„Welche Art Versicherungen?“
„Lebensversicherungen, Feuer, Unfall, Diebstahl, alles, was Sie wollen.
Ich lebe in Paris.“
Ah, dachte ich es nicht gleich? Ich sehe ihn vor mir in dunklem Gehrock,
den Zylinder auf dem pomadisierten Scheitel, das Bärtchen gewichst, die
Mappe unterm Arm, ein bißchen verstaubt und verschwitzt, den kleinen
Pariser Beamten. Wie er würdevoll und großartig in ein bescheidenes
Restaurant tritt, an den Speisen herumkritisiert und über Zugluft klagt.
Aus diesem Grunde ist er auch jetzt, im Sommer, so mit Wollsachen
ausgepolstert.
„Seit wann sind Sie im Felde?“
„Seit dem Anfang,“ erwidert er mit einem bedeutungsvollen Blick.
„Wünschen Sie Zigarren? Wünschen Sie Tee?“ fragt der Offizier.
Die Gefangenen stecken sich Zigarren an. Tee lehnen sie ab, da sie erst
Kaffee getrunken hätten.
Zigarren? Tee? Ich sehe es zornrot werden, das feiste Gesicht des
biedern Bürgers hinter seinem Schoppen. Zigarren, Tee!? Man sollte –!! O
nein. Ich empfehle ihm vierundzwanzig Stunden Lorettohöhe, nicht mehr,
vierundzwanzig Stunden, und er wird den rechten Ton finden! Ich sah
einen General einen gefangenen Offizier grüßen. Er grüßte ihn mit
besonderer Aufmerksamkeit und Achtung, er grüßte den tapfern Gegner in
ihm, die französische Armee. Dieser Krieg wird mit solch unsäglicher
Erbitterung geführt, man schlägt sich die Schädel mit Spaten ein und
erlaubt einander nicht, seine Toten zu begraben, daß man diese
Ritterlichkeit dem gefangenen Gegner gegenüber nicht hoch genug schätzen
kann. Auch der Franzose wird ja nicht ganz seine Traditionen verleugnen!
Übrigens, das nebenbei, gibt es in diesem entsetzlichsten aller Kriege
selbst während des Kampfes noch Beispiele von Ritterlichkeit, bei uns
und auch bei ihnen. Nur eines: der Gegner stürmt, der Sturm ist matt,
die Hälfte ist im Graben geblieben, die andre Hälfte flutet im Feuer
zurück. Ein Offizier stürmt ganz allein weiter. Plötzlich schweigt das
Feuer. Der Offizier stutzt, sieht sich um, senkt resigniert den Degen
und geht langsam, ganz langsam zu seinem Graben zurück. Keiner unsrer
Grauen schoß, es bedurfte nicht erst eines Befehls. Also, mein Lieber,
nicht: man sollte –! Laß sie nur machen, sie wissen schon, was sie tun
müssen, denn, siehst du wohl, sie waren da oben auf der Lorettohöhe! –
Doch das gehört nicht hierher.
Sie rauchen also und wir plaudern. Der Blonde liest „La Croix,“ eine
katholische Zeitung. Der Pariser liest alles, was er in die Hand
bekommt. Der Blonde ist der Ansicht, daß das religiöse Gefühl des
Soldaten sich vertieft habe, aber der Pariser zweifelt daran, sehr stark
sogar. Priester gibt es ja genug bei ihnen, das sei wahr, jedes Regiment
habe seinen Priester, und die Priester kommen in die Gräben, bei
stärkstem Feuer, trösten, beten und leisten Beistand, wo es nötig ist.
Die Verpflegung ist ausgezeichnet, und die Post funktioniert glänzend,
wenigstens jetzt funktioniert sie überraschend gut. Sie kommen viel in
Ruhe. Jedes Regiment stürmt meistens nur einmal, dann hat es lange
nichts Besondres zu tun. Über die Engländer wissen sie nichts. Sie tun
ihre Pflicht, wenigstens wären alle Franzosen dieser Überzeugung. Von
den Italienern hätten sie sich von Anfang an nicht viel versprochen.
Lieber Friede als Krieg, natürlich, aber man schlage sich, solange es
sein müsse. _La guerre, oui, cette guerre, oh lala!_ Es sei kein Krieg
mehr, sondern eine schreckliche Schlächterei, _une terrible boucherie_,
möchte man sagen. Aber wie gesagt, man schlage sich, sie und wir,
natürlich, solange es eben sein müsse, bis einer einmal sage: Halt! Sie
bekämen alle Nachrichten sehr rasch. „Lemberg“ haben sie einen Tag
darauf gehört. Sie glauben nicht an die monströsen Geschichten, die ihre
Zeitungen ihnen auftischen, von geschlachteten Kindern und ähnlichen
Dingen – nein, daran glauben sie nicht, denn, bei Gott! – Der Pariser
lacht und hustet – sie haben ja jetzt die intime Bekanntschaft der
deutschen Soldaten gemacht: fürchterlich im Kampf, aber sonst ein guter
Bursche. –
Die Gefangenen löffeln im Schulhof die Abendsuppe. Der Hof ist klein,
und sie müssen in zwei Schichten essen, wie im Speisewagen, wenn der Zug
überfüllt ist. Es sind über zweihundert, die den Kirchhof lebend
verließen. Die großen Kessel dampfen. Sie schöpfen, schlürfen und
löffeln. Sie sind ganz bei der Sache und beachten uns nicht. In ihren
blaugrauen weiten Rockmänteln, die trotz der neuen Farbe immer noch
etwas an Maskerade erinnern, schlürfen sie mit den Suppennäpfen hin und
her, die stille selige Gier in den Augen, sich zu sättigen. Das Regiment
(Jäger) stammt aus einem südlichen Departement, und die Leute sehen
vorzüglich aus, stark und gesund. Nur zwei, drei haben ergraute
Schläfen, die meisten sind zwischen fünfundzwanzig und dreißig. Der
erste Hunger ist gestillt, sie plaudern und scherzen, ganz als ob sie
noch da drüben wären. Sie kamen aus Gräbern und Särgen gestiegen, aus
dem Tod, aber man merkt ihnen nichts mehr an. Die Überlebenden aus dem
Kirchhof von Souchez sind äußerst vergnügt.
Die Posten stehen mit aufgepflanztem Bajonett. Keine Angst, sie laufen
nicht weg! Wer diesen Feuergürtel zwischen den Gräben lebendig
durchschritt, hat keine Lust mehr zurückzukehren.
Auf dem Fenstersims seines Zimmers sitzt mit gekreuzten Armen ein
gefangener Offizier. Ein junger Mann von etwa vierundzwanzig Jahren, mit
hübschem leichtsinnigen Gesicht und graublauen vergnügten Augen. Er
strahlt vor Freude, daß die Sache ein Ende hat, und es fällt ihm gar
nicht ein, uns etwas vorzumachen. Vor fünf Tagen noch war er in Lyon,
auf Urlaub. Herrliche Tage und Nächte, er hat im Graben alles eingehend
aufgeschrieben. Und sie, wie entzückend war sie! Nun also, so ist der
Krieg, jetzt sitzt er hier auf dem Fensterbrett eines kleinen
Schulzimmers.
Er trägt ein blaues Hemd, seine Brust ist offen, Kragen oder sonst eine
Binde hat er nicht. Auf seinen dünnen braunen Haaren sitzt kokett ein
blaugraues Barett, wie es die Pariser Studenten tragen, und vorn ist in
Silber ein kleines Waldhorn gestickt.
„Sie hatten das Unglück, in Gefangenschaft zu geraten,“ begrüße ich ihn.
Er zuckt lächelnd die Achsel: „Was wollen Sie? Wir waren vollkommen
abgeschnitten. Es war nichts mehr zu tun.“
„Sind Sie aktiver Offizier?“
„Ja, aktiver.“ Er spricht sogar etwas Deutsch.
Neben ihm taucht der rothaarige Kopf eines Sergeanten auf. Er blickt mit
kalten, feindseligen Augen auf mich und erinnert mich an ein
Eichhörnchen. Ich bin überzeugt, daß er die Schauergeschichten glaubt,
die die französischen Schmutzblätter über uns schreiben.
„Wie lange wird Joffre die Sache bei Souchez und Loretto noch
fortsetzen?“ frage ich den jungen Offizier. Ich weiß genau, was er
antworten wird, aber man plaudert.
„Noch lange! Wir haben noch große Reserven.“
„Wie denkt man in Frankreich über einen zweiten Winter?“
„Man ist darauf gefaßt und bereitet vor.“
„Genau wie wir. Wir haben diesmal noch dickere Mäntel machen lassen,
damit unsre Leute nicht frieren.“
„Glauben Sie nicht, daß eine Möglichkeit besteht, mit Frankreich einen
Separatfrieden zu schließen?“
Der Offizier lächelt und schüttelt den Kopf. „Daran ist nicht zu denken.
Je länger der Krieg dauert, desto mehr wachsen unsre Chancen.“
„Niemals!“ mischt sich das Eichhörnchen ein. „Niemals! Sagen Sie mir,
wer hat diesen Krieg begonnen?“
Es ist sehr unhöflich, gleich das schwerste Geschütz aufzufahren. Der
hübsche Offizier, Europäer und Gentleman, streift den Sergeanten mit
einem nachsichtigen Lächeln. Ich sage: „Sie! Man hat Sie gefragt, Sie
hätten ja aus der Sache bleiben können!“ Ich beachte das Eichhörnchen
fortan nicht mehr.
Beim Abschied fragt mich der Offizier, wann sie wohl in Deutschland sein
dürften. Ich erkundige mich. In vier, fünf Tagen.
„Schon! Dann kann ich wohl schreiben?“
„Natürlich.“
Freude fliegt über sein leichtsinniges, hübsches Gesicht. Ich weiß wohl,
an wen er schreiben wird.
Das Schlachtfeld Arras-Souchez-Lorettohöhe vom Fesselballon aus.