Handel und

gewerblichen Verkehr entgegenstehen«. Die drei Staaten verpflichteten sich

gemeinsam, einen großen Straßenzug zu bauen von Langensalza über Gotha

nach Zelle, von da über Meiningen nach Würzburg und über Suhl,

Hildburghausen, Lichtenfels nach Bamberg. Preußen schoß den kleinen Herren

die Gelder vor. Der Durchfuhrhandel auf den neuen Straßen wurde völlig

freigegeben. Dazu mehrfache Zollerleichterungen und freier nachbarlicher

Verkehr zwischen Meiningen, Gotha und Preußens thüringischen Enklaven. Es

war dieselbe Straße quer über den Kamm des Thüringer Waldes, die nachher

in der Eisenbahnpolitik des Deutschen Reiches noch einmal eine bedeutsame

Rolle spielen sollte.

Diese beiden unscheinbaren Verträge haben in Wahrheit den Mitteldeutschen

Verein vernichtet. Denn jetzt erst erhielt der preußisch-bayrische Vertrag

praktischen Wert. Motz eilte selbst nach Thüringen, um den raschen Ausbau

der Straßen zu fördern. Sobald dieser zollfreie Straßenzug vollendet war,

standen die beiden verbündeten Zollvereine in gesicherter geographischer

Verbindung, ihre völlige Verschmelzung blieb nur noch eine Frage der Zeit.

Zugleich hatte das Berliner Kabinett mit Mecklenburg den Bau einer neuen

Straße von Hamburg nach Magdeburg verabredet. Der mächtige Warenzug

zwischen der Nordsee und der Schweiz ward von Hannover, Kassel und

Frankfurt hinweggelenkt auf die Straße Magdeburg-Nürnberg. Der

Mitteldeutsche Verein, der Bayern und Preußen auseinander halten sollte,

wurde durch einen Meisterstreich der preußischen Diplomatie selber in der

Mitte zerspalten. Immer wieder drängt sich der Gedanke auf, wieviel

langsamer der Knoten sich hätte entwirren lassen, wenn ein Reichstag die

diplomatische Aktion des Berliner Hofes lähmte. Wer diese unterirdische

Arbeit auf ihren verschlungenen Wegen verfolgt, der muß, wo nicht

billigen, so doch verstehen, daß ein freier Geist wie Trendelenburg(105),

damals den preußischen Absolutismus als einen Segen für Deutschland pries.

Preußen vollzog mit jenen zwei Verträgen nur eine Tat erlaubter Kriegslist

wider erklärte Gegner, und doch keinen feindseligen Schritt, keine

gehässige Retorsion. Die Niederlage des Mitteldeutschen Vereins war um so

vollständiger, da niemand das Recht hatte, sich über Preußen zu beklagen.

Während sonst die Handelspolitik den Feind durch Handelserschwerungen zu

schlagen sucht, entwaffneten Motz und Eichhorn den Kasseler Sonderbund

durch die Erleichterung des deutschen Verkehrs; sie konnten sogar den Dank

der Mitteldeutschen beanspruchen für die Eröffnung einer zollfreien

Straße. Den beiden thüringischen Fürsten freilich gereichte der Hergang

nicht zur Ehre. Verlockt durch die Aussicht auf den Besitz einer großen

Handelsstraße, wurden die Herzöge zu Verrätern an ihren mitteldeutschen

Verbündeten. Sie verletzten zwar nicht den Wortlaut, doch den Sinn des

Kasseler Vertrages, der den Bundesgenossen allerdings den Abschluß von

Handelsverträgen gestattete, aber unzweifelhaft den Zweck verfolgte, die

Erweiterung des preußischen Zollsystems zu verhindern. Das böse Beispiel

weckte bald Nachahmung. Der Mitteldeutsche Verein, gegründet durch

partikularistische Selbstsucht, sollte ein würdiges Ende finden; er sollte

nach und nach zerbröckeln durch ein frivoles Spiel mit Treu und Glauben.

