~die Syphilis~ (_Lues venera_),
zumal ihr Charakterbild nach jeder Richtung hin in der Geschichte und in
der Gegenwart schwankt.
Die Erscheinung der Syphilis ist der sogenannte ~harte Schanker~ (_Ulcus
dure_), der in den weitaus meisten Fällen durch den geschlechtlichen
Verkehr mit einer syphilitischen Person entsteht, und zwar dadurch, daß
das syphilitische Gift durch eine kleine Schrunde, einen kleinen Riß in
der Haut eintritt. Die Möglichkeit, daß eine solche kleine
Hautverletzung besteht oder beim Geschlechtsumgang entsteht, ist
allerdings so groß, und die Ansteckungsfähigkeit der Syphilis so
ungeheuer, daß der geschlechtlichen Verbindung mit einer syphilitisch
kranken Person fast stets eine Ansteckung folgt.
Das Ansteckungsfeld ist zumeist der uneheliche Geschlechtsverkehr. _Dr._
~Blaschko~-Berlin erzählt, daß einmal von 1129 Geschlechtskranken in
seiner Poliklinik (1009 Männer und 120 Frauen) die Männer ihre Syphilis
fast ausschließlich außerhalb der Ehe, die Frauen innerhalb der Ehe von
den Männern erworben hatten. Welch eine furchtbare Anklage bedeutet das
für den Mann, welch ein entsetzliches Martyrium schließt das für die
Frau ein! Der Jugendleichtsinn des Mannes, den Weib und Kind in der Ehe
büßen müssen!
Die Verbreitung der Syphilis hat Zahlen angenommen, die Entsetzen
wecken.
Sie ist eine der furchtbarsten Volkskrankheiten geworden, die das
Interesse der ärztlichen Wissenschaft und der behördlichen Organe
unausgesetzt beschäftigt. Unsummen gehen in Heilungskosten auf, und das
Ende dieses unseligen Zerstörungsprozesses in der Menschheit ist nicht
abzusehen.
In großen Städten schleicht das Gespenst der Syphilis durch alle Straßen.
Wo die Menschen dichter zusammenwohnen, steigert sich das Leben, vermehren
sich auch die Krankheiten. Und die Prostitution, die die Moral der Männer
verschlingt, speit dafür die Geschlechtskrankheiten, Tripper und Syphilis,
auf die Menschheit aus.
Dieser Gifthauch trifft auch die Bewohner des Landes, dessen junge Söhne
in den Städten als Soldat dienen oder ein Handwerk, ein Geschäft lernen
und ausüben oder die Schulen, die Universität besuchen und mit der
Kultur der Stadt auch die Syphilis in die Heimat bringt. Der vierjährige
Feldzug hat die Zahlen der Geschlechtskrankheiten ins Fürchterliche
gesteigert.
Die Syphilis beginnt mit einem kleinen Knötchen, das 2-4 Wochen nach
erfolgter Ansteckung auftritt (sogenannter Primäraffekt) und bald zu
zerfallen beginnt. Dabei bildet sich ein tiefer fressender Untergrund
und ein etwas erhöhter Randwulst. Beide sind hart, weshalb man hier vom
harten Schanker spricht. Auch Schwellungen der Leistendrüsen stellen
sich ein.
Die Ansteckungsfähigkeit der Syphilis ist eine ganz außerordentliche.
Jedes Hautritzchen genügt, um das syphilitische Gift eindringen zu
lassen, und zwar nicht nur an den Geschlechtsteilen, sondern überall am
Körper. Es gibt demnach eine außergeschlechtliche Syphilis, die bei 4%
aller Syphilitiker vorliegt. Dieselbe wird ungemein leicht erworben,
beispielsweise durch Küssen, Händedrücken, durch Benutzung von
Handtüchern, Bettwäsche, Kissen, Polstern usw., die vorher mit
syphilitischen Geschwüren in Berührung kamen.
Eine sekundenlange Berührung genügt -- und das Gift ist in den Körper
eingedrungen und spielt seine verderbliche Rolle. Wenn's Schuld war,
kann man von Sühne sprechen. Was aber sagt ihr zu den Unglücklichen, die
ohne Schuld, ganz ohne Liebe und Geschlechtsumgang die Syphilis
erwarben? Die unwissend, schuldlos und wehrlos ein zerstörendes Gift
empfangen und es womöglich monate- und jahrelang in sich tragen, ohne
den Charakter der Leiden zu ahnen, die sie nacheinander heimsuchen?
Ist das syphilitische Erstgeschwür ausgeheilt, so beginnt etwa nach 8-10
Wochen die sekundäre Syphilis, meist als roter Fleckenausschlag, als
Knötchen (Papeln) oder eiterige Pusteln, die sich über den ganzen Körper
verbreiten und namentlich in Hautfalten (Schenkelbeuge,
Geschlechtsgegend, zwischen den Fingern usw.) als nässende Wunden
auftreten können. Die Absonderungen dieser Ausschläge haben eine starke
Ansteckungsfähigkeit. Dazu gesellt sich ein Schorf auf der behaarten
Kopfhaut, der das Haar büschelweise zum Ausfallen bringen kann.
Dazu stellt sich Fieber ein, Mattigkeit, Abgeschlagenheit der Glieder,
rheumatismusähnliche Schmerzen in den Gelenken und den Knochen (namentlich
in den langen Arm- und Schenkelknochen), am Tage Frostschauer und in der
Nacht Schweiße, dazu schwere Gemütsverstimmungen.
In den Schleimhäuten zeigen sich vielerlei Störungen, vom einfachsten
Katarrh angefangen bis zu den Papeln, die zu eiterigen Wucherungen
(sogenannten Kondylomen) werden können. Diese treten vor allem gern im
Rachen und im Munde auf und haben eine ungeheure Ansteckungsfähigkeit.
Nie ist beim Besuch einer Prostituierten der Besucher sicher, daß nicht
irgendwo am Körper ein Kondylom ihm die tückische Krankheit überträgt.
Häßlicher und schlimmer noch sind die syphilitischen Geschwüre, die noch
in dem sekundären Stadium auftreten und als schmerzhafte
Gewebszerstörungen überall im und am Körper auftreten können. So
namentlich an den Nasenflügeln und dem Nasensteg, in den Mundwinkeln, am
Zahnfleisch, an der Zunge, den Stimmbändern, dem Zäpfchen usw. Wie viele
Redner, Sänger, Schauspieler usw. haben schon durch diese fressenden
Geschwüre ihre Stimme und damit ihre Existenz und ihre Lebensfreudigkeit
verloren! Wieviel Entstellungen des Gesichts, wieviel Sprachstörungen
haben allein diese Ursache! Wohl selten ahnt jemand, daß der
leichtfertige Augenblicksgenuß bei der Dirne oder das zufällige
Geschlechtserlebnis der Straße ein so grauenhaftes Ende nehmen kann.
