#Suez.# -- Die letzte bekannte Etappe auf meiner Tour; von morgen an ist
Alles neu! Als wir in der Frühe beim Ausgang des Canales anlegen und
Borheck mit Aufträgen und Grüssen für Cairo beladen ans Land gehen will,
carambolire ich auf der Salontreppe mit einem schlanken, eleganten, in
weisse Flanells gekleideten Jüngling. Gegenseitiges Aufschreien, Erstaunen
und Händeschütteln: es ist ein alter Jagdgenosse, Prinz Paul Sapieha,
der nach Indien will und schon einen ganzen Tag in Suez mit meinem
constantinopolitanischen Collegen Grafen Heinrich Coudenhove auf den
»Poseidon« wartet. Letzterer reist nach Mysore und eventuell nach
Cuch-Behar, um Tiger zu schiessen, und scheint eine gute Vorschule dafür
durchgemacht zu haben, da er Jahre in Argentinien und Paraguay zugebracht
hat. -- Noch ein neues Gesicht taucht unter den Passagieren auf, das mir
aber gleichfalls bekannt scheint: endlich erkenne ich es, Professor Franz
Seraphin Exner, mit dem ich vor vielen Jahren den Peloponnes bereist und
den ich seit 1876 in Athen nicht wieder gesehen, fährt nach Ceylon, um
dort im Auftrage der kaiserl. Akademie der Wissenschaften den Erd- und
Luftmagnetismus und die Erdelektricität zu studiren, währenddem ein
anderer Gelehrter die gleiche Aufgabe unter demselben Meridian in Sibirien
durchführt. Dieses zufällige Wiederzusammentreffen nach so langer Zeit an
einem so ausgefallenen Orte ist doch merkwürdig! Sapieha und ich miethen
noch rasch zwei Esel und gallopiren kühn in die Stadt, um beim ersten
Kafinion noch zu guter Letzt einen egyptischen »Schwarzen« einzunehmen.
-- Wie heimlich kommt mir hier Alles vor, die Fellachen in blauen Kitteln,
die bekannten verschmitzten braunen Gesichter, die verschleierten Weiber
und mit Fliegen bedeckten Kinder, die tapferen Esel und zudringlichen
Eseljungen! Dazu die ausgestorbenen Strassen mit den zerfallenen Moscheen.
Eine Schar lärmender »Poseidonier«, die auch nach Suez geritten,
überholt uns jetzt, es sind die deutschen Kaufleute, die auf ihren Eseln
höchst komisch aussehen; auch wir ziehen zurück und erreichen nach einem
erbitterten Kampfe mit den bakschischlüsternen Treibern das Schiff. Um
2 Uhr dampfen wir ab, links die Mosesquellen heiteren Angedenkens, rechts
die prächtigen Berge des Gebel Ataka, -- bald kommt das Gebirge der
Sinaitischen Halbinsel in Sicht, prachtvoll geformte Felsen, dunkelroth,
kahl und öde, aber von unbeschreiblicher Grossartigkeit, -- eine Spitze
weit im Süden ist vielleicht der Gebel Serbal; der Gebel Musa jedenfalls
nicht; diesen bekommen wir leider nicht zu Gesicht. Vor Tor ist es schon
ganz finster, aber ein Sonnenuntergang »allererster Güte« hat noch die
Küste mit den prachtvollsten Tinten belebt; -- der ganze Himmel mit rosa,
rothen, gelben und orangefarbigen Wolken bedeckt -- wunderbar schön. --
Dr. Walther erzählt vom Guardiano des Leuchtthurmes von Tor, bei dem er
einst einige Zeit gewohnt, als er die dortigen Korallenriffe untersuchte;
der Mann soll eine höchst interessante Sammlung von Hüten besitzen, die,
von den Reisenden hier über Bord geworfen, bei seinem Thurme angeschwemmt
werden; die nach Süden Fahrenden entledigen sich ihrer europäischen
Kopfbedeckungen um Solar Topees aufzusetzen, -- die Heimeilenden vertrauen
wieder die Sonnenhüte dem Meere an, -- so hat der Thurmwächter die
reichhaltigste Collection aller möglichen und unmöglichen Hüte!
[Illustration: NAHE DEM SINAI]