[Illustration: MENZALE-SEE]
Der Wind hat sich so ziemlich gelegt, das Thermometer steht auf 19°C., und
aus allen Ecken kriechen die tapferen Passagiere heraus, um sich zu sonnen
und für den gestrigen Tag zu entschädigen. -- Abends spät sollen wir
in Port Saïd eintreffen; hoffentlich erst morgen, denn bei dem Lärm des
Kohlens könnten wir ja doch nicht schlafen. Goracucchi und Frau sind über
die bevorstehende Ankunft nicht sonderlich entzückt; denn nun heisst es
wieder zwei volle Jahre in dem trostlosen Orte aushalten. -- Signor Pertile
vertraut mir seine geschäftlichen Leiden an: sein Vater Professor in
Padua, sein Onkel Chlumecky, seine Vettern Brandis in Mähren, sein
Verhältnis zu Brand in Singapore und seine bevorstehende Etablirung
dortselbst mit einem Herrn van der Pals! Zwei geschlagene Stunden dauert
die Erzählung! Ich habe ihm ja nichts zu Leide gethan! Abends wieder
Whist: nun haben sich aber die Blätter gewendet, ich verliere alle Rubber,
und der Patzer Pertile gewinnt. -- Mme. de Goracucchi, deren Mann ganz
ausgesäckelt wird, ist ganz unglücklich!
#Port Saïd.# -- Ein alter Bekannter, in dem ich 1884 mit Thömmel und
Leo Karo eine unvergessliche Nacht mit ungezählten Wanzen zugebracht: der
»Poseidon« liegt gerade beim New Hotel verankert, ich stürze auf
Deck und ans Land, um Gewehrpatronen zu kaufen; hélas, es sind keine
aufzutreiben; ganz Port Saïd wird abgelaufen, doch umsonst; so muss ich
denn den Gesandten als unbewaffneter Führer begleiten: was nutzt das
Gewehr, wenn es nicht gerollt ist! Wie ich wieder am Bord bin, fällt
mir Borheck, unser Legationssecretär in Cairo, in die Arme; er war
herübergefahren, um den ihm aus Persien befreundeten Fuchs zu begrüssen;
von meiner Anwesenheit wusste er natürlich nichts. -- Schnell wurden de
part et d'autre Fragen über alte Freunde gestellt und beantwortet, er
erzählt von Cairo und den dortigen Insassen, -- das mir so lieb gewordene
Egypten ist wieder da, oder besser »ich bin wieder dort«! Indes wartet
schon ein schönes, neu lackirtes Boot mit 8 Matrosen, um uns (Biegeleben
und mich) nach dem Menzalehsee zu führen: der Hafenadmiral Privilegio
Pascha, ein früherer Lloydcapitän, hat sich eingefunden, um den Gesandten
zu begrüssen und ihm seine »Gig« zur Verfügung zu stellen. -- Mit
kräftigen Ruderschlägen führen uns die in weisse Uniformen gekleideten
Schwarzen eine Meile ungefähr den Canal hinein, hier wird festgemacht
und durch den Sand über einen schmalen Hügelrücken gewatet, um dann
auf einer elenden Fischerbarke eine vis-à-vis liegende kleine Insel zu
erreichen. Doch scheint mein Jagdpech den Gesandten angesteckt zu haben:
von den vielen Reihern, Wildgänsen und Flamingos fällt keines, -- ich
strecke mich im Sande und träume von den vielen in Egypten verlebten
schönen Tagen; mit den Matrosen suche ich meine paar Brocken Arabisch
zu verwerten und so die Rückkehr des Chefs abzuwarten. Endlich kommt er
wieder, und wir segeln und rudern zum Dampfer zurück. -- Es ist spät, ein
Besuch bei Goracucchi's ist nicht mehr möglich, denn um 3 Uhr dampfen wir
langsam in den Canal, -- Sand, Wasser, Menzalehseen, Ballahseen; Tausende
von rosafarbigen Flamingos, Riesenschwärme von Pelikanen, ungezählte
Enten! Dabei muss man ruhig zusehen! Bei einbrechender Dunkelheit wird am
Bug eine grosse elektrische Lampe angezündet, und so fahren wir auch die
Nacht fort. Diese Lampen werden sammt den dazugehörigen Maschinisten
den einzelnen Dampfern um wenige Pfunde vermiethet, und kommt dies den
Letzteren ebenso zu statten wie den Besitzern der Lampen. Bei El-Kantara
halten wir, um einen Zug entgegenkommender Schiffe, P. & O.,
Niederländer, Deutsche, vorbeizulassen, -- die Wüste, die elektrischen
Lichtstreifen, das glänzende Band des Canales bieten einen merkwürdigen
Anblick. Vor vier Jahren fuhren wir in entgegengesetzter Richtung auf
der kleinen egyptischen Postbarkasse bei Vollmond -- es war wohl weniger
interessant, aber viel stimmungsvoller. Der Lloydagent Terenzio aus Port
Saïd fährt mit grosser Familie nach Suez mit. -- Der Salon war dadurch
überfüllt, und wir mussten auf Deck, was heute nicht gerade angenehm war,
da ein eiskalter Wind aus der Wüste daherstrich; trotzdem haben Borheck,
Fuchs und ich mehrere Flaschen dem alten Lesseps geopfert.