Der Ballon wird aus dem Stall gezerrt. Er ist tot, er schläft. Aber
sobald er nur den dicken Schädel heraussteckt und die frische Luft
schnuppert, kommt augenblicklich Leben in ihn, und seine Seele kehrt
zurück. Das Wetter ist stürmisch. Bei jedem Windstoß rollt er den dicken
Leib hin und her und schleift die Feldgrauen, die wie Trauben an seinen
dünnen Fadenbeinen hängen, über den Rasen. Wie ein gutmütiger
Betrunkener, dem es ein tolles Vergnügen macht, seine Begleitmannschaft
ins Torkeln zu bringen.
„Langsam rechts einschwenken!“
Auf seinen Fadenbeinen schwankt er ins freie Feld. Er stampft auf und ab
wie ein Schleppdampfer in hoher See, er begräbt die Ameisen, die an
seinen Beinen zerren, unter sich, wälzt sich zum Spaß auf ihnen herum,
reckt sich hoch und nickt, im Winde liegend, ein paarmal befriedigt mit
dem Kopf.
Nun steht er da!
Ungeheuer komisch sieht er aus. Wie ein riesiger grauer Kofferfisch,
prall und glatthäutig, vollgefressen bis zum Platzen, das runde Maul
mitten im dicken Kopf. Unter dem feisten Leib hat er ein zweites,
sackartiges Freßwerkzeug, und damit kaut er gefräßig und gierig die
Luft. An den Seiten hat er kleine schmale Flossen und als Schwanz ein
paar aufgespannte Regenschirme. So kunstvoll er gebaut ist, scheint er
doch das primitivste Geschöpf zu sein, das sich an der Front
herumtreibt. Ein Freiballon ist eine Kugel, ein Zeppelin ein
Kriegsschiff in der Luft, aber er ist ein Tier, ein Fisch, von äußerster
Gutmütigkeit und ohne jeden Verstand. So sieht er wenigstens aus.
Die Gondel wird unter seinem Leib befestigt, er erhält ein Drahtseil
durch den Nasenring gezogen. Einsteigen! Wir turnen in den engen Korb,
der Leutnant und ich.
„Ballon langsam hoch lassen!“ Der Hauptmann schreit.
Der Luftfisch springt mit einem Satz vom Boden hoch. Er bohrt den Kopf
in den Wind, reißt am Seil und tummelt sich vergnügt, so daß der Korb
schlingert. Dann aber gleitet er ruhig in die Höhe. Er ist in seinem
Element.
Die Feldgrauen stieben strahlenförmig über das Feld, werden kleiner und
winziger, und die sechs Pferde, die die Kabelwinde ziehen, werden zu
einem Spielzeug. Das kleine Dorf wird zu einer Honigwabe. Wir steigen
rasch.
Sonderbar, dieser Ballon, niemand versprach sich viel von ihm im Kriege.
Er diente im Manöver dazu, das Signal: „Das Ganze halt!“ zu geben, das
war so ziemlich seine Hauptrolle. Er war nur Statist. Die Flieger
sollten die ganze Arbeit leisten. Er war eine veraltete Sache, die man
nur, weil man sie hatte, ins Feld mitschleppte. Aber in diesem Kriege,
in diesem Stellungskriege ist er zu ungeahnten Ehren gekommen. Überall,
an der ganzen Front entlang, sieht man ihn am Himmel stehen! Wo Schneid
und Intelligenz zusammengehen wie bei der Luftschifferabteilung, bei der
ich zu Gaste bin, wird er zu einer furchtbaren Waffe.
Man steigt mit ganzen Kanonen von photographischen Apparaten hoch und
photographiert die kleinste Falte im Antlitz des Feindes. Der Flieger
rast mit hundert und mehr Kilometern dahin und hat nicht die Muße wie
der Mann im Ballon. Der Ballon steht still. Er steht stundenlang da,
tagelang, und wenn der Beobachter auch seekrank wird, er bleibt oben.
Der Ballon ist das Auge der Artillerie, er beobachtet Kolonnen,
Bewegungen des Gegners, das Aufblitzen feindlicher Geschütze, er
dirigiert das Feuer der eignen.
Er ist, wie gesagt, eine ganz gefährliche Sache, und aus diesem Grunde
hat er seine Feinde. Schrapnelle und Granaten tasten nach ihm. Gottlob
treffen sie selten. Der Ballon geht tiefer oder höher, oder er reißt mit
seinen sechs Pferden überhaupt aus. Sein kritischer Augenblick ist die
Landung. Aber seine erbittertsten Gegner sind die Flieger, die
Konkurrenz. Sie kommen in ganzen Schwärmen. Mein Begleiter, der
Leutnant, wurde neulich von drei Flugzeugen gleichzeitig angegriffen,
aber er riß nicht aus, fiel ihm gar nicht ein. Den Hauptmann besuchte
neulich ein ganzes Geschwader, er bekam vierundfünfzig Bomben, aber er
blieb oben in seinem Korb und beobachtete.
Es gehören _Leute_ dazu!!
