[Illustration]
Spiegelglatte See, Windstille und heller Sonnenschein bilden die
meteorologische Ueberraschung, während der Zug von Nabresina nach Triest
den Karst hinunterrollt und der mit Segeln und wenigen Dampfern gezierte
Hafen sichtbar wird. -- Im Hôtel de la Ville ist mein neuer Chef, der
Gesandte für Ostasien, Baron Rüdiger Biegeleben, heute früh aus
Venedig eingetroffen, und die letzten Stunden sind mit Briefschreiben
und Commissionen ganz ausgefüllt. Ich hole meine Karte nach Singapore im
Lloydgebäude und muss dort für die »Panatica« allein (Verköstigung)
25¾ Napoléons erlegen: eine unangenehme Pille! Dann fahre ich auf den
neuen Molo, um den dort verankerten »Poseidon«, der die Ehre haben wird,
mich und mein Glück zu tragen, zu besichtigen und meine Cabine zu belegen.
Es ist alles in Ordnung, und beim Frühstück im Hôtel Delorme lerne
ich durch einen alten Universitätscollegen den wackeren Commandanten des
schönen Fahrzeuges, den Capitän Spiro Mersa kennen -- »der beste unter
allen Lloydcapitänen«, sagt mein Freund -- es ist ein kleiner, magerer
Mann mit grauen Haaren und Schnurrbart, mit »zerquetschter« Nase, sehr
beweglich und aufgeweckt, soignirt und gut angezogen, ein charmanter,
liebenswürdiger Mensch -- nebstbei (last not least) ein Seemann di primo
cartello! Gegen ½4 Uhr bin ich wieder an Bord, wo der Regierungsvertreter
beim Lloyd, Contre-Admiral Biringer, der Präsident der Triester
Seebehörde, Alber, und der Verwaltungsrath P. versammelt sind, um Abschied
zu nehmen -- die meisten Passagiere sind schon da, auch die zwei Jagdhunde
des Gesandten und sein unübertrefflicher Kammerdiener Harrison, nur
die Hauptperson fehlt, Baron Biegeleben selbst! Laufen, Suchen, Fluchen,
Schimpfen; schliesslich wenige Minuten vor 4 Uhr erscheint der Vermisste,
ich stelle ihm rasch die Honoratioren vor, einige Phrasen werden
gewechselt, das Schiff wird klar gemacht, und Punkt 4 Uhr gleiten wir
hinaus in die Adria »en route pour les Indes«. Bald verschwinden die
letzten Häuser Triests, wir passiren den Golf von Muggia, Perasto,
Rovigno; auf der Höhe von Pola nehmen wir unser erstes Diner an Bord ein;
»il tempo si guasta«; es wird kalt und windig, tangaggio und Rollen!
[Illustration: TRIEST]