Sechstes Kapitel

Wilhelm hatte einen unruhigen Nachmittag nicht ganz ohne Langeweile

zugebracht, als sich gegen Abend seine Tür öffnete und ein junger,

artiger Jägerbursche mit einem Gruße hereintrat. "Wollen wir nun

spazierengehen?" sagte der junge Mensch, und in dem Augenblicke

erkannte Wilhelm Theresen an ihren schönen Augen.

"Verzeihn Sie mir diese Maskerade", fing sie an, "denn leider ist es

jetzt nur Maskerade. Doch da ich Ihnen einmal von der Zeit erzählen

soll, in der ich mich so gerne in dieser Weste sah, will ich mir auch

jene Tage auf alle Weise vergegenwärtigen. Kommen Sie! selbst der

Platz, an dem wir so oft von unsern Jagden und Spaziergängen ausruhten,

soll dazu beitragen."

Sie gingen, und auf dem Wege sagte Therese zu ihrem Begleiter: "Es ist

nicht billig, daß Sie mich allein reden lassen; schon wissen Sie genug

von mir, und ich weiß noch nicht das mindeste von Ihnen; erzählen Sie

mir indessen etwas von sich, damit ich Mut bekomme, Ihnen auch meine

Geschichte und meine Verhältnisse vorzulegen."--"Leider hab ich",

versetzte Wilhelm, "nichts zu erzählen als Irrtümer auf Irrtümer,

Verirrungen auf Verirrungen, und ich wüßte nicht, wem ich die

Verworrenheiten, in denen ich mich befand und befinde, lieber

verbergen möchte als Ihnen. Ihr Blick und alles, was Sie umgibt, Ihr

ganzes Wesen und Ihr Betragen zeigt mir, daß Sie sich Ihres

vergangenen Lebens freuen können, daß Sie auf einem schönen, reinen

Wege in einer sichern Folge gegangen sind, daß Sie keine Zeit verloren,

daß Sie sich nichts vorzuwerfen haben."

Therese lächelte und versetzte: "Wir müssen abwarten, ob Sie auch noch

so denken, wenn Sie meine Geschichte hören." Sie gingen weiter, und

unter einigen allgemeinen Gesprächen fragte ihn Therese. "Sind Sie

frei?"--"Ich glaube es zu sein", versetzte er, "aber ich wünsche es

nicht."--"Gut!" sagte sie, "das deutet auf einen komplizierten Roman

und zeigt mir, daß Sie auch etwas zu erzählen haben."

Unter diesen Worten stiegen sie den Hügel hinan und lagerten sich bei

einer großen Eiche, die ihren Schatten weit umher verbreitete. "Hier",

sagte Therese, "unter diesem deutschen Baume will ich Ihnen die

Geschichte eines deutschen Mädchens erzählen, hören Sie mich geduldig

an.

Mein Vater war ein wohlhabender Edelmann dieser Provinz, ein heiterer,

klarer, tätiger, wackrer Mann, ein zärtlicher Vater, ein redlicher

Freund, ein trefflicher Wirt, an dem ich nur den einzigen Fehler

kannte, daß er gegen eine Frau zu nachsichtig war, die ihn nicht zu

schätzen wußte. Leider muß ich das von meiner eigenen Mutter sagen!

