In den Argonnen riecht es nach Chlor, in den Gräben nach Verwesung und
schrecklichen Dingen, aber hier außen, in der Gegend von La Bassée – ist
es nicht sonderbar? – duftet es wohlriechend wie in den Gemächern einer
verwöhnten Dame. Es riecht nach Parfüm, nach Flieder, Veilchen und
anderen schönen Dingen. Seit dem Herbst liegt dieser zarte Parfümgeruch
über dem Lande, einmal schwächer, einmal stärker, je nach dem Winde.
Dieser Duft stammt von den Parfümfabriken in Illies, die im Herbst
zerstört wurden.
Das ist aber auch alles, was aus einer Zeit herrührt, da man noch an
eine Verschönerung des Daseins dachte. Heute handelt es sich für
Millionen darum, das Leben zu retten, das nackte Leben ohne alle
Zusätze.
Die ganze Gegend bei La Bassée ist jammervoll. Leer, elend. Gräber,
Granattrichter, zersplitterte Bäume. Die Felder verkommen und
verwildert. Wo sind die Menschen? Sie sind längst geflohen vor den
englischen Granaten! Sie wurden zerrissen in ihren Bauernbetten, die
Granate zerschmetterte sie, während sie Futter für ihre Ziege holten. So
blieb ihnen nichts anderes übrig, den Unglücklichen, die sich
verzweifelt an ihre Scholle klammerten. Sie hielten es wochenlang,
monatelang aus. Im Herbst sah ich oben bei Illies in einem Dorf eine
alte Frau vor ihrem Häuschen sitzen und Kartoffeln schälen, während das
Dorf (ich glaube Herlies) unter schwerem Feuer lag. Es gab bleiche
Gesichter unter den Soldaten, aber die Alte schälte inmitten des
Geschützgewitters ihre Kartoffeln ruhig und gleichmütig, und zu ihren
Füßen spielte ein sechsjähriges Mädchen. Sie wollte lieber sterben, als
das Stück Erde verlassen, das sie seit sechzig Jahren bewohnte. Viele
starben so. Dorf um Dorf beschoß der Engländer; um einen Soldaten zu
töten, tötete er drei Franzosen, aber es waren ja keine Engländer, auf
die er feuerte. Die Dörfer leerten sich, eines ums andere, und heute
sind sie ausgestorben.
Dörfer, Städtchen, Weiler und Gehöfte, wie mit einem großen Hammer
zerschlagen sehen sie aus. Sie sinken zusammen, täglich etwas mehr, die
Granate frißt sie auf. Sie sind nur noch Gespenster und Gerippe von
Wohnstätten, aber der Engländer funkt täglich in die Ruinen, bald wird
keine Mauer mehr stehen. Es ist ein billiges Vergnügen und kostet ihn
keinen Pfennig. Sind es etwa seine Dörfer und Häuser? _Oh, by Jove, no!_
Er wird eines Tages seine Kanonen zusammenpacken und nach Hause fahren,
und der Franzose kann bezahlen. Man soll ihm nicht nachsagen können, er
habe nicht gearbeitet. Von der Nordsee bis südlich La Bassée hat er
alles kurz und klein geschossen. –
Die Sonne blendet durch die zerfetzten, zerfallenen Häuser. Kein Mensch
weit und breit. Granatlöcher größten Formats, viele ganz frisch. Ein
zertrümmerter Wagen. Die Granate packte ihn und warf ihn ins Feld. Ein
Schild: Violaines. Das Dorf ist ein Grab, mich fröstelt trotz der heißen
Sonne.
Wir verlassen die Straße und wandern querfeldein, um nach La Bassée
zurückzukehren. Die Geschütze brummen.
Plötzlich weint es böse in der Luft, eine, zwei Sekunden, und mit
lautem, hartem Krach schlägt die Granate in das letzte Haus von
Violaines, das wir soeben verlassen haben. Die Dachziegel fliegen durch
die Luft wie ein aufgescheuchter Taubenschwarm, und schwarz wälzt sich
die Wolke aus dem Hause. Wir sehen einander an. Was nun? Wieder schlägt
dumpf ein Geschütz. Wir horchen. Schon kommt sie näher, sie
weint und klagt, mit hoher Stimme, krach! Panzerplatten, die
gegeneinanderschlagen. Grauschwarz, mit böse gekräuselten Rändern, wie
Hagelwolken sie haben, brodelt die Wolke empor. Es sind schwere
Schiffsgeschütze, Kaliber 28. Nun machen sie Ernst! Das Geschütz
schlägt, unser Geschütz, wir kennen nun seine Stimme.
Wir schwingen die Beine. Aber sobald die Granate da oben weint und
winselt, bleiben wir stehen und horchen. Qualm wirbelt aus einer Scheune
in die grelle Sonne. Der nächste Einschlag ist gottlob ferner. Ein
schwefelgelber Rauchklumpen, der braungelb verweht, liegt im Felde und
reckt sich. Eine Schwefelgranate. Das Feuer zieht sich nach La Bassée
hin. Dazwischen kracht es scharf und hart: ein Schrapnell. Es streckt
seine grauweißen Fangarme gierig in die leere Luft. Wir stoßen auf eine
Batterie, die im Feld eingegraben ist.
Die Kanoniere, sechs an der Zahl, stehen hinter den Geschützen, die Arme
verschränkt, in Hemdärmeln, lachend und vergnügt, als fingen sie 28er
Schiffsgranaten mit der bloßen Hand auf. Sie haben nur eine kleine Mauer
aus Sandsäcken aufgebaut, die ihnen den Rücken decken soll, wenn sie an
den Geschützen arbeiten. Neugierig lassen sie uns herankommen. Sie
stehen keineswegs in Deckung, sie stehen im freien Felde, wie es sich
für einen Kanonier gehört.
Meine Begleiter sind hohe Stabsoffiziere, aber das kümmert die Kanoniere
wenig. Sie sind die Herren dieses Feldes, das ist offenbar, und es ist
schon eine große Freundlichkeit, wenn sie uns passieren lassen.
„Guten Morgen!“
„Gut’ Morg’n!“
Sie wackeln ein bißchen mit den Beinen, rücken die Stiefel zusammen und
bringen die Hände flüchtig in die Gegend der Hosennaht. Große Umstände
machen sie nicht mit uns. Offizier und Mann, sagen sie sich, hier außen
ist das schon so ziemlich eine Sache.
Es sind ganz prachtvolle Burschen. Kaltblütig und ruhig stehen sie hier,
während ein paar hundert Meter entfernt die schweren Granaten einhauen
und jederzeit eine Granate abschwenken kann.
Ein langer, der größte von ihnen, blinzelt belustigt. „Dicke Luft!“ sagt
er und freut sich. Die Mütze sitzt ihm keck auf dem Ohr, die nackten
braunen Arme hat er über dem offenen Hemd verschränkt. „Dicke Luft,“
sagen die Grauen, wenn es etwas lebhaft zugeht.
„Kann man quer durchs Feld nach La Bassée gehen?“
„Das kann man schon!“ antwortet der Lange.
„Übernehmen Sie die Garantie?“
„Jawohl, die übernehme ich. Aber bleiben Sie bei der Fabrik dort nicht
stehen. Da schießt er immer hin!“ Keck und forsch ist der Lange. Seine
Kameraden sollen sehen, daß er nicht gleich die Fassung verliert, wenn
ein paar Stabsoffiziere kommen. Das wäre noch schöner.
Wir sind keine zwanzig Schritt gegangen, da ruft uns der Lange nach:
„Immer ein bißchen fix, sonst garantiere ich für nichts.“ Sie lachen.
Ich drehe mich um und sehe, daß sie die Mäuler vor Vergnügen aufreißen.
