III.

Ein- oder zweimal fand ich Beweise, daß unter den Currumpaw-Wölfen

nicht mehr alles beim alten zu sein schien; denn ich entdeckte sichere

Zeichen von Unbotmäßigkeit und Ungehorsam. Die Fußspur eines kleinen

Wolfes zeichnete sich klar von den übrigen ab und war oft dem Führer

weit voraus. Dies konnte ich nicht begreifen, bis ein Hirte eine

Bemerkung fallen ließ, die die Sache aufklärte.

»Ich sah die Bande heute morgen,« meinte er, »und die Ungehorsame, die

immer vorausläuft, ist Blanca.« Da dämmerte mir die Wahrheit. Blanca,

die _Wölfin_, durfte sich derartige eigenmächtige Handlungen erlauben,

während ein Wolf von seinem Herrscher sofort erwürgt worden wäre.

Diese Tatsache gab mir einen neuen Plan ein. Ich schlachtete einen

Jährling und setzte einige Fallen ziemlich auffällig bei dem Kadaver

aus. Dann schnitt ich den Kopf ab, dem ein Wolf als Abfall keine

Beachtung zu schenken pflegt, und warf ihn beiseite, vergrub aber

rund herum sechs der stärksten Stahlfallen und bedeckte sie aufs

sorgfältigste. Zu diesen Vorbereitungen beschmierte ich meine Hände,

Stiefel und Werkzeuge mit frischem Blut und begoß auch den Erdboden so,

als ob es von dem Haupte des Schlachtopfers geflossen wäre. Als dann

alles in Ordnung war, schleifte ich das Fell eines Präriewolfes einige

Male über die Stelle und machte mit dessen Tatzen eine Anzahl Fußspuren

auf die Erde über den Fallen. Der Kopf war so gelegt, daß zwischen ihm

und einigen Büschen ein schmaler Gang blieb. Auch dort vergrub ich zwei

meiner besten Fallen und befestigte sie direkt an den Hörnern.

[Illustration]

Die Wölfe haben die Gewohnheit, jeden Kadaver zu untersuchen, von dem

sie Wind bekommen, selbst dann, wenn sie nicht die Absicht hegen, davon

zu fressen. Auf diesen Umstand hatte ich meinen Plan gebaut und hoffte,

daß die Currumpaw-Bande sich dem Leichnam nähern würde. Zwar zweifelte

ich keinen Augenblick, daß Lobo sofort die Fallen neben dem Fleische

entdecken und sein Gefolge davon zurückhalten würde, aber ich setzte

große Hoffnungen auf den Kopf; denn er machte ganz den Eindruck, als

wäre er nutzlos beiseite geworfen worden.

Am nächsten Morgen ritten wir aus, um die Fallen zu untersuchen, und

wer beschreibt unsere Freude, als wir die Fußspuren der ganzen Bande

fanden. Aber der Platz, an dem der Kopf mit seinen Fallen gelegen, war

leer. Eine hastige Untersuchung der Fährte zeigte, daß Lobo die Wölfe

von dem Fleisch zurückgetrieben hatte. Ein kleiner Wolf war jedoch

seitwärts gelaufen, um den Kopf näher zu untersuchen, und mitten in

eine der Fallen hineingeraten.

Wir nahmen die Fährte auf und erblickten nach einem Ritt von einer

Meile den unglücklichen Wolf – Blanca. Sie lief im Galopp davon,

und obwohl sie durch den Kopf, der über fünfzig Pfund wog, behindert

wurde, war sie bald außer Sehweite meines Gefährten, der zu Fuß folgte.

Jedoch wir überholten sie, als sie zwischen den Felsen angelangt war,

denn die Hörner des Kopfes hatten sich fest verfangen. Blanca war die

prächtigste Wölfin, die ich jemals gesehen hatte; ihr Fell war weich

und dicht und nahezu weiß.

[Illustration]

Sie wendete sich zur Verteidigung, erhob ihre Stimme zum Kriegsgeschrei

ihrer Rasse und sandte ein furchtbares Geheul das Tal hinauf. Weit aus

der Ferne kam eine tiefgrollende Antwort – der Ruf Alt-Lobos. Es war

ihr letzter Schrei, denn inzwischen waren wir herangekommen, und sie

mußte ihre ganze Aufmerksamkeit der Verteidigung zuwenden.

