Die Kunst ist lang, das Leben kurz, das Urteil schwierig, die
Gelegenheit flüchtig. Handeln ist leicht, Denken schwer; nach dem
Gedanken handeln unbequem. Aller Anfang ist heiter, die Schwelle ist
der Platz der Erwartung. Der Knabe staunt, der Eindruck bestimmt ihn,
er lernt spielend, der Ernst überrascht ihn. Die Nachahmung ist uns
angeboren, das Nachzuahmende wird nicht leicht erkannt. Selten wird
das Treffliche gefunden, seltner geschätzt. Die Höhe reizt uns, nicht
die Stufen; den Gipfel im Auge, wandeln wir gerne auf der Ebene. Nur
ein Teil der Kunst kann gelehrt werden, der Künstler braucht sie ganz.
Wer sie halb kennt, ist immer irre und redet viel; wer sie ganz
besitzt, mag nur tun und redet selten oder spät. Jene haben keine
Geheimnisse und keine Kraft, ihre Lehre ist wie gebackenes Brot
schmackhaft und sättigend für einen Tag; aber Mehl kann man nicht säen,
und die Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden. Die Worte sind
gut, sie sind aber nicht das Beste. Das Beste wird nicht deutlich
durch Worte. Der Geist, aus dem wir handeln, ist das Höchste. Die
Handlung wird nur vom Geiste begriffen und wieder dargestellt.
Niemand weiß, was er tut, wenn er recht handelt; aber des Unrechten
sind wir uns immer bewußt. Wer bloß mit Zeichen wirkt, ist ein Pedant,
ein Heuchler oder ein Pfuscher. Es sind ihrer viel, und es wird
ihnen wohl zusammen. Ihr Geschwätz hält den Schüler zurück, und ihre
beharrliche Mittelmäßigkeit ängstigt die Besten. Des echten Künstlers
Lehre schließt den Sinn auf; denn wo die Worte fehlen, spricht die Tat.
Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln
und nähert sich dem Meister.
"Genug!" rief der Abbe, "das übrige zu seiner Zeit. Jetzt sehen Sie
sich in jenen Schränken um!"
Wilhelm ging hin und las die Aufschriften der Rollen. Er fand mit
Verwunderung Lotharios Lehrjahre, Jarnos Lehrjahre und seine eignen
Lehrjahre daselbst aufgestellt, unter vielen andern, deren Namen ihm
unbekannt waren.
"Darf ich hoffen, in diese Rollen einen Blick zu werfen?"
"Es ist für Sie nunmehr in diesem Zimmer nichts verschlossen."
"Darf ich eine Frage tun?"
"Ohne Bedenken! und Sie können entscheidende Antwort erwarten, wenn es
eine Angelegenheit betrifft, die Ihnen zunächst am Herzen liegt und am
Herzen liegen soll."
"Gut denn! Ihr sonderbaren und weisen Menschen, deren Blick in so
viel Geheimnisse dringt, könnt ihr mir sagen, ob Felix wirklich mein
Sohn sei?"
"Heil Ihnen über diese Frage!" rief der Abbe, indem er vor Freuden die
Hände zusammenschlug, "Felix ist Ihr Sohn! Bei dem Heiligsten, was
unter uns verborgen liegt, schwör ich Ihnen: Felix ist Ihr Sohn! und
der Gesinnung nach war seine abgeschiedne Mutter Ihrer nicht unwert.
Empfangen Sie das liebliche Kind aus unserer Hand, kehren Sie sich um,
und wagen Sie es, glücklich zu sein!"
Wilhelm hörte ein Geräusch hinter sich, er kehrte sich um und sah ein
Kindergesicht schalkhaft durch die Teppiche des Eingangs hervorgucken:
es war Felix. Der Knabe versteckte sich sogleich scherzend, als er
gesehen wurde. "Komm hervor!" rief der Abbe. Er kam gelaufen, sein
Vater stürzte ihm entgegen, nahm ihn in die Arme und drückte ihn an
sein Herz. "Ja, ich fühl's", rief er aus, "du bist mein! Welche Gabe
des Himmels habe ich meinen Freunden zu verdanken! Wo kommst du her,
mein Kind, gerade in diesem Augenblick?"
"Fragen Sie nicht", sagte der Abbe. "Heil dir, junger Mann! deine
Lehrjahre sind vorüber; die Natur hat dich losgesprochen."
Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 7"
von Johann Wolfgang von Goethe.
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