Zugleich bereitete Motz in diesem tatenreichen Sommer den Mitteldeutschen

noch eine Überraschung, die ihrem Handel Segen, ihrem Sonderbunde

Verderben brachte. Er verständigte sich mit den Niederlanden über die

Rheinschiffahrt und eröffnete also seinen süddeutschen Verbündeten die

Aussicht auf freien Verkehr mit der Nordsee. Sobald der britische Kaufmann

seine Waren zollfrei rheinaufwärts bis nach Frankfurt und Mannheim senden

konnte, mußte England das Interesse an dem Mitteldeutschen Verein

verlieren, und dem Sonderbunde war eine mächtige Stütze entzogen. —

Nach so gründlichen Niederlagen hätten ernsthafte Staatsmänner den

Sonderbund als einen verunglückten Versuch sofort aufgeben und eine

Verständigung mit den überlegenen Zollvereinen des Südens und des Nordens

suchen müssen. Doch die unverwüstliche Zanksucht dieser kleinen Höfe

wollte nicht Frieden halten, ihr Dünkel sträubte sich gegen ein

beschämendes Geständnis. Der sächsische Gesandte in Wien, Graf

Schulenburg, wußte Wunder zu berichten von den Handelserleichterungen, die

Metternich in allgemeinen Andeutungen dem Verein versprach; ähnliche

Zusagen, ebenso unbestimmt gehalten, gab der französische Gesandte Graf

Fenelon dem Nassauer Hofe. In Hannover lebte ungebrochen der alte

Welfenstolz; Graf Münster bot alle kleinen Künste auf, um den Meininger

Herzog durch seine Schwester, die Herzogin von Clarence, von Preußen

abzuziehen. Im Februar 1829 war Varnhagen von Ense(106) von der

preußischen Regierung nach Kassel und Bonn gesendet worden, um nochmals

eine Beilegung des ehelichen Zwistes im kurfürstlichen Hause zu versuchen.

Er hatte sich des undankbaren Auftrags mit erstaunlichem Ungeschick

entledigt, bei Hruby, dem grimmigen Feinde Preußens, sich belehren lassen

über die Lage. Das Ende war, daß die beiden Gatten unversöhnlicher denn je

einander gegenüberstanden, und der Kurfürst in schäumender Wut seinem

königlichen Schwager Rache schwur. So geschah es, daß das längst verlorene

Spiel der Mitteldeutschen noch durch einige Jahre fortgesetzt wurde, bis

Preußen den Gegnern auch den letzten Stein aus dem Brette geschlagen

hatte.

Seit dem Juni 1829 tagte in Kassel abermals der Kongreß der

Mitteldeutschen — ein Bild vollendeter Ratlosigkeit, ohnmächtigen Grolles.

Alles tobte wider die Verräter in Meiningen und Gotha, die dem Verein »ein

wichtiges Objekt« geraubt hatten; man sendete Kommissäre hinüber, um die

beiden Herzöge zu verwarnen. Alles zitterte vor der freien preußischen

Handelsstraße Hamburg-Nürnberg. Selbst die patriotische Hoffnung, daß

Dänemark vielleicht den Bau jener Straße hindern werde, bot keinen Trost;

denn das kleine Stück holsteinischen Gebiets zwischen Hamburg und der

mecklenburgischen Grenze konnte leider auf der Elbe umgangen werden! Der

nassauische Bevollmächtigte Röntgen pflegte auch dem befreundeten

badischen Hofe Bericht zu erstatten über den Gang der Verhandlungen. Diese

Berichte wurden von Karlsruhe getreulich der preußischen Regierung

mitgeteilt; man kannte also in Berlin aus erster Quelle die rettungslose

Verwirrung des feindlichen Lagers. Schon in einer der ersten Sitzungen

warf ein Bevollmächtigter die wohlberechtigte naive Frage auf: »worin denn

eigentlich das materielle Wesen des Vereins bestehe?« Man fühlte, daß man

»eine Gesamtautonomie gründen müsse, um die eigene Autonomie zu bewahren«.