Ihr Wesen war dem seinigen ganz entgegengesetzt. Sie war rasch,

unbeständig, ohne Neigung weder für ihr Haus noch für mich, ihr

einziges Kind; verschwenderisch, aber schön, geistreich, voller

Talente, das Entzücken eines Zirkels, den sie um sich zu versammeln

wußte. Freilich war ihre Gesellschaft niemals groß oder blieb es

nicht lange. Dieser Zirkel bestand meist aus Männern, denn keine Frau

befand sich wohl neben ihr, und noch weniger konnte sie das Verdienst

irgendeines Weibes dulden. Ich glich meinem Vater an Gestalt und

Gesinnungen. Wie eine junge Ente gleich das Wasser sucht, so waren

von der ersten Jugend an die Küche, die Vorratskammer, die Scheunen

und Böden mein Element. Die Ordnung und Reinlichkeit des Hauses

schien, selbst da ich noch spielte, mein einziger Instinkt, mein

einziges Augenmerk zu sein. Mein Vater freute sich darüber und gab

meinem kindischen Bestreben stufenweise die zweckmäßigsten

Beschäftigungen; meine Mutter dagegen liebte mich nicht und verhehlte

es keinen Augenblick.

Ich wuchs heran, mit den Jahren vermehrte sich meine Tätigkeit und die

Liebe meines Vaters zu mir. Wenn wir allein waren, auf die Felder

gingen, wenn ich ihm die Rechnungen durchsehen half, dann konnte ich

ihm recht anfühlen, wie glücklich er war. Wenn ich ihm in die Augen

sah, so war es, als wenn ich in mich selbst hineinsähe, denn eben die

Augen waren es, die mich ihm vollkommen ähnlich machten. Aber nicht

ebenden Mut, nicht ebenden Ausdruck behielt er in der Gegenwart meiner

Mutter; er entschuldigte mich gelind, wenn sie mich heftig und

ungerecht tadelte; er nahm sich meiner an, nicht als wenn er mich

beschützen, sondern als wenn er meine guten Eigenschaften nur

entschuldigen könnte. So setzte er auch keiner von ihren Neigungen

Hindernisse entgegen; sie fing an, mit größter Leidenschaft sich auf

das Schauspiel zu werfen, ein Theater ward erbauet, an Männern fehlte

es nicht von allen Altern und Gestalten, die sich mit ihr auf der

Bühne darstellten, an Frauen hingegen mangelte es oft. Lydie, ein

artiges Mädchen, das mit mir erzogen worden war und das gleich in

ihrer ersten Jugend reizend zu werden versprach, mußte die zweiten

Rollen übernehmen und eine alte Kammerfrau die Mütter und Tanten

vorstellen, indes meine Mutter sich die ersten Liebhaberinnen,

Heldinnen und Schäferinnen aller Art vorbehielt. Ich kann Ihnen gar

nicht sagen, wie lächerlich mir es vorkam, wenn die Menschen, die ich

alle recht gut kannte, sich verkleidet hatten, da droben standen und

für etwas anders, als sie waren, gehalten sein wollten. Ich sah immer

nur meine Mutter und Lydien, diesen Baron und jenen Sekretär, sie

mochten nun als Fürsten und Grafen oder als Bauern erscheinen, und ich

konnte nicht begreifen, wie sie mir zumuten wollten zu glauben, daß es

ihnen wohl oder wehe sei, daß sie verliebt oder gleichgültig, geizig

oder freigebig seien, da ich doch meist von dem Gegenteile genau

unterrichtet war. Deswegen blieb ich auch sehr selten unter den

Zuschauern; ich putzte ihnen immer die Lichter, damit ich nur etwas zu

tun hatte, besorgte das Abendessen und hatte des andern Morgens, wenn

sie noch lange schliefen, schon ihre Garderobe in Ordnung gebracht,

die sie des Abends gewöhnlich übereinandergeworfen zurückließen.

Meiner Mutter schien diese Tätigkeit ganz recht zu sein, aber ihre

Neigung konnte ich nicht erwerben; sie verachtete mich, und ich weiß

noch recht gut, daß sie mehr als einmal mit Bitterkeit wiederholte:

