Als er nach Lotharios Gut zurückkam, fand er eine große Veränderung.
Jarno kam ihm entgegen mit der Nachricht, daß der Oheim gestorben, daß
Lothario hingegangen sei, die hinterlassenen Güter in Besitz zu nehmen.
"Sie kommen eben zur rechten Zeit", sagte er, "um mir und dem Abbe
beizustehn. Lothario hat uns den Handel um wichtige Güter in unserer
Nachbarschaft aufgetragen; es war schon lange vorbereitet, und nun
finden wir Geld und Kredit eben zur rechten Stunde. Das einzige war
dabei bedenklich, daß ein auswärtiges Handelshaus auch schon auf
dieselben Güter Absicht hatte; nun sind wir kurz und gut entschlossen,
mit jenem gemeine Sache zu machen, denn sonst hätten wir uns ohne Not
und Vernunft hinaufgetrieben. Wir haben, so scheint es, mit einem
klugen Manne zu tun. Nun machen wir Kalküls und Anschläge; auch muß
ökonomisch überlegt werden, wie wir die Güter teilen können, so daß
jeder ein schönes Besitztum erhält." Es wurden Wilhelmen die Papiere
vorgelegt, man besah die Felder, Wiesen, Schlösser, und obgleich Jarno
und der Abbe die Sache sehr gut zu verstehen schienen, so wünschte
Wilhelm doch, daß Fräulein Therese von der Gesellschaft sein möchte.
Sie brachten mehrere Tage mit diesen Arbeiten zu, und Wilhelm hatte
kaum Zeit, seine Abenteuer und seine zweifelhafte Vaterschaft den
Freunden zu erzählen, die eine ihm so wichtige Begebenheit
gleichgültig und leichtsinnig behandelten.
Er hatte bemerkt, daß sie manchmal in vertrauten Gesprächen, bei
Tische und auf Spaziergängen, auf einmal innehielten, ihren Worten
eine andere Wendung gaben und dadurch wenigstens anzeigten, daß sie
unter sich manches abzutun hatten, das ihm verborgen sei. Er
erinnerte sich an das, was Lydie gesagt hatte, und glaubte um so mehr
daran, als eine ganze Seite des Schlosses vor ihm immer unzugänglich
gewesen war. Zu gewissen Galerien und besonders zu dem alten Turm,
den er von außen recht gut kannte, hatte er bisher vergebens Weg und
Eingang gesucht.
Eines Abends sagte Jarno zu ihm: "Wir können Sie nun so sicher als den
Unsern ansehen, daß es unbillig wäre, wenn wir Sie nicht tiefer in
unsere Geheimnisse einführten. Es ist gut, daß der Mensch, der erst
in die Welt tritt, viel von sich halte, daß er sich viele Vorzüge zu
erwerben denke, daß er alles möglich zu machen suche; aber wenn seine
Bildung auf einem gewissen Grade steht, dann ist es vorteilhaft, wenn
er sich in einer größern Masse verlieren lernt, wenn er lernt, um
anderer willen zu leben und seiner selbst in einer pflichtmäßigen
Tätigkeit zu vergessen. Da lernt er erst sich selbst kennen, denn das
Handeln eigentlich vergleicht uns mit andern. Sie sollen bald
erfahren, welch eine kleine Welt sich in Ihrer Nähe befindet und wie
gut Sie in dieser kleinen Welt gekannt sind; morgen früh vor
Sonnenaufgang sein Sie angezogen und bereit."
Jarno kam zur bestimmten Stunde und führte ihn durch bekannte und
unbekannte Zimmer des Schlosses, dann durch einige Galerien, und sie
gelangten endlich vor eine große, alte Türe, die stark mit Eisen
beschlagen war. Jarno pochte, die Türe tat sich ein wenig auf, so daß
eben ein Mensch hineinschlüpfen konnte. Jarno schob Wilhelmen hinein,
ohne ihm zu folgen. Dieser fand sich in einem dunkeln und engen
Behältnisse, es war finster um ihn, und als er einen Schritt vorwärts
gehen wollte, stieß er schon wider. Eine nicht ganz unbekannte Stimme
rief ihm zu: "Tritt herein!", und nun bemerkte er erst, daß die Seiten
des Raums, in dem er sich befand, nur mit Teppichen behangen waren,
durch welche ein schwaches Licht hindurchschimmerte. "Tritt herein!"
rief es nochmals; er hob den Teppich auf und trat hinein.
Der Saal, in dem er sich nunmehr befand, schien ehemals eine Kapelle
gewesen zu sein; anstatt des Altars stand ein großer Tisch auf einigen
Stufen, mit einem grünen Teppich behangen, darüber schien ein
zugezogener Vorhang ein Gemälde zu bedecken; an den Seiten waren schön
gearbeitete Schränke, mit feinen Drahtgittern verschlossen, wie man
sie in Bibliotheken zu sehen pflegt, nur sah er anstatt der Bücher
viele Rollen aufgestellt. Niemand befand sich in dem Saal; die
aufgehende Sonne fiel durch die farbigen Fenster Wilhelmen grade
entgegen und begrüßte ihn freundlich.
"Setze dich!" rief eine Stimme, die von dem Altar her zu tönen schien.