Man verlangte nach einem »Gemeingut«, das als Unterhandlungsmittel gegen

Preußen dienen solle. Die Lächerlichkeit eines Zollvereins ohne gemeinsame

Zölle begann zwar einzelnen einzuleuchten; selbst Nassau meinte, die

Vorteile des freien Binnenhandels überwögen unendlich jede Erleichterung

des ausländischen Verkehrs. Aber, hieß es dawider, »würde der Verein ein

wirklicher Mautverband, so müßten wir schließlich doch preußische Farbe

annehmen!« Sechs Kommissionen wurden gebildet, um im Stile des Bundestages

über alle erdenklichen Fragen der Verkehrspolitik hin und her zu reden.

Absonderliche patriotische Freude erregte der Vorschlag, den 21 Guldenfuß

anzunehmen und also »das preußische Geld zu verdrängen«.

Von neuem tauchte der Gedanke auf, mehrere Bünde im Bunde zu bilden —

zwei, drei oder vier, was verschlug es? Diese politischen Mollusken ließen

sich doch in jede beliebige Form pressen. Hannover wünschte einen

Sonderbund der Küstenstaaten. In lehrhafter Denkschrift bewies Smidt von

Bremen, daß die Vereinsstaaten teils in horizontaler, teils in vertikaler

Richtung zu den großen deutschen Handelsstraßen lägen; sie möchten also

zwei oder drei Gruppen bilden. Die freie Stadt Bremen, versteht sich,

müsse unabhängig bleiben, denn sie »qualifiziert sich von selbst als eine

Ausnahme von der Regel des Handelsvereins«. Indes begann dem gewiegten

Handelspolitiker doch unheimlich zu werden; er riet dringend zu

Verhandlungen mit den beiden anderen Zollvereinen.

Unverhohlen sprach sich die ängstliche Unlust der thüringischen Staaten

aus. Reuß beantragte sofort Verhandlungen mit Preußen zu eröffnen;

Meiningen und Gotha drohten, ihres eigenen Weges zu gehen, wenn der Verein

nicht mit Preußen sich verständige. Geschäftig trugen die Bevollmächtigten

der kleinen Thüringer dem preußischen Gesandten Hänlein die Geheimnisse

des Vereins zu. Doch die größeren Staaten Hannover, Sachsen, Hessen,

Weimar blieben hartnäckig. Die rastlosen Treiber Carlowitz, Grote, Conta

brachten endlich am 11. Oktober 1829 einen neuen Bundesvertrag zustande.

Die Verpflichtung, einseitig keinem auswärtigen Zollverein beizutreten,

wurde verlängert bis zum Jahre 1841, weil der preußisch-bayrische Vertrag

bis zu diesem Jahre währte. Die Durchfuhrzölle auf den großen, das Ausland

mit dem Auslande verbindenden Straßen sollten nur nach gemeinsamer

Verabredung verändert werden. Es lag auf der Hand, daß dieser Artikel

allein bestimmt war, den Verkehr zwischen Preußen und Bayern zu

erschweren, die Wiederholung der Gothaer und Meininger Vorgänge zu

verhindern. Preußen versuchte auch sofort den Beschluß zu hintertreiben.

Eichhorn schrieb an Bülow in London: »von der kurhessischen Regierung ist

man schon lange gewohnt, daß sie das Verkehrte tut und keine Verhältnisse

achtet«; unbegreiflich aber sei Hannovers Verhalten; der Gesandte solle

daher in London nachdrückliche Beschwerden erheben. Trotzdem ging der

Beschluß durch, und nach dieser unzweideutigen Feindseligkeit bestimmte

man in Kassel noch, daß Sachsen, Hannover und Kurhessen im Namen des

Vereins Verhandlungen mit Preußen eröffnen sollten — jenes Kurhessen, das

sich in den gröbsten Beleidigungen gegen den Berliner Hof erging!