Wir steigen und steigen, und der Wind pfeift hier oben, daß mir das
Wasser aus den Augen läuft. Die Landschaft wächst, die Welt ist
plötzlich viel größer geworden.
Aber diese ganze Landschaft da unten, von Nordwest bis Südost, ist ein
einziges riesiges Schlachtfeld, auf dem sich zwei Völker zerfleischen,
weil das Schicksal es so will. Zwei Völker, die Kathedralen haben,
Universitäten, Museen, Konzertsäle, Hospitäler, Sprachen, die den
erhabensten Gedanken Ausdruck zu verleihen vermögen, die Männer
hervorbrachten, die wie Fackeln über der Welt leuchten, zwei Völker, die
Gedanken geboren haben, die die Welt regieren! – Nun liegen sie einander
gegenüber in Erdlöchern, den Willen gespannt zum Töten, ihre Geschütze
pochen und stampfen. Die Granatwolken wälzen sich in den Feldern, hier,
da, dort, sie steigen aus den Dörfern, wohin man blickt. Und kein
Mensch, kein Eisenbahnzug, kein Wagen ist zu sehen, keine lebende Seele
weit und breit. Der Mensch hat sich vor dem Menschen verkrochen.
Das Licht ist kalt wie im September. Graue Wolken jagen dahin. Müde
Sonne wechselt mit dunklen Wolkenschatten. Strichweise sieht die
Landschaft aus wie durch ein gelbliches Glas gesehen, gealtert, zermürbt
und zerknittert, müde des endlosen Mordens und Krachens der Granaten.
Wie das Gesicht eines Schlaflosen. Strichweise friedlich und
unbekümmert. Schornsteine rauchen in der Ferne, die Zechen, die der
Franzose noch in Händen hat. Friedliche Weiler und Dörfer, von der
schwachen Sonne beleuchtet. Aber plötzlich tanzt eine graue Wolke auf
den Dächern, wieder eine, da, dort. Dörfer, die der Franzose befunkt, um
seine Männer und Weiber zu töten. Lievin, Angres, Givenchy. Sie kauern
geduckt neben Anhöhen in Wäldchen, aber die Granate findet sie doch.
In der Mitte liegt breit die Lorettohöhe, die verfluchte! Das Bois de
Bovigny sitzt wie der Kamm eines Hahnes darauf. Der Wald ist dunkel, die
Höhe selbst hell, gelbgrün wie Heide und unbestellte Felder. Von der
Spitze des Waldes zieht quer über die Höhe eine breite lehmfarbene
Schleifbahn bis hinab in die Talmulde, eine klaffende Wunde in der Höhe:
das sind unsre Gräben, die der Franzose im Mai zusammenschoß. Weiter
unten zieht, entlang der Talmulde, eine schmälere, neue Schleifbahn: das
sind die heutigen Stellungen. Man erkennt sie sofort, denn graue und
rostrote Granatwolken stehen darauf und wälzen sich im Winde.
„Sehen Sie das weiße Schloß?“ sagt der Leutnant. „In der Waldkuppe
rechts von der Lorettohöhe. Dort! Das ist Schloß Noulette. Weiter hinten
sehen Sie eine Ferme. Ferme Marqueffoes. In französischen Händen. Im
Bois Bovigny sehen Sie zuweilen einen gelben Streifen. Der französische
Annäherungsgraben. Auf dem Abhang dort neben der Baumgruppe stehen
französische Batterien.“
Wir sehen alles, wir lesen wie in einem aufgeschlagenen Buch.
Die Lorettohöhe wird flacher und flacher. Souchez erscheint, Rauch und
Dunst liegt darüber, Ablain, die „Kanzel“, die unsre Grauen wie Teufel
verteidigt haben. Das Hinterland taucht empor, Waldstreifen,
Feldstreifen, ferner und ferner, bis zum Horizont.
Links versinkt die Vimyhöhe, die wir halten, und in der beschatteten
Talmulde dahinter taucht ein Düster von Häusern auf mit einem fahlen
zweitürmigen Dom in der Mitte: _Arras_! Es sieht aus wie ein Grab. Die
Kathedrale wie der Schemen eines Domes. Sie geriet vor einigen Tagen in
Brand, und ihre Turmspitzen sind zusammengestürzt. Sie erscheint nahezu
weiß, aus welchem Grunde weiß ich nicht, wie der Geist einer Kirche
steigt sie aus der toten, düstern Stadt empor.
Auch hinter der Vimyhöhe, bis gegen Arras stehen kleine Granatwolken,
sie tanzen wie Gespenster an der ganzen langen Front entlang. Unter uns
fährt aus der düstern Landschaft da und dort ein Feuerdolch: unsre
Geschütze, die feuern.
Wir sind 400-500 Meter hoch und geben Flaggensignal. Langsam steigen wir
herunter. Wie ein störrisches Pferd am Halfter muß der Ballon zur Winde
gezogen werden. Über dem Boden wälzt er sich ein paarmal hin und her,
dann steht er still.
Ich steige aus. Im nächsten Augenblick schon jagt er wieder mit dem
Beobachter in die Höhe.