Achtes Kapitel

Wilhelm hatte auf seinem Wege nach der Stadt die edlen weiblichen

Geschöpfe, die er kannte und von denen er gehört hatte, im Sinne; ihre

sonderbaren Schicksale, die wenig Erfreuliches enthielten, waren ihm

schmerzlich gegenwärtig. "Ach!" rief er aus, "arme Mariane! was werde

ich noch von dir erfahren müssen? Und dich, herrliche Amazone, edler

Schutzgeist, dem ich so viel schuldig bin, dem ich überall zu begegnen

hoffe und den ich leider nirgends finde, in welchen traurigen

Umständen treff ich dich vielleicht, wenn du mir einst wieder

begegnest!"

In der Stadt war niemand von seinen Bekannten zu Hause; er eilte auf

das Theater, er glaubte sie in der Probe zu finden; alles war still,

das Haus schien leer, doch sah er einen Laden offen. Als er auf die

Bühne kam, fand er Aureliens alte Dienerin beschäftigt, Leinwand zu

einer neuen Dekoration zusammenzunähen; es fiel nur so viel Licht

herein, als nötig war, ihre Arbeit zu erhellen. Felix und Mignon

saßen neben ihr auf der Erde; beide hielten ein Buch, und indem Mignon

laut las, sagte ihr Felix alle Worte nach, als wenn er die Buchstaben

kennte, als wenn er auch zu lesen verstünde.

Die Kinder sprangen auf und begrüßten den Ankommenden: er umarmte sie

aufs zärtlichste und führte sie näher zu der Alten. "Bist du es",

sagte er zu ihr mit Ernst, "die dieses Kind Aurelien zugeführt hatte?"

Sie sah von ihrer Arbeit auf und wendete ihr Gesicht zu ihm; er sah

sie in vollem Lichte, erschrak, trat einige Schritte zurück; es war

die alte Barbara.

"Wo ist Mariane?" rief er aus. "Weit von hier", versetzte die Alte.

"Und Felix?"

"Ist der Sohn dieses unglücklichen, nur allzu zärtlich liebenden

Mädchens. Möchten Sie niemals empfinden, was Sie uns gekostet haben!

Möchte der Schatz, den ich Ihnen überliefere, Sie so glücklich machen,

als er uns unglücklich gemacht hat!"

Sie stand auf, um wegzugehen. Wilhelm hielt sie fest. "Ich denke

Ihnen nicht zu entlaufen", sagte sie, "lassen Sie mich ein Dokument

holen, das Sie erfreuen und schmerzen wird." Sie entfernte sich, und

Wilhelm sah den Knaben mit einer ängstlichen Freude an; er durfte sich

das Kind noch nicht zueignen. "Er ist dein", rief Mignon, "er ist

dein!" und drückte das Kind an Wilhelms Knie.

Die Alte kam und überreichte ihm einen Brief. "Hier sind Marianens

letzte Worte", sagte sie.

"Sie ist tot!" rief er aus.

"Tot!" sagte die Alte; "möchte ich Ihnen doch alle Vorwürfe ersparen

können."

überrascht und verwirrt erbrach Wilhelm den Brief; er hatte aber kaum

die ersten Worte gelesen, als ihn ein bittrer Schmerz ergriff; er ließ

den Brief fallen, stürzte auf eine Rasenbank und blieb eine Zeitlang

liegen. Mignon bemühte sich um ihn. Indessen hatte Felix den Brief

aufgehoben und zerrte seine Gespielin so lange, bis diese nachgab und

zu ihm kniete und ihm vorlas. Felix wiederholte die Worte, und

Wilhelm war genötigt, sie zweimal zu hören. "Wenn dieses Blatt jemals

zu dir kommt, so bedaure deine unglückliche Geliebte, deine Liebe hat

ihr den Tod gegeben. Der Knabe, dessen Geburt ich nur wenige Tage

überlebe, ist dein; ich sterbe dir treu, sosehr der Schein auch gegen

mich sprechen mag; mit dir verlor ich alles, was mich an das Leben

fesselte. Ich sterbe zufrieden, da man mir versichert, das Kind sei

gesund und werde leben. Höre die alte Barbara, verzeih ihr, leb wohl

und vergiß mich nicht!"