Im übrigen blieb auch dieser zweite Vertrag nahezu inhaltlos; keine irgend

erhebliche Verkehrserleichterung war vereinbart. Daher erhob sich sofort

nach dem Abschlusse des Vertrages überall heftiger Widerstand. Die

Ratifikation konnte erst im April 1830 erfolgen. Meiningen und Gotha

versagten ihre Zustimmung. Die reußischen Länder folgten am 9. Dezember

1829 dem Beispiel ihrer Nachbarn, sie vereinbarten mit Preußen

Handelserleichterungen und Straßenbauten und versprachen, dem preußischen

oder dem bayrischen Verein beizutreten, sobald sie ihrer Pflichten gegen

die Mitteldeutschen ledig seien. Im Frankfurter gesetzgebenden Körper

fragte man murrend: warum verständige Kaufleute sich verpflichten sollten,

zwölf Jahre lang nichts zu tun? Einflußreiche Firmen forderten den

Anschluß an Preußen, selbstverständlich nicht zu gleichem Rechte: das

mächtige Frankfurt sollte nur »einen Freihafen des preußischen Vereins«

bilden. Die Stadt litt schwer; Spedition und Fabriken begannen nach

Offenbach überzusiedeln. Dennoch behauptete die österreichische Partei die

Oberhand. Sachsen und Weimar, erschreckt durch den schwunghaften

bayrisch-preußischen Verkehr dicht neben ihren Grenzen, knüpften ihre

Ratifikation an den Vorbehalt: vom Jahre 1835 müsse ihnen der Austritt

freistehen, falls bis dahin Preußen und Bayern zu einem Zollverein sich

verschmolzen hätten. Der rastlose Röntgen reiste von einer preußischen

Gesandtschaft zur anderen, versuchte sich zu entschuldigen: wer hätte denn

vor einem Jahre ahnen können, daß Preußen in der orientalischen Frage und

in den Zollsachen eine so glückliche Rolle spielen würde? Als Maltzan

allen Anzapfungen nur ein diplomatisches Schweigen entgegensetzte, fuhr

der beleidigte Nassauer heraus: »Es ist unrecht, auch den kleinsten Feind

zu mißachten« — worauf jener verbindlich erwiderte: »Also Ihr seid unsere

Feinde?« Endlich genehmigte Nassau den Vertrag nur mit der Erklärung: als

unbedingt verpflichtend könne er nicht gelten. So drohten Abfall und

Verrat von allen Seiten her.

Bei der verblendeten Selbstüberschätzung dieser Kabinette läßt sichs nicht

leicht entscheiden, ob die drei führenden Mittelstaaten ernstlich hofften,

Zugeständnisse von Preußen zu erlangen, oder ob sie die Verhandlungen mit

dem Berliner Hofe lediglich begannen, um ihre unzufriedenen thüringischen

Bundesgenossen zu beschwichtigen. Genug, das hannöversche

Kabinettsministerium richtete schon am l4. August an Bernstorff die Frage,

ob Preußen mit den Verbündeten unterhandeln wolle, und fügte in der

üblichen hochtrabenden Weise hinzu: »Der Verein sei wohl imstande, solche

Vorteile anzubieten, welche die Zugeständnisse aufwiegen dürften«. In

Berlin ergriff man die Gelegenheit, den Mitteldeutschen unumwunden die

Meinung zu sagen und zugleich den nationalen Sinn der preußischen

Handelspolitik ausführlicher als je zuvor darzulegen. Ein

Ministerialschreiben vom 31. Oktober 1829 hielt der hannoverschen

Regierung ihr gehässiges unaufrichtiges Verfahren vor, schilderte

drastisch den Handelsverein, der »nichts Gemeinsames habe als das Motiv,

woraus er entsprang; im übrigen findet man nur ein Aggregat besonderer

Interessen«. Wesentliche Vorteile hat der Verein uns nicht zu bieten, es

müßte denn sein, daß er den Verkehr zwischen unseren Provinzen erschweren

wollte. »Vor dergleichen feindseligen Maßregeln hegt die preußische

Regierung überhaupt keine Besorgnis.« Mit Hannover allein sind wir bereit

zu verhandeln, nicht mit einer Mehrzahl grundverschiedener Staaten.

