Wir sehen einander erstaunt an. „Schon,“ sagt der General, und wir gehen
durch den Wald, hinüber zum Knüppelweg.
Da stehen sie. Drei Stück. Verschwitzt und bestaubt kommen sie aus den
Gräben. Sie machen einen jämmerlichen Eindruck. Einer trägt ein Käppi.
Er ist ganz grau, Bretone, einundvierzig Jahre alt. Seine schmutzigen
groben Hände zittern vor Erregung. Die beiden anderen sind junge
Burschen, gegen zwanzig, klein, schwarzhaarig, mit runden schwarzen
Glotzaugen. Sie tragen blaugraue Stahlhelme auf den runden Köpfen,
Helme, die den alten Sturmhauben des Mittelalters ähneln und ganz neu
sind. Die Burschen gefallen mir nicht. Und als ich anfange, sie
auszufragen, bekommen sie auch sofort Streit. Einer wirft dem andern
vor, sich im Unterstand versteckt zu haben. Sie hatten es eilig, in
Gefangenschaft zu geraten, das kann ich sehen. Es sind Leute aus
Toulouse.
„Was wird man mit uns tun?“ fragt einer der Tapferen mit dem Stahlhelm
mit einem ängstlichen Blick.
„Man wird euch in ein Lager nach Deutschland schicken,“ antworte ich. Er
ist befriedigt. Was dachte er denn –??
Nun aber wimmelt es auf dem Waldweg. Eine Feldbahn führt in der Nähe
vorüber. Darauf laufen Karren, von vier Krankenträgern geschoben, und
auf den Karren sitzen und liegen die Verwundeten. Auf einer Karre hockt
oben ein junger Franzose und jammert und stöhnt in gleichen
Zwischenräumen. Sonst hört man nur selten einen Schmerzenslaut.
Eine Bahre wird vorübergetragen. Ein Feldgrauer liegt ausgestreckt
darin.
„Wo fehlt’s?“ fragt der General.
„Beinschuß!“
„Nun, immer rasch zum Verbandplatz.“
Eine zweite Bahre wippt auf den Schultern der Träger vorüber. Bleich und
still liegt darin ein Franzose.
Leichtverwundete kommen allein an. Der General hat für jeden ein
ermunterndes Wort, einen freundlichen Zuruf. „Was ist mit Ihnen?“ fragt
er einen Grauen, dessen rechte Hand in blutigem Verbandzeug steckt.
„Granatsplitter.“ – „Na, es wird nicht so schlimm sein. Wissen Sie den
Verbandplatz? Gleich da drüben.“ Wie ein Vater spricht der General
seinen Leuten zu. „Wie steht es oben?“ – „Wir haben drei Gräben
genommen, Herr General!“ – „Na, das ist prachtvoll. Immer rasch zum
Verbandplatz.“
Bahren, Karren.
Ein Grenadier mit verbundenem Arm, gestützt von einem Krankenträger,
kommt festen Schrittes, stolz und aufgerichtet des Weges, obschon ihm
Schmerz und Schrecken im Gesicht sitzen. Ein Lob des Generals läßt seine
Miene aufleuchten.
Auf einer Karre sitzt ein Verwundeter. Sein Kopf ist nichts als ein
weißes Knäuel mit blutigen Flecken. Aber er sitzt mit verschränkten
Armen, ganz behaglich.
So strömt es unaufhörlich vorüber, und die Granaten rauschen und zischen
ohne Pause über den Wald.
Ein Grauer, mit blutigem Kopfverband, tritt an den General heran und
schlägt die Absätze zusammen.
„Wo kann ich Herrn Major Soundso sprechen? Ich habe eine Meldung zu
machen.“ Das Blut tropft dem Tapferen übers Gesicht.
„Was soll es sein?“
„Das Regiment hat drei Gräben genommen und über zweihundert Gefangene.“
„Ich werde es bestellen lassen. Aber nun schauen Sie, daß Sie sich mal
erst ordentlich verbinden lassen.“
Der Graue klappt mit den Stiefeln. Ab. Ja, was für Leute das sind!
Ein anderer kommt vorbei, den Kopf verbunden. Er war schon vor dem Sturm
verwundet worden, machte aber noch den ganzen Angriff mit.
Die Gefangenen fluten in dichten Zügen heran. Sie werden aufgestellt und
gezählt. Fast alle tragen diese blaugrau angestrichenen Stahlhelme.