"Wenn die Mutter so ungewiß sein könnte als der Vater, so würde man

wohl schwerlich diese Magd für meine Tochter halten." Ich leugnete

nicht, daß ihr Betragen mich nach und nach ganz von ihr entfernte, ich

betrachtete ihre Handlungen wie die Handlungen einer fremden Person,

und da ich gewohnt war, wie ein Falke das Gesinde zu beobachten--denn,

im Vorbeigehen gesagt, darauf beruht eigentlich der Grund aller

Haushaltung--so fielen mir natürlich auch die Verhältnisse meiner

Mutter und ihrer Gesellschaft auf. Es ließ sich wohl bemerken, daß

sie nicht alle Männer mit ebendenselben Augen ansah, ich gab schärfer

acht und bemerkte bald, daß Lydie Vertraute war und bei dieser

Gelegenheit selbst mit einer Leidenschaft bekannter wurde, die sie von

ihrer ersten Jugend an so oft vorgestellt hatte. Ich wußte alle ihre

Zusammenkünfte, aber ich schwieg und sagte meinem Vater nichts, den

ich zu betrüben fürchtete; endlich aber ward ich dazu genötigt.

Manches konnten sie nicht unternehmen, ohne das Gesinde zu bestechen.

Dieses fing an, mir zu trotzen, die Anordnungen meines Vaters zu

vernachlässigen und meine Befehle nicht zu vollziehen; die Unordnungen,

die daraus entstanden, waren mir unerträglich, ich entdeckte, ich

klagte alles meinem Vater.

Er hörte mich gelassen an. "Gutes Kind!" sagte er zuletzt mit Lächeln,

"ich weiß alles; sei ruhig, ertrag es mit Geduld, denn es ist nur um

deinetwillen, daß ich es leide."

Ich war nicht ruhig, ich hatte keine Geduld. Ich schalt meinen Vater

im stillen; denn ich glaubte nicht, daß er um irgendeiner Ursache

willen so etwas zu dulden brauche; ich bestand auf der Ordnung, und

ich war entschlossen, die Sache aufs äußerste kommen zu lassen.

Meine Mutter war reich von sich, verzehrte aber doch mehr, als sie

sollte, und dies gab, wie ich wohl merkte, manche Erklärung zwischen

meinen Eltern. Lange war der Sache nicht geholfen, bis die

Leidenschaften meiner Mutter selbst eine Art von Entwickelung

hervorbrachten'

Der erste Liebhaber ward auf eine eklatante Weise ungetreu; das Haus,

die Gegend, ihre Verhältnisse waren ihr zuwider. Sie wollte auf ein

anderes Gut ziehen, da war es ihr zu einsam; sie wollte nach der Stadt,

da galt sie nicht genug. Ich weiß nicht, was alles zwischen ihr und

meinem Vater vorging; genug, er entschloß sich endlich unter

Bedingungen, die ich nicht erfuhr, in eine Reise, die sie nach dem

südlichen Frankreich tun wollte, einzuwilligen.

Wir waren nun frei und lebten wie im Himmel; ja ich glaube, daß mein

Vater nichts verloren hat, wenn er ihre Gegenwart auch schon mit einer

ansehnlichen Summe abkaufte. Alles unnütze Gesinde ward abgeschafft,

und das Glück schien unsere Ordnung zu begünstigen; wir hätten einige

sehr gute Jahre, alles gelang nach Wunsch. Aber leider dauerte dieser

frohe Zustand nicht lange--ganz unvermutet ward mein Vater von einem

Schlagflusse befallen, der ihm die rechte Seite lähmte und den reinen

Gebrauch der Sprache benahm. Man mußte alles erraten, was er

verlangte, denn er brachte nie das Wort hervor, das er im Sinne hatte.

