9 Zwangsmaßregeln.

10 Joh. Gottfr. Hoffmann, geb. 19. Juli 1765, gest. 12. November 1847,

hervorragender Nationalökonom und Begründer der wissenschaftlichen

Statistik.

2. Der Kampf gegen das preußische Zollgesetz und der erste preußische

Zollvertrag.

Alles historische Werden entspringt der beständigen Wechselwirkung

zwischen dem bewußten Menschenwillen und den gegebenen Zuständen. Wie die

Vernunft, die in den Dingen liegt, nur durch die Willenskraft eines

großen, die Zeichen der Zeit verstehenden Mannes verwirklicht werden kann,

so finden auch die Sünden und Irrtümer der Politiker ihre Schranke an dem

Charakter der Staaten, an der Macht der Ideen, die sich im Verlauf der

Geschichte angesammelt haben. Schwer hatte die Krone Preußen gefehlt, als

sie in Karlsbad(11) sich den lebendigen Kräften des jungen Jahrhunderts

entgegenstemmte; und doch war dieser Staat modern von Grund aus, er konnte

sich der neuen Zeit nicht gänzlich entfremden und begann eben jetzt eine

Reform seines Haushalts, welche ihn befähigte, in seiner wirtschaftlichen

Entwicklung alle anderen deutschen Staaten zu überflügeln. Nachgiebig bis

zur Selbstvergessenheit war Hardenberg in Teplitz(12) allen Wünschen

Österreichs entgegengekommen, der Glaube an die unbedingte

Interessengemeinschaft der beiden Großmächte beherrschte ihn ganz und gar;

und doch war der Gegensatz der beiden Mächte in einer alten Geschichte

begründet und, so lange die Machtfrage der deutschen Zukunft ungelöst

blieb, durch menschlichen Willen nicht mehr beizulegen. Fast in dem

nämlichen Augenblicke, da der Berliner Hof sich gänzlich der Führung

Österreichs zu überlassen schien, tat er wieder einen Schritt vorwärts auf

den Bahnen der friderizianischen Politik und begann die deutschen

Nachbarlande in seine Zollgemeinschaft aufzunehmen. Es war ein winziger,

nach dem Maße der Gegenwart fast lächerlicher Erfolg, aber der

unscheinbare Beginn einer Staatskunst, welche die deutschen Staaten durch

das Band wirtschaftlicher Interessen unlösbar an Preußen ketten und die

Befreiung von Österreich vorbereiten sollte.

Seit das preußische Zollgesetz in Kraft gesetzt und den kleinen Nachbarn

zunächst nur durch seine Härten fühlbar wurde, erhob sich überall mit

erneuter Stärke der Ruf nach Aufhebung aller Binnenmauten, und es begann

eine leidenschaftliche Agitation für die deutsche Handelseinheit, der

Vorläufer und das Vorbild der späteren Kämpfe um die politische Einheit.

Die ganze Nation schien einig in einem großen Gedanken; gleichwohl gingen

die Ansichten über die Mittel und Wege nach allen Richtungen auseinander,

und das einzige, was retten konnte, der Anschluß an die schon vorhandene

Einheit des preußischen Marktgebietes, ward in unseliger Verblendung so

lange verschmäht, bis schließlich nur die bittere Not das Unvermeidliche

erzwang.

Gleich nach dem Frieden begann eine regelmäßige Einwanderung in das

verarmte Preußen einzuströmen, etwa halb so stark als der Überschuß der

Geburten; sie bestand überwiegend aus jungen Leuten der deutschen

Nachbarschaft, die in dem Lande der sozialen Freiheit ihr Glück suchten.

Als nunmehr die Binnenzölle in der Monarchie hinwegfielen, da ließen sich

die Vorteile, welche der preußische Geschäftsmann aus seinem ausgedehnten

freien Markt zog, zumal an den Grenzplätzen bald mit Händen greifen: so

siedelte ein Teil der Bingener Weinhändler auf das preußische Ufer der

Nahe über, da die Preise in Preußen oft dreimal höher standen als auf dem

überfüllten hessischen Markte. Das Beamtentum der kleinen Höfe war noch

gewöhnt an das Zunftwesen, an die Erschwerung der Niederlassung und der

Heiraten, an die tausend Quälereien einer kleinlichen sozialen

Gesetzgebung; von der Überlegenheit der preußischen Handelspolitik ahnte

man hier noch gar nichts. Manchem wohlmeinenden Beamten in Sachsen und

Thüringen erschienen die preußischen Steuergesetze als eine überflüssige

fiskalische Härte, weil sein eigener Staat für das Heerwesen nur Geringes

leistete, also mit bescheidenen Einnahmen auskommen konnte. So entstand

unter dem Schutze der kleinen Höfe an den preußischen Binnengrenzen ein

Krieg aller gegen alle, ein heilloser Zustand, von dem wir heute kaum noch

eine Vorstellung haben. Das Volk verwilderte durch das schlechte Handwerk

des Schwärzens. In die zollfreien Packhöfe, welche überall dem preußischen

Gebiete nahe lagen, traten alltäglich handfeste braune Gesellen, die

Jacken auf Rücken und Schultern ganz glatt gescheuert, manch einem schaute

das Messer aus dem Gürtel; dann packten sie die schweren Warenballen auf,

ein landesfürstlicher Mautwächter gab ihnen das Geleite bis zur Grenze und

ein Helf Gott mit auf den bösen Weg. Der kleine Mann hörte sich nicht satt

an den wilden Abenteuern verwegener Schmuggler, die das heutige Geschlecht

nur noch aus altmodischen Romanen und Jugendschriften kennt. Also gewöhnte

sich unser treues Volk die Gesetze zu mißachten. Jener wüste Radikalismus,

der allmählich in den Kleinstaaten überhand nahm, ward von den kleinen

Höfen selber gepflegt: durch die Sünden der Demagogenjagd wie durch die

Frivolität dieser Handelspolitik.

Als die Urheber solchen Unheils galten allgemein nicht die Kleinstaaten,

die den Schmuggel begünstigten, sondern Preußen, das ihn ernsthaft

verfolgte; nicht jene Höfe, die an ihren unsauberen fiskalischen Kniffen,

ihren veralteten unbrauchbaren Zollordnungen träge festhielten, sondern

Preußen, das sein Steuersystem neu gestaltet und gemildert hatte. Unfähig,

die Lebensbedingungen eines großen Staates zu verstehen, stellten die

kleinen Höfe alles Ernstes die Forderung, Preußen müsse jene reiflich

erwogene, in alle Zweige des Gemeinwesens tief einschneidende Reform

sofort wieder rückgängig machen, noch bevor sie die Probe der Erfahrung

bestanden hatte — und halb Deutschland stimmte dem törichten Ansinnen zu.

Außerhalb der preußischen Beamtenkreise wagten in diesen ersten Jahren nur

zwei namhafte Schriftsteller das Werk Maaßens unbedingt zu verteidigen.

Der unermüdliche Benzenberg(13) bewährte in seinem Buche »über Preußens

Geldhaushalt und neues Steuersystem« wieder einmal seinen praktischen

Takt. Im Verkehr mit Hardenberg hatte er gelernt, den Staatshaushalt von

oben, vom Standpunkt der Regierenden zu betrachten. Er wußte, daß jede

ernsthafte Kritik eines Steuersystems beginnen muß mit der Frage: welche

Ausgaben dem Staate unerläßlich seien? — einer Frage, die von den meisten

Publizisten jener Zeit gar nicht berührt wurde. So gelingt ihm

nachzuweisen, daß Preußen seiner Zolleinkünfte nicht entbehren könne. Er

scheut sich nicht, das Wehrgesetz und die neuen Steuergesetze als die

größten Wohltaten der jüngsten Epoche Friedrich Wilhelms III. zu loben; er

verlangt, daß man sie gegen jeden Widerstand aufrecht halte, fordert die

Nachbarstaaten auf, der Einladung des Königs zu folgen und mit Preußen

wegen gegenseitiger Aufhebung der Zölle zu verhandeln. Dem Traumgebilde

der Bundeszölle geht er hart zu Leibe. Er richtet an F. List(14) (August

1819) einen offenen Brief und fragt, wie denn der Bundestag, »der keine

Art von Legislation hat«, eine solche Reform schaffen oder gar die

Zollverwaltung leiten solle? und sei denn die Aufhebung der Binnenmauten

möglich ohne gleichmäßige Besteuerung des inneren Konsums? Die Stimme des

nüchternen Mannes verhallte in dem allgemeinen Toben; war er doch längst

schon den Liberalen verdächtig, weil er ein offenes Auge für die Eigenart

des preußischen Staates besaß.

