I.

Trauer und Verzweiflung lag auf unserem Hühnervolk. Schon länger als

einen Monat verschwanden die Bewohner unseres Geflügelhauses auf eine

unerklärliche, geheimnisvolle Weise, und als ich in den Sommerferien

von der Universität heimkam, hielt ich es für meine Pflicht und

Schuldigkeit, die Ursache ausfindig zu machen. Die Hühner wurden

eines nach dem andern frech davongeschleppt, ehe sie sich auf ihrer

Stange zur Ruhe niederließen, oder nachdem sie sie verlassen. Diese

Tatsache entlastete Landstreicher und allzu anhängliche Nachbarn,

und auch Raubvögel konnten die Übeltäter nicht sein; denn die Hühner

waren nicht von ihren Nistkästen heruntergeholt. Ebenso fand man keine

halbaufgezehrten Leichname, so daß Wiesel, Sumpfotter oder der Skunk,

das nordamerikanische Stinktier, unschuldig sein mußten. Der freche

Diebstahl blieb infolgedessen einzig und allein auf Meister Reineke

sitzen.

[Illustration: Tannery mit seinen Hunden kommt das Tal heraufgesprengt]

Das weite Nadelholz von Erindale lag auf dem anderen Ufer des Flusses,

und bei genauerer Untersuchung der unteren Furt fand ich einige

Fuchsspuren und eine gestreifte Feder von einem unserer englischen

Hühner. Als ich auf der Suche nach mehr Beweismaterial das Ufer

erklomm, hörte ich mit einem Male das ohrenverletzende Geschrei eines

Volkes Krähen, und mich umschauend, sah ich einige dieses Gesindels auf

irgend etwas in der Furt herabschießen. Bei näherem Hinschauen war es

die alte Geschichte – ein Dieb verrät den andern – dort mitten durch

die Furt lief ein Fuchs mit einem Huhn zwischen den Zähnen; er kam mit

einem neuen Opfer von unserem Hühnerhof. Die Krähen, obwohl selbst

freche Räuber, sind immer die ersten, um zu rufen »Haltet den Dieb«,

dabei aber stets bereit, ihren Hehlerlohn in Gestalt eines Teiles der

Beute zu nehmen.

[Illustration]

Darauf waren sie auch jetzt aus. Der Fuchs mußte, um heim zu gelangen,

den Fluß durchkreuzen und war dem vollen Angriff der pöbelhaften Krähen

ausgesetzt. Er machte einige verzweifelte Sätze nach dem Ufer und würde

zweifellos mit seiner Beute entkommen sein, hätte ich mich nicht dem

Angriff angeschlossen. Infolgedessen war er gezwungen, die Henne, aus

der kaum das Leben entflohen war, fallen zu lassen und verschwand im

Walde.

Diese regelmäßige Eintreibung einer solch hohen Lebensmittelsteuer und

die Tatsache, daß der Fuchs sie unzerstückelt davontrug, wies darauf

hin, daß er eine Familie von kleinen Füchsen zu Hause hatte, und diese

aufzufinden, machte ich mir nun zur Pflicht.

Am selben Abend begab ich mich mit Ranger, meinem Hund, über den Fluß

hinüber und mitten in die Erindaler Forste hinein. Sobald der Hund zu

suchen begann, hörte ich das kurze, scharfe Bellen eines Fuchses aus

einem dicht verwachsenen Einschnitt dicht neben mir. Ranger setzte

sofort hinein, fand eine frische Fährte und raste im lebhaftesten Tempo

davon, bis sich seine Stimme in der Ferne hinter den Hügeln verlor.

Nach fast einer Stunde kam er unverrichteter Sache zurück, keuchend

und erhitzt, denn es war heißes Augustwetter, und legte sich zu meinen

Füßen nieder.

In demselben Augenblick ertönte direkt neben uns dasselbe fuchsische

»Jap-Jurr«, und davon sauste der Hund auf eine neue Jagd.

Fort ging es, in die Dunkelheit hinein, der Hund, bellend wie ein

Nebelhorn, mit der Richtung direkt nach Norden. Das laute »Boo–boo«

wurde zum leisen »Oo–oo«, dieses zum schwachen »O–o«, und dann war

es still. Sie mußten etliche Kilometer weit gelaufen sein; denn selbst

mit dem Ohr auf dem Erdboden konnte ich nichts hören, obwohl einige

Kilometer keine Entfernung für Rangers messingne Stimme waren.

Wie ich so im dunklen Forst stand und wartete, vernahm ich den

melodischen Klang von tropfendem Wasser: »Tink tank tenk tink, ta tink

tank tenk tonk.«

Ich wußte nichts von dem Dasein einer Quelle in dieser Gegend und war

in der heißen Nacht glücklich über den Fund. Der Ton führte mich zu

einer Eiche, bei der ich die Urheberin fand. Es war ein weicher, süßer

Gesang, wie der Zaubergesang der Verführung:

»Tonk tank tenk tink

Ta tink a tonk a tank, a tink a

Ta ta tink tank ta ta tonk tink

Trink a trank a trink a trunk.«

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 51 / 96 题