Preußen hat jetzt, nach den neuesten vorteilhaften Verträgen, noch weniger

als sonst ein unmittelbares Interesse an solchen Verhandlungen, sondern

nur das eine Interesse, »daß dadurch eine engere Verbindung zwischen den

deutschen Völkern begründet und durch diese ein neuer Segen über

Deutschland und dessen einzelne Staaten verbreitet werde. Wird dabei der

Grundsatz befolgt, solche gemeinschaftliche Maßregeln zu verabreden,

wodurch nur in dem eigenen Gebiet bisher bestandene Hemmungen im

gegenseitigen Verhältnis zueinander aufgehoben und keine neuen zur Störung

des Verkehrs mit anderen Staaten angeordnet werden, so kann sich niemand

über eine Vereinigung, welche auf einer solchen Grundlage errichtet wird,

beschweren. Jede solche Vereinigung bildet vielmehr den Übergang zu einer

neuen; und in einer solchen praktisch fortschreitenden Entwicklung, welche

keinem feindseligen Prinzip Raum gibt, läßt sich hoffen, daß allmählich

das Problem einer gegenseitigen Freiheit des Verkehrs zwischen den

deutschen Staaten in dem größtmöglichen Umfange, welchen überhaupt die

Natur der Verhältnisse gestattet, gelöst werde.« Hannover suchte noch

einige unwahre Entschuldigungen vorzubringen, doch allein mit dem Berliner

Hofe zu verhandeln, war dem Welfenstolze unmöglich.

Sachsen und Kurhessen unterließen nunmehr jede Anfrage; indes konnte sich

der Dresdener Hof eine Rechtfertigung seiner Handelspolitik nicht

versagen. Geh. Rat v. Könneritz(107) — in späteren Jahren als Minister

eine Säule der hochkonservativen Partei —, verfaßte eine Denkschrift im

kursächsischen Kurialstile und wiederholte darin die alten hundertmal

widerlegten Anklagen gegen das preußische Zollsystem. Dann versicherte

»Man annoch fordersamst«: der Mitteldeutsche Verein sei »eine

völkerrechtlich vollkommen statthafte und in der Staatengeschichte gar

nicht ungewöhnliche Übereinkunft mehrerer souveräner Staaten, eine zur

Rettung der dem hiesigen Lande unentbehrlichen Nahrungszweige, des

Fabrikwesens und des Handels, notwendig bedungene Maßregel« — und sprach

sein Befremden aus, daß Preußen dieser unschuldigen Verbindung

entgegenarbeite. Motz, von Eichhorn befragt, ob eine Verhandlung mit

Sachsen rätlich sei, erwiderte: »Sachsen gewinnt durch eine

Zollvereinigung mit Preußen in allen Beziehungen vorzugsweise, und Preußen

kann dieselbe mehr nur in politischer, weniger in finanzieller Beziehung

wünschen. Auch die politischen Vorteile sind mehr in der hierdurch

geförderten Einigung von Deutschland als in dem besonderen Anschluß von

Sachsen an Preußen zu suchen. Sachsen kann freundlicher, rücksichtsvoller

Verhandlungen gewärtig sein, wenn es seine mitteldeutschen Verpflichtungen

aufgibt, deren Dauer den Anschluß an das preußische Zollsystem geradezu

verhindert. Herr v. Könneritz gehört zu den beschränkten einseitigen

Köpfen, deren Belehrung, wenn man auch Zeit daran wenden wollte, ebenso

unfruchtbar bleiben würde als die ganze Idee des Mitteldeutschen Vereins.«

Darauf verwies das Auswärtige Amt dem Gesandten in Dresden, daß er das

anmaßende sächsische Schriftstück angenommen habe, und begnügte sich, die

Beschuldigungen der Denkschrift kurz zu widerlegen.

Unterdessen arbeitete Hannover heimlich an einem Verein der Küstenstaaten.