Auch einer der tüchtigsten Kaufleute Deutschlands, E. W. Arnoldi in

Gotha(15), begrüßte das preußische Zollgesetz schon im Januar 1819 als den

ersten Keim eines Vereins aller deutschen Staaten. Nur herzhaft

eingeschlagen in die dargebotene Hand: — so sprach er sich im Allgemeinen

Anzeiger aus — Preußen stellt ja den Grundsatz der Gegenseitigkeit an die

Spitze seines Gesetzes und erklärt sich bereit zu Verträgen mit den

Nachbarn. Der treffliche Mann hatte einst in Hamburg noch zu den Füßen des

alten Büsch(16) gesessen und sich dort eine freie Ansicht vom Welthandel

gebildet, welche der binnenländischen Kleinlebigkeit der Mehrzahl seiner

Standesgenossen noch ganz fremd war. Ihn wurmte die kindliche Unmündigkeit

dieser Geschäftswelt, die so gar nichts tat, um sich das Joch einer

widersinnigen Handelsgesetzgebung vom Nacken zu schütteln. Schon seit

Jahren trug er sich mit dem Gedanken eines Bundes der deutschen

Fabrikanten zur Vertretung ihrer gemeinsamen Interessen. Dann stiftete er

in seiner Vaterstadt unter dem Namen Innungshalle eine Handelskammer und

eine rasch aufblühende Handelsschule. Endlich fand er ein weites Gebiet

fruchtbarer Tätigkeit in dem Versicherungswesen, das noch ganz in der

Botmäßigkeit des Auslandes stand. Fast an allen größeren deutschen Plätzen

unterhielt der mächtige Londoner Phönix seine Agenturen und beutete die

Deutschen durch unbillige Prämien aus, da die kleinen heimischen

Versicherungsgesellschaften, die in einzelnen Städten des Nordens

bestanden, ihre Wirksamkeit auf die Vaterstadt beschränkten. Da wendete

sich Arnoldi (1819) an die Nation mit der Frage, wie lange sie noch ihr

Geld in die englische Sparbüchse legen wolle, und entwarf den Plan für

eine deutsche, das gesamte Vaterland umfassende, auf Gegenseitigkeit

beruhende Feuerversicherungsbank. Zwei Jahre darauf trat diese Anstalt zu

Gotha ins Leben, der erste Anfang der großartigen Entwicklung unseres

nationalen Versicherungswesens. Der allgemeine Haß gegen Englands

Handelsherrschaft kam dem kühnen Unternehmer zustatten. Überall im

Binnenlande schalt man auf England und die Hansestädte, die den

Süddeutschen nur als englische Kontore galten; der wieder erwachende

Napoleonskultus und die französischen Sympathien der Liberalen des Südens

wurden durch solche erregte Stimmungen gefördert. Über die Waffen

freilich, welche den deutschen Gewerbefleiß vor einer erdrückenden

ausländischen Mitwerbung sichern konnten, hatten die wenigsten auch nur

nachgedacht. Nur soviel schien allen unzweifelhaft, daß sämtliche neu

eingeführte Zölle sofort wieder aufgehoben und die im Artikel 19 der

Bundesakte verheißene Verkehrsfreiheit durch den Bundestag angeordnet

werden müsse.

Selbst jener hochherzige, geistvolle Agitator, der mit dem ganzen Ungestüm

seiner Tatkraft gegen die Binnenmauten auftrat, auch Friedrich List,

teilte den allgemeinen Irrtum. Wie Görres(17) einst im Rheinischen Merkur

die Idee der politischen Macht und Einheit des Vaterlandes vertrat, so

verfocht List die Idee der handelspolitischen Einheit — eine verwandte

Natur, feurig, hochbegeistert, ein Meister der bewegten Rede, voll tiefer

und echter Leidenschaft, leicht hingerissen zu phantastischen Verirrungen.

Ein echter Reichsstädter, war er im freiheitsstolzen Reutlingen

aufgewachsen, unter ewigen Händeln mit den württembergischen Schreibern;

er zählte zu jenen geborenen Kämpfern, denen das Schicksal immer neuen

Hader sendet, auch wenn sie den Streit nicht suchen. Seine Mutter, seinen

einzigen Bruder sah er plötzlich sterben infolge der Roheit brutaler

Beamten; und als er dann selber einige Jahre in der geisttötenden

Scheintätigkeit der württembergischen Schreibstuben verbracht hatte, da

ward sein Haß gegen die Herrschaft des rheinbündischen Beamtentums

grenzenlos, und er setzte sich zum Ziele seines Lebens, den Bürger und

Bauersmann zur Selbsttätigkeit zu erwecken, ihn aufzuklären über seine

nächsten Interessen, die Volkswirtschaftslehre von den Formeln des

Katheders zu befreien und sie die Sprache des Volkes reden zu lassen.

Schon durch die Geburt ein Deutscher schlechtweg, gleich dem Reichsritter

Stein, ging er mit seinen kühnen Entwürfen sogleich über die Grenzen der

schwäbischen Heimat hinaus, so daß er den verschwiegerten und

verschwägerten Württembergern bald als ein wildfremder Störenfried

verdächtig wurde: eine neue Zeit handelspolitischer Größe, dauerhafter als

einst die Herrlichkeit der Hansa, sollte dem deutschen Vaterlande tagen.

Eine seltene Kunst, die Massen zu befeuern und zu erregen, stand ihm zu

Gebote, ein agitatorisches Talent, dessengleichen unsere an großen

Demagogen so arme Geschichte seither nur noch zweimal, in Robert Blum(18)

und Lassalle(19) gesehen hat. Im April 1819 stiftete List mit mehreren

Industriellen der Kleinstaaten, Miller aus Immenstadt, Schnell aus

Nürnberg, E. Weber aus Gera den Verein deutscher Kaufleute und

Fabrikanten, dem sich bald die Mehrzahl der großen Firmen in Süd- und

Mitteldeutschland anschloß, und legte rasch entschlossen seine Tübinger

Professur nieder, da die württembergische Regierung das Amt eines

Konsulenten des Handelsvereins als unverträglich mit der Beamtenwürde

betrachtete.

Der neue Handelsverein richtete sogleich an den Bundestag eine Bittschrift

um Ausführung des Artikels 19, Beseitigung aller Binnenmauten und Erlaß

eines deutschen Zollgesetzes, das den Zöllen des Auslandes mit strengen

Retorsionen begegnen sollte, bis sich ganz Europa über allgemeine

Handelsfreiheit verständigt hätte — denn noch bekannte sich List, gleich

den meisten Süddeutschen jener Zeit, im Grundsatz zu den Lehren des

Freihandels. In Frankfurt abgewiesen, bestürmte List sodann die Höfe, die

Geschäftsmänner und wen nicht sonst mit seinen Gesuchen, geißelte in

seiner Zeitschrift dem »Organ des deutschen Handels- und Gewerbestandes«,

unermüdlich und unerbittlich die Gebrechen deutscher Handelspolitik. Also

hat er in rastloser Arbeit mehr als irgendeiner der Zeitgenossen dazu

beigetragen, daß die Überzeugung von der Unhaltbarkeit des Bestehenden

tief in die Nation drang. Große verwegene Träume, die erst das lebende

Geschlecht in Erfüllung gehen sieht, regten sich in seinem stürmischen

Kopfe: er dachte an eine gemeinsame Gewerbegesetzgebung, an ein deutsches

Postwesen, an nationale Industrieausstellungen, er hoffte die romantischen

Kaiserträume des jungen Geschlechts durch die Arbeit der praktischen

nationalen Politik zu verdrängen und sah die Zeit voraus, da eine freie

Verfassung, ein deutsches Parlament aus der Handelseinheit hervorgehen

würde. Als der Schöpfer des Zollvereins, wie er selber im Übermaß seines

Selbstgefühls sich genannt hat, kann List gleichwohl keinem Unbefangenen

gelten.

