29. December.

[Illustration: CHINESISCHER SAMPAN]

#Pulo Penang.# -- Wir ankern seit Morgengrauen in einer entzückenden

Bucht: westlich die dunkelgrüne Insel, ganz mit dichtem Laub bewachsen,

sehr gebirgig, hie und da weiss getünchte Häuschen, welche aus den

Bäumen und Sträuchern hervorleuchten; gleich neben uns ein Theil der

Stadt (Georgetown) mit grossen Warenlagern (Go-downs), dem Gefängnis,

der Signalstation, an deren Mastbaum bereits unsere (die Lloyd-) Farben

flattern, -- östlich die kaum zwei Seemeilen entfernte Küste des

Festlandes, der Halbinsel Malacca, des »goldenen Chersonnes«, hier

der englischen Provinz Wellesley, nichts wie endlose Reihen schlanker

Cocospalmen; im fernen Norden ein hoher kegelförmiger Berg, der schon zu

Siam gehört, -- das Endziel meiner Fahrt rückt schon sehr nahe! Um

uns und die zahlreichen anderen Schiffe wimmelt es von Sampans, kleinen

hochbordigen Booten, deren Ruderer theils splitternackte braune Malayen mit

grossen Palmenhüten, theils gelbe bezopfte Chinesen, durch Schreien und

Winken Passagiere zu gewinnen trachten. Einige kräftige Ruderschläge des

Captains Gig, und wir landen an dem kleinen Pier der »Bethelnussinsel«.

-- Ein ostindischer Policeman verschafft den üblichen gedeckten Wagen,

und hinaus geht es lustig dem Innern zu: derselbe dunkelrothe feuchte,

vollkommen glatte Boden wie in Ceylon, auf dem die Räder des »Gharry«

geräuschlos rollen; dieselbe schwere, regengeschwängerte Luft; dieselbe

drückende Hitze -- doch die Dysenterie ist geschwunden; wie wir die Stadt

hinter uns haben, kommen die prächtigsten Palmen- und Banianenwälder

zum Vorschein, kaum dass die sauber gehaltenen Bungalows mit den breiten

Verandas die Existenz einer Strasse verrathen, -- die Wipfel der Bäume

vereinigen sich über die Chaussée, nichts wie Duft und tiefe gesättigte

Farbe: grün, roth, braun, -- die Trauer, die düstere Stimmung der letzten

Woche ist geschwunden, fröhlich und lustig langen wir am Victoriapark an,

wo trotz Schimpfens und Fluchens der malayische Autemedon das Weiterfahren

energisch verweigert. -- Eine Verständigung ist nicht möglich, eine

am Eingang des Gartens angebrachte englische Tafel spricht von »den dem

Schutze des Publicums anvertrauten Anlagen, etc.« (ganz wie im Wiener

Stadtpark), aber vom Fahren kein Wort, -- da erscheint zu unserer Freude

unter lautem Jubel Freund Mersa in Mufti, weiss mit grossem Sonnenhut: er

will auch die Kühle des Wasserfalles geniessen, hat, wie bei jeder Reise,

die Geschäfte des Aus- und Einladens dem Secondo überlassen und steigt,

nachdem er uns das Benehmen des Kutschers erklärt, durch den nett

gehaltenen Park links einen ziemlich steilen Weg hinauf, --

üppige Vegetation, Schlingpflanzen von Baum zu Baum, dunkelblaue

Riesenschmetterlinge, -- an den Felswänden schnattern und grinsen die für

uns ersten braunen Affen uns entgegen! Noch wenige Schritte und der kleine

Wasserfall ist vor uns, links eine buddhistische, leider verschlossene

Pagode aus grauem Stein, Alles im tiefsten Schatten, -- wundervolle, für

die Tropen fast kalte Luft, -- der leise Sprühregen der Cascade erhöht

noch die Labsal; doch nichts dauert ewig etc., eine Stunde der Erholung,

unterbrochen durch vergebliche Versuche Baron Rüdiger's und von mir, einen

Stammesgenossen in Form eines Affen herunterzuschiessen, und dann heisst's

im Laufschritt die zwei Kilometer wieder hinab; in Schweiss gebadet

finden sich alle beim Parkeingang und kehren in dem nahe gelegenen

Alexandrahôtel (?) ein -- zwei mittelst einer Wandelbahn verbundene

hölzerne Häuser, von denen eines nur für Chinesen, das andere auch für

Weisse bestimmt ist, -- der Khitmatgar, mit einem langen Zopfe behaftet,

spricht nur seine einsilbige Muttersprache, doch erhalten wir Thee,

Conserven und Albertkuchen, während der Chef mit einem ganz kleinen zahmen

Aefflein Freundschaft schliesst. Eine Jinrickshaw fährt heran, darinnen

Mr. Harrison im tadellosen Sommeranzuge und braunen steifen Hut, -- der

Mann kriegt sicher noch den Sonnenstich, dabei ist er so elegant

und sauber, dass Sapieha und ich längst jede Concurrenz mit diesem

Musterkammerdiener als vergeblich aufgegeben haben, -- er will natürlich

auch zum Wasserfall! -- Eine Stunde zurück; am Wege wird ein im Baue

begriffener grosser Tempel besichtigt; durch viele breite, lange Strassen

mit langweiligen Miethskasernen; aus den oberen Stockwerken lachen

recht mittelmässige Chinesenmädeln auf uns herab; eine Razzia beim

Photographen, der sehr dürftig versehen ist, ist wenig erfolgreich; --

noch starre Bewunderung und namenloses Staunen: einige Engländer, die in

voller Sonne bei ungezählten Wärmegraden um 2 Uhr nachmittags Cricket

spielen! Für die vom Schatten eines Banianenbaumes aus zusehendes Natives

wohl ein schwer erklärliches Schauspiel!

Am »Poseidon« wartet unser Consul Morstadt, ein liebenswürdiger,

intelligenter Schweizer Kaufmann, um seine Aufwartung zu machen und sein

tiefes Bedauern darüber auszudrücken, dass wir ihn in seinem schön

am Penang-Hill gelegenen Bungalow nicht aufgesucht, -- er erzählt vom

Aufenthalte des Grafen Zaluski und der kürzlich hier zur Jagd gewesenen

Grafen Wallis und Herberstein.

Wir haben viele Chinesen am Bord, gegen 200, Coolies, die in ihre Heimat

zurückkehren und schon eifrig beschäftigt sind, ihr schwer erworbenes

Geld im Hazardspiel wieder zu verlieren. Manche kehren bereits in Singapore

um. -- Das ganze Vorderdeck wimmelt und duftet von ihnen, auch hat der

Commandant, der eine Idiosynkrasie gegen sie hat, die Zugänge zu seiner

Cabine mit Brettern einplanken lassen. -- Um Sonnenuntergang werden die

Anker gelichtet.

[Illustration: PULO PENANG GEORGE TOWN]

Meine Reise nach Siam 1888-1889. Aufzeichnungen des k. und k. Legationsrathes Dr. J. Camille Samson · 第 37 / 54 题