Im Juli

„_Les Argonnes, c’est l’enfer!_“

Aus dem Tagebuch eines

französischen Offiziers.

Am 20. Juni begann die Sache in den Westargonnen, am 2. Juli war sie zu

Ende. 37 Offiziere gefangen, 2700 Mann! 100 Minenwerfer, 28

Maschinengewehre, 5000 Gewehre und 30000 Handgranaten! 1600 tote Feinde

bestattet! Es ist ein Erfolg, der sich sehen lassen kann!

Man muß im Auge behalten, daß es sich hier um Waldkämpfe handelt. Der

Franzose hat Erdwerke angelegt, Festungen unter der Erde. Er hat

Blockhäuser in die Erde gerammt, jedes ein Fort. Die Dachkante ragt aus

dem Boden, nichts sonst. Schießscharten, Maschinengewehre, Drahtverhaue

vor den Gräben, eine Schlucht mit einem Wassergraben. Wenn ich sage, wie

der Argonnenkämpfer stürmt, so wird man alles begreifen: den Stahlschild

vorgehalten, Handgranaten am Gürtel, Handgranaten in der Faust, das

Gewehr auf dem Rücken und die Gasschutzmaske vor dem Gesicht – so geht

er vor! Es ist kein Spaziergang, o nein! Es ist keineswegs wie auf jener

Photographie, die eine Berliner Zeitung kürzlich brachte und die einen

„Sturmangriff in den Argonnen“ vorstellen sollte. Mit dem aufgepflanzten

Bajonett läuft da eine Kolonne gegen einen idyllischen Waldrand an. O,

hoho! Es ist mehr als kindisch, es ist eine Schmach. Der Argonnenkämpfer

wird sich totlachen über den naiven Schwindel, wenn er das Bild zu sehen

bekommt.

Am 20. Juni, wie gesagt, fing es an. Die Minenwerfer begannen ihre

höllische Arbeit und deckten die französischen Gräben und Verhaue zu.

Die Granaten hagelten herab. Los! Die Pioniere sind die ersten. Mit

Drahtscheren gehen sie vor, mit Brückenstegen aus Knüppelholz gezimmert.

Sie stürzen nieder, auf, die Stacheldrähte zerfetzen ihnen die Kleider,

vorwärts! Der Kampf ist im Gange. Hier kämpft Gruppe gegen Gruppe, Mann

gegen Mann, die Handgranaten krachen. Um jedes winzige Grabenstück, um

jeden Granattrichter wird verzweifelt gerungen. Unsichtbar ist der

Feind. Aus dem Dickicht schwirren die Geschosse eines Maschinengewehrs.

Ein Trupp Württemberger stürmt hinein. Leutnant Sommer klettert mit ein

paar Leuten auf das Dach eines versteckten Blockhauses, aus dem das

Maschinengewehr feuert. Revolver, Handgranaten durch die Schießscharten,

die Besatzung ist erledigt. Leutnant Sommer fällt. Er ist tot, aber er

ist unsterblich! Einem andern Offizier, Leutnant Walker, gelingt es, in

die Gräben der Labordère-Stellung einzudringen. Er ist abgeschnitten,

umzingelt, aber er hält stand in einem höllischen Feuer, mit einer

Handvoll Leuten, bis acht Uhr abends(!) Entsatz kommt. Zwei Leutnante,

Spindler und Kurz, springen in den Graben und schlagen sich nach links

und rechts, bis sie fallen. Sie sind tot, aber ihre Namen werden

weiterleben! Es geht heiß zu, es geht verzweifelt zu.

Am Abend ist die Stellung genommen!

Es ist nur der Anfang. Die Franzosen trommeln auf die eroberten Gräben.

Acht Tage lang machen sie einen verzweifelten Versuch nach dem andern,

die Gräben zurückzuerobern. Vom 21. bis zum 29. Sie versuchen es mit

allen Mitteln, Gasbomben und brennender Flüssigkeit.

Am 30. Juni geht es weiter. Niemals hat der Argonnerwald solch ein Feuer

gehört! Die französischen Gräben werden zu Brei geschossen. Die Toten

liegen wie das Getreide nach einem Hagelwetter. Ein Handgranatenlager

fliegt in die Luft. Aber der Franzose kämpft wie ein Teufel. Im

vordersten Graben fällt Mann um Mann. Niemand ergibt sich! In einer

halben Stunde sind die Werke Central und Cimetière gestürmt. Unsre

Grauen sind nicht zu halten. Eine Kompanie Grenadiere jagt bis ins Tal

der Biesme vor. Auf dem östlichen Flügel der kämpfenden Linien liegen

auf der sogenannten Rheinbabenhöhe die Grauen in den Gräben. Es wird

gekämpft, sie halten es nicht mehr aus in den Gräben und greifen aus

freiem Entschluß an. Württemberger Freiwillige nehmen die Reste des

Labordère-Werkes.

Der Franzose ist geworfen, aber kleine Verbände wehren sich noch

tollkühn in kleinen Grabenstücken und Blockhäusern. Ein Unteroffizier

pirscht sich an ein Blockhaus, das wütend feuert, heran und wirft eine

Handgranate hinein. Nun wird es drinnen still!

Es wird Nacht. Keine Ruhe, kein Schlaf, nein, daran ist nicht zu denken.

Sie wühlen und graben die ganze Nacht durch, der Morgen muß sie bereit

finden! Auch der Feind schanzt fieberhaft. Die Leuchtkugeln steigen. Die

ganze vorgeschobene Gräbenkette der Franzosen ist in unsrer Hand:

Labordère, Central, Cimetière, Bagatelle – aber dahinter hat er im Wald

ein Verteidigungswerk, den „grünen Graben“, bezogen, die Fetzen der

französischen Kompanien haben ihn besetzt und zu einer Festung

ausgebaut.

Der Krieg im Westen · 第 48 / 82 题