Ein klares Programm, einen bestimmten, durchgebildeten politischen

Gedanken aufzustellen und festzuhalten, lag überhaupt nicht in der Weise

der Patrioten jener Zeit. Nur im Innern der süddeutschen Mittelstaaten

begann die konstitutionelle Bewegung bereits feste, deutlich

ausgesprochene Parteimeinungen hervorzurufen. Wer über den deutschen

Gesamtstaat schrieb, begnügte sich noch immer, der elenden Gegenwart ein

leuchtendes Idealbild gegenüberzuhalten und dann im raschen Wechsel

Einfälle und Winke für den praktischen Staatsmann hinzuwerfen. Wie Görres

im Rheinischen Merkur ein ganzes Geschwader deutscher Verfassungspläne

harmlos veröffentlichte, so eilte auch List in jähen Sprüngen von einem

Plane zum andern über. Bald will er die deutschen Bundesmauten an eine

Aktiengesellschaft verpachten; bald soll Deutschland sich anschließen an

das österreichische Prohibitivsystem; dann überfällt ihn wieder die

Ahnung, ob nicht Preußen den Weg zur Einheit zeigen werde. In seiner

Eingabe an den Bundestag gestand er: »Man wird unwillkürlich auf den

Gedanken geleitet, die liberale preußische Regierung, die der Lage ihrer

Länder nach vollkommene Handelsfreiheit vor allen andern wünschen muß,

hege die große Absicht, durch dieses Zollsystem die übrigen Staaten

Deutschlands zu veranlassen, endlich wegen einer völligen Handelsfreiheit

sich zu vergleichen. Diese Vermutung wird fast zur Gewißheit, wenn man die

Erklärung der preußischen Regierung berücksichtigt, daß sie sich geneigt

finden lasse, mit Nachbarstaaten besondere Handelsverträge zu schließen«.

Leider vermochte der Leidenschaftliche nicht an dieser einfach richtigen

Erkenntnis festzuhalten. Er war ein Gegner der preußischen Handelspolitik,

soweit aus seinem unsteten Treiben überhaupt eine vorherrschende Ansicht

erkennbar wird; denn nach allen Abschweifungen lenkte er immer wieder auf

jenen Weg zurück, welchen Preußen längst als unmöglich erkannt hatte, auf

die Idee der Bundeszölle. Von den preußischen Zuständen besaß List nur

sehr mangelhafte Kenntnis; sein Verein ward durch die Hoffnung auf baldige

Wiederaufhebung des preußischen Zollgesetzes zusammengehalten und besaß

Korrespondenten in allen größeren deutschen Staaten, aber, bezeichnend

genug, keinen in Preußen.

Nur der Zauber, der an dem Namen Deutschland haftete, erklärt das Rätsel,

daß so viele wackere und einsichtige Männer noch immer auf eine

Handelspolitik des Deutschen Bundes hoffen konnten. Seinerseits hatte der

Bundestag alles getan, um die Schwärmer zu enttäuschen. Die

Berichterstattung über Lists Bittschrift wurde dem Hannoveraner

Martens(20) übertragen, der gleich den meisten dieser »deutschen

Großbritannier« die englische Handelsherrschaft auf deutschem Boden

hocherfreulich fand. Mit dem ganzen Feuereifer polizeilicher Seelenangst

fragte er zunächst, woher dieser Verein das Recht nehme, sich zum

Vertreter des deutschen Handelsstandes aufzuwerfen, und überließ es den

hohen Regierungen, auf ihre beteiligten Untertanen ein wachsames Auge zu

richten. Zur Sache selbst brachte er nicht viel mehr vor als eine

drastische Schilderung der ungeheueren Schwierigkeiten, welche sich, seit

die deutschen Staaten souverän geworden, der Handelseinheit

entgegenstellten (24. Mai). Einige Bundesgesandte wünschten mindestens die

Einsetzung einer Kommission; aber dann hätten ja die Bittsteller wähnen

können, dieser Schritt sei auf ihre Veranlassung geschehen! Um einer so

frevelhaften Mißdeutung vorzubeugen, beschloß die Bundesversammlung nur,

daß man sich späterhin einmal mit dem Artikel 19 beschäftigen wolle.

Einige Wochen nachher (22. Juli) erinnerten die Ernestinischen Höfe den

Bundestag nochmals an den unglücklichen Artikel; Lists Freund, E. Weber,

und die Fabrikanten des Thüringer Waldes ließen ihnen keine Ruhe. Diesmal

ergingen sich Baden, Württemberg, beide Hessen und die Ernestiner in

wohlgemeinten, aber auch sehr wohlfeilen Reden zum Preise der deutschen

Verkehrsfreiheit und begeisterten die Versammlung dermaßen, daß sie

nunmehr wirklich beschloß, nach den Ferien, also 1820, solle eine

Kommission eingesetzt werden. Das war die Hilfe, welche Deutschlands

Handel in Frankfurt zu erwarten hatte. Der preußische Gesandte(21) aber

fand es mit Recht unbegreiflich, daß diese Versammlung sichs zutraue, so

schwierige Arbeiten auch nur in die Hand zu nehmen.

Trotz solcher Erfahrungen sollten noch viele Jahre vergehen, bis die

Unausführbarkeit der leeren Versprechungen des Artikels 19 allgemein

erkannt wurde. Mit großer Hartnäckigkeit hielt namentlich die badische

Regierung an dem Traumbilde des Bundeszollwesens fest; ihr

langgestrecktes, auf die Durchfuhr angewiesenes Land litt unter dem Jammer

der Binnenmauten besonders schwer, und nicht ohne Besorgnis betrachtete

Minister Berstett(22) die wachsende Erbitterung im Volke. Der beschränkte

Mann hoffte durch wirtschaftliches Gedeihen die Nation mit ihrer

schimpflichen Zersplitterung zu versöhnen, ihr »einen materiellen Ersatz

für den Verlust mancher chimärischen, aber liebgewordenen Ideen« zu geben.

Darum empfahl er auf den Karlsbader Konferenzen in einer langen

Denkschrift (15. August) die Einführung eines Bundes- Douanensystems, das

für 30 Millionen Menschen freien Verkehr schaffen müsse; über die große

Frage, wie es möglich sein sollte, Hannover, Holstein, Luxemburg, Deutsch-

Österreich einem nationalen Zollwesen einzufügen, ging das überaus

unklare, widerspruchsvolle Schriftstück schweigend hinweg. Metternich(23)

wurde durch diesen Antrag, welchem Österreich sich schlechterdings nicht

fügen konnte, unangenehm überrascht und versuchte sogar, die Kompetenz des

Bundes in Zweifel zu ziehen. »Der Handel — so behauptete er —, seine

Ausdehnung wie seine Beschränkung gehört zu den ersten Befugnissen der

Souveränität«. Zur Mißhandlung der Universitäten, von denen die Bundesakte

kein Wort sagte, war der Bund nach der k. k. Doktrin unzweifelhaft befugt;

aber die Verkehrsfreiheit, welche der Bundesvertrag ausdrücklich in

Aussicht stellte, verstieß gegen die Souveränität der Bundesstaaten.

Drastischer konnte das Verhältnis der Hofburg zu den Lebensfragen der

deutschen Nation unmöglich bezeichnet werden. Auf das wiederholte

Andrängen Badens und Württembergs erklärte sich der österreichische

Staatsmann zuletzt doch bereit, die Zollfrage auf die Tagesordnung der

bevorstehenden Wiener Konferenzen zu setzen. Er wußte wohl, was von

solchen Beratungen zu erwarten sei.

Unterdessen hatte auch der beste Kopf unter den badischen Finanzmännern,

Nebenius(24), seine Gedanken über die Bedingungen der deutschen

Verkehrsfreiheit in einer geistvollen Denkschrift niedergelegt, einer

Privatarbeit, welche zwar niemals, auch nicht mittelbar, auf die

Entwicklung des Zollvereins irgendeinen Einfluß ausgeübt hat, aber durch

Klarheit und Bestimmtheit alles übertraf, was damals von Privatleuten über

deutsche Handelspolitik geschrieben wurde. Der gelehrte Verfasser der

badischen Konstitution errang sich schon in jenen Jahren durch seine

Schrift über die englische Staatswirtschaft ein wissenschaftliches

Ansehen, das späterhin, seit dem Erscheinen seines Werkes »der öffentliche

Kredit« noch höher stieg; dies klassische Buch kann niemals ganz veralten,

es wird, wie Ricardos(25) Werke, dem angehenden Nationalökonomen immer

unschätzbar bleiben als eine Schule strengen methodischen Denkens. Auch

seine um Neujahr 1819 verfaßte handelspolitische Denkschrift verrät

überall den sicheren Blick des gewiegten Kenners. Sie wurde im April 1819

vertraulich den badischen Landtagsmitgliedern mitgeteilt und dann im

Winter den Wiener Konferenzen durch Berstett als ein beachtenswertes

Privatgutachten überreicht. Maaßen freilich, Klewiz(26) und die anderen

Urheber des preußischen Zollgesetzes konnten aus den Ratschlägen des

badischen Staatsmannes nichts lernen. Für sie war das Richtige in seiner

Denkschrift nicht neu, das Neue nicht richtig.

