Im August

Der Kommandeur ist frühzeitig aufgestanden. Fix und fertig angekleidet

kommt er aus seinem Unterstand geklettert. Sein Gesicht ist gerötet von

der Frische des Morgens. Ein kleiner, rührender Friedhof mit Kreuzen auf

den Gräbern und Blumen, Granattrichter und ein Haufe zusammengestürzten

Mauerwerks, das ist seine Aussicht. Das Regiment liegt hier seit

Monaten, aber der Kommandeur sieht aus, als sei er auf weitere Monate

eingestellt. Er ist in seinem Dachsbau zu Hause, und was die Aussicht

anbetrifft, so ist ihm das vollkommen gleichgültig.

Er telephoniert seinen Offizieren, daß sie uns einen Führer durch den

Annäherungsgraben entgegenschicken sollen, damit wir uns nicht verirren,

und wir steigen in den Graben.

„Fünf Uhr dreißig Minuten werden unsere 21er die neuen englischen Gräben

eindecken. Seien Sie bis dahin zurück, denn es ist wahrscheinlich, daß

er antwortet. Alles Gute!“

Wir trollen zwischen den Lehmwänden und Sandsäcken dahin. Eine

Viertelstunde sind wir unterwegs, Geschütze pochen, da pfeift und saust

es in der Luft, ein sonderbares und nicht zu verkennendes Pfeifen. Wir

ducken uns zusammen. Mit einem höllischen Sang, böse zischend, fährt die

Granate über unsere Köpfe weg. Kaum ist sie vorüber, kommt die zweite

angefegt, in der nächsten Sekunde die dritte und dahinter die vierte. In

einem Höllentempo jagen sie dahin, eins, zwei, als wollten sie einander

einholen. Im Bruchteil einer Sekunde sind sie vorüber, man sieht sie

nicht, aber in meiner Vorstellung haben sie die Gestalt von Schlangen

angenommen, von höllischen Vipern, die langgestreckt zischend durch die

Luft fahren. Die Einschläge klingen nahezu wie ein einziger Krach, als

würden ein paar schwere Eisentüren fast gleichzeitig ins Schloß

geschmettert.

So! Aber wir haben uns kaum von dem Schrecken erholt, als die zweite

Lage pfeifend und fauchend angefegt kommt und uns über die Köpfe zischt.

Eins, zwei, drei, vier und Schluß. Das war die Begrüßung.

„Es sind Flachbahngeschosse,“ sagt der Hauptmann, „sie zischen so

blödsinnig!“

In den Gräben ist man schon munter. Die Gewehre peitschen, und die

Spitzkugeln fahren summend und singend über uns dahin. Die Engländer

haben die Morgenarbeit aufgenommen und knallen, um vollends wach zu

werden. Sie passen verflucht auf. Sobald man die Mütze über die

Sandsäcke streckt, kommt eine Kugel herüber. Draußen ist nichts zu

sehen: Drahtverhaue, eine verwilderte Wiese, ein Erdwall, hinter dem es

sich zuweilen bewegt. Das ist alles.

Unsere Grauen sind auf dem Posten. Die runde Mütze in die Stirn

gedrückt, stehen sie und lugen durch Schießscharten und Spiegelapparate.

Sie rücken die Gewehre, tasten hin und her, setzen ab, zielen von neuem.

Plötzlich erstarrt das Gesicht auf eine Sekunde: Schuß! Sie spaßen

nicht, o nein, sie nehmen es verdammt ernst und gewissenhaft. Sie sind

ganz bei der Sache. Alle paar Schritte steht ein Grauer und lauert.

So stehen sie von der Nordsee angefangen bis hinunter zur Schweiz. So

stehen Hunderttausende, Tag und Nacht, seit zehn Monaten, jetzt und in

dieser Sekunde. So stehen sie, bis die tausendste Kugel kommt und sie in

den Graben wirft. Wer sie gesehen hat, die Treuen, muß immer an sie

denken: wie sie stehen, lauern, zielen, feuern, unermüdlich.

Eine unheimliche Spannung herrscht zwischen den beiden Labyrinthen der

Gräben. Wie zwischen zwei Gewitterwolken. Sie verdichtet sich, die Kugel

blitzt hinüber, herüber.

Die andern frühstücken. Sie trinken Kaffee aus Blechbüchsen, streichen

sich Butterbrote, schneiden Fleisch aus den Dosen. Über ihren Köpfen die

Ballen von Sandsäcken, die Maschinengewehre, das Gespinst der raschen

Kugeln. Andre liegen in ihren kleinen Nischen, die schmutzigen Stiefel

unter den Mantel gezogen, und schnarchen. Sie liegen schlafend mitten im

Graben, und man muß über sie hinwegklettern. Sind sie tot, leben sie?

Man kann es nicht sagen.

Ein Teil der Gräben ist zusammengetrommelt und wird instand gesetzt. Die

Sandsäcke sind durcheinandergeschleudert, aufgeschlitzt und gelb von den

Schwefelgranaten, die der Engländer feuert. Ich greife rasch nach einer

Zigarette. Hier stinkt es grauenvoll! Der unsagbare Gestank wirft mich

nahezu um. Schon beim Gedanken an diesen Gestank wird mir übel. Es ist

der penetrante Geruch von Raubtieren, verhundertfacht, vermischt mit

allerlei Unsagbarem und Scheußlichem, es ist die Pest, es ist der

_verwesende Mensch_. Die Engländer faulen hier!