Manchmal, wenn der Kranke sich schon ganz oder fast ganz geheilt glaubt,
bricht mit einem Male die Krankheit in voller Stärke wieder aus. Der
ganze körperliche und seelische Jammer ist wieder da, und es ist wohl zu
verstehen, von welch grenzenloser, dumpfer Verzweiflung oft die
Unglücklichen befallen werden.
Glaubt man aber die sekundäre Syphilis völlig geheilt, ja, versichert
sogar der Arzt, daß sie völlig geheilt sei, so liegt auch darin nicht
eine Spur von Sicherheit; denn nach Jahren oder Jahrzehnten bricht die
Syphilis mit völlig verändertem Charakter wieder aus und wird dann in
der Tat furchtbar. Sie ist in ihr drittes (tertiäres) Stadium
eingetreten und nimmt insofern einen gänzlich anderen Weg, als die
sekundäre Syphilis ausschließlich die Haut und die Schleimhäute befällt,
während im tertiären Stadium vorwiegend die inneren Organe (Knochenhaut,
Muskeln, Darmsystem, Leber, Nieren, Lungen, Gehirn und das ganze
Nervensystem) erkranken.
Bei der tertiären Syphilis erscheinen runde oder ovale Papeln, die bald
geschwürig zerfallen und rotbraune Färbung gewinnen. Man nennt solch ein
Geschwür Gumma. Mehrere Gummata können zu einem einzigen Geschwür sich
vereinigen, das sich tief in das Gewebe hineinfrißt.
Das ist gerade das Entsetzliche dieser Gummata, daß sie die tieferen
Gewebsschichten und die inneren Organe angreifen und diese zu
geschwürigem Zerfall bringen.
So wird häufig die Nasenscheidewand durchgefressen, und die im Innern
abgefressenen Gewebsteile werden beim Räuspern oder Husten ausgestoßen.
Von den vorkommenden Kehlkopfzerstörungen ist wohl ein reichliches Teil
auf tertiäre Syphilis zurückzuführen. Die schrecklichen und widerlichen
Verwüstungen der Nase kann man ja hin und wieder auf der Straße
beobachten.
Die Knochen erfahren Auftreibungen und Verdickungen und werden
stellenweise ausgefressen, ausgehöhlt, so daß dauernde und auffallende
Veränderungen zurückbleiben. Ja, es kann beispielsweise der lange
Unterschenkelknochen so weit durchgefressen werden, daß er bei
irgendeiner Gelegenheit bricht.
Besonders schmerzhaft und gefährlich ist das Gumma, wenn es am
Schädelknochen sitzt. Dann frißt es sich bis zu den Hirnhäuten durch,
durchlöchert also die Schädeldecke und kann das Leben zerstören.
Schwere Nieren-, Leber-, Lungen- und Herzerkrankungen treten bei der
tertiären Syphilis auf und können gleichfalls den Tod herbeiführen.
Ergreift die tertiäre Syphilis das zentrale Nervensystem, so ist der
Kranke unrettbar dem Tode verfallen. Das am Schädel sitzende Gumma frißt
sich durch den Knochen hindurch oder treibt ihn auf; daraus erklären
sich die Vorboten jener fürchterlichen Krankheit, der Gehirnerweichung,
die wohl in den meisten Fällen den Charakter der tertiären Syphilis
trägt. Diese Vorboten sind: dauernder Kopfschmerz, Schwindel,
Ohnmachtsanfälle, Gedächtnisschwäche, tiefe Gemütsverstimmung und die
lange Reihe jener merkwürdigen, unüberlegten und sinnlosen Handlungen,
die oft bei einem früher klugen, geistvollen Menschen auftreten und den
Gehirnparalytiker verraten, ehe noch die schreckliche Krankheit zum
furchtbaren Ausbruch kommt. Daß ein sonst sparsamer Mann auf einmal ein
unruhiger Verschwender wird, ein sittenstrenger Mann zum wüsten,
ausschweifenden Erotiker, erklärt sich nur durch teilweisen und
fortschreitenden Verfall des Gehirns.
Bei der Rückenmarksschwindsucht ist ihr Zusammenhang mit der Syphilis
(oder mit ihrer Quecksilberbehandlung?) so offenbar, daß man fast von
Ausnahmslosigkeit sprechen kann.
Die bei Tabes des oberen Rückenmarkes auftretenden Sehstörungen,
namentlich Augenlähmungen und Entzündungen der Iris, sind fast alle
syphilitischen Charakters.
Es gibt keinen Teil am und im Körper, der nicht von der Syphilis
ergriffen und zerstört werden könnte. Zwar trifft die Krankheit nicht
jeden so schwer; aber sie ist heimtückisch und unberechenbar, und wenn
ein von dieser Krankheit befallener Körper nicht genügend Lebenskraft
hat, sich vernachlässigt und noch dazu ein ausschweifendes,
nervenzerstörendes Leben führt, so kann ihn die Krankheit bei lebendigem
Leibe zum Verfaulen bringen.
Die Syphilis ist erblich, das ist ihr größtes Schreckbild. Die
Nachkommen empfangen das Gift im Keim, und dieser angefaulte Keim
wird -- wenn er nicht abstirbt -- zu einer faulen Frucht. Dies ist das
Schrecklichste im Leben, der grauenvolle Leichtsinn, mit dem ein
syphilitisch Kranker das Gift auf Weib und Kinder überträgt und Leben
erweckt, das morsch, faul und unglücklich ist. Wieviel jammervolle
Menschen laufen umher, denen die Syphilis des Vaters oder der Mutter die
Kraft nahm und die Flügel gebrochen hat! Das ist die fluchwürdigste Tat,
deren ein Mensch fähig ist.
Die erbliche Übertragung der Syphilis geschieht durch syphilitische
Vergiftung der Keimzellen. Die Folgen sind Absterben der Frucht,
Frühgeburten und Fehlgeburten oder ganz elende, schwächliche und
erbärmliche Kinder.