Die Denkschrift tritt, in den behutsam schonenden Formen, welche Nebenius

liebte, entschieden gegen das preußische Zollgesetz auf. Sie hebt die

Übelstände dieses Systems scharf heraus, ohne die Lichtseiten zu erwähnen.

Sie stellt den Satz hin: »kein deutscher Staat, Österreich ausgenommen,

vermag sein Gebiet gegen überwiegende fremde Konkurrenz wirksam zu

schützen« — eine Behauptung, welche Preußens Staatsmänner soeben durch die

Tat zu widerlegen begannen. Die Urheber des Gesetzes vom 26. Mai gingen

aus von den Bedürfnissen des preußischen Staatshaushalts, Nebenius hebt an

mit der Betrachtung der Leiden des deutschen Verkehrs. Darum steht jenen

die finanzielle, diesem der staatswirtschaftliche Gesichtspunkt obenan.

Darum wollen jene die allmähliche Erweiterung des preußischen Zollwesens

unter den Bedingungen, welche das Interesse der preußischen Finanzen

vorschreibt. Nebenius hingegen fordert, ganz im Sinne der

Durchschnittsmeinung der Zeit, ein System deutscher Bundeszölle, eine vom

Bundestage abhängige Zollverwaltung. Er will mithin genau das Gegenteil

der Politik, welche den wirklichen Zollverein geschaffen hat; der erste

Schritt auf dem von Nebenius vorgeschlagenen Wege mußte offenbar zur

Aufhebung des preußischen Zollgesetzes führen, also gerade die Grundlage

des späteren Zollvereins vernichten. Der handelspolitische Kampf jener

Jahre bewegte sich um die eine Frage: soll das preußische Zollgesetz

aufrecht bleiben oder nicht? Und in diesem Streite stand Nebenius auf der

Seite der Irrenden. Will man eine Denkschrift, welche also den leitenden

politischen Gedanken der preußischen Handelspolitik bekämpft, als den

bahnbrechenden Vorläufer des Zollvereins preisen, so muß man, kraft

derselben Logik, auch Großdeutsche und Kleindeutsche für

Gesinnungsgenossen erklären. Beide Parteien erstrebten bekanntlich die

deutsche Einheit, nur leider auf entgegengesetzten Wegen.

Der staatsmännische Sinn des geistvollen Badeners steht keineswegs auf

gleicher Höhe mit seiner volkswirtschaftlichen Einsicht. Er hegt wohl

Zweifel, ob Österreich dem Zollverein beitreten könne, zu einem sicheren

Schluß gelangt er dennoch nicht. Noch im Jahre 1835 hat er den Eintritt

Österreichs für möglich gehalten; dann werde der Zollverein »den schönsten

aller Märkte bilden«. Die schwerwiegenden politischen Gründe, welche einen

solchen Gedanken für Preußen unannehmbar machten, sind ihm niemals klar

geworden. Ebenso wenig will er begreifen, warum Preußen als eine

europäische Macht die Selbständigkeit seiner Zollverwaltung unbedingt

aufrecht halten mußte; er verlangte eine in der Hand des Bundes

zentralisierte Zollverwaltung, die Mautbeamten sollen allein dem Bunde

vereidigt werden. Auch bei der Erörterung von Nebenfragen vermag er nicht

immer hinauszublicken über den engen Gesichtskreis seines heimischen

Kleinstaates. So will er, mit wenigen Ausnahmen, die gesamte Zollerhebung

allein an den Grenzen stattfinden lassen, weil, nach der Ansicht des

badischen Beamtentums, diese Einrichtung dem Grenzlande Baden besonderen

Vorteil bringen sollte. Maaßen dagegen ließ in allen größeren preußischen

Plätzen Packhöfe und Zollstellen errichten, da ohne solche Erleichterung

ein schwunghafter Speditionshandel offenbar nicht gedeihen konnte.

Neben diesen Irrtümern der Denkschrift steht freilich eine lange Reihe

tief durchdachter, praktisch brauchbarer Vorschläge, doch ist kein

einziger darunter, welchen das preußische Kabinett nicht schon damals

gekannt und angewendet hätte. Mit großer Klarheit entwickelt Nebenius den

Satz, daß ohne Zollgemeinschaft die Freiheit des Verkehrs nicht möglich

sei. Dieser Gedanke, der uns heute trivial und selbstverständlich

erscheint, war der Diplomatie der Kleinstaaten jener Zeit völlig neu. Den

Berliner Staatsmännern war er wohlbekannt; denn nur jenen Staaten, die

sich dem preußischen Zollsystem einfügen wollten, hatte Preußen freien

Verkehr angeboten. Ebenso tief durchdacht waren die Grundzüge des

Zolltarifs, welche Nebenius entwarf. Er will mäßige Finanzzölle namentlich

auf die Gegenstände allgemeinen Gebrauchs, auf die Kolonialwaren legen;

die dem heimischen Gewerbefleiß notwendigen Rohstoffe gibt er frei, die

Fabrikwaren schützt er durch Zölle, die ungefähr der üblichen

Schmuggelprämie entsprechen; feindselige Schritte des Auslandes sollen mit

Repressalien erwidert werden. Treffliche Gedanken, ohne Frage; aber als

Nebenius schrieb, war bereits der preußische Tarif veröffentlicht, der

durchaus auf denselben Grundsätzen beruhte. Selbständiges Nachdenken hatte

den Süddeutschen genau auf dieselben staatswirtschaftlichen Ideen geführt,

welche Eichhorn oftmals als den Eckstein des preußischen Systems

bezeichnete: »Freiheit, Reziprozität, Ausschließung der Prohibition.« War

es nicht ein seltsames Zeichen der allgemeinen Unklarheit jener Tage, daß

ein so ungewöhnlicher Geist so dicht heranstreifte an die Ideen des

preußischen Zollsystems und doch nicht einmal die Frage aufwarf, ob nicht

der Bau der deutschen Handelseinheit auf dem festen Grunde dieses Systems

aufgerichtet werden sollte? — Nebenius stellt ferner den Grundsatz auf,

daß die Verteilung der Zolleinnahmen nach der Kopfzahl der Bevölkerung

erfolgen solle. Aber als seine Denkschrift in Berlin bekannt wurde, da

hatte Preußen denselben folgenschweren Gedanken schon in einem

Staatsvertrage praktisch durchgesetzt. Er erörtert sodann, die

Zollgemeinschaft sei unmöglich, wenn nicht auch der innere Konsum nach

gleichen Grundsätzen besteuert werde; bis dies Ziel erreicht sei, müsse

man sich mit Übergangsabgaben behelfen. Auch diese Einsicht bestand in

Berlin schon längst; eben weil Eichhorn und Maaßen die weit abweichenden

Steuersysteme der Nachbarstaaten kannten, wollten sie nicht zu einer

vorschnellen Einigung die Hand bieten. Sie wußten desgleichen so gut wie

Nebenius, daß es genüge, einen Zollvertrag für einige Jahre abzuschließen;

gleich ihm hofften sie zuversichtlich, der unermeßliche Segen der

Verkehrsfreiheit werde die Wiederaufhebung eines einmal geschlossenen

Zollvereins verhindern …

Nebenius galt in der Diplomatie allgemein als ein bedeutender Kopf und als

ein höchst unbequemer Unterhändler. Er zählte zu jenen stillen

Gelehrtennaturen, die unter schmuckloser Hülle ein sehr reizbares

Selbstgefühl hegen, den Widerspruch ungern, noch schwerer die Widerlegung

ertragen. Weit entfernt von der lauten Prahlsucht Friedrich Lists, war er

doch mitnichten gesonnen, sein Licht hinter den Scheffel zu stellen. Er

gab wohl zu, kein einzelner Mann könne als Urheber des Zollvereins gelten.

