VII. Buch, 6. Kapitel--2

Ich hörte, daß die Gesellschaft junger Freunde mit Lothario wieder

ein Jagen angestellt hatte; zum erstenmal in meinem Leben fiel mir's

ein zu scheinen oder, daß ich mir nicht unrecht tue, in den Augen des

trefflichen Mannes für das zu gelten, was ich war. Ich zog meine

Mannskleider an, nahm die Flinte auf den Rücken und ging mit unserm

Jäger hinaus, um die Gesellschaft an der Grenze zu erwarten. Sie kam,

Lothario kannte mich nicht gleich; einer von den Neffen meiner

Wohltäterin stellte mich ihm als einen geschickten Forstmann vor,

scherzte über meine Jugend und trieb sein Spiel zu meinem Lobe so

lange, bis endlich Lothario mich erkannte. Der Neffe sekundierte

meine Absicht, als wenn wir es abgeredet hätten. Umständlich erzählte

er und dankbar, was ich für die Güter der Tante und also auch für ihn

getan hatte.

Lothario hörte mit Aufmerksamkeit zu, unterhielt sich mit mir, fragte

nach allen Verhältnissen der Güter und der Gegend, und ich war froh,

meine Kenntnisse vor ihm ausbreiten zu können; ich bestand in meinem

Examen sehr gut, ich legte ihm einige Vorschläge zu gewissen

Verbesserungen zur Prüfung vor, er billigte sie, erzählte mir ähnliche

Beispiele und verstärkte meine Gründe durch den Zusammenhang, den er

ihnen gab. Meine Zufriedenheit wuchs mit jedem Augenblick. Aber

glücklicherweise wollte ich nur gekannt, wollte nicht geliebt sein:

denn--wir kamen nach Hause, und ich bemerkte mehr als sonst, daß die

Aufmerksamkeit, die er Lydien bezeigte, eine heimliche Neigung zu

verraten schien. Ich hatte meinen Endzweck erreicht und war doch

nicht ruhig; er zeigte von dem Tage an eine wahre Achtung und ein

schönes Vertrauen gegen mich, er redete mich in Gesellschaft

gewöhnlich an, fragte mich um meine Meinung und schien besonders in

Haushaltungssachen das Zutrauen zu mir zu haben, als wenn ich alles

wisse. Seine Teilnahme munterte mich außerordentlich auf; sogar wenn

von allgemeiner Landesökonomie und von Finanzen die Rede war, zog er

mich ins Gespräch, und ich suchte in seiner Abwesenheit mehr

Kenntnisse von der Provinz, ja von dem ganzen Lande zu erlangen. Es

ward mir leicht, denn es wiederholte sich nur im großen, was ich im

kleinen so genau wußte und kannte.

Er kam von dieser Zeit an öfter in unser Haus. Es ward, ich kann wohl

sagen, von allem gesprochen, aber gewissermaßen ward unser Gespräch

zuletzt immer ökonomisch, wenn auch nur im uneigentlichen Sinne. Was

der Mensch durch konsequente Anwendung seiner Kräfte, seiner Zeit,

seines Geldes, selbst durch gering scheinende Mittel für ungeheure

Wirkungen hervorbringen könne, darüber ward viel gesprochen.

Ich widerstand der Neigung nicht, die mich zu ihm zog, und ich fühlte

leider nur zu bald, wie sehr, wie herzlich, wie rein und aufrichtig

meine Liebe war, da ich immer mehr zu bemerken glaubte, daß seine

öftern Besuche Lydien und nicht mir galten. Sie wenigstens war auf

das lebhafteste davon überzeugt; sie machte mich zu ihrer Vertrauten,

und dadurch fand ich mich noch einigermaßen getröstet. Das, was sie

so sehr zu ihrem Vorteil auslegte, fand ich keinesweges bedeutend; von

der Absicht einer ernsthaften, dauernden Verbindung zeigte sich keine

Spur, um so deutlicher sah ich den Hang des leidenschaftlichen

Mädchens, um jeden Preis die Seinige zu werden.