Prof. ~Neumann~ machte im »Archiv für Kinderheilkunde« folgende Angaben
über die geradezu verheerenden Wirkungen der vererbten Syphilis: »Es
gebaren 71 Mütter im sekundären Stadium der Syphilis insgesamt 99
Kinder, d. h. es standen so viele Fälle zur Beobachtung. Dabei fanden
sich: 40 mal Abortus, 4 Frühgeburten, 3 Totgeburten, 24 Kinder, die
gleich nach der Geburt starben, 5 waren lebend, aber syphilitisch, und
nur 2 schienen gesund zu bleiben. ~Die Sterblichkeit war also 98
Prozent!!~
Dies große Kindermorden bezeichnet überall den Weg der Syphilis. Zwar
mildert sich das Bild, wenn die syphilitische Ansteckung der Mutter
nicht vor der Befruchtung oder zugleich mit ihr, sondern später
erfolgte. Zwar ist dann immer noch die Gefahr für das Kind groß; aber es
bleibt wahrscheinlich am Leben. Ist aber einmal die Syphilis im Körper
einer Frau, so ergreift sie die Keimzellen, die im weiblichen Organismus
in den Eierstöcken von Jugend auf fertig ausgebildet sind, und jedes
nachher geborene Kind wird geschädigt. Darin liegt die Furchtbarkeit der
Syphilis beim Weibe. Die Samenzellen des Mannes werden fortdauernd neu
gebildet, so daß beim Ausheilen der Syphilis auch die Erblichkeit
erloschen ist. Das ist beim Weibe nicht der Fall, weil immer in den
fertigen und auf Befruchtung wartenden Eizellen Syphiliskeime
zurückgeblieben sein können. Eine einmal syphilitisch gewesene Frau
sollte darum nie wieder Kinder bekommen. Und gerade hier sieht man die
ganze Schrecklichkeit dieser Krankheit, erkennt man, wie sie alles
Mutterglück für alle Zeit ersticken kann, und wie ein unschuldiges Weib
krank und unsagbar unglücklich werden kann, weil der Mann ihr in
schrecklichem Leichtsinn den Keim einer Krankheit übertrug, die er in
einer Stunde des bloßen Vergnügens erwarb.
Arme, arme, bejammernswerte Frauen, die nichts Böses taten und so schwer
leiden müssen! Wie kam so bitteres Unrecht in die Welt? Und wie ist es
auszudenken, daß es Männer gibt, gewissenlos und verbrecherisch genug,
wissend Leib und Seele einer Frau zu zerstören!
Ein syphilitisch erblich zerstörtes Kind ist das Grauenhafteste, was man
sich vorstellen kann. Ein jammervolles Leben, das schuldlos eine schwere
Bürde trägt. Eine Haut, die unter Umständen mit roten Flecken, Blasen,
nässenden Wunden und Eiterbeulen bedeckt ist, kranke, wuchernde
Schleimhäute, chronische Nasen- und Ohrenkatarrhe mit eiternden,
stinkenden Ausscheidungen, dazu wohl auch Taubheit, Blindheit,
Knochenentzündungen und Knochenauftreibungen mit schrecklichen
Formänderungen und ein rascher Zerfall der Zähne. Gehirn und Rückenmark
sind meist bei solchen unglücklichen Kindern angegriffen, und es zeigen
sich schon früh teilweise oder vollständige Lähmungen, Krämpfe,
Zuckungen, Epilepsie und vielerlei geistige Störungen, von einfachstem
Gedächtnisschwund und der Gemütsbedrückung angefangen bis zu
Wahnvorstellungen, fixen Ideen, furchtbaren Ausbrüchen und völliger
geistiger Zerrüttung.
[Illustration: Dekoration]
Vierter Teil.
Der Kampf um Sittlichkeit und Gesundheit.
Das ist das Schreckbild der Geschlechtskrankheiten, und wer je offene
Augen hatte, der wird nichts für Übertreibung halten.
Du kennst nun die Gefahr. Und die Gefahr wird deinen starken Willen
wecken, und du beginnst den Kampf. Den Kampf? Gegen was? Gegen alles,
was dich bedroht; denn ohne Kampf geht es nicht ab. Wahrlich, es gibt
einen Kampf zwischen triebhaftem Leib und sieghaftem Willen. Mensch
sein, heißt ein Kämpfer sein, und dieser Kampf ist der Menschheit
urewiges Erbstück.
Schmiede Waffen für diesen Kampf! Und willst du die wirksamsten kennen,
so suche sie im Widerstreit der Kräfte in deinem eigenen Körper und
Geist. Auf ~Arbeit~ sind alle deine Kräfte eingestellt. Sinnliche
Verschwendung zehrt an deiner Arbeitskraft, macht dich schlaff,
unlustig, geistlos. Die Arbeit aber zähmt und bändigt deine sinnlichen
Triebe. Darum stelle dein Leben auf Arbeit ein! Stecke dir ein Ziel, und
setze an die Erreichung dieses Zieles alle deine Kräfte. Dann wird die
Arbeit Inhalt und Halt deines Lebens, sie wird dir Sittlichkeit und
Grundlage der Persönlichkeit werden.
Völker sind durch Arbeit groß geworden, sind mit ihrer Arbeit gewachsen,
und es war stets ein Zeichen des Niederganges, wenn ein Volk sich teilte
in Arbeitende und Müßiggänger. Denn unter diesen Müßiggängern, die nicht
einen einzigen Tag mit ernsten Pflichten erwachen, sondern sich treiben
lassen von ihren Stimmungen und Einfällen, führt die Sucht nach
Unterhaltung über Sport und Spiel zu Liebesabenteuern und
Geschlechtserregungen. Und je weniger der Körper durch den strengen
Willen und die rauhe Notwendigkeit der Arbeit gebändigt ist, desto
weichlicher und haltloser wird der Charakter, desto ungebärdiger und
zügelloser die Phantasie, und eine wirre, unsaubere Sinnlichkeit erfüllt
den Geist, dem durch Mangel an Arbeit die straffen Zügel genommen sind.
Sicherlich gibt es Menschen von ruhelosem Arbeitsdrang, Menschen, denen
die Arbeit zum Laster, zur Krankheit, zu einem neurasthenischen Zwang
wurde, die ruhelos arbeiten müssen, um die gejagten Nerven zu
befriedigen und um sich über die entsetzliche Leere ihres Inneren
hinwegzutäuschen. Solche Menschen sind uns nicht Vorbild. Sie sind die
eine Ausschreitung, der Müßiggänger die andere.
Wie wohltuend steht dazwischen der ruhig und kraftvoll Arbeitende! Das,
was er schafft, gibt ihm Ernst und Würde, gibt ihm Stolz, und in dieser
Würde, diesem Stolz liegt die große Widerstandskraft gegen alles
Schlechte. Die Arbeit ist eine innere Spannung, die über Mißgeschick
hinweghilft und eine stille Fröhlichkeit um sich verbreitet. Wer sein
Geld durch Arbeit erwarb, wird es höher schätzen, wird sparsamer sein
als der Müßiggänger, der mit des Vaters ererbtem Gelde seine Stunden
totschlägt und aus Überdruß nach vielen Genüssen nur noch den
Geschlechtsgenuß kennt. Dann ist's mit der Arbeit vorbei, denn Arbeit
verlangt Kraft und innere Stählung, und nichts zerstört diese Kraft so
sicher, wie die Sinnlichkeit, wenn sie unbeherrscht und krankhaft in
Leib und Sinn wühlt.
