Hatte Pai wirklich gar kein Erbarmen? Sie lugte zu ihm auf, mit
unverstelltem Jammer. Pai sah gradaus; er hatte den Mund fest geschlossen,
die Falte zwischen den Augen; -- und zum ersten Male fühlte Lola, daß er
ein strenges Gesicht mache, weil er traurig sei; daß er sich streng stelle,
weil er sie lieb habe. Es ward ihr ganz warm und glücklich; sie drückte
Pais Hand; Pai sah hinab, ihr in die Augen: da aber ward es draußen bei den
Mädchen viel stiller, und eine kleine Dame im schwarzen Kleid lief eilig an
dem gelben Treppengeländer entlang. Schon war sie unten, und nun kam sie
auf das offene Zimmer zu. Gab es denn keine Rettung? Pai tat nichts? Die
kleine Dame trug die eine ihrer schmalen Schultern höher als die andere,
sie hielt die Arme gekrümmt zu den Seiten ihres zerknitterten
Trauerkleides, und ihr blasses, langes Gesicht bekam vom Lächeln eine
krause Nase: Lola sah das alles mit schreckensvoller Genauigkeit. Ihr war
wie in einem Traum, worin man davonlaufen möchte und kann sich nicht regen.
Da fühlte sie schon die dünnen langen Finger der Dame kühl um ihre Hand.
Was sagte nun die Dame? Ratlos wandte Lola sich nach Pai um.
»Fräulein Erneste begrüßt dich,« erklärte Pai, »und verspricht dir, sie
wolle dich lieb haben und dich alles Gute lehren. Du mußt ihr danken.«
»Danke,« sagte Lola, mit Anstrengung.
Darauf begann das Fräulein unter Lauten freudiger Erregung überall in Lolas
Gesicht Küsse zu werfen, die hart waren und schmerzten. Lola begriff nicht;
sie erschrak; und inzwischen hatte das Fräulein schon wieder eine Menge
geredet, und alles klang fragend. Allmählich hörte Lola, daß sie immer
dasselbe sagte, und immer langsamer und deutlicher sprach sie es aus.
Wieder suchte Lola Hilfe bei Pai, aber Pai hatte sich in einen Stuhl
gesetzt und bekümmerte sich nicht um sie. Und das Fräulein drang immer
strenger auf sie ein, mit steil aufgerichtetem Zeigefinger. Lola hielt sich
nicht länger; sie brach, und sah dem Fräulein dabei immer starr in die
Augen, in entsetztes Schluchzen aus. Da geschah etwas sehr Seltsames. Die
eifrige, Gehorsam heischende Miene des Fräuleins fiel jäh in sich zusammen
und ward ganz unsicher und hilflos. Das Fräulein war auch anfangs nicht
groß gewesen: jetzt aber war es nicht mehr viel höher als Lola, und es
tastete schüchtern, während es den Kopf zum Bitten schief legte, nach Lolas
Hand. Darüber erschrak Lola nochmals: aber nicht für sich selbst. Was hatte
das Fräulein? Ein verlegnes Mitleid berührte ihr Herz, und sie lächelte
zart. Ein wenig höher noch hob sie des Fräuleins Hand, die um ihre lag:
zögernd, -- und plötzlich legte sie die Lippen darauf. Sogleich aber
trennten sie sich, und Lola lief auf Pai zu, fiel ihm um den Hals und rief,
um Pai von dem Fräulein und seiner Verwirrung abzulenken: was für ein
herrlicher Apfelbaum da zum Fenster hereingreife. Pai hob, da das Fräulein
ihm etwas zurief, Lola hoch empor, und sie konnte eine Frucht brechen.
Alle drei gingen nun in den Garten; Lola fühlte sich irgendwie beglückt;
und ehe jemand es sich versah, saß sie droben im Apfelbaum. Pai schalt,
aber sie hörte, daß es Spaß sei; das Fräulein lachte von Herzen, und aus
allen Ecken des Gartens liefen Mädchen herbei, sich die kleine Wilde
anzusehen. Sie tanzten um den Baum, schrieen und streckten die Hände aus.
Pai sagte hinauf, das Fräulein erlaube, daß Lola zur Feier ihrer Ankunft
den Mädchen Äpfel pflücke. Lola warf sie ihnen zu; sie kletterte von Ast zu
Ast, suchte sich mit ernster Miene eine aus und warf ihr die Frucht in die
Schürze. Als sie herunterstieg, umringten die Größeren sie und liebkosten
sie. Aber eine Glocke läutete, und alle eilten ins Haus. Pai und Lola
folgten dem Fräulein zu einer Laube, wo ein Frühstück bereitstand.
Lola bekam zum Essen ein halbes Gläschen Wein; dann nahm Pai sie auf sein
Knie, küßte sie und sagte: »Nun lauf umher.«
Trotzdem behielt er sie im Arm und sah sie an. Sie entschlüpfte.
»Einen Kuß noch, kleine Tochter,« rief Pai ihr nach.
»Gleich!«
Und sie sprang hinter einem Schmetterling her. Ihr war lustig zu Sinn, sie
dachte: »Solche großen Klatschrosen! . . . Ich muß sehen, was dort in der
Mauer für ein dunkles, dunkles Loch ist . . . Pai ist gut, auch das
Fräulein ist gut . . . Eine Eidechse, husch . . . Ob die Mädchen nicht
wiederkommen? . . . Der schöne Tag!«
»Pai!« jauchzte sie.
»Er kann mich nicht hören, so groß ist der Garten. Wo ist denn die Laube
geblieben? Ah, um diese Hecken muß ich herum . . . Nun aber: Pai!« Und sie
lief.
Plötzlich hielt sie an: vor der Laube stand das Fräulein allein.
»Pai?«
Lola kam langsam näher. Ihre Augen durchforschten die Laube, überflogen den
Garten und hafteten, verzagend, am Blick des Fräuleins. Was sagte er? Doch
nicht das? Er konnte nicht! Lola nahm sich zusammen und fragte:
»Wo ist Pai, Fräulein?«
Das Fräulein sagte etwas, wieder mehrmals dasselbe, aber garnicht langsam
und deutlich wie vorhin: und doch verstand Lola. Sie warf, haltlos
jammernd, die Arme in die Höhe.
»Er wollte noch einen Kuß von mir! Wie kann er fort sein, wenn ich ihm doch
noch den Kuß geben soll!«
Sie taumelte einmal um sich selbst und schlug, unsicheren Laufs, den Weg
zum Hause ein. Mitten darauf blieb sie stehen, ließ die Arme fallen, senkte
den Kopf; und die rinnenden Tränen wuschen ihr von den Lippen den Kuß, den
sie nicht hatte geben dürfen.