"Und hättest du", fuhr Wilhelm auf, "sie nicht retten können?"
"O ja", versetzte die Alte, "mit Hunger und Not, mit Kummer und
Entbehrung, und darauf war ich niemals eingerichtet."
"Abscheuliche, niederträchtige Kupplerin! so hast du das unglückliche
Geschöpf geopfert? so hast du sie deiner Kehle, deinem unersättlichen
Heißhunger hingegeben?"
"Ihr tätet besser, Euch zu mäßigen und mit Schimpfreden innezuhalten",
versetzte die Alte. "Wenn Ihr schimpfen wollt, so geht in Eure großen,
vornehmen Häuser, da werdet Ihr Mütter finden, die recht ängstlich
besorgt sind, wie sie für ein liebenswürdiges, himmlisches Mädchen den
allerabscheulichsten Menschen auffinden wollen, wenn er nur zugleich
der reichste ist. Seht das arme Geschöpf vor seinem Schicksale
zittern und beben und nirgends Trost finden, als bis ihr irgendeine
erfahrne Freundin begreiflich macht, daß sie durch den Ehestand das
Recht erwerbe, über ihr Herz und ihre Person nach Gefallen disponieren
zu können."
"Schweig!" rief Wilhelm, "glaubst du denn, daß ein Verbrechen durch
das andere entschuldigt werden könne? Erzähle, ohne weitere
Anmerkungen zu machen!"
"So hören Sie, ohne mich zu tadeln! Mariane ward wider meinen Willen
die Ihre. Bei diesem Abenteuer habe ich mir wenigstens nichts
vorzuwerfen. Norberg kam zurück, er eilte, Marianen zu sehen, die ihn
kalt und verdrießlich aufnahm und ihm nicht einen Kuß erlaubte. Ich
brauchte meine ganze Kunst, um ihr Betragen zu entschuldigen; ich ließ
ihn merken, daß ein Beichtvater ihr das Gewissen geschärft habe und
daß man ein Gewissen, solange es spricht, respektieren müsse. Ich
brachte ihn dahin, daß er ging, und versprach ihm, mein Bestes zu tun.
Er war reich und roh, aber er hatte einen Grund von Gutmütigkeit und
liebte Marianen auf das äußerste. Er versprach mir Geduld, und ich
arbeitete desto lebhafter, um ihn nicht zu sehr zu prüfen. Ich hatte
mit Marianen einen harten Stand; ich überredete sie, ja ich kann sagen,
ich zwang sie endlich durch die Drohung, daß ich sie verlassen würde,
an ihren Liebhaber zu schreiben und ihn auf die Nacht einzuladen. Sie
kamen und rafften zufälligerweise seine Antwort in dem Halstuch auf.
Ihre unvermutete Gegenwart hatte mir ein böses Spiel gemacht. Kaum
waren Sie weg, so ging die Qual von neuem an; sie schwur, daß sie
Ihnen nicht untreu werden könne, und war so leidenschaftlich, so außer
sich, daß sie mir ein herzliches Mitleid ablockte. Ich versprach ihr
endlich, daß ich auch diese Nacht Norbergen beruhigen und ihn unter
allerlei Vorwänden entfernen wollte; ich bat sie, zu Bette zu gehen,
allein sie schien mir nicht zu trauen: sie blieb angezogen und schlief
zuletzt, bewegt und ausgeweint, wie sie war, in ihren Kleidern ein.
Norberg kam; ich suchte ihn abzuhalten, ich stellte ihm ihre
Gewissensbisse, ihre Reue mit den schwärzesten Farben vor; er wünschte
sie nur zu sehen, und ich ging in das Zimmer, um sie vorzubereiten; er
schritt mir nach, und wir traten beide zu gleicher Zeit vor ihr Bette.
Sie erwachte, sprang mit Wut auf und entriß sich unsern Armen; sie
beschwur und bat, sie flehte, drohte und versicherte, daß sie nicht
nachgeben würde. Sie war unvorsichtig genug, über ihre wahre
Leidenschaft einige Worte fallenzulassen, die der arme Norberg im
geistlichen Sinne deuten mußte. Endlich verließ er sie, und sie
schloß sich ein. Ich behielt ihn noch lange bei mir und sprach mit
ihm über ihren Zustand, daß sie guter Hoffnung sei und daß man das
arme Mädchen schonen müsse. Er fühlte sich so stolz auf seine
Vaterschaft, er freute sich so sehr auf einen Knaben, daß er alles
einging, was sie von ihm verlangte, und daß er versprach, lieber
einige Zeit zu verreisen, als seine Geliebte zu ängstigen und ihr
durch diese Gemütsbewegungen zu schaden. Mit diesen Gesinnungen
schlich er morgens früh von mir weg, und Sie, mein Herr, wenn Sie
Schildwache gestanden haben, so hätte es zu Ihrer Glückseligkeit
nichts weiter bedurft, als in den Busen Ihres Nebenbuhlers zu sehen,
den Sie so begünstigt, so glücklich hielten und dessen Erscheinung Sie
zur Verzweiflung brachte."
