27. November.

[Illustration: MENZALE-SEE]

Der Wind hat sich so ziemlich gelegt, das Thermometer steht auf 19°C., und

aus allen Ecken kriechen die tapferen Passagiere heraus, um sich zu sonnen

und für den gestrigen Tag zu entschädigen. -- Abends spät sollen wir

in Port Saïd eintreffen; hoffentlich erst morgen, denn bei dem Lärm des

Kohlens könnten wir ja doch nicht schlafen. Goracucchi und Frau sind über

die bevorstehende Ankunft nicht sonderlich entzückt; denn nun heisst es

wieder zwei volle Jahre in dem trostlosen Orte aushalten. -- Signor Pertile

vertraut mir seine geschäftlichen Leiden an: sein Vater Professor in

Padua, sein Onkel Chlumecky, seine Vettern Brandis in Mähren, sein

Verhältnis zu Brand in Singapore und seine bevorstehende Etablirung

dortselbst mit einem Herrn van der Pals! Zwei geschlagene Stunden dauert

die Erzählung! Ich habe ihm ja nichts zu Leide gethan! Abends wieder

Whist: nun haben sich aber die Blätter gewendet, ich verliere alle Rubber,

und der Patzer Pertile gewinnt. -- Mme. de Goracucchi, deren Mann ganz

ausgesäckelt wird, ist ganz unglücklich!

#Port Saïd.# -- Ein alter Bekannter, in dem ich 1884 mit Thömmel und

Leo Karo eine unvergessliche Nacht mit ungezählten Wanzen zugebracht: der

»Poseidon« liegt gerade beim New Hotel verankert, ich stürze auf

Deck und ans Land, um Gewehrpatronen zu kaufen; hélas, es sind keine

aufzutreiben; ganz Port Saïd wird abgelaufen, doch umsonst; so muss ich

denn den Gesandten als unbewaffneter Führer begleiten: was nutzt das

Gewehr, wenn es nicht gerollt ist! Wie ich wieder am Bord bin, fällt

mir Borheck, unser Legationssecretär in Cairo, in die Arme; er war

herübergefahren, um den ihm aus Persien befreundeten Fuchs zu begrüssen;

von meiner Anwesenheit wusste er natürlich nichts. -- Schnell wurden de

part et d'autre Fragen über alte Freunde gestellt und beantwortet, er

erzählt von Cairo und den dortigen Insassen, -- das mir so lieb gewordene

Egypten ist wieder da, oder besser »ich bin wieder dort«! Indes wartet

schon ein schönes, neu lackirtes Boot mit 8 Matrosen, um uns (Biegeleben

und mich) nach dem Menzalehsee zu führen: der Hafenadmiral Privilegio

Pascha, ein früherer Lloydcapitän, hat sich eingefunden, um den Gesandten

zu begrüssen und ihm seine »Gig« zur Verfügung zu stellen. -- Mit

kräftigen Ruderschlägen führen uns die in weisse Uniformen gekleideten

Schwarzen eine Meile ungefähr den Canal hinein, hier wird festgemacht

und durch den Sand über einen schmalen Hügelrücken gewatet, um dann

auf einer elenden Fischerbarke eine vis-à-vis liegende kleine Insel zu

erreichen. Doch scheint mein Jagdpech den Gesandten angesteckt zu haben:

von den vielen Reihern, Wildgänsen und Flamingos fällt keines, -- ich

strecke mich im Sande und träume von den vielen in Egypten verlebten

schönen Tagen; mit den Matrosen suche ich meine paar Brocken Arabisch

zu verwerten und so die Rückkehr des Chefs abzuwarten. Endlich kommt er

wieder, und wir segeln und rudern zum Dampfer zurück. -- Es ist spät, ein

Besuch bei Goracucchi's ist nicht mehr möglich, denn um 3 Uhr dampfen wir

langsam in den Canal, -- Sand, Wasser, Menzalehseen, Ballahseen; Tausende

von rosafarbigen Flamingos, Riesenschwärme von Pelikanen, ungezählte

Enten! Dabei muss man ruhig zusehen! Bei einbrechender Dunkelheit wird am

Bug eine grosse elektrische Lampe angezündet, und so fahren wir auch die

Nacht fort. Diese Lampen werden sammt den dazugehörigen Maschinisten

den einzelnen Dampfern um wenige Pfunde vermiethet, und kommt dies den

Letzteren ebenso zu statten wie den Besitzern der Lampen. Bei El-Kantara

halten wir, um einen Zug entgegenkommender Schiffe, P. & O.,

Niederländer, Deutsche, vorbeizulassen, -- die Wüste, die elektrischen

Lichtstreifen, das glänzende Band des Canales bieten einen merkwürdigen

Anblick. Vor vier Jahren fuhren wir in entgegengesetzter Richtung auf

der kleinen egyptischen Postbarkasse bei Vollmond -- es war wohl weniger

interessant, aber viel stimmungsvoller. Der Lloydagent Terenzio aus Port

Saïd fährt mit grosser Familie nach Suez mit. -- Der Salon war dadurch

überfüllt, und wir mussten auf Deck, was heute nicht gerade angenehm war,

da ein eiskalter Wind aus der Wüste daherstrich; trotzdem haben Borheck,

Fuchs und ich mehrere Flaschen dem alten Lesseps geopfert.

Meine Reise nach Siam 1888-1889. Aufzeichnungen des k. und k. Legationsrathes Dr. J. Camille Samson · 第 9 / 54 题