Sehr ängstlich waren mir daher manche Augenblicke, in denen er mit

mir ausdrücklich allein sein wollte; er deutete mit heftiger Gebärde,

daß jedermann sich entfernen sollte, und wenn wir uns allein sahen,

war er nicht imstande, das rechte Wort hervorzubringen. Seine

Ungeduld stieg aufs äußerste, und sein Zustand betrübte mich im

innersten Herzen. Soviel schien mir gewiß, daß er mir etwas zu

vertrauen hatte, das mich besonders anging. Welches Verlangen fühlt

ich nicht, es zu erfahren! Sonst konnt ich ihm alles an den Augen

ansehen; aber jetzt war es vergebens. Selbst seine Augen sprachen

nicht mehr. Nur soviel war mir deutlich: er wollte nichts, er

begehrte nichts, er strebte nur, mir etwas zu entdecken, das ich

leider nicht erfuhr. Sein übel wiederholte sich, er ward bald darauf

ganz untätig und unfähig; und nicht lange, so war er tot.

Ich weiß nicht, wie sich bei mir der Gedanke festgesetzt hatte, daß er

irgendwo einen Schatz niedergelegt habe, den er mir nach seinem Tode

lieber als meiner Mutter gönnen wollte; ich suchte schon bei seinen

Lebzeiten nach, allein ich fand nichts; nach seinem Tode ward alles

versiegelt. Ich schrieb meiner Mutter und bot ihr an, als Verwalter

im Hause zu bleiben; sie schlug es aus, und ich mußte das Gut räumen.

Es kam ein wechselseitiges Testament zum Vorschein, wodurch sie im

Besitz und Genuß von allem und ich, wenigstens ihre ganze Lebenszeit

über, von ihr abhängig blieb. Nun glaubte ich erst recht die Winke

meines Vaters zu verstehn; ich bedauerte ihn, daß er so schwach

gewesen war, auch nach seinem Tode ungerecht gegen mich zu sein. Denn

einige meiner Freunde wollten sogar behaupten, es sei beinah nicht

besser, als ob er mich enterbt hätte, und verlangten, ich sollte das

Testament angreifen, wozu ich mich aber nicht entschließen konnte.

Ich verehrte das Andenken meines Vaters zu sehr; ich vertraute dem

Schicksal, ich vertraute mir selbst.

Ich hatte mit einer Dame in der Nachbarschaft, die große Güter besaß,

immer in gutem Verhältnisse gestanden; sie nahm mich mit Vergnügen auf,

und es ward mir leicht, bald ihrer Haushaltung vorzustehn. Sie lebte

sehr regelmäßig und liebte die Ordnung in allem, und ich half ihr

treulich in dem Kampf mit Verwalter und Gesinde. Ich bin weder geizig

noch mißgünstig, aber wir Weiber bestehn überhaupt viel ernsthafter

als selbst ein Mann darauf, daß nichts verschleudert werde. Jeder

Unterschleif ist uns unerträglich; wir wollen, daß jeder nur genieße,

insofern er dazu berechtigt ist.

Nun war ich wieder in meinem Elemente und trauerte still über den Tod

meines Vaters. Meine Beschützerin war mit mir zufrieden, nur ein

kleiner Umstand störte meine Ruhe. Lydie kam zurück; meine Mutter war

grausam genug, das arme Mädchen abzustoßen, nachdem sie aus dem Grunde

verdorben war. Sie hatte bei meiner Mutter gelernt, Leidenschaften

als Bestimmung anzusehen; sie war gewöhnt, sich in nichts zu mäßigen.

Als sie unvermutet wieder erschien, nahm meine Wohltäterin auch sie

auf; sie wollte mir an die Hand gehn und konnte sich in nichts

schicken.

Um diese Zeit kamen die Verwandten und künftigen Erben meiner Dame oft

ins Haus und belustigten sich mit der Jagd. Auch Lothario war

manchmal mit ihnen; ich bemerkte gar bald, wie sehr er sich vor allen

andern auszeichnete, jedoch ohne die mindeste Beziehung auf mich

selbst. Er war gegen alle höflich, und bald schien Lydie seine

Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich hatte immer zu tun und war

