Wilhelm hatte einen unruhigen Nachmittag nicht ganz ohne Langeweile
zugebracht, als sich gegen Abend seine Tür öffnete und ein junger,
artiger Jägerbursche mit einem Gruße hereintrat. "Wollen wir nun
spazierengehen?" sagte der junge Mensch, und in dem Augenblicke
erkannte Wilhelm Theresen an ihren schönen Augen.
"Verzeihn Sie mir diese Maskerade", fing sie an, "denn leider ist es
jetzt nur Maskerade. Doch da ich Ihnen einmal von der Zeit erzählen
soll, in der ich mich so gerne in dieser Weste sah, will ich mir auch
jene Tage auf alle Weise vergegenwärtigen. Kommen Sie! selbst der
Platz, an dem wir so oft von unsern Jagden und Spaziergängen ausruhten,
soll dazu beitragen."
Sie gingen, und auf dem Wege sagte Therese zu ihrem Begleiter: "Es ist
nicht billig, daß Sie mich allein reden lassen; schon wissen Sie genug
von mir, und ich weiß noch nicht das mindeste von Ihnen; erzählen Sie
mir indessen etwas von sich, damit ich Mut bekomme, Ihnen auch meine
Geschichte und meine Verhältnisse vorzulegen."--"Leider hab ich",
versetzte Wilhelm, "nichts zu erzählen als Irrtümer auf Irrtümer,
Verirrungen auf Verirrungen, und ich wüßte nicht, wem ich die
Verworrenheiten, in denen ich mich befand und befinde, lieber
verbergen möchte als Ihnen. Ihr Blick und alles, was Sie umgibt, Ihr
ganzes Wesen und Ihr Betragen zeigt mir, daß Sie sich Ihres
vergangenen Lebens freuen können, daß Sie auf einem schönen, reinen
Wege in einer sichern Folge gegangen sind, daß Sie keine Zeit verloren,
daß Sie sich nichts vorzuwerfen haben."
Therese lächelte und versetzte: "Wir müssen abwarten, ob Sie auch noch
so denken, wenn Sie meine Geschichte hören." Sie gingen weiter, und
unter einigen allgemeinen Gesprächen fragte ihn Therese. "Sind Sie
frei?"--"Ich glaube es zu sein", versetzte er, "aber ich wünsche es
nicht."--"Gut!" sagte sie, "das deutet auf einen komplizierten Roman
und zeigt mir, daß Sie auch etwas zu erzählen haben."
Unter diesen Worten stiegen sie den Hügel hinan und lagerten sich bei
einer großen Eiche, die ihren Schatten weit umher verbreitete. "Hier",
sagte Therese, "unter diesem deutschen Baume will ich Ihnen die
Geschichte eines deutschen Mädchens erzählen, hören Sie mich geduldig
an.
Mein Vater war ein wohlhabender Edelmann dieser Provinz, ein heiterer,
klarer, tätiger, wackrer Mann, ein zärtlicher Vater, ein redlicher
Freund, ein trefflicher Wirt, an dem ich nur den einzigen Fehler
kannte, daß er gegen eine Frau zu nachsichtig war, die ihn nicht zu
schätzen wußte. Leider muß ich das von meiner eigenen Mutter sagen!
Ihr Wesen war dem seinigen ganz entgegengesetzt. Sie war rasch,
unbeständig, ohne Neigung weder für ihr Haus noch für mich, ihr
einziges Kind; verschwenderisch, aber schön, geistreich, voller
Talente, das Entzücken eines Zirkels, den sie um sich zu versammeln
wußte. Freilich war ihre Gesellschaft niemals groß oder blieb es
nicht lange. Dieser Zirkel bestand meist aus Männern, denn keine Frau
befand sich wohl neben ihr, und noch weniger konnte sie das Verdienst
irgendeines Weibes dulden. Ich glich meinem Vater an Gestalt und
Gesinnungen. Wie eine junge Ente gleich das Wasser sucht, so waren
von der ersten Jugend an die Küche, die Vorratskammer, die Scheunen
und Böden mein Element. Die Ordnung und Reinlichkeit des Hauses
schien, selbst da ich noch spielte, mein einziger Instinkt, mein
einziges Augenmerk zu sein. Mein Vater freute sich darüber und gab
meinem kindischen Bestreben stufenweise die zweckmäßigsten
Beschäftigungen; meine Mutter dagegen liebte mich nicht und verhehlte
es keinen Augenblick.
