VII. Buch, 8. Kapitel--2

"Und hättest du", fuhr Wilhelm auf, "sie nicht retten können?"

"O ja", versetzte die Alte, "mit Hunger und Not, mit Kummer und

Entbehrung, und darauf war ich niemals eingerichtet."

"Abscheuliche, niederträchtige Kupplerin! so hast du das unglückliche

Geschöpf geopfert? so hast du sie deiner Kehle, deinem unersättlichen

Heißhunger hingegeben?"

"Ihr tätet besser, Euch zu mäßigen und mit Schimpfreden innezuhalten",

versetzte die Alte. "Wenn Ihr schimpfen wollt, so geht in Eure großen,

vornehmen Häuser, da werdet Ihr Mütter finden, die recht ängstlich

besorgt sind, wie sie für ein liebenswürdiges, himmlisches Mädchen den

allerabscheulichsten Menschen auffinden wollen, wenn er nur zugleich

der reichste ist. Seht das arme Geschöpf vor seinem Schicksale

zittern und beben und nirgends Trost finden, als bis ihr irgendeine

erfahrne Freundin begreiflich macht, daß sie durch den Ehestand das

Recht erwerbe, über ihr Herz und ihre Person nach Gefallen disponieren

zu können."

"Schweig!" rief Wilhelm, "glaubst du denn, daß ein Verbrechen durch

das andere entschuldigt werden könne? Erzähle, ohne weitere

Anmerkungen zu machen!"

"So hören Sie, ohne mich zu tadeln! Mariane ward wider meinen Willen

die Ihre. Bei diesem Abenteuer habe ich mir wenigstens nichts

vorzuwerfen. Norberg kam zurück, er eilte, Marianen zu sehen, die ihn

kalt und verdrießlich aufnahm und ihm nicht einen Kuß erlaubte. Ich

brauchte meine ganze Kunst, um ihr Betragen zu entschuldigen; ich ließ

ihn merken, daß ein Beichtvater ihr das Gewissen geschärft habe und

daß man ein Gewissen, solange es spricht, respektieren müsse. Ich

brachte ihn dahin, daß er ging, und versprach ihm, mein Bestes zu tun.

Er war reich und roh, aber er hatte einen Grund von Gutmütigkeit und

liebte Marianen auf das äußerste. Er versprach mir Geduld, und ich

arbeitete desto lebhafter, um ihn nicht zu sehr zu prüfen. Ich hatte

mit Marianen einen harten Stand; ich überredete sie, ja ich kann sagen,

ich zwang sie endlich durch die Drohung, daß ich sie verlassen würde,

an ihren Liebhaber zu schreiben und ihn auf die Nacht einzuladen. Sie

kamen und rafften zufälligerweise seine Antwort in dem Halstuch auf.

Ihre unvermutete Gegenwart hatte mir ein böses Spiel gemacht. Kaum

waren Sie weg, so ging die Qual von neuem an; sie schwur, daß sie

Ihnen nicht untreu werden könne, und war so leidenschaftlich, so außer

sich, daß sie mir ein herzliches Mitleid ablockte. Ich versprach ihr

endlich, daß ich auch diese Nacht Norbergen beruhigen und ihn unter

allerlei Vorwänden entfernen wollte; ich bat sie, zu Bette zu gehen,

allein sie schien mir nicht zu trauen: sie blieb angezogen und schlief

zuletzt, bewegt und ausgeweint, wie sie war, in ihren Kleidern ein.

Norberg kam; ich suchte ihn abzuhalten, ich stellte ihm ihre

Gewissensbisse, ihre Reue mit den schwärzesten Farben vor; er wünschte

sie nur zu sehen, und ich ging in das Zimmer, um sie vorzubereiten; er

schritt mir nach, und wir traten beide zu gleicher Zeit vor ihr Bette.

Sie erwachte, sprang mit Wut auf und entriß sich unsern Armen; sie

beschwur und bat, sie flehte, drohte und versicherte, daß sie nicht

nachgeben würde. Sie war unvorsichtig genug, über ihre wahre

Leidenschaft einige Worte fallenzulassen, die der arme Norberg im

geistlichen Sinne deuten mußte. Endlich verließ er sie, und sie

schloß sich ein. Ich behielt ihn noch lange bei mir und sprach mit

ihm über ihren Zustand, daß sie guter Hoffnung sei und daß man das

arme Mädchen schonen müsse. Er fühlte sich so stolz auf seine

Vaterschaft, er freute sich so sehr auf einen Knaben, daß er alles

einging, was sie von ihm verlangte, und daß er versprach, lieber

einige Zeit zu verreisen, als seine Geliebte zu ängstigen und ihr

durch diese Gemütsbewegungen zu schaden. Mit diesen Gesinnungen

schlich er morgens früh von mir weg, und Sie, mein Herr, wenn Sie

Schildwache gestanden haben, so hätte es zu Ihrer Glückseligkeit

nichts weiter bedurft, als in den Busen Ihres Nebenbuhlers zu sehen,

den Sie so begünstigt, so glücklich hielten und dessen Erscheinung Sie

zur Verzweiflung brachte."