Doch er rühmte sich, seine Denkschrift habe den Gedanken eines allgemeinen

Zollverbandes zum ersten Male entwickelt, sie habe, bis auf einen einzigen

Irrtum, die Verfassung des späteren Zollvereins im voraus richtig

gezeichnet. Er übersah, daß dieser einzige Irrtum gerade die Lebensfrage

der deutschen Handelspolitik betraf; er übersah nicht minder, daß der

beste Teil seiner Denkschrift lediglich als Wunsch aussprach, was Preußen

durch die Tat schon vollzogen hatte. Ihm gebührt nur das große Verdienst,

daß er, gleichzeitig mit den preußischen Staatsmännern und unabhängig von

ihnen, für einige wichtige Fragen deutscher Handelspolitik die rechte

Lösung erdachte; jedoch die entscheidende Frage: »Bundeszölle oder

Anschluß an das preußische System?« wurde in Berlin richtig, von Nebenius

falsch beantwortet …

Eine klare Vorstellung von dem Handelsbunde, der anderthalb Jahrzehnte

später ins Leben trat, hegte im Jahre 1819 noch niemand. »Die Idee hatte

sich noch gar nicht entwickelt«, pflegte Eichhorn späterhin zu sagen. Der

Aufzug des großen Gewebes war bereits ausgespannt. Es bestand das

preußische Zollsystem, es bestand der ausgesprochene Wille Preußens, dies

System zu erweitern und den deutschen Nachbarn ohne Kleinsinn reichlichen

Anteil an den gemeinsamen Zolleinkünften zu gewähren. Noch fehlte der

Einschlag. Es fehlte der gute Wille der Nachbarstaaten; es fehlte hüben

wie drüben ein deutlicher Begriff von den losen und lockeren bündischen

Formen, welche allein einen dauernden Handelsbund zwischen eifersüchtigen

souveränen Staaten — dies noch niemals gewagte Unternehmen — ermöglichen

konnten. Jenen guten Willen hat nachher die Not gezeitigt. Diese

Verfassungsformen des Zollvereins sind nicht von Nebenius, noch von

irgendeinem Denker im voraus ersonnen worden, da die Theorie solche

Aufgaben niemals lösen kann; sie sind gefunden worden auf den Wegen

praktischer Politik, durch Verhandlungen und gegenseitige Zugeständnisse

zwischen den deutschen Staaten. Der badische Denker schrieb als ein

unverantwortlicher Privatmann, er durfte kühn sofort die Einheit des

ganzen Vaterlandes ins Auge fassen. Er hat an diesem Ideale unverbrüchlich

festgehalten, und weil er so hohen Flug nahm, verfiel er auf den

unmöglichen Plan der Bundeszölle. Preußens Staatsmänner hatten ein

köstliches Gut zu hüten: die schwer errungene und noch immer hart bedrohte

handelspolitische Einheit ihres Staates. Sie mußten sich von den

Schwärmern bald des zaghaften Kleinsinns, bald des selbstzufriedenen

Dünkels zeihen lassen, und indem sie bedachtsam auf dem Bestehenden

fortbauten, erreichten sie das hohe Ziel. —

Zur rechten Stunde fanden die Urheber des preußischen Zollgesetzes einen

mächtigen diplomatischen Bundesgenossen an dem neuen Referenten für die

deutschen Angelegenheiten, J. A. F. Eichhorn, den sein Chef Graf

Bernstorff auf dem Gebiete der Handelspolitik völlig frei schalten ließ.

Unter den Helden der Arbeit, welche in müden Tagen die großen

Überlieferungen Preußens mutig aufrecht hielten, in friedlichem Schaffen

den Grund legten für seine neue Größe, steht Eichhorn in vorderster Reihe.

Sein ganzer Lebensgang hatte ihn vorbereitet auf die Rolle des friedlichen

Bändigers der Kleinstaaterei. Im Löwensteinischen Wertheim war er

aufgewachsen, an der lieblichen Ecke des Maintales und des Taubergrundes,

so recht im Herzen der verkommenen Staatenwelt des alten Reichs, und sein

tagelang blieb es ihm unvergeßlich, wie er dort noch den Boten des

Reichskammergerichts in seiner altfränkischen Tracht die Befehle von

Kaiser und Reich hatte vollstrecken sehen. Begeistert von den Taten

Friedrichs, war er dann gen Norden gegangen, um dem Staate seiner Wahl zu

dienen, und auch an ihm bewährte sich, daß Preußen die wärmste Liebe bei

jenen Deutschen findet, die sich dies Gefühl erst erarbeitet haben. Er

mußte in Cleve den Zusammenbruch der preußischen Herrschaft, dann in

Hannover 1806 die fiskalischen Künste einer kleinlichen Annexionspolitik

mit ansehen und ward trotz alledem nicht irr an seinem Staate. Dann nahm

er teil an Schills abenteuerlichem Zuge und trat zu Berlin mit Stein und

Gneisenau, mit (W. v.) Humboldt, Altenstein(27), Kircheisen(28) in

vertrauten Verkehr; sie alle ließen den unbekannten jungen Fremdling

sofort als einen Ebenbürtigen gelten. Ein Schüler Spittlers(29), gründlich

und vielseitig gebildet, ward er als erster Syndikus der Berliner

Universität auch persönlich mit der gelehrten Welt näher bekannt; mit

Schleiermacher(30) verband den tief religiösen Mann eine treue

Freundschaft, der großen Theologenfamilie der Sack gehörte er durch seine

Heirat an. Die Zeiten des Befreiungskrieges verlebte er gehobenen Herzens

erst als Offizier in Blüchers Stabe, dann als Mitglied von Steins

Zentralverwaltung; hier fand er reiche Gelegenheit, den kleinen deutschen

Regierungen bis in das Innerste der Seele zu blicken. Unerschüttert trug

er die Begeisterung jener großen Jahre hinüber in die stille Zeit des

Friedens.

Als er in seinem vierzigsten Jahre die wichtige Stellung im Auswärtigen

Amte erhielt, da beseelte ihn die Hoffnung, eine solche Verbindung, wie

sie einst unter der Zentralverwaltung nur zeitweilig, unfertig, unbeliebt

bestanden hatte, auf die Dauer zu begründen, die deutschen Staaten durch

die Bande des Rechts, des Vertrauens, des Interesses für immer an die

Krone Preußen anzuschließen. Dies galt ihm als die Vollendung, als die

Läuterung der Träume von 1813. Er erkannte in dem Artikel 19 der

Bundesakte »die gutgemeinte Absicht der deutschen Fürsten, daß,

unbeschadet ihrer Souveränität, den deutschen Untertanen die Wohltat eines

gemeinsamen Vaterlandes gewährt werden müsse«, und er traute seinem

Preußen die Kraft zu, die dem Bunde fehlte, diese Wohltat eines

Vaterlandes den Deutschen zu spenden. Neben der schneidigen Kühnheit, die

man oft an den großen Epochen unserer Geschichte bewundert hat, übersieht

man leicht jene kalte, zähe, ausdauernde Geduld, welche der preußischen

Staatskunst in den endlos langweiligen Händeln deutscher Kleinstaaterei

zur anderen Natur geworden war. Wohl keiner unserer Staatsmänner hat diese

altpreußische Tugend mit solcher Meisterschaft geübt wie Eichhorn. Da

watet der geistvolle Mann jahraus jahrein durch den zähen Schlamm

armseliger Verhandlungen, die schon beim Durchlesen körperlichen Ekel

erregen. Nichts schwächt ihm die Frische des Geistes; immer bleibt ihm der

Gedanke gegenwärtig, welch großes Ziel hinter den kleinen Händeln winkt;

immer wieder rafft sich sein gebrechlicher Körper nach schweren

Krankheitsanfällen zu rastloser Tätigkeit auf. Überall hat er seine Augen;

wie der Arzt am Krankenbette überwacht er die Stimmung der kleinen Höfe,

ihre Bosheit, ihre Selbstsucht, ihre ratlose Torheit. Zuweilen hilft er

sich mit einem scharfen Witz über die Langeweile hinaus. »Was wohl die

herzoglich sächsischen Häuser beabsichtigen? — schreibt er einmal — Ja,

wenn sie es nur selber wüßten!« Und nach allem Jammer, den ihm die

Kleinfürsten zu kosten geben, bewahrt er ihnen doch Achtung und

Wohlwollen, kommt bereitwillig, mit bundesfreundlicher Gesinnung, jedem

billigen Wunsche entgegen. Oftmals schlugen die schmutzigen Wellen der

Demagogenverfolgung gegen seinen ehrlichen Namen an; er blieb sich selber

treu, trat tapfer ein für seine verfolgten Freunde und behauptete sich

doch im Vertrauen des Königs. Dann hat Fürst Metternich viele Jahre

hindurch alle seine schlechten Künste spielen lassen gegen den verhaßten

Patrioten, der in Wien als der böse Dämon Preußens galt. Zugleich schmähte

die liberale Presse auf den Servilen. Er aber trug gelassen Stein auf

Stein zu dem unscheinbaren Bau deutscher Handelseinheit und duldete

schweigend die Unbilden der öffentlichen Meinung, denn jeder Versuch einer

lauten Rechtfertigung wäre sein sicherer Sturz gewesen. Nachher kam doch

eine Zeit, da mindestens die Höfe sein Verdienst erkannten; sämtliche

Orden des Deutschen Bundes, nur kein österreichischer, wurden dem

anspruchslosen Geheimen Rate verliehen, und die Staatsschriften der

dankbaren Zollverbündeten priesen ihn als »die Seele des preußischen

Ministeriums«. Die Nation aber erfuhr niemals ganz, was sie ihm schuldete.