Welch ein schmerzlicher und noch zu seinem Troste halb rätselhafter

Brief! dessen Inhalt ihm erst recht fühlbar ward, da ihn die Kinder

stockend und stammelnd vortrugen und wiederholten.

"Da haben Sie es nun!" rief die Alte, ohne abzuwarten, bis er sich

erholt hatte; "danken Sie dem Himmel, daß nach dem Verluste eines so

guten Mädchens Ihnen noch so ein vortreffliches Kind übrigbleibt.

Nichts wird Ihrem Schmerze gleichen, wenn Sie vernehmen, wie das gute

Mädchen Ihnen bis ans Ende treu geblieben, wie unglücklich sie

geworden ist und was sie Ihnen alles aufgeopfert hat."

"Laß mich den Becher des Jammers und der Freuden", rief Wilhelm aus,

"auf einmal trinken! überzeuge mich, ja überrede mich nur, daß sie ein

gutes Mädchen war, daß sie meine Achtung wie meine Liebe verdiente,

und überlaß mich dann meinen Schmerzen über ihren unersetzlichen

Verlust."

"Es ist jetzt nicht Zeit", versetzte die Alte, "ich habe zu tun und

wünschte nicht, daß man uns beisammen fände. Lassen Sie es ein

Geheimnis sein, daß Felix Ihnen angehört; ich hätte über meine

bisherige Verstellung zuviel Vorwürfe von der Gesellschaft zu erwarten.

Mignon verrät uns nicht, sie ist gut und verschwiegen."

"Ich wußte es lange und sagte nichts", versetzte Mignon. "Wie ist es

möglich?" rief die Alte. "Woher?" fiel Wilhelm ein.

"Der Geist hat mir's gesagt."

"Wie? wo?"

"Im Gewölbe, da der Alte das Messer zog, rief mir's zu: "Rufe seinen

Vater!" und da fielst du mir ein."

"Wer rief denn?"

"Ich weiß nicht, im Herzen, im Kopfe, ich war so angst, ich zitterte,

ich betete, da rief's, und ich verstand's."

Wilhelm drückte sie an sein Herz, empfahl ihr Felix und entfernte sich.

Er bemerkte erst zuletzt, daß sie viel blässer und magerer geworden

war, als er sie verlassen hatte. Madame Melina fand er von seinen

Bekannten zuerst; sie begrüßte ihn aufs freundlichste. "Oh! daß Sie

doch alles", rief sie aus, "bei uns finden möchten, wie Sie wünschten!"

"Ich zweifle daran", sagte Wilhelm, "und erwartete es nicht. Gestehen

Sie es nur, man hat alle Anstalten gemacht, mich entbehren zu können."

"Warum sind Sie auch weggegangen?" versetzte die Freundin.

"Man kann die Erfahrung nicht früh genug machen, wie entbehrlich man

in der Welt ist. Welche wichtige Personen glauben wir zu sein! Wir

denken allein den Kreis zu beleben, in welchem wir wirken; in unserer

Abwesenheit muß, bilden wir uns ein, Leben, Nahrung und Atem stocken,

und die Lücke, die entsteht, wird kaum bemerkt, sie füllt sich so

geschwind wieder aus, ja sie wird oft nur der Platz, wo nicht für

etwas Besseres, doch für etwas Angenehmeres."

"Und die Leiden unserer Freunde bringen wir nicht in Anschlag?"

"Auch unsere Freunde tun wohl, wenn sie sich bald finden, wenn sie

sich sagen: "Da, wo du bist, da, wo du bleibst, wirke, was du kannst,

sei tätig und gefällig, und laß dir die Gegenwart heiter sein"."

Bei näherer Erkundigung fand Wilhelm, was er vermutet hatte: die Oper

war eingerichtet und zog die ganze Aufmerksamkeit des Publikums an

sich. Seine Rollen waren inzwischen durch Laertes und Horatio besetzt

worden, und beide lockten den Zuschauern einen weit lebhaftern Beifall

ab, als er jemals hatte erlangen können.

