Wilhelm hatte auf seinem Wege nach der Stadt die edlen weiblichen
Geschöpfe, die er kannte und von denen er gehört hatte, im Sinne; ihre
sonderbaren Schicksale, die wenig Erfreuliches enthielten, waren ihm
schmerzlich gegenwärtig. "Ach!" rief er aus, "arme Mariane! was werde
ich noch von dir erfahren müssen? Und dich, herrliche Amazone, edler
Schutzgeist, dem ich so viel schuldig bin, dem ich überall zu begegnen
hoffe und den ich leider nirgends finde, in welchen traurigen
Umständen treff ich dich vielleicht, wenn du mir einst wieder
begegnest!"
In der Stadt war niemand von seinen Bekannten zu Hause; er eilte auf
das Theater, er glaubte sie in der Probe zu finden; alles war still,
das Haus schien leer, doch sah er einen Laden offen. Als er auf die
Bühne kam, fand er Aureliens alte Dienerin beschäftigt, Leinwand zu
einer neuen Dekoration zusammenzunähen; es fiel nur so viel Licht
herein, als nötig war, ihre Arbeit zu erhellen. Felix und Mignon
saßen neben ihr auf der Erde; beide hielten ein Buch, und indem Mignon
laut las, sagte ihr Felix alle Worte nach, als wenn er die Buchstaben
kennte, als wenn er auch zu lesen verstünde.
Die Kinder sprangen auf und begrüßten den Ankommenden: er umarmte sie
aufs zärtlichste und führte sie näher zu der Alten. "Bist du es",
sagte er zu ihr mit Ernst, "die dieses Kind Aurelien zugeführt hatte?"
Sie sah von ihrer Arbeit auf und wendete ihr Gesicht zu ihm; er sah
sie in vollem Lichte, erschrak, trat einige Schritte zurück; es war
die alte Barbara.
"Wo ist Mariane?" rief er aus. "Weit von hier", versetzte die Alte.
"Und Felix?"
"Ist der Sohn dieses unglücklichen, nur allzu zärtlich liebenden
Mädchens. Möchten Sie niemals empfinden, was Sie uns gekostet haben!
Möchte der Schatz, den ich Ihnen überliefere, Sie so glücklich machen,
als er uns unglücklich gemacht hat!"
Sie stand auf, um wegzugehen. Wilhelm hielt sie fest. "Ich denke
Ihnen nicht zu entlaufen", sagte sie, "lassen Sie mich ein Dokument
holen, das Sie erfreuen und schmerzen wird." Sie entfernte sich, und
Wilhelm sah den Knaben mit einer ängstlichen Freude an; er durfte sich
das Kind noch nicht zueignen. "Er ist dein", rief Mignon, "er ist
dein!" und drückte das Kind an Wilhelms Knie.
Die Alte kam und überreichte ihm einen Brief. "Hier sind Marianens
letzte Worte", sagte sie.
"Sie ist tot!" rief er aus.
"Tot!" sagte die Alte; "möchte ich Ihnen doch alle Vorwürfe ersparen
können."
überrascht und verwirrt erbrach Wilhelm den Brief; er hatte aber kaum
die ersten Worte gelesen, als ihn ein bittrer Schmerz ergriff; er ließ
den Brief fallen, stürzte auf eine Rasenbank und blieb eine Zeitlang
liegen. Mignon bemühte sich um ihn. Indessen hatte Felix den Brief
aufgehoben und zerrte seine Gespielin so lange, bis diese nachgab und
zu ihm kniete und ihm vorlas. Felix wiederholte die Worte, und
Wilhelm war genötigt, sie zweimal zu hören. "Wenn dieses Blatt jemals
zu dir kommt, so bedaure deine unglückliche Geliebte, deine Liebe hat
ihr den Tod gegeben. Der Knabe, dessen Geburt ich nur wenige Tage
überlebe, ist dein; ich sterbe dir treu, sosehr der Schein auch gegen
mich sprechen mag; mit dir verlor ich alles, was mich an das Leben
fesselte. Ich sterbe zufrieden, da man mir versichert, das Kind sei
gesund und werde leben. Höre die alte Barbara, verzeih ihr, leb wohl
und vergiß mich nicht!"
