Sinne des Wortes, noch mehr#, es ist das beste Buch, das je eine Frau
geschrieben hat.«
Viktor A. Reko in den »Internationalen Litteraturberichten.«
An Stelle der übrigen zahlreichen Kritiken, die »Gebt uns die Wahrheit«
durchaus günstig besprachen, sei hier der Verfasserin Selbstanzeige aus
der »Zukunft« wiedergegeben:
»In der Arbeit, die ich nun dem Leser vorlege, habe ich jenes
gefährliche Wagestück unternommen, vor dem selbst einem alten
Teufelskumpan wie dem Doktor Faust heimlich graute: Ich bin zu
den Müttern hinabgestiegen. Die Mädchenerziehung ist von jeher
eine heiss umstrittene Frage gewesen. Alle Damen, alle Herren
haben darüber höchst löblich und leidenschaftslos gesprochen, und
nur uns selbst, den Hauptpersonen in dieser beliebten Farce, wurde
jede selbständige Willensregung einfach abgeschnitten. Wir blieben
stumme Trägerinnen unserer naiv-sentimentalen Rollen, die uns im
letzten Akt die notwendige Lustspiellösung bringen mussten. Das
ist im Grunde einfache Logik der Thatsachen. Ein nach den Regeln
der Gesellschaft gedrilltes weibliches Wesen vergisst nur zu rasch,
über sich und seinen Entwickelungsgang nachzudenken. Als junge
Dame hat sie weit wichtigere Funktionen zu erfüllen, als ihr Innenleben
einer Betrachtung oder gar einer Kritik zu unterziehen. Auf
Grund, wie ich kühn behaupten darf, ehrlicher psychologischer
Forschung versuchte ich, in meinem Buch eine Darstellung jener
gefährlichen Mischung der äusseren Welterziehung und der geheimen
Selbstenthaltung zu geben, die später so schädigend auf die
Entwickelung unserer physischen und psychischen Kräfte zurückwirkt.
Keine frivole Absicht, nicht die Sucht, mit der Verneinung des
Althergebrachten modern zu wirken, hat mich dazu bestimmt. Doch das
Aussprechen gewisser Thatsachen wirkt in unserer, an keuschen ... Ohren
so reichen Gesellschaft immer weit verletzender als deren Ausübung.
Ist einer von uns ein unangenehmes Abenteuer passiert, so breitet
die Welt unter salbungsvollen Reden den fadenscheinigen Mantel ihrer
Nächstenliebe darüber. Denn das kann jeder Mutter Kind geschehen. Aber
spricht eine von uns darüber, schreibt sie durchlebte, durchlittene
Gedankentragödien, die das Leben in tausend und abertausend Fällen
zur Wirklichkeit macht, gar nieder, dann giebt es Skandal -- und die
Steine fliegen. Denn da ist man wohl sicher: Das braucht wirklich
nicht jeder zuzukommen. Möge denn das Büchlein seinem Schicksal
entgegengehen; vielleicht wird mein eigenes Geschlecht zuerst wider
mich aufstehen; auch jene ganz Reinen, für die es in lichterfüllten
Stunden niedergeschrieben wurde.«
Anmerkungen zur Transkription:
Der Text wurde originalgetreu beibehalten, außer folgenden Änderungen:
S. 61 "zn" wurde durch "zu" ersetzt.
S. 100 Das Gedicht wurde eingerückt.
S. 128 Das Gedicht wurde eingerückt (im Original ohne Einrückung).
S. 176 "Strafe" wurde durch "Straße" ersetzt ("...nackt auf die
Straße geworfen").
S. 184 hinter "Dirnen" wurde ein Punkt eingefügt.
S. 203 vor "umsonst einkauffen" wurde ein Anführungszeichen
eingefügt.
S. 203 "Liebhhaber" wurde zu "Liebhaber" geändert.
S. 266 "nnd Salome" wurde geändert zu "und Salome".
S. 275 "Brandt" wurde zu "Brant" geändert ("...wie Brant im
Narrenschiff sagt").
S. 309 "panis porciuso" wurde in Kursivschrift gesetzt.
S. 321 "Armel" wurde durch "Ärmel" ersetzt.
S. 324 In Fußnote 6 (Kapitel "Kleidung") wurde ein Komma
in "Schultz, Deutsches Leben" eingefügt.
S. 334 hinter "Perlen?" wurde eine schließende Klammer eingefügt.