Neuntes Kapitel

Als er nach Lotharios Gut zurückkam, fand er eine große Veränderung.

Jarno kam ihm entgegen mit der Nachricht, daß der Oheim gestorben, daß

Lothario hingegangen sei, die hinterlassenen Güter in Besitz zu nehmen.

"Sie kommen eben zur rechten Zeit", sagte er, "um mir und dem Abbe

beizustehn. Lothario hat uns den Handel um wichtige Güter in unserer

Nachbarschaft aufgetragen; es war schon lange vorbereitet, und nun

finden wir Geld und Kredit eben zur rechten Stunde. Das einzige war

dabei bedenklich, daß ein auswärtiges Handelshaus auch schon auf

dieselben Güter Absicht hatte; nun sind wir kurz und gut entschlossen,

mit jenem gemeine Sache zu machen, denn sonst hätten wir uns ohne Not

und Vernunft hinaufgetrieben. Wir haben, so scheint es, mit einem

klugen Manne zu tun. Nun machen wir Kalküls und Anschläge; auch muß

ökonomisch überlegt werden, wie wir die Güter teilen können, so daß

jeder ein schönes Besitztum erhält." Es wurden Wilhelmen die Papiere

vorgelegt, man besah die Felder, Wiesen, Schlösser, und obgleich Jarno

und der Abbe die Sache sehr gut zu verstehen schienen, so wünschte

Wilhelm doch, daß Fräulein Therese von der Gesellschaft sein möchte.

Sie brachten mehrere Tage mit diesen Arbeiten zu, und Wilhelm hatte

kaum Zeit, seine Abenteuer und seine zweifelhafte Vaterschaft den

Freunden zu erzählen, die eine ihm so wichtige Begebenheit

gleichgültig und leichtsinnig behandelten.

Er hatte bemerkt, daß sie manchmal in vertrauten Gesprächen, bei

Tische und auf Spaziergängen, auf einmal innehielten, ihren Worten

eine andere Wendung gaben und dadurch wenigstens anzeigten, daß sie

unter sich manches abzutun hatten, das ihm verborgen sei. Er

erinnerte sich an das, was Lydie gesagt hatte, und glaubte um so mehr

daran, als eine ganze Seite des Schlosses vor ihm immer unzugänglich

gewesen war. Zu gewissen Galerien und besonders zu dem alten Turm,

den er von außen recht gut kannte, hatte er bisher vergebens Weg und

Eingang gesucht.

Eines Abends sagte Jarno zu ihm: "Wir können Sie nun so sicher als den

Unsern ansehen, daß es unbillig wäre, wenn wir Sie nicht tiefer in

unsere Geheimnisse einführten. Es ist gut, daß der Mensch, der erst

in die Welt tritt, viel von sich halte, daß er sich viele Vorzüge zu

erwerben denke, daß er alles möglich zu machen suche; aber wenn seine

Bildung auf einem gewissen Grade steht, dann ist es vorteilhaft, wenn

er sich in einer größern Masse verlieren lernt, wenn er lernt, um

anderer willen zu leben und seiner selbst in einer pflichtmäßigen

Tätigkeit zu vergessen. Da lernt er erst sich selbst kennen, denn das

Handeln eigentlich vergleicht uns mit andern. Sie sollen bald

erfahren, welch eine kleine Welt sich in Ihrer Nähe befindet und wie

gut Sie in dieser kleinen Welt gekannt sind; morgen früh vor

Sonnenaufgang sein Sie angezogen und bereit."

Jarno kam zur bestimmten Stunde und führte ihn durch bekannte und

unbekannte Zimmer des Schlosses, dann durch einige Galerien, und sie

gelangten endlich vor eine große, alte Türe, die stark mit Eisen

beschlagen war. Jarno pochte, die Türe tat sich ein wenig auf, so daß

eben ein Mensch hineinschlüpfen konnte. Jarno schob Wilhelmen hinein,

ohne ihm zu folgen. Dieser fand sich in einem dunkeln und engen

Behältnisse, es war finster um ihn, und als er einen Schritt vorwärts

gehen wollte, stieß er schon wider. Eine nicht ganz unbekannte Stimme

rief ihm zu: "Tritt herein!", und nun bemerkte er erst, daß die Seiten

des Raums, in dem er sich befand, nur mit Teppichen behangen waren,

durch welche ein schwaches Licht hindurchschimmerte. "Tritt herein!"

rief es nochmals; er hob den Teppich auf und trat hinein.

Der Saal, in dem er sich nunmehr befand, schien ehemals eine Kapelle

gewesen zu sein; anstatt des Altars stand ein großer Tisch auf einigen

Stufen, mit einem grünen Teppich behangen, darüber schien ein

zugezogener Vorhang ein Gemälde zu bedecken; an den Seiten waren schön

gearbeitete Schränke, mit feinen Drahtgittern verschlossen, wie man

sie in Bibliotheken zu sehen pflegt, nur sah er anstatt der Bücher

viele Rollen aufgestellt. Niemand befand sich in dem Saal; die

aufgehende Sonne fiel durch die farbigen Fenster Wilhelmen grade

entgegen und begrüßte ihn freundlich.

"Setze dich!" rief eine Stimme, die von dem Altar her zu tönen schien.