Ich wuchs heran, mit den Jahren vermehrte sich meine Tätigkeit und die
Liebe meines Vaters zu mir. Wenn wir allein waren, auf die Felder
gingen, wenn ich ihm die Rechnungen durchsehen half, dann konnte ich
ihm recht anfühlen, wie glücklich er war. Wenn ich ihm in die Augen
sah, so war es, als wenn ich in mich selbst hineinsähe, denn eben die
Augen waren es, die mich ihm vollkommen ähnlich machten. Aber nicht
ebenden Mut, nicht ebenden Ausdruck behielt er in der Gegenwart meiner
Mutter; er entschuldigte mich gelind, wenn sie mich heftig und
ungerecht tadelte; er nahm sich meiner an, nicht als wenn er mich
beschützen, sondern als wenn er meine guten Eigenschaften nur
entschuldigen könnte. So setzte er auch keiner von ihren Neigungen
Hindernisse entgegen; sie fing an, mit größter Leidenschaft sich auf
das Schauspiel zu werfen, ein Theater ward erbauet, an Männern fehlte
es nicht von allen Altern und Gestalten, die sich mit ihr auf der
Bühne darstellten, an Frauen hingegen mangelte es oft. Lydie, ein
artiges Mädchen, das mit mir erzogen worden war und das gleich in
ihrer ersten Jugend reizend zu werden versprach, mußte die zweiten
Rollen übernehmen und eine alte Kammerfrau die Mütter und Tanten
vorstellen, indes meine Mutter sich die ersten Liebhaberinnen,
Heldinnen und Schäferinnen aller Art vorbehielt. Ich kann Ihnen gar
nicht sagen, wie lächerlich mir es vorkam, wenn die Menschen, die ich
alle recht gut kannte, sich verkleidet hatten, da droben standen und
für etwas anders, als sie waren, gehalten sein wollten. Ich sah immer
nur meine Mutter und Lydien, diesen Baron und jenen Sekretär, sie
mochten nun als Fürsten und Grafen oder als Bauern erscheinen, und ich
konnte nicht begreifen, wie sie mir zumuten wollten zu glauben, daß es
ihnen wohl oder wehe sei, daß sie verliebt oder gleichgültig, geizig
oder freigebig seien, da ich doch meist von dem Gegenteile genau
unterrichtet war. Deswegen blieb ich auch sehr selten unter den
Zuschauern; ich putzte ihnen immer die Lichter, damit ich nur etwas zu
tun hatte, besorgte das Abendessen und hatte des andern Morgens, wenn
sie noch lange schliefen, schon ihre Garderobe in Ordnung gebracht,
die sie des Abends gewöhnlich übereinandergeworfen zurückließen.
Meiner Mutter schien diese Tätigkeit ganz recht zu sein, aber ihre
Neigung konnte ich nicht erwerben; sie verachtete mich, und ich weiß
noch recht gut, daß sie mehr als einmal mit Bitterkeit wiederholte:
"Wenn die Mutter so ungewiß sein könnte als der Vater, so würde man
wohl schwerlich diese Magd für meine Tochter halten." Ich leugnete
nicht, daß ihr Betragen mich nach und nach ganz von ihr entfernte, ich
betrachtete ihre Handlungen wie die Handlungen einer fremden Person,
und da ich gewohnt war, wie ein Falke das Gesinde zu beobachten--denn,
im Vorbeigehen gesagt, darauf beruht eigentlich der Grund aller
Haushaltung--so fielen mir natürlich auch die Verhältnisse meiner
Mutter und ihrer Gesellschaft auf. Es ließ sich wohl bemerken, daß
sie nicht alle Männer mit ebendenselben Augen ansah, ich gab schärfer
acht und bemerkte bald, daß Lydie Vertraute war und bei dieser
Gelegenheit selbst mit einer Leidenschaft bekannter wurde, die sie von
ihrer ersten Jugend an so oft vorgestellt hatte. Ich wußte alle ihre
Zusammenkünfte, aber ich schwieg und sagte meinem Vater nichts, den
ich zu betrüben fürchtete; endlich aber ward ich dazu genötigt.
Manches konnten sie nicht unternehmen, ohne das Gesinde zu bestechen.
Dieses fing an, mir zu trotzen, die Anordnungen meines Vaters zu
vernachlässigen und meine Befehle nicht zu vollziehen; die Unordnungen,
die daraus entstanden, waren mir unerträglich, ich entdeckte, ich
klagte alles meinem Vater.
Er hörte mich gelassen an. "Gutes Kind!" sagte er zuletzt mit Lächeln,
"ich weiß alles; sei ruhig, ertrag es mit Geduld, denn es ist nur um
deinetwillen, daß ich es leide."