So standen die Sachen, als mich die Frau vom Hause mit einem

unvermuteten Antrag überraschte. "Lothario", sagte sie, "bietet Ihnen

seine Hand an und wünscht Sie in seinem Leben immer zur Seite zu haben."

Sie verbreitete sich über meine Eigenschaften und sagte mir, was

ich so gerne anhörte: daß Lothario überzeugt sei, in mir die Person

gefunden zu haben, die er so lange gewünscht hatte.

Das höchste Glück war nun für mich erreicht: ein Mann verlangte mich,

den ich so sehr schätzte, bei dem und mit dem ich eine völlige, freie,

ausgebreitete, nützliche Wirkung meiner angebornen Neigung, meines

durch übung erworbenen Talents vor mir sah; die Summe meines ganzen

Daseins schien sich ins Unendliche vermehrt zu haben. Ich gab meine

Einwilligung, er kam selbst, er sprach mit mir allein, er reichte mir

seine Hand, er sah mir in die Augen, er umarmte mich und drückte einen

Kuß auf meine Lippen. Es war der erste und letzte. Er vertraute mir

seine ganze Lage, was ihn sein amerikanischer Feldzug gekostet, welche

Schulden er auf seine Güter geladen, wie er sich mit seinem Großoheim

einigermaßen darüber entzweit habe, wie dieser würdige Mann für ihn zu

sorgen denke, aber freilich auf seine eigene Art: er wolle ihm eine

reiche Frau geben, da einem wohldenkenden Manne doch nur mit einer

haushältischen gedient sei; er hoffe durch seine Schwester den Alten

zu bereden. Er legte mir den Zustand seines Vermögens, seine Plane,

seine Aussichten vor und erbat sich meine Mitwirkung. Nur bis zur

Einwilligung seines Oheims sollte es ein Geheimnis bleiben.

Kaum hatte er sich entfernt, so fragte mich Lydie, ob er etwa von ihr

gesprochen habe. Ich sagte nein und machte ihr Langeweile mit

Erzählung von ökonomischen Gegenständen. Sie war unruhig, mißlaunig,

und sein Betragen, als er wiederkam, verbesserte ihren Zustand nicht.

Doch ich sehe, daß die Sonne sich zu ihrem Untergange neigt! Es ist

Ihr Glück, mein Freund, Sie hätten sonst die Geschichte, die ich mir

so gerne selbst erzähle, mit allen ihren kleinen Umständen durchhören

müssen. Lassen Sie mich eilen, wir nahen einer Epoche, bei der nicht

gut zu verweilen ist.

Lothario machte mich mit seiner trefflichen Schwester bekannt, und

diese wußte mich auf eine schickliche Weise beim Oheim einzuführen;

ich gewann den Alten, er willigte in unsre Wünsche, und ich kehrte mit

einer glücklichen Nachricht zu meiner Wohltäterin zurück. Die Sache

war im Hause nun kein Geheimnis mehr, Lydie erfuhr sie, sie glaubte

etwas Unmögliches zu vernehmen. Als sie endlich daran nicht mehr

zweifeln konnte, verschwand sie auf einmal, und man wußte nicht, wohin

sie sich verloren hatte.

Der Tag unserer Verbindung nahte heran; ich hatte ihn schon oft um

sein Bildnis gebeten, und ich erinnerte ihn, eben als er wegreisen

wollte, nochmals an sein Versprechen. "Sie haben vergessen", sagte er,

"mir das Gehäuse zu geben, wohinein Sie es gepaßt wünschen." Es war

so: ich hatte ein Geschenk von einer Freundin, das ich sehr wert hielt.