Vereinzelte nur tragen Käppis oder haben sich ein Schnupftuch um den
Kopf gebunden. Sie sind schmutzig, verwildert, zerfetzt und verstaubt,
stumpf, bleich und erschöpft und kleinlaut, wie alle Soldaten, die aus
der Schlacht kommen und in Gefangenschaft gerieten. Aber sie machen
einen weitaus besseren Eindruck als die ersten drei. Es sind Leute teils
aus den nördlichen Departements, Bretagne, teils aus dem Süden,
Toulouse, Nîmes, Marseille. Manche rauchen schon wieder ihre Pfeife oder
den Zigarettenstummel. Einer trägt einen halben Laib Brot, einer eine
Decke. Sie zeigen die Photographien ihrer Frauen und Kinder und fragen,
ob sie sie behalten dürfen. Natürlich dürfen sie das! Zuweilen schütteln
sich ein paar die Hand, die sich hier wiederfinden. Es ist ein langes,
bedeutsames Händeschütteln!
Manche sind verwundet und tragen Verbände. Einem ist die Hand
zerschmettert, dem anderen hat eine Kugel den Arm durchschlagen.
Der General steht und läßt die Augen über die Kolonnen schweifen. Sobald
er einen Verwundeten sieht, läßt er ihn herankommen, fragt, forscht:
„Ulan, bringen Sie den Mann zum Verbandplatz.“ Aus jeder Kolonne
scheidet ein Trüppchen Verwundeter aus und hinkt, humpelt und taumelt
hinter den Führern her.
Aber der General hat seine Augen überall. Er sieht auch, was hinter den
Kolonnen vorbeikommt, ruft, ermuntert, lobt.
Da kommt auch mein Grenadier mit den zwei Postpaketen am Gewehr zurück.
Heute morgen sah ich ihn in die Gräben hinaufgehen. Da ist er wieder.
Eine Handgranate hat ihn leicht am Gesicht verletzt. Er hatte gar nicht
Zeit, seine Paketchen zu öffnen.
Es werden immer mehr Gefangene. Es sind ganze Züge und Kompanien – und
auf der anderen Seite des Berges soll es auch in die Hunderte gehen!
Der General kann unmöglich alle übersehen, und so gehe ich die Kolonnen
entlang und suche die Verwundeten heraus. – „Herr General, hier ist ein
Mann mit einem Armschuß.“ – „Ulan, zum Verbandplatz.“ – Väterlich sorgt
der General für den Feind. Sein Ton ihnen gegenüber ist freundlich und
schlicht.
Ein Gefangener fragt mich, ob er nicht ebenfalls verbunden werden
könnte. Ich sehe ihn an, er sieht etwas erschrocken aus, aber ich sehe
keine Verwundung. Er hat Schüsse da unten, sagt er. Augenblicklich läßt
er die Hose herunter, und ich sehe, daß er einen Schuß im rechten
Oberschenkel und einen über dem Gesäß hat.
Ich führe ihn zum General. Auch hier will er sofort die Hose
herunterlassen, aber der General glaubt ihm so.
„Nehmen Sie den Mann da noch mit, Ulan. Stützen Sie ihn, so, immer
vorwärts.“
Kolonnen um Kolonnen ziehen vorbei. Jetzt, um ein Uhr, sind schon
eintausendvierhundert Gefangene gemeldet. Im ganzen wurden es
zweitausend. Immer neue strömen aus dem Wald. Karren, Bahren,
Verwundete. Nie werde ich diesen Weg im Argonnerwald vergessen.
Vor dem Verbandplatz liegen und stehen die Verwundeten herum. Sie sind
ruhig und fühlen sich geborgen. Die Ärzte sind drinnen an der Arbeit.
Ich sehe, wie der freundliche, lebenslustige Chefarzt ernst und
hingegeben einen blutigen Lappen mit der Schere abtrennt.
Das ist die Kehrseite von Hurra und Siegesjubel. Es ist Krieg, man darf
es nicht vergessen.
Die Geschütze dröhnen, die Einschläge krachen, die Granaten gurgeln und
pflügen durch die Luft. Verirrte Kugeln und Sprengstücke surren und
klirren. Zwischen den Bäumen wandern wie eine blaugraue Schlange die
Gefangenen.
Droben in den Gräben aber geht es weiter, heiß und blutig. Die eroberten
Gräben müssen instand gesetzt, Schutzschilde und Sandsäcke auf die
andere Seite gebracht werden. Die Gewehre peitschen, Maschinengewehre
hämmern, der Kampf geht weiter. Bis die Nacht kommt, und auch in der
Nacht wird es keine Ruhe geben.
Wir fahren los und jagen quer durch die Argonnen, um zu hören, wie es
auf der anderen Seite des Berges ging.
5
Auch auf der anderen Seite des Argonnerwaldes war alles nach Wunsch
gegangen. Wie auf der Eselsnase waren die Tapferen auf der Hubertushöhe
aus den Gräben geschnellt und hatten den Feind geworfen. Bis jetzt,
nachmittags, hatten sie über achthundert Gefangene gemacht. Das ist eine
hübsche Anzahl im Grabenkrieg!