Welch ein schmerzlicher und noch zu seinem Troste halb rätselhafter
Brief! dessen Inhalt ihm erst recht fühlbar ward, da ihn die Kinder
stockend und stammelnd vortrugen und wiederholten.
"Da haben Sie es nun!" rief die Alte, ohne abzuwarten, bis er sich
erholt hatte; "danken Sie dem Himmel, daß nach dem Verluste eines so
guten Mädchens Ihnen noch so ein vortreffliches Kind übrigbleibt.
Nichts wird Ihrem Schmerze gleichen, wenn Sie vernehmen, wie das gute
Mädchen Ihnen bis ans Ende treu geblieben, wie unglücklich sie
geworden ist und was sie Ihnen alles aufgeopfert hat."
"Laß mich den Becher des Jammers und der Freuden", rief Wilhelm aus,
"auf einmal trinken! überzeuge mich, ja überrede mich nur, daß sie ein
gutes Mädchen war, daß sie meine Achtung wie meine Liebe verdiente,
und überlaß mich dann meinen Schmerzen über ihren unersetzlichen
Verlust."
"Es ist jetzt nicht Zeit", versetzte die Alte, "ich habe zu tun und
wünschte nicht, daß man uns beisammen fände. Lassen Sie es ein
Geheimnis sein, daß Felix Ihnen angehört; ich hätte über meine
bisherige Verstellung zuviel Vorwürfe von der Gesellschaft zu erwarten.
Mignon verrät uns nicht, sie ist gut und verschwiegen."
"Ich wußte es lange und sagte nichts", versetzte Mignon. "Wie ist es
möglich?" rief die Alte. "Woher?" fiel Wilhelm ein.
"Der Geist hat mir's gesagt."
"Wie? wo?"
"Im Gewölbe, da der Alte das Messer zog, rief mir's zu: "Rufe seinen
Vater!" und da fielst du mir ein."
"Wer rief denn?"
"Ich weiß nicht, im Herzen, im Kopfe, ich war so angst, ich zitterte,
ich betete, da rief's, und ich verstand's."
Wilhelm drückte sie an sein Herz, empfahl ihr Felix und entfernte sich.
Er bemerkte erst zuletzt, daß sie viel blässer und magerer geworden
war, als er sie verlassen hatte. Madame Melina fand er von seinen
Bekannten zuerst; sie begrüßte ihn aufs freundlichste. "Oh! daß Sie
doch alles", rief sie aus, "bei uns finden möchten, wie Sie wünschten!"
"Ich zweifle daran", sagte Wilhelm, "und erwartete es nicht. Gestehen
Sie es nur, man hat alle Anstalten gemacht, mich entbehren zu können."
"Warum sind Sie auch weggegangen?" versetzte die Freundin.
"Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, wie entbehrlich man
in der Welt ist. Welche wichtige Personen glauben wir zu sein! Wir
denken allein den Kreis zu beleben, in welchem wir wirken; in unserer
Abwesenheit muß, bilden wir uns ein, Leben, Nahrung und Atem stocken,
und die Lücke, die entsteht, wird kaum bemerkt, sie füllt sich so
geschwind wieder aus, ja sie wird oft nur der Platz, wo nicht für
etwas Besseres, doch für etwas Angenehmeres."
"Und die Leiden unserer Freunde bringen wir nicht in Anschlag?"
"Auch unsere Freunde tun wohl, wenn sie sich bald finden, wenn sie
sich sagen: "Da, wo du bist, da, wo du bleibst, wirke, was du kannst,
sei tätig und gefällig, und laß dir die Gegenwart heiter sein"."
Bei näherer Erkundigung fand Wilhelm, was er vermutet hatte: die Oper
war eingerichtet und zog die ganze Aufmerksamkeit des Publikums an
sich. Seine Rollen waren inzwischen durch Laertes und Horatio besetzt
worden, und beide lockten den Zuschauern einen weit lebhaftern Beifall
ab, als er jemals hatte erlangen können.