Wilhelm setzte sich auf einen kleinen Armstuhl, der wider den
Verschlag des Eingangs stand; es war kein anderer Sitz im ganzen
Zimmer, er mußte sich darein ergeben, ob ihn schon die Morgensonne
blendete; der Sessel stand fest, er konnte nur die Hand vor die Augen
halten.
Indem eröffnete sich mit einem kleinen Geräusche der Vorhang über dem
Altar und zeigte innerhalb eines Rahmens eine leere, dunkle öffnung.
Es trat ein Mann hervor in gewöhnlicher Kleidung, der ihn begrüßte und
zu ihm sagte: "Sollten Sie mich nicht wiedererkennen? Sollten Sie
unter andern Dingen, die Sie wissen möchten, nicht auch zu erfahren
wünschen, wo die Kunstsammlung Ihres Großvaters sich gegenwärtig
befindet? Erinnern Sie sich des Gemäldes nicht mehr, das Ihnen so
reizend war? Wo mag der kranke Königssohn wohl jetzo schmachten?"
Wilhelm erkannte leicht den Fremden, der in jener bedeutenden Nacht
sich mit ihm im Gasthause unterhalten hatte. "Vielleicht", fuhr
dieser fort, "können wir jetzt über Schicksal und Charakter eher einig
werden."
Wilhelm wollte eben antworten, als der Vorhang sich wieder rasch
zusammenzog. "Sonderbar!" sagte er bei sich selbst, "sollten
zufällige Ereignisse einen Zusammenhang haben? Und das, was wir
Schicksal nennen, sollte es bloß Zufall sein? Wo mag sich meines
Großvaters Sammlung befinden? Und warum erinnert man mich in diesen
feierlichen Augenblicken daran?"
Er hatte nicht Zeit, weiterzudenken, denn der Vorhang öffnete sich
wieder, und ein Mann stand vor seinen Augen, den er sogleich für den
Landgeistlichen erkannte, der mit ihm und der lustigen Gesellschaft
jene Wasserfahrt gemacht hatte; er glich dem Abbe, ob er gleich nicht
dieselbe Person schien. Mit einem heitern Gesichte und einem würdigen
Ausdruck fing der Mann an: "Nicht vor Irrtum zu bewahren ist die
Pflicht des Menschenerziehers, sondern den Irrenden zu leiten, ja ihn
seinen Irrtum aus vollen Bechern ausschlürfen zu lassen, das ist
Weisheit der Lehrer. Wer seinen Irrtum nur kostet, hält lange damit
haus, er freuet sich dessen als eines seltenen Glücks, aber wer ihn
ganz erschöpft, der muß ihn kennenlernen, wenn er nicht wahnsinnig ist."
Der Vorhang schloß sich abermals, und Wilhelm hatte Zeit
nachzudenken. "Von welchem Irrtum kann der Mann sprechen?" sagte er
zu sich selbst, "als von dem, der mich mein ganzes Leben verfolgt hat,
daß ich da Bildung suchte, wo keine zu finden war, daß ich mir
einbildete, ein Talent erwerben zu können, zu dem ich nicht die
geringste Anlage hatte."
Der Vorhang riß sich schneller auf, ein Offizier trat hervor und sagte
nur im Vorbeigehen: "Lernen Sie die Menschen kennen, zu denen man
Zutrauen haben kann!" Der Vorhang schloß sich, und Wilhelm brauchte
sich nicht lange zu besinnen, um diesen Offizier für denjenigen zu
erkennen, der ihn in des Grafen Park umarmt hatte und schuld gewesen
war, daß er Jarno für einen Werber hielt. Wie dieser hierhergekommen
und wer er sei, war Wilhelmen völlig ein Rätsel. "Wenn so viele
Menschen an dir teilnahmen, deinen Lebensweg kannten und wußten, was
darauf zu tun sei, warum führten sie dich nicht strenger? warum nicht
ernster? warum begünstigten sie deine Spiele, anstatt dich davon
wegzuführen?"
"Rechte nicht mit uns!" rief eine Stimme. "Du bist gerettet und auf
dem Wege zum Ziel. Du wirst keine deiner Torheiten bereuen und keine
zurückwünschen, kein glücklicheres Schicksal kann einem Menschen
werden." Der Vorhang riß sich voneinander, und in voller Rüstung
stand der alte König von Dänemark in dem Raume. "Ich bin der Geist
deines Vaters", sagte das Bildnis, "und scheide getrost, da meine
Wünsche für dich, mehr als ich sie selbst begriff, erfüllt sind.
Steile Gegenden lassen sich nur durch Umwege erklimmen, auf der Ebene
führen gerade Wege von einem Ort zum andern. Lebe wohl, und gedenke
mein, wenn du genießest, was ich dir vorbereitet habe."
Wilhelm war äußerst betroffen, er glaubte die Stimme seines Vaters zu
hören, und doch war sie es auch nicht; er befand sich durch die
Gegenwart und die Erinnerung in der verworrensten Lage.
Nicht lange konnte er nachdenken, als der Abbe hervortrat und sich
hinter den grünen Tisch stellte. "Treten Sie herbei!" rief er seinem
verwunderten Freunde zu. Er trat herbei und stieg die Stufen hinan.
Auf dem Teppiche lag eine kleine Rolle. "Hier ist Ihr Lehrbrief",
sagte der Abbe, "beherzigen Sie ihn, er ist von wichtigem Inhalt."
Wilhelm nahm ihn auf, öffnete ihn und las: