Am Vorabend des Kampfes erlebe ich den Angriff in allen seinen Phasen
auf der Karte. Ich bin Gast bei Exzellenz, dem Kommandierenden, und
seine Offiziere erklären mir die geplanten Operationen. Sie sprechen
sachlich und klar, mit der Ruhe von Leuten, die ihrer Sache sicher sind.
Weiß zieht und gewinnt, matt in drei Zügen. Auf dem Papier sieht es aus
wie eine Schachpartie, aber nur auf dem Papier. Unsere Figuren sind aus
Fleisch und Blut, und Regeln und Gesetze gibt es in dieser blutigen
Partie nur so lange, als man die Kraft hat, sie dem Gegner
vorzuschreiben.
Aus den Argonnen dröhnt dumpf Geschützdonner, aber es ist das normale
Abendfeuer, und niemand hört es mehr, so sehr sind sie daran gewöhnt.
Die Karte liegt auf dem Tisch unter der elektrischen Lampe, und mein
Instruktor, der Jäger, treibt mit den feinen gepflegten Händen die
Regimenter vor bis zur Linie, die sie erreichen sollen. Er läßt die im
Wald und in den Bergkuppen stehenden Batterien feuern, die Minenwerfer,
er trommelt die feindlichen Gräben ein, umgeht, flankiert starke
Stellungen. Ich sehe den ganzen Sturm vor Augen.
Das Telephon klingelt. Herr Major. „Jawohl, die und die Batterie feuert
soundsoviel Schüsse, zu der und der Zeit. Das ist das Zeichen, jawohl.
Guten Abend!“ Trotz aller Ruhe schwingt eine leise Erregung im Hause. In
den Argonnen bin ich nicht mehr fremd. Ich finde mich auf der Karte
leicht zurecht, ich kenne zum Teil das Terrain und unsere Stellungen.
Hier ist Four de Paris, nahe am Tal der Biesme. Die Gräben klettern von
hier aus über die Hubertushöhe. Dann werden sie unterbrochen von der
Schlucht des Charmesbaches, setzen sich fort über die Höhe, die den
sonderbaren Namen Eselsnase trägt, bis hinüber zur Houyettemulde. Zum
großen Teil sind dies die Stellungen, die die Argonnenleute dem Feinde
im Juni und in den ersten Tagen des Juli wegnahmen. Jene Barre aus
Stacheldraht, Maschinengewehren und Minenstollen, die sich Cimetière,
Bagatelle, Grüner Graben, nannte.
In diese Stellung hinein ragt bogenförmig ein neues starkes
französisches Werk, eine Festung aus Stollen, spanischen Reitern,
Drahtbarren, Minengängen, Schluchten und Blockhäusern und unterirdischen
Forts, eine Festung, aus der der Tod in hunderttausendfältiger Gestalt
springt, wenn man sich ihr nähert: das Werk Marie-Thérèse.
Morgen soll es in unserer Hand sein. Morgen Punkt acht Uhr werden die
Batterien einen Hagel von Eisen auf das Werk werfen, sie werden es in
Stücke zerreißen, morgen um elf Uhr werden wir es stürmen!
Ob ich alles verstanden habe? Jawohl, alles. Nichts ist einfacher,
klarer. Nichts ist verwickelter und unverständlicher. Es ist ein
Schachspiel, in dem der Zufall eine mächtige Rolle spielt. So scheint es
mir. Der Jäger zu Pferd telephoniert an die verschiedenen Stellen, die
Uhren müssen genau gerichtet werden. Ein paar Minuten Differenz können
zum Verhängnis werden. Jede Kleinigkeit ist besprochen, alle
Vorbereitungen sind bis in die kleinsten Details getroffen.
Minenstollen, Munition, Handgranaten, Gasmasken, Granaten, Wasser,
Nahrungsmittel. Jede Kompanie weiß genau, was sie zu tun hat, jeder Zug,
jeder Pioniertrupp, jeder einzelne Mann. Sobald er den Fuß aus dem
Graben setzt, folgt er einer Reihe genau gegebener Befehle, – wenn er
nicht fällt. Was moderne Kriegskunst vermag, ist geschehen. Der Angriff
ist schon gelungen, Marie-Thérèse gehört in Wahrheit schon uns, – obwohl
noch kein Mann die Gräben verließ. So muß es sein.
Wir begeben uns in den Gesellschaftsraum und sitzen in Sesseln um den
Kamin. Vom Angriff wird nicht mehr gesprochen. Die Politik und ein
schwarzgefleckter weißer Terrier treiben das Gespräch. Aber die
Unterhaltung wird nie lebhaft und laut. Das Telephon klingelt häufig.
Frühzeitig geht man zur Ruhe.
In meiner Dachkammer habe ich Muße nachzudenken. Dann und wann schlägt
im Walde dumpf ein Geschütz. Es grollt in der Nacht und poltert irgendwo
in der Ferne. Unsere Grauen, die jetzt in den Gräben draußen im Walde
liegen, sie wissen es ganz genau. Sie wissen, daß er auf unser Feuer
antworten wird, und um elf Uhr, Punkt elf Uhr, werden sie aus dem Graben
klettern. Sie bereiten sich vor auf den Sturm, so und so. Viele Herzen
schlagen rascher, und viele schlafen heute nicht in ihrem Lehmloch. Wenn
sie den Kopf über den Graben strecken, so pfeift der Tod daher, springen
sie in die feindliche Sappe, so kann es sein, daß sie dem Tod in die
Arme springen. Offizier und Mann, sie wissen nicht, wie es morgen abend
sein wird. Sie sind Soldaten und sie kämpfen. Marie-Thérèse ist alles,
nicht ihre eigene Person!
Aber sie, drüben in Marie-Thérèse, sie wissen nichts, sie ahnen nichts.
Nun, so schlafen sie wenigstens noch diese eine Nacht ohne Qual.
Marie-Thérèse ist vieler Grab, morgen um diese Zeit. Der Jäger zu Pferde
rechnet nicht mit dem Zufall. Wie aber, wenn der Franzose heute nacht
angriffe? Wenn er in einem Nachbarabschnitt morgen im Morgengrauen
vorginge? Aus dem Wald grollt das Rollen eines schweren Geschützes. Es
feuert fast ohne Pause. Ich horche. Beginnt es zu trommeln? Nein, es ist
ein Bursche, der nebenan in der Bodenkammer schnarcht. Übrigens soll ich
morgen um vier Uhr hinaus in die vordersten Gräben der Eselsnase, um mir
das Werk Marie-Thérèse in der Nähe zu betrachten.
2
Um vier Uhr morgens ist es bitterkalt in den Argonnen. Wir fahren, in
unsere Mäntel eingehüllt, in die stockschwarze Nacht hinein. Die Sterne
glitzern groß und kalt wie im Winter. Ich bekomme einen bitteren
Geschmack im Mund, wenn ich die Sterne betrachte. Es ist keine Zeit für
die Sterne. Wir sind in die Erde gesunken, ohne jeden Zweifel und haben
keine Zeit mehr, die Sterne zu betrachten. Geschütze schlagen dumpf.
Auch in der Nacht muß hier gearbeitet werden. Das Feuer ist normal, mit
Befriedigung stellen wir es fest. Er hat nichts gemerkt, er bereitet
nicht an irgendeiner anderen Stelle etwas vor. Ein zerschossenes Dorf.
Im Wald wird die Straße morastig. Es hat hier seit acht Tagen nicht
geregnet, aber die Straßen sind zerweicht, und das Auto rutscht wie ein
Schlitten durch den Schmutz. Ein Fuhrwerk begegnet uns, wir biegen aus,
kommen ins Schlingern, der Chauffeur geht auf den zweiten Gang, und wir
mahlen uns aus dem Dreck. Hier gibt es Löcher und Granattrichter, so daß
wir nur langsam vorwärts kommen.
Wir durchqueren den Wald, die schwarzen Bäume rauschen, die Sterne
blitzen durch die Wipfel, es ist schön, trotz des schlechten Weges. Ein
zerschossenes Dorf. Menschen tauchen auf. Eine Sanitätskolonne in
Marschbereitschaft. Sind sie jetzt schon auf den Beinen? Die Leute in
den Gräben da oben sind noch gesund und munter, aber hier stehen schon
die Leute, im grauen Morgen, die sie verbinden sollen. Wir löschen die
Lampen. Wieder ein zerschossenes Dorf. Wir gehen zu Fuß weiter. Es wird
langsam Tag. Nebelgestalten huschen an der Wegseite, Feldküchen,
Krankenträger, Reserven. Wir steigen bergan. Ein Weg, der gangbar
gemacht wurde dadurch, daß man Baumstamm an Baumstamm reihte. Das Holz
der Stämme ist abgeschabt und zermahlen durch die vielen Räder und
Stiefel, die hier bergan und bergab gingen. Der Wald wird plötzlich
lichter. Es wird Tag. Die Schlucht erweitert sich, und vor uns liegt
eine zerschossene kahle Bergkuppe. Wir steigen in die erste Zone ein.
Die erste Zone, das sind die Gräben, um die im Winter gerungen wurde.
Die hohen Bäume sind vernichtet, aber das Unterholz grünte wieder. Diese
Zone hat das Aussehen eines Weinberges, einer Hopfenpflanzung. Gräben,
Schutt, Granattrichter. Dann aber kommt die zweite Zone, der Berg
selbst. Wie sieht er aus? Unnatürlich, ohne jeden Vergleich! Man denke
sich einen wild erregten Ozean mit zornigen, dichtgedrängten Wellen, das
wilde Meer bei Sturm. Aber dieses Meer ist aus Lehm und plötzlich in
einer Sekunde erstarrt. Ich übertreibe nicht. So und nicht anders sieht
der Berg aus.
Wogen, Zacken, Abgründe. Das erstarrte Meer wälzt sich gegen die Höhe.
Dazwischen stehen Stumpen toter Bäume. Von Tausenden von Gewehrkugeln
wurden sie durchlöchert, bis sie wie ein Sieb waren und ein Windstoß sie
zu Boden warf. So sieht es hier aus, es ist das Trostloseste und
Schrecklichste, was die Phantasie erdenken kann. Gräben, Sprengtrichter
an Sprengtrichter, viele Meter tief und breit. Diese erstarrten
Lehmwogen sind das Ergebnis der Kämpfe von vielen Monaten. Es riecht
hier nach Leichen und schrecklichen Dingen. Teile menschlicher Körper
ragen aus den Lehmkrusten, Tuchfetzen, zerschlagene Blechgeschirre
liegen in den Löchern. Um jeden Granattrichter wurde hier gekämpft.
Langsam, Schritt für Schritt, mußten unsere Truppen sich zur Höhe
emporkämpfen. Sie standen bis an die Hüfte im Wasser. Es gibt hier einen
Weg, der den Namen „Selbstmörderweg“ trägt. Ein Annäherungsgraben, der
nur flach ausgehoben worden war, und den die feindlichen
Maschinengewehre bestrichen. Die Leute wollten lieber das Leben
riskieren, als ewig im Wasser waten! Tausende haben diese erstarrten
Lehmwogen verschlungen, Freund wie Feind. Nun schweigen sie.
Früher trug diese Wüstenei Namen: es sind die berühmten Werke Central,
Cimetière, Bagatelle, die im Juni und Juli genommen wurden.
Rot und dunstig steigt die Sonne über das tote Lehmmeer empor, das in
seiner höchsten Wildheit erstarrte. Granaten winseln durch die Luft,
Einschläge krachen. Ein schweres deutsches Geschütz schießt. Dumpf und
fern klingt der Abschuß, als gehöre das Geschütz einem anderen Teil der
Kampflinie an. Aber mächtig rauscht die Granate über uns dahin, und ein
paar Sekunden später kracht der Berg. Drei Granaten feuert es herüber,
dann schweigt es. Aber andere Geschütze schlagen. Eine Granate singt
doppelstimmig durch die Luft, ein Querschläger. Das hört sich drollig
an. Vereinzelte Gewehrkugeln summen über den Lehmberg dahin, ein
Maschinengewehr bellt heiser. Plötzlich kommt eine ganze Horde
feindlicher Granaten durch die Luft getrillert, eine hinter der anderen,
in wahnsinniger Eile. Es kracht, daß die Erde zittert. Der Franzose
schleudert Wurfminen.
Es ist die gewöhnliche Morgenarbeit, ganz „normales“ Feuer. Alles geht
gut.
Durch den Annäherungsgraben kommen die Leute aus den Feldküchen hinter
uns her. Immer zwei tragen an einer Stange auf den Schultern einen
schweren eisernen Kessel. „Bringt ihr Kaffee?“ – „Nein, Suppe, es muß
heute früher gegessen werden.“ – Heute! Ja, heute ist ein besonderer
Tag.
Die Sonne scheint, zum erstenmal treffe ich im Argonnenwald schönes
Wetter, aber die Grabenwände strömen eisige Kälte aus.
In den Gräben auf der Eselsnase ist schon alles munter. Zuerst kommen
wir zu den Württembergern, dann zu den Reichsländern und Preußen.
Draußen, fünfzig Meter, dreißig Meter entfernt liegt hinter einer Barre
von Stacheldrähten das Werk Marie-Thérèse. Eine blaue Rauchmauer steht
darüber, der Rauch von den Granaten und Minen der „Morgenarbeit“.
Granaten winseln und schlagen ein. Die schweren feindlichen Wurfminen
krachen wie Donnerschläge. Die Posten stehen am Gewehr, die
Maschinengewehre lauern. Handgranaten, Minenwerfer mit Munition, alles
ist bereit. Kupferdrähte führen hinaus in eine Sappe: um elf Uhr soll
die Mine hochfliegen! Überall ist man geschäftig, in aller Ruhe, denn
man hat Zeit. Ausfallstufen werden gegraben. Ernst und still sind die
Leute, etwas stiller als sonst, denn sie wissen, was der Tag für sie
bedeutet. Spricht man sie an, so reißen sie sich zusammen, entschlossen
und kühn blicken ihre Augen.
„Macht eure Sache gut, heute!“ – „An uns soll’s nicht fehlen! Heute
hau’n wir sie wieder zusammen.“
Sie machen auch Witze.
Die Offiziere kriechen aus ihren Unterständen und begrüßen uns.
Hauptleute, Leutnants. Sie sind zuversichtlich und frisch. Sie erteilen
uns Ratschläge, Warnungen, _sie_! Ein paar böse Ecken, wo sie
Handgranaten schmeißen, Minen. Ach, und ein paar Stunden später waren
einige der prächtigen Leute schon tot!
Wir gehen weiter. Minen krachen wie einstürzende Häuser. Ein Grauer
schaufelt; eine Mine hat ihm Erde in den Graben geworfen. Plötzlich ist
der Graben zugeschüttet. Ein paar Leute graben. „Was gibt es?“ – „Unsere
Offiziere sind eben verschüttet worden!“ – Mit Schaudern sah ich es, mit
Schaudern spreche ich davon, aber es ist Krieg, das darf man nicht
vergessen. Die Mine hatte den Graben vollkommen eingedeckt. Ein
Armstumpen ohne Hand ragte aus der Erde. Um die Ecke – – nein! Neben mir
kauerte mit angezogenen Knien ein Toter, sein Kopf hing auf die Brust
herab. Er sah nicht aus wie ein toter Mensch. Über und über mit grauer
Erde eingestäubt, Kopf, Gesicht und Kleider, erschien er wie die Statue
eines Schläfers mit angezogenen Knien, die man ausgegraben hatte. Sie
alle, zwei Offiziere und vier oder fünf Mann, waren gefallen vor dem
Sturm beim alltäglichen Morgenkampf. Ehre euch und Ehre dir, kleiner
grauer stiller Schläfer!
„Achtung!“ Eine Mine kam durch die Luft und schlug hinter uns krachend
ein. Der Jäger zu Pferd, dessen Augen so grün sind wie seine Uniform,
prüfte, ob wir über den verschütteten Graben wegrutschen könnten. Aber
es war unmöglich. Dreißig Meter querab lauerten die französischen
Gewehre.
Wir mußten zurück. Aber nun kamen die Minen, eine nach der anderen. Bald
mußten wir rechts, bald links ausweichen. Eine schlug vor uns ein, das
heißt nicht in den Graben, sondern draußen, ganz nahe, aber sie
explodierte nicht. In solchen Momenten ist man ganz ruhig. Man zittert
nicht, und das Herz schlägt nicht rascher. Man ist längst über die Zone
der Angst hinaus. Man weiß, daß man vollkommen in der Hand des
Schicksals ist, und damit fertig.
