Der Kommandeur ist frühzeitig aufgestanden. Fix und fertig angekleidet
kommt er aus seinem Unterstand geklettert. Sein Gesicht ist gerötet von
der Frische des Morgens. Ein kleiner, rührender Friedhof mit Kreuzen auf
den Gräbern und Blumen, Granattrichter und ein Haufe zusammengestürzten
Mauerwerks, das ist seine Aussicht. Das Regiment liegt hier seit
Monaten, aber der Kommandeur sieht aus, als sei er auf weitere Monate
eingestellt. Er ist in seinem Dachsbau zu Hause, und was die Aussicht
anbetrifft, so ist ihm das vollkommen gleichgültig.
Er telephoniert seinen Offizieren, daß sie uns einen Führer durch den
Annäherungsgraben entgegenschicken sollen, damit wir uns nicht verirren,
und wir steigen in den Graben.
„Fünf Uhr dreißig Minuten werden unsere 21er die neuen englischen Gräben
eindecken. Seien Sie bis dahin zurück, denn es ist wahrscheinlich, daß
er antwortet. Alles Gute!“
Wir trollen zwischen den Lehmwänden und Sandsäcken dahin. Eine
Viertelstunde sind wir unterwegs, Geschütze pochen, da pfeift und saust
es in der Luft, ein sonderbares und nicht zu verkennendes Pfeifen. Wir
ducken uns zusammen. Mit einem höllischen Sang, böse zischend, fährt die
Granate über unsere Köpfe weg. Kaum ist sie vorüber, kommt die zweite
angefegt, in der nächsten Sekunde die dritte und dahinter die vierte. In
einem Höllentempo jagen sie dahin, eins, zwei, als wollten sie einander
einholen. Im Bruchteil einer Sekunde sind sie vorüber, man sieht sie
nicht, aber in meiner Vorstellung haben sie die Gestalt von Schlangen
angenommen, von höllischen Vipern, die langgestreckt zischend durch die
Luft fahren. Die Einschläge klingen nahezu wie ein einziger Krach, als
würden ein paar schwere Eisentüren fast gleichzeitig ins Schloß
geschmettert.
So! Aber wir haben uns kaum von dem Schrecken erholt, als die zweite
Lage pfeifend und fauchend angefegt kommt und uns über die Köpfe zischt.
Eins, zwei, drei, vier und Schluß. Das war die Begrüßung.
„Es sind Flachbahngeschosse,“ sagt der Hauptmann, „sie zischen so
blödsinnig!“
In den Gräben ist man schon munter. Die Gewehre peitschen, und die
Spitzkugeln fahren summend und singend über uns dahin. Die Engländer
haben die Morgenarbeit aufgenommen und knallen, um vollends wach zu
werden. Sie passen verflucht auf. Sobald man die Mütze über die
Sandsäcke streckt, kommt eine Kugel herüber. Draußen ist nichts zu
sehen: Drahtverhaue, eine verwilderte Wiese, ein Erdwall, hinter dem es
sich zuweilen bewegt. Das ist alles.
Unsere Grauen sind auf dem Posten. Die runde Mütze in die Stirn
gedrückt, stehen sie und lugen durch Schießscharten und Spiegelapparate.
Sie rücken die Gewehre, tasten hin und her, setzen ab, zielen von neuem.
Plötzlich erstarrt das Gesicht auf eine Sekunde: Schuß! Sie spaßen
nicht, o nein, sie nehmen es verdammt ernst und gewissenhaft. Sie sind
ganz bei der Sache. Alle paar Schritte steht ein Grauer und lauert.
So stehen sie von der Nordsee angefangen bis hinunter zur Schweiz. So
stehen Hunderttausende, Tag und Nacht, seit zehn Monaten, jetzt und in
dieser Sekunde. So stehen sie, bis die tausendste Kugel kommt und sie in
den Graben wirft. Wer sie gesehen hat, die Treuen, muß immer an sie
denken: wie sie stehen, lauern, zielen, feuern, unermüdlich.
Eine unheimliche Spannung herrscht zwischen den beiden Labyrinthen der
Gräben. Wie zwischen zwei Gewitterwolken. Sie verdichtet sich, die Kugel
blitzt hinüber, herüber.
Die andern frühstücken. Sie trinken Kaffee aus Blechbüchsen, streichen
sich Butterbrote, schneiden Fleisch aus den Dosen. Über ihren Köpfen die
Ballen von Sandsäcken, die Maschinengewehre, das Gespinst der raschen
Kugeln. Andre liegen in ihren kleinen Nischen, die schmutzigen Stiefel
unter den Mantel gezogen, und schnarchen. Sie liegen schlafend mitten im
Graben, und man muß über sie hinwegklettern. Sind sie tot, leben sie?
Man kann es nicht sagen.
Ein Teil der Gräben ist zusammengetrommelt und wird instand gesetzt. Die
Sandsäcke sind durcheinandergeschleudert, aufgeschlitzt und gelb von den
Schwefelgranaten, die der Engländer feuert. Ich greife rasch nach einer
Zigarette. Hier stinkt es grauenvoll! Der unsagbare Gestank wirft mich
nahezu um. Schon beim Gedanken an diesen Gestank wird mir übel. Es ist
der penetrante Geruch von Raubtieren, verhundertfacht, vermischt mit
allerlei Unsagbarem und Scheußlichem, es ist die Pest, es ist der
_verwesende Mensch_. Die Engländer faulen hier!