Laertes trat herein, und Madame Melina rief aus: "Sehn Sie hier diesen

glücklichen Menschen, der bald ein Kapitalist oder Gott weiß was

werden wird!" Wilhelm umarmte ihn und fühlte ein vortrefflich feines

Tuch an seinem Rocke; seine übrige Kleidung war einfach, aber alles

vom besten Zeuge.

"Lösen Sie mir das Rätsel!" rief Wilhelm aus.

"Es ist noch Zeit genug", versetzte Laertes, "um zu erfahren, daß mir

mein Hin- und Herlaufen nunmehr bezahlt wird, daß ein Patron eines

großen Handelshauses von meiner Unruhe, meinen Kenntnissen und

Bekanntschaften Vorteil zieht und mir einen Teil davon abläßt; ich

wollte viel drum geben, wenn ich mir dabei auch Zutrauen gegen die

Weiber ermäkeln könnte: denn es ist eine hübsche Nichte im Hause, und

ich merke wohl, wenn ich wollte, könnte ich bald ein gemachter Mann

sein."

"Sie wissen wohl noch nicht", sagte Madame Melina, "daß sich indessen

auch unter uns eine Heirat gemacht hat? Serlo ist wirklich mit der

schönen Elmire öffentlich getraut, da der Vater ihre heimliche

Vertraulichkeit nicht gutheißen wollte."

So unterhielten sie sich über manches, was sich in seiner Abwesenheit

zugetragen hatte, und er konnte gar wohl bemerken, daß er, dem Geist

und dem Sinne der Gesellschaft nach, wirklich längst verabschiedet war.

Mit Ungeduld erwartete er die Alte, die ihm tief in der Nacht ihren

sonderbaren Besuch angekündigt hatte. Sie wollte kommen, wenn alles

schlief, und verlangte solche Vorbereitungen, eben als wenn das

jüngste Mädchen sich zu einem Geliebten schleichen wollte. Er las

indes Marianens Brief wohl hundertmal durch, las mit unaussprechlichem

Entzücken das Wort Treue von ihrer geliebten Hand und mit Entsetzen

die Ankündigung ihres Todes, dessen Annäherung sie nicht zu fürchten

schien.

Mitternacht war vorbei, als etwas an der halboffnen Türe rauschte und

die Alte mit einem Körbchen hereintrat. "Ich soll Euch", sagte sie,

"die Geschichte unserer Leiden erzählen, und ich muß erwarten, daß Ihr

ungerührt dabeisitzt, daß Ihr nur, um Eure Neugierde zu befriedigen,

mich so sorgsam erwartet und daß Ihr Euch jetzt wie damals in Eure

kalte Eigenliebe hüllet, wenn uns das Herz bricht. Aber seht her! so

brachte ich an jenem glücklichen Abend die Champagnerflasche hervor,

so stellte ich drei Gläser auf den Tisch, und so fingt Ihr an, uns mit

gutmütigen Kindergeschichten zu täuschen und einzuschläfern, wie ich

Euch jetzt mit traurigen Wahrheiten aufklären und wach erhalten muß."

Wilhelm wußte nicht, was er sagen sollte, als die Alte wirklich den

Stöpsel springen ließ und die drei Gläser vollschenkte.

"Trinkt!" rief sie, nachdem sie ihr schäumendes Glas schnell

ausgeleert hatte, "trinkt, eh der Geist verraucht! Dieses dritte Glas

soll zum Andenken meiner unglücklichen Freundin ungenossen verschäumen.

Wie rot waren ihre Lippen, als sie Euch damals Bescheid tat! Ach!

und nun auf ewig verblaßt und erstarrt!"

"Sibylle! Furie!" rief Wilhelm aus, indem er aufsprang und mit der

Faust auf den Tisch schlug, "welch ein böser Geist besitzt und treibt

dich? Für wen hältst du mich, daß du denkst, die einfachste

Geschichte von Marianens Tod und Leiden werde mich nicht empfindlich

genug kränken, daß du noch solche höllische Kunstgriffe brauchst, um

meine Marter zu schärfen? Geht deine unersättliche Völlerei so weit,

daß du beim Totenmahle schwelgen mußt, so trink und rede! Ich habe

dich von jeher verabscheut, und noch kann ich mir Marianen nicht

unschuldig denken, wenn ich dich, ihre Gesellschafterin, nur ansehe."