Von ihren Haaren war ein verzogener Name unter dem äußern Glase

befestigt, inwendig blieb ein leeres Elfenbein, worauf eben ihr Bild

gemalt werden sollte, als sie mir unglücklicherweise durch den Tod

entrissen wurde. Lotharios Neigung beglückte mich in dem Augenblicke,

da ihr Verlust mir noch sehr schmerzhaft war, und ich wünschte die

Lücke, die sie mir in ihrem Geschenk zurückgelassen hatte, durch das

Bild meines Freundes auszufüllen.

Ich eile nach meinem Zimmer, hole mein Schmuckkästchen und eröffne es

in seiner Gegenwart; kaum sieht er hinein, so erblickt er ein

Medaillon mit dem Bilde eines Frauenzimmers, er nimmt es in die Hand,

betrachtet es mit Aufmerksamkeit und fragt hastig: "Wen soll dies

Porträt vorstellen?"--"Meine Mutter", versetzte ich. "Hätt ich doch

geschworen", rief er aus, "es sei das Porträt einer Frau von

Saint-Alban, die ich vor einigen Jahren in der Schweiz antraf."--"Es

ist einerlei Person", versetzte ich lächelnd, "und Sie haben also Ihre

Schwiegermutter, ohne es zu wissen, kennengelernt. Saint-Alban ist

der romantische Name, unter dem meine Mutter reist; sie befindet sich

unter demselben noch gegenwärtig in Frankreich."

"Ich bin der unglücklichste aller Menschen!" rief er aus, indem er das

Bild in das Kästchen zurückwarf, seine Augen mit der Hand bedeckte und

sogleich das Zimmer verließ. Er warf sich auf sein Pferd, ich lief

auf den Balkon und rief ihm nach; er kehrte sich um, warf mir eine

Hand zu; entfernte sich eilig--und ich habe ihn nicht wieder gesehen."

Die Sonne ging unter, Therese sah mit unverwandtem Blicke in die Glut,

und ihre beiden schönen Augen füllten sich mit Tränen.

Therese schwieg und legte auf ihres neuen Freundes Hände ihre Hand; er

küßte sie mit Teilnehmung, sie trocknete ihre Tränen und stand auf.

"Lassen Sie uns zurückgehen", sagte sie, "und für die Unsrigen sorgen!"

Das Gespräch auf dem Wege war nicht lebhaft; sie kamen zur Gartentüre

herein und sahen Lydien auf einer Bank sitzen; sie stand auf, wich

ihnen aus und begab sich ins Haus zurück; sie hatte ein Papier in der

Hand, und zwei kleine Mädchen waren bei ihr. "Ich sehe", sagte

Therese, "sie trägt ihren einzigen Trost, den Brief Lotharios, noch

immer bei sich. Ihr Freund verspricht ihr, daß sie gleich, sobald er

sich wohl befindet, wieder an seiner Seite leben soll; er bittet sie,

so lange ruhig bei mir zu verweilen. An diesen Worten hängt sie, mit

diesen Zeilen tröstet sie sich, aber seine Freunde sind übel bei ihr

angeschrieben."