selten bei der Gesellschaft; in seiner Gegenwart sprach ich weniger

als gewöhnlich: denn ich will nicht leugnen, daß eine lebhafte

Unterhaltung von jeher mir die Würze des Lebens war. Ich sprach mit

meinem Vater gern viel über alles, was begegnete. Was man nicht

bespricht, bedenkt man nicht recht. Keinem Menschen hatte ich jemals

lieber zugehört als Lothario, wenn er von seinen Reisen, von seinen

Feldzügen erzählte. Die Welt lag ihm so klar, so offen da wie mir die

Gegend, in der ich gewirtschaftet hatte. Ich hörte nicht etwa die

wunderlichen Schicksale des Abenteurers, die übertriebenen

Halbwahrheiten eines beschränkten Reisenden, der immer nur seine

Person an die Stelle des Landes setzt, wovon er uns ein Bild zu geben

verspricht; er erzählte nicht, er führte uns an die Orte selbst; ich

habe nicht leicht ein so reines Vergnügen empfunden.

Aber unaussprechlich war meine Zufriedenheit, als ich ihn eines Abends

über die Frauen reden hörte. Das Gespräch machte sich ganz natürlich;

einige Damen aus der Nachbarschaft hatten uns besucht und über die

Bildung der Frauen die gewöhnlichen Gespräche geführt. Man sei

ungerecht gegen unser Geschlecht, hieß es, die Männer wollten alle

höhere Kultur für sich behalten, man wolle uns zu keinen

Wissenschaften zulassen, man verlange, daß wir nur Tändelpuppen oder

Haushälterinnen sein sollten. Lothario sprach wenig zu all diesem;

als aber die Gesellschaft kleiner ward, sagte er auch hierüber offen

seine Meinung. "Es ist sonderbar", rief er aus, "daß man es dem Manne

verargt, der eine Frau an die höchste Stelle setzen will, die sie

einzunehmen fähig ist: und welche ist höher als das Regiment des

Hauses? Wenn der Mann sich mit äußern Verhältnissen quält, wenn er

die Besitztümer herbeischaffen und beschützen muß, wenn er sogar an

der Staatsverwaltung Anteil nimmt, überall von Umständen abhängt und,

ich möchte sagen, nichts regiert, indem er zu regieren glaubt, immer

nur politisch sein muß, wo er gern vernünftig wäre, versteckt, wo er

offen, falsch, wo er redlich zu sein wünschte; wenn er um des Zieles

willen, das er nie erreicht, das schönste Ziel, die Harmonie mit sich

selbst, in jedem Augenblicke aufgeben muß; indessen herrscht eine

vernünftige Hausfrau im Innern wirklich und macht einer ganzen Familie

jede Tätigkeit, jede Zufriedenheit möglich. Was ist das höchste Glück

des Menschen, als daß wir das ausführen, was wir als recht und gut

einsehen? daß wir wirklich Herren über die Mittel zu unsern Zwecken

sind? Und wo sollen, wo können unsere nächsten Zwecke liegen als

innerhalb des Hauses? Alle immer wiederkehrenden, unentbehrlichen

Bedürfnisse, wo erwarten wir, wo fordern wir sie als da, wo wir

aufstehn und uns niederlegen, wo Küche und Keller und jede Art von

Vorrat für uns und die Unsrigen immer bereit sein soll? Welche

regelmäßige Tätigkeit wird erfordert, um diese immer wiederkehrende

Ordnung in einer unverrückten, lebendigen Folge durchzuführen! Wie

wenig Männern ist es gegeben, gleichsam als ein Gestirn regelmäßig

wiederzukehren und dem Tage so wie der Nacht vorzustehn! sich ihre

häuslichen Werkzeuge zu bilden, zu pflanzen und zu ernten, zu

verwahren und auszuspenden und den Kreis immer mit Ruhe, Liebe und

Zweckmäßigkeit zu durchwandeln! Hat ein Weib einmal diese innere

Herrschaft ergriffen, so macht sie den Mann, den sie liebt, erst

allein dadurch zum Herrn; ihre Aufmerksamkeit erwirbt alle Kenntnisse,

und ihre Tätigkeit weiß sie alle zu benutzen. So ist sie von niemand

abhängig und verschafft ihrem Manne die wahre Unabhängigkeit, die

häusliche, die innere; das, was er besitzt, sieht er gesichert, das,

was er erwirbt, gut benutzt, und so kann er sein Gemüt nach großen

Gegenständen wenden und, wenn das Glück gut ist, das dem Staate sein,

was seiner Gattin zu Hause so wohl ansteht."