Hoch oben durch das Blau des Himmels zieht die Wurfmine. Sie erscheint
nicht größer als ein Habicht. Deutlich sind ihre Flügel, ihre Schwingen
zu erkennen, die ihr den ruhigen Flug verleihen. Sie rast eilig dahin,
in herrlicher Kurve, und sieht wundervoll aus. Wir stehen und folgen ihr
mit den Blicken. Plötzlich sticht sie wie ein Habicht herab, wird mit
jeder Sekunde größer, häßlicher und – gefährlicher. Achtung!
Der Teufel hat diese Minen erfunden.
Auf dem Heimweg in der Sappe begegnen wir wieder den Suppenträgern und
zwängen uns an den Kesseln vorbei. Sobald sie den dumpfen, unscheinbaren
Abschuß des Minenwerfers hören, lugen sie aus. Züge von Feldgrauen
schieben sich an uns vorüber, Gewehre, Handgranaten, Gasmasken. Einzelne
schleppen große Stahlschilde. Einer trägt auf dem Gewehr ein paar
Feldpostpakete. Die Gräben werden aufgefüllt. Immer näher kommt die
Stunde –
Wir überqueren das erstarrte Meer aus Lehmwogen. Das Morgenfeuer wird
ruhiger.
Der Jäger zu Pferde zieht die Uhr.
„Noch fünf Minuten!“
In fünf Minuten ist es acht. Da soll es losgehen.
3
Punkt acht Uhr ging es los.
Mit der Sekunde feuerte ein Geschütz schweren Kalibers, und die Argonnen
krachten. Die Wälder horchten auf. Das schwere Geschütz gab eine Salve
krachender Schüsse ab. Pause. Dann begann es von allen Seiten. Ja! Die
Kanoniere standen schon überall bereit, glühend vor Kampfbegierde. Die
Granaten steckten schon in den Rohren, die Geschütze waren gerichtet und
nun rissen sie ab! Die Hölle tobte, krachte, lachte, rasselte. Es
fauchte, zischte, heulte in der Luft, es pochte, stampfte, rumpelte und
knurrte. Zuweilen klang es, als ob ein Riese, groß wie ein Berg, mit
einem Hammer auf eine Stahlwand losschlage, wütend und betrunken. Die
Kanoniere, ja diese Kanoniere mußten arbeiten wie verrückte Teufel! Die
Granaten mußten von selbst in die heißen Rohre springen, eine hinter der
andern, Schuß, laden, Schuß, laden. Der Schweiß läuft ihnen übers
Gesicht, aber so lieben sie es. Immer hinaus, was die Rohre hergeben
können.
Links oben von mir, an meinem linken Ohr, feuert mit harten, zornigen
Schlägen eine schwere Batterie, daß der Boden zittert. Die Geschosse
rauschen und klirren durch die Luft wie ein Eisenbahnzug, der über eine
Eisenbahnbrücke hämmert. Rechts oben, an meinem rechten Ohr, knallt eine
Batterie, und die Granaten gehen mit einem Zischen hinaus, wie wenn eine
Lokomotive mit Überdampf die Ventile löst. Dazu das Krachen und Knattern
der Einschläge, das wir deutlich hören, denn wir sind ja nicht weit
davon entfernt. Es ist ein Rauschen in der Luft, wie wenn ein Zug ein
Tal, eine Schlucht passiert. Zuweilen kommen Schreie und Winseln von
oben, wie wenn Menschen von Dämonen entführt würden und verzweifelt
klagten.
Das ist der Anfang. Drei Stunden, drei volle Stunden, bis elf Uhr, soll
dieses Feuer dauern!
Es ist nur die Eröffnung. Das Schachspiel, das mir der Jäger zu Pferde
gestern abend auf dem Papier erklärte, es setzt sich in die Wirklichkeit
um. Mudra spielt! Es ist die Eröffnung Mudras, und bei Gott, ich möchte
nicht mit ihm diese Partie spielen!
Ich sehe auf die Uhr. Es ist acht Uhr zwölf Minuten!