Niemand wird eine gesunde Sinnlichkeit abtöten können. Und niemand soll
es tun. Aber sie soll als bewegende Kraft in der beherrschenden Kraft
des Willens liegen und nicht durch beständigen Anreiz zu einer
triumphierenden und den Menschen versklavenden Macht werden. Ernste
Arbeit entzieht dich vielen solchen Anreizen, und ein festes Lebensziel
fesselt deinen Willen an diese Arbeit.
~Schopenhauer~ schrieb 1813 in sein Tagebuch: »An den Tagen und Stunden,
wo der Trieb zur Wollust am stärksten ist, ... gerade dann sind auch
die höchsten Kräfte des Geistes, ja das bessere Bewußtsein zur größeren
Tätigkeit bereit, ob zwar in dem Augenblicke, wo das Bewußtsein sich der
Begierde hingegeben hat und davon voll ist, latent; aber es bedarf nur
einer gewaltigen Anstrengung zur Umkehr der Richtung, und statt jener
quälenden, bedürftigen, verzweifelnden Begierde (dem Reich der Nacht)
füllt die Tätigkeit der höchsten Geisteskräfte das Bewußtsein (das Reich
des Lichts). In besagten Zeiten ist wirklich das kräftigste, tätigste
Leben überhaupt da, indem beide Pole mit der größten Energie wirken.
Dies zeigt sich bei ausgezeichnet geistreichen Menschen. In besagten
Stunden wird oft mehr gelebt als in Jahren der Stumpfheit.«
Schiller hat diesen Gedanken in wundervolle Worte gekleidet:
Leidenschaften sind schäumende Pferde,
Angespannt an den rollenden Wagen.
Wenn sie entmeistert sich überschlagen,
Zerren sie dich durch Staub und Erde.
Aber lenkest du fest den Zügel,
Wird ihre Kraft dir selbst zum Flügel,
Und je ärger sie reißen und schlagen,
Um so herrlicher rollt dein Wagen.
[Illustration: Dekoration]
Dein Leben gelte der Arbeit! In diesem Zeichen wirst du siegen.
Aber es gilt, auf der Hut zu sein, um alles zu vermeiden, was eine
Geschlechtserregung herbeiführen könnte. Je gesünder und normaler der
Organismus, desto gleichmäßiger sind seine Kräfte in den Nervenzentren
verteilt. Der nervöse, überhaupt der geschwächte Mensch hat meist eine
Schwäche und leichte Erregbarkeit im Lendenteil des Rückenmarkes. Hier
ist der hauptsächlichste Sitz des Geschlechtsgefühls. Alles, was stark
auf den Organismus einwirkt, trifft am meisten dies schwache und wegen
seiner Schwäche leicht erregbare Fundament. Darum werden nicht nur rein
geschlechtliche Dinge hier gefährlich, sondern auch ungünstige
Einwirkungen durch Essen und Trinken, Überanstrengung, Trägheit, d. h.
Mangel an Arbeit, falsche Lektüre, seelische Erregungen usw.
Natürlich ist der rein geschlechtliche Reiz der weitaus stärkste,
weshalb denn für diese oft vorhandene Schwäche des Lendenmarkes nichts
unheilvoller und verhängnisschwerer wird als Onanie oder vorzeitiger
Geschlechtsumgang. Das Nervensystem neigt zur Periodizität, und jede
Übung steigert die Reizempfänglichkeit. Es ist deshalb nicht ohne
weiteres richtig, zu sagen, daß die Betätigung den Trieb befriedigt.
Nein, durch die Geschlechtsbetätigung wird oft erst ein Bedürfnis
geschaffen, was in gleicher Stärke vorher nicht vorhanden war.
Über die rein körperlichen Ursachen der Geschlechtserregung haben wir
schon im ersten Teile gesprochen. Meide also das viele Stillsitzen, das
den Unterleibs- und Geschlechtsorganen eine stockende Blutüberfüllung
gibt und das Nervensystem in einen Zustand von Gereiztheit versetzt.
Gerade das in den Schulen, in allen Studienanstalten und in allen
Schreibstuben geübte dauernde Stillsitzen ist eine verbreitete Ursache
der Onanie und aller sinnlichen Erregung überhaupt.
Bei hoher geschlechtlicher Reizbarkeit sind auch gewissen Sportsübungen
sinnlichkeitsreizende Gefahren nicht abzusprechen. Das ist z. B. das
Klettern, das Reiten und das Radfahren. Die Bewegungen und Reibungen der
Geschlechtsorgane sind bei vielen erregbaren jungen Menschen nicht
unbedenklich. Der beste Kenner dieser Dinge in Deutschland, _Dr._
~Rohleder~ in Leipzig, behauptet, daß infolge des Reitens die Onanie bei
der Kavallerie ungeheuer verbreitet sei.
Und noch eins ist zu erwähnen, das ist der Tanz. Er hat schon
entwicklungsgeschichtlich so viel geschlechtlich-symbolische Züge, daß
man auch seine sexualerregende Wirkung wohl verstehen kann. Wenn du
durch ihn in dieser Richtung gefährdet bist, so schränke ihn ein. Ja,
bringe unter Umständen deiner Gesundheit das Opfer, ihn ganz zu lassen.
Jedenfalls bringe nicht Tanz und Alkohol zusammen; denn das leicht
erregbare Nervensystem ist diesem doppelten Reiz nicht gewachsen.
Achte auf das Bett, wie ich schon früher sagte. Laß dein Lager kühl und
hart sein und schlafe nicht länger, als es dir dienlich ist. Vor allem
träume nicht im Bett in die Morgenstunden hinein.
Bade fleißig! Halte den Körper und namentlich die Geschlechtsorgane
sauber. Schwimme und turne, wandere, singe und sei fröhlich!
An erster Stelle soll in der Pflege deines Körpers das Luftbad stehen.
Ich hab's genau beschrieben in einem anderen Buche: »Die Heilkraft des
Luft- und Sonnenbades«[7]. Nackt in der Luft stählst du die Nerven. Nur
meide die starke Sonne und träges Herumliegen in der Sonne. Es
erschlafft den Körper und kann sinnlich erregen. Hat es dich erschlafft,
so nimm ein kühles Fluß- oder Brausebad. Überhaupt sind kühle Bäder und
kühle Waschungen zuträglich, wenn die Gefahr der sinnlichen Erregung
naht. Hast du morgens beim Erwachen Erektion, so stehe rasch auf, mache
eine kühle Abwaschung und kleide dich rasch an. Aber übertreibe diese
Dinge niemals, weil sonst Schwächung eintritt, die doch wieder zu
sinnlicher Erregung führt. Übertreibe auch nicht bei gymnastischen und
sportlichen Dingen, bei Wanderungen und ehrgeizigen Wettveranstaltungen.