Es folgte eine grausame Szene, wir warfen jeder unsern Lasso über

den Hals der zum Tode verurteilten Wölfin, spornten unsere Pferde in

entgegengesetzten Richtungen an und zogen die Leinen straff, bis Blanca

das Blut aus dem Maule troff, ihre Augen hervorquollen, ihre Glieder

erstarrten und sie tot zu Boden fiel. Dann ritten wir heimwärts und

schleiften die tote Wölfin mit uns, triumphierend über den harten

Schlag, den wir Lobo zugefügt hatten.

[Illustration]

Während der schrecklichen Hinrichtung und später auf dem Heimritt

vernahmen wir in kurzen Zwischenräumen das Geheul Lobos, der auf den

fernen Gefilden umherirrte, auf der Suche nach Blanca. Er hatte sie

nicht treulos verlassen. Da er aber wohl wußte, daß er sie nicht mehr

retten konnte, hatte ihn seine eingefleischte Furcht vor Feuerwaffen

davongetrieben, als er uns herannahen sah. Den ganzen langen Tag hörten

wir ihn bei seiner vergeblichen Suche wehklagen, und mir wurde nun

klar, daß die getötete Wölfin seine Geliebte gewesen war.

[Illustration]

Als die Sonne sank, schien Lobo in der Richtung nach unserm Tal

näherzukommen; denn seine Stimme wurde stetig deutlicher, und es

lag ein nicht zu verkennender Klang von Trauer darin. Es war nicht

mehr der laute, gebieterische Schrei des Herrschers, sondern ein

gedehnter, klagender Ruf, »Blanca, Blanca!« Lobo war nicht fern von

dem Platze, wo wir sie überwältigt hatten, und auf einmal ertönte ein

herzbrechender Schrei – er hatte die Stelle gefunden, wo wir Blanca

töteten. Sein Geheul war jammervoll, und selbst die wenig empfindsamen

Hirten meinten, sie hätten nie einen Wolf derartig klagen hören. Lobo

mußte erkennen, was hier vorgegangen war; denn der Erdboden war an der

Stelle, an der Blanca den Tod fand, mit ihrem Blute befleckt.

Dann folgte Lobo unserer Spur bis zum Farmhaus, ob in der Hoffnung,

Blanca dort zu finden, oder in der Absicht, Rache zu nehmen, weiß ich

nicht. Es waren aber doch wohl Rachegelüste, die ihn trieben; denn er

überraschte unsern armen Hofhund außerhalb der Einzäunung und zerriß

ihn in tausend Stücke, kaum fünfzig Meter vor unserer Tür. Allem

Anschein nach war Lobo in jener Nacht allein gewesen; denn ich fand

am nächsten Morgen nur eine Fährte; er war in einer sinnlosen Weise

hin und her gelaufen, die ungewöhnlich bei ihm war. Ich hatte das

vorausgesehen und deshalb eine größere Anzahl Fallen über die Prärie

zerstreut, nicht ganz ohne Erfolg; denn er war tatsächlich in eine

davon gefallen. Doch seine Stärke war so groß, daß er sich losgerissen

und die Falle von sich geschleudert hatte.

[Illustration]

Ich nahm an, daß er sich jetzt längere Zeit in der Nachbarschaft

herumtreiben würde, um Blanca zu suchen, und ich wendete alle meine

Energie auf, Lobo zu fangen, ehe er die Gegend verlassen hatte und

solange er noch in diesem ungewöhnlichen Gemütszustand war. Es wurde

mir klar, daß ich mit Blancas Hinrichtung einen großen Fehler begangen

hatte; denn hätte ich sie lebend als Köder benutzt, so würde ich wohl

Lobo in der zweiten Nacht gefangen haben.

Alle Fallen, deren ich habhaft werden konnte, raffte ich zusammen

– hundertunddreißig starke, stählerne Wolfsfallen, und setzte

sie zu vieren in jeden Wildpfad, der in das Tal hinableitete. Jede

dieser Fallen war für sich an einen Holzklotz angekettet und jeder

Klotz sorgfältig vergraben. Vor dem Eingraben stach ich den Rasen in

Stücken heraus und sammelte die Erde in Decken, so daß kein Auge die

Arbeit menschlicher Hände entdecken konnte, nachdem der Rasen wieder

auf seinen alten Platz gelegt war. Als die Fallen verborgen waren,

schleifte ich den Leichnam der armen Blanca darüber hin und rund um die

Farm herum, und zum Schluß schnitt ich eine ihrer Tatzen ab und drückte

Fußtritte über jede Falle. Alle mir bekannten Vorsichtsmaßregeln hielt

ich dabei im Auge, und erst zu später Stunde zog ich mich zurück, um

den Erfolg abzuwarten.