Es amüsiert sie, daß wir durch die „dicke Luft“ hindurch müssen, während
sie es so behaglich bei ihrem Dutzend Sandsäcken haben. Kleiner und
dünner werden sie im Feld, aber ihre roten Gesichter sind immer noch auf
uns gerichtet. Sie wollen sehen, wie wir hinüberkommen.
Die Granate singt und pfeift, hoch oben, und schlägt links in die
Fabrik. Hat er es nicht gesagt, der Tausendsasa? Rechts liegt das Feuer
auf La Bassée und links auf der Fabrik. In der Mitte müssen wir
hindurch, denn wir haben unser Auto in La Bassée eingestellt. Die
englischen Granaten haben eine unserer Batterien aufgeweckt, und nun
kracht sie dazwischen. Fegt die Granate hinüber, herüber? Es ist schwer
zu sagen.
Das ist eine hübsche Sache geworden, alle Wetter! Wir gehen
hintereinander und pflügen uns den Weg durch Kräuter und Stauden. Die
Sonne brennt, und der Schweiß steht auf unseren Gesichtern. Alle paar
Augenblicke müssen wir über Telephondraht klettern. Und wieder schlägt
unser Geschütz. Wir hören es deutlich aus dem Brummen und Pochen in der
Ferne heraus. Nun haben sie abgerissen und die zwei Zentner auf die
Reise geschickt. Die Granate fegt ihre Bahn. Es dauert viele Sekunden,
bis sie herankommt. Sie weint, sie klagt, als sei sie in der Klemme und
nicht wir. Näher, immer näher. Was in der nächsten Sekunde geschehen
wird, wissen wir nicht. Sie ist vorüber. Einschlag – dort!
La Bassée kommt näher, ganz langsam.
Es ist ein großer Unterschied, ob man selbst feuert und zusieht, wie
etwas beschossen wird, oder ob man persönlich dabei engagiert ist, ohne
Frage.
Bei den ersten Häusern kommt eine Granate angewinselt, näher und näher,
aber plötzlich ist sie wie weggeblasen. Ein Blindgänger.
Nun, da sind wir. Wir atmen auf. Die Häuser geben ein Gefühl der
Sicherheit. Gegen einen Volltreffer ist nichts zu machen, natürlich,
aber gegen Splitter ist man immerhin einigermaßen gedeckt.
Die erste Straße ist ganz leer. In der zweiten sehen ein paar Feldgraue
gemütlich aus dem Fenster. Sie sind unbekümmert und sorglos wie die
Kanoniere draußen im Felde. Ja, sonderbare Burschen sind diese Grauen,
das muß man sagen!
„Was macht ihr hier?“
„Wache!“
Sie rauchen und haben es sich in der Stube behaglich gemacht. Daß ein
bißchen geschossen wird, das kümmert sie nicht. Stürzt das Haus
zusammen, so ziehen sie eine Tür weiter.
In der leeren Straße will ein Fuhrwerk umwenden. Es ist mit zwei starken
Pferden bespannt, und die Stränge sind in Unordnung gekommen. Vor,
zurück, die schweren Pferde drängen gegen die Deichsel. Ärgerlich steigt
der Fahrer vom Bock, und Mann und Kutscher fluchen. Es ist schließlich
kein Vergnügen, in einer Stadt, die unter Feuer ist, stecken zu bleiben.
–
An den Hauswänden der toten, zerfetzten Stadt wandern wir entlang, und
sobald die Granate pfeift, nehmen wir Deckung.
Auto. Wir fegen mit Vollgas davon.
Lebe wohl, La Bassée!
Es passieren aber doch die sonderbarsten Dinge! An einer Wegkreuzung
halten wir. Ein General, hoch zu Roß, kommt des Weges. Exzellenz
befinden sich auf dem Morgenritt.
„Geht es hier nach La Bassée?“ fragt der General.
„Jawohl, Exzellenz.“
Der General reitet weiter. Wir sehen einander verblüfft an. Nun,
Exzellenz werden heute wohl den Morgenritt abkürzen!