Wilhelm setzte sich auf einen kleinen Armstuhl, der wider den

Verschlag des Eingangs stand; es war kein anderer Sitz im ganzen

Zimmer, er mußte sich darein ergeben, ob ihn schon die Morgensonne

blendete; der Sessel stand fest, er konnte nur die Hand vor die Augen

halten.

Indem eröffnete sich mit einem kleinen Geräusche der Vorhang über dem

Altar und zeigte innerhalb eines Rahmens eine leere, dunkle öffnung.

Es trat ein Mann hervor in gewöhnlicher Kleidung, der ihn begrüßte und

zu ihm sagte: "Sollten Sie mich nicht wiedererkennen? Sollten Sie

unter andern Dingen, die Sie wissen möchten, nicht auch zu erfahren

wünschen, wo die Kunstsammlung Ihres Großvaters sich gegenwärtig

befindet? Erinnern Sie sich des Gemäldes nicht mehr, das Ihnen so

reizend war? Wo mag der kranke Königssohn wohl jetzo schmachten?"

Wilhelm erkannte leicht den Fremden, der in jener bedeutenden Nacht

sich mit ihm im Gasthause unterhalten hatte. "Vielleicht", fuhr

dieser fort, "können wir jetzt über Schicksal und Charakter eher einig

werden."

Wilhelm wollte eben antworten, als der Vorhang sich wieder rasch

zusammenzog. "Sonderbar!" sagte er bei sich selbst, "sollten

zufällige Ereignisse einen Zusammenhang haben? Und das, was wir

Schicksal nennen, sollte es bloß Zufall sein? Wo mag sich meines

Großvaters Sammlung befinden? Und warum erinnert man mich in diesen

feierlichen Augenblicken daran?"

Er hatte nicht Zeit, weiterzudenken, denn der Vorhang öffnete sich

wieder, und ein Mann stand vor seinen Augen, den er sogleich für den

Landgeistlichen erkannte, der mit ihm und der lustigen Gesellschaft

jene Wasserfahrt gemacht hatte; er glich dem Abbe, ob er gleich nicht

dieselbe Person schien. Mit einem heitern Gesichte und einem würdigen

Ausdruck fing der Mann an: "Nicht vor Irrtum zu bewahren ist die

Pflicht des Menschenerziehers, sondern den Irrenden zu leiten, ja ihn

seinen Irrtum aus vollen Bechern ausschlürfen zu lassen, das ist

Weisheit der Lehrer. Wer seinen Irrtum nur kostet, hält lange damit

haus, er freuet sich dessen als eines seltenen Glücks, aber wer ihn

ganz erschöpft, der muß ihn kennenlernen, wenn er nicht wahnsinnig ist."

Der Vorhang schloß sich abermals, und Wilhelm hatte Zeit

nachzudenken. "Von welchem Irrtum kann der Mann sprechen?" sagte er

zu sich selbst, "als von dem, der mich mein ganzes Leben verfolgt hat,

daß ich da Bildung suchte, wo keine zu finden war, daß ich mir

einbildete, ein Talent erwerben zu können, zu dem ich nicht die

geringste Anlage hatte."

Der Vorhang riß sich schneller auf, ein Offizier trat hervor und sagte

nur im Vorbeigehen: "Lernen Sie die Menschen kennen, zu denen man

Zutrauen haben kann!" Der Vorhang schloß sich, und Wilhelm brauchte

sich nicht lange zu besinnen, um diesen Offizier für denjenigen zu

erkennen, der ihn in des Grafen Park umarmt hatte und schuld gewesen

war, daß er Jarno für einen Werber hielt. Wie dieser hierhergekommen

und wer er sei, war Wilhelmen völlig ein Rätsel. "Wenn so viele

Menschen an dir teilnahmen, deinen Lebensweg kannten und wußten, was

darauf zu tun sei, warum führten sie dich nicht strenger? warum nicht

ernster? warum begünstigten sie deine Spiele, anstatt dich davon

wegzuführen?"

"Rechte nicht mit uns!" rief eine Stimme. "Du bist gerettet und auf

dem Wege zum Ziel. Du wirst keine deiner Torheiten bereuen und keine

zurückwünschen, kein glücklicheres Schicksal kann einem Menschen

werden." Der Vorhang riß sich voneinander, und in voller Rüstung

stand der alte König von Dänemark in dem Raume. "Ich bin der Geist

deines Vaters", sagte das Bildnis, "und scheide getrost, da meine

Wünsche für dich, mehr als ich sie selbst begriff, erfüllt sind.

Steile Gegenden lassen sich nur durch Umwege erklimmen, auf der Ebene

führen gerade Wege von einem Ort zum andern. Lebe wohl, und gedenke

mein, wenn du genießest, was ich dir vorbereitet habe."

Wilhelm war äußerst betroffen, er glaubte die Stimme seines Vaters zu

hören, und doch war sie es auch nicht; er befand sich durch die

Gegenwart und die Erinnerung in der verworrensten Lage.

Nicht lange konnte er nachdenken, als der Abbe hervortrat und sich

hinter den grünen Tisch stellte. "Treten Sie herbei!" rief er seinem

verwunderten Freunde zu. Er trat herbei und stieg die Stufen hinan.

Auf dem Teppiche lag eine kleine Rolle. "Hier ist Ihr Lehrbrief",

sagte der Abbe, "beherzigen Sie ihn, er ist von wichtigem Inhalt."

Wilhelm nahm ihn auf, öffnete ihn und las:

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 7 · 第 23 / 24 题