Seine Hoffnung war, das preußische Zollsystem durch Verträge mit den

deutschen Nachbarstaaten allmählich zu erweitern. Für die Formen und

Grenzen dieser Erweiterung hat er nicht im Voraus einen festen Plan

entworfen; er stellte sie, da er die Schwierigkeit des Unternehmens

richtig würdigte, dem unberechenbaren Gange der Ereignisse anheim. Die

Frage, ob Preußens Zollschranken dereinst am Main oder am Bodensee stehen

würden, war im Jahre 1819 noch nicht praktisch; sie konnte den Leiter der

preußisch-deutschen Politik vielleicht in seinen Träumen, sie durfte ihn

nicht bei seiner Arbeit beschäftigen. Nur das eine war ihm sicher, daß das

neue Zollsystem aufrecht bleiben, den festen Kern bilden müsse für die

Neugestaltung des deutschen Verkehrs. Er verlangte freie Hand für Preußens

Handelspolitik, wies von diesem Gebiete die Einmischung Österreichs

entschieden zurück. Aber jede Feindseligkeit gegen die Hofburg lag ihm

fern; der Gedanke, den Deutschen Bund von Österreich abzutrennen, blieb

ihm, dem Konservativen, der in den Ideen von 1813 lebte, völlig fremd.

Noch als Greis hat er Radowitzs Unionspläne als unausführbare Träume

bekämpft. —

Einen widerwärtigen Übelstand, der sofort beseitigt werden mußte, bot die

Lage der zahlreichen Enklaven. Die Zollinien wurden alsbald soweit

vorgeschoben, daß sie die anhaltischen Herzogtümer fast ganz und auch

einen Teil der kleinen thüringischen Gebiete, die mit Preußen im Gemenge

lagen, umfaßten. Alle nach diesen Ländern eingeführten Waren unterlagen

ohne weiteres den preußischen Einfuhrzöllen. Erst nachdem die neue

Grenzbewachung in Kraft getreten, ließ Eichhorn zu Anfang 1819 diesen

Staaten die Einladung zugehen, mit dem Berliner Kabinett wegen des

Zollwesens zu verhandeln. Der König sei bereit, nach billiger Übereinkunft

den Landesherren der eingeschlossenen Gebiete das Einkommen zu überweisen,

das seinen Staatskassen aus den Enklaven zufließe. Dies kurz angebundene

Verfahren, das in den Papieren des Finanzministeriums als »unser

Enklavensystem« bezeichnet ward, mußte allerdings die kleinen Höfe

befremden; doch die Notwendigkeit gebot, diesen Nachbarn zu zeigen, daß

sie in ihrer Handelspolitik von Preußen abhängig seien. Nur gutmütige

Schwäche konnte das Gelingen der großen Zollreform abhängen lassen von der

vorausgehenden Zustimmung eines Dutzends kleiner Herren, die nach

deutscher Fürstenweise allein für die Beredsamkeit vollendeter Tatsachen

empfänglich waren. Lediglich die Eitelkeit der Nachbarfürsten ward

gekränkt; den wirtschaftlichen Interessen der Enklaven gereichte Preußens

Vorgehen offenbar zum Segen. Eine selbständige Handelspolitik blieb in

diesen armseligen Gebietstrümmern ja doch undenkbar. Das Gedeihen ihrer

Volkswirtschaft wurde sofort vernichtet, wenn Preußen sie von seinem

Zollsystem ausschloß und sie mit seinen Schlagbäumen rings umstellte; auch

der Handel innerhalb der Provinz Sachsen erlitt ärgerliche Störung, wenn

alle durch das Anhaltische oder das Schwarzburgische gehenden Waren

verbleit und der Kontrolle der Zollämter unterworfen werden mußten. Ebenso

wenig durfte Preußen den Verkehr der Enklaven völlig unbeaufsichtigt

lassen. Was diese Ländchen selbst an Zolleinkünften aufbrachten, bildete

freilich nur den achtzigsten Teil der preußischen Zolleinnahmen; doch

durch den Schmuggel konnten sie den Finanzen Preußens hochgefährlich

werden.

Durch die heilsame Rücksichtslosigkeit der Berliner Finanzmänner erhielten

die Enklaven freien Verkehr auf dem preußischen Markte, ihre Staatskassen

die Zusage eines gesicherten reichlichen Einkommens, das sie aus eigener

Kraft niemals erwerben konnten. Die preußische Regierung handelte in gutem

Glauben; sie war bereit, ihr eigenes Enklavensystem auch gegen preußisches

Gebiet anwenden zu lassen; mehrmals erklärte sie, wenn ein süddeutscher

Zollverein zustande komme, so müsse der enklavierte Kreis Wetzlar sich

diesem Zollsystem unterwerfen. Ganz unhaltbar war vollends die von den

gekränkten Kleinfürsten oft wiederholte Anklage, Preußens Enklavensystem

verletze das Völkerrecht. Alle nach den Enklaven bestimmten Waren

unterlagen von Rechts wegen den preußischen Durchfuhrzöllen; und wenn der

Berliner Hof für gut fand, die Transitabgaben auf gewissen Straßen bis zur

Höhe der Einfuhrzölle hinaufzuschrauben, so ließ sich rechtlich dawider

nichts einwenden.

Indem Eichhorn die Kleinstaaten einlud zu freundnachbarlichen Verträgen

über die Behandlung der Enklaven, erklärte er zugleich die

Bereitwilligkeit des Königs, auch über den Anschluß nichtenklavierter

Gebiete zu verhandeln. Er betonte den nationalen Charakter des

Zollgesetzes, er hob hervor, dies Gesetz sei im Sinne des Artikels 19 der

Bundesakte gedacht, sei bestimmt, zunächst in einem Teile von Deutschland

die Binnenmauten aufzuheben, sodann auch anderen Bundesstaaten den

Anschluß zu erleichtern; der König verdiene den Dank der Bundesgenossen,

da er begonnen habe, den deutschen Markt von der Herrschaft des Auslandes

zu befreien. An dieser nationalen Richtung hat Preußens Handelspolitik

seitdem unerschütterlich festgehalten; die in späteren Jahren oft

auftauchenden Vorschläge, etwa Belgien oder die Schweiz in den Zollverein

aufzunehmen, wurden in Berlin stets kurzerhand zurückgewiesen. _Nicht

kosmopolitische Verkehrsfreiheit war Preußens Ziel, sondern die

Handelseinheit des Vaterlandes._ Der König, sagt eine von Bernstorff

unterzeichnete Note an das Kollegium der Geheimen Räte zu Gotha (vom

13. Juni 1819), beabsichtige durch das Gesetz vom 26. Mai »hauptsächlich

den Handel mit außerdeutschen Landeserzeugnissen zu besteuern und die

Mitbewerbung außerdeutscher Fabriken von Ihren Staaten und von denjenigen

Ländern abzuwehren, welche sich hierin an Ihre Maßregeln anschließen

wollen.« Er hege »den lebhaften Wunsch, die nur zur Besteuerung

außerdeutscher Verbrauchsartikel und zum Schutze der preußischen

Landesindustrie gegen die außerdeutschen Fabriken ergriffenen Maßregeln

bundesverwandten deutschen Staaten, soweit es ihre Lage irgend gestattet,

nicht zum Nachteil gereichen zu lassen.« Hierauf rät die Note, einen

thüringischen Handelsverein zu bilden, der alsdann mit Preußen in

Zollverbindung treten solle; sie zeichnet also genau den Weg vor, welcher

14 Jahre später zu der handelspolitischen Vereinigung Preußens und

Thüringens geführt hat.

