II

An Bord des großen Dampfschiffes, auf das Lola gebracht ward, standen Pai

und die schwarze Anna. Welch Wiedersehen! Dann:

»Pai, ist es wahr, daß wir ganz wegfahren? Und Mai? Und Nene? Und wohin

fahren wir denn?«

Herr Gustav Gabriel fuhr mit seiner kleinen Tochter nach Hause, weil sie

eine Deutsche werden sollte.

Mit neunzehn Jahren war er herübergekommen und hatte sich begeistert

eingelebt. Bis zu seinem dreißigsten Jahre berührte ihn niemals Sehnsucht

nach seinem Vaterland. Er dachte seiner wie an etwas Kleinliches und

Bedrücktes; machte ihm auf einer Europareise einen spöttischen Besuch;

fühlte sich mit Stolz als Brasilianer . . . Eines Tages bekam er zu spüren,

daß er's nicht sei. Er hatte geschäftliche Einbußen erlitten: was zu

Demütigungen führte von seiten seiner Freunde und der Familie seiner Frau.

Er sah sich plötzlich allein und ihm gegenüber eine ganze Rasse, deren für

immer unzugängliche Fremdheit er auf einmal begriff. Nun fing er an, auf

das Land seiner Herkunft als auf eine Macht zu pochen, sich selbst als

Erzeugnis einer Kultur zu fühlen, von deren Höhe seine Umgebung nichts

ahnte. Bei der Umschau nach Bundesgenossen begegnete er den Blicken seiner

Kinder. Auch diese sollten in Sitten und Sprache eines niedrigeren Volkes

erwachsen? Seine Feinde werden? Die Laute, die ihm in herzlichen Stunden

kamen, die er von seiner Mutter erlernt hatte, sie sollten sie nie

verstehen? Er hatte sie, wenn er ihnen deutsche Kosenamen gab, sich

anblicken und lächeln gesehen . . . Das sollte anders werden! Ihr Vaterland

war nicht dieses, und er wollte sie ihm zurückgeben! Mit dem Jungen würde

es vielleicht schwer gehen: die Nachfolge im hiesigen Geschäft ward ihm

bereitet; -- aber seine Tochter! Er erblickte sich schon mit ihr in dem

Garten, worin sein Elternhaus stand. Dort wollte er einst enden. Er sah

sich den Weg zum Tor des Städtchens gehen, und an seiner Seite ein blondes

junges Mädchen: seine Tochter. Sie war blond; sie war sein Kind und eine

Deutsche. Er nahm sie für sich allein; mochte seine Frau -- wie fremd sie

ihm eigentlich geblieben war! -- sich an dem Jungen schadlos halten: seine

Tochter sollte ihn verstehen lernen, sollte in solcher Reinheit und

Gediegenheit leben, wie man nur zu Hause lebte. Sie sollte nach Haus.

Nie war Pai so zärtlich gewesen mit Lola! Übrigens sollte sie bald zurück;

und Mai und Nene würden sie besuchen, dort, wohin sie fuhren. Solche Fahrt

war lustig: sie sollte sehen.

Vorläufig ward ihr sehr übel; es dauerte drei Tage; aber Pai selbst pflegte

sie; er selbst tat alles, was Anna hätte tun müssen. Zwischen ihren Krisen

lag Lola in aller Erschöpfung ganz glücklich da; und wenn sie ihre Hand in

Pais schob, war ihr's, als sei sie selbst ganz in Pais Hand geschlüpft.

Dann konnte sie aufstehen und zusehen, wie die Matrosen Fische heraufzogen:

einen Fisch sogar mit einem langen Säbel an der Nase!

Da aber nahte jemand mit einem Wasserschlauch und bespritzte alle Kinder.

Man mochte sich hinter den Schornstein verstecken oder in einer Taurolle:

überall trieb der Strahl einen wieder hervor: es war ein angstvolles

Vergnügen. Die durchnäßten kleinen Mädchen kreischten, und die Damen und

Herren freuten sich laut, daß sie trocken waren. Überhaupt war es zum

Erstaunen, wie lustig alle waren, wie freundlich miteinander und mit Lola.