Ich war nicht ruhig, ich hatte keine Geduld. Ich schalt meinen Vater
im stillen; denn ich glaubte nicht, daß er um irgendeiner Ursache
willen so etwas zu dulden brauche; ich bestand auf der Ordnung, und
ich war entschlossen, die Sache aufs äußerste kommen zu lassen.
Meine Mutter war reich von sich, verzehrte aber doch mehr, als sie
sollte, und dies gab, wie ich wohl merkte, manche Erklärung zwischen
meinen Eltern. Lange war der Sache nicht geholfen, bis die
Leidenschaften meiner Mutter selbst eine Art von Entwickelung
hervorbrachten'
Der erste Liebhaber ward auf eine eklatante Weise ungetreu; das Haus,
die Gegend, ihre Verhältnisse waren ihr zuwider. Sie wollte auf ein
anderes Gut ziehen, da war es ihr zu einsam; sie wollte nach der Stadt,
da galt sie nicht genug. Ich weiß nicht, was alles zwischen ihr und
meinem Vater vorging; genug, er entschloß sich endlich unter
Bedingungen, die ich nicht erfuhr, in eine Reise, die sie nach dem
südlichen Frankreich tun wollte, einzuwilligen.
Wir waren nun frei und lebten wie im Himmel; ja ich glaube, daß mein
Vater nichts verloren hat, wenn er ihre Gegenwart auch schon mit einer
ansehnlichen Summe abkaufte. Alles unnütze Gesinde ward abgeschafft,
und das Glück schien unsere Ordnung zu begünstigen; wir hätten einige
sehr gute Jahre, alles gelang nach Wunsch. Aber leider dauerte dieser
frohe Zustand nicht lange--ganz unvermutet ward mein Vater von einem
Schlagflusse befallen, der ihm die rechte Seite lähmte und den reinen
Gebrauch der Sprache benahm. Man mußte alles erraten, was er
verlangte, denn er brachte nie das Wort hervor, das er im Sinne hatte.
Sehr ängstlich waren mir daher manche Augenblicke, in denen er mit
mir ausdrücklich allein sein wollte; er deutete mit heftiger Gebärde,
daß jedermann sich entfernen sollte, und wenn wir uns allein sahen,
war er nicht imstande, das rechte Wort hervorzubringen. Seine
Ungeduld stieg aufs äußerste, und sein Zustand betrübte mich im
innersten Herzen. Soviel schien mir gewiß, daß er mir etwas zu
vertrauen hatte, das mich besonders anging. Welches Verlangen fühlt
ich nicht, es zu erfahren! Sonst konnt ich ihm alles an den Augen
ansehen; aber jetzt war es vergebens. Selbst seine Augen sprachen
nicht mehr. Nur soviel war mir deutlich: er wollte nichts, er
begehrte nichts, er strebte nur, mir etwas zu entdecken, das ich
leider nicht erfuhr. Sein übel wiederholte sich, er ward bald darauf
ganz untätig und unfähig; und nicht lange, so war er tot.
Ich weiß nicht, wie sich bei mir der Gedanke festgesetzt hatte, daß er
irgendwo einen Schatz niedergelegt habe, den er mir nach seinem Tode
lieber als meiner Mutter gönnen wollte; ich suchte schon bei seinen
Lebzeiten nach, allein ich fand nichts; nach seinem Tode ward alles
versiegelt. Ich schrieb meiner Mutter und bot ihr an, als Verwalter
im Hause zu bleiben; sie schlug es aus, und ich mußte das Gut räumen.
Es kam ein wechselseitiges Testament zum Vorschein, wodurch sie im
Besitz und Genuß von allem und ich, wenigstens ihre ganze Lebenszeit
über, von ihr abhängig blieb. Nun glaubte ich erst recht die Winke
meines Vaters zu verstehn; ich bedauerte ihn, daß er so schwach
gewesen war, auch nach seinem Tode ungerecht gegen mich zu sein. Denn
einige meiner Freunde wollten sogar behaupten, es sei beinah nicht
besser, als ob er mich enterbt hätte, und verlangten, ich sollte das
Testament angreifen, wozu ich mich aber nicht entschließen konnte.
Ich verehrte das Andenken meines Vaters zu sehr; ich vertraute dem
Schicksal, ich vertraute mir selbst.
Ich hatte mit einer Dame in der Nachbarschaft, die große Güter besaß,
immer in gutem Verhältnisse gestanden; sie nahm mich mit Vergnügen auf,
und es ward mir leicht, bald ihrer Haushaltung vorzustehn. Sie lebte
sehr regelmäßig und liebte die Ordnung in allem, und ich half ihr
treulich in dem Kampf mit Verwalter und Gesinde. Ich bin weder geizig
noch mißgünstig, aber wir Weiber bestehn überhaupt viel ernsthafter
als selbst ein Mann darauf, daß nichts verschleudert werde. Jeder
Unterschleif ist uns unerträglich; wir wollen, daß jeder nur genieße,
insofern er dazu berechtigt ist.