Alles Übermaß führt zur Disharmonie, und nur in der Harmonie aller
Kräfte liegt die Möglichkeit zu ihrer Beherrschung.
Und sei einfach und mäßig in deiner Nahrung. Denke daran, daß jedes
Übermaß deine Geschlechtsbegierde steigert, und daß namentlich Fleisch,
Fleischbrühe, Wurst, Eier und alter, scharfer Käse, sowie Gewürze, die
Sinnlichkeit erregen und den Kampf gegen diese namenlos erschweren. Wir
Menschen haben meist keinerlei Vorstellung davon, wie eng unser ganzes
geistiges und Gefühlsleben mit den Stoffen zusammenhängt, die wir als
Nahrung zu uns nehmen. Nichts zeigt unsere Erdgebundenheit mehr, als
diese unbestreitbare Abhängigkeit.
Namentlich das Abendessen sei einfach und mild. Du mußt es früh
einnehmen, damit nicht die Arbeit der Verdauung deinen Schlaf stört und
eine Phantasietätigkeit weckt, die dir gefährlich werden kann. Die
einfachsten Speisen sind die zuträglichsten. Ein gesunder Geist und ein
gesunder Körper neigen zur Einfachheit. Schwache Nerven erzeugen
Unmäßigkeit und die Sucht nach Pikantem.
Auch erregende Getränke haben direkten und unzweifelhaften Einfluß auf
Körper und Geist und namentlich auf die Geschlechtlichkeit. Und nichts
gibt es, das in dieser Hinsicht so verderblich, so furchtbar
niederreißend ist wie der Alkohol. Er ist ja innerhalb der menschlichen
Gesellschaft geradezu der Quell aller unerlaubten, unsauberen
Beziehungen, alles unehrlichen, schlechten Denkens und aller niedrigen,
gemeinen Handlungen geworden.
Der Alkohol ist des deutschen Volkes angestammtes Laster. Schon die
alten Deutschen verkauften im Trunk Haus und Hof, Weib, Ehre und
Freiheit. Das Trinken ist Gewohnheit, Gesellschaftskodex, eiserner
Bestand, historisches Gesellschaftsrecht geworden. Es herrscht überall
und drückt allem Handeln der Deutschen seinen besonderen Stempel auf.
Eine fluchwürdige Entwicklung, in der man nicht weiß, was man mehr
verachten soll, die Schlaffheit derjenigen, die immer weiter trinken,
oder die Gewissenlosigkeit des Braukapitals, das an allen Straßenecken
zum Trinken verleitet.
Nirgendwo aber spielt der Alkohol eine so verheerende Rolle, wie im
Nervensystem der Menschen und vor allem im Geschlechtsleben. Der Alkohol
ist, weil ein dem Körper durchaus fremder, nicht assimilierbarer Stoff,
ein Überreiz, der nicht nur den Körper schwächt, sondern vor allem
höchst merkwürdige Wirkungen an Geist und Seele entfaltet. Er bewirkt
eine Erregung, die sich als gesteigerte Phantasie, als erhöhter Mut, als
Fessellosigkeit des Denkens, als sexuelle und allgemeine
Unternehmungslust äußert, in Wirklichkeit aber Schwäche ist, denn der
klaffende Spalt zwischen gesteigertem Wollen und geschwächtem Können ist
eine wesentliche alkoholische Merkwürdigkeit.
Vor allem aber reißt der Alkohol das nieder, was die Menschheit in
jahrtausendealter Kulturentwicklung aufgebaut hat und was das Ziel
aller Erziehung und aller Persönlichkeitsentwicklung ist, jene feinen
und klaren Unterscheidungen zwischen Gut und Böse und jene Hemmungen der
Einsicht, der Moral und des Willens, die sich gegen das Schlechte, das
Niedrige und Rohe aufrichten. Fällt das alles, so tritt der Mensch in
seiner ursprünglichen Roheit und Brutalität wieder hervor, wie wir es ja
in der Alkoholwirkung tatsächlich sehen.
Wo anders kann das deutlicher sich zeigen als in den geschlechtlichen
Dingen? Hier steigert der Alkohol die Begierde und wird zum Kuppler,
weil er das Verantwortlichkeitsgefühl tötet, die sittliche Würde und
Selbstbeherrschung zurückdrängt und zu Geschlechtsverbindungen treibt,
die in solcher Art und solcher Häufigkeit bei nüchternem Kopfe undenkbar
wären.
Der Alkohol verleitet tatsächlich zu den leichtsinnigsten
Geschlechtsverbindungen und gefährlichsten Abenteuern. Tausende von
jungen Männern erwerben ihre Geschlechtskrankheit, wenn sie angeheitert
zum Haus der Dirne gehen. Ja, die meisten haben wohl die Bekanntschaft
der Prostitution erst mit erleichternder Hilfe des Alkohols gemacht.
~Forel~ machte unter seinen geschlechtskranken Patienten eine Statistik
und fand, daß 75% davon sich unter dem Einfluß des Alkohols angesteckt
hatten.
Je höher der Alkoholgehalt eines Getränkes, desto stärker auch seine
Wirkung. Aber von den Getränken mit geringem Alkoholgehalt, wie z. B.
Bier, werden oft solche Mengen getrunken, daß trotzdem stärkste
Wirkungen, Trunkenheit, leichtsinnige Geschlechtsverbindung, venerische
Ansteckung, geschlechtliche Verirrungen u. dergl. zustande kommen. Und
die Statistik lehrt, daß die Zahl der unehelichen Geburten mit dem
Bierverbrauch in den einzelnen Städten steigt und sinkt.
Von den Sittlichkeitsdelikten kommt ein sehr hoher Prozentsatz aus dem
Alkoholgenuß. Und was diesen vielen und vielerlei Ausschreitungen,
Fehlern, Unbesonnenheiten und Vergehen an Unglück, Familienjammer und
sozialem Elend folgt, das ist kaum zu übersehen. Hier gibt's für den
einsichtsvollen Menschen nur einen Weg, den der Enthaltsamkeit vom
Alkohol.