Indessen waren die beiden Kinder herangekommen, begrüßten Theresen und

gaben ihr Rechenschaft von allem, was in ihrer Abwesenheit im Hause

vorgegangen war. "Sie sehen hier noch einen Teil meiner

Beschäftigung", sagte Therese. "Ich habe mit Lotharios trefflicher

Schwester einen Bund gemacht; wir erziehen eine Anzahl Kinder

gemeinschaftlich: ich bilde die lebhaften und dienstfertigen

Haushälterinnen, und sie übernimmt diejenigen, an denen sich ein

ruhigeres und feineres Talent zeigt; denn es ist billig, daß man auf

jede Weise für das Glück der Männer und der Haushaltung sorge. Wenn

Sie meine edle Freundin kennenlernen, so werden Sie ein neues Leben

anfangen: ihre Schönheit, ihre Güte macht sie der Anbetung einer

ganzen Welt würdig." Wilhelm getraute sich nicht zu sagen, daß er

leider die schöne Gräfin schon kenne und daß ihn sein vorübergehendes

Verhältnis zu ihr auf ewig schmerzen werde: er war sehr zufrieden, daß

Therese das Gespräch nicht fortsetzte und daß ihre Geschäfte sie in

das Haus zurückzugehen nötigten. Er befand sich nun allein, und die

letzte Nachricht, daß die junge, schöne Gräfin auch schon genötigt sei,

durch Wohltätigkeit den Mangel an eignem Glück zu ersetzen, machte

ihn äußerst traurig; er fühlte, daß es bei ihr nur eine Notwendigkeit

war, sich zu zerstreuen und an die Stelle eines frohen Lebensgenusses

die Hoffnung fremder Glückseligkeit zu setzen. Er pries Theresen

glücklich, daß selbst bei jener unerwarteten traurigen Veränderung

keine Veränderung in ihr selbst vorzugehen brauchte. "Wie glücklich

ist der über alles", rief er aus, "der, um sich mit dem Schicksal in

Einigkeit zu setzen, nicht sein ganzes vorhergehendes Leben

wegzuwerfen braucht!"

Therese kam auf sein Zimmer und bat um Verzeihung, daß sie ihn störe.

"Hier in dem Wandschrank", sagte sie, "steht meine ganze Bibliothek;

es sind eher Bücher, die ich nicht wegwerfe, als die ich aufhebe.

Lydie verlangt ein geistliches Buch, es findet sich wohl auch eins und

das andere darunter. Die Menschen, die das ganze Jahr weltlich sind,

bilden sich ein, sie müßten zur Zeit der Not geistlich sein; sie sehen

alles Gute und Sittliche wie eine Arzenei an, die man mit Widerwillen

zu sich nimmt, wenn man sich schlecht befindet; sie sehen in einem

Geistlichen, einem Sittenlehrer nur einen Arzt, den man nicht

geschwind genug aus dem Hause loswerden kann: ich aber gestehe gern,

ich habe vom Sittlichen den Begriff als von einer Diät, die eben

dadurch nur Diät ist, wenn ich sie zur Lebensregel mache, wenn ich sie

das ganze Jahr nicht außer Augen lasse."

Sie suchten unter den Büchern und fanden einige sogenannte

Erbauungsschriften. "Die Zuflucht zu diesen Büchern", sagte Therese,

"hat Lydie von meiner Mutter gelernt: Schauspiele und Romane waren ihr

Leben, solange der Liebhaber treu blieb; seine Entfernung brachte

sogleich diese Bücher wieder in Kredit. Ich kann überhaupt nicht

begreifen", fuhr sie fort, "wie man hat glauben können, daß Gott durch

Bücher und Geschichten zu uns spreche. Wem die Welt nicht unmittelbar

eröffnet, was sie für ein Verhältnis zu ihm hat, wem sein Herz nicht

sagt, was er sich und andern schuldig ist, der wird es wohl schwerlich

aus Büchern erfahren, die eigentlich nur geschickt sind, unsern

Irrtümern Namen zu geben."

Sie ließ Wilhelmen allein, und er brachte seinen Abend mit Revision

der kleinen Bibliothek zu; sie war wirklich bloß durch Zufall

zusammengekommen.

Therese blieb die wenigen Tage, die Wilhelm bei ihr verweilte, sich

immer gleich; sie erzählte ihm die Folgen ihrer Begebenheit in

verschiedenen Absätzen sehr umständlich. Ihrem Gedächtnis war Tag und

Stunde, Platz und Name gegenwärtig, und wir ziehen, was unsern Lesern

zu wissen nötig ist, hier ins Kurze zusammen.