Die krumme bucklige Straße des armseligen Argonnendorfes ist
überschwemmt von blaugrauen Franzosen. Und oben erscheint schon eine
neue Kolonne. Ein ganzes Bataillon ist hier versammelt. Die Bewohner des
Dorfes stehen vor den Haustüren und begaffen ihre Landsleute. Zuweilen
habe ich in dem und jenem Orte gesehen, daß Frauen weinten, wenn
Gefangene vorübergeführt wurden. Hier nehmen sie es gelassen. Hunderte
und Tausende sind schon aus den Wäldern herunter in ihr Dorf gekommen.
Fast alle tragen den blaugrau gestrichenen Stahlhelm, der tief über den
Kopf gestülpt ist, so daß sie gerade noch geradeaus blicken können.
Einzelne haben ihn verloren oder fortgeworfen und sich Sacktücher über
den Kopf gebunden. Einer trägt nur das Lederfutter des Helmes. Der Helm
gibt ihnen allen ein ungewohntes und leise komisches Aussehen. Ich bin
sicher, daß es drüben bei ihnen großes Gelächter und Scherzen gab, als
die ersten mit diesem Möbel anrückten. Viel Wert kann der Helm nicht
haben. Dafür ist er zu dünn. Gegen Splitter, Steinschlag höchstens, aber
das würde auch der Schädel aushalten. Immerhin ist er schwer genug, um
dem Mann das Schwitzen beizubringen. Sie schwitzen alle jämmerlich, die
armen Burschen.
Sie sind zumeist erschöpft und abgestumpft vom Kampf. Groß, klein,
Grauhaarige, halbe Knaben, ernste Männer und unreife Bengel,
schwarzäugig, blauäugig, hager und rund, Bärte, Milchgesichter, alle
verschieden groß. Die blaugrauen Rockärmel voller Lehm und Schmutz, die
Schuhe zerweicht, die Wickelgamaschen zerrissen. Sie kommen aus der
Schlacht, das muß man festhalten, die Ausrüstung ist jedenfalls gut.
Einzelne tragen rote Wollschärpen um den Leib, andere Wollwesten, einer
steckt in einem blauen Arbeiteranzug. Die Verwundeten sind schon alle
ausgeschieden. Einzelne nur haben Verbände an Hand oder Kopf, leichte
Schrammen. Sie kauen, rauchen, kramen die paar Habseligkeiten aus der
Tasche, die sie aus der Katastrophe retteten. Manche lachen schon
wieder. Sie sind eine etwas zusammengewürfelte Gesellschaft, ohne jeden
Zweifel. Zumeist vom Süden. Sie sollen sich indessen wacker geschlagen
haben.
Abseits stehet ihr Bezwinger: der Kronprinz und der Kommandierende, und
betrachten sie und tauschen Beobachtungen aus.
Der Kronprinz tritt an zwei junge Burschen heran, die sich aus den
Tabakresten ihrer Hosentaschen Zigaretten drehten und kein Feuer haben.
Er reicht ihnen seine Streichholzschachtel und spricht sie an. Nun,
besonders gute Manieren haben die zwei jungen Bengel nicht, es sind
Hafenarbeiter aus Toulouse. Sie plaudern lebhaft, paffen und lachen. Sie
sind froh, aus der Sache heraus zu sein, sie machen kein Hehl daraus.
Aber der Kronprinz spricht mit ihnen, freundlich und schlicht, wie er
mit seinen eigenen Soldaten redet. Sie haben sich geschlagen für ihr
Land, der Tod ging da oben hundertfach dicht an ihnen vorüber, es kommt
also hier nicht so sehr auf die Manieren an.
Links, ein paar Schritte abseits von den dichtgedrängten Reihen der
schwitzenden, schmutzigen Gefangenen, steht eine Gruppe gefangener
Offiziere. Ihre Haltung ist würdig. Die Uniform ist einfach, weit und
bequem geschnitten, es ist nahezu die Uniform des gemeinen Mannes. Keine
Dekorationen, keine Abzeichen. Am Ärmelaufschlag zwei schmale, drei
Zentimeter lange wagrechte verblaßte goldene Borten, das ist alles. Für
die Eitelkeit ist diese Uniform nicht geschaffen, das kann niemand
behaupten. Sie tragen blaugraue Käppis. Wohin ist die prunkvolle
Maskerade des französischen Heeres gekommen?
Ernst und nachdenklich sehen sie vor sich hin. Qualvoll und demütigend
ist ihre Situation, obschon jedermann bestrebt ist, ihre Gefühle zu
respektieren. Ein Offizier, der äußerste, ist blaß wie eine Wand und
vollkommen erschöpft. Sein Blick geht ins Leere. Neben ihm steht ein
junger Leutnant, keine vierundzwanzig, mit vornehm geformten energischen
Zügen. Die Muskeln seines Gesichtes zucken, er blickt zum Himmel empor,
zur Erde herab, er nagt an der Lippe, er kämpft mit den Tränen.