Wie Schreck fährt's manchem durch die Glieder, wenn es heißt, er soll
kein Bier mehr trinken. So fest sitzt es in seinen Lebensbegriffen, daß
ihn der Verzicht ungeheuerlich anmutet. Und doch gibt's nicht den
kleinsten Vorteil, der im Alkohol wohnt, sondern nur Nachteil,
unbedingten, unbegrenzbaren Schaden. Was schädlich ist, geht wider die
menschliche Vernunft. Darum räumen wir etwas aus dem Weg, was die
Menschen in ihrer gesamten Entwicklung hindert, und verzichten auf den
Alkohol. In diesem Verzicht liegt Selbstachtung, Stolz, Würde. Gute
Entschlüsse machen den Menschen reifer, willenskräftiger, sittlich
freier. Und der Verzicht auf den Alkohol ist ein guter Entschluß!
[Illustration: Dekoration]
Meidest du den Alkohol, so meidest du von selbst jene häßlichen Stätten,
wo der Alkohol bewußt und planmäßig zur sinnlichen Anreizung gebraucht
wird, die Animierkneipen und alle anderen Kneipen »mit Damenbedienung«.
Es liegt etwas unsäglich Häßliches und Niedriges, etwas namenlos
Gemeines in diesen Kneipen, und es ist mir völlig unverständlich, wie
ein junger Mann in der Dunstwolke dieser alkoholischen Geilheit auch nur
einen einzigen Atemzug tun kann.
Hier stehen wir auf der Grenze, wo die körperlichen Anreize der
Geschlechtlichkeit in die geistigen übergehen. Und so, wie du den Körper
freihalten mußt von unsauberen Dingen, so gib auch dem Geist nur und
ausschließlich gute Nahrung. Leicht mag das nicht sein. Denn die
erotische Hochspannung der Kultur hat auch in die Literatur und in die
Kunst einen erotisch-neurasthenischen Ton hineingetragen. Die Betonung
des Sexuell-Sinnlichen kommt dem Interesse der Menge entgegen. Sexuelle
Dinge werden breit, mit zynischer Behaglichkeit oder mit geschickt und
elegant verborgener Lüsternheit geschildert oder gemalt. Vor nichts
scheut man zurück, und die Schamlosigkeit macht sich breit unter dem
Deckmantel des »Realismus«.
Wir wollen ganz absehen von Kolportageromanen, die auf die niedrigsten
Instinkte spekulieren. Nein, auch fähige Schriftsteller, begabte
Bildhauer und Maler haben sich der Erotik verschrieben und prostituieren
ihre Kunst, um den billigen Beifall der Menge zu erhaschen.
Wieviel Unheil richten sie in jugendlichen Köpfen an! Unruhige sinnliche
Wünsche werden geweckt, sittliche Begriffe gestürzt; denn das, was ohne
Zweifel schlecht ist, wird durch diese erotische Literatur »interessant«
gemacht. Wieviel schlechte Handlungen entsteigen der durch schlechte
Lektüre verwilderten Phantasie! Wie oft erfährt der Richter, daß ein
schlechtes Buch den Antrieb zu einer sittlichen oder strafrechtlichen
Entgleisung gab!
Die Zahl der scheußlichen Witzblätter ist groß, und selbst Witzblätter,
denen manch ernstes Wort eine Bedeutung gab, haben sich dem erotischen
Zynismus mit Haut und Haaren verschrieben. Die Inseratenseiten wimmeln
von Anzeigen erotischer Literatur, von Anpreisungen von
»Aktzeichnungen«, die angeblich nur für »Kenner« oder »Künstler«
bestimmt sind. Aller Schmutz kann in solchen Inseratteilen abgeladen
werden, und die vielen Anzeigen von Heiratsgesuchen, von Wohnungen »mit
separatem Eingang« und dergleichen sind nur eine schwungvolle geldliche
Ausnützung der allgemeinen Lüsternheit.
Schmach und Schande über eine Presse, die sich ihrer erzieherischen
Pflicht so wenig bewußt ist!
Am meisten hast du dich zu schützen vor jener Literatur, die angeblich
»Aufklärung« verbreiten will in geschlechtlichen Dingen und mit allerlei
unverfänglichen oder auch verfänglichen Titeln die Neugier der Jugend
erregt. Ich weiß aus vielen Berichten, die mir zugegangen sind, wie
solche Bücher Schaden anrichten. Die Lüsternheit und Sinnlichkeit des
Verfassers steigt zwischen den Zeilen auf und teilt sich dem
Leser -- ihn erregend -- mit, so daß mancher mir schon berichtete, wie
sehr ihn gerade diese Aufklärungsliteratur zur Onanie und sinnlichen
Gesprächen verleitete.
Auch da, wo der Inhalt des Buches an sich richtig und gut ist, kann
diese Gefahr bestehen, denn hier macht der Ton die Musik, und ich stehe
keineswegs bei denjenigen, die da meinen, man müsse aus Gründen der
»Natürlichkeit« den letzten zarten Schleier der Schamhaftigkeit von den
geschlechtlichen Dingen hinwegnehmen. Nicht das restlose Wissen, nicht
die absolute Entschleierung ist der beste Schutz, sondern die zarte,
poesievolle und doch kraftvoll-gesunde Auffassung vom Liebesleben, jene
innere, tiefe und wahrhaftige Schamhaftigkeit. Nicht im Verstand liegt
die Sittlichkeit, sondern in der Seele. Darum haben diejenigen die
höchsten sittlichen Kräfte, die die stärksten Glaubenskräfte haben.
Prostituiert ist auch die bildende Kunst. Vorbei ist die Hoheit der
griechischen Meister, die mit der Darstellung der Nacktheit höchste
Schamhaftigkeit und sittliche Würde verbanden. Wir leugnen gar nicht die
sinnlichen Elemente des Kunstgenießens. Aber die Kunst soll unsere
Sinnlichkeit idealisieren, durch das körperlich Schöne den Enthusiasmus
der Seele wecken, nicht aber die rohe Sinnlichkeit entflammen und den
aufstrebenden Geist in die Fesseln der quälenden Körperlichkeit bannen.
Eine gemeine Kunst verführt zu einsamen Triebverirrungen, zu Lüsternheit
und Ausschweifung. Es ist nicht ratsam, in Kunstfragen den Staatsanwalt
und die Polizei zur obersten Instanz zu machen. Bessere Richter einer
gesunkenen, feilen und geilen Kunst sind guter Geschmack, anständige
Gesinnung und Selbstachtung. Das Angebot wird durch die Nachfrage
hervorgelockt, und jeder vernünftige Mensch sollte es für unter seiner
Würde halten, ein Bildwerk zu betrachten oder gar zu kaufen, das die
Lüsternheit herausfordert.
Der Stolz müßte sich auch aufbäumen gegen den Schmutz, der sich in
photographischen oder literarischen Pikanterien breit macht. Warum gehen
junge Männer nicht diesen gemeinen Anreizen aus dem Wege? Warum
erschweren sie sich den Kampf und lassen sich immer mehr herabziehen?