"Redest du wahr?" sagte Wilhelm.
"So wahr", sagte die Alte, "als ich noch hoffe, Sie zur Verzweiflung
zu bringen.
Ja gewiß, Sie würden verzweifeln, wenn ich Ihnen das Bild unsers
nächsten Morgens recht lebhaft darstellen könnte. Wie heiter wachte
sie auf! wie freundlich rief sie mich herein! wie lebhaft dankte sie
mir! wie herzlich drückte sie mich an ihren Busen! "Nun", sagte sie,
indem sie lächelnd vor den Spiegel trat, "darf ich mich wieder an mir
selbst, mich an meiner Gestalt freuen, da ich wieder mir, da ich
meinem einzig geliebten Freund angehöre. Wie ist es so süß,
überwunden zu haben! welch eine himmlische Empfindung ist es, seinem
Herzen zu folgen! Wie dank ich dir, daß du dich meiner angenommen,
daß du deine Klugheit, deinen Verstand auch einmal zu meinem Vorteil
angewendet hast! Steh mir bei, und ersinne, was mich ganz glücklich
machen kann!"
Ich gab ihr nach, ich wollte sie nicht reizen, ich schmeichelte ihrer
Hoffnung, und sie liebkoste mich auf das anmutigste. Entfernte sie
sich einen Augenblick vom Fenster, so mußte ich Wache stehen: denn Sie
sollten nun ein für allemal vorbeigehen, man wollte Sie wenigstens
sehen; so ging der ganze Tag unruhig hin. Nachts zur gewöhnlichen
Stunde erwarteten wir Sie ganz gewiß. Ich paßte schon an der Treppe,
die Zeit ward mir lang, ich ging wieder zu ihr hinein. Ich fand sie
zu meiner Verwunderung in ihrer Offizierstracht, sie sah unglaublich
heiter und reizend aus. "Verdien ich nicht", sagte sie, "heute in
Mannstracht zu erscheinen? Habe ich mich nicht brav gehalten? Mein
Geliebter soll mich heute wie das erstemal sehen, ich will ihn so
zärtlich und mit mehr Freiheit an mein Herz drücken als damals: denn
bin ich jetzt nicht viel mehr die Seine als damals, da mich ein edler
Entschluß noch nicht frei gemacht hatte? Aber", fügte sie nach
einigem Nachdenken hinzu, "noch hab ich nicht ganz gewonnen, noch muß
ich erst das äußerste wagen, um seiner wert, um seines Besitzes gewiß
zu sein; ich muß ihm alles entdecken, meinen ganzen Zustand offenbaren
und ihm alsdann überlassen, ob er mich behalten oder verstoßen will.
Diese Szene bereite ich ihm, bereite ich mir zu; und wäre sein Gefühl
mich zu verstoßen fähig, so würde ich alsdann ganz wieder mir selbst
angehören, ich würde in meiner Strafe meinen Trost finden und alles
erdulden, was das Schicksal mir auferlegen wollte."
Mit diesen Gesinnungen, mit diesen Hoffnungen, mein Herr, erwartete
Sie das liebenswürdige Mädchen; Sie kamen nicht. Oh! wie soll ich den
Zustand des Wartens und Hoffens beschreiben? Ich sehe dich noch vor
mir, mit welcher Liebe, mit welcher Inbrunst du von dem Manne sprachst,
dessen Grausamkeit du noch nicht erfahren hattest!"