Sie alle leiden. Aber ihre Leute fangen an, sich mehr und mehr mit der
Lage abzufinden. Sie schwatzen und lachen. Sie sind allzu eifrig, mir zu
erklären, daß „sie sich beglückwünschen“, aus der Sache heraus zu sein.
Jeder beglückwünscht sich. _Je me félicite –!_ „Ja, da oben ging es
schlimm zu, große Verluste. Ich wurde verschüttet, grub mich aus, mit
Hilfe eines Kameraden. Da waren die Deutschen schon da, überall, wir
sehen einen Trupp Gefangener und laufen hin. Ihr Angriff war gut
gemacht, chic! Ich beglückwünsche mich, offen gestanden.“
Ich nehme einen jungen, intelligent aussehenden Burschen zur Seite, gebe
ihm eine Zigarette und plaudere mit ihm. Er stammt ebenfalls aus dem
Süden. Er war in einer Sappe, die zugeschüttet war, die Deutschen warfen
Handgranaten hinein, sie selbst schossen heraus, Geschrei, Rauch, schon
war er gefangen. Er breitet die Arme aus und deutet auf die Landschaft:
„Ich sehe mein Land, ich sehe alles in bester Ordnung. Ich sehe hier das
Dorf und die Leute, es ist alles sauber, die Felder sind bestellt, Vieh
gibt es hier. Und man hat uns gesagt, daß die Deutschen alles plündern
und niederbrennen. Ich traue meinen Augen nicht.“ Gleich darauf
beglückwünschte auch er sich.
Ich gebe ja jedem Soldaten das Recht, sich zu freuen, daß er lebendig
aus der Schlacht kam, denn selbst der Tod fürs Vaterland ist schwer, so
leicht er auch vielen Leuten erscheint, die nie eine Granate sausen
hörten – allein, es ist schließlich nicht nötig, daß er die
Gefangenschaft als die beste Lösung preist. Es ist auch nicht nötig, daß
sie mir erzählen, ihre höheren Offiziere hätten Reißaus genommen, denn
es ist nicht wahr, das weiß ich von anderen.
Ich habe schon bessere französische Regimenter gesehen.
Immer neue Gefangene strömen ins Dorf. Über den Wäldern wird ein
feindlicher Flieger beschossen. Die Geschütze krachen und pochen noch
immer wütend. Gegen Abend steigert sich das Feuer mehr und mehr, und in
der Nacht rollt es pausenlos und zornig. Trommelfeuer.
Am Morgen sehe ich die Gefangenen abmarschieren. Ein langes blaues Band
schlängelt sich ins Tal. Der junge Offizier hat sich gefaßt und
schreitet still und ergeben wie ein Leidtragender in einem Trauerzug
hinter den blauen Stahlhelmen her.
Eine Stahlhaube ist neben einem Baum liegen geblieben.
Da eilt ein französischer Hauptmann aus dem Dorf hervor. Er hat sich
verspätet. Sein Kopf ist verbunden, ich habe ihn gestern nicht gesehen.
Er geht eilig auf den Jäger zu Pferde zu und schüttelt ihm die Hand,
erschüttert, gebrochen, verzweifelt, wie man in schwerem Leid einem
Freund die Hand schüttelt, sicher seines Verstehens, Vertrauens,
Glaubens. Es gibt Beziehungen zwischen den Völkern, die alle Diplomatie,
mangelhafte und perfide, nicht zerstören kann.
„Trösten Sie sich,“ sagt der Jäger zu Pferde, „es ist der Krieg!“
Der Hauptmann antwortet nichts, er schüttelt gebrochen den verbundenen
Kopf, und mit verzweifelten großen Schritten stürzt er seiner Truppe
nach. –
Die Schlacht ist zu Ende, die Schlacht ist gewonnen. Zweitausend
Gefangene, große Beute, auf einer Front von zwei Kilometern der Feind
zurückgeworfen. Es ist ein großer Erfolg. Nehmt den Hut ab vor den
Argonnenkämpfern!
Aber wie erstaunt war ich, im französischen Bericht zu lesen, daß es
wieder einmal nichts war. Die Armee des Kronprinzen hatte überhaupt
keinen Erfolg errungen. Zwei mißglückte Angriffe – unser Bericht
enthalte phantastische Zahlen, es sei klug, diese Zahlen in derartigen
Fällen immer durch zehn zu dividieren. – –
Großes Frankreich, dein Erbe ist in bedenkliche Hände geraten. Dein
Geist ist bei deinen Erben zur Phrase geworden und die Phrase zur Lüge.