23. November.

Das Wasser ist wieder ruhig und still, die Sonne scheint warm, und wir

fahren lustig bei Lesina und Lissa vorüber, im Hintergrunde der weisse

Kamm des Vellebich. -- Viermal bin ich schon hier gewesen, 1876 auf dem

Wege nach Corfù, von wo aus ich mit den Professoren Adolf und Franz Exner

die Morea und dann allein Anatolien durchritt; 1880 mit dem amerikanischen

Gesandten Kasson die dalmatinische Küste entlang nach den Bocche und

Cetinje; 1884 mit Felix Karo nach Egypten, wo ich mit dem Gesandten Baron

Thömmel zusammentraf und hierauf Palästina und Syrien durchzog; 1885

endlich zum zweiten Male nach Cairo, diesmal im Dienste, um dort den Winter

bei der diplomatischen Agentie zuzubringen. Nun fahre ich zum fünften Male

die schöne Küste hinunter, freundlich grüsst Lesina, wo ich 1880 landete

und das alte Kloster mit seinem schönen Palmbaume bewundern durfte.

Mittags ist schon die albanesische Küste in Sicht: auch hier ist noch

Alles voll Schnee, wohl der letzte, den wir längere Zeit hindurch sehen

dürften.

Der »Poseidon« ist ein famoses Boot, 3874 Tonnen Gehalt, Compoundmaschine

(leider keine Triplex wie am »Imperator«), elektrisches Licht in allen

Räumen, ein grosser Speisesaal mit zwei, manchmal drei langen Tischen; an

einem präsidirt der edle Mersa, am andern der zweite Capitän, ein junger

lustiger Triestiner, übrigens der einzige unter den Schiffsofficieren, der

deutsch spricht. Oberhalb des Speisesaales ist das Musik- und Lesezimmer,

darüber das kleine Rauchcabinet, welches auf das breite Oberdeck mündet;

hier sitzen und liegen in ihren bequemen oder unbequemen Stühlen die

etlichen 30 Passagiere, die viele Wochen lang unsere einzige Gesellschaft

bilden sollen; noch sind alle in Decken und Pelze gehüllt, das dürfte in

wenigen Tagen wohl anders werden. Ein stattliches Contingent liefert das

hohe k. u. k. Ministerium des Aeussern! Da ist der Gesandte Biegeleben,

schlank, 40 Jahre alt, mit kleinem Schnurrbarte, das Monocle stets

eingeklemmt, höchst intelligent, einer der tüchtigsten unserer jüngeren

Diplomaten, -- dann sein ergebenster Secretär: ich! -- Rittmeister Rudolf

Fuchs, der nach Zanzibar als Consul geht und uns bis Aden begleitet;

-- Consul Goracucchi aus Port Said, der vom Urlaube auf seinen Posten

zurückkehrt, -- mit ihm ist seine Frau, eine Tochter des mir aus

Cairo wohlbekannten khedivialen Leibarztes Abbate Pascha, -- dann ein

anglo-indischer Officier, Captain Vivian mit charmanter kleiner Frau,

-- ein Kamerad desselben, Captain Bunker, -- ein Privatdocent aus Jena,

Dr. Johannes Walther, der als Geologe mit Schweinfurth gereist ist und

jetzt nach Ceylon fährt, -- ein junger Kaufmann aus Madras, Mr. Scott,

-- ein dicker deutscher Kaufmann mit mehreren dünneren Berufsgenossen, --

Signor Gino Pertile, der Procurist unseres Consuls Brand in Singapore, der

mir viele Auskünfte über dortige Verhältnisse gibt, -- der Director der

Eastern Telegraph Co. in Kurrachee (Sind) mit seiner Frau zweifelhaften

Alters, ein Ehepaar Namens Possmann, welches Fuchs vor Jahren in Bushehr in

Persien gekannt hatte, ein Constantinopolitanischer Photograph aus Bombay,

Vuccino, ein grosser, starker brünetter Grieche, der mein Tischnachbar

zur Rechten ist (mein linker ist Biegeleben) -- endlich und schliesslich

7, sage sieben Missionäre, welche nach der Nordküste Australiens

zurückkehren, meist Tiroler oder Italiener.

Der Koch ist ein Cordon bleu, der wahre Vatel, der uns mit Delicatessen

überschüttet, -- wie soll das werden? Heute Nacht sollen wir in Brindisi

sein, dort kommen wohl noch Passagiere mit, wenigstens glaubt es der

Commandant. -- Biegeleben ist in seinem »stateroom« eingesperrt, um noch

Briefe und Berichte nach Wien vorzubereiten.

Meine Reise nach Siam 1888-1889. Aufzeichnungen des k. und k. Legationsrathes Dr. J. Camille Samson · 第 6 / 54 题