"Redest du wahr?" sagte Wilhelm.

"So wahr", sagte die Alte, "als ich noch hoffe, Sie zur Verzweiflung

zu bringen.

Ja gewiß, Sie würden verzweifeln, wenn ich Ihnen das Bild unsers

nächsten Morgens recht lebhaft darstellen könnte. Wie heiter wachte

sie auf! wie freundlich rief sie mich herein! wie lebhaft dankte sie

mir! wie herzlich drückte sie mich an ihren Busen! "Nun", sagte sie,

indem sie lächelnd vor den Spiegel trat, "darf ich mich wieder an mir

selbst, mich an meiner Gestalt freuen, da ich wieder mir, da ich

meinem einzig geliebten Freund angehöre. Wie ist es so süß,

überwunden zu haben! welch eine himmlische Empfindung ist es, seinem

Herzen zu folgen! Wie dank ich dir, daß du dich meiner angenommen,

daß du deine Klugheit, deinen Verstand auch einmal zu meinem Vorteil

angewendet hast! Steh mir bei, und ersinne, was mich ganz glücklich

machen kann!"

Ich gab ihr nach, ich wollte sie nicht reizen, ich schmeichelte ihrer

Hoffnung, und sie liebkoste mich auf das anmutigste. Entfernte sie

sich einen Augenblick vom Fenster, so mußte ich Wache stehen: denn Sie

sollten nun ein für allemal vorbeigehen, man wollte Sie wenigstens

sehen; so ging der ganze Tag unruhig hin. Nachts zur gewöhnlichen

Stunde erwarteten wir Sie ganz gewiß. Ich paßte schon an der Treppe,

die Zeit ward mir lang, ich ging wieder zu ihr hinein. Ich fand sie

zu meiner Verwunderung in ihrer Offizierstracht, sie sah unglaublich

heiter und reizend aus. "Verdien ich nicht", sagte sie, "heute in

Mannstracht zu erscheinen? Habe ich mich nicht brav gehalten? Mein

Geliebter soll mich heute wie das erstemal sehen, ich will ihn so

zärtlich und mit mehr Freiheit an mein Herz drücken als damals: denn

bin ich jetzt nicht viel mehr die Seine als damals, da mich ein edler

Entschluß noch nicht frei gemacht hatte? Aber", fügte sie nach

einigem Nachdenken hinzu, "noch hab ich nicht ganz gewonnen, noch muß

ich erst das äußerste wagen, um seiner wert, um seines Besitzes gewiß

zu sein; ich muß ihm alles entdecken, meinen ganzen Zustand offenbaren

und ihm alsdann überlassen, ob er mich behalten oder verstoßen will.

Diese Szene bereite ich ihm, bereite ich mir zu; und wäre sein Gefühl

mich zu verstoßen fähig, so würde ich alsdann ganz wieder mir selbst

angehören, ich würde in meiner Strafe meinen Trost finden und alles

erdulden, was das Schicksal mir auferlegen wollte."

Mit diesen Gesinnungen, mit diesen Hoffnungen, mein Herr, erwartete

Sie das liebenswürdige Mädchen; Sie kamen nicht. Oh! wie soll ich den

Zustand des Wartens und Hoffens beschreiben? Ich sehe dich noch vor

mir, mit welcher Liebe, mit welcher Inbrunst du von dem Manne sprachst,

dessen Grausamkeit du noch nicht erfahren hattest!"