Am 27. März 1830 kam zu allgemeiner Überraschung der Eimbecker Vertrag

zustande, ein Werk Grotes, die Grundlage des späteren norddeutschen

Steuervereins. Hannover, Oldenburg, Braunschweig und Kurhessen

verpflichteten sich, innerhalb des Mitteldeutschen Vereins einen

Zollverein mit gemeinschaftlichen niedrigen Zöllen zu bilden. Vorderhand

war alles freilich noch Entwurf. Daß die Küstenstaaten sich zusammentaten,

erschien nicht ganz unnatürlich; Motz selbst urteilte mild über den

Eimbecker Vertrag. Hannover war nun einmal unfrei der englischen

Handelspolitik gegenüber; auch bestand damals weit verbreitet und

festgewurzelt die Meinung, daß die Volkswirtschaft der Nordseeküste von

den preußischen Zuständen sehr weit abweiche — ein Vorurteil, das erst

nach zwei Jahrzehnten überwunden wurde. Um so mehr mußte die Teilnahme des

Binnenlandes Kurhessen befremden. Die Luft ward schwül in dem

unglücklichen Lande. Die Reichenbach befürchtete einen Aufstand; irgend

etwas, stellte sie dem Kurfürsten vor, müsse geschehen, um das mißhandelte

Volk zu beschwichtigen. Da nun der Kurfürst nicht mit Preußen gehen

wollte, so schloß er den Eimbecker Vertrag, der mindestens an der

hannoverschen Grenze Erleichterungen versprach. —

Das war die Lage der deutschen Volkswirtschaft, als die Julirevolution

hereinbrach, das alte System in den Hauptstaaten des Mitteldeutschen

Handelsvereins über den Haufen warf und also dem Verein den letzten Stoß

gab.

Motz selber sollte den vollständigen Sieg seiner Ideen nicht erleben; er

starb, erst vierundfünfzigjährig, am 30. Juni 1830. Er nahm ins Grab die

feste Zuversicht, daß Preußens Handelspolitik die eingeschlagenen Bahnen

nicht mehr verlassen könne; »mein eigenes Departement macht mir am

wenigsten Sorge«, sagte er oft in seinen letzten Tagen. Wie gänzlich hatte

sich Preußens deutsche Machtstellung verändert in den fünf Jahren, seit

dieser Mann den Staatshaushalt leitete! Die ausländische Presse selbst,

die sonst so gleichgültig an den deutschen Dingen vorüberging, fing schon

an aufzumerken. Wenn diese Staaten, schrieb der Constitutionnel, schon die

Einheit ihrer Handelsinteressen erkennen, so werden sie auch bald

entdecken, daß sie dieselben politischen Interessen haben, und das wird

ein Sieg sein über Österreich. Die Edinburgh Review aber sagte mit jener

englischen Bescheidenheit, die sich auch im Lobe nie verleugnet: »Die

preußische Handelspolitik, die vielleicht der jedes anderen Staates in der

Welt überlegen ist, verdankt ihren Ursprung wahrscheinlich dem

Selbstbereicherungstriebe eines absoluten Herrschers.« Vor kurzem noch

verhaßt und gemieden, war Preußen jetzt mit den bekehrten Kernlanden des

Rheinbundes zu einem großen nationalen Zwecke verbündet. Das vor zehn

Jahren von ganz Deutschland bekämpfte preußische Zollgesetz begann bereits

siegreich vorzudringen, und schon ließ sich voraussehen, daß es seine

Herrschaft bis zum Bodensee erstrecken würde. In Berlin, nicht mehr in

Frankfurt und Wien, wurden die großen Geschäfte der Nation erledigt.

Motz hatte in einem kurzen diplomatischen Kriege, der mit seinen fest und

sicher geleiteten weitverzweigten Verhandlungen an die Entstehung des

fridericizianischen Fürstenbundes erinnert, nicht bloß den Gegenzollverein

nahezu gesprengt, sondern auch durch geistige Waffen die Gegner

geschlagen, den Unsinn des feindlichen Unternehmens dargetan und vor aller

Welt erwiesen, daß Österreich für die Nöte der Nation nur leere Worte

hatte, Preußen die heilende Tat. Nicht eine zufällige Verkettung der

Umstände führte den Süden auf kurze Zeit mit dem Norden zusammen, wie

einst die Genossen des Fürstenbundes. Die Gemeinschaft, die jetzt sich

bildete, war unzerstörbar. Sie entsprang den Lebensbedürfnissen eines

arbeitenden Jahrhunderts, und über ihren unscheinbaren ersten Anfängen

waltete der freie Geist eines Mannes, der fast allein in müder,

verdrossener Zeit schon hellen Auges die schlummernden Kräfte des

germanischen Riesen erkannte, die große Zukunft des »in Wahrheit

verbündeten Deutschlands« ahnte.

Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. III, 623ff.

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65 Maximilian I., Joseph, König von Bayern von 1805–1825, geb. 27. Mai

1756.

Die Gründung des Deutschen Zollvereins · 第 23 / 34 题