Einmal während der Nacht glaubte ich Alt-Lobo zu vernehmen, jedoch war

ich dessen nicht ganz sicher. Am folgenden Morgen begann ich schon früh

die Runde, aber die Dunkelheit überraschte mich wieder, ehe ich meinen

Ritt durch das nördliche Tal vollenden konnte, und ich hatte nichts

ausgerichtet. Beim Abendessen bemerkte einer der Hirten: »Heute morgen

war eine ungewöhnliche Unruhe und Aufregung unter dem Vieh im Norden,

möglicherweise hat sich dort etwas gefangen.«

Der Nachmittag des nächsten Tages kam heran, ehe ich zu der erwähnten

Stelle gelangte. Als ich näherkam, erhob sich eine gewaltige, graue

Gestalt vom Boden und versuchte vergebens zu entfliehen – Alt-Lobo,

der König von Currumpaw, stand vor mir, festgekettet in den furchtbaren

Klauen der stählernen Fallen. Armer, alter Tyrann. Bis zuletzt hatte

er nach seiner Geliebten gesucht, und als er die Spur ihres Leichnams

gefunden, war er blindlings gefolgt und in die für ihn gelegten Fallen

geraten. Da lag er nun festgefaßt von vier starken Eisen, vollkommen

hilflos, und rund umher bewiesen zahllose Fußspuren, daß die Rinder

sich dort gesammelt hatten, um den gefallenen Despoten zu verhöhnen,

ohne es aber zu wagen, in greifbare Nähe zu kommen. Zwei Tage und

zwei Nächte hatte er dort gelegen, und nun war er zusammengebrochen,

entkräftet durch die vergeblichen Anstrengungen, loszukommen. Doch

als ich näher kam, erhob er sich mit gesträubter Mähne, und zum

letztenmal erzitterte das Tal von seinem tiefen, grollenden Baß,

einem Schrei um Hilfe, dem Kriegsruf seiner Bande. Aber keine Antwort

ertönte, und verlassen in seinem letzten Verzweiflungskampf wandte er

sich gegen mich, um verzweifelte Anstrengungen zu machen, auf mich

loszuspringen. Alles vergeblich, jede der Fallen hatte ein Gewicht

von über dreihundert Pfund. Mit diesen stählernen Gebissen an jedem

Fuß und die Ketten und Holzklötze alle ineinander verwickelt, war er

vollkommen ohnmächtig. Seine gewaltigen, wie Elfenbein schimmernden

Fangzähne knirschten in die grausamen Ketten, und als ich ihn mit

meinem Büchsenlauf zu berühren versuchte, ließ er tiefe Male darauf

zurück, die noch heute zu sehen sind. Seine Augen glühten grün vor Haß

und Wut, und seine Kiefer schnappten laut vernehmlich zusammen, als

er mich und mein zitterndes Pferd vergeblich zu erfassen suchte. Aber

er war erschöpft von Hunger und Blutverlust und sank bald ermattet zu

Boden.

Etwas wie Bedauern überkam mich, als ich mich anschickte, mit ihm

abzurechnen und ihm zu vergelten, was unzählige Geschöpfe unter seinen

Klauen erduldet hatten.

[Illustration]

»Großer, alter Räuber, Held tausend gesetzloser Raubzüge, in wenigen

Minuten bist du nichts als ein elender Kadaver.« Dann schwang ich

meinen Lasso, und pfeifend sauste er über seinen Kopf. Doch es ging

nicht so schnell; noch fühlte er sich nicht überwunden. Ehe sich die

geschmeidige Schlinge um seinen Nacken geschlossen hatte, packte er sie

und durchschnitt mit einem wütenden Biß die starke Leine, die in zwei

Stücken niederfiel.