"Gute, liebe Barbara!" rief Wilhelm, indem er aufsprang und die Alte

bei der Hand faßte, "es ist nun genug der Verstellung, genug der

Vorbereitung! Dein gleichgültiger, dein ruhiger, dein zufriedner Ton

hat dich verraten. Gib mir Marianen wieder! Sie lebt, sie ist in der

Nähe. Nicht umsonst hast du diese späte, einsame Stunde zu deinem

Besuche gewählt, nicht umsonst hast du mich durch diese entzückende

Erzählung vorbereitet. Wo hast du sie? Wo verbirgst du sie? Ich

glaube dir alles, ich verspreche dir alles zu glauben, wenn du mir sie

zeigst, wenn du sie meinen Armen wiedergibst. Ihren Schatten habe ich

schon im Fluge gesehen, laß mich sie wieder in meine Arme fassen! Ich

will vor ihr auf den Knien liegen, ich will sie um Vergebung bitten,

ich will ihr zu ihrem Kampfe, zu ihrem Siege über sich und dich Glück

wünschen, ich will ihr meinen Felix zuführen. Komm! Wo hast du sie

versteckt? Laß sie, laß mich nicht länger in Ungewißheit! Dein

Endzweck ist erreicht. Wo hast du sie verborgen? Komm, daß ich sie

mit diesem Licht beleuchte! daß ich wieder ihr holdes Angesicht sehe!"

Er hatte die Alte vom Stuhl aufgezogen, sie sah ihn starr an, die

Tränen stürzten ihr aus den Augen, und ein ungeheurer Schmerz ergriff

sie. "Welch ein unglücklicher Irrtum", rief sie aus, "läßt Sie noch

einen Augenblick hoffen!--Ja, ich habe sie verborgen, aber unter die

Erde; weder das Licht der Sonne noch eine vertrauliche Kerze wird ihr

holdes Angesicht jemals wieder erleuchten. Führen Sie den guten Felix

an ihr Grab, und sagen Sie ihm: "Da liegt deine Mutter, die dein Vater

ungehört verdammt hat." Das liebe Herz schlägt nicht mehr vor

Ungeduld, Sie zu sehen, nicht etwa in einer benachbarten Kammer wartet

sie auf den Ausgang meiner Erzählung oder meines Märchens; die dunkle

Kammer hat sie aufgenommen, wohin kein Bräutigam folgt, woraus man

keinem Geliebten entgegengeht."

Sie warf sich auf die Erde an einem Stuhle nieder und weinte

bitterlich; Wilhelm war zum erstenmal völlig überzeugt, daß Mariane

tot sei; er befand sich in einem traurigen Zustande. Die Alte

richtete sich auf. "Ich habe Ihnen weiter nichts zu sagen", rief sie

und warf ein Paket auf den Tisch. "Hier diese Briefschaften mögen

völlig Ihre Grausamkeit beschämen; lesen Sie diese Blätter mit

trocknen Augen durch, wenn es Ihnen möglich ist." Sie schlich leise

fort, und Wilhelm hatte diese Nacht das Herz nicht, die Brieftasche zu

öffnen, er hatte sie selbst Marianen geschenkt, er wußte, daß sie

jedes Blättchen, das sie von ihm erhalten hatte, sorgfältig darin

aufhob. Den andern Morgen vermochte er es über sich; er löste das

Band, und es fielen ihm kleine Zettelchen, mit Bleistift von seiner

eigenen Hand geschrieben, entgegen und riefen ihm jede Situation von

dem ersten Tage ihrer anmutigen Bekanntschaft bis zu dem letzten ihrer

grausamen Trennung wieder herbei. Allein nicht ohne die lebhaftesten

Schmerzen durchlas er eine kleine Sammlung von Billetten, die an ihn

geschrieben waren und die, wie er aus dem Inhalt sah, von Wernern

waren zurückgewiesen worden.

"Keines meiner Blätter hat bis zu dir durchdringen können, mein Bitten

und Flehen hat dich nicht erreicht; hast du selbst diese grausamen

Befehle gegeben? Soll ich dich nie wiedersehen? Noch einmal versuch

ich es, ich bitte dich: komm, o komm! ich verlange dich nicht zu

behalten, wenn ich dich nur noch einmal an mein Herz drücken kann."

"Wenn ich sonst bei dir saß, deine Hände hielt, dir in die Augen sah

und mit vollem Herzen der Liebe und des Zutrauens zu dir sagte:

"Lieber, lieber, guter Mann!" das hörtest du so gern, ich mußt es dir

so oft wiederholen, ich wiederhole es noch einmal--Lieber, lieber,

guter Mann! sei gut, wie du warst, komm und laß mich nicht in meinem

Elende verderben!"

"Du hältst mich für schuldig, ich bin es auch, aber nicht, wie du

denkst. Komm, damit ich nur den einzigen Trost habe, von dir ganz

gekannt zu sein, es gehe mir nachher, wie es wolle."

"Nicht um meinetwillen allein, auch um dein selbst willen fleh ich

dich an zu kommen. Ich fühle die unerträglichen Schmerzen, die du

leidest, indem du mich fliehst; komm, daß unsere Trennung weniger

grausam werde! Ich war vielleicht nie deiner würdig als eben in dem

Augenblick, da du mich in ein grenzenloses Elend zurückstößest."