Es schien, sie hatten nichts anderes zu denken, als wen sie jetzt erfreuen

wollten. Nie hatte Lola so viele liebe Menschen gesehen. Einer war da, der

allen Kindern Schokolade schenkte und ordentlich flehte, bis man sie nahm.

Selbst Pai war selten mehr ernst. Und Meer und Himmel strahlten

unauslöschlich.

Dennoch geriet man nochmals in graues Wasser mit Wolken darüber und ward

arg geschaukelt. Doch Lola focht das nicht mehr an; und Pais Mantel, unter

dem sie auf Deck lag, war, wenn sie mit ihren Knieen ein Dach machte, so

gut wie ein eigenes Haus: die Sturzwellen mochten darüber hingehen. Auch

ward bald ausgestiegen; alle waren viel ernster geworden; -- und Lola fand

sich mit Pai und Anna in einer großen, nicht schönen Stadt, in deren

Straßen man sich müde lief. Immerhin gab es Spielsachen, wie sie daheim nie

welche gesehen hatte, und Pai kaufte ihr so viele, daß sie sich wunderte.

Eines Morgens dann eine Fahrt mit der Bahn: und da waren sie in einem

seltsamen Städtchen mit höckrigen Häusern und mit Gassen, die über Berge

kletterten und rutschten, -- und gelangten in einem riesigen, schaukelnden

Wagen vors Tor und an ein Haus, daraus sprang hurtig eine kleine alte Frau

hervor, lief auf Pai zu und hüpfte ihm an den Hals. Lola war erschrocken:

denn Pai weinte. Wie war das möglich? Da griff aber die alte Frau ihr

selbst unters Kinn und zog Lolas Gesicht ganz dicht zu ihrem, bis in das

Wimpernfächeln ihrer Augen, -- die sehr gütig blickten. Aber was wollte

sie? Sie redete so viel Unverständliches. Lola sah fragend auf Pai; und

indes sie ins Haus gingen, erklärte Pai ihr, dies sei seine Mama, und heute

feiere sie ihren Geburtstag, und er bringe ihr Lola zum Geschenk.

Im Hause roch es nach Kuchen und Blumen; Pais Brüder waren da und umarmten

ihn. Sie gaben Lola die Hand; einer ließ sich von Pai etwas ins Ohr sagen,

und dann wünschte er Lola in ihrer Sprache Willkommen. Sie lachte über ihn;

alles wäre gut gewesen: da aber kam die neue Großmama, aus lauter

Herzlichkeit, auf den Gedanken, die Arme um Lolas Hüften zu legen und vor

ihr auf die Kniee zu fallen. Lola hatte plötzlich ein zum Weinen verzerrtes

Gesicht. Alle stießen Fragen aus, und Pai übersetzte:

»Was ist dir?«

»Nichts, Pai.«

Lächelnd und stammelnd:

»Ich dachte an etwas.«

Grade so hatte, am letzten Tage, die schöne Mai vor Lola gelegen: aber in

Tränen und Jammer. Lola dachte: »Ist es wahr, daß ich bald zu ihr zurück

darf?«

Einer der Onkel heiterte sie auf: er klatschte in die Hände, und sie mußte

vor ihm davon laufen. Sie tat es aus Gefälligkeit, und lächelte höflich,

wie er sie fing. Nun spielten alle mit und wollten sich verstecken, und der

lustige Onkel sollte sie suchen. Man zeigte Lola einen sehr guten Versteck:

hinter einem kleinen Gartenhause und unter einem dunkeln Baum. Da stand sie

lange, und niemand fand sie. Kein Geräusch im Garten. »Sollten sie mich

vergessen haben?« Eine hastige Angst überfiel sie: »Pai ist fort, Anna ist

fort: sie haben mich allein gelassen!« Sie senkte, betäubt, den Kopf und

legte die Hände vors Gesicht. Ganz allein! Da kamen Schritte herbei; Lola

nahm sich zusammen und gab einen kleinen hellen Vogellaut von sich. Es

dauerte etwas; sie lauschte atemlos, zwitscherte nochmals, und dann fand

man sie.