Alles ist auf die Straße gelaufen, wenn man so sagen kann. Die Straße
ist ein erbärmlicher Knüppelweg im Walde. Nebenan liegt der
Verbandplatz. Ärzte, Krankenträger, Ordonnanzen, Feldbäcker und
Chauffeure, alles steht auf der Straße, um sich das Feuer anzuhören und
anzusehen, obschon es nichts zu sehen gibt. Es rauscht und schleift in
der Luft, das ist alles. Alle sind in erregter und begeisterter
Stimmung. (Niemand denkt an Marie-Thérèse!!) Ich weiß recht gut, daß
eine Beethovensche Symphonie etwas anderes ist, aber das Feuer hat etwas
Berauschendes an sich! Es ist die Musik feuerspeiender Berge und
Urgewitter.
Wie sieht es droben in den Gräben aus, von denen ich eben komme? Sie
ducken sich hinter die Erdwälle, so furchtbar zischen die Granaten. Wie
sieht es in Marie-Thérèse aus, das ich eben sah? Die blaue Rauchmauer
ist ein dicker, gelbgrauer Wall geworden, und nichts Lebendiges ist zu
sehen. Fontänen von Erde jagen in die Höhe.
Es ist acht Uhr dreißig Minuten.
Der Franzose antwortet. Er kommt nur langsam in Gang. Er feuert
verwirrt. Es sind Granaten, die er gerade bei der Hand hat, es sind
Batterien, die noch nicht – nach der Morgenarbeit – frühstücken gingen.
Telephondrähte sind zerschossen. Die Batterien warten auf Befehl. Das
ist eine elende Situation. Mudras Eröffnung war zu unregelmäßig. Erst
acht Uhr dreißig Minuten kommt System in das französische Feuer. Nun
rauschen seine Lagen herüber –
Ein deutscher Flieger brummt über dem Wald.
Neben dem Verbandplatz treffe ich den Divisionär, Exzellenz Graf v. Pf.
Der Divisionär steht unter dem Schleifen und Rauschen der Granaten,
gleichmütig und ruhig, als ob er zu Hause wäre. Und doch kann jeden
Augenblick eine Granate hereinfegen, daß die Späne fliegen. Die Granate
ist blind und hat keinen Respekt vor gestickten Kragen.
„Es ist das Inferno!“ sagt der Divisionär gelassen, mit einem leisen
Unterton von Verwunderung und Bedauern.
Ja, in der Tat, trüge ich nicht ganz klare und festgefügte Vorstellungen
aus einer Zeit des Friedens und einer Welt ohne Kanonen in mir,
Vorstellungen, die die schwersten Kaliber nicht erschüttern können und
die dieses grausige Völkergewitter meinem Bewußtsein als ein blutiges,
aber vorübergehendes Kapitel einreihen, wäre es nicht so, sage ich, so
würde ich jetzt kapitulieren und bekennen, daß diese Erde, auf der wir
leben, schon die Hölle ist, von der die Pfarrer immer sprechen.
Das Geschützgewitter kracht in den Bergen.
„Nun wird er lebhaft,“ sagt der Divisionär in aller Ruhe, „es wird nicht
lange dauern, da schießt er hierher.“
Eine Granate saust über unsere Köpfe dahin wie eine blitzschnelle
bösartige Riesenbremse, und auf der Waldhöhe, dicht gegenüber, steigt
urplötzlich eine schwarze Riesenpinie aus Dreck und Rauch empor, höher
als die höchsten Eichen. Eigentümlich, die schwarze Einschlagsäule stand
schon im Wald, während das Ohr noch das Zischen des Geschosses aufnahm.
Ein grauer Rauchklumpen zerstäubt zwischen den Bäumen. Dann kommen ein
paar Granaten mit Brennzünder. Er tastet nach unseren Batterien.
„Na, was sagte ich!“ sagt der Divisionär und lacht. „Da kann er lange
hinschießen.“
Und unsere Haubitzen krachen, daß der Boden bebt.
Zwischen den Eichen, wo eben die Granaten einschlugen, klettert ein
Soldat den Wald herunter. Zum Teufel, was hat er da zu suchen?