Die Ursache von Lotharios rascher Entfernung ließ sich leider leicht

erklären: er war Theresens Mutter auf ihrer Reise begegnet, ihre Reize

zogen ihn an, sie war nicht karg gegen ihn, und nun entfernte ihn

dieses unglückliche, schnell vorübergegangene Abenteuer von der

Verbindung mit einem Frauenzimmer, das die Natur selbst für ihn

gebildet zu haben schien. Therese blieb in dem reinen Kreise ihrer

Beschäftigung und ihrer Pflicht. Man erfuhr, daß Lydie sich heimlich

in der Nachbarschaft aufgehalten habe. Sie war glücklich, als die

Heirat, obgleich aus unbekannten Ursachen, nicht vollzogen wurde; sie

suchte sich Lothario zu nähern, und es schien, daß er mehr aus

Verzweiflung als aus Neigung, mehr überrascht als mit überlegung, mehr

aus Langerweile als aus Vorsatz ihren Wünschen begegnet sei.

Therese war ruhig darüber, sie machte keine weitern Ansprüche auf ihn,

und selbst wenn er ihr Gatte gewesen wäre, hätte sie vielleicht Mut

genug gehabt, ein solches Verhältnis zu ertragen, wenn es nur ihre

häusliche Ordnung nicht gestört hätte; wenigstens äußerte sie oft, daß

eine Frau, die das Hauswesen recht zusammenhalte, ihrem Manne jede

kleine Phantasie nachsehen und von seiner Rückkehr jederzeit gewiß

sein könne.

Theresens Mutter hatte bald die Angelegenheiten ihres Vermögens in

Unordnung gebracht; ihre Tochter mußte es entgelten, denn sie erhielt

wenig von ihr; die alte Dame, Theresens Beschützerin, starb,

hinterließ ihr das kleine Freigut und ein artiges Kapital zum

Vermächtnis. Therese wußte sich sogleich in den engen Kreis zu finden,

Lothario bot ihr ein besseres Besitztum an, Jarno machte den

Unterhändler, sie schlug es aus. "Ich will", sagte sie, "im kleinen

zeigen, daß ich wert war, das Große mit ihm zu teilen; aber das

behalte ich mir vor, daß, wenn der Zufall mich um meiner oder anderer

willen in Verlegenheit setzt, ich zuerst zu meinem werten Freund ohne

Bedenken die Zuflucht nehmen könne."

Nichts bleibt weniger verborgen und ungenutzt als zweckmäßige

Tätigkeit. Kaum hatte sie sich auf ihrem kleinen Gute eingerichtet,

so suchten die Nachbarn schon ihre nähere Bekanntschaft und ihren Rat,

und der neue Besitzer der angrenzenden Güter gab nicht undeutlich zu

verstehen, daß es nur auf sie ankomme, ob sie seine Hand annehmen und

Erbe des größten Teils seines Vermögens werden wolle. Sie hatte schon

gegen Wilhelmen dieses Verhältnisses erwähnt und scherzte gelegentlich

über Heiraten und Mißheiraten mit ihm.

"Es gibt", sagte sie, "den Menschen nichts mehr zu reden, als wenn

einmal eine Heirat geschieht, die sie nach ihrer Art eine Mißheirat

nennen können, und doch sind die Mißheiraten viel gewöhnlicher als die

Heiraten, denn es sieht leider nach einer kurzen Zeit mit den meisten

Verbindungen gar mißlich aus. Die Vermischung der Stände durch

Heiraten verdienen nur insofern Mißheiraten genannt zu werden, als der

eine Teil an der angebornen, ungewohnten und gleichsam notwendig

gewordenen Existenz des andern keinen Teil nehmen kann. Die

verschiedenen Klassen haben verschiedene Lebensweisen, die sie nicht

miteinander teilen noch verwechseln können, und das ist's, warum

Verbindungen dieser Art besser nicht geschlossen werden; aber

Ausnahmen und recht glückliche Ausnahmen sind möglich. So ist die

Heirat eines jungen Mädchens mit einem bejahrten Manne immer mißlich,

und doch habe ich sie recht gut ausschlagen sehen. Für mich kenne ich

nur eine Mißheirat, wenn ich feiern und repräsentieren müßte; ich

wollte lieber jedem ehrbaren Pächterssohn aus der Nachbarschaft meine

Hand geben."