Er machte darauf eine Beschreibung, wie er sich eine Frau wünsche.

Ich ward rot, denn er beschrieb mich, wie ich leibte und lebte. Ich

genoß im stillen meinen Triumph, um so mehr, da ich aus allen

Umständen sah, daß er mich persönlich nicht gemeint hatte, daß er mich

eigentlich nicht kannte. Ich erinnere mich keiner angenehmern

Empfindung in meinem ganzen Leben, als daß ein Mann, den ich so sehr

schätzte, nicht meiner Person, sondern meiner innersten Natur den

Vorzug gab. Welche Belohnung fühlte ich! Welche Aufmunterung war mir

geworden!

Als sie weg waren, sagte meine würdige Freundin lächelnd zu mir:

"Schade, daß die Männer oft denken und reden, was sie doch nicht zur

Ausführung kommen lassen, sonst wäre eine treffliche Partie für meine

liebe Therese geradezu gefunden." Ich scherzte über ihre äußerung und

fügte hinzu, daß zwar der Verstand der Männer sich nach

Haushälterinnen umsehe, daß aber ihr Herz und ihre Einbildungskraft

sich nach andern Eigenschaften sehne und daß wir Haushälterinnen

eigentlich gegen die liebenswürdigen und reizenden Mädchen keinen

Wettstreit aushalten können. Diese Worte sagte ich Lydien zum Gehör:

denn sie verbarg nicht, daß Lothario großen Eindruck auf sie gemacht

habe, und auch er schien bei jedem neuen Besuche immer aufmerksamer

auf sie zu werden. Sie war arm, sie war nicht von Stande, sie konnte

an keine Heirat mit ihm denken; aber sie konnte der Wonne nicht

widerstehen, zu reizen und gereizt zu werden. Ich hatte nie geliebt

und liebte auch jetzt nicht; allein ob es mir schon unendlich angenehm

war zu sehen, wohin meine Natur von einem so verehrten Manne gestellt

und gerechnet werde, will ich doch nicht leugnen, daß ich damit nicht

ganz zufrieden war. Ich wünschte nun auch, daß er mich kennen, daß er

persönlich Anteil an mir nehmen möchte. Es entstand bei mir dieser

Wunsch ohne irgendeinen bestimmten Gedanken, was daraus folgen könnte.

Der größte Dienst, den ich meiner Wohltäterin leistete, war, daß ich

die schönen Waldungen ihrer Güter in Ordnung zu bringen suchte. In

diesen köstlichen Besitzungen, deren großen Wert Zeit und Umstände

immer vermehren, ging es leider nur immer nach dem alten Schlendrian

fort, nirgends war Plan und Ordnung und des Stehlens und des

Unterschleifs kein Ende. Manche Berge standen öde, und einen gleichen

Wuchs hatten nur noch die ältesten Schläge. Ich beging alles selbst

mit einem geschickten Forstmann, ich ließ die Waldungen messen, ich

ließ schlagen, säen, pflanzen, und in kurzer Zeit war alles im Gange.

Ich hatte mir, um leichter zu Pferde fortzukommen und auch zu Fuße

nirgends gehindert zu sein, Mannskleider machen lassen, ich war an

vielen Orten, und man fürchtete mich überall.

Wilhelm Meisters Lehrjahre — Band 7 · 第 14 / 24 题