Arme Schufte, für ein paar Schillinge die Woche –. French jagte sie hier

in den Tod.

Der Engländer schont seine Regimenter. Er spart Soldaten. Gott weiß, ob

er sie nicht einmal gut gebrauchen kann, so gegen den Schluß zu, wenn

der Partner genug hat? Dann ist es immer eine herrliche Sache, ein paar

frische und nagelneue Divisionen an der Hand zu haben, die im

Hintergrund in Paradestellung verharren, während man mit dem Partner in

aller Höflichkeit über die Bedingungen verhandelt. Aber von Zeit zu Zeit

ist es unbedingt notwendig, so zu tun, als mache man ernsthaft mit. Dann

opfert French ein paar Regimenter, um den Franzosen seine Verlustlisten

unter die Nase halten zu können. In erster Linie gibt er den Kanadiern,

Irländern und Indern Gelegenheit, Beweise ihrer Loyalität zu geben.

Siehe Ypern, Neuve Chapelle. Wird es Ernst, so zieht er gern seine

englischen Regimenter aus den Gräben und wirft Überseeische und Farbige

nach vorn. Man muß zugeben, er versteht seine Sache! Aber sie allein

können ja nicht _alle_ schwere Arbeit verrichten, das ist natürlich.

Als die Franzosen sich bei Arras und Souchez verbluteten, konnte er

nicht ganz müßig bleiben. Es galt Truppen und Artillerie abzuziehen. Er

entschloß sich, anzugreifen, und es muß gesagt werden, er meinte es

diesmal bitter ernst! Trommelfeuer, Angriff auf Angriff. Erbitterte

Grabenkämpfe. Die Toten liegen in Haufen vor unsern Drähten. Unsere

Grauen wanken und weichen nicht.

Gegen die Gräben, durch die ich mich jetzt winde, gegen die sogenannte

Trichterstellung, warf er drei Divisionen. Er faßt Fuß, aber eine Stunde

später fliegt er wieder hinaus. Der Angriff war furchtbar, er wurde

trotz der Übermacht abgewiesen. So geht es nicht.

Er versucht es von neuem. Er versucht es ohne Artillerievorbereitung. Er

will uns überraschen. Seine Sturmkolonnen fluten heran. Aber die Grauen

sind auf dem Posten! Innerhalb von 30 Sekunden (dreißig Sekunden) legt

unsere Artillerie einen Feuerriegel vor die Gräben, daß den Engländern

Hören und Sehen vergeht. Sie müssen zurück, ungeheuer sind ihre

Verluste.

Es ging auch so nicht. Nicht einen Meter haben sie gewonnen.

Sie haben genug, sie haben den Franzosen gezeigt, daß sie es ernst

meinten – aber es ging nicht. Sie geben es auf. Aber sie werden die

Gräben von Givenchy und Festubert nicht vergessen. –

Nun liegen sie in den Massengräbern, die unsere Grauen schaufelten, und

verwesen. Hier sind einige Wassertümpel voll einer gelben dicken Jauche,

und auch diese Tümpel strömen denselben furchtbaren Gestank aus. Niemand

wagt zu denken, wie es da unten aussieht! – Unsere Grauen aber

frühstücken, schneiden Fleisch aus den Büchsen und schmieren sich dicke

Butterbrote. An alles gewöhnt sich der Mensch.

Wir überschreiten auf einer Planke die gelbe Tümpelkette. Hier gibt es

keine Deckung, und so rasch es geht huschen wir hinüber. Einer hinter

dem andern. Aber die Schufte haben uns doch gesehen. Ein paar Minuten

sind wir in der Sappe unterwegs, da weint es in der Luft und die Granate

schlägt krachend ein. Wir machen uns aus dem Staub. Granate um Granate

segelt daher. Vorsichtig lugen wir aus dem Graben und sehen die

Einschläge rauchen. Weitab! Aber plötzlich kommen sie wieder näher und

schließlich müssen wir die Beine strecken. –

Punkt fünf Uhr dreißig Minuten, auf die Sekunde, nehmen die 21er das

Feuer auf. Die Granate winselt hoch über uns durch die Luft. Drei

Sekunden Stille, dann ein Krachen, als stürze ein Haus aus Eisen

zusammen. Der Boden bebt unter unsern Füßen. Schon kommt die nächste

Granate angeweint. Sie braucht eine unendlich lange Zeit, bis sie ihre

Bahn durchfegt. Einschlag auf Einschlag! Es ist wie ein schweres

Gewitter mit harten Donnerschlägen. Der Engländer antwortet. Er sucht

aufgeregt und wütend unsere Haubitzen. Geradeaus, am Horizont, stehen

die Rauchfahnen seiner Granaten, schwarz und schiefergrau.

Wir sitzen im Bataillonsunterstand und trinken Kaffee. Die Granaten

weinen über uns hin. Die schweren Geschütze erschüttern die Luft mit

ihrem Gebrumm.

„Fragen Sie telephonisch an, wie es steht.“

Das Telephon tutet. Von den Gräben kommt die Antwort zurück: „Der Erfolg

ist überraschend günstig.“

Es ist ein Morgen wie jeder andere. Ein Duell zwischen ein paar

Batterien, nichts sonst. Die Berichte bringen nicht eine Silbe darüber.

„Dicke Luft“

Der Krieg im Westen · 第 57 / 82 题