»Damit du mich nicht zu lange suchen solltest,« erklärte sie, obwohl der

Onkel doch nichts verstand.

Beim Abendessen ward sie lebhaft und sang sogar ein Lied, näselnd wie die

Schwarzen, von denen sie es gelernt hatte. Mitten in aller Vergnügen aber,

und wie auch Pai gerade lachte, nahm sie seine Hand und flüsterte ihm, als

überrumpelte sie ihn, eilig zu:

»Nicht wahr, Pai, wir reisen bald nach Haus?«

Pai nickte; aber er war nun wieder ernst, und Lola hatte gesehen, daß er

beinahe ärgerlich geworden wäre. Verstört schwieg sie: war's möglich, daß

man sich auf Pai nicht mehr verlassen konnte?

»Weißt du nicht, wann wir nach Haus reisen?« fragte sie nachher im

Schlafzimmer die schwarze Anna.

Nein, Anna wußte es nicht, und ihr glaubte Lola. Anna sah sich, mit kleinem

tierischen Kopfrücken, im Zimmer um, wie in einem Käfig; Lolas Augen

folgten ihr; -- und dann betrachteten die beiden einander ratlos.

Aber die neue Großmutter war so heiter! Man konnte nicht an ihrer Hand

durchs Haus laufen: in den Saal, wo die Äpfel lagen, auf den Boden, woher

sie bunte Kleider und alte, seltsame Puppen holte, -- ohne daß irgend etwas

Lustiges vorfiel. Der zweite Onkel brachte seinerseits viel Leben mit; --

und dann war es ziemlich spaßhaft, mit Anna auszugehen, unter die hiesigen

Kinder, die scheinbar noch nie eine Schwarze erblickt hatten. Da ward man

angesehen! Manchmal zwar liefen einem zu viele nach und machten sich

lästig: da half nur, daß man ihnen Bonbons hinwarf, um zu entkommen,

während sie sich rauften . . . Ferner war unter den freundlichen Menschen,

die Lola kennen lernte, ein schwarzgekleideter Herr mit weißem Bart, der

eines Tages in Großmamas Zimmer saß und Lola etwas fragte. Pai bedeutete

ihr, es handle sich darum, ob sie zum protestantischen Glauben übertreten

wolle; er rate ihr dazu. Sie sagte ja, bekam von dem alten Herrn einige

glatte bunte Bildchen und ward am Abend in den Zirkus geführt . . . So viel

hatte man erlebt, daß gewiß schon ein Jahr herum war.

»Nicht wahr, ein Jahr sind wir bald hier?« fragte sie eines Abends. Pai

erwiderte:

»Was denkst du. Sechs Wochen erst.«

»Erst? Aber es ist doch schon wieder Winter?«

»Nein, Kind, so ist hier der Sommer.«

Sie hätte sich gern einmal wieder nach der Heimreise erkundigt; aber Pai

schien nicht aufgelegt; er hatte die schon lange nicht mehr gesehene Falte

zwischen den Augen. Auch die Andern sprachen heute viel weniger. Sogar

Großmama lächelte nur halb. Lola ging bedrückt zu Bett.

In der Nacht träumte ihr etwas Trauriges: sie sah einen Neger -- welchen,

wußte sie nicht, aber es war einer, den sie gern hatte -- von einem

Aufseher grausam prügeln, hörte sein Winseln, brach selbst in Weinen aus

und lief, es dem Großvater zu klagen: weinte und lief. Da erwachte sie,

noch immer schluchzend, -- und auch das andere Schluchzen ging weiter. Die

schwarze Anna kauerte, über das Bett gebeugt, und jammerte erstickt:

»Kleine Herrin, ich muß fort. Schon morgen reisen der Herr und Anna mit dem

Dampfschiff fort, zurück in unser Land; die kleine Herrin aber bleibt

hier.«

Und da Lola, auffahrend, in Geschrei ausbrach:

»Ganz leise! Anna darf nichts sagen: der Herr hat es verboten. Anna sollte

ohne Abschied weggehen: sie kann doch nicht!«

»Du sollst nicht weggehen! Hörst du, du tust es nicht! Ich befehle es dir!«

Des Kindes Stimme brach sich vor Zorn.