Im selben Sinne versicherte die Staatszeitung amtlich, »daß Preußen schon

seiner Lage wegen, mehr aber noch, weil die Vereinigung des

Einzelinteresses der deutschen Bundesstaaten zu einem Gesamtinteresse für

Preußen vorzüglich wünschenswert sei, zu dem Plane einer völligen

Handelsfreiheit zwischen den Bundesstaaten die Hand zu bieten am ehesten

geneigt sei, und daß es am liebsten die Schwierigkeiten gehoben sehen

werde, die sich der Ausführung entgegenzustellen schienen.« Und als gegen

Weihnachten 1819 Abgeordnete des Listschen Vereins nach Berlin kamen, um

die Regierung für einen deutschen Mautverband zu gewinnen, da erhielten

sie von Hardenberg und drei Ministern die Versicherung: »daß die

preußische Regierung, weit entfernt, durch einseitige Maßregeln den

Wohlstand der deutschen Nachbarstaaten untergraben zu wollen, sich freuen

würde, wenn alle Regierungen Deutschlands über die Grundsätze eines

gemeinschaftlichen, die Wohlfahrt aller Teile fördernden Handelssystems

sich vereinigen könnten, wozu die preußische Regierung sehr gern die Hände

bieten werde, um ihrerseits mitzuwirken, daß dem ganzen Deutschland die

Wohltat eines freien, auf Gerechtigkeit gegründeten Handels zuteil werde.

Es ist ihnen aber auch nicht verhehlt worden, daß der Zustand und die

Verfassung der einzelnen deutschen Staaten noch keineswegs zu gemeinsamen

Anordnungen vorbereitet erscheine; wozu auch besonders gehöre, daß die

gemeinsamen Anordnungen in einem gemeinsamen Sinne von allen gehalten

würden. Die Sache scheine daher jetzt nur darauf zu führen, daß einzelne

Staaten, welche sich durch den jetzigen Zustand beschwert glaubten, mit

denjenigen Bundesmitgliedern, von denen nach ihrer Meinung die Beschwerden

veranlaßt werden, sich zu vereinigen suchten und daß auf diesem Wege

übereinstimmende Anordnungen von Grenze zu Grenze weitergeleitet würden,

welche den Zweck hätten, die inneren Scheidewände mehr und mehr wegfallen

zu lassen.«

Damit war rund und nett der Grundgedanke einer nationalen Handelspolitik

ausgesprochen, welche bei der Nichtigkeit des Bundestages die einzig

mögliche war. Deutlicher als Preußen sprach, konnte eine Regierung über

noch unfertige Entwürfe schlechterdings nicht reden. Aber in der

epidemischen Verblendung, die nunmehr über die öffentliche Meinung

hereinbrach, in dem donnernden Lärm der Anklagen, die auf das

absolutistische Preußen herniederprasselten, wurden die offenkundigen

Worte und Taten des Berliner Kabinetts völlig vergessen. Man redete sich

hinein in den Wahn, daß Preußen sich selbstgefällig von dem großen

Vaterlande absondere. Alles schalt auf den Berliner Hochmut und

Partikularismus, am lautesten jene kleinen Höfe, welche das Enklavensystem

ertragen mußten. Selbst Karl August von Weimar betrachtete es als eine

höchst anmaßende Zumutung, daß er seine rings von Preußen umschlossenen

Ämter Allstedt und Oldisleben dem preußischen Zollsystem einfügen sollte,

und ließ dem Berliner Hofe schreiben: »Eine strenge Durchführung des

Gesetzes vom 26. Mai scheint mit dem Geiste und den Grundsätzen der

Bundesakte so wenig in Einklang zu stehen, daß nicht zu bezweifeln steht,

es werde diese Angelegenheit Gegenstand der nächsten Verhandlungen des

Bundestages werden und S. K. Majestät von Preußen als Bundesfürst selbst

geruhen, konziliatorische Anträge deshalb an den Bund gelangen zu lassen.«

Auf so naive Vorschläge konnte Eichhorn sich nicht einlassen. Er durfte

das Zollwesen der Provinz Sachsen nicht dem Belieben Österreichs und der

Bundestagsmehrheit preisgeben, sondern gab sich der Hoffnung hin, die

Erkenntnis des eigenen Vorteils würde die kleinen thüringischen Dynasten

bestimmen, auf das Anerbieten Preußens einzugehen und ihre enklavierten

Gebietsteile durch Verträge dem preußischen Zollsystem anzuschließen. In

der Tat wendeten sich die kleinen Nachbarn allesamt sogleich an den

Berliner Hof, aber nur, um zu fordern, daß Preußen sein Enklavensystem

alsbald wieder aufhebe; wie dies möglich sein sollte, wußten sie freilich

nicht anzugeben. Besonders hart fühlte sich der wohlmeinende Fürst Anton

Günther von Schwarzburg-Sondershausen getroffen. Die Hauptmasse seines

Reiches, die Unterherrschaft mit der Hauptstadt, ein Land von fast 30000

Einwohnern, war von preußischem Gebiet umschlossen und dem preußischen

Zollwesen einverleibt; da die Krone Preußen als Rechtsnachfolgerin von

Kursachsen hier überdies das Postregal und einige andere Hoheitsrechte

ausübte, so blieb dem Fürsten von seiner teueren Souveränität allerdings

wenig übrig. Mit dringenden Bitten mußten also erst der vielgeplagte

gemeinsame thüringische Gesandte General Lestocq, dann das Sondershausener

Geheime Konsilium selbst den preußischen Hof bestürmen um »Zurücknahme

einer Anordnung, in welche man schwarzburg-sonderhausenscherseits sich nie

zu fügen entschlossen ist.«

Minister Klewiz erwiderte verbindlich, durch einen Vertrag könne die

Angelegenheit ohne Schwierigkeit geordnet werden; er gewährte auch dem

Fürsten freundnachbarlich Freipässe für die Verzehrung seines Hofhalts,

aber eine Abänderung des Gesetzes schlug er rundweg ab, da die Gefahr des

Schmuggels aus den kleinen Nachbarlanden gar zu groß sei. In Sondershausen

wollte man den Wink nicht verstehen. Mehrere Monate hindurch wurde die

preußische Regierung immer von neuem mit der Anfrage belästigt, ob sie nun

endlich bereit sei, eine Verfügung aufzuheben, welche so gröblich in die

Rechte der Sondershausener Souveränität eingreife. Der Fürst selber

richtete an den König die »devoteste Bitte«, ihn »durch einen neuen Beweis

Allerhöchstdero allgemein verehrter und gepriesener Liberalität und

Großmut zum unbegrenztesten und devotesten Danke zu verpflichten.« Alles

war vergeblich; die untertänige Form konnte über den anmaßenden Inhalt der

Bittschriften nicht täuschen. Dann kam der Kanzler v. Weise selbst nach

Berlin, ein wackerer alter Herr, der im Verein mit seinem Sohne, dem

Geheimen Rat, das Sondershausener Ländchen patriarchalisch regierte. Auch

er richtete nichts aus.

Mittlerweile hatte sich Vizepräsident v. Motz(31) in Erfurt des Streites

angenommen. Er kannte alle Herzensgeheimnisse der Kleinstaaterei, da sein

Regierungsbezirk mit fast einem Dutzend kleiner Landesherrschaften im

Gemenge lag; er war mit den beiden Weise als guter Nachbar vertraut

geworden und erwarb sich jetzt um Deutschlands werdende Handelseinheit,

die ihm bald noch Größeres verdanken sollte, sein erstes Verdienst, indem

er den Freunden vorstellte, wie kindisch es sei, an einer Zollhoheit

festzuhalten, die doch niemals in Wirksamkeit treten konnte. Der

kunstsinnige Fürst wünschte längst, im freundlichen Tale der Wipper ein

Sondershausener Nationaltheater zu gründen, aber die Mittel fehlten;

schloß er sich dem preußischen Zollwesen an, so war ihm aus der Not

geholfen. Diese Erwägung wirkte.

Gegen Ende September erschien der alte Weise wieder in Berlin, und da er

diesmal ernstlich verhandeln wollte, so ward er mit großer Freundlichkeit

aufgenommen. Maaßen und Hoffmann führten die Unterhandlung, unter

beständiger Rücksprache mit Eichhorn. Noch unbekannt mit der Nebeniusschen

Denkschrift, stellte Hoffmann zuerst den Gedanken auf: das einfachste sei

doch, die gemeinsamen Zolleinnahmen ohne fiskalische Kleinlichkeit nach

der Volkszahl zu verteilen. Damit war jener Bevölkerungsmaßstab gefunden,

der allen späteren Zollverträgen Preußens zur Grundlage gedient hat. Weise

ging sofort auf das günstige Anerbieten ein, und am 25. Oktober 1819 wurde

der _erste Zollanschlußvertrag_ unterzeichnet, kraft dessen der Fürst von

Sondershausen »unbeschadet seiner landesherrlichen Hoheitsrechte« seine

Unterherrschaft dem preußischen Zollgesetz unterwarf und dafür nach dem

Maßstabe der Bevölkerung seinen Anteil an den Zolleinnahmen — vorläufig

eine Bauschsumme von 15000 Talern — erhielt. Eine Mitwirkung bei der

Zollgesetzgebung wurde dem kleinen Verbündeten nicht zugestanden; er mußte

die Handelsverträge Preußens und alle anderen Änderungen, welche das

Finanzministerium beschloß, einfach annehmen. Im übrigen waren seine

Hoheitsrechte sorgsam, fast ängstlich gewahrt; selbst die

Steuervisitationen auf schwarzburgischem Gebiet sollten nur durch die

fürstlichen Beamten vollzogen werden.