Nun war ich wieder in meinem Elemente und trauerte still über den Tod
meines Vaters. Meine Beschützerin war mit mir zufrieden, nur ein
kleiner Umstand störte meine Ruhe. Lydie kam zurück; meine Mutter war
grausam genug, das arme Mädchen abzustoßen, nachdem sie aus dem Grunde
verdorben war. Sie hatte bei meiner Mutter gelernt, Leidenschaften
als Bestimmung anzusehen; sie war gewöhnt, sich in nichts zu mäßigen.
Als sie unvermutet wieder erschien, nahm meine Wohltäterin auch sie
auf; sie wollte mir an die Hand gehn und konnte sich in nichts
schicken.
Um diese Zeit kamen die Verwandten und künftigen Erben meiner Dame oft
ins Haus und belustigten sich mit der Jagd. Auch Lothario war
manchmal mit ihnen; ich bemerkte gar bald, wie sehr er sich vor allen
andern auszeichnete, jedoch ohne die mindeste Beziehung auf mich
selbst. Er war gegen alle höflich, und bald schien Lydie seine
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich hatte immer zu tun und war
selten bei der Gesellschaft; in seiner Gegenwart sprach ich weniger
als gewöhnlich: denn ich will nicht leugnen, daß eine lebhafte
Unterhaltung von jeher mir die Würze des Lebens war. Ich sprach mit
meinem Vater gern viel über alles, was begegnete. Was man nicht
bespricht, bedenkt man nicht recht. Keinem Menschen hatte ich jemals
lieber zugehört als Lothario, wenn er von seinen Reisen, von seinen
Feldzügen erzählte. Die Welt lag ihm so klar, so offen da wie mir die
Gegend, in der ich gewirtschaftet hatte. Ich hörte nicht etwa die
wunderlichen Schicksale des Abenteurers, die übertriebenen
Halbwahrheiten eines beschränkten Reisenden, der immer nur seine
Person an die Stelle des Landes setzt, wovon er uns ein Bild zu geben
verspricht; er erzählte nicht, er führte uns an die Orte selbst; ich
habe nicht leicht ein so reines Vergnügen empfunden.
Aber unaussprechlich war meine Zufriedenheit, als ich ihn eines Abends
über die Frauen reden hörte. Das Gespräch machte sich ganz natürlich;
einige Damen aus der Nachbarschaft hatten uns besucht und über die
Bildung der Frauen die gewöhnlichen Gespräche geführt. Man sei
ungerecht gegen unser Geschlecht, hieß es, die Männer wollten alle
höhere Kultur für sich behalten, man wolle uns zu keinen
Wissenschaften zulassen, man verlange, daß wir nur Tändelpuppen oder
Haushälterinnen sein sollten. Lothario sprach wenig zu all diesem;
als aber die Gesellschaft kleiner ward, sagte er auch hierüber offen
seine Meinung. "Es ist sonderbar", rief er aus, "daß man es dem Manne
verargt, der eine Frau an die höchste Stelle setzen will, die sie
einzunehmen fähig ist: und welche ist höher als das Regiment des
Hauses? Wenn der Mann sich mit äußern Verhältnissen quält, wenn er
die Besitztümer herbeischaffen und beschützen muß, wenn er sogar an
der Staatsverwaltung Anteil nimmt, überall von Umständen abhängt und,
ich möchte sagen, nichts regiert, indem er zu regieren glaubt, immer
nur politisch sein muß, wo er gern vernünftig wäre, versteckt, wo er
offen, falsch, wo er redlich zu sein wünschte; wenn er um des Zieles
willen, das er nie erreicht, das schönste Ziel, die Harmonie mit sich
selbst, in jedem Augenblicke aufgeben muß; indessen herrscht eine
vernünftige Hausfrau im Innern wirklich und macht einer ganzen Familie
jede Tätigkeit, jede Zufriedenheit möglich. Was ist das höchste Glück
des Menschen, als daß wir das ausführen, was wir als recht und gut
einsehen? daß wir wirklich Herren über die Mittel zu unsern Zwecken
sind? Und wo sollen, wo können unsere nächsten Zwecke liegen als
innerhalb des Hauses? Alle immer wiederkehrenden, unentbehrlichen
Bedürfnisse, wo erwarten wir, wo fordern wir sie als da, wo wir
aufstehn und uns niederlegen, wo Küche und Keller und jede Art von