»Pai läßt mich nicht hier zurück; das sind alles Lügen.«

Die Amme wiederholte nur, eintönig klagend:

»Ganz leise! Anna muß fort.«

Und in ihrem Gemurmel ging der Zorn der Kleinen allmählich unter. Sie ließ

sich auf Annas Schulter fallen, gebrochen, mit Schluchzen und Bitten.

»Geh nicht fort!«

»Anna muß gehen.«

»Wenn du fortgehst, dann --«

Der Schmerz schüttelte das Kind. Es preßte sein Gesicht auf die nackte

schwarze Schulter; -- und mit dem öligen Geruch dieser Haut, an der es

einst die ersten Atemzüge getan hatte, erhob sich die dunkle Flut seiner

frühesten Erinnerungen und überschwemmte es. Lola sah, in einem aufgeregten

Gedränge von Bildern, zuerst einen Palmenwald, dann viele grimassierende

Negergestalten, die ihr namenlos schön erschienen, um Fleischtöpfe hocken,

in die sie oft ihre Händchen getaucht hatte; sah ein Stück schäumenden,

heftig blauen Meeres und die buschigen Wedel des Zuckerrohrs davor; sah

Nene, den Bach und die Kurubus . . .

»Wenn du fortgehst,« wimmerte sie, »dann --«

Es entstand ein Wogen großer Blumen hinter ihren an Annas Schulter

gedrückten Lidern; und tief in den Blumen hing die Hängematte mit der

schönen Mai, die ihr zunickte und langsam und wie von einer nicht mehr

Anwesenden das Gesicht wegwandte.

»Wenn du fortgehst, dann ist . . . alles aus!«

* * * * *

Am Morgen trat Pai ins Zimmer und sagte:

»Meine kleine Lola, Pai muß nun auf kurze Zeit zurückreisen, und bis er

wiederkommt, läßt er dich hier.«

Da das Kind nur den Kopf senkte:

»Es wäre für dich nicht gut, schon wieder so weit zu reisen.«

Lola schlug die Augen auf und sagte hell, wie eine verzweifelte Schelmerei:

»Pai, nimm mich mit?«

»Meine kleine Tochter ist vernünftig, nicht wahr,« erwiderte Pai, ohne

Frage im Ton; und Lolas kleines gespieltes Lächeln brach ab. Pai nahm sie

bei der Hand und führte sie zur Stadt, über einen Marktplatz und in ein

altes Haus, an dessen gläserner Flurtür die Glocke lange klapperte.

»Hier wohnt,« sagte Pai, »eine gute Dame, die sich meiner Lola annehmen

will, solange Pai nicht da ist.«

Der Flur war weit; auf seinen Steinfliesen gingen Arm in Arm, zu zweien

oder in langen Reihen, viele Mädchen umher. Andere hüpften zwischen den

Flügeln einer Tür, in der buntes Glas war, in den Garten hinab. Es waren

große und kleine; aber die kleinste, sah Lola gleich, war sie selbst. Sie

sah es aus dem Zimmer, worin Pai mit ihr wartete. Es hatte weiße Tapeten

mit goldenen Blumen darauf, eine goldene Stutzuhr, sehr hohe Fenster mit

den Bäumen des Gartens dahinter; und Lola wandte sich, beklommen seufzend,

von einem Gegenstand zum andern. Gleich war's nun so weit: Pai war fort.

Noch hielt er sie doch an der Hand: und war schon fast fort! O, o, was für

eine drängende Menge von Dingen hätte sie ihm zu sagen gehabt; er mußte

doch einsehen. Mit zuckender Lippe brachte sie hervor:

»Pai, sieh, was für ein komischer Mann ist auf der Uhr.«

Zwischen den Rassen: Roman · 第 2 / 25 题