Laertes trat herein, und Madame Melina rief aus: "Sehn Sie hier diesen
glücklichen Menschen, der bald ein Kapitalist oder Gott weiß was
werden wird!" Wilhelm umarmte ihn und fühlte ein vortrefflich feines
Tuch an seinem Rocke; seine übrige Kleidung war einfach, aber alles
vom besten Zeuge.
"Lösen Sie mir das Rätsel!" rief Wilhelm aus.
"Es ist noch Zeit genug", versetzte Laertes, "um zu erfahren, daß mir
mein Hin- und Herlaufen nunmehr bezahlt wird, daß ein Patron eines
großen Handelshauses von meiner Unruhe, meinen Kenntnissen und
Bekanntschaften Vorteil zieht und mir einen Teil davon abläßt; ich
wollte viel drum geben, wenn ich mir dabei auch Zutrauen gegen die
Weiber ermäkeln könnte: denn es ist eine hübsche Nichte im Hause, und
ich merke wohl, wenn ich wollte, könnte ich bald ein gemachter Mann
sein."
"Sie wissen wohl noch nicht", sagte Madame Melina, "daß sich indessen
auch unter uns eine Heirat gemacht hat? Serlo ist wirklich mit der
schönen Elmire öffentlich getraut, da der Vater ihre heimliche
Vertraulichkeit nicht gutheißen wollte."
So unterhielten sie sich über manches, was sich in seiner Abwesenheit
zugetragen hatte, und er konnte gar wohl bemerken, daß er, dem Geist
und dem Sinne der Gesellschaft nach, wirklich längst verabschiedet war.
Mit Ungeduld erwartete er die Alte, die ihm tief in der Nacht ihren
sonderbaren Besuch angekündigt hatte. Sie wollte kommen, wenn alles
schlief, und verlangte solche Vorbereitungen, eben als wenn das
jüngste Mädchen sich zu einem Geliebten schleichen wollte. Er las
indes Marianens Brief wohl hundertmal durch, las mit unaussprechlichem
Entzücken das Wort Treue von ihrer geliebten Hand und mit Entsetzen
die Ankündigung ihres Todes, dessen Annäherung sie nicht zu fürchten
schien.
Mitternacht war vorbei, als etwas an der halboffnen Türe rauschte und
die Alte mit einem Körbchen hereintrat. "Ich soll Euch", sagte sie,
"die Geschichte unserer Leiden erzählen, und ich muß erwarten, daß Ihr
ungerührt dabeisitzt, daß Ihr nur, um Eure Neugierde zu befriedigen,
mich so sorgsam erwartet und daß Ihr Euch jetzt wie damals in Eure
kalte Eigenliebe hüllet, wenn uns das Herz bricht. Aber seht her! so
brachte ich an jenem glücklichen Abend die Champagnerflasche hervor,
so stellte ich drei Gläser auf den Tisch, und so fingt Ihr an, uns mit
gutmütigen Kindergeschichten zu täuschen und einzuschläfern, wie ich
Euch jetzt mit traurigen Wahrheiten aufklären und wach erhalten muß."
Wilhelm wußte nicht, was er sagen sollte, als die Alte wirklich den
Stöpsel springen ließ und die drei Gläser vollschenkte.
"Trinkt!" rief sie, nachdem sie ihr schäumendes Glas schnell
ausgeleert hatte, "trinkt, eh der Geist verraucht! Dieses dritte Glas
soll zum Andenken meiner unglücklichen Freundin ungenossen verschäumen.
Wie rot waren ihre Lippen, als sie Euch damals Bescheid tat! Ach!
und nun auf ewig verblaßt und erstarrt!"
"Sibylle! Furie!" rief Wilhelm aus, indem er aufsprang und mit der
Faust auf den Tisch schlug, "welch ein böser Geist besitzt und treibt
dich? Für wen hältst du mich, daß du denkst, die einfachste
Geschichte von Marianens Tod und Leiden werde mich nicht empfindlich
genug kränken, daß du noch solche höllische Kunstgriffe brauchst, um
meine Marter zu schärfen? Geht deine unersättliche Völlerei so weit,
daß du beim Totenmahle schwelgen mußt, so trink und rede! Ich habe
dich von jeher verabscheut, und noch kann ich mir Marianen nicht
unschuldig denken, wenn ich dich, ihre Gesellschafterin, nur ansehe."