Vorrat für uns und die Unsrigen immer bereit sein soll? Welche
regelmäßige Tätigkeit wird erfordert, um diese immer wiederkehrende
Ordnung in einer unverrückten, lebendigen Folge durchzuführen! Wie
wenig Männern ist es gegeben, gleichsam als ein Gestirn regelmäßig
wiederzukehren und dem Tage so wie der Nacht vorzustehn! sich ihre
häuslichen Werkzeuge zu bilden, zu pflanzen und zu ernten, zu
verwahren und auszuspenden und den Kreis immer mit Ruhe, Liebe und
Zweckmäßigkeit zu durchwandeln! Hat ein Weib einmal diese innere
Herrschaft ergriffen, so macht sie den Mann, den sie liebt, erst
allein dadurch zum Herrn; ihre Aufmerksamkeit erwirbt alle Kenntnisse,
und ihre Tätigkeit weiß sie alle zu benutzen. So ist sie von niemand
abhängig und verschafft ihrem Manne die wahre Unabhängigkeit, die
häusliche, die innere; das, was er besitzt, sieht er gesichert, das,
was er erwirbt, gut benutzt, und so kann er sein Gemüt nach großen
Gegenständen wenden und, wenn das Glück gut ist, das dem Staate sein,
was seiner Gattin zu Hause so wohl ansteht."
Er machte darauf eine Beschreibung, wie er sich eine Frau wünsche.
Ich ward rot, denn er beschrieb mich, wie ich leibte und lebte. Ich
genoß im stillen meinen Triumph, um so mehr, da ich aus allen
Umständen sah, daß er mich persönlich nicht gemeint hatte, daß er mich
eigentlich nicht kannte. Ich erinnere mich keiner angenehmern
Empfindung in meinem ganzen Leben, als daß ein Mann, den ich so sehr
schätzte, nicht meiner Person, sondern meiner innersten Natur den
Vorzug gab. Welche Belohnung fühlte ich! Welche Aufmunterung war mir
geworden!
Als sie weg waren, sagte meine würdige Freundin lächelnd zu mir:
"Schade, daß die Männer oft denken und reden, was sie doch nicht zur
Ausführung kommen lassen, sonst wäre eine treffliche Partie für meine
liebe Therese geradezu gefunden." Ich scherzte über ihre äußerung und
fügte hinzu, daß zwar der Verstand der Männer sich nach
Haushälterinnen umsehe, daß aber ihr Herz und ihre Einbildungskraft
sich nach andern Eigenschaften sehne und daß wir Haushälterinnen
eigentlich gegen die liebenswürdigen und reizenden Mädchen keinen
Wettstreit aushalten können. Diese Worte sagte ich Lydien zum Gehör:
denn sie verbarg nicht, daß Lothario großen Eindruck auf sie gemacht
habe, und auch er schien bei jedem neuen Besuche immer aufmerksamer
auf sie zu werden. Sie war arm, sie war nicht von Stande, sie konnte
an keine Heirat mit ihm denken; aber sie konnte der Wonne nicht
widerstehen, zu reizen und gereizt zu werden. Ich hatte nie geliebt
und liebte auch jetzt nicht; allein ob es mir schon unendlich angenehm
war zu sehen, wohin meine Natur von einem so verehrten Manne gestellt
und gerechnet werde, will ich doch nicht leugnen, daß ich damit nicht
ganz zufrieden war. Ich wünschte nun auch, daß er mich kennen, daß er
persönlich Anteil an mir nehmen möchte. Es entstand bei mir dieser
Wunsch ohne irgendeinen bestimmten Gedanken, was daraus folgen könnte.
Der größte Dienst, den ich meiner Wohltäterin leistete, war, daß ich
die schönen Waldungen ihrer Güter in Ordnung zu bringen suchte. In
diesen köstlichen Besitzungen, deren großen Wert Zeit und Umstände
immer vermehren, ging es leider nur immer nach dem alten Schlendrian
fort, nirgends war Plan und Ordnung und des Stehlens und des
Unterschleifs kein Ende. Manche Berge standen öde, und einen gleichen
Wuchs hatten nur noch die ältesten Schläge. Ich beging alles selbst
mit einem geschickten Forstmann, ich ließ die Waldungen messen, ich
ließ schlagen, säen, pflanzen, und in kurzer Zeit war alles im Gange.
Ich hatte mir, um leichter zu Pferde fortzukommen und auch zu Fuße
nirgends gehindert zu sein, Mannskleider machen lassen, ich war an
vielen Orten, und man fürchtete mich überall.