Der Divisionär erzählt aus seinen Feldzugserlebnissen, von den Argonnen,
von seinen prachtvollen Truppen. (Ja, das sind sie!) Er erzählt, daß er
einen Fonds für die Hinterbliebenen seiner Division gegründet habe, der
schon die Höhe von über dreißigtausend Mark erreicht habe. Wir plaudern,
als säßen wir irgendwo behaglich bei einer Zigarre.
Nebenan, im Verbandplatz, ist schon alles bis aufs letzte vorbereitet.
Hier führt ein freundlicher Arzt den Oberbefehl. Er sprüht von Leben und
Arbeitseifer und steht sicherlich auf dem rechten Platze. Welch eine
Wohltat muß es sein, verwundet aus dem Gefecht unter diese Hände und
Augen zu kommen! Operationstisch, Verbandzeug, Instrumente, alles ist
bereit, blitzblank sind die kleinen Kammern. Die Ärzte warten.
Der Jäger zu Pferde führt mich durch den Wald hinauf zu einer kleinen
Baude. Hier haust während des Kampfes der Brigadegeneral v. K. mit
seinem Stabe. Der General heißt mich willkommen und erlaubt mir, zu
bleiben, solange ich will. Freundlicher wurde ich selten aufgenommen wie
bei den Leuten im Argonner Wald.
Hier in dieser Baude wird fieberhaft (und doch mit welcher Ruhe!)
gearbeitet. Der Adjutant, Hauptmann B., sitzt dauernd am Telephon.
„Geben Sie mir diese und jene Stelle, rufen Sie Herrn Soundso! Wie? Das
Feuer liegt vorzüglich. – Bei den Franzosen hat man eine Explosion
beobachtet. Es wird ein Munitionslager in die Luft gegangen sein. –
Teilen Sie Herrn X. Y. mit, daß die Batterie Z. glänzende Resultate hat.
Ein Flieger hat es gemeldet. Erster Schuß saß sofort in Harazée (ein
kleines Dorf), ebenso erster Schuß in Vienne-le-Château. Jawohl, danke
schön. – Ich werde jetzt auf diesen und jenen Punkt feuern lassen. Es
liegt Meldung vor, daß der Franzose versucht, da und dort Verstärkungen
vorzuschieben.“
Das Telephon tutet. Ohne Pause geht es so fort.
Das kleine Fenster der Baude rasselt bei jedem Geschützschlag. Draußen
scheint die Sonne. Die Granaten rauschen mächtig dahin. Zuweilen summt
es in der Luft oder es klingt klirrend, wie wenn eine Stahlseite
zerspringt, es pfeift: Sprengstücke, verirrte Kugeln, die durch den Wald
fliegen.
Das Feuer hat um etwas nachgelassen, aber es ist noch immer ein
infernalisches Dröhnen und Krachen.
Das Telephon tutet. „Jawohl?“ Das Regiment X. meldet, daß unser Feuer zu
kurz liegt und die eigenen Gräben gefährdet. – „Das ist unmöglich,“
antwortet der Adjutant. „Es werden feindliche Einschläge sein.“ Er bekam
recht. Ein paar Minuten später geht die Meldung ein, daß zwei feindliche
Flieger in der Luft sind und das Feuer der Artillerie auf den
betreffenden Graben lenken. „Ich werde einen Flieger hochschicken!“
antwortet der Adjutant. Eine andere Stelle muß schon Meldung gemacht
haben, denn fünf Minuten später brummt ein deutscher Doppeldecker hoch
oben über den Wäldern.
Wir essen zu Mittag: „Denn essen muß der Mensch, trotz allem.“ Der
Adjutant sitzt in der engen Stube mit dem Rücken gegen das Telephon, um
nur die Hand nach dem Hörer ausstrecken zu müssen. Dutzendmal wird er
unterbrochen, aber doch findet er noch Zeit, mir zuzureden und
nachzusehen, ob mir auch ja nichts fehlt.
Gegen elf Uhr schwillt das Feuer wieder zur früheren Raserei an. Die
Geschütze taumeln vor Grimm. Immer hinaus, was die Rohre hergeben
können! Dann kracht der Wald von furchtbaren Explosionen: die Minen
wurden gesprengt. Die Erde zittert.
Und nun ist es elf Uhr. Jetzt müssen sie aus den Gräben! Es sind Minuten
der größten Spannung.
4
Ja, nun steigen sie aus den Gräben! Auf der ganzen Linie von zwei
Kilometern.