"Gemach, mein Herr!" versetzte die Alte, "Sie werden mich nicht aus

meiner Fassung bringen. Sie sind uns noch sehr verschuldet, und von

einem Schuldner läßt man sich nicht übel begegnen. Aber Sie haben

recht, auch meine einfachste Erzählung ist Strafe genug für Sie. So

hören Sie denn den Kampf und den Sieg Marianens, um die Ihrige zu

bleiben."

"Die Meinige?" rief Wilhelm aus, "welch ein Märchen willst du

beginnen?"

"Unterbrechen Sie mich nicht", fiel sie ein, "hören Sie mich, und dann

glauben Sie, was Sie wollen, es ist ohnedies jetzt ganz einerlei.

Haben Sie nicht am letzten Abend, als Sie bei uns waren, ein Billett

gefunden und mitgenommen?"

"Ich fand das Blatt erst, als ich es mitgenommen hatte; es war in das

Halstuch verwickelt, das ich aus inbrünstiger Liebe ergriff und zu mir

steckte."

"Was enthielt das Papier?"

"Die Aussichten eines verdrießlichen Liebhabers, in der nächsten Nacht

besser als gestern aufgenommen zu werden. Und daß man ihm Wort

gehalten hat, habe ich mit eignen Augen gesehen, denn er schlich früh

vor Tage aus eurem Hause hinweg."

"Sie können ihn gesehen haben; aber was bei uns vorging, wie traurig

Mariane diese Nacht, wie verdrießlich ich sie zubrachte, das werden

Sie erst jetzt erfahren. Ich will ganz aufrichtig sein, weder leugnen

noch beschönigen, daß ich Marianen beredete, sich einem gewissen

Norberg zu ergeben; sie folgte, ja ich kann sagen, sie gehorchte mir

mit Widerwillen. Er war reich, er schien verliebt, und ich hoffte, er

werde beständig sein. Gleich darauf mußte er eine Reise machen, und

Mariane lernte Sie kennen. Was hatte ich da nicht auszustehen! was zu

hindern! was zu erdulden! "Oh!" rief sie manchmal, "hättest du meiner

Jugend, meiner Unschuld nur noch vier Wochen geschont, so hätte ich

einen würdigen Gegenstand meiner Liebe gefunden, ich wäre seiner

würdig gewesen, und die Liebe hätte das mit einem ruhigen Bewußtsein

geben dürfen, was ich jetzt wider Willen verkauft habe." Sie überließ

sich ganz ihrer Neigung, und ich darf nicht fragen, ob Sie glücklich

waren. Ich hatte eine uneingeschränkte Gewalt über ihren Verstand,

denn ich kannte alle Mittel, ihre kleinen Neigungen zu befriedigen;

ich hatte keine Macht über ihr Herz, denn niemals billigte sie, was

ich für sie tat, wozu ich sie bewegte, wenn ihr Herz widersprach: nur

der unbezwinglichen Not gab sie nach, und die Not erschien ihr bald

sehr drückend. In den ersten Zeiten ihrer Jugend hatte es ihr an

nichts gemangelt; ihre Familie verlor durch eine Verwickelung von

Umständen ihr Vermögen, das arme Mädchen war an mancherlei Bedürfnisse

gewöhnt, und ihrem kleinen Gemüt waren gewisse gute Grundsätze

eingeprägt, die sie unruhig machten, ohne ihr viel zu helfen. Sie

hatte nicht die mindeste Gewandtheit in weltlichen Dingen, sie war

unschuldig im eigentlichen Sinne; sie hatte keinen Begriff, daß man

kaufen könne, ohne zu bezahlen; vor nichts war ihr mehr bange, als

wenn sie schuldig war; sie hätte immer lieber gegeben als genommen,

und nur eine solche Lage machte es möglich, daß sie genötigt ward,

sich selbst hinzugeben, um eine Menge kleiner Schulden loszuwerden."

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 7 · 第 19 / 24 题