"Gute, liebe Barbara!" rief Wilhelm, indem er aufsprang und die Alte
bei der Hand faßte, "es ist nun genug der Verstellung, genug der
Vorbereitung! Dein gleichgültiger, dein ruhiger, dein zufriedner Ton
hat dich verraten. Gib mir Marianen wieder! Sie lebt, sie ist in der
Nähe. Nicht umsonst hast du diese späte, einsame Stunde zu deinem
Besuche gewählt, nicht umsonst hast du mich durch diese entzückende
Erzählung vorbereitet. Wo hast du sie? Wo verbirgst du sie? Ich
glaube dir alles, ich verspreche dir alles zu glauben, wenn du mir sie
zeigst, wenn du sie meinen Armen wiedergibst. Ihren Schatten habe ich
schon im Fluge gesehen, laß mich sie wieder in meine Arme fassen! Ich
will vor ihr auf den Knien liegen, ich will sie um Vergebung bitten,
ich will ihr zu ihrem Kampfe, zu ihrem Siege über sich und dich Glück
wünschen, ich will ihr meinen Felix zuführen. Komm! Wo hast du sie
versteckt? Laß sie, laß mich nicht länger in Ungewißheit! Dein
Endzweck ist erreicht. Wo hast du sie verborgen? Komm, daß ich sie
mit diesem Licht beleuchte! daß ich wieder ihr holdes Angesicht sehe!"
Er hatte die Alte vom Stuhl aufgezogen, sie sah ihn starr an, die
Tränen stürzten ihr aus den Augen, und ein ungeheurer Schmerz ergriff
sie. "Welch ein unglücklicher Irrtum", rief sie aus, "läßt Sie noch
einen Augenblick hoffen!--Ja, ich habe sie verborgen, aber unter die
Erde; weder das Licht der Sonne noch eine vertrauliche Kerze wird ihr
holdes Angesicht jemals wieder erleuchten. Führen Sie den guten Felix
an ihr Grab, und sagen Sie ihm: "Da liegt deine Mutter, die dein Vater
ungehört verdammt hat." Das liebe Herz schlägt nicht mehr vor
Ungeduld, Sie zu sehen, nicht etwa in einer benachbarten Kammer wartet
sie auf den Ausgang meiner Erzählung oder meines Märchens; die dunkle
Kammer hat sie aufgenommen, wohin kein Bräutigam folgt, woraus man
keinem Geliebten entgegengeht."
Sie warf sich auf die Erde an einem Stuhle nieder und weinte
bitterlich; Wilhelm war zum erstenmal völlig überzeugt, daß Mariane
tot sei; er befand sich in einem traurigen Zustande. Die Alte
richtete sich auf. "Ich habe Ihnen weiter nichts zu sagen", rief sie
und warf ein Paket auf den Tisch. "Hier diese Briefschaften mögen
völlig Ihre Grausamkeit beschämen; lesen Sie diese Blätter mit
trocknen Augen durch, wenn es Ihnen möglich ist." Sie schlich leise
fort, und Wilhelm hatte diese Nacht das Herz nicht, die Brieftasche zu
öffnen, er hatte sie selbst Marianen geschenkt, er wußte, daß sie
jedes Blättchen, das sie von ihm erhalten hatte, sorgfältig darin
aufhob. Den andern Morgen vermochte er es über sich; er löste das
Band, und es fielen ihm kleine Zettelchen, mit Bleistift von seiner
eigenen Hand geschrieben, entgegen und riefen ihm jede Situation von
dem ersten Tage ihrer anmutigen Bekanntschaft bis zu dem letzten ihrer
grausamen Trennung wieder herbei. Allein nicht ohne die lebhaftesten
Schmerzen durchlas er eine kleine Sammlung von Billetten, die an ihn
geschrieben waren und die, wie er aus dem Inhalt sah, von Wernern
waren zurückgewiesen worden.
"Keines meiner Blätter hat bis zu dir durchdringen können, mein Bitten
und Flehen hat dich nicht erreicht; hast du selbst diese grausamen
Befehle gegeben? Soll ich dich nie wiedersehen? Noch einmal versuch
ich es, ich bitte dich: komm, o komm! ich verlange dich nicht zu
behalten, wenn ich dich nur noch einmal an mein Herz drücken kann."
"Wenn ich sonst bei dir saß, deine Hände hielt, dir in die Augen sah
und mit vollem Herzen der Liebe und des Zutrauens zu dir sagte:
"Lieber, lieber, guter Mann!" das hörtest du so gern, ich mußt es dir
so oft wiederholen, ich wiederhole es noch einmal--Lieber, lieber,
guter Mann! sei gut, wie du warst, komm und laß mich nicht in meinem
Elende verderben!"
"Du hältst mich für schuldig, ich bin es auch, aber nicht, wie du
denkst. Komm, damit ich nur den einzigen Trost habe, von dir ganz
gekannt zu sein, es gehe mir nachher, wie es wolle."
"Nicht um meinetwillen allein, auch um dein selbst willen fleh ich
dich an zu kommen. Ich fühle die unerträglichen Schmerzen, die du
leidest, indem du mich fliehst; komm, daß unsere Trennung weniger
grausam werde! Ich war vielleicht nie deiner würdig als eben in dem
Augenblick, da du mich in ein grenzenloses Elend zurückstößest."