Über die Ausfallstaffeln klettern sie empor, durch die Sappen stürzen
sie sich gegen den Feind. Handgranaten am Gürtel, Rauchmasken,
Schutzschilde, eine Handgranate in der Rechten, fertig zum Abreißen, das
Gewehr über der Schulter, bereit zum Schuß, bereit zum Zuschlagen. Die
Kugeln schwirren.
Ein Mann fällt, während er sich aus dem Graben schwingt, ein Mann fällt
auf den Grabenwall, ein Mann fällt nach drei Schritten – aber die
Kameraden stürmen weiter, mit Hurra und Geschrei, hinein in Dunst und
Rauch.
Der Gegner ist zusammengetrommelt, aber keineswegs erledigt. Aus
Grabenlöchern feuert er, aus Granattrichtern, mitten in Schutt und Erde
richtet er das Maschinengewehr, das noch intakt ist. In einer Sappe hat
er sich zusammengedrängt, die Handgranaten krachen, weiter! Es fällt der
Mann im Dunst, im Rauch. Ein paar Grenadiere bringen ein feindliches
Maschinengewehr in Stellung. Sie fallen. Weitab sind schon die
Kameraden. Vorwärts! Es fällt der Offizier.
Auf einer Linie von zwei Kilometern branden sie so vor. Heiß ist der
Nahkampf. – –
Unsere Gedanken sind oben bei ihnen, unsere Wünsche, unsere Hoffnungen
und unsere Angst. Die Spannung schmerzt, im Herzen, im Gehirn. Wird es
gelingen? Im ganzen Umfang? Und wird es mit geringen Opfern gelingen?
Es ist ganz still in unserer Baude.
„Wollen wir hören, ob viel Infanteriefeuer hörbar ist. Denn das bedeutet
nichts Gutes,“ sagt der General, und wir treten hinaus.
Es ist fast gar kein Infanteriefeuer vernehmbar. Es steht gut! Die
Geschütze krachen und wettern ohne Pause. Sie schießen nun natürlich
nicht mehr auf Marie-Thérèse, sie feuern auf die feindlichen Batterien
und Zugangswege. Die feindlichen Einschläge krachen in den Wäldern. Aber
durch die kurzen Pausen des Krachens hindurch lauschen wir gespannt nach
oben. Nur vereinzelte Schüsse. Da beginnt ein Maschinengewehr hohl zu
klopfen.
„Ein französisches Maschinengewehr! Das ist schrecklich!“ sagt ein
Offizier leise vor sich hin.
Aller Herzen sind oben bei ihnen, die jetzt kämpfen für die deutsche
Sache.
Es kommt die Meldung, daß alles gut stände. Wir atmen auf.
Elf Uhr dreißig Minuten trifft die erste bestimmte Meldung ein. Das
Regiment X. hat zwei Gräben genommen, gegen hundert Gefangene. Es geht
gut vorwärts.
Der Adjutant sitzt am Telephon, und sobald er eine Meldung
entgegengenommen hat, teilt er sie uns mit.
Elf Uhr vierzig Minuten. Das Regiment Y. hat ein paar Gräben überrannt,
eine Anzahl Gefangene, Maschinengewehre, Minenwerfer. Es sind die Leute
von der Eselsnase, bei denen ich heute morgen war. Das Regiment ist
berühmt und gefürchtet beim Gegner.
Ein anderes Regiment meldet, daß es infolge starken Artilleriefeuers nur
mühsam aus dem Graben kam, jetzt aber rasche Fortschritte mache. Leider
einige Offiziere gefallen. Kompanieführer X., Leutnant Z. – Vor ein paar
Stunden sprach ich noch mit ihnen.
Der General blickt vor sich hin und holt tief Atem.
Es ist Krieg, Krieg, man darf es nicht eine Minute vergessen.
Meldung um Meldung. Das Regiment Z. meldet, daß es einhundertundfünfzig
Gefangene gemacht habe. Punkt erreicht. Anschluß an Nachbarregiment.
Die Meldungen lauten alle gleich günstig. Hundert Gefangene,
zweihundert, dreihundertfünfzig – kein Zweifel: der Angriff ist
geglückt. Wir haben gewonnen!