Das Wasser ist wieder ruhig und still, die Sonne scheint warm, und wir
fahren lustig bei Lesina und Lissa vorüber, im Hintergrunde der weisse
Kamm des Vellebich. -- Viermal bin ich schon hier gewesen, 1876 auf dem
Wege nach Corfù, von wo aus ich mit den Professoren Adolf und Franz Exner
die Morea und dann allein Anatolien durchritt; 1880 mit dem amerikanischen
Gesandten Kasson die dalmatinische Küste entlang nach den Bocche und
Cetinje; 1884 mit Felix Karo nach Egypten, wo ich mit dem Gesandten Baron
Thömmel zusammentraf und hierauf Palästina und Syrien durchzog; 1885
endlich zum zweiten Male nach Cairo, diesmal im Dienste, um dort den Winter
bei der diplomatischen Agentie zuzubringen. Nun fahre ich zum fünften Male
die schöne Küste hinunter, freundlich grüsst Lesina, wo ich 1880 landete
und das alte Kloster mit seinem schönen Palmbaume bewundern durfte.
Mittags ist schon die albanesische Küste in Sicht: auch hier ist noch
Alles voll Schnee, wohl der letzte, den wir längere Zeit hindurch sehen
dürften.
Der »Poseidon« ist ein famoses Boot, 3874 Tonnen Gehalt, Compoundmaschine
(leider keine Triplex wie am »Imperator«), elektrisches Licht in allen
Räumen, ein grosser Speisesaal mit zwei, manchmal drei langen Tischen; an
einem präsidirt der edle Mersa, am andern der zweite Capitän, ein junger
lustiger Triestiner, übrigens der einzige unter den Schiffsofficieren, der
deutsch spricht. Oberhalb des Speisesaales ist das Musik- und Lesezimmer,
darüber das kleine Rauchcabinet, welches auf das breite Oberdeck mündet;
hier sitzen und liegen in ihren bequemen oder unbequemen Stühlen die
etlichen 30 Passagiere, die viele Wochen lang unsere einzige Gesellschaft
bilden sollen; noch sind alle in Decken und Pelze gehüllt, das dürfte in
wenigen Tagen wohl anders werden. Ein stattliches Contingent liefert das
hohe k. u. k. Ministerium des Aeussern! Da ist der Gesandte Biegeleben,
schlank, 40 Jahre alt, mit kleinem Schnurrbarte, das Monocle stets
eingeklemmt, höchst intelligent, einer der tüchtigsten unserer jüngeren
Diplomaten, -- dann sein ergebenster Secretär: ich! -- Rittmeister Rudolf
Fuchs, der nach Zanzibar als Consul geht und uns bis Aden begleitet;
-- Consul Goracucchi aus Port Said, der vom Urlaube auf seinen Posten
zurückkehrt, -- mit ihm ist seine Frau, eine Tochter des mir aus
Cairo wohlbekannten khedivialen Leibarztes Abbate Pascha, -- dann ein
anglo-indischer Officier, Captain Vivian mit charmanter kleiner Frau,
-- ein Kamerad desselben, Captain Bunker, -- ein Privatdocent aus Jena,
Dr. Johannes Walther, der als Geologe mit Schweinfurth gereist ist und
jetzt nach Ceylon fährt, -- ein junger Kaufmann aus Madras, Mr. Scott,
-- ein dicker deutscher Kaufmann mit mehreren dünneren Berufsgenossen, --
Signor Gino Pertile, der Procurist unseres Consuls Brand in Singapore, der
mir viele Auskünfte über dortige Verhältnisse gibt, -- der Director der
Eastern Telegraph Co. in Kurrachee (Sind) mit seiner Frau zweifelhaften
Alters, ein Ehepaar Namens Possmann, welches Fuchs vor Jahren in Bushehr in
Persien gekannt hatte, ein Constantinopolitanischer Photograph aus Bombay,
Vuccino, ein grosser, starker brünetter Grieche, der mein Tischnachbar
zur Rechten ist (mein linker ist Biegeleben) -- endlich und schliesslich
7, sage sieben Missionäre, welche nach der Nordküste Australiens
zurückkehren, meist Tiroler oder Italiener.
Der Koch ist ein Cordon bleu, der wahre Vatel, der uns mit Delicatessen
überschüttet, -- wie soll das werden? Heute Nacht sollen wir in Brindisi
sein, dort kommen wohl noch Passagiere mit, wenigstens glaubt es der
Commandant. -- Biegeleben ist in seinem »stateroom« eingesperrt, um noch
Briefe und Berichte nach Wien vorzubereiten.