Zwar hatte ich meine Büchse als letzte Hilfe, aber ich wollte sein

königliches Fell nicht verderben. Deshalb galoppierte ich nach dem

Lager und kehrte in der Begleitung eines Hirten mit einem festen Lasso

zurück. Wir warfen Lobo einen Stock zu, den er mit seinen Zähnen

packte, und ehe er ihn durchbissen hatte, pfiff unsere Leine durch die

Luft und schloß sich fest um seinen Nacken.

Schon war das Licht in seinen glühenden Augen am Erlöschen; da besann

ich mich eines anderen und rief: »Halt, wir wollen ihn nicht erwürgen,

laßt uns ihn lebendig nach der Farm bringen!« Er war jetzt vollkommen

machtlos, und es war uns ein leichtes, einen kräftigen Knüppel hinter

den Fangzähnen durch sein Maul zu stecken und seine Kiefer mit starken

Stricken zusammenzuschnüren. Sobald er fühlte, daß er gebunden war, gab

er jeden Widerstand auf und betrachtete uns, ohne einen Laut von sich

zu geben, ruhig, als ob er sagen wollte: »So, jetzt habt ihr mich am

Ende doch, nun macht, was ihr wollt!« Dann ließ er uns unbeachtet.

Wir banden seine Füße, doch er knurrte nicht, noch wendete er seinen

Kopf. Dann hoben wir ihn mit vereinter Anstrengung auf mein Pferd. Sein

Atem ging ruhig wie der eines Schlafenden, seine Augen waren wieder

hell und klar, doch sie ruhten nicht auf uns. Auf die fernen, weiten

Gefilde waren sie gerichtet, auf sein geschwundenes Königreich, in dem

seine berüchtigte Bande nun ohne ihren großen Führer umherirrte. So

starrte er in die Weite, bis wir den Weg in das Tal hinabstiegen und

die Felsen die Aussicht versperrten.

Langsam ging es vorwärts, bis wir die Farm ungefährdet erreichten,

und nachdem wir unser Opfer mit einem Halsband und einer starken

Kette gesichert hatten, banden wir es an einen Pfahl auf der Weide

und entfernten die Leinen. Zum erstenmal konnte ich Lobo nun genau

betrachten und feststellen, wie unglaubwürdig die umlaufenden Gerüchte

über diesen gewaltigen Tyrannen waren. Da lag kein goldenes Halsband

um seinen starken Nacken, noch war an seiner Schulter ein Kreuz, das

das Zeichen eines Paktes mit dem Satan sein sollte. Aber an seinem

Schenkel fand ich eine tiefe, breite Narbe, die Juno, der beste von

Tannerys Rüden, dort eingegraben hatte, bevor Lobo ihn leblos in den

Sand streckte.

Ich setzte Fleisch und Wasser neben ihn, aber er rührte es nicht an.

Unbeweglich lag er da und starrte mit den klaren, gelben Augen an mir

vorüber in die Weite, durch die Öffnung des Tales über die fernen

Gefilde, über seine Gefilde. Als die Sonne sank, war sein steter Blick

noch auf die Prärie gerichtet. Ich vermutete, er würde seine Bande

zusammenrufen, sobald die Nacht anbrach, und war darauf vorbereitet.

Doch er hatte in der tiefsten Verzweiflung schon einmal gerufen, und

niemand war erschienen – so blieb er jetzt stumm.

[Illustration]

Ein Löwe, den man seiner Kraft beraubt, ein Adler, dem man seine

Freiheit genommen, oder eine Taube, der man den Geliebten entrissen

hat, sie alle sterben, so sagt man, an gebrochenem Herzen. Auch dieser

furchtbare Bandit konnte den dreifachen Schlag, den er erlitten hatte,

nicht mit unversehrtem Herzen ertragen. Als der Morgen dämmerte, lag er

noch in der gleichen Stellung voll friedlicher Ruhe. Sein königlicher

Leib war unverletzt, aber das Leben war entflohen – der Herrscher tot.

Ich nahm die Kette von seinem Halse, und ein Hirte half mir, ihn in den

Schuppen tragen, in dem Blanca lag. Dort betteten wir auch den Leichnam

des alten Helden, und sein letzter Wunsch war so erfüllt: Die beiden,

die nur der Tod getrennt, waren wiedervereinigt.

Vixen.

Eine Mutter.

Bingo und andere Tiergeschichten · 第 50 / 96 题