"Bei allem, was heilig ist, bei allem, was ein menschliches Herz

rühren kann, ruf ich dich an! Es ist um eine Seele, es ist um ein

Leben zu tun, um zwei Leben, von denen dir eins ewig teuer sein muß.

Dein Argwohn wird auch das nicht glauben, und doch werde ich es in der

Stunde des Todes aussprechen: das Kind, das ich unter dem Herzen trage,

ist dein. Seitdem ich dich liebe, hat kein anderer mir auch nur die

Hand gedrückt; o daß deine Liebe, daß deine Rechtschaffenheit die

Gefährten meiner Jugend gewesen wären!"

"Du willst mich nicht hören? So muß ich denn zuletzt wohl verstummen,

aber diese Blätter sollen nicht untergehen, vielleicht können sie noch

zu dir sprechen, wenn das Leichentuch schon meine Lippe bedeckt und

wenn die Stimme deiner Reue nicht mehr zu meinem Ohre reichen kann.

Durch mein trauriges Leben bis an den letzten Augenblick wird das mein

einziger Trost sein: daß ich ohne Schuld gegen dich war, wenn ich mich

auch nicht unschuldig nennen durfte."

Wilhelm konnte nicht weiter; er überließ sich ganz seinem Schmerz,

aber noch mehr war er bedrängt, als Laertes hereintrat, dem er seine

Empfindungen zu verbergen suchte. Dieser brachte einen Beutel mit

Dukaten hervor, zählte und rechnete und versicherte Wilhelmen: es sei

nichts Schöneres in der Welt, als wenn man eben auf dem Wege sei,

reich zu werden; es könne uns auch alsdann nichts stören oder abhalten.

Wilhelm erinnerte sich seines Traums und lächelte; aber zugleich

gedachte er auch mit Schaudern: daß in jenem Traumgesichte Mariane ihn

verlassen, um seinem verstorbenen Vater zu folgen, und daß beide

zuletzt wie Geister schwebend sich um den Garten bewegt hatten.

Laertes riß ihn aus seinem Nachdenken und führte ihn auf ein

Kaffeehaus, wo sich sogleich mehrere Personen um ihn versammelten, die

ihn sonst gern auf dem Theater gesehen hatten; sie freuten sich seiner

Gegenwart, bedauerten aber, daß er, wie sie hörten, die Bühne

verlassen wolle; sie sprachen so bestimmt und vernünftig von ihm und

seinem Spiele, von dem Grade seines Talents, von ihren Hoffnungen, daß

Wilhelm nicht ohne Rührung zuletzt ausrief: "O wie unendlich wert wäre

mir diese Teilnahme vor wenig Monaten gewesen! Wie belehrend und wie

erfreuend! Niemals hätte ich mein Gemüt so ganz von der Bühne

abgewendet, und niemals wäre ich so weit gekommen, am Publiko zu

verzweifeln."

"Dazu sollte es überhaupt nicht kommen", sagte ein ältlicher Mann, der

hervortrat; "das Publikum ist groß, wahrer Verstand und wahres Gefühl

sind nicht so selten, als man glaubt; nur muß der Künstler niemals

einen unbedingten Beifall für das, was er hervorbringt, verlangen:

denn eben der unbedingte ist am wenigsten wert, und den bedingten

wollen die Herren nicht gerne. Ich weiß wohl, im Leben wie in der

Kunst muß man mit sich zu Rate gehen, wenn man etwas tun und

hervorbringen soll; wenn es aber getan und vollendet ist, so darf man

mit Aufmerksamkeit nur viele hören, und man kann sich mit einiger

übung aus diesen vielen Stimmen gar bald ein ganzes Urteil

zusammensetzen: denn diejenigen, die uns diese Mühe ersparen könnten,

halten sich meist stille genug."

"Das sollten sie eben nicht", sagte Wilhelm. "Ich habe so oft gehört,

daß Menschen, die selbst über gute Werke schwiegen, doch beklagten und

bedauerten, daß geschwiegen wird."

"So wollen wir heute laut werden", rief ein junger Mann, "Sie müssen

mit uns speisen, und wir wollen alles einholen, was wir Ihnen und

manchmal der guten Aurelie schuldig geblieben sind."

Wilhelm lehnte die Einladung ab und begab sich zu Madame Melina, die

er wegen der Kinder sprechen wollte, indem er sie von ihr wegzunehmen

gedachte.

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 7 · 第 20 / 24 题