"Gemach, mein Herr!" versetzte die Alte, "Sie werden mich nicht aus
meiner Fassung bringen. Sie sind uns noch sehr verschuldet, und von
einem Schuldner läßt man sich nicht übel begegnen. Aber Sie haben
recht, auch meine einfachste Erzählung ist Strafe genug für Sie. So
hören Sie denn den Kampf und den Sieg Marianens, um die Ihrige zu
bleiben."
"Die Meinige?" rief Wilhelm aus, "welch ein Märchen willst du
beginnen?"
"Unterbrechen Sie mich nicht", fiel sie ein, "hören Sie mich, und dann
glauben Sie, was Sie wollen, es ist ohnedies jetzt ganz einerlei.
Haben Sie nicht am letzten Abend, als Sie bei uns waren, ein Billett
gefunden und mitgenommen?"
"Ich fand das Blatt erst, als ich es mitgenommen hatte; es war in das
Halstuch verwickelt, das ich aus inbrünstiger Liebe ergriff und zu mir
steckte."
"Was enthielt das Papier?"
"Die Aussichten eines verdrießlichen Liebhabers, in der nächsten Nacht
besser als gestern aufgenommen zu werden. Und daß man ihm Wort
gehalten hat, habe ich mit eignen Augen gesehen, denn er schlich früh
vor Tage aus eurem Hause hinweg."
"Sie können ihn gesehen haben; aber was bei uns vorging, wie traurig
Mariane diese Nacht, wie verdrießlich ich sie zubrachte, das werden
Sie erst jetzt erfahren. Ich will ganz aufrichtig sein, weder leugnen
noch beschönigen, daß ich Marianen beredete, sich einem gewissen
Norberg zu ergeben; sie folgte, ja ich kann sagen, sie gehorchte mir
mit Widerwillen. Er war reich, er schien verliebt, und ich hoffte, er
werde beständig sein. Gleich darauf mußte er eine Reise machen, und
Mariane lernte Sie kennen. Was hatte ich da nicht auszustehen! was zu
hindern! was zu erdulden! "Oh!" rief sie manchmal, "hättest du meiner
Jugend, meiner Unschuld nur noch vier Wochen geschont, so hätte ich
einen würdigen Gegenstand meiner Liebe gefunden, ich wäre seiner
würdig gewesen, und die Liebe hätte das mit einem ruhigen Bewußtsein
geben dürfen, was ich jetzt wider Willen verkauft habe." Sie überließ
sich ganz ihrer Neigung, und ich darf nicht fragen, ob Sie glücklich
waren. Ich hatte eine uneingeschränkte Gewalt über ihren Verstand,
denn ich kannte alle Mittel, ihre kleinen Neigungen zu befriedigen;
ich hatte keine Macht über ihr Herz, denn niemals billigte sie, was
ich für sie tat, wozu ich sie bewegte, wenn ihr Herz widersprach: nur
der unbezwinglichen Not gab sie nach, und die Not erschien ihr bald
sehr drückend. In den ersten Zeiten ihrer Jugend hatte es ihr an
nichts gemangelt; ihre Familie verlor durch eine Verwickelung von
Umständen ihr Vermögen, das arme Mädchen war an mancherlei Bedürfnisse
gewöhnt, und ihrem kleinen Gemüt waren gewisse gute Grundsätze
eingeprägt, die sie unruhig machten, ohne ihr viel zu helfen. Sie
hatte nicht die mindeste Gewandtheit in weltlichen Dingen, sie war
unschuldig im eigentlichen Sinne; sie hatte keinen Begriff, daß man
kaufen könne, ohne zu bezahlen; vor nichts war ihr mehr bange, als
wenn sie schuldig war; sie hätte immer lieber gegeben als genommen,
und nur eine solche Lage machte es möglich, daß sie genötigt ward,
sich selbst hinzugeben, um eine Menge kleiner Schulden loszuwerden."