Nicht die gewissenlosen Händler sollte man anklagen, sondern die
charakterlosen Männer, die den Schmutz begehren.
Das Denken in geschlechtlichen Dingen ist sehr wohl ein Maßstab der
allgemeinen Kraft und Sittlichkeit eines Volkes überhaupt, und es ist
charakteristisch, wenn wir aus Frankreich hören, daß dort die Väter
ihren beim Militär dienenden Söhnen zur Unterhaltung pornographische
Photographien senden.
Was aber soll man dazu sagen, wenn sogar die dramatische Kunst, die den
stärksten Einfluß auf das Volk hat, ihre Verantwortlichkeit verliert und
im sexuellen Zynismus landet? Die Kunst geht nach Brot, und wenn der
Brotherr, das Publikum, einen verkommenen Geschmack hat und mit gierigem
Blick nach Lüsternheiten Ausschau hält, dann darf man sich nicht
wundern, wenn die Bühne französische Ehebruchsdramen und
zynisch-erotische Vaudevilles aufführt. Da ist der Held der Bühne nicht
der stolze, edle Mensch, nicht Tell, Tasso oder Posa, sondern der seine
Frau betrügende Ehemann, der weichlich-erbärmliche Don Juan, der in
tausend Ängsten vor dem Entdecktwerden und in tausend Nöten von einer
jammervollen Situation in die andere gerät, und der uns dann als von den
Frauen besonders begehrt dargestellt wird. Sieht man, wie vollbesetzt
diese Theater sind, und wie im Publikum die Mienen ohne alle
Selbstbeherrschung gierig-lüstern werden, so kann man das Gefühl von
Scham und Empörung nicht unterdrücken über ein Volk, das so seine großen
Männer vergißt, und über Menschen, die so sehr alles Edle, Schöne,
Menschliche von der Geilheit überwuchern lassen.
Schule deinen Geschmack und deinen ganzen inneren Menschen an echter,
edler Kunst und sei zu stolz, ein Spielball dieser lüstern-geschäftlichen
Spekulationskunst zu werden.
Halte dich auch fern von den auf niedriger Stufe stehenden
Varieté-Theatern, wo der Humorist ein privilegierter Zotenreißer ist und
die Tänzerinnen mit dem Mangel an Kleidung den noch größeren Mangel an
Können verdecken, wo ein rauch- und bierdunstiges Lokal bis zum letzten
Platz mit Männern angefüllt ist, und sogar Frauen sich nicht scheuen,
ihr eigenes Geschlecht auf der Bühne prostituiert zu sehen. Warum sind
die Varietés, die Singspielhallen, die Konzertcafés mit
erotisch-winselnder Geigenmusik überfüllt, und warum können sich ernste
Bühnen so schwer halten? Weil die Massen korrumpiert sind, und weil die
wachsende Degeneration die Sinnlichkeit triumphieren läßt und zugleich
die Selbstkritik schweigen heißt.
Diese bedrohlich angewachsene Sinnlichkeit wird von dem Kapital in
raffinierter Weise ausgeschlachtet. Ganze Industrien rechnen ja mit
dieser Sinnlichkeit. Aber wieviel Unheil richtet sie an! Wieviel
Nervenkraft und Menschenglück wird dabei zerstört! Es ist nicht ehrlich,
Geld zu verdienen, wenn ein anderer dabei geschändet wird.
Aber niemand ist genötigt, sich diesen Schäden hinzugeben. Setze an die
Stelle dieses wirren und wüsten Treibens deinen Stolz, deine Würde, dein
besseres Ich und eine ernste Arbeit mit festem Lebensziel, dann wird die
Gefahr deine Kräfte stählen. Die Arbeit ist die Grundlage deines Lebens,
und die Stunden, die nicht deinen Pflichten gehören, sondern dir selbst,
die sollst du ausfüllen mit Schönem, mit guter Lektüre. Unser deutsches
Schrifttum ist reich an guten Büchern. Du sollst die freien Stunden
benutzen, gute Kunst kennen zu lernen. In Museen und Galerien ist
Gelegenheit dazu. Und vor allem sollst du die Natur, deine Heimat,
kennen lernen und wandern, damit dein Körper stark und dein Geist
fröhlich werde. ~Geh allem aus dem Wege, was dich herabzieht. Schaue nur
Schönes, denke nur Gutes, handle nur edel, dann wirst du den Sinn und
die Schönheit des Lebens in dir selbst finden, weil du in Harmonie mit
dem Weltprinzip bist.~
[Illustration: Dekoration]
Schlußwort.
So bist du mir nun gefolgt, lieber junger Freund, und wir haben das
Gebiet durchwandert, das gleicherweise Glück und Unglück, Jubel und
Tränen, Schönheit und Grauen umschließt, in das fast alle Menschen mit
Kraft und Sehnsucht einziehen, und in dem wir sie weiterwandern sehen
mit Krankheit, Schwäche, gebrochener Seele, verlorener Jugend und
beladen mit wirren und schwülen Geheimnissen.
So viel Jammer entsteigt der Unwissenheit!
War's da nicht recht, deine Augen sehend zu machen? Ich habe dir nicht
nur Häßliches zeigen und dich vor Gefahren warnen wollen, nein, auch die
Schönheiten des Liebesgefühls habe ich in dir keimen lassen, weil ich
weiß, daß alle Lebensschönheit nur in der Natur steckt und die Natur
auch im Menschen wohnt. _Naturalia non sunt turpia!_
Nicht das ist die wahre Sittlichkeit, die einen Gegensatz zwischen
Mensch und Natur errichtet, die vom Menschen ein Abtöten seiner Natur
verlangt und ihn in einen letzten Endes vergeblichen Kampf zwischen Tun
und Willen stürzt. Nein, die wahre Sittlichkeit liegt im Erkennen der
erdgeborenen Natur des Menschen und in dem festen Willen, schrittweise
und allmählich auf höhere Stufen zu gelangen. Weder haben diejenigen
recht, die leichtsinnig in den Tag hineinleben, die alles, so wie es
ist, für gut halten und vom Baume des Lebens so viel Früchte
herabnehmen, wie sie erhaschen können, noch können wir denjenigen
folgen, die in düsterem Pessimismus alle Lebensschönheit nicht sehen
wollen und sich auf den Himmel vorzubereiten wähnen, während doch
zugleich ihr Aszetismus ein göttliches Gebot in den Staub zieht.