Im Wippertale herrschte laute Freude. Der Fürst dankte tief gerührt für

dies neue Zeichen königlicher Hochherzigkeit; nun konnte er endlich sein

berühmtes Rauchtheater eröffnen, wo er mit den Bürgern seiner Residenz um

die Wette den Musen des Dramas und der Rauchkunst huldigte. Finanziell

betrachtet, war das Abkommen unzweifelhaft ein Löwenvertrag zugunsten

Sondershausens; Preußen brachte um des politischen Zweckes willen ein

Geldopfer, denn das wenig bemittelte Thüringer Bergländchen verzehrte von

den einträglichsten Zollartikeln, den Kolonialwaren, weit weniger als der

Durchschnitt der östlichen Provinzen.

Um so berechtigter schien die Erwartung, daß die übrigen Kleinen dem

Beispiel Sondershausens folgen würden. Im Eingange des Vertrags hatte der

König nochmals erklären lassen, daß er bereit sei, ähnliche Abkommen mit

anderen Bundesfürsten zu schließen. Rudolstadt begann schon zu verhandeln.

Auch mit Braunschweig, Weimar, Gotha dachte Hoffmann binnen kurzem ins

Reine zu kommen, und bereits ging er mit seinen Entwürfen über die

Grundsätze des Enklavensystems hinaus. Die unglückliche zerrissene Gestalt

seines Gebietes zwang den preußischen Staat, auch wenn er auf alle

Eroberungspläne verzichtete, mindestens zum handelspolitischen Ehrgeiz; er

konnte sein Steuersystem kaum durchführen, wenn er nicht außer den

Enklaven auch noch einige nur halb umschlossene Nachbarlandschaften seinem

Zollgesetze unterwarf. Da lag Anhalt-Bernburg, das auf eine kleine Strecke

Weges nicht an Preußen grenzte und also gewissenhaft als Ausland behandelt

wurde. Was war der Dank? Ein ungeheuerer Schmuggel, der von Monat zu Monat

anwuchs und die Zolleinnahme der Provinz Sachsen zu verschlingen drohte.

Schon im Oktober wurden 4023 Zentner zumeist Kolonialwaren, in die

anhaltischen Harzstädtchen bei Ballenstedt eingeführt, um alsbald spurlos

zu verschwinden. Mindestens dies Vorland, meinte Hoffmann, müsse sogleich

in die Zollinie eintreten; werde der Vertrag mit Sondershausen nur erst

bekannt, dann könnten sich die kleinen Nachbarn nicht länger mehr wider

ihren eigenen Vorteil sträuben.

Die Hoffnung trog. Jener Zollvertrag, der uns heute so selbstverständlich

erscheint, sollte während mehrerer Jahre der einzige bleiben. Kaum ward er

ruchbar, so erscholl an allen Höfen ein Schrei des Zornes. Fürst Anton

Günther mußte von seinen durchlauchtigen Genossen ernste Vorwürfe hören,

weil er das Kleinod der Souveränität so würdelos preisgegeben; die anderen

kleinen Nachbarn, die seinem Vorgange bereits folgen wollten, traten,

eingeschüchtert durch die allgemeine Entrüstung, von den Verhandlungen

zurück. An die Spitze der Gegner Preußens stellte sich der Herzog von

Cöthen. Der erklärte im Namen der kleinen Fürsten: »freiwillig können und

werden sie sich nicht unterwerfen, wenn sie nicht die heiligsten Pflichten

gegen ihre Untertanen, gegen ihre Häuser und gegen ihre eigene Ehre

verletzen wollen«; dann forderte er getrost, Preußen solle ihm einen fünf

Stunden breiten Streifen zollfreien Gebiets bis zur sächsischen Grenze zur

Verfügung stellen, damit das Haus Anhalt freien Zugang zum Welthandel

erlange. Gemütlich lauernd und im Stillen schürend, stand hinter den

erbitterten Kleinen der treue Bundesgenosse Preußens, Österreich. Die Höfe

beschlossen insgeheim, auf den Wiener Konferenzen mit vereinter Kraft die

Aufhebung des preußischen Zollgesetzes durchzusetzen; nur wenn der

vorhandene Anfang deutscher Zolleinheit vom Erdboden verschwand, konnte

der Bundestag die nationale Handelspolitik begründen! Und an dieser

Raserei partikularistischer Leidenschaft nahm die gesamte Nation außerhalb

Preußens teil. Alle die Lieder und Reden zum Preise der deutschen Einheit

waren vergessen, sobald Preußen sich anschickte, den Deutschen »die

Wohltat eines gemeinsamen Vaterlandes zu gewähren«.

Preußens Staatsmänner hatten gehofft, schon in dem ersten Jahre, da das

neue Gesetz bestand, einige der deutschen Nachbarn für die Politik der

praktischen deutschen Einheit zu gewinnen. Jetzt sahen sie sich in die

Verteidigung zurückgeworfen. Der siegreiche Kampf um die Behauptung, dann

um die Erweiterung des Zollgebiets blieb auf Jahre hinaus die wichtigste

Aufgabe der preußischen Staatskunst. Durch die friedlichen Eroberungen

dieses Kampfes hat König Friedrich Wilhelm gesühnt, was in Karlsbad

gefehlt war, und die Marksteine gesetzt für das neue Deutschland. Er war

der rechte Mann für dies unscheinbare und doch so folgenschwere Werk

deutscher Geduld. Gleichmütig und immer bei der Sache, treu und

beharrlich, von einer Rechtschaffenheit, die jedes Mißtrauen entwaffnete,

stets bereit, dem bekehrten Gegner mit aufrichtigem Wohlwollen

entgegenzukommen — so hat er nach und nach die Trümmer Deutschlands

befreit aus den Banden eigener Torheit und ausländischer Ränke, den Weg

bereitend für größere Zeiten. Die Gegenwart aber soll nicht undankbarer

sein, als Friedrich der Große war, der von dem glanzlosen Arbeitsleben

seines Vaters sagte: »Der Kraft der Eichel danken wir den Schatten des

Eichbaums, der uns deckt.«

Quelle: H. v. Treitschke, Deutsche Geschichte usw. II, 607ff.

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11 Aug./Sept. 1819 tagte zu Karlsbad unter Metternichs Vorsitz ein

Kongreß der deutschen Minister zur Beratung gemeinsamer Maßregeln

gegen die demagogischen Umtriebe. Das Ergebnis waren die Karlsbader

Beschlüsse, die der Bundestag am 20. September einstimmig

genehmigte.

12 Am 29. Juli 1819 hatte der österreichische Staatskanzler Metternich

in Teplitz mit Friedrich Wilhelm III. eine geheime Unterredung, in

welcher er den König von Preußen bestimmte, auf die Einführung einer

Volksvertretung in modernem Sinne zu verzichten. Am 1. August

unterzeichneten Hardenberg und Metternich eine Publikation über die

»Grundsätze, nach welchen die Höfe von Österreich und Preußen in den

innern Angelegenheiten des Deutschen Bundes zu verfahren

entschlossen sind«.

13 Joh. Friedrich Benzenberg, geb. 5. Mai 1777, gest. 8. Juni 1846;

1805 zum Professor der Physik am Lyceum zu Düsseldorf ernannt, ging

er 1810 nach der Schweiz, kehrte aber nach Napoleons Sturz nach

Deutschland zurück und widmete sich schriftstellerischer Tätigkeit.

14 Friedrich List, geb. 6. August 1789, gest. durch Selbstmord 30.

November 1846, Nationalökonom, der in seinen Schriften den Gedanken

vertrat, daß eine jede Nation vor allem ihre eigenen Hilfsquellen

zum höchsten Grade der Selbständigkeit und harmonischen Entwicklung

bringen, die eingeborene Industrie durch Schutz nötigenfalls

unterstützen und den nationalen Zweck einer dauernden Entwicklung

produktiver Kräfte überall dem pekuniären Vorteil einzelner

vorziehen müsse.

Die Gründung des Deutschen Zollvereins · 第 10 / 34 题