"Bei allem, was heilig ist, bei allem, was ein menschliches Herz
rühren kann, ruf ich dich an! Es ist um eine Seele, es ist um ein
Leben zu tun, um zwei Leben, von denen dir eins ewig teuer sein muß.
Dein Argwohn wird auch das nicht glauben, und doch werde ich es in der
Stunde des Todes aussprechen: das Kind, das ich unter dem Herzen trage,
ist dein. Seitdem ich dich liebe, hat kein anderer mir auch nur die
Hand gedrückt; o daß deine Liebe, daß deine Rechtschaffenheit die
Gefährten meiner Jugend gewesen wären!"
"Du willst mich nicht hören? So muß ich denn zuletzt wohl verstummen,
aber diese Blätter sollen nicht untergehen, vielleicht können sie noch
zu dir sprechen, wenn das Leichentuch schon meine Lippe bedeckt und
wenn die Stimme deiner Reue nicht mehr zu meinem Ohre reichen kann.
Durch mein trauriges Leben bis an den letzten Augenblick wird das mein
einziger Trost sein: daß ich ohne Schuld gegen dich war, wenn ich mich
auch nicht unschuldig nennen durfte."
Wilhelm konnte nicht weiter; er überließ sich ganz seinem Schmerz,
aber noch mehr war er bedrängt, als Laertes hereintrat, dem er seine
Empfindungen zu verbergen suchte. Dieser brachte einen Beutel mit
Dukaten hervor, zählte und rechnete und versicherte Wilhelmen: es sei
nichts Schöneres in der Welt, als wenn man eben auf dem Wege sei,
reich zu werden; es könne uns auch alsdann nichts stören oder abhalten.
Wilhelm erinnerte sich seines Traums und lächelte; aber zugleich
gedachte er auch mit Schaudern: daß in jenem Traumgesichte Mariane ihn
verlassen, um seinem verstorbenen Vater zu folgen, und daß beide
zuletzt wie Geister schwebend sich um den Garten bewegt hatten.
Laertes riß ihn aus seinem Nachdenken und führte ihn auf ein
Kaffeehaus, wo sich sogleich mehrere Personen um ihn versammelten, die
ihn sonst gern auf dem Theater gesehen hatten; sie freuten sich seiner
Gegenwart, bedauerten aber, daß er, wie sie hörten, die Bühne
verlassen wolle; sie sprachen so bestimmt und vernünftig von ihm und
seinem Spiele, von dem Grade seines Talents, von ihren Hoffnungen, daß
Wilhelm nicht ohne Rührung zuletzt ausrief: "O wie unendlich wert wäre
mir diese Teilnahme vor wenig Monaten gewesen! Wie belehrend und wie
erfreuend! Niemals hätte ich mein Gemüt so ganz von der Bühne
abgewendet, und niemals wäre ich so weit gekommen, am Publiko zu
verzweifeln."
"Dazu sollte es überhaupt nicht kommen", sagte ein ältlicher Mann, der
hervortrat; "das Publikum ist groß, wahrer Verstand und wahres Gefühl
sind nicht so selten, als man glaubt; nur muß der Künstler niemals
einen unbedingten Beifall für das, was er hervorbringt, verlangen:
denn eben der unbedingte ist am wenigsten wert, und den bedingten
wollen die Herren nicht gerne. Ich weiß wohl, im Leben wie in der
Kunst muß man mit sich zu Rate gehen, wenn man etwas tun und
hervorbringen soll; wenn es aber getan und vollendet ist, so darf man
mit Aufmerksamkeit nur viele hören, und man kann sich mit einiger
übung aus diesen vielen Stimmen gar bald ein ganzes Urteil
zusammensetzen: denn diejenigen, die uns diese Mühe ersparen könnten,
halten sich meist stille genug."
"Das sollten sie eben nicht", sagte Wilhelm. "Ich habe so oft gehört,
daß Menschen, die selbst über gute Werke schwiegen, doch beklagten und
bedauerten, daß geschwiegen wird."
"So wollen wir heute laut werden", rief ein junger Mann, "Sie müssen
mit uns speisen, und wir wollen alles einholen, was wir Ihnen und
manchmal der guten Aurelie schuldig geblieben sind."
Wilhelm lehnte die Einladung ab und begab sich zu Madame Melina, die
er wegen der Kinder sprechen wollte, indem er sie von ihr wegzunehmen
gedachte.