Zwischen diesen zwei Irrenden steht der wahrhaft sittliche Mensch, der
sein Leben und seine Persönlichkeit reich und kraftvoll entfaltet, aber
nicht eingreift in die Rechte der anderen und nicht das Wohl der
Nachgeborenen untergräbt. Dem die tiefe Erkenntnis der biologischen
Zusammenhänge ein starkes Selbstverantwortlichkeitsgefühl aufzwingt, und
der seine Wünsche schweigen heißt, wenn ihre Befriedigung die feinen
geheimnisvollen Fäden verwirrt, die alle Menschen in Glück und Unglück
miteinander verbinden.
Da sehen wir die strengen Grenzen zwischen individueller und sozialer
Ethik. Die eine lebt sowohl im Aszetismus wie in der Vergnügungssucht
der Masse, die sich in ihrem oberflächlichen Individualismus eine
Kollektivethik geschaffen hat. Beide aber maßen sich an, selbst Richter
aller Dinge zu sein. Hoch über beiden steht die soziale Ethik, die von
Einzelnen in das Volk getragen wird, von jenen Einzelnen, in denen die
schreiende sexuelle Not der Menschen ein Echo fand, und in denen das
Menschheitsgewissen, jene feine und sichere Unterscheidungskraft
zwischen Gut und Böse, lebte.
Diese soziale Ethik nimmt einem natürlichen Triebe alles, was ihn
häßlich macht und die Menschennatur herabwürdigt, und sie gestaltet sein
Äußern so, wie es das Wohl der sozialen Gesamtheit verlangt.
Alle Ethik hat ihre Wurzeln im Geschlechtsleben. Denn das
Geschlechtsgefühl ist die eigentliche Urquelle aller menschlichen
Sympathiegefühle und aller sozialen Organisationen überhaupt. Ist daher
das Geschlechtsleben krank und verdorben, so muß der ganze Bau des
Menschendaseins erschüttert werden.
Das Geschlechtsleben ist die höchste und stärkste Entwicklungskraft der
Menschheit. Es hat der Religion Nahrung gegeben, hat Kultur, soziale
Gemeinschaft und Kunst entwickelt und dem Geist seine feinsten Blüten
gegeben. Aber es ist auch die Kraft, die wie keine andere die Menschen
hinabstößt in Schwäche und Elend, in Verwilderung und Versumpfung, in
leiblichen und geistigen Tod. Das Geschlechtsgefühl ist dem
Menschengeschlecht Himmel und Hölle zugleich. Darin liegt sein tiefer,
eherner Ernst.
Aus dem Geschlechtsgefühl quillen Menschenwerte. Ein niedriges
Geschlechtsleben schafft Krankheit und niedriges, schlechtes Denken. Ein
reines Geschlechtsleben dient der Gesundheit, adelt den Menschen und
veredelt die Rasse. Diese Reinheit vereinigt Natürlichkeit mit feinstem
Schamgefühl, gesunde Kraft mit zartschöner, idealistischer Auffassung.
Das ist's, wozu ich dich mit diesem Buche hinführen wollte. Nicht die
»Natürlichkeit« in jenem stumpfen Sinne einer seelenlosen Nüchternheit,
die das Geschlechtliche zu einer Alltagsgebärde stempelt. Die dem
Liebesgefühl seine Gefahren dadurch nehmen will, daß man es in der
Nüchternheit körperlicher Selbstverständlichkeit erstickt. Nein,
diejenige Natürlichkeit will ich dich lehren, die zwar den körperlichen
Untergrund aller Dinge sieht, aber alle Körperkultur nur als
Ausgangspunkt einer kraftvollen Seelenkultur erkennt.
Dem Seelenkultus dienen wir! Der rohe Körperkult dient letzten Endes der
Form- und Zügellosigkeit, wenn der Seele feinste Strömungen nicht das
körperliche Tun durchwehen. Die Seele allein birgt die wahre Scham, des
Geschlechtsempfindens zarteste Blüte.
So habe ich dir die Wege deines Tuns gewiesen. Unbeirrt und klaren Auges
kannst du in das Leben hinaustreten. Trenne dich von der Masse, von
denen, die ideallos geworden sind, folge dem Stern deines besseren Ich,
schreite mutig und siegreich durch alle Gefahren! Vermehre nicht das
Unglück und den Kummer der Menschen, sondern sei in deiner sittlichen
Kraft wie ein Licht, das ins Dunkle strahlt und auch anderen Menschen
das Leben verschönt.
~So trenne ich mich von diesem Buche und trenne mich von dir.~
~Lebe wohl!~
~Dein Leben sei rein und ehrlich und voll Glück! Und daß es so sei, gehe
den einsamen Weg der Guten!~
~Lebe wohl!~
[Illustration: Dekoration]
Fußnoten:
[1] Man lese »Arbeit, Kraft und Erfolg«, Wege zur Steigerung der
Leistungsfähigkeit in körperlichem und geistigem Schaffen. Von Emil
Peters. Mk. 4.25. Zu beziehen durch den Volkskraft-Verlag, Konstanz am
Bodensee.
[2] Volkskraft-Verlag, Konstanz am Bodensee.
[3] Volkskraft-Verlag, Konstanz am Bodensee, geh. Mk. 2.75, geb. Mk.
4.50.
[4] Wissenschaft und Sittlichkeit, Berlin 1908.
[5] Die Gefahren des außerehelichen Geschlechtsverkehrs. 2 Aufl. München
1904. A. Müller.
[6] a. a. O., S. 6.
[7] Volkskraft-Verlag Konstanz am Bodensee, geh. Mk. 2.75, geb. Mk.
4.50. Porto 25 Pfg.
* * * * * *
Anmerkungen zur Transkription:
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
Einige Ausdrücke wurden in beiden Schreibweisen übernommen:
andererseits (Seiten 38 und 39) und andrerseits (Seiten 26, 31, 97
und 106)
gesunderen (Seite 34) und gesünderen (Seite 90)
gesunder (Seite 19) und gesünder (Seiten 88 und 116)
Folgende offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert:
geändert wurde
"Daß ist die große"
in "Das ist die große" (Seite 18)
geändert wurde
"Buche »Der nervöse Mensch«."
in "Buche »Der nervöse Mensch«.[1]" (Seite 34)
geändert wurde
"den _~GonoccociNeisseri~_ oder"
in "den _~Gonoccoci Neisseri~_ oder" (Seite 96)
geändert wurde
"führt zur Dishamonie, und"
in "führt zur Disharmonie, und" (Seite 118)
geändert wurde
"Volkskraf-Verlag, Konstanz am Bodensee, geh. Mk. 2,75,
geb. Mk. 4,50."
in "Volkskraft-Verlag, Konstanz am Bodensee, geh. Mk. 2.75,
geb. Mk. 4.50." (Fußnote 3)