Arme Schufte, für ein paar Schillinge die Woche –. French jagte sie hier
in den Tod.
Der Engländer schont seine Regimenter. Er spart Soldaten. Gott weiß, ob
er sie nicht einmal gut gebrauchen kann, so gegen den Schluß zu, wenn
der Partner genug hat? Dann ist es immer eine herrliche Sache, ein paar
frische und nagelneue Divisionen an der Hand zu haben, die im
Hintergrund in Paradestellung verharren, während man mit dem Partner in
aller Höflichkeit über die Bedingungen verhandelt. Aber von Zeit zu Zeit
ist es unbedingt notwendig, so zu tun, als mache man ernsthaft mit. Dann
opfert French ein paar Regimenter, um den Franzosen seine Verlustlisten
unter die Nase halten zu können. In erster Linie gibt er den Kanadiern,
Irländern und Indern Gelegenheit, Beweise ihrer Loyalität zu geben.
Siehe Ypern, Neuve Chapelle. Wird es Ernst, so zieht er gern seine
englischen Regimenter aus den Gräben und wirft Überseeische und Farbige
nach vorn. Man muß zugeben, er versteht seine Sache! Aber sie allein
können ja nicht _alle_ schwere Arbeit verrichten, das ist natürlich.
Als die Franzosen sich bei Arras und Souchez verbluteten, konnte er
nicht ganz müßig bleiben. Es galt Truppen und Artillerie abzuziehen. Er
entschloß sich, anzugreifen, und es muß gesagt werden, er meinte es
diesmal bitter ernst! Trommelfeuer, Angriff auf Angriff. Erbitterte
Grabenkämpfe. Die Toten liegen in Haufen vor unsern Drähten. Unsere
Grauen wanken und weichen nicht.
Gegen die Gräben, durch die ich mich jetzt winde, gegen die sogenannte
Trichterstellung, warf er drei Divisionen. Er faßt Fuß, aber eine Stunde
später fliegt er wieder hinaus. Der Angriff war furchtbar, er wurde
trotz der Übermacht abgewiesen. So geht es nicht.
Er versucht es von neuem. Er versucht es ohne Artillerievorbereitung. Er
will uns überraschen. Seine Sturmkolonnen fluten heran. Aber die Grauen
sind auf dem Posten! Innerhalb von 30 Sekunden (dreißig Sekunden) legt
unsere Artillerie einen Feuerriegel vor die Gräben, daß den Engländern
Hören und Sehen vergeht. Sie müssen zurück, ungeheuer sind ihre
Verluste.
Es ging auch so nicht. Nicht einen Meter haben sie gewonnen.
Sie haben genug, sie haben den Franzosen gezeigt, daß sie es ernst
meinten – aber es ging nicht. Sie geben es auf. Aber sie werden die
Gräben von Givenchy und Festubert nicht vergessen. –
Nun liegen sie in den Massengräbern, die unsere Grauen schaufelten, und
verwesen. Hier sind einige Wassertümpel voll einer gelben dicken Jauche,
und auch diese Tümpel strömen denselben furchtbaren Gestank aus. Niemand
wagt zu denken, wie es da unten aussieht! – Unsere Grauen aber
frühstücken, schneiden Fleisch aus den Büchsen und schmieren sich dicke
Butterbrote. An alles gewöhnt sich der Mensch.
Wir überschreiten auf einer Planke die gelbe Tümpelkette. Hier gibt es
keine Deckung, und so rasch es geht huschen wir hinüber. Einer hinter
dem andern. Aber die Schufte haben uns doch gesehen. Ein paar Minuten
sind wir in der Sappe unterwegs, da weint es in der Luft und die Granate
schlägt krachend ein. Wir machen uns aus dem Staub. Granate um Granate
segelt daher. Vorsichtig lugen wir aus dem Graben und sehen die
Einschläge rauchen. Weitab! Aber plötzlich kommen sie wieder näher und
schließlich müssen wir die Beine strecken. –
Punkt fünf Uhr dreißig Minuten, auf die Sekunde, nehmen die 21er das
Feuer auf. Die Granate winselt hoch über uns durch die Luft. Drei
Sekunden Stille, dann ein Krachen, als stürze ein Haus aus Eisen
zusammen. Der Boden bebt unter unsern Füßen. Schon kommt die nächste
Granate angeweint. Sie braucht eine unendlich lange Zeit, bis sie ihre
Bahn durchfegt. Einschlag auf Einschlag! Es ist wie ein schweres
Gewitter mit harten Donnerschlägen. Der Engländer antwortet. Er sucht
aufgeregt und wütend unsere Haubitzen. Geradeaus, am Horizont, stehen
die Rauchfahnen seiner Granaten, schwarz und schiefergrau.
Wir sitzen im Bataillonsunterstand und trinken Kaffee. Die Granaten
weinen über uns hin. Die schweren Geschütze erschüttern die Luft mit
ihrem Gebrumm.
„Fragen Sie telephonisch an, wie es steht.“
Das Telephon tutet. Von den Gräben kommt die Antwort zurück: „Der Erfolg
ist überraschend günstig.“
Es ist ein Morgen wie jeder andere. Ein Duell zwischen ein paar
Batterien, nichts sonst. Die Berichte bringen nicht eine Silbe darüber.
„Dicke Luft“