Wilhelm gedachte nunmehr zurückzukehren und bat seine neue Freundin,

ihm noch ein Abschiedswort bei Lydien zu verschaffen. Das

leidenschaftliche Mädchen ließ sich bewegen, er sagte ihr einige

freundliche Worte, sie versetzte: "Den ersten Schmerz hab ich

überwunden, Lothario wird mir ewig teuer sein; aber seine Freunde

kenne ich, es ist mir leid, daß er so umgeben ist. Der Abbe wäre

fähig, wegen einer Grille die Menschen in Not zu lassen oder sie gar

hineinzustürzen; der Arzt möchte gern alles ins gleiche bringen; Jarno

hat kein Gemüt und Sie--wenigstens keinen Charakter! Fahren Sie nur

so fort, und lassen Sie sich als Werkzeug dieser drei Menschen

brauchen, man wird Ihnen noch manche Exekution auftragen. Lange, mir

ist es recht wohl bekannt, war ihnen meine Gegenwart zuwider; ich

hatte ihr Geheimnis nicht entdeckt, aber ich hatte beobachtet, daß sie

ein Geheimnis verbargen. Wozu diese verschlossenen Zimmer? diese

wunderlichen Gänge? Warum kann niemand zu dem großen Turm gelangen?

Warum verbannten sie mich, sooft sie nur konnten, in meine Stube? Ich

will gestehen, daß Eifersucht zuerst mich auf diese Entdeckung brachte,

ich fürchtete, eine glückliche Nebenbuhlerin sei irgendwo versteckt.

Nun glaube ich das nicht mehr, ich bin überzeugt, daß Lothario mich

liebt, daß er es redlich mit mir meint, aber ebenso gewiß bin ich

überzeugt, daß er von seinen künstlichen und falschen Freunden

betrogen wird. Wenn Sie sich um ihn verdient machen wollen, wenn

Ihnen verziehen werden soll, was Sie an mir verbrochen haben, so

befreien Sie ihn aus den Händen dieser Menschen. Doch was hoffe ich!

überreichen Sie ihm diesen Brief, wiederholen Sie, was er enthält: daß

ich ihn ewig lieben werde, daß ich mich auf sein Wort verlasse. Ach!"

rief sie aus, indem sie aufstand und am Halse Theresens weinte, "er

ist von meinen Feinden umgeben, sie werden ihn zu bereden suchen, daß

ich ihm nichts aufgeopfert habe; oh! der beste Mann mag gerne hören,

daß er jedes Opfer wert ist, ohne dafür dankbar sein zu dürfen."

Wilhelms Abschied von Theresen war heiterer; sie wünschte ihn bald

wiederzusehen. "Sie kennen mich ganz!" sagte sie, "Sie haben mich

immer reden lassen; es ist das nächste Mal Ihre Pflicht, meine

Aufrichtigkeit zu erwidern."

Auf seiner Rückreise hatte er Zeit genug, diese neue, helle

Erscheinung lebhaft in der Erinnerung zu betrachten. Welch ein

Zutrauen hatte sie ihm eingeflößt! Er dachte an Mignon und Felix, wie

glücklich die Kinder unter einer solchen Aufsicht werden könnten; dann

dachte er an sich selbst und fühlte, welche Wonne es sein müsse, in

der Nähe eines so ganz klaren menschlichen Wesens zu leben. Als er

sich dem Schloß näherte, fiel ihm der Turm mit den vielen Gängen und

Seitengebäuden mehr als sonst auf; er nahm sich vor, bei der nächsten

Gelegenheit Jarno oder den Abbe darüber zur Rede zu stellen.

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 7 · 第 15 / 24 题